Blog-Artikel von Steffen Wagner

22.02.24 18:14

Berlinale 2024: CHIME von Kiyoshi Kurosawa

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© 2023 Roadstead

Matsuoka (Mutsuo Yoshioka) Ist Lehrer an einer Kochschule. Er ist ein guter Lehrer: motiviert, aufmerksam und geduldig. Auch von seinem etwas seltsamen Schüler Tashiro lässt er sich nicht aus der Ruhe bringen. Tashiro behauptet, einen Gong zu hören. Er wirkt oft abwesend und starrt ins Nichts, um dann plötzlich beim Kochen Übereifer zu entwickeln. Plötzlich behauptet Tashiro, dass eine Hälfte seines Gehirns aus einem Computer besteht. Auch das nimmt sein Kochlehrer höflich, aber stoisch, zur Kenntnis. Dann tut Tashiro etwas, das Matsuoka und den Zuschauer aus dem seelischen Gleichgewicht bringt.

Kiyoshi Kurosawas CHIME ist nur 45 Minuten lang. Trotzdem schafft es der Regisseur in wenigen Minuten mit Matsuoka eine Hauptfigur zu kreieren, die wir zu kennen glauben: Der Kochlehrer, der gerne Koch in einem guten Restaurant wäre – er verhandelt mit den Besitzern des Bistro en Ville, um dort die Küche zu übernehmen. Nach seinem Schultag geht er nach Hause und isst mit seiner Frau und seinem Sohn zu Abend. Er liest die Zeitung, alles ganz normal also. Aber irgendwas ist seltsam und wir wissen nicht was. Und eine Spannung liegt über allem, aber wir wissen nicht warum.

Als die Welt der Hauptfigur kippt, ist nichts mehr wie zuvor. Die an sich ruhige Geschichte wird zu einem Thriller mit Horrorelementen. Das macht Kurosawa auf verstörende Weise, ohne auf reine Schockelemente zu setzen. Die Verstörung ist groß, ein Teil des Berlinale Publikums war am Ende sogar empört - "Was sollte das denn?", "Hab ich nicht verstanden", "Furchtbar!". Das zahlreich erschienene japanische Publikum applaudierte herzhaft. Interessant was ein Regisseur in 45 Minuten alles erzählen und was für eine Wirkung er erzielen kann.

21.02.24 19:46

Berlinale 2024: VERBRANNTE ERDE (Scorched Earth) von Thomas Arslan

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© still: Reinhold Vorschneider / Schramm Film

Niemand schweigt so schön wie Misel Maticevic. Maticevic ist wieder Trojan, der Mann, der sich mit Raubüberfällen seinen Lebensunterhalt verdient. Trojan redet nicht, Trojan macht. Trojan arbeitet. Er beobachtet, er plant, er macht Beute. Zu Beginn von Thomas Arslans IM SCHATTEN, der auf der Berlinale 2010 Premiere hatte, war Trojan gerade aus dem Gefängnis gekommen. Derjenige für den er auf den letzten Raubzug gegangen war, verweigerte ihm nicht nur seinen Anteil, sondern machte auch noch Ärger. Trojan ließ nicht aufhalten und überfiel mit Präzision einen Geldtransporter. Trojan dachte, er sei schon mit Erfolg untergetaucht, als die Dinge außer Kontrolle gerieten. Obwohl er seine Widersacher ausschalten konnte, musste er ohne Beute fliehen, als die Polizei zu nah auf seinen Spuren waren. In VERBRANNTE ERDE ist Trojan zurück. Mehr als zehn Jahre war er verschwunden. Trojan braucht Geld und macht das, was er am besten kann.

Schon nach wenigen Szenen von VERBRANNTE ERDE ist klar: Trojan ist älter geworden, aber verändert hat er sich nicht. Was sich verändert hat, ist seine Lage. Und seien wir ehrlich, sie hat sich nicht verbessert, seit wir ihn vor gut zehn Jahren zum letzten Mal gesehen haben: Die Hotels und Apartments, in denen Trojan übernachtet, sind deutlich abgerissener. Die Kontakte sind weg. Er muss die Beute seines aktuellen Raubzugs, einige Luxusuhren, für einen miesen Preis verkaufen, um sich über Wasser zu halten, als das Angebot für einen Job bekommt, der gutes Geld bringt, aber ein paar Haken hat: Aus dem Team, mit dem er auf Beutezug gehen soll, kennt er nur Luca (Tim Seyfi) und über den Auftraggeber weiß er nichts.

Wie IM SCHATTEN ist VERBRANNTE ERDE auch ein Heist Movie, aber so viel und nur so viel sei verraten, von der Polizei ist so gut wie nichts zu sehen: Die Probleme mit denen sich Trojan rumschlagen muss sind andere. Thomas Arslan ist wieder ein sehr spannender und stilvoller Genrefilm gelungen und das mit einem Budget von 1,4 Millionen Euro. Die Besetzung – neben Maticevic und Seyfi auch Marie Leuenberger und Alexander Fehling – passt und besonders die Kamera von Reinhold Vorschneider und die Montage von Reinaldo Pinto Almeida beeindrucken. Arslan zeigt uns ein Berlin (Szenenbild: Reinhild Blaschke), das anders aussieht als bei IM SCHATTEN. Ende der Nuller Jahre war Berlin noch cool, machte Business und sah im Tageslicht gefilmt sogar ein bisschen wohlhabend aus. VERBRANNTE ERDE spielt oft nachts und an Orten, die anonym sind: Gerade noch da, wo Menschen leben, wo vielleicht mal Industrie war, wo jetzt aber eigentlich nichts ist – auf Straßen, Parkplätzen, Parkhäusern und natürlich im Auto, denn Trojan ist meistens in Bewegung. Es bleibt ihm gar nichts Anderes übrig, weil sein Leben auf dem Spiel steht. Und nicht nur seins.

Das müssen Sie sehen. Gehen Sie ins Kino, verstanden?

19.02.24 12:47

Berlinale 2024: STERBEN von Matthias Glasner

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© Jakub Bejnarowicz / Port au Prince, Schwarzweiss, Senator

Nach knapp 90 Minuten von Matthias Glasners STERBEN sitzt Tom (Lars Eidinger) mit seiner Mutter Lissy (Corinna Harfouch) am Esstisch und sagt, er verstehe jetzt, „warum wir so furchtbar sind“. Mit „wir“ meint er seine Mutter und sich selbst. Seine Mutter kommt gerade von der Waldbestattung, bei der sie die Asche ihres Mannes (Hans-Uwe Bauer) beigesetzt hat. Zum Abschied sagt sie: „Du warst einer von den Guten – danke dafür.“ Tom hat die Beerdigung verpasst, weil seinem E-Auto auf dem Weg in den Ruhewald der Strom ausgegangen ist. Mit dem Satz von Tom, der in einem aufwühlenden Gespräch zwischen Mutter und Sohn beendet, hätte STERBEN zu Ende sein können. Alles ist gesagt, was soll jetzt noch kommen?

Es folgen 90 Minuten der Eitelkeit und Selbstbespiegelung. Vorgeführt wird die Freundschaft zweier Narzissten, des Dirigenten Tom und des Komponisten Bernard (Robert Gwisdek). Die beiden proben mit einem Jugendorchester Bernards Stück „Sterben“ (man bemerke Parallelität und Symbolik) schwanken beide zwischen Genie und Larmoyanz und streiten sich darüber, ob nun das Stück „Scheiße ist“ oder Tom es nur „Scheiße dirigiert“. Endlos ziehen sich die Proben hin. Bernard wird gewalttätig gegenüber der Cellistin (später seine Freundin). Tom lebt in einer Art Dreierbeziehung, außerdem war er der Geburtshelfer für seine Ex-Freundin, die ein Kind mit einem Mann hat, den sie nicht mag. Nun wollen beide Papa sein. Toms Schwester Ellen (Lilith Stangenberg) ist Alkoholikerin und arbeitet als Arzthelferin in einer Praxis, aus der die Patienten selbst dann nicht flüchten, wenn die Arzthelferin während der Behandlung einschläft, quasi in den Mund des Patienten fällt und dabei den Bohrer des Zahnarztes Sebastian (Ronald Zehrfeld) zum schmerzhaften Abrutschen bringt. Der Zahnarzt geht daraufhin mit Ellen auf Sauftour. Dabei kommt es zu einem kleinen Unfall, woraufhin Ellen dem Zahnarzt ohne Betäubung mit einer Rohrzange einen Zahn zieht. Am nächsten Morgen hat Sebastian übrigens nicht mal eine dicke Backe, ist aber dafür unsterblich in Ellen verliebt.

Klingt verworren und anstrengend? Ist es auch. Und ich habe die verkorkste Konzertpremiere und die Selbstmordabsichten des Dirigenten ebenso weggelassen wie die schwere Krankheit von Ellen. Eine Krankheit, die von einem Tag auf den anderen verschwindet und nie wieder erwähnt wird. Oder die Therapiesitzung der beiden Pappis mir der Kindsmutter und zwei hilflosen Therapeuten. Alle Beziehungen sind zerrüttet, Gefühlsaufwallungen, Streit, Versöhnung, Liebe, Hass unter Geschwistern, auf ein Drama folgt das nächste. Es geht zu wie in einer Telenovela, aber die Emotionen kommen nie beim Publikum an. Um noch einmal Lissy zu zitieren: „Einer von den Guten“, ist keiner der Zurückbleibenden. Das wäre kein Problem. Aber nach dem großen Gewitter zwischen Mutter und Sohn, auch der letzte Auftritt von Corinna Harfouch im Film, können sich die Figuren und die Schauspieler abstrampeln, wie sie wollen. Sie fügen der Geschichte nichts hinzu und ich glaube ihnen kein Wort.

In der Pressekonferenz sagte Matthias Glasner: „Der Film wurde geboren in dem Moment, in dem meine Eltern gestorben sind, innerhalb von kürzester Zeit und nach einem langen Leidensprozess, und meine Tochter geboren wurde.“ Er habe eigentlich einen kleinen Film über seine Mutter machen wollen, sagte Glasner weiter, „aber dann fing ich an, über mich und meine Mutter nachzudenken und dann nach und nach über alles." Es ist schade, dass er nicht bei seinem kleinen Film geblieben ist.

18.02.24 19:00

Berlinale 2024: ANDREA LÄSST SICH SCHEIDEN von Josef Hader

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Foto: ©wega Film

Die Hoamat wird niemand los, ob Frau oder Mann: Deiner Heimat entkommst Du nicht. Josef Haders neuer Film beginnt mit dem „Hoamatgsang“, gesungen von einem Knabenchor. Die erste Strophe lautet: „Hoamatland, Hoamatland, di han i so gern! Wiar a Kinderl sein Muader, a Hünderl sein Herrn.“ In ihrer Hoamat ist Andrea (Birgit Minichmayr) Polizistin. Ein ziemlich öder Job. Immerhin hat sie nette, wenn auch nicht besonders helle Kollegen. Aber Andrea hat einen Plan: Sie will zur Kripo in die Landeshauptstadt St. Pölten wechseln. Schau’n mer mal, wie ihr das gelingt.

Schnell wird klar, dass Andrea auf ihrem Weg zur Kriminalbeamtin jede Menge Hindernisse aus dem Weg räumen muss und alle diese Hindernisse sind männlich. Da ist ihr weinerlicher Mann Andy (Thomas Stipsits), von dem sie sich scheiden lassen will und aus dessen Haus sie auch schon ausgezogen ist (oder genauer gesagt aus dem Haus seiner Mutter, in dem die beiden wohnen). Da ist ihr verwitweter Vater (Branko Samarovski), alt und starrsinnig, um den sie sich noch mehr kümmern muss, seit sie wieder in ihr Elternhaus zurückgezogen ist. Da sind diverse Männer, die Andrea auf die ödeste und unverschämteste Weise anbaggern, seit sie wissen, dass die Ehe mit Andy vorbei ist. Und da ist der Alkohol (selbstverständlich auch männlich) der den Männern noch den letzten Restverstand beziehungsweise -anstand raubt.

Der Karriereschritt scheint zu gelingen, doch der zukünftige Ex-Ehemann wird plötzlich und unerwartet zu einem Hindernis der besonderen Art. Das stellt Andrea vor ein Dilemma, das sie zunächst pragmatisch löst. Als dann aber der Lehrer Franz (Josef Hader) in die Sache verwickelt wird, steht sie vor der Entscheidung: Karriere oder Moral.

Ein alternativer Filmtitel für ANDREA LÄSST SICH SCHEIDEN wäre EINE FRAU WILL NACH OBEN oder besser vielleicht EINE FRAU WILL WEG – weg aus der verschnarchten Polizeistation auf dem österreichischen Kaff, hin zur Kripo in die Landeshauptstadt, wo sie auch einmal ihren Verstand einsetzen kann und sich nicht immer nur mit Rasern, Bauern und renitenten Waffennarren rumschlagen muss.

Im Interview sagte Josef Hader, dass er die Idee von Andrea als „einsamer Cowboy“ hatte. Auf dieser Idee baut der Autor und Regisseur eine sehr gelungene, genau beobachtete Tragikomödie mit teils abgründigen und teils witzigen Dialogen, in der für die Hauptfigur viel auf dem Spiel steht. Gelingt Andrea die Flucht vom Land in die Freiheit und wenn ja – was ist der Preis?

16.02.24 21:30

Berlinale 2024: CUCKOO von Tilman Singer

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Foto: ©NEON

Gretchen (Hunter Schafer) hat eine Scheißzeit. Vor kurzem ist ihre Mutter gestorben und jetzt hat sie ihr Vater (Marton Csokas) aus den USA nach Europa geholt, wo sie mit ihm, ihrer Stiefmutter (Jessica Henwick) und ihrer Stiefschwester (Mila Lieu) Zeit in den bayerischen Alpen verbringen soll. Die Ferienanlage von Herrn König (Dan Stevens), die offensichtlich Stanley Kubrick und David Lynch irgendwann in den Sechzigern gemeinsam gebaut haben, soll ihr Vater neu gestalten. Gretchen findet Herrn König genau so creepy wie das seltsame Feriendorf in den Alpen, trotzdem beginnt sie an der Rezeption zu arbeiten. Neben der Trauer um ihre Mutter quälen sie auf einmal seltsame Visionen.

In der Sektion, für die sich die Berlinale den etwas seltsamen Namen und umständlichen Namen BERLINALE SPECIAL GALA laufen Filme, die sonst nirgendwo reinpassen, die aber bekannte Namen an den Potsdamer Platz bringen (Weil sonst die Presse motzt, dass früher mehr Lametta war. Natürlich motzt die Presse immer noch, aber nicht ganz so laut.). Das Schöne ist, dass in der Sektion auch Genrefilme laufen: CUCKOO ist ein Science Fiction Horror Movie mit erfreulichen Slasher-Elementen.

Nach 30 Minuten habe ich mir um CUCKOO etwas Sorgen gemacht: Ich befürchtete, dass Tilman Singer, der mit seinem Vorgängerfilm LUZ Preise auf renommierten Horror und Fantasy Festivals gewann, sich verzettelt in seiner Story. Nichts in diesem Genre schlimmer, als wenn man beim Zuschauen die geschaffene Welt und ihre Regeln nicht mehr versteht und sich die Geschichte im Ungefähren oder noch schlimmer im Esoterischen verliert. Zum Glück war meine Sorge unbegründet: Der Film nimmt Fahrt auf, bleibt in seiner Logik und baut einen sehr unterhaltsamen Spannungsbogen. Ein großes Lob verdienen sich Hunter Schafer, Dan Stevens (der 2021 in Maria Schraders I’M YOUR MAN auf der Berlinale zu sehen war), das Szenenbild und den Fender Amplifier, den Gretchen beim Bass spielen benutzt.

24.02.23 16:14

Berlinale 2023: ÃŽNTRE REVOLUTII (Between Revolutions) von Vlad Petri

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© Activ Docs

Bukarest Mitte der 1970er Jahren: Die Rumänin Maria und die Iranerin Zahra lernen sich im Studium an der Medizinischen Hochschule kennen und werden Freundinnen und, wie aus ihrem Briefwechsel deutlich wird auch ein Liebespaar. 1978 geht Zarah vor dem letzten Studienjahr zurück nach Teheran. Ihr Vater ist aktiv in einer sozialistischen Gruppe und die Zeichen stehen auf Revolution. Maria bleibt in Bukarest und schließt ihr Studium ab. Wir verfolgen die weitere Entwicklung der Beziehung durch die Korrespondenz der beiden jungen Frauen und die gesellschaftliche und politische Entwicklung in Rumänien und Iran durch Filmarchivmaterial aus öffentlichen und privaten Quellen.

In den Briefen, die sich Maria und Zahra schreiben, ist die Sehnsucht nacheinander das bestimmende Gefühl. Zahra berichtet dann auch über die politischen Veränderungen in Iran Die ersten Briefe und Bilder sind hoffnungsfroh. Junge Frauen und Männer verteilen Flugblätter, die zum Sturz des Schahs aufrufen. Die Zahl der Protestierenden wird immer größer. Zahra berichtet über den Zusammenbruch der Monarchie und die Hoffnungen, die sie mit der iranischen Revolution verbindet. Doch schnell wird aus der iranischen Revolution der säkularen Kräfte die islamische Revolution, der religiösen Kräfte um Ajatollah Khomeini. Das Referendum Ende März 1979 bringt den von Zahra befürchteten Sieg der Religiösen. Wobei die offiziell verkündeten Zahlen, die schon vor der vollständigen Auszählung aller Stimmen bekanntgegeben wurden, reine Fiktion sind: 98 Prozent Wahlbeteiligung, 97 % der Stimmen für die Islamische Republik.
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© Activ Docs

Während in Iran die politischen Verhältnisse auf den Kopf gestellt werden, herrscht in Rumänien weiter die graue Ödnis des Ostblockkommunismus. Maria ist unglücklich ohne Zahra, ihre berufliche Situation am Krankenhaus ist unbefriedigend und ihre Eltern erwarten, dass sie sich möglichst bald für einen Mann entscheidet und heiratet. Dann stellt sie fest, dass sie von der Securitate beobachtet wird, die offensichtlich den Briefwechsel mitliest. Ihre Eltern bekommen Besuch vom Sicherheitsdienst und sie wird aufgefordert, keine Briefe mehr zu schreiben. Von nun an schreibt sie heimlich.

ÎNTRE REVOLUTII vermischt Archivmaterial und Dokumentarisches mit fiktionalen Elementen. Der Briefwechsel zwischen Maria und Zahra ist von Briefen inspiriert, die der Regisseur im Archiv des rumänischen Geheimdienstes Securitate gefunden hat, sowie von den Gedichten der rumänischen bzw. iranischen Schriftstellerinen Nina Cassian and Forugh Farrokhzad. Die Brieftexte selbst wurden von der rumänischen Schriftstellerin Lavinia Braniște geschrieben. Mit der hybriden Filmform aus Dokumentation und Fiktion erreicht Regisseur Vlad Petri etwas Außergewöhnliches: Die Charaktere von Maria und Zahra sind einem als Zuschauer so nah, wie es in einem Spielfilm nur sehr selten der Fall ist. Das persönliche Schicksal und die Entwicklung beider Länder verschmelzen zu einer beeindruckenden und berührenden Erzählung. ÎNTRE REVOLUTII ist ein Film, der mir in Erinnerung bleiben wird.

23.02.23 21:44

Berlinale 2023: JOAN BAEZ I AM A NOISE Karen O’Connor, Miri Navasky, Maeve O’Boyle

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© Albert Baez

Joan Baez war mir immer suspekt. Ihre Sopranstimme war schön, so glockenhell, dass sie nicht zu ertragen war. Ihr Aktivismus für Bürgerrechte war gut und wichtig, er war vorbildlich. Damit einher ging eine Ernsthaftigkeit und eine Überzeugtheit, das englische Wort, für das mir keine gute Übersetzung einfällt, ist „earnestness“, die eine abschreckende Wirkung hatte. Joan Baez, geboren 1941, hatte für mich schon den Status einer musealen Legende erreicht, als ich circa 1988 einen gewissen Bob entdeckte, ein Jahrgangsgenosse von Baez, der ihr schlicht den Start seiner Karriere verdankt. Der Film verspricht, die öffentliche, die private und die geheime Seite von Joan Baez zu zeigen. Und siehe da, beziehungsweise höre da: Aus der Legende wird ein Mensch und die Stimme von Joan Baez auf ihrer Abschiedstournee 2018 ist eine Offenbarung.

Baez bereitet sich mit einer Stimmcoachin zuhause am Klavier und an der Gitarre auf ihre Farewell Tour. Hoppla, da blickt auf einmal ein riesiger Bob Dylan mürrisch von einem Gemälde herab. Respekt. Dass sie das in ihrem Musikzimmer hängen hat, zeugt von Selbstbewusstsein und verarbeiteter Vergangenheit. Auch der Film geht natürlich in die Vergangenheit zurück. Wir sehen bekannte Aufnahmen und Familienmaterial. Ein besonderer Glücksfall für die drei Regisseurinnen: Baez hat schon als Zwölfjährige ein Tage- und Sketchbook geschrieben und gezeichnet – und sie hat alles aufgehoben. Die treffenden und witzigen Zeichnungen über Ereignisse, Gedanken und Gefühle werde im Film häufig animiert und zum Leben erweckt und die Textzeilen geben Persönliches preis. Die Musikerin lässt in dieser Dokumentation so viel Nähe zu, dass es manchmal sogar weh tut.

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© Mead Street Films

Rückblickend ist es verblüffend, wie plötzlich Baez 1960 zum Star wurde. „Sie hielten mich für die Jungfrau Maria und ich tat das, glaube ich auch“, sagt sie im zurückblickend mit trockenem Humor. Klar wird auch: Das Sendungsbewusstsein, dass sie als Künstlerin auszeichnet, hat sie schon als Jugendliche besessen. Mit 13 hat sie sich die Aufgabe gestellt, die Welt zu retten. Das können wir in einem Tagebucheintrag nachlesen. Wenn Baez heute auf die 60er und 70er Jahre zurückblickt, sagt sie heute selbst, dass ihr Aktivismus zu einer Besessenheit wurde.

Musikalischer Erfolg plus politisches Engagement machten die Sängerin zu einer öffentlichen Person, besonders während der Bürgerrechtsbewegung und der Proteste gegen den Vietnamkrieg. Für Baez bedeutete das auch persönliche Opfer. Die Entfremdung von ihren beiden Schwestern und auch das Scheitern der Ehe zu David Harris und die schwierige Rolle als Mutter ihres Sohnes Gabriel, der auf der Tour 2018 Schlagzeug und Percussion in ihrer Band spielte, arbeitet sie schonungslos auf: „Man kommt zu einem Punkt, wo man als Erwachsener zerbröselt und das innere Kind regiert.“

JOAN BAEZ I AM A NOISE hält die Waage zwischen Privatem, Politischem und Musikalischem. Einmal gelingt das nicht: Mit Tonaufnahmen aus einer Hypnose-Therapiesitzung Baez‘, befasst sich der Film mit Missbrauchsvorwürfen in der Kindheit gegen den Vater Albert. Auch eine Erwiderung des Vaters wird kurz von einer Kassettenaufnahme eingespielt. Trotzdem bedauert Joan Baez die Einsamkeit ihres 2007 verstorbenen Vaters in seinen letzten Lebensjahren. Aber als Zuschauer muss man diese Form der Nähe erst einmal aushalten. Aber unbestreitbar entsteht ein sehr plastisches Bild der Sängerin und Musikerin, die sehr offen über ihre immer währenden Bühnenängste spricht, doch 60 Jahre auf Bühnen in aller Welt gestanden hat.

22.02.23 20:15

Berlinale 2023: INSIDE von Vasilis Katsoupis

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© Heretic

Allein bricht Nemo (Willem Dafoe) in das Appartement eines Kunstsammlers im obersten Stockwerk eines Wolkenkratzers in Manhattan ein. Als er die Wohnung mit seiner Beute wieder verlassen will, spielt das Sicherheitssystem verrückt. Alle Ausgänge sind verschlossen und sein Komplize, mit dem er per Funk in Verbindung steht, lässt ihn im Stich. Nemo ist beim Versuch, aus dem Appartement auszubrechen, ganz auf sich allein gestellt. Klinisch wie eine Versuchsanordnung ist die Prämisse von INSIDE. Katsoupis und Dafoe machen daraus einen Thriller mit großer Sogwirkung.

INSIDE ist ein Film, in der geringer Mitteleinsatz und die Üppigkeit nebeneinander existieren. Einerseits ist es im Wesentlichen ein Ein-Personen-Stück und alle Bemühungen dieser einen Person dienen einem einzigen Ziel: aus dem verdammten Appartement rauszukommen. Andererseits ist eben dieses Appartement neben Dafoe der zweite Hauptdarsteller. Wie großartig das Set Design ist, entdeckt der Zuschauer nach und nach. Dass der Abspann eine genaue Auflistung aller Kunstwerke enthält, die im Film zu sehen sind, ist konsequent und großartig – insgesamt sind es 39 von mehreren Videoinstallationen über Gemälde und Fotografien bis hin zu Skulpturen. Wo die Kunst ist, ist auch Technik. Wegen der Technik sitzt Nemo in der Falle – hilft ihm die Technik auch wieder hinauszukommen? Auf jeden Fall bestimmt sie seine Lebensbedingungen; und das immer wieder auf eine Art und Weise mit der er (und wir) nie gerechnet hätten.

Natürlich ist INSIDE eine tour de force von Willem Dafoe. Dialoge gibt es keine, nachdem sein Komplize, der ihm über das Funkgerät Anweisungen gegeben hat, offline gegangen ist. So bleiben Selbstgespräche und die Aktion – Aktion ist Handeln, ist Körperlichkeit. Nemo hat immer neue Ideen, um Ausbruchsversuche zu starten Essen und Trinken zu finden, mit der Isolation, der Hoffnung und der Enttäuschung fertigzuwerden. Die Bedingungen im Appartement werden immer prekärer, Das alles ist so unmittelbar und gut inszeniert, dass wir als Zuschauer nicht nur mitfiebern, sondern auch mitdenken: Was könnte der nächste mögliche Weg in die Freiheit sein?

Irgendwann sind wir hinter Nemos Stirn: Wie viel Zeit ist eigentlich vergangen? Ist das Alleinsein Fluch oder Segen? Ist die Kunst um ihn herum noch Kunst oder sind es nur Objekte? Was soll man eigentlich mit der Zeit tun? Macht der nächste Ausbruchversuch noch Sinn oder ist es besser aufzugeben? INSIDE ist eine Meditation über das Alleinsein, die Kunst und dieses fast absurde Beharrungsvermögen und die Energie, die Menschen in das eigene Leben stecken, egal unter welchen Bedingungen. Was für ein Kinoerlebnis.

20.02.23 16:46

Berlinale 2023: SISI & ICH von Frauke Finsterwalder

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© Bernd Spauke

Wenn es jemals ein IT-Girl gegeben hat, war das Elisabeth Amalie Eugenie von Wittelsbach. Ihre Karriere erhielt den entscheidenden Schub, als die Herzogin in Bayern, so ihr Adelstitel, im August 1853 im Alter von 15 Jahren (ähem) denn Heiratsantrag ihres Cousins (räusper), Kaiser Franz Joseph I. vom Österreich König von Ungarn und Böhmen, annahm und mit der Eheschließung im April 1854 zu unser aller Sisi (bzw. Heimatfilm-Sissi) Kaiserin Elisabeth von Österreich wurde. Man könnte auch sagen: Was Jerry Lee Lewis recht war, war Kaiser Franz Joseph billig (oder umgekehrt). Sisi (Susanne Wolff) war von Herzen unglücklich mit ihrem Kaiser (Markus Schleinzer) und hielt sich immer wieder über lange Zeit von ihm fern. In SISI & ICH weilt die Kaiserin zunächst einmal wieder auf ihrer Lieblingsinsel Korfu, als ihre neue Hofdame Irma Gräfin Sztáray (Sandra Hüller) kommt auf der Insel ankommt.

Die unverheiratete Gräfin, die von ihrer Mutter mit Verzweiflung und einem festen mütterlichen Fausthieb auf die Nase in ihre neue Rolle gedrängt wurde, muss feststellen, dass in Korfu eine etwas durchgeknallte weibliche Adels-Kommune residiert. Sisi: „Ich ertrage keine Männer und keine dicken Menschen“. Einzige Ausnahme ist der Hofmeister Graf Berzeviczy (Stefan Kurt), aber der zählt nicht – er hat viel zu dienen und wenig zu sagen. Zunächst lebt Sisi auch an Irma ihre sadistische Ader aus, sie fordert sportliche Fitness und errichtet ein Regime des Abnehmterrors, das durch Kokaintinkturen und andere Absonderlichkeiten gelindert werden soll. Die Kaiserin ist unglücklich und umgibt sich mit weiblichen Ergebenen, die durch ständige Aktivitäten für Ablenkung sorgen sollen.

Fotos: Bernd Spauke

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Zwischen Irma und Sisi entwickelt sich aber eine andere Beziehung, die immer im Fluss ist. Diese Beziehung ist der Kern des Films. Mal sind die beiden Frauen auf Augenhöhe, mal nicht. Eines wird irgendwann zur Konstante: Irma ist in die Kaiserin verliebt. Erwidert Sisi diese Liebe? Es ist einer der interessanten Aspekte des Zuschauens, auf diese Frage eine Antwort zu finden. Ohne diese Beziehung im Mittelpunkt wäre der Film von Frauke Finsterwalder eine schrille und an vielen Stellen erfreulich geschmacklose Satire. Georg Friedrich in der Rolle des Erzherzogs Viktor von Österreich erwirbt sich in Sachen Geschmacklosigkeit besondere Verdienste – und das ist ausdrücklich als Lob gemeint. Doch die Beziehung der beiden so unterschiedlichen Frauenfiguren gibt dem Film eine zusätzliche Dimension, die Sandra Hüller und Susanne Wolff bestens zur Geltung bringen.

Dass SISI & ICH ein besonderer Kinoabend war, liegt auch an den Kostümen, den Masken und dem Szenenbild, schöner kann es kaum sein. Ihr wollt Korsage und Operettenuniformen, da habt ihr sie – und die Schösser und die Landhäuser noch dazu. Auch die Tiere nicht vergessen: ein edler Irish Wolfhound, ein kaiserlicher Barsoi, eine Eidechse (mit eigener Tiertrainerin, wie den Credits zu entnehmen war), eine Schildkröte, Pferde, eine Jagdmeute – es nimmt kein Ende. Es kreucht und fleucht und die Fauna blüht, während die Frauen versuchen, ihr Unglück zu bezwingen. Und wir wissen schon, dass es tragisch endet und doch endet es anders als wir denken.

Ja, ich weiß – jetzt kommen wieder die, die das zu bunt, zu laut – einfach zu viel finden. Und historisch ist der Film auch nicht, zumindest nicht korrekt. Ja, ja – so isses wohl. Die das sagen, sind freudlose Menschen. Hört nicht auf sie.

19.02.23 15:56

Berlinale 2023: THE ADULTS von Dustin Guy Defa

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Wenn passive Aggressivität die Haut ritzen würde, wäre dieser Film ein Blutbad. Eric (Michael Cera) kehrt für einen Besuch in seine Heimatstadt zurück, um das neugeborene Baby eines alten Freundes zu sehen und seine beiden Schwestern Rachel (Hannah Gross) und Maggie (Sophia Lillis) zu besuchen – zum ersten Mal seit dem Tod der Mutter vor mehr als drei Jahren. In Wahrheit ist Eric nicht besonders interessiert, das Neugeborene zu sehen und die gemeinsame Zeit mit seinen Schwestern möchte er so kurz wie möglich halten. Regisseur und Drehbuchautor Dustin Guy Defa zeigt in THE ADULTS eine ungesunde Dreiecksbeziehung zwischen Geschwistern in der alle auf eigene Weise unglücklich sind.

THE ADULTS ist eine Familienaufstellung in der Eric, der überhebliche Kotzbrocken ist, der sich hinter der Fassade eines angeblich tollen Jobs verschanzt – Freiflüge, wichtige Telefongespräche etc. Dabei übernachtet er offensichtlich im billigsten Motel des Kaffs irgendwo in der amerikanischen Provinz und was hat er eigentlich genau zu tun? Rachel fühlt sich einsam und zurückgelassen im ehemaligen Elternhaus besonders, seit ihre langjährige Beziehung in die Brüche gegangen ist. Und Maggie ist die Nachzüglerin – gut zehn Jahre jünger als die älteren Geschwister. Sie himmelt den Bruder an, hat gerade das College geschmissen und möchte vor allem, dass die latente Aggressivität zwischen Eric und Hannah nicht ausbricht. Um das zu verhindern, verfallen die drei Geschwister immer wieder in eingeübte kleine Songs und Comedy-Routinen aus Kindertagen. Das anzusehen ist faszinierend und verstörend zugleich. Die Eltern bleiben in dieser Aufstellung abwesend, sie werden erwähnt, aber ihre Rolle wird nie diskutiert. Logisch, fast jeder Familienkonflikt hat den Ursprung darin, dass niemand Probleme offen anspricht.

Für Cera, Gross und Lillis ist die Herangehensweise von Dustin Guy Defa eine schöne Gelegenheit, schauspielerische Fertigkeiten zu zeigen: Geschwister, die miteinander kleine Sketche aufführen und mit Cartoon-Stimme sprechen, um Wut, Trauer und Neid zu unterdrücken. Das ist für eine gewisse Zeit durchaus auch witzig-düster und spannend, aber der Film hat Längen, was bei 88 Minuten ein wirklich schlechtes Zeichen ist. Am meisten leidet THE ADULTS aber darunter, dass Offensichtliches nicht nur mehrfach gezeigt, sondern auch noch gesagt wird. Braucht man wirklich drei Pokerrunden mit Freunden und einen Eric, der mehrfach sagt „Ich will eben einfach gewinnen“, um zu begreifen, dass Eric ein ziemlich armes Würstchen ist, das sich als Siegertyp inszenieren will? Auch die üble Dynamik zwischen den Geschwistern wird an so vielen Beispielen vorgeführt, dass der Zuschauer sich erst wundert und schließlich ärgert, wie wenig Intelligenz der Regisseur ihm zutraut. THE ADULTS kann sich auf drei gute Schauspieler verlassen, aber der zugrundeliegende Konflikt ist nicht überraschend und wird auch nicht so interessant inszeniert, dass er einen Film trägt.

18.02.23 21:50

Berlinale 2023: KILL BOKSOON von Byun Sung-hyun

Filmstill

Mutter mordet messerscharf

Was kostet mehr Nerven: Einen der besten Killer des Landes, der wahnsinnig stolz auf sein traditionelles Samurai-Schwert ist, um die Ecke zu bringen oder die eigene Teenagertochter (Kim Si-A) durch die Widernisse der Pubertät zu lotsen? Schwer zu sagen, aber Hitwoman Boksoon (Jeon Do-yeon) hat mit beidem alle Hände voll zu tun. KILL BOKSOON ist ein Actionthriller, der sehr versiert den Regeln des Genres folgt, – Messer, Martial Arts und Blut (viel Blut) – aber auch eine Mutter-Tochter-Geschichte erzählt. Das macht ihn interessanter als viele andere Killergeschichten.

Der Gegensatz zwischen Boksoons mörderisch anstrengendem Arbeitsalltag und den Familienthemen – Schulstress, verbotenes Rauchen, Mama beim Fernsehen anzicken – macht also den Reiz des Films aus. Das Schöne daran ist, wie dieser Kontrast unter anderem das im Actionthriller übliche Gerede von Ehre unter Profikillern entlarvt: Boksoon arbeitet für die Agentur MK, die auf ihre ehernen Regeln besonders stolz ist und sogar den Killernachwuchs ausbildet. Man kann sich das als eine Art Hogwarts vorstellen, in der ein guter Messerwurf oder ein kerniger Handkantenschlag bessere Noten bringt als irgendein schlaffer Zauberspruch. Doch am Ende zählen dann die Regeln eher wenig und das Recht des Stärkeren viel. Aber wer ist der oder die Stärkere – Cha (Sul Kyung-gu), der Chef von MK oder Boksoon? Und gibt es neben dem Showdown eigentlich auch noch eine Moral – kann also eine gute Killerin auch eine herzensgute Mutti sein? Bei der Beantwortung dieser Fragen liefert KILL BOKSOON gute Unterhaltung für alle, die nicht zu zimperlich sind.

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Byun Sung-hyun hat die Geschichte mit viel Stil und schwarzem Humor inszeniert. Dass er die alleinige Autorenschaft für das Drehbuch reklamiert, hat bei mir zumindest für eine hochgezogene Augenbraue gesorgt. Zentrale Motive des Films erinnern verdächtig an Byeong-mo Gus sehr lesenswerten Roman „Frau mit Messer“, der im vergangenen Jahr in deutscher Übersetzung, aber schon 2013 in Südkorea erschienen ist. Vielleicht bekommt der Drehbuchautor ja noch Gewissensbisse oder die Schriftstellerin hat einen guten Anwalt.

KiLL BOKSOON ist ein gutes Beispiel dafür, dass das Berlinale Special auch zu einem Schaufenster für Mainstream-Produktionen wird. Kurz gesagt, im Berlinale Special wird alles das gezeigt, was man gerne in Berlin haben möchte, was aber nirgends reinpasst. Das sind auch, wie in diesem Fall, die Streaming-Dienste glücklich. Daran ist gar nichts Verwerfliches. Die Berlinale schreibt dazu auf ihrer Webseite: "Frei und ungebunden, spontan und aktuell – im Berlinale Special glänzt die Formenvielfalt." Das allerdings ist unfreiwillig komisch.

Filmstills: No-ju Han/Netflix

29.04.22 23:19

CROSSING EUROPE 2022: EUROPE von Philip Scheffner

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Zu Beginn von EUROPE blickt die Kamera aus einem Krankenhaus herab auf eine Bushaltestelle und einen Krankenwagen. Eine Frauenstimme sagt aus dem OFF: „Der Film hört nicht auf. Selbst wenn sie den Film verlässt, lebt sie immer noch das, was sie gespielt hat.“ Das sagt die Darstellerin Rhim Ibrir über die Figur Zohra – eine Frau algerische Frau, die seit Jahren in Jahren in Frankreich lebt und dort wegen einer schweren Wirbelsäulenerkankung behandelt wird. Nun hat sich ihre Gesundheit verbessert, es sind keine Operationen mehr notwendig. Diese gute Nachricht wird zur katastrophalen Botschaft, als der französische Staat Zohra die Aufenthaltsgenehmigung nicht verlängert.

Der Verlust des Aufenthaltsstatus ist für Zohra ein schwerer Einschnitt: Die Hoffnung, ihren Mann, der noch in Algerien lebt, nach Frankreich nachzuholen, ist zerplatzt. Auf einmal erscheint ihre Zukunft in Frankreich, wo ihre Mutter, Ihre Schwester, Ihre Freunde leben unmöglich. In diesem Moment verschwindet Zohra aus dem Bild von Philip Scheffners dokumentarischen Spielfilm. Menschen sprechen noch mit ihr, aber sie ist nicht zu sehen und antwortet auch nicht. Dann sind auch die Menschen in Zohras Leben verschwunden, allerdings nur vorübergehend, denn in Frankreich sind große Ferien. Zohras Verwandte fahren nach Algerien, ihre Kolleginnen sind im Urlaub. Die NGO, für die sie Altkleider sortiert, macht Betriebsferien. Das Wohnviertel in der Banlieue ist wie ausgestorben. Da taucht Zohra wieder im Bild auf. Sie kümmert sich um die Wohnungen der abwesenden Verwandten und beginnt, an der Fortsetzung ihrer Geschichte und ihres Lebens zu arbeiten. Auf dem Boden des Dokumentarischen beginnt eine weitere Fiktion. Aber auch diese Fiktion ist unvollständig: Jetzt ist Zohra im Bild, aber die Menschen, denen sie begegnet, zum Beispiel in einem Kleidergeschäft, sind aus dem Bild gerückt.

EUROPE erzählt eine dokumentarisch-fiktionale Geschichte nach einem Drehbuch von Merle Kröger und Philip Scheffner. Geschildert wird, was passiert, wenn der Aufenthaltsstatus das Leben von Menschen bestimmt. Im Amtsdeutsch gibt es übrigens den schönen Begriff der Fiktionsbescheinigung. Wenn die Aufenthaltserlaubnis eines Menschen ausläuft oder bevor eine Aufenthaltserlaubnis zum ersten Mal erteilt wird, wird eine sogenannte Fiktionsbescheinigung als fiktiv fortbestehender Aufenthaltstitel ausgestellt (Das ist wirklich so. Sowas kann man sich gar nicht ausdenken.). EUROPE ist also eine dokumentarische Fiktionsbescheinigung für Rhim/Zohra und ein bemerkenswerter Film darüber, wie Bürokratie in Europa mit Menschen umgeht.

Filmstill: pong film

28.04.22 14:26

CROSSING EUROPE 2022: AEIOU DAS SCHNELLE ALPHABET DER LIEBE von Nicolette Krebitz

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Anna (Sophie Rois) ist als Schauspielerin nicht mehr so gefragt. Das heißt noch lange nicht, dass sie sich bei einer Hörspielproduktion vom widerwärtigen Kollegen antatschen lässt. Da geht sie lieber. Aber Anna hat einen Scheißtag. Vor der Paris Bar klaut ihr auch noch ein Jugendlicher die Handtasche. Doch ein junges Paar stellt den Dieb nach einer Verfolgungsjagd, lässt ihn laufen und bringt Anna die Handtasche zurück. Nur ein paar Tage später entpuppt sich eben dieser Dieb als der gehemmte Adrian (Milan Herms), dem Anna für ein Schultheaterprojekt richtiges Sprechen beibringen soll. Einen Auftrag, den sie nur widerwillig annimmt, aber sie braucht das Geld.

Das Sprechtraining läuft besser als erwartet. Anna hat sogar Spaß daran und sie findet Adrian interessant. Außerdem hat ihr der Sprechunterricht den Antrieb gegeben, das Arbeitszimmer ihres verstorbenen Mannes auszuräumen und aufzumöbeln. Nach und nach entsteht zwischen Anna und Adrian eine Beziehung. Adrian macht ihr Geschenke (die er klaut), Anna kocht Suppe, die beiden gehen Händchen haltend im Park spazieren. Adrian schwankt zwischen Mackertum und Verunsicherung, aber die Richtung gibt Anna vor. Adrian ist genau der Energieschub, den sie jetzt gebraucht hat. Er bringt etwas Neues in ihr Leben. Und sie bringt ihn dazu, auf der Bühne und darüber hinaus nicht der verlachte, unsichere Junge zu sein, der er vorher war. Das Theaterstück wird ein Erfolg.
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Dann aber sind die Theaterpremiere und das Schuljahr Geschichte. Hat Adrian die Versetzung geschafft? Anna weiß es nicht. Als sie Adrian findet, besäuft er sich gerade mit seinen prolligen Kumpels: Nein, er hat es nicht geschafft und lässt seine Wut an ihr aus. Es folgt ein großartiger Monolog von Anna über den Kinderglauben junger Männer, dass sie doch alles erreichen könnten im Leben, weil sie eben junge Männer seien. Und wie diese Männer dann weinerlich und beleidigt reagieren, wenn sich dieser Kinderglaube als Irrtum herausstellt. Ein Monolog, in dem Nicolette Krebitz ebenso knapp wie treffend zwei Dinge auf den Punkt bringt: Männer meinen ein Recht auf Glück und Erfolg zu haben und Frauen durchschauen das. Wer könnte einen solchen Monolog besser halten als Sophie Rois? Adrians Reaktion ist drastisch und gewalttätig. Sie ruft ihm zu: „Aber Du warst ein Star!“

Am Abend liegt ein völlig besoffener Adrian vor Annas Haustür. Sie sammelt ihn ein. Und dann fliehen beide gemeinsam an die Côte d’Azur. Was nun folgt, ist eine Räuberpistole. Zu zweit klaut es sich eben besser. Adrian liegt Belmondo-mäßig nach dem Sex auf dem Bett des Billighotels. Jetzt müssen die beiden entscheiden, wie weit sie gehen wollen. Nicolette Krebitz dreht die Pygmalion-Geschichte auf links, macht sich über den Sexismus ihrer eigenen Branche lustig und gibt noch eine Prise À BOUT DE SOUFFLE hinzu. Es macht Spaß sich das anzugucken – vor allem wegen Sophie Rois aber auch wegen Milan Herms in seinem Filmdebüt. Und Udo Kier und das ranzige aber heimelige West-Berlin sind mit dabei. Immer noch toll, der Udo Kier und das olle West-Berlin irgendwie auch.

Filmstills: Reinhold Vorschneider, Komplizenfilm

16.02.22 14:40

Berlinale 2022: À PROPOS DE JOAN (ABOUT JOAN) von Laurent Larivière

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Gleich zu Beginn blickt uns Joan (Isabelle Hubbert) direkt in die Augen: Sie werde uns jetzt auf eine Erinnerungsreise durch ihr Leben mitnehmen und manches werde erfunden sein. In der ersten Szene durchbricht Regisseur Laurent Larivière also die vierte Wand. Damit setzt er die Zuschauer auf eine Fährte. Bei allem was Joan uns erzählt, ist die Frage: Was ist die Fiktion in der Fiktion? Die Reise beginnt, als sich die junge Joan (Freya Mavor), die in den 70er Jahren Au-Pair-Mädchen in Dublin ist, in den Taschendieb Doug (Éanna Hardwicke) verliebt. Joan bekommt ein Kind von Doug, aber das wird Doug nie erfahren. Sie zieht Nathan allein groß.

À PROPOS DE JOAN springt mehrfach zwischen verschiedenen Zeitpunkten der Vergangenheit und Gegenwart hin und her. Das geschieht aber nicht in der Form von Rückblenden. Joan blickt nicht auf ihr Leben zurück. Wie sehen Joan immer im hier und jetzt, egal wie alt sie ist: als junge Mutter, als erfolgreiche Verlegerin zusammen mit ihrem Autor Tim Ardenne (Lars Eidinger), mit dem sie eine Beziehung hat. Und wie sehen Joan mit ihrem Sohn Nathan: als kleiner Junge, als Teenager (Dimitri Doré), als junger Mann (Swann Arlaud).

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Welche Bilder und Geschichten sind aus Joans „echtem“ Leben, welche Aspekte hat Joan „nur erfunden“? Larivières Kunstgriff vom Beginn des Films zahlt sich aus: Wir folgen dem Geschehen mit großer Aufmerksamkeit. Zum einen liegt das an der Schauspielkunst des Ensembles, zum anderen daran, dass Regie, Schnitt und Kamera so mit filmischen Mitteln arbeiten, dass die erzählerische Konstruktion nie verwirrend oder langweilig wird.

Filmstills: 247films.

15.02.22 12:08

Berlinale 2022: TA FARDA (UNTIL TOMORROW) von Ali Asgari

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Fereshteh (Sadaf Asgari) studiert in Teheran und hat ein zwei Monate altes Baby. Jetzt wollen ihre Eltern nach Teheran kommen und bei ihr übernachten, weil ein Verwandter einen Unfall hatte. Das Problem: Die Eltern wissen nichts von dem Kind und der Vater des Kindes ist keine Hilfe. Nun hat Fereshteh auf einmal 1000 Dinge zu regeln. Nicht nur die Betreuung für den Sohn, sondern auch alle Spuren, die in ihrer kleinen Wohnung auf ein Baby hinweisen, müssen verschwinden. Ihre einzige Unterstützung dabei ist ihre Freundin Atefeh (Ghazal Shojaei).

TA FARDA ist einer dieser Filme, deren Plot sich in einem Satz zusammenfassen lässt: Eine junge Mutter muss ihr Kind vor ihren ahnungslosen Eltern verstecken. Das schöne an solchen simplen Plots ist, das ein Regisseur mit ihnen machen kann, was er möchte. Ali Asgari zeigt uns einen klassischen Roadmovie. Die Spur führt kreuz und quer durch Teheran: Mit dem Bus, mit dem Taxi, auf dem Moped und natürlich zu Fuß. Das Kind auf dem Arm, müssen die beiden Frauen immer neue Hindernisse überwinden. Die Kamera folgt ihnen auf den Fersen, als Zuschauer sind wir immer mitten im Geschehen. Das hat die Spannung einer guten Reportage.

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Immer wenn eine Lösung für das Betreuungsproblem gefunden scheint, löst sie sich in Luft auf. Die Frau, die sich um das Kind kümmern wollte, meldet sich auf einmal nicht. Eine neue Lösung muss her. Der Druck, unter dem Fereshteh steht, wird immer größer. Weil da nicht nur die Angst vor den Eltern ist, die Angst vor dem iranischen Staat ist ähnlich groß. Denn unverheiratete, alleinerziehende Mütter sind eigentlich nicht vorgesehen. Fereshteh hat die Geburt ihres Sohnes noch nicht einmal den Behörden gemeldet. Schließlich fahren die beiden jungen Frauen doch zum Vater des Kindes. Der reagiert entsetzt: Wenn sein Vater von dem Kind erfährt, verliert er seinen Job im Geschäft seiner Eltern. Wieder müssen sie eine Alternative finden, aber langsam wird die Zeit knapp.

Filmstills: Silk Road Productions

14.02.22 11:59

Berlinale 2022: THIS MUCH I KNOW TO BE TRUE von Andrew Dominik

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Nick Caves Band The Bad Seeds feiert im Jahr 2023 ihren 40. Geburtstag. In ihrer langen Geschichte haben neben Cave 13 Musiker in der Band gespielt. Wichtige Kollaborateure beim Songwriting waren in der Vergangenheit Mick Harvey und Blixa Bargeld. Warren Ellis spielt schon seit dem Album Let Love In mit den Bad Seeds, aber seit 2005 wurde er zum wichtigsten kreativen Mitstreiter Caves – nicht nur im Rahmen der Band, sondern auch beim Komponieren von mehr als 20 Soundtracks und Theatermusiken. THIS MUCH I KNOW TO BE TRUE besteht im Kern aus Performances von Songs des Nick Cave & The Bad Seeds Albums Ghosteen von 2019 und dem gemeinsamen Album Carnage von Nick Cave und Warren Ellis aus dem vergangenen Jahr.

Das Herzstück des Films sind Live-Performances von Songs in einem riesigen leeren Saal, in dem der Putz von den Wänden bröckelt und alte Orgelpfeifen zu sehen sind. Die Aufnahmen der Songs sind laut Regisseur Andrew Dominik an fünf Tagen im Frühjahr 2021 entstanden, als Cave zu Tode gelangweilt war, weil er wegen Covid alle seine Tourtermine absagen musste. Cave singt und spielt Klavier, Warren Ellis singt, spielt Keyboards, Violine, dirigiert einen dreistimmigen Background-Chor sowie ein Streichquartett. Wobei diese Beschreibung von Ellis Rolle der Realität nicht gerecht wird. Er ist ein musikalisches Kraftfeld, das hypnotische bis irre Klänge erzeugt. Auf diesem Klangteppich singt, spricht, flüstert und heult Nick Cave dann seine hypnotischen bis irren Texte über Feen, den Frieden, Malibu, den Tod, weiße Elefanten und die Liebe.

In der großen Halle sind Kameratracks verlegt, zwei Kameras kreisen praktisch ständig um die Musiker. Eine mal sparsame mal gleißende Lightshow macht die Songs nicht nur zu einem akustischen, sondern auch zu einem visuell spektakulären Erlebnis. Nick Cave lässt als Sänger und Texter die Energie heraus, die er nicht bei einer Tour auf der Bühne lassen konnte. Warren Ellis ist der Musikschamane, der Cave an Orte führt, an denen er bisher noch nicht gewesen ist. Auf der großen Leinwand und vor allem mit Surround Sound ist das schlicht überwältigend. Höhepunkte sind Hollywood und Hand of God.

In kurzen Einschüben sprechen Cave und Ellis über ihren Songwriting-Prozess. Cave sagt über seinen Partner: „Er sendet immer, ist aber selten auf Empfang gestellt.“ Es mache eigentlich gar keinen Sinn mehr, mit fertigen Songs ins Studio zu kommen. Alle Songs die entstehen, entstehen im Moment. Aber bis Songs entstehen, kann es lange dauern. Die Performances, die wir im Film sehen, beschreibt Cave als “just snippets in an ocean of bullshit.” Ellis ist eine sprudelnde Soundquelle aus der Cave seine Texte schöpfen kann.

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In anderen Momenten des Films wird offensichtlich, dass die Musik in Nick Caves Leben heute eine andere Rolle spielt als früher. „Ich sehe mich heute nicht als Musiker, sondern als Ehemann, Vater und Mensch, der Musik macht und kreativ ist“, sagt er über sich. Dieser Kreative hat uns zu Beginn des Films gezeigt, dass das Entwerfen und Brennen von Keramikfiguren ein neues Hobby sind. In Caves Fall ist das zum Beispiel eine 18-teilige Figurenserie über das Leben des Teufels von der Geburt bis zum Tod (Spoiler Alert: Der Teufel wird am Ende von einem Kind erlöst.). Er spricht auch über seinen Blog The Red Hand Files, in dem er regelmäßig die oft sehr ernsten und geradezu philosophischen Fragen seiner Fans beantwortet. Welchen Sinn Leid hat oder was sie tun können, wenn sie verlassen worden sind oder was Cave seinem 16-jährigen Ich raten würde? Cave erklärt, dass er solche Fragen nie spontan beantwortet, sondern sich immer dafür Zeit nimmt. Dass das stimmt, kann jeder sehen, der einmal den Blog besucht: Caves Antworten sind durchdacht und ehrlich.

THIS MUCH I KNOW TO BE TRUE ist nicht nur ein großartiges musikalisches Erlebnis und das Dokument der fruchtbaren musikalischen Partnerschaft Cave/Ellis, der Film zeigt auch, dass Nick Cave etwas im Musikbusiness sehr Seltenes gelungen ist: Er hat es geschafft, sein Leben und seine Kreativität miteinander in Einklang zu bringen. Und er schafft es, diejenigen, die es interessiert, an beidem teilhaben zu lassen, ohne peinlich zu sein.

Filmstills: Bad Seed Ltd.

12.02.22 21:06

Berlinale 2022: L’ÉTAT ET MOI von Max Linz

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Wenn Sophie Rois nicht nur die Gerichtspräsidentin von Berlin-Mitte mit dem wunderbaren Namen Josephine Praetorius-Camusot spielt, sondern auch die in einer Ausstellung zum Geburtstag der deutsch-französischen Freundschaft zum Leben erwachte Wachsfigur eines Kommunarden der Pariser Commune namens Hans List (seines Zeichens Komponist oder Kommunist – darüber herrscht einige Verwirrung), dann ist der Ton nicht Pathos wie in Brechts Gedicht Resolution der Kommunarden, sondern eher Screwball. L’ÉTAT ET MOI ist ein ganz seltenes Exemplar im Forum der Berlinale: eine echte Komödie. Zum weiteren Personal gehören Wachtmeister Detlev D. Detlevsen (Bernhard Schütz), der überaus ungeschickte und verliebte Rechtsreferendar Yushi Lewis (Jeremy Mockridge) und der scharf-konservative aber nicht besonders helle Staatsanwalt Donnerstrunkhausen (Hauke Heumann).

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Max Linz macht das, was ein guter Autor und Regisseur macht, wenn er seiner Hauptdarstellerin eine Doppelrolle gibt – eine Verwechslungskomödie. Und weil es eine Screwballkomödie ist, gibt es Slapstick, Wortwitze, skurrile Figuren (Kerstin Grassmann als bellend-berlinernde Museumsaufseherin mit Hang zur Rauchpause) und andere Albernheiten – so soll es sein. Der Irrsinn findet statt vor dem Hintergrund der Neuinszenierung von Victor Hugos Roman Die Elenden (Les Misérables) an der Staatsoper zu Berlin. Ein Buch, das bekanntlich zu unzähligen Filmen, mehreren Theaterstücken, einem Musical und zur Verfilmung selbigen Musicals verwurstet wurde. L’ÉTAT ET MOI rührt weiter im Wurstbrät, und wir als Zuschauer freuen uns.

Als wäre dies alles nicht genug, ist der Film nicht nur Verwechslungs- sondern auch Gerichtskomödie. Auf sehr spezielle Art geht es um die Kontinuität des deutschen Strafgesetzbuches, das im Mai 1871 als Reichsstrafgesetzbuch erlassen wurde und als Strafgesetzbuch der Bundesrepublik Deutschland bis heute fortdauert. Aber wer wissen will, was es damit auf sich hat, muss den Film schauen. Nur so viel sei verraten: Ein Fiaker und der Finger eines Pianisten spielen eine Rolle.

Filmstills: Markus Koob, SchrammFilm, Salzgeber

Berlinale 2022: EVERTHING WILL BE OK von Rithy Panh

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"Das Archiv bin ich", sagt die Frauenstimme, die die Bilder von Rithy Panhs EVERYTHING WILL BE OK über den gesamten Film hinweg kommentiert. Die Stimme ist Erzählerin, Deuterin, Anklägerin. Es ist nicht klar, aus welcher Perspektive sie spricht. Ist sie Teilnehmende am durchgängigen Narrativ des Films – dem Zerfall der Herrschaft der Menschen über die Tiere und dem Aufstieg der Tiere zu Herrschern über die Menschen – oder ist sie Beobachterin?

Panh inszeniert die Machtübernahme der Tiere in unzähligen Mini-Installationen, die denen einer Landschaft für Modelleisenbahnen oder Dioramen ähneln. Diese Installationen wechseln sich ab mit sechs Split Screens, in denen wir in dokumentarischen Bildern und Ausschnitten aus Spielfilmen die ideologischen Extreme des 20. Jahrhunderts sehen: Stalinismus, Kulturrevolution, Nationalsozialismus und die gewalttätigen Folgen, die diese und andere Ideologien hatten (und haben). Dazwischen geschnitten sind auf diesen Split Screens immer wieder Szenen der Gewalt gegen Tiere und der Ausbeutung von Tieren: Tierversuche, industrielles Abschlachten, die Zerstörung von Lebensräumen. Die Tiere sehen diese Szenen mit Verstörung und immer größerer Wut.

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"Die Revolution ist ein Selbstangriff", sagt die Frauenstimme an anderer Stelle. Sie sagt auch: "Hinschauen tut weh". Es sind die großen politischen Fragen die, Panh in seinem Film verhandelt – Gewalt, Ausbeutung, Ungleichheit, Unterwerfung. Die große Stärke des Films ist die Ästhetik der Mini-Installationen und der Ästhetik "des Schraubstocks von Bildern", wie es die Stimme der Erzählerin treffend beschreibt. So entwickelt der Film einen sehr wirkungsvollen Rhythmus. Die Tiere werden von Unterworfenen zu Anklägern und gewinnen die Oberhand über die Menschen – ja sie werden sogar zu Götzen und Gottheiten und schließlich selbst zu Ausbeutern. Diese Erzählung ist ebenso spannend wie deprimierend, aber sie gelingt, wegen der besonderen Inszenierung und Bildsprache des Films.

Leider verliert der Film in den letzten 20 Minuten an Wirkung. Denn offensichtlich ist der Titel des Films nicht ironisch gemeint. Also muss Rithy Panh die selbstgestellte Aufgabe erfüllen, Hoffnung zu vermitteln. Da werden die Botschaften arg platt und verquast: Ein bisschen Kapitalismuskritik hier, ein kleiner Appell an die Poesie da – gepaart mit einer nervtötend naiven Wissenschaftsskepsis und Bildern von indigenen Frauen, die Affenbabys die Brust geben. Alles wird gut, wenn Mensch und Tier wieder zusammenfinden; die Hand des Zuschauers klatscht vor die Stirn. In den letzten 20 Minuten sabotiert der Film sich selbst – schade. Die 80 Minuten davor aber lohnen sich.

Filmstills: Copyright CDP, Anupheap Production

09.02.22 8:01

Berlinale 2022: Als die Männchen laufen lernten

Das wird der Star der Berlinale: Das laufende Männchen im Ticketshop - wenn es rechts angekommen ist, gibt es Tickets. Mit ein bisschen Geduld klappt alles prima bisher.

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24.01.22 19:51

Berlinale 2022: Das rosa Band der Sympathie

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Hu-äh-hurra??? Hu-äh-hurra!!! Die 72. Berlinale läuft vom 10. bis zum 20. Februar - mit Journalist*innen im Kinosaal. Und was noch besser ist, nicht nur Journalist*innen dürfen kommen, sondern sogar ganz normale Menschen wie du, sie, er und ihr da hinten. Das komplette Programm wird am 1. Februar veröffentlicht. Der Wettbewerb mit seinen 18 Filmen wurde ja schon wie üblich allgemein üblich von den Leitmedien benöckelt, bekrittelt und beklagt: Ein Film der schon auf dem Sundance Festival gelaufen ist im Wettbewerb! Wo sind die Stars? Zweitklassig! Das würde in Cannes nie passieren usw. usw. - weh' Dir Berlinale!

festivalblog freut sich einfach und war schon geboostert und mit Corona-App (ohne die geht nix) bei Pressevorführungen. Für Presse wie Publikum gilt 2G+ entweder geboostert oder frisch getestet und für alle gibt's bunte Bändchen. Tickets für das Publikum kommen ab dem 7. Februar in den Vorverkauf und zwar - ACHTUNG - ausschließlich online. Das geliebte Ritual des Schlangestehens vor den Berlinale-Kassen muss also leider entfallen.

Weitere Details hier in den nächsten Tagen - bleiben Sie an den Empfangsgeräten!

06.03.21 15:00

WHEN A FARM GOES AFLAME von Jide Tom Akinleminu (Berlinale 2021)

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© Jide Tom Akinleminu

Zu Beginn seines Films stellt Jide Tom Akinleminu zwei Fragen: „Warum hat mein Vater nie die Wahrheit gesagt?“ und „Warum hat meine Mutter nie Fragen gestellt?“ WHEN A FARM GOES AFLAME erzählt die Geschichte einer Ehe: Akin, der Vater des Regisseurs, ist Nigerianer, die Mutter Grete Dänin. Die beiden lernten sich in Dänemark kennen und zogen nach der Heirat 1974 nach Nigeria. Dort lebten sie bis 1991 mit ihren drei Kindern – Akin hatte eine Hühnerfarm, Grete arbeitete als Lehrerin. 1991 ging Grete mit den Kindern wegen der politischen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten in Nigeria mit den Kindern nach Dänemark. Akin folgte 1992, ging aber nach kurzer Zeit wieder nach Nigeria zurück. Anschließend führte das Paar für mehr als zwei Jahrzehnte eine Fernehe, die zerbrach, nachdem ihr Sohn Jide ein Geheimnis aufdeckte.

Der erste Film von Jide Tom Akinleminu hieß PORTRAIT OF A LONE FARMER (2013) und war ein Film über seinen Vater. Beim Dreh für diesen Film fand er 2010 heraus, dass sein Vater in Nigeria eine zweite Familie gegründet hatte, ohne jemals mit seiner Mutter darüber zu sprechen. WHEN A FARM GOES AFLAME ist der Versuch des Regisseurs, die am Anfang gestellten Fragen zu beantworten. Wir hören Auszüge aus Briefen im Laufe der Ehejahre, wir verfolgen Gespräche zwischen Mutter und Sohn in Dänemark und Vater und Sohn in Nigeria. Akinleminu besucht seinen Halbruder, der in Edmonton studiert: Dabei stellt sich heraus, dass die Familie in Nigeria von der Familie in Dänemark wusste, aber umgekehrt war das nicht der Fall. Heute will der Halbbruder nicht über die Vergangenheit reden.

Auch Grete beantwortet die Frage ihres Sohnes, warum sie selbst nie Fragen gestellt habe, nicht wirklich. Einmal sagt sie über sich selbst: „Man kann so verständnisvoll sein, dass man einen Teil von sich tötet.“ Und später im Film, als es um die Scheidung geht, in die ihr Mann nicht einwilligen will: „Wenn er keine Scheidung will, sollte er mein Mann sein.“ Aber Grete ist nun klar, dass Akin das schon lange nicht mehr war. Kurz nach ihrer Ankunft in Dänemark vor 30 Jahren hatte Grete in einem Brief geschrieben: „Wir sind noch zusammen, auch wenn wir getrennt sind.“ Dieser Wunsch ist nicht in Erfüllung gegangen.
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© Jide Tom Akinleminu

Die Gespräche zwischen Vater und Sohn sind ebenfalls sehr traurig. Der Vater will weder über seine Gefühle reden noch darüber, warum er damals seine Entscheidung für die zweite Familie getroffen hat. Jide Tom Akinleminu hat bei den Recherchen noch einen zweiten Halbbruder gefunden, mit dem er in Amerika ein Interview führt. Mit diesem Sohn hat der Vater nie Kontakt gehabt. In diesem Fall ist die Situation verwirrend. Der Vater gibt widerstrebend zu, dass er auf Druck seiner eigenen Familie die Vaterschaft anerkannt hat. Ist er der Vater? Das lässt sich nicht klären und ist das eigentlich wichtig? Die Sprachlosigkeit ist am Ende wichtiger als die Fakten.

In WHEN A FARM GOES AFLAME bleibt vieles unausgesprochen. Die Fragen, die der Regisseur am Anfang stellt, bleiben unbeantwortet. Das ist keine Schwäche des Films. Er schafft trotzdem oder gerade deswegen Raum für Emotionen – Trauer, Enttäuschung, auch Liebe. Auch das Zuschauen ist eine emotionale Erfahrung. Es ist ein Film, der es verdient, dass man ihn noch ein zweites Mal sieht.

04.03.21 17:25

PER LUCIO (For Lucio) von Pietro Marcello (Berlinale 2021)

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© Teche Rai

PER LUCIO, also Für Lucio, Pietro Marcellos Dokumentarfilm über den italienischen Sänger Lucio Dalla ist eigentlich ein Unding. Am Anfang führt Umberto Righi, genannt „Tobia“ und von 1966 bis zu Dallas Tod 2012 dessen Manager, ganz konventionell mit einer Anekdote in den Film ein. Beim ersten Auftritt, den er für Dalla managte, wollten die Besitzer des ausverkauften Clubs die Gage nicht zahlen. Darauf klaute Tobia ihnen Ihre Rolex-Uhren. Diese konnten gegen die Gage am nächsten Tag wieder ausgelöst werden. Mit diesem erfolgreichen Gaunerstück begann die 46-jährige Partnerschaft zwischen Musiker und Künstler. Danach beginnt ein impressionistischer Reigen aus Bildern und Musik, in dem ich oft die Übersicht verloren habe. Wo sind wir jetzt und in welchem Jahrzehnt? Zur Musik von Dallas montiert Marcello Bildmaterial aus Italiens Geschichte – vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zum Fall der Berliner Mauer. Lucio Dallas Songs liefern dazu einen hauchdünnen Faden. Und – oh Wunder – es funktioniert!

In seinen besten Momenten hat PER LUCIO einen unglaublichen Sog. Das beste Beispiel ist der Dallas Song „Nuvolari“ über den italienischen Rennfahrer Tazio Nuvolrai, der in der zweiten Hälfte der Zwanziger Jahre und in den Dreißiger Jahren einer der besten Rennfahrer der Welt war. Zum Song gibt es unwiderstehliche Bilder von Mille Miglia – wahrscheinlich aus den Dreißigern und Fünfzigern. Zu anderen Liedern gibt es bewegte Bilder von Familienszenen, Partys oder aus Fabriken und von der Feldarbeit, darunter offensichtlich viel Found Footage und andere Amateuraufnahmen. Dalla kommt meist nicht vor. Von ihm gibt es kurze Interviewauschnitte oder Bilder von Live-Auftritten.

Diese impressionistische, manchmal fast psychedelische Herangehensweise wird immer wieder unterbrochen von einem Gespräch beim Abendessen zwischen Tobia und Stefano Bonaga. Bonaga war Dallas ältester Freund, die beiden kannten sich seit ihrem sechsten Lebensjahr. In ihren Gesprächen beschreiben sie Facetten des Musikers, sein Interesse an den Ausgegrenzten, seine Zusammenarbeit mit dem Songtexter Roberto Roversi in den Siebziger Jahren – diese Songs bilden den Kern des Films. Doch auch den beiden langjährigen Wegbegleitern ist bewusst, dass sie den Künstler Lucio Dalla nicht fassen können. PER LUCIO versucht gar nicht erst, das zu tun - und genau deswegen ist der Film so gelungen. Charisma und Kreativität kann man sich nicht mit Fakten nähern, sondern mit Leidenschaft und Gefühl.

03.03.21 19:50

NIGHT RAIDERS von Danis Goulet (Berlinale 2021)

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© Christos Kalohoridis

Die Dystopie ist ein auf der Berlinale häufig zu sehendes Sub-Genre – wenn Science Fiction, dann wird es in gesellschaftlicher Hinsicht finster. Von dieser Regel macht auch NIGHT RAIDERS keine Ausnahme. Niskas (Elle-Máijá Tailfeathers) 11-jährige Tochter Waseese (Brooklyn Letexier-Hart) verletzt sich schwer am Fuß. Als ihr tief im Wald gelegenes Haus von einer Drohne entdeckt wird, fliehen die beiden und zünden das Haus sogar an, um Spuren zu verwischen. Denn im Jahr 2043 sind Kinder ab sechs Eigentum der Regierung und sollen in Akademien erzogen werden.

Stück für Stück legt Regisseurin Danis Goulet die Situation offen: Kanada ist jetzt ein Teil der USA, aber zwischen dem neuen Süden und dem neuen Norden gab es einen Bürgerkrieg. Im Norden leben die Rebellen und die Armen, im Süden die Regierungstreuen. Der Süden überwacht den Norden mit Drohnen und will vor allem seine Kinder haben, getrennt sind die beiden Teile durch einen Drahtzaun. Als sich Waseeses Zustand nicht bessert, steht Niska vor einer schwierigen Entscheidung: Soll sie ihre Tochter im Stich lassen? Dann würde sie medizinische Hilfe bekommen, aber auch unerreichbar für die Mutter auf einer Akademie erzogen werden.

NIGHT RAIDERS verwebt Einzelschicksale mit dem Schicksal der Gruppe, in diesem Fall der Rebellen. Die Frage ist – welches Schicksal ist wichtiger? Und noch eine ganz andere gesellschaftliche Ebene spannt der Film auf: Die Regisseurin, andere an der Produktion Beteiligte und auch die Darstellerinnen und Darsteller sind in der großen Mehrheit Indigene. Der Film ist eine kanadisch-neuseeländische Co-Produktion. Auf sehr spannende Art behandelt der Film ein Phänomen, unter dem Indigene über Jahrhunderte zu leiden hatten und noch zu leiden haben: Sie werden unterdrückt, als minderwertig angesehen, ihre Kultur wird nicht anerkannt – Umerziehung ist dafür nur ein Beispiel auch in demokratischen Staaten. Danis Goulet macht aus diesem Stoff einen smarten Sci-Fi-Thriller, der sein Publikum auch noch gut unterhält.

02.03.21 12:06

A RIVER RUNS, TURNS, ERASES, REPLACES von Shengze Zhu (Berlinale 2021)

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Flüsse sind Verkehrswege und Lebensadern. Kreuzungen in Städten sind Orte, an denen Menschen sich begegnen. Auch hier pulsiert normalerweise das Leben. Doch auf der Kreuzung, die Shengze Zhu zu Beginn ihres Films in langen Einstellungen mit unbewegter Kamera zeigt, ist nichts normal. Es sind kaum Menschen auf der Straße und die, die zu sehen sind, tragen Masken. Außer kleinen Transportmotorrädern, die ab und zu auftauchen und verschwinden, gibt es keinen Verkehr.

Wir sind in Wuhan. Die erste Aufnahme der Auftaktsequenz an der Kreuzung stammt vom 15. Februar 2020, die letzte vom 4. April um 10 Uhr. Mehr als drei Minuten verharren die wenigen Menschen und auch die Transportmotorräder. Die Motorräder hupen. Menschen filmen mit Handys – eine Gedenkminute. Dann ein harter Schnitt. Menschenmassen an einer breiten Flusspromenade. Sie bestaunen die Hochhäuser am gegenüberliegenden Ufer, die wie eine Leinwand für riesige LED-Farbspiele genutzt werden – wieder eine lange Einstellung. Dann erneut ein harter Schnitt: Bauarbeiten an einer Brückenbaustelle.
Nach dem Auftakt in der Stadt werden der Fluss, es ist der Jangtse, und die große Brücke, die gebaut wird, zu Hauptdarstellern von A RIVER RUNS, TURNS, ERASES, REPLACES.

Shengze Zhu arbeitet während des gesamten Films ohne Dialoge. Zwischendurch tauchen als Schrift Ausschnitte aus Briefen oder Nachrichten auf. Es sind Nachrichten an Verstorbene wie diese. „Ich hätte nie geglaubt, als ich 2017 in die USA ging, dass ich so lange nicht mehr nach Wuhan komme. Jetzt habe ich die neue Brücke gesehen, auf die Du so stolz warst. Wo bist Du? Du bist 32 Jahre mein Vater gewesen und ich habe nie darüber nachgedacht.“

Immer wieder taucht diese Brücke im Bild auf, mal spielen Hunde am Ufer unter ihr, mal wird sie zu einer Lichtinszenierung in einem Multimediakunstwerk. Die Brücke und der Jangtse sind immer da, um sie herum ändert sich alles. Der Film endet mit alten Fotos – wohl aus der Jugend der Menschen, die jetzt die Nachrichten erhalten. Es sind schwarz-weiß Bilder aus einer anderen Zeit. Man sieht es an der Kleidung, man sieht es an den Menschen selbst. Der Fluss im Hintergrund fließt wie immer.

TIDES von Tim Fehlbaum (Berlinale 2021)

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Als die Menschheit der Ressourcen der Erde fast aufgebraucht hatte, verabschiedete sich die Elite und besiedelte den Planeten Kepler 209. Zwei Generationen später startete die Mission Ulysses I von Kepler 209 zum alten Heimatplaneten, um festzustellen, ob ein Leben auf der Erde wieder möglich sei. Der Kontakt zur Raumkapsel brach vor der Landung ab. TIDES beginnt, als die Nachfolge-Mission Ulysses II einen harten Touchdown auf der Erde macht.

Science-Fiction-Filme faszinieren uns so, weil sie uns vermeintlich etwas über die Zukunft erzählen, aber in Wahrheit Probleme der Gegenwart verhandeln. Genau das macht Regisseur Tim Fehlbaum, der mit Mariko Minoguchi auch das Drehbuch geschrieben hat, in TIDES – und er macht das ganz hervorragend: Obwohl die Ausgangssituation des Films in fetten Buchstaben den Gedanken KLIMAKATASTROPHE auf die Stirn des Zuschauers stempelt, ist TIDES nie eine platte Öko-Parabel. Es geht um Familie, Gruppenzwang, Mut, Feigheit. Um autoritären Irrsinn und koloniale Allmachtsphantasien.

TIDES ist dabei nicht nur komplex, sondern auch spannend und intelligent. Für den Kampf der jungen Astronautin Blake (Nora Arnezeder) schafft der Film vom ersten Moment an eine eigene Welt, mit beeindruckenden Kamerafahrten von Markus Förderer und dem genialen Szenenbild von Julian R. Wagner. Schon am ersten Berlinale-Tag blutete mir das Herz: Denn diese Geschichte braucht die Kinoleinwand und nicht den Fernseher im Wohnzimmer, um sie in vollen Zügen genießen zu können. TIDES ist Genrekino wie ich es auf der Berlinale gerne öfter sehen würde – gerade auch in einer Wettbewerbssektion und nicht „nur“ im Berlinale Special.

Foto: © Gordon Timpen / BerghausWöpke Filmproduktion GmbH

09.03.20 14:34

BERLINALE protestiert gegen Haftanordnung für Mohammad Rasoulof

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Die Berlinale protestiert gegen die Haftanordnung der iranischen Behörden für den Regisseur Mohammad Rasoulof, dessen Film SHEYTAN VOJUD NADARAD (There is no evil) bei der diesjährigen 70. Berlinale den Goldenen Bären für den besten Film gewonnen hatte. Rasoulof wurde 2019 aufgrund seiner Filme wegen „Propaganda gegen das System“ zu einer Haftstrafe von einem Jahr und einem zweijährigen Berufsverbot verurteilt. Außerdem darf er den Iran nicht verlassen. Die Haftstrafe war bislang nicht vollstreckt worden. Am 4. März wurde Mohammad Rasoulof vom zuständigen Richter in Teheran aufgefordert, die Haft anzutreten. Zahlreiche weitere deutsche und europäische Filminstitutionen protestieren ebenfalls gegen die Haftanordnung.
Foto: © Cosmopol Film

27.02.20 21:14

SURGE von Aneil Karia (Berlinale 2020)

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SURGE, das ist die elektrische Überspannung oder eine Spannungsspitze. Am Anfang ist SURGE ein Film über Arbeit. Joseph (Ben Whishaw) tastet an der Flughafen-Sicherheitsschleuse die Passagiere ab. Er ist übernervös und überkorrekt, seine Anspannung ist körperlich spürbar. Unwillkürlich fragt man sich: Nimmt ein Sicherheitsmann jeden Menschen als Bedrohung wahr? Ist das vielleicht eine Berufskrankheit? Nein. Joseph ist hilfsbereit und zeigt Mitgefühl, als er einen alten, verängstigen Mann in einen Nebenraum bitten muss, um ihn nochmals zur durchsuchen. Paranoid ist nicht der Sicherheitsmann, sondern eher die Gesellschaft, die diese Simulation von Sicherheit anordnet. Und trotzdem: Schnell wird klar, dass Joseph große psychische Probleme hat.

Josephs Weg nach Hause nach der Arbeit trägt nicht dazu bei, seine (und unsere) Nerven zu beruhigen. Nervosität und Aggressivität sind überall in London zu spüren. Joseph nimmt mit niemand Blickkontakt auf. Der Nachbar macht vor dem Mietshaus mit seinem ekelhaften Quad einen Höllenlärm, Joseph lässt es geschehen. Dann sitzt er mit einem Fertiggericht vor dem Fernseher. Seine Isolation ist mit den Händen zu greifen.

Am Wochenende nimmt er den Zug zu seinen Eltern. Sein Vater holt ihn vom Bahnhof ab. Schon als Joseph ins Auto steigt, ist die Atmosphäre aufgeladen. Unterschwellige Aggression vom Vater und vorsichtig beschwichtigende Gesten vom Sohn. Zu Hause angekommen wird der Nachmittag bei den Eltern zur Tortur. Eigentlich sollte Joseph seinem Vater beim Aufstellen einer Waschmaschine helfen, so jedenfalls der Plan der Mutter. Doch der Vater wehrt jeden Hilfsversuch aggressiv ab. Dann präsentiert die Mutter einen nachträglichen Geburtstagskuchen, doch der anschließende Familienkaffee wird zum Fiasko. Kein Gespräch, nicht mal echter Blickkontakt mit den Eltern. Mir selbst Schwitzen im Kino die Handflächen. Josephs Mutter sieht so müde und verzweifelt aus, als würde sie am liebsten aus dieser Welt verschwinden. Ihr Sohn ist so angespannt, dass er beim Trinken ein Glas zerbeißt. Er rennt ins Bad, spuckt Blut und flieht dann aus dem Haus.

Es ist mehr zerbrochen als ein Glas. Joseph fährt zurück nach London und steigert sich schon auf dem Weg in einen manisch psychotischen Zustand. An dieser Stelle scheint Aneil Karias Film in eine ausgefahrene Spur abzubiegen: Die Geschichte vom Mann, der durchdreht, FALLING DOWN, EIN MANN SIEHT ROT, das sind sofort die Assoziationen. SURGE folgt diesem Handlungspfad für einige Zeit. Die Bildmontage und die Kameraführung verstärken das Gefühl der Angst, Verwirrung und Aggression – Josephs Psyche zerfällt vor unseren Augen. Wir warten nervös auf eine nächste Eskalation. Die folgt, ist aber ganz anderer Art als vermutet. Mehr wird hier nicht verraten. SURGE ist da noch lange nicht vorbei. Der Film spielt mit Elementen eines klassischen Thrillers, erzählt aber eine Geschichte, die gleichzeitig von der Paranoia des Einzelnen und der Gesellschaft handelt. Es sind die Regeln, nach denen die Gesellschaft funktioniert, die die Menschen verunsichern und aggressiv machen - im Großen wie im Kleinen. Aneil Karia beweist, dass gesellschaftliche Relevanz und Spannung keine Gegensätze sind.

Fotos: © Rooks Nest Entertainment

26.02.20 20:37

THE TROUBLE WITH BEING BORN von Sandra Wollner (Berlinale 2020)

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Wer ist Elli oder besser: Was ist Elli? Elli sieht fast aus wie ein 10-jähriges Mädchen, sie spricht fast wie ein 10-jähriges Mädchen und sie macht fast dieselben Dinge wie ein 10-jähriges Mädchen. Dieses „fast“ ist es, was den Zuschauer beunruhigt. Ellis Gesicht ist seltsam starr, sie blinzelt nie. Elli ist ein Android, aber das ist nicht das, was Unbehagen auslöst. Elli ist ein Android an der Schwelle zum bewussten Wesen. Sie lebt bei einem Mann, den sie „Papa“ nennt. Als Elli einmal über Nacht im Schwimmbecken bleibt, muss Papa sie am nächsten morgen booten, damit sie wieder aktiv wird. Oder ist es eine Wiederbelebung?

THE TROUBLE WITH BEING BORN ist ein ungewöhnlicher, erstklassiger Science-Fiction-Film. Er fängt harmlos an, aber die Spannung beim Zuschauen wird schnell zur Anspannung. So geschickt ist die Inszenierung von Sandra Wollner und die Kameraführung und die Bildkomposition von Timm Kröger lösen böse Vorahnungen aus, ohne dass wir genau wissen warum. Schnell wird deutlich, dass Elli kein Bewusstsein hat, keine Vorstellung von sich selbst als Person, keinen ihr eigenen Willen. Trotzdem: Die Beziehung des Vaters zu Elli – Ist möglich und richtig die Begriffe „Vater“ und „Tochter“ zu verwenden? – ist nach und nach nicht nur von Zuneigung, sondern auch von sexueller Begierde geprägt. Das anzusehen, ist schwer erträglich. Ist es auch moralisch verwerflich? Elli ist ein Objekt, kein lebendes, fühlendes, denkendes Wesen. Oder doch?

In einer kurzen Szene, die eine Rückblende oder eine Erinnerung des Vaters sein könnte, sehen wir die menschliche Elli, die der Androidin fast gleicht. Wir verstehen auch, dass die „echte“ Elli vor vielen Jahren verschwunden ist. Ändert das unsere Bewertung des aktuellen „Vater-Tochter-Verhältnisses“? Wenn ja wie – und vor allem warum? Das Drehbuch, das Sandra Wollner und Roderick Warich geschrieben haben und seine brillante filmische Umsetzung werfen interessante Fragen und ethische Probleme auf. Eine spannende Wendung im zweiten Teil macht die Sachlage noch komplexer. THE TROUBLE WITH BEING BORN ist als Science Fiction der Gegenwart nur noch einen kleinen Schritt voraus. Das spüren wir als Zuschauer und das macht die Geschichte so spannend. Wie ganz einfache filmische Mittel eingesetzt werden, um diese noch zu steigern und auch den Intellekt zu kitzeln ist bewunderungswürdig.

Fotos: © Panama Film

NEVER RARELY SOMETIMES ALWAYS von Eliza Kittman (Berlinale 2020)

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Wie oft hat sich ein Sexualpartner geweigert, ein Kondom zu tragen? Nie, selten, manchmal, immer? Wie oft hat ein Sexualpartner Deine eigene Verhütung verhindert oder erschwert? Nie, selten, manchmal, immer? Wie oft wurdest Du gegen Deinen Willen zum Geschlechtsverkehr gedrängt? Nie, selten, manchmal, immer? Wie oft wurdest Du körperlich bedroht oder geschlagen? Nie, selten, manchmal, immer? Die Helferin der Abtreibungsklinik in Manhattan stellt der 17-jährigen Autumn (Sidney Flanigan) die Fragen mit sanfter Stimme. Sie will feststellen, ob Autumn zu Hause in Pennsylvania nach der Abtreibung auch sicher ist. Weil Abtreibung in Pennsylvania für Frauen unter 18 die Zustimmung eines Elternteils erfordert, ist Autumn gemeinsam mit ihrer Cousine Skylar (Talia Ryder) für den Eingriff mehrere hundert Meilen mit dem Bus gefahren.

Zuvor war Autumn für einen Schwangerschaftstest und eine anschließende Ultraschalluntersuchung in einer Klinik ihres Heimatortes. Dort war es nicht nur unmöglich, eine neutrale Beratung zu bekommen, sondern die Ärztin machte auch bewusst falsche Angaben über das Alter des Fötus. Statt wie behauptet 10 Wochen war der Fötus 18 Wochen alt. Deshalb wird der Abbruch der Schwangerschaft wesentlich komplizierter Die beiden Frauen müssen in eine zweite Klinik fahren. Autumn erträgt das mit stoischer Ruhe, obwohl die Hürden, die sie überwinden muss, immer höher werden. Erst die die Fragen der Betreuerin von Planned Parenthood legen Ihre Gefühle offen. Nicht auf alle Fragen kann oder will sie antworten, der seelische Schmerz ist ihr deutlich anzusehen.

Eliza Hittmans Film beschreibt eine Situation, die für minderjährige Frauen in den USA alltäglich ist. In 37 der 50 Bundesstaaten brauchen Minderjährige die Zustimmung mindestens eines Elternteils für eine Abtreibung. In der stillen und kleinen Geschichte wird deutlich, wie schwierig die Lage für Frauen wie Autumn inzwischen geworden ist. Sie haben praktisch keine Unterstützung, wenn sie in einem Bundesstaat mit restriktiver Abtreibungspolitik leben. Autumn kann sich nur auf die Solidarität ihrer Cousine verlassen. Der Film bleibt ganz nah an seinen beiden Protagonistinnen, zeigt die Probleme und die Risiken, die die auf sich nehmen müssen, die ihr Recht auf die Beendigung einer Schwangerschaft wahrnehmen wollen. Er zeigt auch an vielen kleinen Details, wie feindlich das Klima in den USA geworden ist, gegenüber Frauen, die über ihr Leben entscheiden wollen.

NEVER RARELY SOMETIMES ALWAYS hat auf dem Sundance Festival den U.S. Dramatic Special Jury Award Neorealism gewonnen. Der Film ist hoffentlich auch auf der Berlinale 2020 preiswürdig. Wie wäre es mit Bestes Drehbuch für Eliza Hittman? Besondere Aufmerksamkeit verdient auch die schauspielerische Leistung der Hauptdarstellerin Sidney Flanigan. Es ist ihr erster Film.

Foto: © Focus Features

25.02.20 9:00

SIBERIA von Abel Ferrara (Berlinale 2020)

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Clint (Willem Dafoe) lebt mit seinen Huskies in einer Holzhütte in einer kargen, einsamen Berglandschaft. In einer etwas größeren Holzhütte betreibt er eine Bar. Ab und zu kommt ein Jäger vorbei. Clint wird gequält von brutalen und bedrohlichen Erinnerungen, offensichtlich von Schuldgefühlen. Eine alte und eine junge russische Frau kommen in die Bar und bestellen Wodka. Die alte Frau öffnet den Mantel der jungen Frau, sie ist darunter nackt. Sie ist schwanger. Clint küsst ihren Bauchnabel und ihre Brüste. Passiert das alles wirklich oder sind das nur Bilder, die in Clints Kopf existieren? Abel Ferraras SIBERIA lässt die Grenze zwischen innerem Erleben und wahrgenommener Realität verschwinden.

Clint macht sich mit seinen Schlittenhunden auf den Weg. Er begegnet seinem Vater, seiner Mutter, seiner Ex-Frau. Er schläft in einer Höhle, er sieht dort eine kleinwüchsige nackte Frau im Rollstuhl. Er läuft mit seinen Huskies durch die Wüste und trifft Nomaden mit ihren Kamelen. Trotz dieser fiebrigen, surrealen Bilder entwickelt SIBERIA einen assoziativen Handlungsstrom. Dafoe fokussiert mit seiner ruhigen und aufrichtigen Darstellung alle Aufmerksamkeit auf sich. Eine der schönsten Szenen: Clint tanzt erst alleine zu Del Shannons Runaway und dann im Kreis zusammen mit kleinen Mädchen und bunten Bändern in einer Art Ringelreihen um einen Maibaum herum – die Huskies laufen durchs Gras.

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Abel Ferrara macht seit 50 Jahren Filme. Sein großer, harter, wunderbar trashiger Gangsterfilm THE KING OF NEW YORK (Wie wunderbar? Einfach mal Quentin Tarantino fragen.) wird dieses Jahr 30 Jahre alt. Zwischen diesem Film und SIBERIA liegen Welten. Ferrara hat sich von Gangstern, harten Kerlen und den konventionell erzählten Geschichten verabschiedet, sein Gefühl für ungewöhnliche und beeindruckende Bilder ist geblieben. Für SIBERIA muss man in der Stimmung sein, das Langsame und das Rätselhafte zu akzeptieren. Was zu rauchen, kann wahrscheinlich auch nicht schaden, wird aber oft im Kino nicht gerne gesehen.

Fotos: © Vivo Film, maze pictures, piano

24.02.20 21:42

EFFACER L’HISTORIQUE Benôit Delépine und Gustave Kervern (Berlinale 2020)

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„Meine Muschi ist in der Cloud“, schreit Marie (Corinne Masiero) entsetzt und meint natürlich ein Video ihrer Muschi. Das hat der schmierige Typ gedreht, mit dem sie in einer öden Vorstadtbar abgestürzt ist. Die gesamte Vorstadtsiedlung ist übrigens mindestens genauso öde wie die Bar. Das Wort alptraumhaft trifft es noch besser als öde. Das Sex-Video ist nur eines von Maries Problemen. Sie hat ständig einen im Tee, ist pleite und ihr Mann ist mit dem Sohn ausgezogen. Ach ja, nicht zu vergessen – der Schmierlappen erpresst sie. Wer jetzt ein französisches Sozialdrama erwartet, liegt falsch: EFFACER L’HISTORIQUE ist eine grelle Satire auf die Social-Media-Welt, die Menschen wie Marie nicht nur in den Wahnsinn, sondern auch in die Verblödung treibt. Ob die Verblödung oder der Wahnsinn gewinnt, das ist noch offen.

Bertrand (Denis Podalydès) ist ein Nachbar von Marie. Auch er hat mit den neuen Medien Probleme: Seine Tochter wird von Cyber-Bullies gemobbt und er selbst hat eine suchtverdächtige Beziehung zu einer Telefonverkäuferin in Mauritius, die ihm eine Glasveranda und Gartenbaubedarf verkaufen. Es ist so angetan von der Frauenstimme, dass sie ihn nicht nur zu häufigen Telefonaten, sondern zu autoerotischen Eskapaden im Bad animiert. Die dritte Kandidatin, der die schöne neue Online-Welt zu schaffen macht, ist die Uber-Fahrerin Christine (Blanche Gardin), deren Bewertungen so schlecht sind, dass das Geschäft nicht läuft.

Die drei Nachwächter der Medienkompetenz geraten immer tiefer in einen Strudel von Social-Media-Hysterie und Konsumwahn. Zwar bereitet ihnen ihr Online-Leben nur Probleme, aber shoppen können sie wie die Weltmeister. Verzweifelt machen sich Marie und Bertrand nach Kalifornien und Mauritius auf, um wieder die Hoheit über die eigene Daten-Biographie bzw. das Herz der säuselnden Veranda-Verkäuferin zu gewinnen.

Benôit Delépine und Gustave Kervern haben eine Satire gedreht, die thematisch wenig Neues bringt. Sie funktioniert, weil sie und das Schauspielensemble keine Scheu vor Übertreibung, Geschmacklosigkeit und Gemeinheit haben. Etwas zu lachen auf der Berlinale: Oft übernehmen das schwarzhumorige skandinavische Arthouse-Komödien, in diesem Jahr sind die überdreht-zynischen Franzosen dran.

Fotos: © Les Films de Worso - No Money Production

23.02.20 13:30

AUTOMOTIVE von Jonas Heldt (Berlinale 2020)

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Audi. In Ingolstadt ist Audi mehr als eine Automarke und mehr als eine Firma. In Ingolstadt ist Audi der wichtigste Taktgeber für die Wirtschaft einer ganzen Region. Dass „die Wirtschaft“ nichts Abstraktes ist, zeigt Jonas Heldts Dokumentarfilm AUTOMOTIVE am Beispiel von zwei Frauen: Seda ist Leiharbeiterin für den Logistikdienstleister Imperial, der im Auftrag von Audi Lager und andere Logistikservices übernimmt. Eva ist eine Headhunterin, die vor allem Fachkräfte für Automatisierung in Produktion und Logistik vermittelt. Denn das ist das große Thema, vor dem sich die Doku abspielt: Audi ist wie die ganze Automobilindustrie im Umbruch: Internationale Produktionsketten gibt es schon lange, die Automatisierung und die Digitalisierung verändern jetzt zusätzlich die gesamte Fertigung.

AUTOMOTIVE hat beide Frauen zwei Jahre im Arbeitsalltag begleitet. Was sofort auffällt: Beide mögen ihren Job und sind stolz auf das, was sie machen. Seda kommissioniert im Lager Teile mit digitaler Unterstützung von Headset, RFID-Scanner und Computerstimme. Eva telefoniert mit hochbezahlten Spezialisten und klopft ab, ob sie nicht den Arbeitgeber wechseln wollen.

Als es bei Audi in Ingolstadt die Produktion stockt, unter anderem weil in einem ungarischen Werk und in einem Werk in Ingolstadt gestreikt wird, verliert Seda ihre Arbeit. Als Leiharbeiterin gehört sie immer zu den ersten, die gehen müssen. Für Seda hat das sofort Auswirkungen. Das Geld für die Miete wird knapp. Aber für die Zwanzigjährige, die Erzieherin gelernt hat, ist klar: Sie will mit Autos zu tun haben, nicht mit Kindern. Worauf sie hinarbeitet? Auf einem Mercedes A-Klasse. Sie gibt zu: „Status ist mir wichtig.“
Deshalb kämpft Seda für einen neuen Job. Sie spricht mit ehemaligen Kollegen, sie spricht mit dem Vertreter der IG Metall. Wann kann sie wieder als Leiharbeiterin bei Imperial anfangen? Wann gibt es die Möglichkeit, dort auch einen festen Job als Lagerarbeiterin zu bekommen. Die Arbeitsagentur bietet ihr Stellen im Kindergarten an, sie will eine Fortbildung zur Gabelstaplerfahrerin machen und bekommt die Zuschüsse dafür.

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Für Eva dagegen bedeutet der Wandel in der Automobilindustrie gutes Geschäft. Automatisierungsspezialisten sind gefragt. Sie versucht, die richtigen Kandidaten mit den richtigen Arbeitgebern zusammenzubringen und telefoniert, was die Stimme hergibt. Wovon sie träumt? Sie will mit ihrer Partnerin in der Karibik ein Hotel aufmachen. Sie glaubt, dass es ihren Headhunterjob noch lange geben wird, aber ganz sicher ist sie sich auch nicht. Am Jahresende feiert Eva mit ihren Kollegen ein erfolgreiches Geschäftsjahr. Auch Seda kann sich freuen: Sie hat den Staplerschein gemacht und bekommt von Imperial einen Festanstellungsvertrag mit sechsmonatiger Probezeit.

AUTOMOTIVE wirft einen Blick auf eine Branche, der die großen Umbrüche jetzt bevorstehen. Für den Bau eines Elektromotors werden ca. 40 Prozent weniger Arbeitskräfte gebraucht. In der digitalisierten Produktion und Logistik übernehmen Roboter schon jetzt viele Arbeiten, auch das Staplerfahren. Angesichts dieser Fakten verblüfft es, wie gelassen alle im Film Gezeigten bleiben: Der Betriebsrat von der IG-Metall, der Lagerleiter von Imperial, der Chef eines Entwicklungsteams bei Audi, aber auch die beiden Protagonistinnen – alle blicken positiv in die Zukunft. Der Film von Jonas Heldt ist so interessant, weil er nicht dem Modus der klassischen Sozialreportage folgt: Er prangert keine Missstände an oder beklagt gesellschaftliche Ungerechtigkeit. Er wertet nicht oder kommentiert, sondern lässt einfach seine Protagonisten zu Wort kommen.

Fotos: © Jonas Heldt

PERSIAN LESSONS von Vadim Perelman (Berlinale 2020)

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Weil Menschen eine Sprache haben, haben auch Nazis eine Sprache – gewiss keine schöne. Das wird bereits in der Eröffnungsszene von Vadim Perelmans PERSIAN LESSONS klar, in der der Hauptsturmführer Klaus Koch (Lars Eidinger) die Aufseherin Elsa (Leonie Benesch) zusammenschreit, weil sie keine gleichförmigen Buchstaben schreibt und die Linien in ihren Gefangenenlisten unordentlich gezogen sind. Sprache und Erinnerung, das sind die beiden großen Themen des Films. Das Sprachvermögen und das Erinnerungsvermögen sind zutiefst menschliche Fähigkeiten. Die beiden Menschen im Zentrum des Films sind SS-Hauptsturmführer Koch, der für die Offiziersküche eines Übergangslagers verantwortlich ist, und der jüdische Gefangene Gilles (Nahuel Pérez Biscayart), der behauptet, ein Perser namens Reza zu sein. Weil Koch davon träumt, nach dem Krieg in Teheran ein Restaurant zu eröffnen, macht er Gilles zu seinem Sprachlehrer. Für Gilles ist das eine kleine Chance, sein Leben zu retten. Aber um das zu schaffen, muss er seine eigene Version von Farsi erfinden und sie dem Hauptsturmführer beibringen, ohne dass der Schwindel auffliegt.

Gilles steht nun vor der Herausforderung, Worte und ihre Bedeutungen aus dem Nichts zu erschaffen. Das klingt auf den ersten Blick einfach, ist auf den zweiten Blick aber unfassbar schwierig. Schließlich muss sich Gilles die Worte auch merken, die er erfindet. Er gewinnt das Vertrauen des SS-Manns Koch und durch Sprache entsteht Nähe. Die Worte, die Gilles sich ausdenkt, klingen schön: Bala – Löffel, Rut – Teller, Radj – Brot. Radj führt in die Katastrophe. Als Koch während eines Picknicks nach dem Wort für „Baum“ fragt, sagt Gilles „Radj“. Durch diesen Fehler fühlt Koch sich betrogen. Er schlägt Gilles halb tot und verbannt ihn in den Steinbruch zur Arbeit mit den anderen Häftlingen.

Erst nachdem Gilles zusammenbricht und im Delirium in seinem erfundenen Farsi murmelt, glaubt der Hauptsturmführer, dass er doch Perser ist. Nun wird die Beziehung der beiden Männer noch enger. Gilles darf jetzt sogar Kochs Schreiber sein. Ja, der SS-Mann, der sich in seiner vermeintlichen Herrenmenschenrolle durchaus gefällt, will gemocht werden. Wie gesagt, Sprache erzeugt Nähe. Gilles hat mittlerweile ein System gefunden, wie er den Wortschatz von Koch erweitert. Er nimmt Teile der Häftlingsnamen aus den Listen und macht aus ihnen falsches Farsi. Mit dieser Methode kann er sich auch perfekt an seine Wortschöpfungen erinnern.

Um die Beziehung von Koch und Gilles herum erzählt der Film ein ebenso alltägliches wie brutales Lagerleben. Banale Liebesgeschichten zwischen dem Küchen- und Wachpersonal wechseln mit Erschießungen, komische Szenen wechseln mit blutig-tragischen. Eidinger und Biscayart sind in ihren Szenen spannend und berührend, manchmal komisch und immer überzeugend. Der Film selbst kippt manchmal und wird zur Farce: Auf einmal sind Gerüchte über die Penislänge des Lagerkommandanten ein wichtiges Thema, der Lageralltag bleibt grimmig und gewalttätig. In solchen Momenten ist PERSIAN LESSONS hart an der Grenze zur moralischen Obszönität. Hat es der Film „verdient“, Fragen von Schuld zu diskutieren, wenn er das Banale und Blöde so neben das Moralische stellt und dabei mit Pathos nicht spart? Ich habe selbst keine klare Antwort darauf.

Gilles weiß schon lange, dass seine Sonderstellung auch ein Fluch ist. Seine Beziehung zu Koch – „sag Klaus zu mir“ – ist mittlerweile so eng, dass Gilles ihm sogar anklagende Fragen stellen kann. Irgendwann marschieren die Amerikaner auf das Lager zu. Die SS-Kommandierenden verbrennen hektisch Akten, Koch flieht und Gilles überlebt. Er gibt den Amerikanern die Namen von fast 2.500 getöteten Häftlingen zu Protokoll, die er sich für seinen erfundenen Wortschatz ins Gedächtnis eingeprägt hat. Die Sprache und die Erinnerung sind nicht auszulöschen. Das ist eine Antwort, die mich überzeugt.

Foto: Hype Film

22.02.20 10:00

KIDS RUN von Barbara Ott (Berlinale 2020)

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Andi (Jannis Niewöhner) war ein Boxer. Na gut, eigentlich war er kein Boxer, sondern einer, der sich für ein paar Euro auf nicht mal drittklassigen Fight Nights mit anderen in einem Ring geprügelt hat und dabei erstaunlicherweise Boxhandschuhe trug. Jetzt ist Andi ein noch junger Vater von drei Kindern – zwei im Grundschulalter ein Baby. Mit keiner der beiden Mütter ist er noch zusammen. Aber die beiden älteren Kinder wohnen bei ihm und auch um das Baby kümmert er sich so oft es geht. Andi jobt als Tagelöhner auf einer Baustelle und dem Müllplatz seines Ex-Trainers Mikael. Er steht seit Monaten kurz davor mit den Kindern aus seinem Wohnloch zu fliegen. Kurz: Andi ist seit langem nur noch ein paar Zentimeter vom Abgrund entfernt.

Schon zu Beginn von KIDS RUN steckt Andi und mit ihm seine Kinder in einer ausweglosen Situation. Der Vater ist überfordert. Kein Wunder – jedes Alltagsproblem kann zur Katastrophe werden. Wenn die Kinder morgens den Bus verpassen, verpasst Andi den abgeranzten Kleinbus, der ihn und die anderen „Penner“ (wie der Chef sie nennt) zur dystopischen Industriebrache bringt, die die Männer abreißen sollen. Keine Arbeit, keine Kohle, keine Wohnung: Das wäre das Ende für das prekäre Familienleben, an das Andi sich klammert.

Er klammert sich daran mit der Wut der Verzweiflung. Er streitet mit den Müttern, er schreit die Kinder an und macht ihnen Angst. Und trotzdem: In jeder Szene ist zu spüren, dass er die Kinder liebt und die Kinder ihn auch. Jannis Niewöhner gelingt es, dass wir mit Andi mitfiebern. Eigentlich ist Andi ein Held. Wohlgemerkt ein Held, der eine fluffige graugetigerte wenige Monate alte Katze vor den Augen seiner Kinder in einen Müllschlucker wirft.

Ein Held, der jetzt 5.000 Euro bei einem Amateur-Boxturnier gewinnen will, damit alles gut wird. Damit Sonja und das Baby zu ihm zurückkommen, damit sie die Wohnung behalten können und die Kinder Koffer für die Klassenfahrt kriegen. Es sei denn, Andi stolpert beim Kampf über den langen langen Bart dieser Drehbuchkonstruktion. Die ausgelutschte schon zig mal gesehene Macho-Geschichte des Boxers, der einen letzten Kampf gewinnen muss, ist die eine Schwäche des Films. Glücklicherweise wird sie mehr als ausgeglichen von den vielen kleinen Familienszenen. KIDS RUN bezieht seine Spannung aus dem Kampf, den Andi für seine Familie kämpft; nicht beim unappetitlichen Geprügel im Ring, sondern wenn er versucht, für die Kinder so etwas Ähnliches wie ein normales Leben zu kreieren. Darüber hinaus geht Regisseurin und Autorin Barbara Ott nicht in die Falle, die alte Boxerstory mit einem konventionellen Ende abzuschließen. Dieser dramaturgische Kniff, die Kamera von Falko Lachmund und das Szenenbild von Christiane Krumwiede heben den Film auf ein gutes Niveau. Nicht zu vergessen der Hauptdarsteller Jannis Niewöhner und auch die beiden Kinderdarsteller Giuseppe Bonvissuto und Eline Doenst.

Foto: ©Falko Lachmund, Flare Film

15.02.20 0:08

Berlinale 2015

2015 bekam TAXI von Jafar Panahi den Goldenen Bären. Ein Film den es gar nicht hätte geben dürfen. Denn seit 2010 darf der iranische Regisseur und Drehbuchautor keine Filme machen. Das beschloss das Iranische Revolutionsgericht im Dezember 2010. Das Verbot gilt für 20 Jahre. Am Anfang saß Panahi im Gefängnis. Nun steht er seit Jahren offiziell unter Hausarrest, kann sich aber teilweise im Iran frei bewegen. Seit 2010 hat der Iraner vier Filme gedreht. Für PARDÉ (Closed Curtain) gewann bei der Berlinale 2013 den Silbernen Bären für das beste Drehbuch, 2015 gewann dann TAXI den Goldenen Bären für den besten Film. 2018 beim Filmfestival in Cannes erhielt er gemeinsam mit seinem Co-Autor Nader Saeivar den Preis für das beste Drehbuch für seinen Film SE ROKH (Drei Gesichter).

Der 2015er Gewinner-Film TAXI zeigt Panahi, der den Regisseur Panahi spielt, wie er mit einem Taxi durch Teheran fährt. Es ist ein Film über politische Willkür, über bedrängte Menschen unter einer autoritär-religiösen Regierung und über das Filmemachen in einer unmöglichen Situation. Nun könnte man meinen, dass das Verbot, eine Farce, eine Art Spiel ist – das ist es keineswegs. Die iranische Anwältin Nasrin Sotoudeh, die in TAXI die Anwältin Nasrin spielt und von ihrer Arbeit berichtet, sitzt seit Juni 2018 wieder im Gefängnis. Panahis Filme erzählen immer von der gesellschaftlichen Realität, das war schon bei seinem Wettbewerbsbeitrag OFFSIDE von 2006 so, der von Frauen handelt, die im Iran ein Fußballspiel im Stadion sehen wollen. Er gewann den Großen Preis der Jury. Das Leben im Iran ist nicht einfacher geworden, weder für Filmemacher noch für andere Menschen.

14.02.20 0:05

Berlinale 2014

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Der Wettbewerb im Berlinale-Jahr 2014 war eine echte Wundertüte: BOYHOOD von Richard Linklater erzählte zwölf Jahre im Leben eines Jungen und einer Familie in knapp drei Stunden. Für die herausragende Langzeitbeobachtung bekam Linklater den Silbernen Regie-Bären. Für das beste Drehbuch wurden Anna und Dietrich Brüggemann mit Silber ausgezeichnet. Ihr Film KREUZWEG zeigt die Konsequenzen eines menschenfeindlichen christlich-fundamentalistischen Glaubenskonzepts. Der Film ist dann stark, wenn er seine Bilder wirken lässt und schwach, wenn er sein Publikum nicht selbst denken lässt, sondern durch bemühte Dialoge belehrt. KREUZWEG war einer von vier deutschen Beiträgen im Wettbewerb. Von denen ist mir auch JACK von Edward Berger im Gedächtnis geblieben.

Haften geblieben aus diesem Jahr sind auch Shia LaBeouf und seine braune Papiertüte. Letztere hatte LaBeouf über den Kopf gezogen und schritt so mit der Aufschrift „I’m not famous anymore“ über den Roten Teppich. Die so noch mehr beachtete Berühmtheit LaBeouf war als Darsteller von Lars von Triers NYMPHOMANIAC VOL. 1 zur Berlinale gekommen. von Triers düsterer, witziger und auch verstörender Film über das Sexualleben und die Obsessionen einer Frau (Charlotte Gainsbourg). Publikum und Kritiker reagierten positiv, bizarr war aber das NYMPHOMANIAC VOL. 1 eben nur der erste Teil war und der Film mit einem harten Schnitt im erzählerischen Niemandsland endete. Vielleicht war das ein Grund, warum der Film ohne jeden Preis blieb.

Ein großes Comeback feierte bei der Berlinale 2014 der Zoo Palast nach mehrjähriger Renovierungszeit war der Standort wieder da, das von 1957 bis 1999 das zentrale Wettbewerbskino in Berlin war – mit einem Saal 1 mit 773 Plätzen und Projektionstechnik auf der Höhe der Zeit.

13.02.20 0:05

Berlinale 2013

2013 ist Wong Kar Wai Präsident der Jury. Er brachte auch gleich den Eröffnungsfilm mit: YI DAI ZONG SHI (The Grandmaster). Mit der Geschichte eines Kung-Fu-Meisters hatte die Berlinale vorher noch nie begonnen, Tony Leung spielte den legendären Ip Man. Ein weiteres Novum: Erstmals verkaufte die Berlinale mehr als 300.000 Kinokarten.

Den Goldenen Bären gewinnt der rumänische Beitrag POZITIA COPILULUI (Child's Pose) von Calin Peter Netzer: Eine Mutter will ihren Sohn, der auf einer leichtsinnigen Autofahrt ein Kind tötet, um jeden Preis vor dem Gefängnis retten. Den Silbernen Bären für den Großen Preis der Jury geht an EPIZODA U ŽIVOTU BERACA ŽELJEZA (An Episode in the Life of an Iron Picker) von Danis Tanović. Der Regisseur drehte seine halbdokumentarische Sozialstudie mit Laiendarstellern, die zum Teil ihre eigenen Erlebnisse auf die Leinwand bringen. Einer von ihnen war der 2018 verstorbene Nazif Mujić, der auch mit Preis als Bester Hauptdarsteller ausgezeichnet wurde.

Ein echter Publikums- und Kritikerliebling war der chilenische Beitrag GLORIA von Sebastián Lelio. Paulina Carcia erspielte sich in der Titelrolle den Silbernen Bären für die Beste Hauptdarstellerin. Besondere Berlinale-Treue bewiesen Richard Linklater, Julie Delpy und Ethan Hawke: mit BEFORE MIDNIGHT zeigten sie auch den dritten Teil ihrer Before-Trilogie in Berlin.

23.01.20 6:00

Berlinale 1992

Wird die Berlinale von amerikanischen Filmen dominiert und gräbt so den anderen europäischen Festivals das Wasser ab, wenn es um Premieren großer US-Produktionen geht? Eine alte Diskussion gewinnt wieder an Fahrt. Der französische Kulturminister Jack Lang bläst sich mächtig auf und droht, das Festival von Cannes vorzuverlegen. Die Berliner reagieren nervös: Außenminister Genscher wird zu Hilfe gerufen. Am Ende ändert sich nichts. Natürlich. Wer glaubt schon, dass die Franzosen im Februar in Cannes Filme gucken wollen, wenn das Wetter auch an der Côte d'Azur nicht gerade freundlich ist?

Unterdessen ist die Berlinale weiter auf Identitätssuche. Wenn das Festival im Kalten Krieg die Brücke zwischen unterschiedlichen Systemen in Ost und West war, was soll sie dann in der Zukunft sein? „Eine Brücke zwischen den Kulturen im neuen Europa“, sagt Moritz de Hadeln. Aha. Europäische Regisseure bearbeiten dann auch historische Themen und scheitern nach Ansicht der Kritiker: Konchalovskys Der innere Kreis über den Filmvorführer Stalins „zu melodramatisch“, Geissendörfers Gudrun über den Alltag in Nazi-Deutschland „zu sentimental“ und Caminos "Der Lange Winter" über die Franco-Zeit „zu langweilig“.

Die verflixten Amis kommen dagegen mit Filmen, die gewalttätig und spannend sind: Scorsese fällt mit dem Remake von Kap der Angst nichts Neues ein, aber er hat de Niro. Paul Schraders Light Sleeper zeigt die düsteren aber verführerischen Wege eines Drogendealers der Upper Class und Warren Beatty zeigt in Barry Levinsons Bugsy, dass ein Visionär mit der nötigen kriminellen Energie auch die Wüste blühen lassen kann. Den Goldenen Bär gewinnt Lawrence Kasdans Grand Canyon, den viele Kritiker wieder für „zu seicht“ halten .

22.01.20 6:00

Berlinale 1991

Wie soll der zukünftige Kurs des Festivals in der vereinten Stadt aussehen? Die Erwartungen sind groß. Dann bricht einen knappen Monat vor der Berlinale der Zweite Golfkrieg aus und die Berlinale muss unter verschärften Sicherheitsvorkehrungen stattfinden. Im Wettbewerb laufen große Hollywoodproduktionen, die heute Klassiker sind: Das Schweigen der Lämmer und Der mit dem Wolf tanzt; dazu außer Konkurrenz Francis Ford Coppolas Der Pate III.

Trotzdem wird der Ton der Presse schärfer: Das Niveau sei enttäuschend, so heißt es, die Berlinale floppt im Ostteil der Stadt (Auslastung des International nur 25 Prozent). Besonders erbost die berichtende Zunft, dass sie für die Pressevorführungen in das Haus der Kulturen der Welt ausweichen muss. Insgesamt ergibt das schlechte Stimmung und harsche Kritik an der Festspielleitung.

Die Jury, Vorsitz Volker Schlöndorff, wirft zum Abschluss mit Bären um sich: Goldener Bär für Das Haus des Lächelns von Marco Ferreri, dafür gibt es Buh-Rufe bei der Verleihung. Dann gleich zwei Silberne Bären als ex aequo Spezialpreis der Jury für "Die Verurteilung" von Marco Bellocchio und "Satan" von Viktor Aristow. Ebenfalls nicht so recht entscheiden kann sich die Jury beim Silbernen Bären für die beste Regie, also gibt es je einen für Ricky Tognazzi und Jonathan Demme. Um die Verwirrung komplett zu machen, vergibt die Jury dann einen Silbernen Bären für eine herausragende Einzelleistung als Darsteller, Regisseur und Produzent an Kevin Kostner. Soviel Unentschiedenheit bringt natürlich Unkenrufe: Die Berlinale wird wieder einmal als orientierungslos abgeschrieben.

21.01.20 6:00

Berlinale 1990

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Antonio Banderas, Pedro Almodovar und Victoria Abril präsentieren "Atame!" auf der Berlinale 1990 (Quelle: Berlinale)

Schon bei der Berlinale 89 fühlt Moritz de Hadeln bei Horst Pehnert, stellvertretender Minister für Kultur in der DDR und Vorsitzender der Hauptverwaltung Film der DDR, vor, ob es nicht möglich sei, einen Teil des Berlinale-Programms auch in Ost-Berlin zu zeigen. Im Februar 89 scheint das noch in weiter Ferne. Am 9. November startet de Hadeln dann per Brief einen neuen Versuch aus „Berlin (West)“, wie es in dem Schreiben an Pehnert so schön heißt. Als am Abend desselben Tages die Mauer durchlässig wird, verbessern sich die Rahmenbedingungen für die Idee schlagartig.

De Hadeln handelt jetzt schnell und trifft sich am 24. November mit Pehnert und dem neuen Kulturminister der DDR, Dietmar Keller, auf der Leipziger Dokumentarfilmwoche. Die Gespräche werden in den darauf folgenden Tagen ausgeweitet. Schon am 6. Dezember stimmen die DDR-Verantwortlichen dem Plan zu, die Filme der Berlinale auch im Ost-Teil der Stadt zu zeigen. Schließlich laufen das gesamte Wettbewerbsprogramm, alle Filme des Kinderfilmfests und Teile des Panoramas im Kosmos und im Colosseum. Große Teile des Forums sind im International zu sehen. Insgesamt zählt die Berlinale im Ostteil 38.000 Zuschauer.

Auch sonst funktionieren bisher undenkbare Dinge: So gilt die Berlinale-Akkreditierung als amtliches Dokument für den Grenzübertritt in die DDR und der Zwangsumtausch entfällt. Über die Qualität der Wettbewerbsfilme wird eher genölt, was aber angesichts der politischen Entwicklungen nicht einmal zweitrangig ist. Julia Roberts, Sally Field und viele andere Stars lassen sich auf oder an der Mauer fotografieren. Die DEFA zeigt insgesamt sieben Regalfilme, die in der DDR verboten waren. Einmal mehr gibt es ex aequo zwei Goldene Bären: Für Costa-Gavras Music Box und für Jiri Menzels Film Lerchen am Faden, der in der Tschecheslowakei zuvor zwei Jahrzehnte lang verboten war.

17.01.20 6:00

Berlinale 1986

Aufregung! Weil „Die Zeit“ gegen die Berlinale polemisiert und unkt, dass das Münchner Filmfest bald mit einem eigenen Wettbewerb gegen Berlin antreten werde, gibt es FDP-Anfragen im Abgeordnetenhaus. Dann eröffnet Fellinis Ginger und Fred die Berlinale und München wird wieder zu einem beschaulichen Dorf an der Isar.

Alles ist gut! Alles ist gut? - von wegen. Denn das Innenministerium macht sich, ähem, Sorgen! Im Wettbewerb läuft Reinhard Hauffs Stammheim und ebenfalls im Wettbewerb, wenn auch außer Konkurrenz, ruft des Innenministers Spezl, Herbert Achternbusch, Heilt Hitler! (Spoiler Alert! Bierbichler pisst am Ende in den Starnberger See.). Bei Hauffs Film sind die Sicherheitsvorkehrungen scharf, trotzdem spritzt es Buttersäure im Zoo Palast. Stammheim bekommt den Goldenen Bären, aber ohne Eklat geht es nicht. Jurypräsidentin Gina Lollobrigida ist über die Jury-Entscheidung empört, spricht in der Verleihungsrede von einer kontroversen Jury-Diskussion und sagt deutlich, dass Sie gegen den Film gestimmt habe. Damit verstößt sie divenhaft aber ungalant gegen die Schweigepflicht der Juroren.

Das Forum gibt sich mit solchen Kindereien nicht ab, sondern betreibt politische Aufklärung auf hohem Niveau: Claude Lanzmann zeigt seinen fast zehnstündigen Dokumentarfilm Shoa über die Vernichtung der europäischen Juden durch die Nationalsozialisten. Auf mehreren Veranstaltungen diskutiert Lanzmann mit dem Publikum. Ebenfalls zum diesem Themenkreis gehören: Josh Waletzkys "Partisanen von Wilna" sowie Lea Roshs Filme "Ein Naziprozess" und "Vernichtung durch Arbeit".

16.01.20 6:00

Berlinale 1985

Die Frau und der Fremde vom Rainer Simon ist der einzige Film, der jemals mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde. Die Auszeichnung teilt er sich mit Wetherby von David Hare. Die Frau und der Fremde erzählt von einer Dreiecksbeziehung im Ersten Weltkrieg: Die deutschen Soldaten Richard (Peter Zimmermann) und Karl (Joachim Lätsch) lernen sich in einem russischen Kriegsgefangenenlager kennen. Richard erzählt viel über die Liebe zu seiner Frau Anna (Kathrin Waligura). Karl kann fliehen und schlägt sich zu Anna durch. Das Verhältnis der beiden wird immer enger, dann kehrt auch Richard aus der Gefangenschaft zurück.

Das Forum zeigt mit The Times of Harvey Milk einen der herausragendsten Dokumentarfilme überhaupt, der mittlerweile ein Klassiker ist. Rob Epsteins Filmreportage über den schwulen Bürgerrechtler Harvey Milk erhält im selben Jahr auch den Oscar als bester Dokumentarfilm. Das Forum setzt weitere Glanzlichter mit Secret Honor, Robert Altmans filmischem Kommentar zur Nixon-Zeit und mit Eberhard Fechners dreiteiliger Dokumentation des „Majdanek-Verfahrens“ Der Prozess (1 Anklage, 2 Beweisaufnahme, 3 Urteile). Das Forum bietet dieser Fernsehdokumentation damit eine internationale Plattform.

Sorgen macht sich einmal mehr das deutsche Innenministerium: Jean-Luc Godards Je vous salue, Marie bringt den biblischen Mythos von Maria und Josef auf die Leinwand, was insbesondere den Gründer der Pius-Bruderschaft, Bischof Lefebvre, fürchterlich aufregt. Da auch in Bayern irgendjemand französisch kann, steigt der Blutdruck von Friedrich Zimmermann. Moritz de Hadeln dagegen bleibt ruhig und Godards Film im Wettbewerb.

15.01.20 6:00

Berlinale 1984

Innenpolitischer Streit um die Freiheit der Filmkunst und die Filmförderpolitik nach der „geistig-moralischen Wende“: Innenminister „Old Schwurhand“ Friedrich Zimmermann (verurteilter Meineid-Schwörer von 1960, der aber 1961 wegen unterzuckerungsbedingter temporärer Debilität freigesprochen wurde) – sorgt sich um Herbert Achternbuschs Wettbewerbsfilm Wanderkrebs und um den Forums-Beitrag Meridian oder Theater vor dem Regen. Zimmermann (Partei? Na welche wohl? Richtig: CSU) und sein Ministerium verweigerten die Auszahlung von Fördermitteln an die Regisseure. Trotzdem liefen die Filme auf der Berlinale.
Merke also, zensieren können die Kalten Krieger auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs besser: Der geplante Eröffnungsfilm Prostschanje (Abschied von Matjora) von Elem Klimow wird vom sowjetischen Filmverband nicht freigegeben. Er läuft im Zeichen von Gorbatschows Reformen erst 1987 auf der Berlinale (Da ist Zimmermann immer noch Innenminister. Merke also auch, Glasnost und Perestroika kamen sowohl in Bonn als auch in Ost-Berlin mit Verspätung an).
Allgemein geklagt wird über die Unübersichtlichkeit des Festivals: Es gibt den Wettbewerb, Sondervorstellungen außer Konkurrenz im Wettbewerb, die Info-Schau, das Kinderfilmfest, das Mittelmeer-Panorama, die Reihe Deutsche Filme und diverse Retrospektiven. Im Forum gibt es die „Hommage an das ZDF-Fernsehspiel“ und zusätzlich zur Reihe „Neue Deutsche Filme“ die „Perspektiven“ mit Studenten- und Debütfilmen. Das war doch gar nicht so schwierig - alles klar?
Ach ja, John Cassavetes gewinnt mit Love Streams den Goldenen Bären. Das radikale Drama um die Alkoholexzesse eines Autors und seiner Schwester – in den Hauptrollen Cassavetes und Gena Rowlands – verstört einen großen Teil des Publikums.

06.01.20 6:00

Berlinale 1975

25. Berlinale: Endlich werden die Brüder und Schwestern aus dem „anderen Deutschland“ nicht nur in der Glotze von Wim Thoelke begrüßt, sondern sind auch bei der Berlinale dabei. Die UdSSR nahm im Jahr zuvor erstmals teil und nun hat auch das teutonisch-sozialistische Bruderland die Erlaubnis vom Obersten Sowjet, sich im Zoo-Palast zu präsentieren. Im Gepäck für den Wettbewerb hat Frank Beyer den später für den Oscar nominierten Jakob der Lügner, einen gelungenen Film nach dem noch viel besseren Roman von Jurek Becker. Hauptdarsteller Vlastimil Brodsky bekommt den Silbernen Bären für die beste männliche schauspielerische Leistung.
Zum Jubiläum gibt es für das Publikum Star-Futter: Kirk Douglas ist mit dem Western Posse vertreten und Claudia Cardinale darf die Bären überreichen. Den goldenen erhält die Ungarin Martá Mészáros für Örökbefogadás (Adoption).
Kurios: Vor 35 Jahren zeigt Woody Allen seine Revolutionsgroteske Love and Death (Die letzte Nacht des Boris Gruschenko) und erhält einen Silbernen Bären für „sein Gesamtwerk“. Besser zu früh als nie, mag sich die Jury gedacht haben. Da Mr. Allen seitdem in 38 weiteren Kinofilmen Regie geführt hat, kann die Jury auf ihren Wagemut stolz sein.

04.01.20 6:00

Berlinale 1973

Die Berlinale hat zu wenig Geld: Der Senat knausert, der Bund im fernen Dorf Bonn auch (ohne dessen Staatsknete hat der West-Berliner eh' nix zu feiern), und die Einnahmen aus dem Kartenverkauf sind mager, weil der undankbare West-Berliner im heißen Sommer lieber die Badehose einpackt und raus an den Wannsee fährt. Die, die dennoch ins Kino gehen, nehmen sogar ihre Kinder mit in den japanischen Zeichentrickfilm Kanashimi no Belladonna von Eiichi Yamamoto und werden überrascht: Yamamotos sexuell aktive Alptraumgestalten mit Hang zu Gewalt und Fetischen haben soviel mit Micky Maus zu tun wie Motörhead mit Tokyo Hotel.
Zum ersten Mal ist Steven Spielberg mit Duel in Berlin, der längsten Verfolgungsjagd der Kinogeschichte. Der Film läuft im Wettbewerb außer Konkurrenz. Das Internationale Forum des jungen Films macht seinem Namen Ehre und erweitert sein Programm immer mehr: Es laufen Filme aus Afrika, Lateinamerika, Japan, den USA und Europa.
Heute mag man es kaum glauben, aber früher gab es im Wettbewerb der Berlinale auch etwas zu lachen: Pierre Richard ist Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh. Regisseur und Drehbuchautor Yves Robert bekommt für den Film sogar einen Silbernen Bären. Gewinner des Festivals wird Ashani Sanket (Ferner Donner) von Satyajit Ray.

01.01.20 6:00

Berlinale 1970

Das Skandaljahr: Michael Verhoevens Film O.K., der die Vergewaltigung und Ermordung eines vietnamesischen Kindes durch Soldaten der US-Armee in Motiven bayerischer Passionsspiele erzählt, löst am fünften Festivaltag einerseits Beifall und andererseits hysterische Kritik aus. Ein reales Verbrechen aus dem Jahr 1966 hatte Verhoeven zu dem Film inspiriert. Zum Deppen macht sich bereits am 1. Juli das deutsche Jurymitglied Manfred Durniok, der sich beim amerikanischen Jury-Vorsitzenden George Stevens dafür entschuldigt, dass O.K. als Beitrag der Bundesrepublik Deutschland (sic!) im Wettbewerb gezeigt wird. Dieser Speichelleckanfall ist der Anstoß für eine Lawine an Zensurvorwürfen, Rechtfertigungen, persönlichen Verleumdungen und Verschwörungstheorien. Ergebnis: Die hoffnungslos zerstrittene Jury tritt zurück, der Wettbewerb wird abgesagt, einige Filme zurückgezogen oder nur „informatorisch“ gezeigt. Die Berlinale liegt in Trümmern. Die großartige Fassbinder-Satire über den Irrsinn des Alltags Warum läuft Herr R. Amok? lief zum Glück schon bevor das Festival im Chaos versank.
Aus dem Desaster wächst Positives: Endlich reformiert sich die so oft bürokratisch blockierte Berlinale, das „Internationale Forum des jungen Films“ wird aus der Taufe gehoben.

31.12.19 6:00

Berlinale 1969

Hinterher ist man immer schlauer: Die Berlinale-Jury blamiert sich und vergibt keinen einzigen Bären an den Favoriten des Publikums, Midnight Cowboy von John Schlesinger. Auch seine Hauptdarsteller Dustin Hoffman und Jon Voight gehen leer aus. United Artists ist darüber so sauer, dass der Verleih die Berlinale für zehn Jahre boykottiert. Die Jury zeigt vielmehr Herz für Debütfilme: Zelimir Zilniks Rani Randovi (Frühe Werke) wird mit Gold prämiert und Brian de Palmas Erstling Greetings erhält einen der Silbernen Bären.
Im deutschen Filmwesen zankt man sich mal wieder, diesmal um den Modus der Filmauswahl. Nach Beendigung des Festivals einigt man sich auf eine Änderung der Verfahrensordnung (Luhmann goes to Hollywood), auf die Abschaffung des Zwei-Kammern-Systems und die Auflösung der Paritätischen Auswahlkommission für deutsche Filme. Die Berlinale und der deutsche Film sind gerettet! Dass es dem deutschen Film eh' nicht schlecht geht, beweist Rainer Werner Fassbinder mit Liebe ist kälter als der Tod.

21.12.19 6:00

Berlinale 1959

Die Berlinale wird größer, verzeichnet einen Besucherrekord und ist mit Filmen aus 53 Ländern internationaler denn je. Der regierende Berliner Partymeister Willy Brandt feiert mit Rita Hayworth und sieht dabei sehr vergnügt aus, auch wenn Chruschtschows Berlin-Ultimatum immer noch für schlechte Stimmung sorgt. Aber wer ist Chruschtschow? Echte Promis gibt’s im Dutzend: Sophia Loren, Robert Aldrich, David Niven und und und...

Zwischen West- und Ost-Berlin macht man auf Völkerverständigung im Kleinen: Journalisten von kapitalistischen Medien aus aller Herren Länder besichtigen die DEFA-Studios und trinken nach den Grundsätzen sozialer Gerechtigkeit gebrautes Bier und in genossenschaftlicher Selbsthilfe produzierte Spirituosen im Ost-Berliner Filmclub „Möwe“.

Künstlerisch erobert die Nouvelle Vague die Berlinale. Claude Chabrols "Les Cousins“ (Schrei, wenn Du kannst) gewinnt den Goldenen Bären. Trotz eines gut besetzten Wettbewerbs, neben "Les Cousins" Filme von Akira Kurosawa und Gilles Grangier, will Festivalleiter Alfred Bauer zukünftig mehr Filme im Ausland von Experten sichten lassen. Die Politik allerdings will die Mittel nicht, wie gewünscht, auf 300.000 DM aufbessern.

20.12.19 6:00

Berlinale 1958

Die Berlinale wagt politisch Neues und lädt die UdSSR ein. Aufgrund „eines Formfehlers“ weist Russland die Einladung aber zurück. Dennoch zieht das Festival mehr Aufmerksamkeit als jemals zuvor auf sich. Schon die Eröffnungsfeier in der neuen Kongresshalle zeigt ein gewachsenes Selbstbewusstsein. Der Berliner Bürgermeister Willy Brandt vertraut in seiner Eröffnungsrede „auf die Weltoffenheit dieser Stadt“ und sagt: „Die Filme der Völker werden hier der Bevölkerung des gesamten Berlin gezeigt, nicht zuletzt unseren Mitbürgern aus dem östlichen Sektor und den Landsleuten aus den uns umgebenden Gebieten.“

Die Berlinale wartet mit großen Stars auf: Jean Marais, Frederico Fellini, Gina Lollobrigida, Frank Capra als Jurypräsident. Den Goldenen Bären erhält Ingmar Bergmans „Smultronsstallet“ (Wilde Erbeeren). Doch im Gedächtnis geblieben sind die Festspiele von 1958 wegen eines neuen Stars: Sidney Poitier. Er erhält den Silbernen Bären als bester männlicher Darsteller für seine Rolle als Noah Cullen in „The Defiant Ones“ (Gesprengte Ketten). Es ist Poitiers erste internationale Auszeichnung. „The Defiant Ones“ gewann zwei Oscars, Poitier und der zweite Hauptdarsteller Tony Curtis wurden beide für den Oscar nominiert. Poitier gewann den Oscar 1964 für die Hauptrolle in „Lilies of the Field“ (Lilien auf dem Felde).

19.12.19 6:00

Berlinale 1957

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Zum ersten Mal hat die Berlinale mit dem neuen Zoo-Palast auch ein adäquates Festspielkino. Promis wie Errol Flynn und Henry Fonda, der die Hauptrolle in Sidney Lumets Goldener-Bär-Gewinner „Twelve Angry Men“ (Die zwölf Geschworenen) spielt, können sich den Berlinern mit mehr Glamour auf dem Roten Teppich an der Hardenbergstraße präsentieren. Eröffnet wird der Zoo-Palast schon drei Wochen vor Berlinale-Start mit der Premiere von Helmut Käutners „Die Zürcher Verlobung“.

Wie so oft ist die Berlinale auch 1957 ein Spielplatz für kalte Krieger. Die Haltung der Festivalleitung, eine Art kulturpolitische Hallstein-Doktrin zu befolgen und keine Länder aus dem „Ostblock“ einzuladen, gerät immer mehr in die Kritik. Zumal man sich in Cannes entschlossen hatte, auch Länder wie die VR China oder die DDR zu den Filmfestspielen einzuladen, die keine diplomatischen Beziehungen zu Frankreich unterhalten. Mit der Demokratie ist es nicht nur in der Ostzone, sondern auch im freien Westen eher vertrackt – zumindest wenn es um Filme geht. Die Publikumsabstimmung über die Bären wird kurzerhand abgeschafft.

Für Verwirrung sorgt der deutsche Wettbewerbsbeitrag „Jonas“. Der Regisseur Ottomar Domnick, im zivilen Leben Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, bricht in seinem assoziativen Film mit linearen Erzählweisen und arbeitet mit der Symbolsprache der Psychoanalyse. Die vorausschauende Festivalleitung ist sich der intellektuellen Begrenztheit der versammelten Journaille durchaus bewusst und setzt eine Sonderpressekonferenz mit einleitendem Vortrag zur Filmvorführung an.

26.04.19 18:55

Crossing Europe 2019: HEIMAT IST EIN RAUM AUS ZEIT von Thomas Heise

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102 Jahre Familiengeschichte von 1912 bis 2014 erzählt Thomas Heise in seinem dokumentarischen Filmessay HEIMAT IST EIN RAUM AUS ZEIT in 218 Minuten. Das sind zwei beeindruckende Zeitspannen: drei Familiengenerationen und ein langer Abend im Kino. Es ist auch ein Film über fünf deutsche Staaten und politische Systeme: das Kaiserreich, die Weimarer Republik, die Bundesrepublik Deutschland (Mai 1949 bis Oktober 1990), die Deutsche Demokratische Republik (Oktober 1949 bis Oktober 1990) und die Bundesrepublik Deutschland nach dem 3. Oktober 1990. Heise erzählt in seinem Film jedoch keine große Geschichte, er schlägt keinen großen Bogen, sondern bleibt nah an seiner Familie. Es sind die persönlichen Schicksale, die wichtig sind. Auch beim dokumentarischen Material sind die privaten, kleinen Aufzeichnungen das Entscheidende: Es sind vor allem Briefe, aber auch Tagebuchaufzeichnungen oder Schulaufsätze, die das Textmaterial liefern. Die Textauszüge werden vom Regisseur selbst gelesen, was den familiären Bezug noch stärker macht.

Heise beginnt seinen Film mit einem Schulaufsatz seines Großvaters Wilhelm über das Wesen des Krieges aus dem Jahr 1912, er endet im Jahr 2014 mit Aufzeichnungen zum absehbaren Tod von Thomas Heises Mutter Rosemarie. Es ist unmöglich den inhaltlichen Weg, den dieser Film geht, nachzuzeichnen, aber das zentrale Thema ist das Verhältnis des Individuums zum Staat. Nur wenige Jahre nachdem Wilhelm Heise seinen Schulaufsatz schrieb, war er Sanitätssoldat im Ersten Weltkrieg. Nach dem Krieg tritt er in die KPD ein und wird Lehrer. Diese Freiheit hatte er in der Weimarer Republik. Er heiratete Edith Hirschhorn, Tochter eines jüdischen Wiener Handwerkers. 1925 wurde ihr ältester Sohn Wolfgang geboren, der Vater von Thomas Heise.

Besonders im Gedächtnis bleiben die Briefe, die Edith Heise in den Jahren 1941 und 1942 von ihrer Familie aus Wien erhielt. Die Lage wird immer verzweifelter, als die Deportationen, die sogenannten „Polenaktionen“ beginnen. Völlig willkürlich müssen jüdische Familien ihre Wohnungen verlassen und werden abtransportiert. Für die Benachrichtigungskarte, die sie erhalten, müssen sie fünf Pfennig zahlen. Sie dürfen zwei Koffer mitnehmen. Die Möbel und alles andere Hab und Gut muss in den enteigneten Wohnungen bleiben. Nichts darf verkauft oder verschenkt werden.

Die von ihm gelesenen Briefpassagen hinterlegt Heise mit den Deportationslisten – Namen, Geburtsdaten. Adressen. Die Listen werden so abgefilmt, dass man jede einzelne Zeile mitliest. Wie lange diese Passage dauert? Ich weiß es nicht. 20 Minuten, 30 Minuten, irgendetwas dazwischen wahrscheinlich. Ich weiß nicht, ob ich mich auf mein Zeitgefühl verlassen kann. Im Jahr 1942 trägt auf einmal jeder jüdische Mann den Namenszusatz „Israel“, die jüdische Frau den Namenszusatz „Sara“. Wieder gibt es einen neuen nationalsozialistischen Erlass mehr. Beim Zuschauen fallen auch andere Details auf, wiederkehrende Adressen zu Beispiel. So begreift man die Willkür: Es werden ein oder zwei Wohnungen eines Hauses geräumt und dann Monate später wieder Wohnungen im selben Haus. Willkür ist eine Form des Terrors. Sie maximiert Angst. Und dann tauchen auch die Namen der Hirschhorns und anderer Angehöriger, die Briefe schreiben oder in Briefen erwähnt werden, auf der Liste auf. Tante Pepi wird noch zweimal eine neue Wohnung zugewiesen, die sie sich mit Fremden teilen muss. Dann ist sie die letzte ihrer Familie, die aus Wien deportiert wird. Der Bildschirm wird schwarz.

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Diese wie endlos erscheinende Listen mit Namen, sind neben einigen privaten Bildern der Heises aus drei Generationen die einzigen Bilder, die mir im Gedächtnis geblieben sind. Das ist keine Kritik am Film. Es geht nicht um das „Bebildern“. Das Visuelle hat eine Funktion. Landschaftsaufnahmen, Bilder von fahrenden Zügen, Erdhaufen, Industriebrachen entwickeln einen Sog, der die Konzentration auf das gesprochene Wort erhöht. Ähnliches gilt für die Tonspur. Heise montiert Ton und Bild. Bild- und Tonspur wurden in vielen Passagen getrennt aufgenommen. Heise hat filmische Mittel benutzt, die das Verstehen fördern und das Erinnern von Details erleichtern. Und darauf kommt es gerade bei einem so langen Film an. Persönliches bleibt im Gedächtnis hängen. Die vielen Briefe liefern aber auch Kontext. So ergibt sich für den Zuschauer und Zuhörer ein Zusammenhang zwischen gesellschaftlicher Entwicklung und individuellem Leben.

Im Nationalsozialismus waren es die die Ideologie des Terrors, die das Leben bestimmte. In der DDR waren es die vernunftferne Ideologie und der Wille der SED sowie die Rechts- und Verwaltungspraxis, die der eigenen Verfassung und den DDR-Gesetzen widersprach, die das Individuum bedrängten. In der Bundesrepublik nach der Deutschen Vereinigung ist es schließlich das wirtschaftliche System, das Spielräume erweitert oder einengt. Da wird abgewickelt, in den Besitz der Treuhand überführt und Menschen werden freigestellt. Diese Freistellung wiederum hat mit Freiheit wenig bis gar nichts zu tun. Zu dieser Realität und ihren Folgen schreibt Thomas Heise selbst 1992 eine bedrückende Bestandsaufnahme, die auch Teil des Films ist.

HEIMAT IST EIN RAUM AUS ZEIT macht nicht Heimat zum Thema, sondern Zeit – gesellschaftliche Zeit und private Zeit. Heises Film handelt vor allem von den Bereichen, in denen sich Gesellschaftliches und Privates treffen und von den Auswirkungen dieses Zusammentreffens. Es ist eine große Leistung dieses Films, dass das Interesse über mehr als dreieinhalb Stunden nie nachlässt und dass so viel von dem Erzählten im Gedächtnis bleibt – vom Gesprochenen mehr als vom Gezeigten. Das Wort war mir in diesem Fall wichtiger als das Bild.

Copyright Filmstills: Ma.ja.de

14.02.19 21:22

AGNÈS PAR VARDA von AGNÈS VARDA (Berlinale 2019)

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Wenn eine Regisseurin einen Film über ihre eigenen Filme und ihre visuelle Kunst macht und dieser Film dann auch noch zum Teil aus ihren eigenen Vorträgen besteht, dann könnte das fürchterlich öde werden. Bei Agnès Varda wird keine Sekunde langweilig. In VARDA PAR AGNÈS, den die Berlinale im Wettbewerb zeigt, hält sich die 90-jährige, die in diesem Jahr auch die Berlinale Kamera erhielt, an ihr eigenes künstlerisches Credo: Inspriation, creation, partage – Inspiration, Kreativität, teilnehmen lassen. Ihr größter Alptraum als Regisseurin? „Ein leerer Kinosaal.“

Vardas erster Film kam vor 65 Jahren ins Kino. Fröhlich gibt sie zu, dass sie damals von den technischen Seiten des Filmemachens keine Ahnung hatte. Aber zwei Dinge hatte die Fotografin, die zu den bewegten Bildern wechselte: Den richtigen Blick und Mut zu filmästhetischen Innovationen. Der Debütfilm LA POINTE COURTE kombinierte quasi-dokumentarische Aufnahmen in einem Fischerdorf und Spielfilmpassagen mit stark stilisierten Dialogen zu einem Beziehungsdrama. Ihr Klassiker CLEO DE 5 Á 7 spielte an einem Nachmittag in Paris von 5 bis 7. Zwei Stunden Lebenszeit einer Chansonsängerin erzählt fast in Echtzeit in 90 Minuten.

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Varda redet, Varda zeigt Filmausschnitte – Varda gibt bei ihren Vorträgen vor großem Publikum eine Art Masterclass. Was auch auf der Leinwand rüberkommt ist ihre Begeisterung und ihre Präzision bei der Umsetzung ihrer Ideen. In einer der faszinierendsten Passagen von VARDA PAR AGNÈS erklärt sie die Arbeit mit der Schauspielerin Sandrine Bonnaire an SANS TOI NI LOIT (auf deutsch VOGELFREI). Bonnaire spielt eine Vagabundin, die durch das winterliche Frankreich zieht. Der Film beginnt mit ihrem Tod und dann wird ihre Wanderschaft in Rückblenden erzählt. Der Film gewann unter anderem den Goldenen Löwen in Venedig 1985, Bonnaire bekam den César als beste Schauspielerin. Vardas Dokumentarfilm enthält ein Gespräch zwischen der Regisseurin und der Schauspielerin aus dem Jahr 2018: Vor 33 Jahren sprachen sie am Set nicht über die Psychologie der Figur der Landstreicherin. Varda gab Bonnaire vielmehr ganz praktische kleine Aufträge: Lerne ein Feuer zu machen, lerne deine Stiefel zu flicken. Außerdem erklärt Varda detailliert, wie und warum sie die insgesamt 13 Tracking Shots des Films zu Stilmittel gemacht hat.

Für neue Themen, für neue Stilmittel, für neue Technik war und ist Agnès Varda immer offen. Schon 1968 entdeckte sie den Dokumentarfilm für sich und drehte BLACK PANTHERS. Genau 50 Jahre später wurde sie für die Dokumentation VISAGES VILLAGES über ihre Zusammenarbeit mit dem Künstler J.R. für einen Oscar nominiert. 2003 begann sie bei der Biennale in Venedig nach Fotografin und Regisseurin ein drittes Berufsleben als visuelle Künstlerin. PATATUTOPIA war eine Videoinstallation in Form eines Tryptichons, das herzförmige Kartoffeln zeigte. Ein Beweis, dass Varda die Phantasie und die Ideen wohl nie ausgehen werden. Weitere Kunstprojekte folgten.

VARDA PAR AGNÈS ist eine erstaunliche Selbstdokumentation eine Filmkünstlerin, die sich ihre Begeisterung und ihr Gespür für Visuelles über mehr als sieben Jahrzehnte erhalten hat. Sie lässt uns sicher auch am zehnten Jahrzehnt teilhaben.

Copyright Filmstills: Cine Tamaris 2018

ÖNDÖG von Wang Quan’an (Berlinale 2019)

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Eine nackte Frauenleiche, ein junger Polizist und eine Hirtin und ihr Trampeltier verbringen gemeinsam eine bitterkalte Nacht mitten im Nichts in der mongolischen Steppe. Irgendwo in der Umgebung gibt es auch noch eine Wölfin. Deshalb hat der Kommissar der Hirtin befohlen, den jungen Polizisten zu beschützen. Denn sie hat auch ein Gewehr und kann damit umgehen. Am nächsten Morgen wird der Kommissar mit der Spurensicherung wiederkommen.

Regisseur Wang Quan’an hat als Ausgangspunkt für ÖNDÖG ein klassisches Krimielement gewählt: die unbekannte Leiche in ungewöhnlicher Umgebung. Dass er daraus keinen Krimiplot entwickelt, ist nichts Negatives. Aber es wird zum Problem des Films, dass sich der Regisseur sehr stark auf die ungewöhnliche Umgebung, also die beeindruckenden Bilder der mongolischen Steppe verlässt – das Steppengras wogt, der Himmel ist blau, der Blick geht ins Unendliche. Was ÖNDÖG vor der Mittelmäßigkeit rettet, ist seine interessante Hauptfigur: Die Hirtin lebt in einer harten Umwelt ein autarkes, selbstbestimmtes Leben. Ihre Behausung ist eine Jurte mit Solarpanel, Satellitenschüssel und Handy.Wenn sie zum Schlachten oder für die Geburt eines Lammes ein zweites Paar Hände braucht, ruft sie einen Freund an, der auf einem alten, klapperigen Motorrad angefahren kommt. Sie selbst zieht die Fortbewegung per Trampeltier vor. Ein Trampeltier ist auch ein nützlicher Windschutz, als sie nachts ein Lagerfeuer baut und auf die Frauenleiche und den jungen Polizisten aufpasst. Besonders nützlich ist der Windschutz in dieser Nacht, weil sie beschließt, den Polizisten zu verführen. Sie bringt ihm in einem Schnellkurs bei, was Erwachsene tun: Rauchen, Saufen, Vögeln.

Die Auflösung des Mordes ist wenig überraschend. Ein eifersüchtiger Mann war es. Solche Probleme wird die Hirtin nie haben. Nach der Nacht mit dem Polizisten braucht sie irgendwann einen Schwangerschaftstest. Wie sie mit dem Ergebnis umgeht, darüber wird sie selbst entscheiden. Wenn sie es will, kann der Lamm-Geburtshelfer auf dem Motorrad vielleicht sogar ihr Gefährte werden.

Copyright Filmstills: Wang Quan’an

13.02.19 20:45

RINGSIDE von André Hörmann (Berlinale 2019)

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Kenny und Destyne sind Kinder. Kenny und Destyne sind auch Boxer. Sie haben denselben Traum: Erst wollen sie zu den Olympischen Spielen und dann als Profi Karriere machen. Einen anderen Traum, es nach oben zu schaffen, gibt es für afroamerikanische Jungs, die in Chicagos South Side aufwachsen, eigentlich auch nicht. Das wird in André Hörmanns Dokumentarfilm schnell klar. 2012 sind die beiden junge Erwachsene und die Träume geplatzt: Kenny ist früh in den Qualifikationskämpfen für die US-Olympiamannschaft gescheitert und Destyne sitzt im Gefängnis, weil er an mehreren Raubüberfällen beteiligt war. RINGSIDE beweist einmal mehr, dass einige der besten Berlinale-Filme in der Sektion Generation 14plus gezeigt werden.

RINGSIDE ist erst in zweiter Linie ein Film über das Boxen. In erster Linie ist er ein Film über Väter und Söhne. Denn die Väter Kenny senior und Destyne senior sind auch die Trainer. Sie haben beide in ihrer Jugend eine „Menge Mist gebaut“, wie sie selbst zugeben. Kenny senior sagt „Ich will, dass mein Sohn nicht so wird wie ich“. Destyne senior, der selbst früher Drogen verkauft hat, ist am Boden zerstört, weil alle Warnungen nicht geholfen haben. Denn sein Junior sitzt hinter Gittern, und eine Chance auf Bewährung gibt es nicht. Schließlich bekommt Destyne junior die Chance, sich in einem sogenannten Bootcamp sechs Monate zu bewähren. Die Kamera ist auch beim Bootcamp-Drill dabei. Wohl jeder Kinokenner hat nur eine Assoziation, wenn er die Bilder sieht: FULL METAL JACKET. Wie schon in Gesprächen mit Destynes Anwalt wird hier deutlich: Das amerikanische Strafrecht und das amerikanische Gefängnissystem ist nicht darauf angelegt, jungen Männern – und vor allem jungen Männern of color – eine zweite Chance zu geben. Die Gesellschaft scheint das Scheitern von Existenzen vorzuziehen.

Das wissen die Eltern nur zu gut „Seine Mutter und ich haben alles dafür getan, Kenny abzuschirmen“, sagt Kennys Vater. Das ist gelungen, weshalb es Kenny nach dem Scheitern in der Qlympiaqualifikation zum US-Amateurmeister gebracht hat. Er unterschreibt seinen ersten Profivertrag, während Destyne sechs Jahre im Gefängnis verloren hat. Trotzdem will auch er es noch einmal mit dem Boxen versuchen.

In nur 95 Minuten schafft RINGSIDE es, die Realität und die Probleme, mit denen junge Amerikaner konfrontiert werden, die im „falschen Viertel“ aufwachsen, nuanciert dazustellen. Es kommt hinzu, dass der Film handwerklich sehr gut gemacht ist: Die Boxaufnahmen sind besser, als die, die wir aus deutschen Liveübertragungen kennen. Besonders der Ton ist herausragend. Für Regisseur André Hörmann war der Film ein Langzeitprojekt: Erst sollte es vor allem um die Qualifikationen und die Olympiade 2012 gehen, dann kam den beiden Sportlern das Leben dazwischen – sportlicher Misserfolg und persönliche Abwege. So hat die Fertigstellung von RINGSIDE neun Jahre gedauert. Es wäre dem Film zu wünschen, dass er einen regulären Kinostart bekommt. Diese Geschichte hat die große Leinwand verdient.

12.02.19 21:04

FLATLAND von Jenna Bass (Berlinale 2019)

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In einem ziemlich runtergekommenen Dorf in der Karoo-Halbwüste in Südafrika heiraten Bakkies (De Klerk Oelofse) und Natalie (Nicole Fortuin). Natalie scheint schon bei der Trauung nicht besonders glücklich zu sein. In der Hochzeitsnacht agiert Bakkies nicht wie ein Ehemann, sondern wie ein Vergewaltiger. Am Ende einer desaströsen Nacht liegt der Pfarrer tot in seinem Blut und Natalie flieht auf ihrem Pferd zu ihrer schwangeren Freundin Poppie (Izel Bezuidenhout). Jetzt entwickelt die FLATLAND-Regisseurin und Drehbuchautorin Jenna Bass einen Plot auf den Thelma, Louise und Elmore Leonard gleichermaßen stolz gewesen wären. Denn die Verfolgung der beiden jungen Frauen nimmt Police Captain Beauty Cuba (Faith Baloyi) auf. Sie hat ein ganz besonderes Motiv den Fall aufzuklären: Ihrem Ex-Lover Billy, der gerade erst aus dem Gefängnis entlassen wurde, soll der Mord in die Schuhe geschoben werden.

Jane Bass mischt in ihrem Film den Hardboiled Krimi mit dem Western. Ihre Story hat Tempo und der Plot ist so wendig wie das Pferd, auf dem Natalie und Poppie durch die Wüste reiten. Doch in FLATLAND geht es nicht nur um die Mechanik und liebgewonnene Elemente des Genre-Kinos, tieferliegende Fragen schwingen immer mit: Wie ist in Südafrika das (Macht-)Verhältnis zwischen Menschen unterschiedlicher Hautfarbe, wie das zwischen Frauen und Männern? Und wie prägt das vergangene System der Apartheid die Freundschaft zweier Frauen, die von Kindheit an angeblich fast wie Schwestern aufgewachsen sind.

FLATLAND ist intelligent, überraschend und spannend. Er hat kleine Schwächen bei der Zeichnung und Entwicklung seiner Charaktere. Aber gerade wenn man vorher von einem Film wie dem deutschen Wettbewerbsbeitrag ICH WAR ZUHAUSE, ABER gequält wurde, der sich seiner intellektuellen Überlegenheit so sicher ist, dass seine manierierte Langweile förmlich den Sauerstoff aus dem Zuschauerraum saugt, wirkt FLATLAND wie ein Cuba Libre nach einem viel zu dünnen, lauwarmen Kräutertee.

Copyright Filmstills: Flatland Productions

11.02.19 21:23

ALL MY LOVING von Edward Berger (Berlinale 2019)

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Die Brüder Stefan (Lars Eidinger) und Tobias (Hans Löw) treffen sich in einem hässlichen Designerrestaurant, das verzweifelt Klasse simuliert. Stefan hat es ausgesucht und fühlt sich wie zu Hause. Tobias fühlt sich unwohl und ist schon mit der Karte überfordert. Bereits nach Sekunden ist das Verhältnis zwischen den beiden klar: Stefan ist der erfolgreiche Karrierearsch, Tobias der Loser, der nichts auf die Reihe kriegt. Sie warten auf ihre Schwester Julia (Nele Mueller-Stöven). Die kommt zu spät. Ist nervös und zieht nicht einmal den Mantel aus, bevor sie sich an den Tisch sitzt. Offensichtlich hat sie ein Problem. Und zwar ein Problem, das größer ist als die Krankheit ihres Hundes Rocco, der im Auto wartet. Aber darüber will sie nicht reden. Die drei treffen sich, um über ihren Vater (Manfred Zapatka) zu sprechen. Der ist krank, geht aber nicht zum Arzt und wohnt mit der Mutter einige hundert Kilometer entfernt. Stefan hat keine Zeit, sich zu kümmern und Julia fährt mit ihrem Mann nach Turin, also wird Tobias zu den Eltern fahren. Das ist die Ausgangssituation von Edward Bergers ALL MY LOVING.

Im Anschluss an diese Auftaktszene folgt der Film episodenhaft nacheinander jedem der drei Geschwister: Dem Piloten Stefan, der krank ist, aber das niemand erzählt. Während Julias Turinreise will er sich zu Überraschung aller um ihren Hund Rocco kümmern. Julia und Christian, deren Turin-Reise anders verläuft als geplant. Und drittens begleiten wir Tobias auf seiner Heimkehr ins Elternhaus. Dort muss er sich mit seinem ernsthaft kranken aber sturen Vater auseinandersetzen. Seine Mutter ist total überfordert, lässt aber gerade das Haus umbauen. Und Tobias selbst schreibt an einer Hausarbeit, denn er steckt noch im Philosophie-Studium.

ALL MY LOVING ist ein Film über Fassaden, die wir gerade gegenüber der lieben Familie aufbauen und über die Probleme, die diese Fassaden zum Einsturz bringen. Wie schon bei seinem Wettbewerbsbeitrag JACK von 2014 hat Regisseur Edward Berger das Drehbuch gemeinsam mit Nele Mueller-Steven geschrieben. Sie sind ein gutes Team: Gelungene Dialoge, ein sehr gutes Schauspielerensemble und eine interessante, lebensnahe Geschichte.

07.02.19 20:15

THE KINDNESS OF STRANGERS von Lone Scherfig (Berlinale 2019)

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Was gehört zu einem Märchen im alten Grimmschen Sinn? Das Gute, das Böse der und Kampf zwischen den beiden. Der Bösewicht stellt die Guten vor eine Reihe von Prüfungen, die sie bestehen müssen, um dem Bösen zu entkommen. Genau diese archaische Form des Märchens hat Lone Scherfig für ihren Film THE KINDNESS OF STRANGERS gewählt, der die Berlinale 2019 eröffnete. Die Mutter Clara (Zoe Kazan) flieht mit ihren beiden Söhnen vor dem prügelnden Ehemann von Buffalo nach Manhattan. Sie verbreitet verzweifelten Optimismus und verkauft ihren Kindern die Flucht als Abenteuerreise. Aber sie hat keinen Plan, wie sie ihrer Situation entkommen soll.

In New York angekommen, werden die Schwierigkeiten immer größer. Manhattan verzeiht keine naiven Fehler, jedenfalls nicht, wenn die Naivlinge kein Geld haben. Schnell ist das Auto abgeschleppt, und Mutter und Kinder finden sich auf der Straße wieder. Jetzt wird Clara zum Hustler. Sie klaut Essen auf den Partys der Reichen und Kleidung in teuren Shops. Das größte Problem ist es aber, ein Dach über dem Kopf zu finden. Wenn die Bibliothek schließt, wird es einsam, gefährlich und kalt im New Yorker Winter.

Doch wie das so ist im Märchen, Hilfe naht und Hilfe kommt von erstaunlichen Charakteren. Wichtigste Helferin ist Alice (Andrea Riseborough). Sie ist eine moderne Heilige: Ärztin in der Notaufnahme und in einer heruntergekommenen Kirche, kümmert sie sich nicht nur um Obdachlose, sondern leitet gleichzeitig noch eine Selbsthilfegruppe für Menschen, die Vergebung brauchen. Dort finden sich auch der Anwalt John Peter und sein frisch aus dem Gefängnis entlassener Mandant Marc, der durch glückliche Umstände zum Leiter eines russischen Restaurants aufsteigt. Die beiden und weitere skurrile Helfer werden zur Rettung von Clara und ihren Söhnen rekrutiert.

Scherfig verzichtet nicht auf Sozialkitsch und Klischees – Obdachlose und arme Menschen sind gut, der prügelnde Polizistenvater ist sehr, sehr böse. Dass der Film nicht völlig abrutscht, liegt vor allem an Zoe Kazan. Sie spielt die Mutter mit einer Mischung aus Verzweiflung und Chuzpe, und das hat Charme. Außerdem hat THE KINDNESS OF STRANGERS klassische Spannungsmomente, die gut gesetzt sind. Trotzdem bleibt der Film im Mittelmaß stecken. Witzige Szenen, vor allem mit Bill Nighy als pseudorussischem Restaurantbesitzer wechseln mit schmerzlich bemühten Dialogen. Viele Charaktere bleiben eindimensional, besonders Marc (Tahar Rahim). Der darf eigentlich nur gut aussehen und den milde blickenden Helfer spielen. Die sich zwischen ihm und Clara anbahnende Liebe ist ein gähnend-lahmer Plotpunkt, der sich am Ende so schwerfällig verflüchtigt wie ein billiges Parfüm. Ein Märchen hat immer etwas formelhaftes und holzschnittartiges. Gerade, weil uns diese Form des Geschichtenerzählens so vertraut ist, mögen wir sie. Aber in Lone Scherfigs Film fehlen die Überraschungsmomente, die Märchen so interessant machen. Eine gute Hauptdarstellerin und ein paar skurrile oder spannende Momente sind für einen abendfüllenden Film zu wenig.

06.02.19 16:22

Berlinale 2019: die Tasche

Berlinale Tasche 2019

Mindestens so wichtig wie die Berlinale-Filme ist die jährlich neue Berlinale-Tasche. 2019 gibt es Exemplare in grau und weiß. Eine neumodische Taschen-/ Rucksackcombi ist es. Hmm.

Berlinale 2019: Noch wird aufgebaut

Aufbauarbeiten am Potsdamer Platz einen Tag vor dem offiziellen Beginn der Berlinale

Einiges steht, vieles noch nicht. Aber morgen geht sie los, die 69. Berlinale. Lone Scherfigs Film THE KINDNESS OF STRANGERS wird das Festival eröffnen.

24.02.18 12:50

IN DEN GÄNGEN von Thomas Stuber (Kritik 2, Berlinale 2018)

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Ihr wollt einen Liebesfilm? Ihr kriegt einen Liebesfilm! Einen Film, den Ihr liebt

Frage: Was ist erotischer? Gabelstapler oder Süßwaren? Antwort: Kommt drauf an. Ein Gabelstapler ist ein geiles Teil. Wer am Steuer sitzt, hat die Macht über seinen Teil der Gänge im Supermarkt. Wenn bei den Süßwaren aber Marion (Sandra Hüller) die Regale einräumt, dann definitiv die Süßwaren. Das jedenfalls denkt sich Christian (Franz Rogowski), der in dem Supermarkt irgendwo in der Provinz in Neufünfland einen neuen Job als Lagerarbeiter anfängt. Christian hat Supermärkten im Allgemeinen und vom Gabelstaplerfahren im Besonderen keine Ahnung. Aber das macht nichts. Alles was er wissen muss, bringt ihm Bruno (Peter Kurth) bei. IN DEN GÄNGEN ist ein deutscher Liebesfilm. Ein sehr, sehr guter deutscher Liebesfilm, der Chancen auf wirklich jeden Bären hat. Es ist nicht zu fassen.

IN DEN GÄNGEN ist die Verfilmung einer Story aus Clemens Meyers Sammlung mit Erzählungen „Die Nacht, die Lichter“ von 2008. Bei der Berlinale von 2015 erhielten Meyer und Thomas Stuber für ihr noch unverfilmtes Drehbuch der Kurzgeschichte den Deutschen Drehbuchpreis. Innerhalb von drei Jahren ist aus der kleinen, leisen Geschichte – 25 Taschenbuchseiten – ein großartiger Film geworden, der auf allen Ebenen vollkommen überzeugt: Was der Film erzählt, trifft genau den Geist der Ursprungsgeschichte. Und für das wie des Erzählens nutzt Thomas Stuber alle filmischen Mittel, um der Geschichte zu dienen. Die Kamerafahrten von Peter Matjasko, das Szenebild von Jenny Roesler und der Schnitt von Kaya Inan – mit seinem Team macht Stuber echtes Kino in der kleinen begrenzten Welt des Supermarktes und einigen wenigen anderen Orten.

Diese Welt ist stimmig und ihre Charaktere und die Sprache dieser Charaktere sind echt. So funktioniert arbeiten in so ziemlich jedem x-beliebigen Betrieb. Alle wollen einen okayen Job machen, keiner will sich überanstrengen, es sei denn, er oder sie ist blöd. Die, die die tägliche Arbeit machen, müssen zusehen, dass sie zusammenhalten und für ihre Arbeit eigene Regeln aufstellen. Dann läuft die Sache schon. Chefs spielen keine Rolle: Chefs kriegt man eh selten zu sehen.

Wenn das so läuft, wie gerade beschrieben, ist alles gut. Deswegen hat Christian – „Frischling“ nennt ihn Marion – auch keine Probleme sich einzufügen. Es stellt sich zwar beim Staplerfahren selten dämlich an, aber kein Drama, der kriegt ihn Bruno schon hin. Das Drama ist eher Christians und auch Marions Wunsch nach ein bisschen Liebe. Auf der improvisierten Weihnachtsfeier scheint es zu laufen, dann eher nicht. „Es geht doch nicht nur um Dich!“ ruft Marion einmal ziemlich verzweifelt im Süßwaren-Gang, bevor sie in Tränen ausbricht und wegläuft. Ein Satz den sich Männer und Frauen (ok, eher die Männer) merken sollten, weil er jeden Beziehungsratgeber erspart. Christian schweigt erstmal, wie meistens. Schweigen ist auch nicht das Schlechteste, wenn man erstmal nachdenken muss.

Diese und andere Dramen in IN DEN GÄNGEN sind klein und groß zugleich, je nachdem aus welcher Perspektive man draufguckt. Emotional und spannend sind sie auf jeden Fall.

TOUCH ME NOT von Adina Pintilie (Berlinale 2018)

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Was fühle ich? Was fühlst du?

Touch me not – Please touch me. Das sind die beiden Pole zwischen denen die Themen Intimität und Sexualität und Verletzlichkeit/Unverletzlichkeit der eigenen Person in Adina Pintilies TOUCH ME NOT verhandelt werden. Was ist unser Bild unseres eigenen Körpers, was ist das Bild anderer Körper, die wir begehren? Wo setzen wir Grenzen für intime Interaktion und Sexualität? Wollen wir diese Grenzen verschieben? Und wenn ja, wir können wir das tun? TOUCH ME NOT ist berührend und formal herausragend. Ich wünsche der Jury den Mut zum Bären – möglichst zum goldenen, zur Not auch den silbernen für den Großen Preis der Jury. Traut Euch, bitte!

Im Zentrum von TOUCH ME NOT stehen Laura (Laura Benson), Tomas (Tómas Lemarquis) und Christian (Christian Bayerlein). Laura erforscht, warum sie keine Intimität zulassen kann. Sie engagiert einen Sexarbeiter, dem sie erst beim Duschen und dann beim Masturbieren zuschaut. Sie versucht mit einem Therapeuten herauszufinden, welche Nähe und welche Form von Berührung sich noch sicher oder vielleicht sogar gut anfühlen. Auf einmal hat sie die Freiheit, auf Berührung oder Festhalten nicht nur mit Zurückweichen und Angst, sondern auch mit Abwehr und Wut zu reagieren. Laura will die Grenzen ihrer Intimität kennenlernen und verändern.

Laura ist auch Beobachterin bei einem Workshop in dem Menschen miteinander über Intimität und ihre Körper reden. Unter anderem Christian mit seiner Partnerin Grit (Grit Uhlemann) und Tómas. Tómas hat im Alter von 13 Jahren alle seine Haare verloren. Damit war er plötzlich anders als die anderen und ein Außenseiter. Christian ist behindert. Sein Körper ist weit vom Durchschnittskörper entfernt. Man sieht Tómas an, wie er Hemmungen und Ängste überwinden muss, wenn er Christians Körper beschreibt und über seine eigenen Gefühle beim Betrachten dieses Körpers spricht. Aber Christian kann nicht nur selbst frei über seinen Körper sprechen „mein Penis ist der Teil meines Körpers, der am besten funktioniert“, sondern ermutigt Tómas immer wieder, das auch zu tun. So fallen Barrieren.

Adina Pintilie geht diesen Fragen in einem Film nach, der auch ihr eigenes Tun als Regisseurin und den Blick der Kamera zum Thema macht. Die Übergänge vom Dokumentarischen zum Fiktiven sind dabei fließend. So schafft TOUCH ME NOT für den Zuschauer die Möglichkeit, beim Zusehen die eigene Nähe beziehungsweise Distanz zu verändern. Auf diese Weise kreiert die Filmemacherin nicht nur für Ihre Protagonisten, sondern auch für uns als Zuschauer einen Safe Space. Es ist sehr schnell klar, dass auch die professionellen Schauspieler in TOUCH ME NOT – Laura Benson, Tómas Demarquis – nicht als Schauspieler im herkömmlichen Sinn agieren, sondern ihre eigenen Gefühle erforschen und eine Transformation erleben. Ihre Gefühle erforschen Schauspieler immer, sonst könnten sich nicht schauspielen, aber in TOUCH ME NOT ist dieses innere Erlebnis persönliche und intimer, das sagen auch Benson und Demarquis selbst. Die Regisseurin gerät nie in die Gefahr, die Emotionen und zugelassene Intimität auszubeuten, einmal wechselt sie sogar die Seiten: Laura Benson schaut jetzt durch die Kamera und spricht mit Pintilie, die vor der Kamera sitzt.

Weil die Regisseurin solche Techniken einsetzt und formal bewusst arbeitet, wird der Film nie zu einem peinlichen Seelenstriptease. Als Zuschauer spüren wir das Ergebnis dieser Genauigkeit und der emotionalen Ehrlichkeit. Die Mitwirkenden sehen den Zuschauenden oft direkt ins Gesicht. Die Situationen sind sehr intim. Für einige Zuschauer ist das zu viel. In der Pressevorführung sind viele gegangen. Jeder hat eben das Recht, seine eigenen Grenzen zu ziehen. Für einige Figuren gehört BDSM zu ihrer Sexualität. Deswegen ist auch eine BDSM-Gruppensession Teil des Films. Überschreitet das Grenzen? Meine nicht. Denn wie in allen anderen Szenen des Films ist auch hier klar: Menschen tun Dinge in gegenseitigem Einverständnis, um positive Erfahrungen zu machen.

Foto: Copyright: MANEKINO FILM, ROHFILM PRODUCTIONS, PINK, AGITPROP, LES FILMS DE LÔÇÖETRANGER_2018

21.02.18 19:30

KHOOK von Mani Haghighi (Berlinale 2018)

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Gib den kotzenden Kakerlaken Zucker

In der iranischen Filmszene treibt ein Serienkiller sein Unwesen, ein sehr unangenehmer noch dazu (mal angenommen, dass es angenehme Serienkiller gibt): Er pflegt seine Opfer zu köpfen. Darüber hinaus ist der Mörder auch noch wählerisch. Bisher hat er ausschließlich Regisseure heimgesucht. All das hebt die Laune von Star-Regisseur Hasan nicht gerade und die ist ohnehin schlecht. Denn er steht auf der staatlichen Blacklist, darf keine Filme mehr machen und hält sich mit Werbespots für Kakerlakenvernichtungsmittel über Wasser. Als der Killer immer wieder zuschlägt, hat Hasan noch einen weiteren Grund für seine schlechte Stimmung: Natürlich ist er froh, dass er noch lebt. Aber ist er, verdammt nochmal, etwa nicht prominent und wichtig genug, um ein lohnendes Opfer zu sein?

KHOOK ist ein Film, wie ihn jeder Berlinale-Wettbewerb braucht: Laut, dreckig, ein bisschen abgedreht und witzig, denn zu lachen gibt es im Wettbewerb bekanntlich eher wenig. Regisseur Mani Haghighi hat mit seinem Film auf beglückende Weise dieses Bedürfnis nach Witz und Wahnsinn erfüllt. Seine Hauptfigur Hasan (Hasan Majuni) strotzt vor Kraft, Wut und Sarkasmus, allein seine Kollektion an ausgeleierten 80er Jahre Metal-Konzert-Shirts ist den Film wert. Seine Lieblingsschauspielerin (Leila Hatami) gibt diesem selbstverliebten Filmgenie außerdem Kontra, ohne mit der Wimper zu zucken. Wenn dann auch noch kotzende Kakerlaken zu einer Deep-Purple-Variation tanzen, (meiner Ansicht nach eine Mischung aus „Speed King“ und „Fireball“) ist das Glück perfekt. Zumal die Kakerlakenkotze eine betörend diamantene Anmutung hat. Dass es der Kotze an Zucker fehlt, wie eine Kakerlaken-Darstellerin bemängelt – geschenkt.

Wie die Jagd nach dem Serienkiller ausgeht, wird hier natürlich nicht verraten. Nur so viel: Wer sich Khook anschaut, bekommt auch noch AC/DC auf iranisch zu hören, erfährt, warum man sich vor iranischen Schwiegermüttern mit Schießgewehren in Acht nehmen sollte, auch wenn sie nur türkisch sprechen, und sieht darüber hinaus eine schöne Satire auf das iranische staatliche Filmwesen. KHOOK ist voller Esprit und intelligenter als einige so bemüht ernsthafte Wettbewerbsfilme, die sich für intelligent halten. Ich drücke alle Daumen, dass KHOOK in Deutschland einen Verleih findet.

THE GREEN FOG von Guy Maddin, Evan + Galen Johnson (Berlinale 2018)

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Bilderjagd mit Hitchcock, Karl Malden und den Bodysnatchern

Jemand dreht an einem Knopf von „Talk“ auf „Listen“, trotzdem geht es um Bilder nicht um Sprache. Und diese Bilder haben einen Sog, der für die nächsten gut 60 Minuten unwiderstehlich ist. Ich bin selten einem Film so gebannt gefolgt wie diesem. Guy Maddin und Evan und Galen Johnson haben eine Art Riff (oder vielleicht auch eine Meditation) auf Alfred Hitchcocks VERTIGO gemacht – mithilfe von found footage aus Filmen, die ausnahmslos in San Franciscos Bay Area spielen. Filme aus rund 80 Jahren, Kinofilme, Fernsehfilme. Szenen werden in schneller Folge aneinander montiert, eine Verfolgungsjagd über Dächer, ein abbiegendes Auto, eine Umarmung. Das ist das visuelle Pendant zum Scratching eines DJs im frühen Hip Hop. Und keine Angst, diese Technik nervt nicht und sie macht es unmöglich, den Blick abzuwenden.

THE GREEN FOG ist eine spannende Bilderjagd. Die Story drängt unaufhörlich vorwärts, angetrieben auch von Jacob Garchiks effektvollem Score. Die vielen gefundenen Filmstücke ergeben ein Kaleidoskop von Referenzen: VERTIGO und andere Hitchcock-Klassiker und immer wieder Fernsehen: Natürlich Karl Malden und Micheal Douglas – schließlich sind wir in den STREETS OF SAN FRANCISCO – aber auch Bilder einer sehr seltsamen Detektivserie mit Rock Hudson aus den 70ern (deutsches TV-Futter der 80er, scätze ich), an deren Name ich mich beim besten Willen nicht mehr erinnern kann. Nebst GODZILLA, BASIC INSTINCT und den BODYSNATCHERN: Donald Sutherland schreit – und wie!

Es ist ein Riesenspaß und spannend noch dazu. Ich habe keine Ahnung, wie sich auf diese Weise, fast ohne Dialoge, eine Geschichte erzählen lässt, aber es funktioniert. Die Montage-/Schnitt-Leistung von Evan und Galen Johnson ist einfach eine Sensation. Lauten Beifall und vereinzelten Jubel in einer Pressvorführung um kurz nach 10 Uhr abends im miefigen CinemaxX 6 hat man sehr selten auf der Berlinale. Gut, vielleicht ein Dutzend Leute sind auch nach ein paar Minuten gegangen. Fuck em.

20.02.18 19:30

AGGREGAT von Marie Wilke (Berlinale 2018)

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Aggregat, das: (Technik) Satz von zusammenwirkenden einzelnen Maschinen, Apparaten und Teilen besonders in der Elektrotechnik. Das ist eine Definition des Deutschen Universalwörterbuchs. AGGREGAT von Marie Wilke zeigt das Zusammenwirken einzelner Teile und Apparate, und zwar der gesellschaftlichen Teilen, Apparate und Institutionen, die den Zustand unserer Demokratie bestimmen: Informationsveranstaltungen im Reichstag, ein „Gespräch am Küchentisch“ der SPD mit Bürgern in Meißen, Redaktionskonferenzen der BILD und der taz in Berlin und öffentliche Veranstaltungen der Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes (Pegida) und vieles mehr. Die nie offen gestellte Frage des Films ist: Wie sieht es aus mit dem Zustand unserer Demokratie?

AGGREGAT versucht, soweit das in einem Dokumentarfilm möglich ist, eine reine Beobachtung zu bleiben. Die Regisseurin und die Kamera mischen sich nicht ein. Es werden keine Fragen gestellt, es gibt keine Kommentierung. Wir sehen Ausschnitte von gesellschaftlichen Debatten. Auf Pegida-Kundgebungen und am Rande der Feiern zum Tag der Deutschen Einheit 2016 in Dresden schreien Menschen „Volksverräter“ oder „Lügenpresse“. Bei den Küchentischgesprächen SPD schreit überhaupt niemand. Eine Frau liest ihre Gedanken vor, zu dem, was sich in den vergangenen Jahren aus ihrer Sicht verändert hat. Sie will, dass Gewalttäter ins Gefängnis gehören – egal woher sie kommen. Ein Mann spricht über hohe Arbeitslosigkeit und Kinderarmut. Er kennt die Zahlen und fragt, wie es in Sachsen weitergehen soll. Sachsen Wirtschaftsminister Martin Dulig hört sich alles an und versucht, Antworten zu geben. In einer anderen Szene auf einer lokalen SPD Parteiversammlung, in der auch über das Wahlprogramm abgestimmt wird, ruft er: „Es geht dem Land so gut wie seit 25 Jahren nicht, aber die Stimmung ist schlecht.“ Das macht die Genossinnen und Genossen auch nicht fröhlicher. Die sind sich ziemlich uneins darüber, wie sie die neusten Kriminalitätsstatistiken bewerten sollen.

Ich meine das nicht als Spott. Bei Dulig oder bei Gesprächen der Meißner SPD-Bundestagsabgeordneten Susann Rüthrich mit Wählerinnen und Wählern wird deutlich, dass diese andere Politiker die Probleme kennen und dass sie auch im Kleinen daran arbeiten Probleme zu erklären und zu lösen.

Wir sind auch bei einem Workshop dabei, in dem Rüthrich und andere Bundestagsabgeordnete sich für das Argumentieren gegen Rechtsextreme und Verschwörungstheoretiker schulen lassen. In anderen Momenten des Films diskutieren Fernsehjournalisten des MDR darüber, wie sie ihren Zuschauern die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Identitärer Bewegung und AfD am besten erklären. Frauke Petry, damals noch AfD-Bundestagskandidatin in Sachsen, erklärt derweil auf einer Pressekonferenz, dass ihre Partei die Rundfunkräte und die „Staatsmedien“ umgestalten wolle. Im Detail könne sie es jedoch gerade nicht tun, weil der zuständige Parteikollege nicht da sei.

„Demokratie? Wisst Ihr, was das heißt? Alle bestimmen mit.“, sagt ein Mann vom Besucherservice bei einer Führung durch den Reichstag. AGGREGAT ist ein Film darüber, wie streiten, erklären und mitbestimmen in der Demokratie zusammenhängen. Es ist gerade wirklich wichtig, das zu zeigen. Und Marie Wilke macht das sehr, sehr gut.

Neuigkeiten zum Film gibt's auf Facebook.

19.02.18 20:15

3 TAGE IN QUIBERON Von Emily Atef (Berlinale 2018)

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Schönes, spannungsloses Kammerspiel

Die Geschichte des Interviews des Stern-Journalisten Michael Jürgs mit Romy Schneider im April 1981 ist seit der Erstveröffentlichung schon oft erzählt worden. Nicht zuletzt vom Stern selbst anlässlich von Romy-Schneider-Geburtstagen mitsamt den Schwarz-Weiß-Fotos von Robert Lebeck. Die drei Tage an der Bretagne-Küste sind auch Teil von Dokumentarfilmen und zahlreichen Zeitungsartikeln. Im Zeitalter des Internets lässt sich das alles mit wenigen Klicks finden. In DREI TAGE IN QUIBERON macht Emily Atef daraus ein hervorragend besetztes Kammerspiel in mit schön-melancholischen Bildern, selbstverständlich auch in schwarz-weiß.

Das Kammerspiel, das sich auf der Leinwand entfaltet, ist ein bisschen so wie es Romy Schneider selbst war – eigentlich zu schön um wahr zu sein. Romy (Marie Bäumer) leidet, aber, mon dieu, sie sieht schön dabei aus. Traurig und schön. Bei genauerem Überlegen hat der Film noch ein ganz anderes Problem: Er ist zu wahr, um interessant zu sein. Romy Schneiders Geschichte und die öffentliche Person Romy Schneiders – was konnte, durfte von Romy Schneider eigentlich noch privat bleiben? – ist dermaßen gut ausgeleuchtet worden, dass alles das, was auf der Leinwand zu sehen ist, keinerlei Überraschung bietet. Wer einmal Lebecks Fotos aus Quiberon gesehen hat, für den ist der Film in vielen Momenten ein Re-enactment.

Das allein wäre noch kein Problem. Aus diesem Spiel mit der Authentizität kann auch ein interessantes Doku-Drama werden. Die Überraschungsfreiheit erstreckt sich aber auch auf die psychologische Ebene. Romy Schneider war in Quiberon verzweifelt, hatte Probleme mit Alkohol, private Sorgen. Der Tod ihres Ex-Mannes, der auch danach nicht geklärte Sorgerechtstreit um ihren gemeinsamen Sohn. Wir sehen eine Frau, die versucht ihr Leben in den Griff zu bekommen, aber dazu nicht in der Lage ist. Auch die Beziehung zu Jürgs (Robert Gwisdek) und Lebeck (Charly Hübner) bietet keine Spannungsmomente. Schneiders Probleme, beim Interview eine professionelle Distanz zu halten, sind ebenso offensichtlich wie die Übergriffigkeit von Jürgs. Letztere wird dadurch abgemildert, dass der Interviewer die Interviewte mehrfach fragt, ob sie weiß, was sie tut. Deshalb laufen letztlich auch die moralischen Vorwürfe von Schneiders Freundin Hilde (Birgit Minichmayr) ins Leere. Das wäre noch ein Konflikt gewesen, aus dem der Film ein Spannungsmoment hätte ziehen können. So bleiben einzig die Szenen zwischen Romy und Hilde, die emotional und dramaturgisch etwas Interessantes bieten.

Das heißt nicht, dass DREI TAGE IN QUIBERON ein ärgerlicher, schlechter Film ist. Natürlich habe ich mir das Ensemble Bäumer-Minichmayr-Gwisdek-Hübner gerne angesehen. Die schauspielerischen Leistungen ziehen die Aufmerksamkeit auf sich und verdienen sie auch. Aber im letzten Drittel hat der Film deutliche Längen. Emily Atef ist es nicht gelungen, einer vielfach erzählten Geschichte spannende Momente abzugewinnen. Der Versuch der Frau Romy Schneider näher zu kommen, ist wahrscheinlich auf ewig zum Scheitern verurteilt. Das Interview von Quiberon ist längst schon Teil des Mythos Romy Schneider.

© Rohfilm Factory / Prokino / Peter Hartwig

L'EMPIRE DE LA PERFECTION von Julien Faraut (Berlinale 2018)

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Der Wutvulkan spuckt rote Asche

Julien Faraut hat einen Dokumentarfilm über John McEnroe und über die Perfektion des Tennis gedreht. Bis auf die beiden Namen stimmt an diesem Satz nichts. Es geht nicht um Perfektion, es geht nicht um Tennis im eigentlichen Sinne und Julien Faraut hat weite Teile des Films auch nicht selbst gedreht, sondern 16mm-Material verwendet, das Gil de Kermadec in den 80er Jahren bei den French Open gedreht hat. Obwohl L'EMPIRE DE LA PERFECTION ein faszinierender Sportfilm ist, bleibt dann noch die Frage, ob es eine Dokumentation ist. Denn eigentlich ist es ein großes Drama, eine große: Ein Mann im Kampf gegen mächtige Gegner – den Kontrahenten auf der anderen Seite des Netzes, die Linienrichter, den Schiedsrichter, die Umstände – den Platz, die Linien und nicht zuletzt gegen sich selbst.

Die 80er Jahre, das hieß in Deutschland spätestens ab 1985 Stunden um Stunden Tennis im Fernsehen. Mit dieser Art von Berichterstattung haben die Bilder von Gil de Kermadec wenig bis nichts zu tun. Er machte Filme im Auftrag des Institut National Des Sports et De L'Education Physique, die die Techniken des Tennisspiels erklärten. Dabei Drang er zum Wesen des Sports vor. 1985 brachte er ROLAND GARROS AVEC JOHN MCENROE heraus. Auf ihm beruht Farauts Beitrag im Forum de Berlinale. Faraut macht also eine Dokumentation über eine Dokumentation. Sowohl Kermadec als auch Faraut befassen sich mit Genies: Der Film von 1985 mit McEnroe L'EMPIRE DE LA PERFECTION sogar mit zwei Genies: Mit McEnroe einerseits und mit Kermadec andererseits.

Die Aufnahmen Kermadecs sind so ungewöhnlich spannend, weil sie nicht primär einem Tennisspiel zwischen zwei Kontrahenten, sondern dem Tennisspiel eines Spielers folgen: in diesem Fall eben dem von John McEnroe. Tennis, das wird klar, ist der Ausdruck von Persönlichkeit. Die Kamera mach deutlich, was den Amerikaner antreibt – pure Wut – und wie er sein Spiel versteht. Er versteht das Spiel als den ständigen Kampf gegen Idioten und Widrigkeiten, die ihn daran hindern seinen Job zu machen: nämlich perfektes Tennis zu spielen.

Dabei ist es ein Geschenk des Schicksals, dass Gil de Kermadec eines der größten Tennisspiele aller Zeiten filmte: 10. Juni 1984, Finale der French Open in Paris – John McEnroe gegen Ivan Lendl 6:3, 6:2, 4:6, 5:7, 5:7. Bis zu diesem Finale hatte McEnroe im Jahr 1984 kein Einzel verloren, am Jahresende war sein Matchrecord 82:3. In den ersten beiden Sätzen des Finales in Roland Garros spielte er perfektes Tennis. Dann verlor er offensichtlich die Kontrolle über seine eigene Aggression. Dieses innere Drama fängt Kermadec ein und Faraut zeigt uns, wie er das macht. Das ist sportlich und cineastisch gleichermaßen faszinierend. Am Ende hatte McEnroe die Perfektion nur gestreift und war gescheitert. Es bleibt die Erkenntnis, dass nur zwei Tennisspieler mit der Perfektion geflirtet haben: John McEnroe und Roger Federer. Das erstaunliche dabei: Der eine kreierte Momente der Perfektion aus Wut, der andere kreiert Momente der Perfektion aus Schönheit – immer noch.

Foto: Copyright UFO Production

18.02.18 20:39

FIGLIA MIA von von Laura Bispuri (Berlinale 2018)

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Die moralische Vernichtung ist eine Option

Die 10-jährige Vittoria (Sara Casu) steht zwischen zwei Frauen – eine unmögliche Situation. Zumal Tina (Valeria Golino) und Angelica (Alba Rohrwacher) ihre Mütter sind und sie ihre leibliche Mutter Angelica erst vor wenigen Tagen kennengelernt hat. Laura Bispuri zeigt in ihrem zweiten Film eine ungewöhnliche Dreiecksbeziehung in einem bitterarmen Fischerdorf auf Sardinien.

Tina und Angelica könnten nicht unterschiedlicher sein: Angelica säuft und lebt außerhalb des Dorfes auf einem Bauernhof, der anscheinend nie richtig fertig geworden ist, in einer kargen, brutalen Landschaft. Sie säuft und lebt im Dreck mit einer alten Hündin, zwei Pferden, einem Schwein und ein paar Hühnern. Alkohol und ein bisschen Geld verdient sie mit Sex, hauptsächlich in der heruntergekommenen Kneipe im Dorf. Tina hat ihr damals bei Vittorias Geburt geholfen und das Kind dann zu sich genommen. Alle waren sich einig, dass es so das Beste war. Das war es auch: Tina ist die perfekte Mutter, die Vittoria mit geradezu beängstigender Liebe überschüttet. Darüber hinaus haben Tina und ihr Mann Angelica immer unterstützt. Aber jetzt hat Angelica 27.000 Euro Schulden. Sie wird den Hof nicht halten können und will nur noch weg aus Sardinien. Aber vorher will sie ihre Tochter wenigstens ein bisschen kennenlernen.

Die Begegnung zwischen Angelica und Vittoria löst einen Konflikt aus, der erst schwelt und dann eskaliert. Angelica kann Vittoria eine Form der emotionalen Unterstützung geben, die Tina nicht zur Verfügung steht. Laura Bispuri kreiert in FIGLIA MIA eine Krisensituation, auf die existenzielle Ängste und Bedürfnisse offenlegt. Der Film zeigt, wie weit Menschen zu gehen bereit sind, um diese Bedürfnisse zu erfüllen. Die moralische Vernichtung des anderen ist dabei eine Option. Wie schon bei ihrem Erstlingsfilm VERGINE GIURATE lebt Bispuris Film vom hervorragenden Spiel von Alba Rohrwacher und Valeria Golino steht ihr nicht nach. Das tröstet auch über kleine erzählerische Ungereimtheiten hinweg. Der Film überzeugt zudem durch einen psychologischen Spannungsbogen: Wie wird sich Vittoria entscheiden?

Foto: © Vivo film / Colorado Film / Match Factory Productions / Bord Cadre Films

Fikkefinken: CASANOVAGEN von Luise Donschen revisited

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Ein Käfig, zwei Finken, zwei Stangen. Um genauer zu sein, ein Käfig, eine Finkenfrau, ein Finkenmann und zwei Stangen - eine waagerechte Stange zum Sitzen links, eine waagerechte Stange zum Sitzen rechts. Als das Finkenpaar in den Käfig gelassen wird, ist die Aufregung bei Frau und Mann groß. Verständlich. Wer wird schon gerne ungefragt mit einem Angehörigen, einer Angehörigen des anderen Geschlechts in einen Käfig gesperrt?

Es folgt wildes Geflatter und Gepiepse. Der Finkenmann plustert sich auf und versucht, sich auf der Stange neben seiner Artgenossin zu platzieren. Sie weicht auf die gegenüber liegende Stange aus. So geht das eine ganze Weile hin und her. Die Kamera bleibt ruhig und unbeirrt, zeigt uns in einer einzigen Einstellung den gesamten Käfig. Wir haben in CASANOVAGEN schon vor dieser sexuell aufgeladenen Szene gelernt, dass bei den Finken nur die Frau entscheidet, was passiert. Das lässt uns die Szene mit größerer Gelassenheit aber unvermindertem Interesse betrachten.

Nach kurzer Zeit wird es ruhiger. Frau und Mann sitzen sich auf den Stangen gegenüber. Sie tschilpen sich zu. Sehr gut. Wo Lärm und Chaos, Gezeter und Flügelschlagen war, ist nun Kommunikation. Wie sagte der Evolutionsbiologe? Ich paraphrasiere jetzt mal: Wenn Frau Fink Lust auf Sex hat, fordert sie Herrn Fink durch Winken mit den Schwanzfedern zum Anfliegen und Aufsteigen auf. Wenn nicht, fliegt sie einfach weg, sobald er sich nähert. Und siehe da: Frau Fink winkt! Einmal, zweimal - zweifelsohne freundlich und einladend. Was macht Herr Fink? Herr Fink glotzt. Er sitzt immer noch auf der Stange gegenüber und glotzt. Noch leicht plusterig zwar, aber vor allem auch passiv und irgendwie verschreckt. Der Rest ist Enttäuschung - Nichtfikkefinken.

© Helena Wittmann

17.02.18 19:00

TRANSIT von Christian Petzold (Berlinale 2018)

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In TRANSIT erzählt Christian Petzold eine einfache Geschichte: Georg (Franz Rogowski) flieht vor den deutschen Besatzern gemeinsam mit seinem schwerverletzten Freund Heinz von Paris nach Marseille. Heinz überlebt die Flucht nicht. In seiner Tasche hat Georg die Dokumente und ein Manuskript des Autors Weidel, der sich in Paris das Leben genommen hat. In Marseille trifft er den kleinen Sohn von Heinz und seine Mutter. Und er trifft Marie (Paula Beer). Georg steht vor einer Frage: Wie kann er aus Marseille entkommen, bevor die deutschen Truppen die Hafenstadt erreichen und wen kann er retten? Diese Handlung, die so einfach klingt, ist nicht nur Ausgangspunkt eines Liebesdramas. Petzolds Film, der auf dem Roman Transit beruht, den Anna Seghers 1942 in Marseille schrieb, handelt auch von dem Unterschied zwischen Erinnertem, Erzähltem und Erlebten.

Christian Petzold macht in Transit einen Kunstgriff, der uns als Zuschauer einen Augenblick verwirrt, sich aber nach kurzer Zeit als außerordentlich gelungen erweist: Er inszeniert die Handlung, eigentlich eine Geschichte aus dem Zweiten Weltkrieg, in der heutigen Zeit. Darüber hinaus führt er drei verschiedene Erzählperspektiven ein: Das von den Figuren im Film Erlebte, das was Georg in Weibels Manuskript liest und das was eine Stimme aus dem Off erzählt. Was sich anhört wie eine völlig verkopfte, gekünstelte Konstruktion, funktioniert auf der Leinwand sehr gut.

TRANSIT ist ein berührender und spannender Film über Flucht, Liebe und den Wunsch, unter schwierigen Bedingungen das Richtige zu tun. Rogowski steht dabei als Georg im Zentrum. Georg ist einerseits von kindlicher Sturheit in seinem Bemühen Marie zu retten und ist andererseits ein tragischer Held, weil er ein Geheimnis hat, das er nicht preisgeben kann. TRANSIT ist Petzolds emotionalster Film. Die Kühle, die DIE INNERE SICHERHEIT oder YELLA ausgezeichnet hat, fehlt hier. Petzold zeigt die emotionale Not und den Zufall des Schicksals, die die Situation von Georg, Marie und anderen Flüchtenden bestimmen. Dabei gelingt es dem Regisseur, eine Beziehung zwischen historischen Fakten und heutigem Erleben von Krieg, Gewalt und Flucht herzustellen. Und das mit den emotionalen Mitteln des Films – glaubwürdige Hauptfiguren, spannender Plot – und NICHT den platten Mitteln eines öden, pädagogischen Filmtraktats.

© Schramm Film / Christian Schulz

CASANOVAGEN von Luise Donschen (Berlinale 2018)

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Begehren, Verführung, Lust, Kontrolle, Geschlechterrollen - menschliches Verhalten und erst Recht menschliche Beziehungen sind kompliziert. Wo Vögel nur vögeln, (und so simpel ist es auch nicht, wie uns ein Evolulionsbiologe erklärt) ist bei uns Menschen jede Geste mit Bedeutung aufgeladen.

Luise Donschens Filmessay CASANOVAGEN begibt sich auf die Suche nach dem Casanova-Gen, der Disposition zum Fremdgehen, das nach Ansicht des bereits erwähnten Biologen bei seinen Finken vom promisken Vater auch an die Töchter weitergegeben kann. Und das obwohl die Weibchen nach Ansicht des Wissenschaftlers „keine evolutionären Vorteile vom Fremdgehen haben". Vielleicht ein bisschen Spaß, dachte ich mir hoffnungsfroh im Kinosessel. Aber das ist angesichts der Dauer der Sittich-Kopulation - zwei Sekunden - vielleicht eine zu steile These. Ich hoffe trotzdem weiter.

Donschen spürt dem Casanova-Gen auf mäandernden Wegen nach. Es ist nur der Anlass für das Beobachten von Beziehungssituationen und Ritualen: Beim Karneval in Venedig, im Dominastudio oder beim Abendmahl im Kloster. Ein Interview mit John Malkovic, der sich nach seinem Bühnenauftritt als Casanova abschminkt und zwischen seiner Rolle und seiner Person changiert. Spielende Kinder im Wald, Balzszenen in einer Kneipe. Was sagt das über unsere Interaktionen und unsere Wünsche? Wie sind die Rollen verteilt, was ist männlich, was ist weiblich?

Diese teils dokumentarischen und teils inszenierten filmischen Motive haben so viel oder sowenig miteinander zu tun, wie es die Assoziationen der Zuschauer zulassen. CASANOVAGEN lässt dafür genug Raum und ist so interessant und dicht erzählt (Länge 67 Minuten) dass ich mich gerne darauf eingelassen habe. Zumal das Ganze Humor hat.

© Helena Wittmann

11.12.17 18:08

2. Internationales Weihnachtsfilmfestival in Berlin

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Ho, ho, ho! Zum 2. Mal ist das Weihnachtsfilmfestival zu Gast im Kino Moviemento in Berlin. Zu sehen gibt's vom 22. bis 24.12. Filme aus über 20 Ländern: vom norwegischen Weihnachtshorror O HELLIGE JUL über den Dokumentarfilm I AM SANTA CLAUS bis hin zu Weltpremiere MERCY CHRISTMAS (blutig aber lustig). Außerdem FROSTY SHORTS und mehr. Zum kompletten Programm des Weihnachtsfilmfestivals.

04.12.17 11:30

Wes Anderson eröffnet Berlinale 2018

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Wes Anderson eröffnet mit ISLE OF DOGS den Wettbewerb der Berlinale 2018. Damit ist Anderson zum vierten Mal im Berlinale-Wettbewerb dabei. 2014 war sein GRAND BUDAPEST HOTEL ebenfalls Eröffnungsfilm. Dieser Beitrag gewann den Silbernen Bären für den Großen Preis der Jury. ISLE OF DOGS ist Andersons zweiter Stop-Motion-Animations-Film nach FANTASTIC MR. FOX. Die 68. Berlinale beginnt am 15. Februar 2018.

08.03.17 17:53

Zum Kinostart von WILDE MAUS: Das Interview mit Josef Hader

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Die Figuren, die Josef Hader spielt, sind oft Eigenbrötler und Grantler. Das gilt auch für Georg, den plötzlich arbeitslosen Musikkritiker und die Hauptfigur in Haders Regiedebüt WILDE MAUS (zur Rezension von Tiziana Zugaro). Der Film feierte im Wettbewerb der Berlinale 2017 seine Premiere und legte am Wochenende darauf in Österreich den erfolgreichsten Kinostart eines österreichischen Films seit 15 Jahren hin. In Deutschland kommt WILDE MAUS am 9. März ins Kino. Im Berlinale-Interview sprach Hader, der als Gesprächspartner kein bisschen grantelt, mit festivalblog.com über seine Arbeit vor und hinter der Kamera und das große Vertrauen, das ihm die Produktionsfirma Wega entgegenbrachte.

Wie kam’s dazu, dass Sie für die WILDE MAUS zum ersten Mal nicht nur vor der Kamera, sondern auch als Regisseur hinter der Kamera stehen?
Ich habe an dem Drehbuch über zwei Jahre ganz allein geschrieben und dann Lust bekommen, es auch selbst zu verfilmen. Ich habe mir gedacht: Der arme Mensch, der jetzt als Regisseur dazukommt, muss sich mit so fixen Vorstelllungen von mir beschäftigen – da probiere ich es einfach selbst. Ich war mit den Filmen, in denen ich mitgespielt habe, überhaupt nicht unzufrieden. Aber ich wollte einmal gerne selbst die Geschichte erzählen. Genau das macht ein Regisseur, weil er im Schnitt das Tempo bestimmt. Er bestimmt, was die Zuschauer zu sehen bekommen und wann.

Was macht der Regisseur Hader besser oder anders als andere?
Ich habe mehr Zeit investiert als ein normaler Regisseur. Was mir gefehlt hat an Ausbildung, wollte ich mit Vorbereitungszeit und mit einer sorgfältigen Nachbereitung auffangen. Ich habe wirklich jahrelang an dem Film gearbeitet.

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In der Premiere gab es Szenenapplaus. Was bedeutet Ihnen das als Regisseur?
Das sind Momentaufnahmen, das Berliner Publikum macht das gerne. Das interessante an der Premiere war, dass es nicht diese gleichzeitigen Reaktionen gab, sondern dass viele Leute an sehr verschiedenen Stellen gelacht haben. Das mag ich sehr gerne. Ich wollte nicht die großen Pointen schaffen, wo sich alle einig sind, hier muss gelacht werden. Ich wollte, dass jeder da lacht, wo er sich ein bisschen getroffen fühlt.

Wie schwierig war es, sich in Abhängigkeit zu begeben. Sie haben als Debütregisseur mit einem Team von Leuten gearbeitet, die viel Erfahrung hinter der Kamera haben. Das ist beim Kabarett ganz anders. Da haben Sie alle Freiheiten.
Die Produktionsfirma Wega lässt dem Regisseur viel Freiheit. Sie hat alle österreichischen Filme von Michael Haneke gemacht und auch DAS WEISSE BAND mitproduziert. Sie sind der Auffassung, dass der Regisseur das letzte Wort hat.
Andererseits haben sie mich auch immer kompetent beraten und sind hinter mir gestanden wie ein Fels in der Brandung. WEGA ist ein absoluter Glücksfall. Das sind Produzenten voller Hingabe. Die leben für die Filme, die sie machen und machen nur Filme, die sie wirklich wollen. Wenn man einen Film macht, passieren viele kleine, unvorhergesehene Dinge. Ich musste bei diesem Film nie Energie aufwenden, um mich mit den Produzenten herumzustreiten. Sie haben mir großes Vertrauen geschenkt und ich ihnen auch. Sie haben meine Offenheit nie gegen mich verwendet und waren immer offen zu mir. Bei allem. Sie haben mir sogar am Anfang ihre Kalkulation offengelegt. Sowas habe ich noch nie erlebt.

Was waren die schwierigsten Entscheidungen als Regisseur?
Kamera natürlich. Da konnte ich mir vorher als Schauspieler noch überhaupt nichts ausgucken. Ich war bei Wolfgang Murnberger [Regisseur der Brenner-Filme] häufiger bei der Vorbereitung und der Postproduktion dabei, aber beim Dreh habe ich mich auf die Schauspielaufgaben konzentriert. Die Kameraarbeit, wie man Szenen auflöst und so den Film erzählt, das war das große Neuland.

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Ein anderer Regisseur, der seinen ersten Film macht, ist ein unbeschriebenes Blatt – Hader aber kennt jeder. Macht es das einfacher oder schwieriger?
Das kann ich selbst gar nicht sagen. Einerseits war es bei dem Arbeiten mit dem Team sehr gut, schon jemand zu sein. Alle hatten Vertrauen in mich und auch eine Zuneigung zu mir. Am Set war eine schöne Mischung aus alten Hasen und jungen Leuten. Die jungen Leute waren so glücklich mit mir und ich mit ihnen. Das verdanke ich auch der Tatsache, dass sie mich schon gekannt haben. Das ist der Vorteil. Der Nachteil liegt auch auf der Hand: Man steht schon vorher für etwas und muss sich überlegen, wie weit man davon weggehen will. Ich habe mich entschlossen, einen Schritt in eine neue Richtung zu gehen. Ein Nachteil könnte sein, dass der vielleicht zu wenig entschieden ausfällt.

Die Hauptfigur des Films ist sehr erfolgreich und verliert ihren Job: Wie viel von Ihren eigenen Ängsten steckt im gefeuerten Feuilletonredakteur Georg?
Das Interessante am Erfolg ist ja, dass man ihn überhaupt nicht merkt. Er ist bloß Arbeit. Nach der Premiere war ich eigentlich nur müde und wollte schlafen gehen. Was viel beglückender ist, ist dass man durch Erfolg danach wieder arbeiten darf. Die Arbeit ist viel dauerhafter als der Erfolg. Bei meiner Arbeit als Kabarettist bin ich kaum abhängig. Ein Kabarettist braucht kein Geld. Der kann jetzt etwas aufschreiben und am Abend damit auf die Bühne gehen. Beim Film war mir klar: Wenn ich den total vergurke, darf ich keinen mehr machen. Das ist natürlich eine Drucksituation. Aber ich konnte das mit einer gewissen Leichtigkeit machen, weil ich wusste: Ich habe ja nichts zu verlieren. Ich bin ja auch Kabarettist, ich verliere mit einem Misserfolg nicht meine Existenz. Ich hab‘ mir eingeredet, es ist wie ein Freispiel beim Flippern. Damit ich weniger Angst hab davor.

Warum haben Sie sich ausgerechnet den Rummel im Prater als Schauplatz ausgesucht?
Ich wollte, dass der Rhythmus des Films nicht von einem durchkomponierten Score –zugekleistert wird, sondern von unterschiedlichen Original - Atmosphären der Szenen bestimmt ist. Ich hatte von Anfang an diese Töne im Kopf: die bürgerliche Wohnung, in der die Uhr tickt, der Straßenlärm, das herbstliche Wien, wo sich die Krähen versammeln. Und dass Georg irgendwo hinflüchtet, wo die Atmosphäre wieder ganz anders ist in Bild und Ton. So bin ich auf den Prater gekommen. Zum Schluss geht es dann in den Schnee, wo alles ganz leise wird und sich das Bild noch einmal vollkommen verändert.

Was mir sehr gut gefallen hat, es wird nicht alles auserzählt. Es wird nicht an jeden Handlungsstrang ein Schleifchen gemacht. Wie haben Sie da beim Schreiben die Entscheidung getroffen?
Das entsteht bei mir dadurch, dass ich viele Fassungen schreibe. So werde ich mir über die Gewichtung immer klarer, über das Tragische, das Komische, über den Schluss, über den Anfang. Auch über die Figuren, die dann immer mehr Dimension kriegen. Ich könnte das nicht machen, wenn ich nur eine Fassung schreiben dürfte. Das wäre wirklich ein schlechtes Drehbuch. Ich habe einmal aus sportlichen Gründen probiert, ein Theaterstück in einem Monat zu schreiben. Etwas Schlechteres habe ich noch nie geschrieben in meinem Leben.

Hat sich die Beziehung der beiden Hauptfiguren Georg und Johanna am Ende eigentlich irgendwie weiterentwickelt?
[Lacht.] Das muss jeder für sich entscheiden. Ich habe versucht einen Schluss zu machen, der emotional nicht völlig im Ungefähren lässt, wie es weitergeht. Als Zuschauer hasse ich das, wenn sich die künstlerischen Fachkräfte nicht entscheiden können, wie der Film ausgeht und sagen: „Das soll der Zuschauer entscheiden.“ Damit kann man mich jagen. Gleichzeitig ist es eine Geschichte, die kein echtes Happy End verträgt. Ich habe mich entschieden, zu erzählen, dass Leute, die bisher zu wenig miteinander geredet haben, sich plötzlich aneinander reiben.

Im Film hört man immer wieder die beiläufigen Radiomeldungen über die Flüchtlingskrise. Können Sie sich als Regisseur auch vorstellen einen politischeren Film zu machen?
Die Frage ist, wie weit man die Politik oder die aktuelle Stimmung in der Gesellschaft in einen Film hineinlässt. Das hängt sehr vom Genre ab. Bei dieser Tragikomödie kann man es schon ein bisschen reinlassen, weil es auch ein Stück eine Satire über dieses Bürgertum ist, das die Nachrichten hört – die dann an ihnen wirkungslos vorbeirauschen. Aber ich habe das sehr vorsichtig dosiert. Wenn ich das Politische in dem Genre, in dem ich mich bewege, zu stark betone, wirkt es zu gewollt oder aufgesetzt.

Der Film endet mit einem Dank an Helmut Dietl. Bei Ihnen soll angeblich ein Drehbuch von ihm liegen.
Das ist ein schönes Gerücht, aber wirklich nur ein Gerücht. Wir haben uns kennengelernt, weil Helmut Dietl über ein Projekt nachgedacht hat und mich gefragt hat, ob ich da mitmachen würde. Und haben wir uns ein paar Mal getroffen und miteinander spintisiert und haben das sehr schön gefunden. Dann ist er krank geworden. Deshalb haben wir das Projekt selbst sein gelassen. Wir haben uns manchmal getroffen, sind ein bisschen spazieren gegangen und haben über das Leben geredet. Das waren wunderbare Stunden. Ich habe ihm mein Drehbuch zu lesen gegeben, und er hat mich bestärkt, die Regie zu machen. Deswegen möchte ich, dass die Erinnerung an diese Zeit im Abspann zu finden ist.

Das Interview führte Steffen Wagner.

18.02.17 17:29

EL BAR (The Bar) von Álex de la Iglesia (Berlinale 2017)

Dreckiger kleiner Genrebastard, lass Dich drücken

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Sie sind eine bedrohte Art im Berlinale Wettbewerb, aber es gibt sie: kleine, unterhaltsame Genrefilme. Álex de la Iglesia liefert mit EL BAR einen erfreulich dreckigen Genrebastard ab, eine Schwarze Komödie gekreuzt mit einem Psychothriller und einem Schuss Zombiefilm abgeschmeckt. Sowas läuft dann im Wettbewerb außer Konkurrenz. Das ist aber ganz egal, besonders dann, wenn der Film im Programm direkt nach der schmierigen Gefühlssimulation RETURN TO MONTAUK von Schlöndorff läuft. Wie ein spanischer Brandy spült EL BAR dann den schlechten Geschmack aus dem Mund, den degoutante Altmännersentimentalitäten hinterlassen haben.

In einem Thriller und übrigens auch im guten Zombiefilm ist eine gute Prämisse die halbe Miete. de la Iglesias Prämisse ist keineswegs neue. Steile These: Es gibt auch keine neuen Prämissen mehr. Schließlich erzählen sich Menschen schon seit Jahrtausenden Geschichten. Ohne zu viel zu verraten, es geht schlicht um das gute alte Set-up, dass eine Gruppe von Menschen eingesperrt ist und zu entkommen versucht.

Aus dieser Ausgangssituation macht EL BAR mit wenig Mitteln viel. Schauspieler, die sichtlich Spaß an Komik haben und auch vorm Übertreiben nicht zurückschrecken, sind die erste Zutat: Wenn ich nicht in einer schwarzen, blutrünstigen Komödie übertreiben kann - wo dann? Ein mit viel Liebe zum Detail gestalteter Set kommt hinzu. Aus diesem Set holt das Team wirklich alles raus. Er ist wie ein zusätzlicher Darsteller und Zutat Nummer 2. Als Drittes kommen die Plot-Twists hinzu. Die gelingen bestens im Sinne von Spaß und Spannung. de la Iglesias kombiniert Genrestandards mit Fantasie. So macht exzellentes Filmhandwerk einen Teil der Freude am Zusehen aus. Und schließlich hat der Film auch noch einen Subtext, der dafür sorgt, dass die Zuschauer zum Spaßhaben das Hirn nicht ausschalten müssen.

LOGAN von James Mangold (Berlinale 2017)

Kleine Mutantin des Gemetzels

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Hugh Jackman war vor 17 Jahren zum ersten Mal der Mutant Wolverine (aka. James Howlett aka. Logan) auf der Leinwand in X-Men. Es folgten zwei weitere X-Men-Filme, eigene Wolverine Spin-Offs, Prequels zu X-Men, der übliche Verwertungswahnsinn im Marvel-Universe eben. LOGAN bringt das für Wolverine zu einem Ende. Zu einem Ende, dass man sich düsterer, brutaler und hoffnungsloser kaum vorstellen kann. Ging es in früheren Filmen darum, ob und wie eine Akzeptanz der Mutanten durch die Menschen möglich ist, kann davon im Jahr 2029 in der Welt von LOGAN keine Rede mehr sein. In den USA gibt es keine Mutanten mehr. Logan selbst ist ein versoffener Limousinen-Chauffeur. Und wo ist eigentlich Professor Xavier (Patrick Stewart)? (Im weiteren Verlauf folgen SPOILER)

In der Welt von 2029 ist die Dystopie komplett: Die Gentechnik-Firma Alkali züchtet im Transigen-Projekt Kinder-Mutanten, die nur eines tun sollen: töten. In einem Industriekomplex in Mexiko wird mit den kleinen Killermaschinen experimentiert. Und – was ein Wunder – die Versuche schlagen fehl. Niemand kann die Kinder kontrollieren. Obwohl sie die perfekten Kampf- und Mordmaschinen sind, wollen sie nicht töten. Einige bringen sich um. Der Chefgenetiker Zander Rice (Richard E. Grant) aber denkt gar nicht daran sein Irrsinnsprogramm aufzugeben. Währenddessen versuchen die Krankenschwestern, Kinder zu retten und aus der Experimentierfabrik zu schmuggeln. Nach Norden, nicht in die USA, sondern nach Kanada. Logan wird schließlich zum Beschützer der 11-jährigen Laura (Dafne Keen), die er gemeinsam mit Professor Xavier an den geheimnisvollen Ort Eden bringen will.

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James Mangold entfacht in LOGAN ein höllisches, blutrünstiges Inferno. LOGAN ist ganz klar der beste Film der X-Men/Wolverine-Welt. Besonders die erste Hälfte erzählt eine spannende Geschichte, in der zweiten Hälfte wird es dann langweiliger – fliehen, eingeholt werden-kämpfen und weiter fliehen – wird da zum durchschaubaren Prinzip. Die Action- und Kampfszenen sind allerdings spektakulär. Sie sind auch extrem brutal. Alles Technische ist erstklassig: Set Design, Kampfchoreografie, Special Effects (mit einer Ausnahme, die unfreiwillig komisch wirkt). Und es ist sogar gut gespielt: Von Jackman, erst recht von Patrick Stewart, der nochmal den Royal Shakespeare Actor rauslässt, und vor allem von Dafne Keen: Ihre Laura ist der furchteinflößendste Teenie seit Regan aus THE EXORCIST. Laura lässt die Köpfe rollen und kämpft härter als der Terminator.

Insgesamt ist das Zuschauen eine zwiespältige Erfahrung: Es ist Überwältigungskino, das bestens funktioniert – Mad Max meets Slasher Movies meets Road Movies meets Western so ungefähr – von einem Superheldenfilm ist fast nichts übrig geblieben. Die Schwächen im Plot sind die eine Sache, sie werden von der Action im Wortsinn weggeblasen. Die ganz andere Frage ist: Wenn in einem Film Kinder von Erwachsenen gejagte Killermaschinen sind und daraus ein großes, im Detail gezeigtes, Gemetzel wird – was sagt das über den Film, über die, die den Film gemacht haben und über die, die den Film sehen? Und wenn man dann noch den Film ziemlich problemlos als Parabel auf die politische Gegenwart interpretieren kann, was sagt das eigentlich über die Gegenwart?

16.02.17 16:33

RETURN TO MONTAUK von Volker Schlöndorff (Berlinale 2017)

Viel Gejammer, wenig Gefühl, noch weniger Hirn

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„No one gets over anything“, sagt Max Zorn (Stellan Skarsgård), die Hauptfigur in Volker Schlöndorffs RETURN TO MONTAUK – „niemand kommt über irgendetwas hinweg“. Das ist das Motto dieser weinerlichen, selbstverliebten und unerträglich öden Rückschau des Berliner Schriftstellers Zorn auf die Fehler, die er in seinen Liebesentscheidungen gemacht hat. Warum ist er eigentlich so weinerlich? Mit dem Roman über seine verlorene Liebe hat er schließlich einen Riesenerfolg gelandet. Jetzt ist er gerade auf Lesereise in den USA und liest vor einem begeisterten Publikum in New York. Dort lebt auch Rebecca (Nina Hoss), genau die Frau, die Zorn vor 17 Jahren hat sitzen lassen. Die muss er jetzt finden, um ihr seinen Fehler zu gestehen. Aber wie eitle, alternde Männer eben so sind: Er hofft doch, dass ihn die inzwischen zur superreichen Erfolgsanwältin aufgestiegene Dresdnerin (sic!) zurücknimmt. Frauen finden vom Selbstmitleid zerfressene schreibende Gockel schließlich unwiderstehlich. Das will uns zumindest Schlöndorff glauben machen – und so nimmt das geistlose Gefühlsbehauptungsdrama auf der Leinwand seinen Lauf.

RETURN TO MONTAUK hat viele Probleme. Die drei größten sind diese: Volker Schlöndorff weiß nicht, was Menschen denken, was sie fühlen und wie sie sprechen. Das merkt der Zuschauer nach wenigen Minuten an der Konstruktion der Figuren. Ist es eigentlich möglich, dass man so großartigen Schauspielern wie Skarsgård und Hoss NICHT gerne zusieht? Schlöndorff hat sich alle Mühe gegeben und er hat es geschafft. Es ist nicht möglich, sich für die Figuren Max und Rebecca zu interessieren. Max hat als Innenleben nur seine Weinerlichkeit und Rebecca hat das Autorenteam Schlöndorff/Tóibin eine multiple Persönlichkeit an den Hals geschrieben. Gefühlshaushalt und Temperament dieser Rebecca Epstein ändern sich von Szene zu Szene. Es wirkt, als hätte Schlöndorff wahllos Szenen zusammengeschnitten, in denen Hoss ihm verschiedene Spielvarianten ihrer Figur anbot. Erst ist sie die kühle, selbstbewusste Staranwältin, dann zerfließt sie an der Ostspitze von Long Island in Tränen, weil sie doch eigentlich immer nur den Max zum Vater ihrer Kinder haben wollte. So schiebt Herr Schlöndorff seine Pappfiguren dann durch den Sand von Long Island und er packt sie in ein einsames Motel – wie schon vor 17 Jahren. Und siehe, sie haben Geschlechtsverkehr, aber glücklich werden sie nicht.

Denn der Herr Epstein ist jung gestorben – und darüber kommt Rebecca, genau, nicht hinweg. Das erzählt sie Max mit großer Aufwallung, obwohl sie sich doch wie tot fühlt, sagt sie jedenfalls. Überhaupt sprechen die Figuren ständig über ihre Gefühle, ohne dass es irgendjemand berührt, der dem im dunklen Zuschauerraum folgt. Wo wir gerade beim Sprechen sind: Die Dialoge sind grauenvoll. Nach 105 Minuten ist es vorbei. Jetzt muss ich nur noch über diesen Film hinwegkommen.

14.02.17 21:41

BEUYS von Andreas Veiel (Berlinale 2017)

Alle oder keiner

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Er will die „organische Entwicklung der Gesellschaft“, er will mit seiner Kunst die Fragen beantworten, „für die sich die Menschen im Inneren interessieren“. Was Joseph Beuys vor Jahrzehnten gesagt hat, klingt heute genauso relevant. Er hat Kunst nicht nur als einzig revolutionäre Kraft begriffen, er hat auch wie ein Berserker an ihr gearbeitet. Immer und unermüdlich. Gerade dieses rastlose Schaffen und der unbedingte Wille zur gesellschaftlichen Wirkung kommt in Andreas Veiels Dokumentarfilm BEUYS brillant zum Ausdruck. Einem Film, der fast ausschließlich auf Archivmaterial vertraut und Interviews mit Zeitzeugen nur sparsam einsetzt. Eine gute Entscheidung. Aus dem Material und vor allem aus dem famosen Einsatz von Schnitt und Montage gewinnt BEUYS seine Dynamik und seine Spannung. Die Cutter Stephan Krumbiegel und Olaf Vogtländer haben dafür den Silbernen Bären für eine Herausragende Künstlerische Leistung verdient.

Veiel arbeitet in BEUYS nicht nur mit umfangreichem, erstmals den Archiven entlockten Filmmaterial, sondern auch mit einer Fülle von Negativen und anderen Bildern, die er so auf die Leinwand bringt, dass der Zuschauer nie Gefühl hat, totes Material zu betrachten – diese Bilder leben. Dabei hat der Film gar nicht den Anspruch, Beuys Werk oder Leben in allen Facetten zu zeigen. Dass sich da einer von der Familie vernachlässigt fühlte und schon als Kind diese Freiheit für sich nutzte, wird ebenso in wenigen Bildern angedeutet, wie die frühe Begeisterung für das Fliegen, die der Grund war, dass Beuys sich schließlich zu Luftwaffe meldete.

Wie sehr der Künstler in den Fünfziger Jahren unter Depressionen litt, belegt ein Gespräch mit seinem langjährigen Freund und Beuys-Sammler Franz Joseph van der Grinten. Als diese Depression überwunden war oder vielleicht um diese Depression zu überwinden, stürzte sich Beuys dann wahrhaft manisch auf das künstlerische Schaffen. Die Bewahrer der herkömmlichen Kunst trieb mit sichtlicher Freude und gescheitem Witz in den Wahnsinn, eckte überall an und machte es zu seinem Auftrag, „das System zu verändern“. Dass er dabei hinterfotzig systemimmanent vorging und 1972 gegen seine fristlose Kündigung als Professor der Kunstakademie klagte, war nur scheinbar ein Widerspruch. Dass er den Prozess gegen die NRW-Landesregierung sechs Jahre später gewann, eine herrliche Ironie.

Über Gesellschaftsveränderung sprach er am liebsten. Dabei war er weder elitär noch eigenbrötlerisch. Er gründete das Büro „Für direkte Demokratie und Volksabstimmung“, deren Büro er auf die documenta 5 in Kassel 1972 verlegte. Für 100 Tage sprach er mit jedem, der mit ihm sprechen wollte und beantwortete jede Frage. Ihn interessierte, was Menschen interessierte. Er glaubte zwar nicht, dass jeder Mensch ein Künstler ist, er glaubte aber, dass jeder das Potenzial hat, einer zu sein. BEUYS ist ein Künstlerportrait, das Lust auf Kunst macht.

12.02.17 0:25

MENASHE von Joshua Z Weinstein (Berlinale 2017)

Die Familie ist groß, der Zores ist größer

Menashe_1_klein.jpg „Drei Dinge braucht ein Mann, um glücklich zu sein“, sagt der Rabbi, „eine schöne Frau, ein komfortables Zuhause und ein gutes Mahl.“ Menashe (Menashe Lustig) hat nichts von alldem, das weiß der Rabbi. Schließlich sagt er dies nach der Trauerfeier für Menashes Frau, während er in Menashes viel zu kleiner, unordentlicher Wohnung ein ungenießbares angebranntes Essen runterzuschlingen versucht. Menashes Problem ist noch viel größer: In seiner jüdisch-orthodoxen hasidischen Gemeinde in Borough Park in Brooklyn bestimmen die religiösen Regeln, dass ein Mann nicht allein ein Kind aufziehen darf. Also wohnt sein Sohn Rieven (Ruben Niborski) solange beim Onkel Eitzik, bis sein Vater wieder geheiratet hat. Dazu aber ist Menashe nicht bereit.

MENASHE erzählt eine kleine simple Geschichte, deren Kern der Grundkonflikt zwischen Mensch und Religion ist: Wie soll der Mensch den Ansprüchen der Religion genügen, wie dem bizarren religiösen Regelwerk folgen, ohne unmenschlich zu handeln? Am Beispiel des Menschen Menashe zeigt sich: Das ist unmöglich, ganz einfach. Und nun kommt ein nächster schöner Satz aus dem Film zum Tragen: Die Familie ist groß, der Zores (Ärger, Probleme) ist größer. Die Gemeinde ist in der Welt von Menashe nur eine Erweiterung der Familie und potenziert den Zores quasi. Menashe ist nicht fromm genug, er hat einen schlechten Job, wenig Geld und er hält sich nicht an die Regeln. Deutlich ist zu sehen, wie ihn die Regeln nerven, aber sie können ihm auch nicht egal sein – wenn ihn die Gemeinde verstößt, steht er vor dem Nichts.

Joshua Z Weinsteins Film ist ein kleiner Film. Mit Laienschauspielern, in Jiddisch. Sein Spielfilmdebüt ist manchmal komisch und immer tragisch. Es profitiert davon, dass Weinstein bisher Dokumentarfilme gemacht hat. Weil er so nah dran ist, zeigt er Sprache, Gebräuche und religiöse Regeln nicht von außen, sondern er bricht das Hermetische der orthodoxen Gemeinde auf. Wir schauen nicht nur drauf, sondern empfinden Empathie und verstehen die Probleme. MENASHE macht den großen Konflikt zwischen Mensch und Religion greifbar. Er stellt die kleine, simple Frage: Warum ist es falsch, dass ein Witwer seinem Sohn ein Vater sein will? Die Religion antwortet mit Tradition und Regeln, mehr hat sie noch nie gemacht. Sie kann nichts erklären, das hat sie noch nie gekonnt. Die kleine, simple Frage kann sich der Mensch nur selbst beantworten – die großen, schwierigen übrigens auch.

09.02.17 21:30

DJANGO von Étienne Comar (Berlinale 2017)

Aufregende Saiten, langweiliger Film

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Paris 1943, Paris ist von den Deutschen besetzt. Es ist Krieg. Aber der Krieg interessiert Django Reinhardt (Reda Kateb) nicht. Denn Krieg ist eine Angelegenheit der Gadjé, der Nicht-Manouches. Étienne Comars Biopic stellt genau diese Frage: Wie lange kann ein Künstler wie Reinhardt der Wirklichkeit des Krieges entkommen? Vor allem in einer Situation, in der auch die deutschen Besatzer gefallen an seiner Gitarrenvirtuosität finden und ihn für eine Deutschlandtournee verpflichten wollen. Selbstverständlich ohne Swing und mit einem maximal 20-prozentigen Bluesanteil. Das will sich der Impressario in Uniform (Jan-Henrich Stahlberg), den Reinhardt nur Doctor Jazz nennt, schriftlich zusichern lassen.

DJANGO konzentriert sich fast völlig auf wenige Monate im Jahr 1943. Die Besatzer drängen Reinhardt zu einer Propagandatournee. Er ist nicht abgeneigt, denn die Deutschen wollen gut zahlen. Gleichzeitig erfährt er immer mehr über die verzweifelte Situation der Manouches in Deutschland und in Frankreich, über Menschen die verschwinden, die in Lagern landen. Und schließlich wird ihm klar: Seine Gitarre ist ein Schutzschild für ihn und seine Familie, das ganz schnell seine Wirkung verlieren könnte, wenn er sich weigert mit den Nazis zu kooperieren. Der Künstler, der sich mit seinem Gitarrenspiel der Freiheit hingibt, kann sich der Realität nicht entziehen. Und plötzlich spürt er die Last der Verantwortung – für seine Familie, aber auch für andere Manouches, denen er helfen will.

Dass sich Comar in seinem Film so stark auf eine kurze Zeitspanne in Django Reinhardts Leben konzentriert und einen inneren Konflikt behandelt, könnte ein großer Vorteil sein. Aber der Film schöpft das spannende Potenzial seiner Geschichte nie aus. Die Bilder sind schön, zu schön. Das besetzte Paris, schreckliche Zeiten – aber so pittoresk. Die Story entwickelt sich langsam, genauer gesagt zieht sie sich bis zur Langweile. Und die schöne Louise (Cécile de France) die vielleicht Djangos Rettung oder auch Djangos Verderben ist, sie ist ebenfalls sehr schön – aber wirklich charismatisch ist sie nicht. So nimmt das Drama seinen Lauf und vieles drum herum ist sehr konventionell: die tumben Deutschen, die Ausstattung des Films, die behäbige Art des Erzählens. Nur zwei Aspekte des Films fesseln: Das schauspielerische Können von Reda Kateb und das Gitarrenspiel von Stochelo Rosenberg und seinen Musikern, die Django Reinhardts Saitenkunst im Wortsinn zum Klingen bringen. Kateb liebt die Kamera und die Kamera liebt ihn und wenn in DJANGO Musik gemacht wird, dann ist Leben auf der Leinwand.

08.02.17 15:32

Berlinale 2017: So sehen Karten aus - shalalalala! .

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Sie sind nicht nur begehrt, sie sehen auch gut aus: Die Karten der Berlinale 2017.

05.03.16 23:27

Filmtour 2016: SEXARBEITERIN von Sobo Swobodnik

Eine etwas andere Dienstleisterin

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Foto: Partisan Filmverleih

SEXARBEITERIN heißt der neue Dokumentarfilm von Sobo Swobodnik. Im Mittelpunkt steht der Alltag von Lena Morgenroth. Alltag heißt in ihrem Fall Sexarbeit als selbständige Unternehmerin in einem Berliner Studio, wo sie klassische Tantramassagen und „ziemlich ausgefallene Variationen erotischer Massagen“ – so ihre Webseite – anbietet. Dazu gehören auch Bondage und SM. Alltag heißt aber auch der Kampf mit der Steuererklärung, den Müll zum Glascontainer bringen und politische Lobbyarbeit für den Bundesverband „Erotische und sexuelle Dienstleistungen“ betreiben. SEXARBEITERIN ist ein Film der am Beispiel Lena Morgenroths einen realistischen Blick auf den Beruf der Prostituierten wirft. Der Film läuft aktuell in Berlin, Salzgitter, Ingolstadt und anderen deutschen Städte und geht von März bis Mai auf Kinotour durch Deutschland.

„Ich verkaufe eine Dienstleistung, nicht meinen Körper“, das ist ein zentraler Satz, den Lena Morgenroth über ihre Arbeit sagt. Der Satz ist besonders deswegen so interessant, weil dieser Unterschied in Diskussionen über Prostitution, aktuell zum Beispiel die über das geplante sogenannte „Prostituiertenschutzgesetz“, praktisch nie auftaucht. Zu ihrer Arbeit wird die Diplom-Informatikerin nicht gezwungen, sondern sie hat sie sich ausgesucht. Sobo Swobodnik geht nah mit der Kamera heran und zeigt, dass Sexarbeit eine körperliche Arbeit ist. Er zeigt aber genauso, dass diese Arbeit im Fall von Lena Morgenroth auch viel mit Empathie und Aufmerksamkeit zu tun hat: Sie ist die Dienstleisterin, die Männer und Frauen zum Orgasmus bringt oder auch nur umarmt und hält. Auch dann ist die Kamera dabei, wobei die schwarz-weiß Bilder und die langen ruhigen Einstellungen dafür sorgen, dass der Film eben nicht voyeuristische Bedürfnisse der Zuschauer befriedigt, sondern sich auf die Verbindung zwischen der Sexarbeiterin und ihren Kunden konzentriert.

Auch in der Diskussion nach der Filmvorführung betont Lena Morgenroth ihr professionelles Verständnis: Kundenbedürfnisse stehen im Vordergrund und ihr selbst sei es wichtig, authentisch zu sein und mit ihrem Gegenüber auf Augenhöhe zu agieren. Sexarbeit, so wie sie Lena Morgenroth ausübt, ist eine persönliche Dienstleistung, die mit der eines Therapeuten, eines Altenpflegers oder eines Unternehmensberaters zu vergleichen ist. Dazu gehört auch, wie akribisch die Protagonistin ihre Kundendatei pflegt: „Vorsicht, spritzt weit. Rechtzeitig Gesicht in Sicherheit bringen“ oder Vermerke über Herzschrittmacher und besondere Vorlieben.

SEXARBEITERIN verschweigt auch negative Aspekte nicht: Manche Kunden – für Lena Morgenroth sind sie Gäste – halten sich nicht an Vereinbarungen. Dann sei es anstrengend, Grenzen zum Beispiel für Berührungen zu setzen. Klar ist, dass sie die Grenzen setzt und darüber entscheidet, wem sie ihre Dienstleistung zu Verfügung stellt und wem nicht. Dass die Arbeitsbedingungen nicht für alle Prostituierten so gut sind wie für Lena Morgenroth, machten Sie und einige ihrer Kolleginnen auch in der Diskussionsrunde deutlich.

Der Film SEXARBEITERIN bietet aber gerade die Chance, über das Thema Prostitution und über Arbeitsbedingungen von Frauen und Männern in diesem Beruf auf der Basis von Fakten zu diskutieren. Das dass in Deutschland eher nicht geschieht, war im Film übrigens auch zu sehen. Als Alice Schwarzer 2013 ihr Buch vorstellte, dessen Titel „Prostitution – ein deutscher Skandal“ bereits die ideologisch verbohrte Kampfschrift signalisierte, demonstrierten Lena Morgenroth und andere Sexarbeiter gegen die einseitige Darstellung. Auf Video ist zu sehen, wie Alice Schwarzer auf abweichende Meinungen reagierte. Die Polizei drängte die Demonstranten aus dem Saal und stellte ihre Personalien fest. SEXARBEITERIN ist nicht nur ein interessantes und sehr persönliches Portrait, sondern auch ein in vieler Hinsicht aufklärerischer Film. Wie hat ein Philosoph aus Königsberg vor gut 230 Jahren so schön geschrieben: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“

20.02.16 15:54

Berlinale 2016: ZJEDNOCZONE STANY MIŁOŚCI (United States of Love) von Tomasz Wasilewski

Die Vereinigten Staaten der Frauen- und Menschenfeindlichkeit

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Polen Anfang der Neunziger Jahre: Das kommunistische Regime ist Geschichte und die Schule nennt sich stolz Solidarność. Aber von Aufbruchsstimmung ist in der kleinen namenlosen Stadt, in der Tomasz Wisilewskis Film spielt nichts zu spüren. Seine Bilder wirken fast farblos, über allem liegt ein Grauschleier, nicht zuletzt über der Stimmung seiner vier Protagonistinnen: Agata (Julia Kijowska), die sich in den Priester verliebt hat und für ihren Mann nichts mehr empfindet. Die Schuldirektorin Iza (Magdalena Cielecka) ist die unglückliche Geliebte eines Arztes. Die junge Sport- und Tanzlehrerin Marzena (Marta Nieradkiewicz), die von einer Karriere als Model träumt. Und schließlich die Russischlehrerin Renata (Dorota Kolak), die sich so sehr zur Marzena hingezogen fühlt, dass sie sogar einen Sturz im Treppenhaus inszeniert um von ihr umsorgt und berührt zu werden.

Die Handlung von ZJEDNOCZONE STANY MIŁOŚCI ist schnell erzählt: Drehbuchautor und Regisseur Wasilewski zerstört mit großer Konsequenz und einer gehörigen Portion Sadismus, die Träume der vier Frauen zu zerstören. Agata lässt ihre unerfüllbare Liebe zum Priester keine ruhige Minute. Ihre frustrierte Lust lebt sie dafür in zwanghaften, fast gewalttätigen Szenen beim Sex mit ihrem Mann aus, der sie ziemlich verstört fragt, was eigentlich los ist. In alltäglichen Situationen darf dieser nicht einmal ihre Hand berühren. Die Schuldirektorin dagegen hat zunächst Hoffnung: Sechs Jahre war sie die heimliche Geliebte des Arztes. Nun ist seine Frau gestorben und sie möchte die Beziehung auf offiziell machen. Das Ergebnis: Der Arzt schlägt der Direktorin die Nase blutig. Als sie ihn mit den Worten anfleht „Ich würde alles für Dich tun“ zerrt er sie zum Fenster, öffnet es und fordert sie zu springen auf.

Renata lebt allein mit ihren Vögeln in ihrer kleinen Wohnung und überlegt verzweifelt, wie sie der Tänzerin Marzena näherkommen kann. Das scheint ihr durch ihren inszenierten Sturz zu gelingen. Natürlich hilft ihr die junge Frau. Es gibt ein gemeinsames Essen und als Renata Marzena bei einer Tanzstunde besucht, tanzen die beiden Frauen sogar miteinander. Eine der wenigen Szenen des Films, in der menschliche Wärme spürbar wird. Marzena, in deren Zimmer neben dem Konzertplakat von Whitney Houston 1988 in der Berliner Waldbühne auch ihr Foto als Gewinnerin der lokalen Miss Wahl hängt, bestellt einen Fotografen, um neue Bilder von sich machen zu lassen. Dafür trinkt sie sich Mut an. Am Ende schläft sie betrunken auf der Toilette ein. Der Fotograf nutzt das, um sie auszuziehen, über der bewusstlosen nackten Frau zu onanieren und dann zu verschwinden. Jetzt kommt es zu einer weiteren Geste der Menschlichkeit. Renata geht in die Wohnung ihrer Nachbarin und säubert die schlafende Frau.

United States of Love ist die wörtliche Übersetzung des polnischen Originaltitels. Angesichts der Handlung interpretiere ich das als puren Zynismus. Der von Wasilewski beschriebene Staat ist einer, in der alle an ihren Träumen scheitern und Frauen für ihr Begehren brutal bestraft werden. Sein Subtext der deutschen Vereinigung, die ab und zu in Nachrichtensendungen im Hintergrund auftaucht oder durch deutsche Touristen, die billige Rehaprogramme in Polen machen zum Thema wird, fügt andererseits dem Film keine neue Bedeutung hinzu. Darüber hinaus gelingt es ihm auch nicht seinen Film durch allerlei Mätzchen bei der Wahl des Bildausschnitts zu Kunst zu erheben. Er zeigt viel Nacktheit und Sex, aber auf demütigende und denunzierende Weise. Wasilewski wollte vermutlich einen kühlen, klinischen Blick auf gesellschaftliche Verhältnisse bieten. Herausgekommen ist ein abstoßender, menschenfeindlicher Film, der das Interesse an seinen Figuren und seine gesellschaftliche Relevanz lediglich behauptet.

Panorama-Publikumspreis an JUNCTION 48 und WHO'S GONNA LOVE ME NOW?

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Die Panorama-Publikumspreise 2016 gehen in diesem Jahr an JUNCTION 48 von Udi Aloni und für den besten Dokumentarfilm an WHO'S GONNA LOVE ME NOW? von Tomer und Bayak Heymann. Adonis Film über eine palästinensische Rap-Gruppe in Lod, einer Kleinstadt nur 20 Kilometer östlich von Tel Aviv, ist eine israelisch-deutsche-amerikanische Koproduktion. Der Musiker Kareem (Tamer Nafar) versucht mit seiner Band eine Karriere zu starten. Dann will die israelische Regierung das Haus der Familie seines Managers räumen und seine Freundin Manar wird von ihrer konservativen Familie unter Druck gesetzt, nicht mehr auf den Konzerten der Gruppe zu singen.

18.02.16 22:44

Berlinale 2016: THE SEASONS IN QUINCY: FOUR PORTRAITS OF JOHN BERGER

Welterklärer mit Charisma

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Vier Jahreszeiten im französischen Alpendorf Quincy, ein Künstlergenie im Mittelpunkt: John Berger, Autor, Maler, Kunsttheoretiker, Welterklärer. THE SEASONS IN QUINCY: FOUR PORTRAITS OF JOHN BERGER besteht aus vier filmischen Essays von Colin McCabe, Christopher Roth, Tilda Swinton und Bartek Dziadosz: Ways of Listening, Spring, A Song for Politics und Harvest. Drei der Essays schaffen, das Charisma von John Berger auf die Leinwand zu bringen, interessanterweise auch Spring, in dem Berger selbst gar nicht zu sehen ist. Allein A Song for Politics wird zu einer echten Peinlichkeit. Die Diskussionsrunde aus Berger, den beiden Mitregisseuren Colin McCabe und Christopher Roth sowie dem amerikanischen Schriftsteller und Essayisten Ben Lerner und Akshi Singh ist die Inszenierung eines Nichtgesprächs.

Wer John Berger verstehen will, muss mit ihm reden und ihm zuhören. Das funktioniert wunderbar In Ways of Listening und Harvest. Im ersten Essay macht Tilda Swinton in der alten Küche des Bauernhauses in Quincy einen Apple Crumble und John Berger sitzt dabei am Küchentisch und nimmt sich ab und zu ein Stück Apfel. Dabei reden sie über ihre Väter, beides hohe Militärs – der von Berger im Ersten Weltkrieg, der von Swinton im Zweiten. Das führt zu einem interessanten Gespräch über Krieg, Verletzung, Geschichte und Familie.

Ein ähnlicher Ansatz auch im Essay Harvest: Hier lassen sich Sohn und Tochter von Tilda Swinton von John Bergers Sohn seinen Bauernhof zeigen, Berger redet über den Garten seiner kürzlich verstorbenen Frau Beverly und bringt am Ende Tilda Swintons Tochter das Motorradfahren bei. Wieder sind es die persönlichen Gespräche, die Bergers poetische Weise herausstellen, die Welt zu betrachten.

Christopher Roth gelingt sogar das Kunststück, in dem von ihm konzipierten Teil, dieses Charisma in Bergers Abwesenheit auf die Leinwand zu bannen. Der Teil Spring wurde kurz nach Beverly Bergers Tod gedreht. Roth knüpft an John Bergers „Why Look at Animals?“ und „To Look at Things“ an: Er zeigt Tiere, Pflanzen den Hof und die Landschaft um Quincy. THE SEASONS IN QUINCY: FOUR PORTRAITS OF JOHN BERGER funktioniert über weite Strecken, mit einer sehr persönlichen Art des Erzählens.

17.02.16 21:45

Berlinale 2016: ALOYS von Tobias Nölle

Einsamkeit in der Stinkbude – spannend, komisch, tragisch

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Die digitale Kamera ist das Wichtigste in Aloys Leben. Die Kamera und sein Vater. Sein Vater ist fast das Erste, was wir in Tobias Nölles Film ALOYS (Georg Friedrich) sehen. Aloys filmt den Vater mit der Kamera. Der Vater hat die Augen geschlossen. Er liegt in einem offenen Sarg. Er ist tot. Die Kamera ist für Aloys so wichtig, weil er sie für seine Ermittlungen braucht. Aloys ist Detektiv in der Detektei Adorn & Sohn. Jetzt ist nur noch der Sohn übrig, aber die Ermittlungen müssen weitergehen. Schnell wird klar: Die Filme sind der eigentliche Lebensinhalt von Aloys. ALOYS ist einer der besten Belege für die uralte Berlinale-Weisheit, dass die interessantesten und besten Filme des Festivals die kleinen Filme sind.

Aloys wohnt in einer scheußlichen Hochhaussiedlung irgendwo in der Schweiz. Sein ebenso scheußliches Apartment, das er selbst als „Stinkbude“ bezeichnet, ist Wohnung und Büro zugleich. Zuletzt hat der Vater hier in einem Krankenbett gelegen. Aloys lässt niemand in die Wohnung. Wenn er Zuhause ist, filmt er den Flur vor seiner Wohnungstür durch den Türspion. Wenn er nicht zuhause ist, arbeitet er. Dann filmt er untreue Ehemänner wie zum Beispiel Herrn Schoch. Kein Wunder also, dass Aloys‘ Leben total aus den Fugen gerät, als er bei einer Ermittlung entdeckt wird und ihm nach einem Frustbesäufnis auch noch die Kamera nebst neun DV-Kassetten mit privatem und beruflichen Filmmaterial gestohlen werden. Eine Kassette findet Aloys in der Jackentasche. Als er sie sich anschaut sieht er, dass er mit seiner eigenen Kamera gefilmt wurde, als er besoffen schlafend im fahrenden Bus saß – offensichtlich von der Frau (Tilde von Overbeck) hinter der Kamera, die ihn filmt und dabei kichert.

Und diese Frau ruft Aloys an. Der versucht, professionell zu reagieren, aber dann stellt er überrascht fest, dass die Frau ihn gar nicht erpressen will. Sie will mit ihm reden und sie fordert den einsamen Sonderling heraus, seine eigene Phantasie zu benutzen. Und auf einmal geschieht etwas Überraschendes: Die Frau und Aloys können im Gespräch eine eigene Welt außerhalb der eigentlichen Welt erschaffen, immer wenn Aloys aus seiner eigenen Routine ausbricht und die Anweisungen der seltsamen Anruferin befolgt.

Die Konstruktion, die sich Autor und Regisseur Tobias Nölle ausgedacht hat, klingt sehr verkopft, wenn man das so beschreibt. Außerdem meldet sich im Kopf des erfahrenen Kinozuschauers sofort der Kitschalarm: Kitschalarm! Kitschalarm! Keine Angst – die Geschichte von ALOYS ist sehr viel interessanter, intelligenter und auch komischer als die zweier Einsamer, die in ihre eigene Gedankenwelt fliehen. ALOYS ist mein bisheriger Favorit der Berlinale 2016: Ein originelles Drehbuch, zwei sehr gute Hauptdarsteller und eine sehr ideenreiche Kameraarbeit von Simon Guy Fässler.

16.02.16 23:17

Berlinale 2016: GENIUS von Michael Grandage

„Zu laut, zu großspurig und nicht ganz echt“

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Max Perkins ist der berühmteste literarische Lektor des 20. Jahrhunderts. Er holte F. Scott Fitzgerald zum New Yorker Verlag Scribner’s und wenig später auch Ernest Hemingway. GENIUS, Michael Grandages Debüt als Filmregisseur, beschäftigt sich vor allem mit Max Perkins‘ drittem großen literarischen Fang: Thomas Wolfe. Perkins entdeckte den Autor und bearbeitete mit ihm gemeinsam mit ungeheurer Intensität an Wolfes ersten beiden Romanen LOOK HOMEWARD, ANGEL und OF TIME AND THE RIVER. Grandage dirigiert in seinem ersten Film ein wahres Starensemble: Allen voran Colin Firth in der Hauptrolle und Jude Law als Thomas Wolfe. Weibliche Stars sind Nicole Kidman als Wolfes Geliebte und Laura Linney als die Frau von Max Perkins. Trotz dieser Besetzung ist GENIUS kein Vergnügen. Das liegt an John Logans formelhaftem Drehbuch und unglücklichen Entscheidungen von Regisseur Grandage.

Die Geschickte von Max Perkins und seiner großen literarischen Entdeckung Thomas Wolfe gute Voraussetzungen für einen spannenden Film: Es prallen zwei gegensätzliche Charaktere aufeinander, die trotzdem zu Freunden werden und gemeinsam ungeachtet vieler Konflikte große Literatur schaffen. Das Hauptproblem von GENIUS ist, dass vor allem die Figur des Thomas Wolfe nur eine schauspielerische Klangfarbe haben darf: Die des manisch quasselnden und hampelnden Genies. Schon nach wenigen Minuten habe ich mir gewünscht, dass irgendjemand Wolfe eine schöne Maulschelle verpasst, damit endlich einmal Ruhe ist. Das geschieht dann nach einer guten halben Stunde, als seine Geliebte richtig wütend wird und zuschlägt, leider ohne nachhaltigen Erfolg. Um es klarzustellen: Jude Law gibt den manischen Autor mit solcher Konsequenz, dass dafür nur eine Regieanweisung verantwortlich sein kann. Verschlimmert wird das noch dadurch, dass Wolfe in einer exaltiert-romantischen Sprache redet, die seinem Schreibstil nachempfunden ist. Das ist ein Kunstgriff des Autors John Logan, der den Film letztlich zu einer dauerhaft nervtötenden Angelegenheit werden lässt. Wolfe sagt im Film über sich: „Ich bin zu laut, zu großspurig und nicht ganz echt“. Das ist das treffende Urteil über das Gesamtwerk GENIUS.

Es gibt ein paar interessante Szenen in GENIUS. Die beste ist die, in der Perkins ein Kapitel des Debütromans LOOK HOMEWARD, ANGEL in einem ständigen Dialog rigoros aber eben genial zusammenkürzt. Das ist filmisch als ein nichtabreißendes Gespräch zwischen zwei sich auf Augenhöhe begegnenden Literaturenthusiasten, die immer in Bewegung sind, spannend umgesetzt. Auch Konfrontationen zwischen Lektor und Autor, die erst fachlicher und dann auch persönlicher Natur sind, setzen Reizpunkte. Diese sind im Film aber die große Ausnahme. Andere Figuren außer diesen beiden bleiben blass. F. Scott Fitzgerald (Guy Pearce) und besonders Ernest Hemingway (Dominic West) sind eher Requisiten, die aber nur wenig zur Geschichte beitragen. Ein ewig aufdringlich und trotzdem seicht dudelnder Soundtrack, ist ein weiterer Faktor, der an die Nerven geht.

Am Ende von 104 Minuten GENIUS hatte ich das Gefühl, als hätte ich viel Zuckerzeug zu mir genommen und trotzdem wenig Genuss gehabt. Es ist von allem zu viel: Zu viel Gerede von Wolfe, zu viel Drama von Wolfes Geliebter Aline, zu viel heimelige Familienstory um Perkins‘ Frau und die süßen, süßen Töchterchen und zu viel Brauntöne in der seltsam historisierenden Farbpalette der Bilder. Zu wenig hat Michael Grandage allein aus den darstellerischen Möglichkeiten seines Ensembles gemacht.

Berlinale 2016: INERTIA von Idan Haguel

Ein ver-rücktes Leben

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Mira wacht mit einem lauten Schrei auf. Sie liegt alleine im Bett und nimmt an, dass ihr Mann bereits zur Arbeit gegangen ist. Es wird ein schwieriger Tag. Ihre Mutter holt sie ab. Die beiden Frauen fahren gemeinsam zum Hafen. Auf einer Müllhalde liegt dort ein Schiffswrack, das etwas mit dem Tod des Vaters zu tun hat. Die Mutter befestigt einen Blumenstrauß an dem Wrack. Das hat sie anscheinend schon häufiger getan. Der Name des Schiffes: „Beth Saida“ – das Haus der Herrin. Miras Mann ist auch zum Abendbrot nicht zu Hause. Auf Anrufe reagiert er nicht. Für Mira beginnt in der kleinen Wohnung in der riesigen Hochhaussiedlung eine einsame und verwirrende Zeit.

Mira geht zur Polizei. Die Polizistin ist nicht wirklich hilfreich. „Die meisten Männer“, sagt sie, „tauchen spätestens nach ein paar Tagen wieder auf.“ Und siehe da: Nach kurzer Zeit steht die Polizistin mit einem Mann in Miras Wohnung, aber dieser Mann ist nicht Miras Mann, sondern ein Schwindler. Ein Arbeitskollege ihres Mannes, will seine Angel zurückhaben. Mira wusste nicht mal, dass ihr Mann angelt. Aber im Schrank findet sie die Angel. Der Kollege sagt: „Wir sind einmal in der Woche zusammen angeln gegangen.“ Mira ist seit 18 Jahren mit ihrem Mann verheiratet. Die Sache mit dem Angeln ist völlig neu für sie.

Mira schläft praktisch nicht mehr. Sie hängt Zettel mit dem Bild ihres Mannes auf. Überall in der Stadt. Irgendwann sagt ihre Mutter. „Du legst Dich jetzt hin, schläfst und ab morgen stehst Du auf eigenen Füßen.“ Das tut Mira. Dann nimmt sie die Sachen ihres Mannes aus dem Schrank und verbrennt sie. Langsam kommt Miras Leben wieder ins Gleichgewicht. Sie findet einen Job als Kellnerin. Und sie gibt zu, dass sie Gewissenbisse plagen. In der Nacht, in der ihr Mann verschwand, hatte sie einen Traum: Sie war mit ihrem Mann auf einer Feier und hat sich für ihn geschämt. Er war ihr einfach peinlich. Und dann war da ein attraktiver Mann mit einem weißen Bart, zu dem sie sich hingezogen fühlte.

Miras Leben ist im Wortsinne ver-rückt. Ebenso ist es die Wahrnehmung des Zuschauers. Erzählt INERTIA eine in sich konsistente Geschichte? Gibt es eine (Film-)Wirklichkeit und eine Traumebene. Es ist unmöglich zu entscheiden, was Wirklichkeit ist und was nur Miras Kopf existiert. So überträgt sich die Verunsicherung in Miras Leben auf die Zuschauer. Kann Mira ihrer eigenen Erinnerung trauen und damit der Zuschauer der Geschichte, die Mira von sich erzählt? Genau mit dieser Unschärfe spielt Idan Haguel.

15.02.16 23:00

Berlinale 2016: REMAINDER von Omer Fast

Die Welt als Wille und Vorstellung

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Über den Unfall selbst kann er sehr wenig sagen, aber eines ist klar: Der Unfall hat sein Leben verändert. Etwas fiel vom Himmel, hat ihn getroffen und ihn zum Krüppel gemacht. Es hat ihn auch zu einem reichen Mann gemacht. Mit REMAINDER hat Omer Fast (Interview mit Omer Fast) den brillanten gleichnamigen Roman von Tom McCarthy verfilmt. Die Hauptfigur ist ein Mann ohne Namen (Tom Sturridge), der für seine Verletzungen 8,5 Millionen Pfund Entschädigung erhält und versucht, die Kontrolle über sein Leben wiederzugewinnen.

Sein Körper ist schwer geschunden, aber was ihm noch mehr fehlt, sind seine Erinnerungen. Sie sind unzuverlässig, Bruchstücke wie Scherben, die am Boden liegen. Scherben in denen sich etwas spiegelt, dass er nicht genau erkennen kann. Ehemals vertraute Menschen sind ihm fremd. Wir sehen ihn auf einer Party: Er fühlt sich unwohl, kann kaum mit jemand Kontakt aufnehmen. Wir sehen ihn und wir wissen nicht, was in seinem Kopf vorgeht. Das ist normal, niemand weiß, was in dem Kopf eines anderen vorgeht. Aber sein Fremdsein geht weiter. Wir sehen, dass er leidet, aber ist das schon Mitgefühl? Und die Bilder, die Omer Fast uns bietet, sind auf eine seltsame Art zweideutig. Sehen wir Realität, etwas Erinnertes oder ein Konstrukt aus beidem?

Der Mann ohne Namen fasst einen erstaunlichen Entschluss: Er will ein Haus kaufen, das so genau wie möglich einer Erinnerung entspricht. Einer Erinnerung, zu der er keinen Kontext aber viele Details kennt. Die Makler, die er anruft, begreifen nicht worum es geht, vor allem nicht, warum die vielen Details so wichtig sind. Erst Naz (Arsher Ali) von der Beratungsfirma Time Control, versteht das oder zumindest fragt er nicht warum. Endlich ist ein Haus gefunden. Die Fassade muss verändert werden – kein Problem. In einer Wohnung soll eine Frau Leber braten, während in einer anderen Wohnung ein Mann ein Stück von Rachmaninov am Klavier spielt – selbstverständlich.

REMAINDER ist wörtlich übersetzt, „das, was übrig bleibt“. Der Protagonist schafft aus Erinnerungen durch Re-enactment eine neue solipsistische Realität. Dieses Spiel treibt er in Extreme, die weder Naz noch der Zuschauer erahnen können.

Omer Fast hat aus Tom McCarthys Buch, das kühl, aufregend und auch sehr verkopft ist, einen spannenden Film gemacht, der wie ein Thriller funktioniert. Das Interessanteste an dem Film aber ist die Verblüffung des Zuschauers und das Nachdenken darüber, wie die Konstruktion unserer eigenen Wirklichkeit funktioniert. Und damit ist Fast in seiner Verfilmung der herausragenden Romanvorlage treu geblieben.

14.02.16 20:30

Berlinale 2016: CONTINUITY von Omer Fast

Was ist, was war und was möglich ist

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Ein Ehepaar fährt im Auto, um seinen Sohn abzuholen. Was war da im Wald? War da was im Wald – ein Tier? Der Sohn wartet irgendwo an der Bundesstraße bei einer Bushaltestelle. Er trägt die Uniform der ISAF, der International Security Assistance Force in Afghanistan. Er war im Einsatz. War er im Einsatz und ist er der Sohn des Paares? Omer Fast (Interview mit Omer Fast) hat seinen Film von der documenta (13) erweitert: Genauer gesagt hat er ihn durch neu gedrehte Szenen von 41 auf 85 Minuten verlängert. Alle Szenen aus der 1. Version sind noch da, aber CONTINUITY 2016 ist ein völlig neuer Film im Vergleich zu CONTINUITY 2012. (Video der 40 Min-Version) Die Frage was im Film real und was innerhalb des Films bewusste Inszenierung der Eltern ist, stellt sich völlig neu. Und für diejenigen, die beide Versionen miteinander vergleichen können, eröffnet Fasts Fortschreibung des Films neue Möglichkeiten, die Regeln des Erzählens an sich neu zu interpretieren.

CONTINUITY eröffnet zahlreiche Interpretationsmöglichkeiten, die vor allem damit zusammenhängen, welche Teile der Erzählung der Betrachter als real ansieht, wieviel Realitätsebenen er innerhalb des Films definiert und welchen Einfluss er dem Elternpaar auf den Lauf der Handlung zugesteht. Das klingt jetzt fürchterlich intellektuell, aber Omer Fasts Film ist mehr als ein Gedankenexperiment oder ein bloßes Spiel mit den Möglichkeiten von Erzählung und Inszenierung. Der Film ist deshalb mehr, weil er beim Zuschauen beklemmend und berührend ist. Der Film ist intelligent, emotional und experimentell – so einen Film gibt es nicht häufig zu sehen.

Von welchen Zufällen hängt das Leben ab und inwieweit können wir angesichts dieser Zufälle unser Leben überhaupt steuern? Anders gefragt, wie nahe sind wir an der Selbstverleugnung (oder vielleicht sogar am Irrsinn), wenn wir uns weigern, Geschehenes zu akzeptieren oder zumindest versuchen, Geschehenes radikal umzuinterptetieren? CONTINUITY stellt solche und andere Fragen, die Antworten dürfen oder müssen wir als Zuschauer selbst finden. Das macht den Film so interessant.

Berlinale 2016: MIDNIGHT SPECIAL von Jeff Nichols

Schau mir nicht in die Augen, Kleiner

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Alton (Jaeden Lieberher) ist nur ein acht Jahre alter Junge, aber von einer Sekte wird jedes Wort, das er sagt, aufgeschrieben und gedeutet. Manchmal spricht Alton in Zungen, in bekannten oder unbekannten Sprachen. Der Sektenführer ist überzeugt: Die Interpretation von Altons Weissagungen künden vom Jüngsten Gericht und nur Altons Anwesenheit kann die Seelen der Gemeinde retten. Nun aber ist die Sekte in Not: Alton wurde entführt und die Agenten des FBI besetzen die Ranch der Sekte. Die Regierung hat auch von den ungewöhnlichen Fähigkeiten des Jungen und die NSA will die Prophezeiungen Altons und die Predigten des Sektenführers entschlüsseln. Als Ausgangspunkt für MIDNIGHT SPECIAL wählt Jeff Nichols also ein Szenario irgendwo zwischen Entführungsthriller und Science Fiction.

Der Entführer ist Altons Vater Roy (Michael Shannon). Er hat erkannt, dass er seinen Sohn schützen muss: vor der Sekte, der Regierung aber auch vor den eigenen übersinnlichen Fähigkeiten, die der Junge besitzt. Die Entführung ist der Auslöser einer mitreißenden Verfolgungsjagd. Die Kräfte von Alton stellen alle vor ein Rätsel, dessen Lösung immer dringender wird. Über das erste Drittel baut Jeff Nichols viel Spannung auf und entwickelt den Plot mit großem Tempo. Aber die Weiterentwicklung des Spannungsbogens endet mit fortschreitender Zeit ins Nichts. MIDNIGHT SPECIAL verheddert sich in seiner eigenen Logik und handwerkliche Fehler lassen die Handlung ins unfreiwillig komische kippen. Beispiel Mit Armee und Spezialeinheiten riegelt der Regierung ein Gebiet ab. Aber natürlich sind die Militärfahrzeuge hinter der Straßensperre so geparkt, dass der japanische Familiengeländewagen die Sperre ohne Probleme durchbrechen kann.

Die größte Schwäche von Nichols Film ist aber, dass er aus der spannenden Handlung, die ein aufregendes Entführungs- und Familiendrama mit echten Science-Fiction-Elementen hätte werden können, unbedingt eine Art metaphysisch-religiösen New-Age-Thriller machen wollte. Das Problem von allen New-Age-Versatzstücken ist dabei in den meisten Fällen dasselbe – erst recht im Kino: Heraus kommt eine pseudophilosophische Soße, die den Film insgesamt nicht zum Genuss macht. 2001: A SPACE ODYSSEE ist eine der wenigen Ausnahmen, aber Jeff Nichols ist nicht Stanley Kubrick. Und so hat sich der Autor und Regisseur mit MIDNIGHT SOPECIAL selbst überfordert und die Geduld der Zuschauer überstrapaziert.

12.02.16 23:00

Berlinale 2016: WAR ON EVERYONE von John Michael McDonagh

Cops & Drugs & Glen Campbell is all your brain and body need

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John Michael McDonagh entwickelt sich langsam aber sicher zu einer Art Elmore Leonard unter den Filmemachern. Auf THE GUARD der 2011 den Preis für den besten Debütfilm auf der Berlinale gewann, folgte der im Ton ernsthaftere Thriller CALVARY über einen Priester, der mit dem Tod bedroht wird. Mit WAR ON EVERYONE kehrt McDonagh wieder zur Formel des ebenso schwarzhumorigen wie gewalttätigen Copmovie zurück. Diese Cops sind Bob (Michael Peña) und Terry (Alexander Skarsgård). Das einzige, was sie zu Polizisten macht, sind ihre Dienstausweise und ihre Dienstwaffen. Zwar sind sie im Einsatz immer in akkuraten dreiteiligen Anzügen unterwegs – natürlich in einem makellosen Amischlitten der 70er Jahre – ansonsten sind weder Pantomimen noch Barbesitzer vor ihnen sicher: Sie sind immer auf der Suche nach guten Drogen und einem guten Geschäft und diese beiden Dinge lassen sich ja trefflich miteinander verbinden.

Der Plot ist nicht das Wichtige in McDonaghs pervertierter Cops & Robbers- Welt – es geht um die Figuren und den Stil. Bob zum Beispiel ist ein korrupter Bulle, aber er hat Philosophie studiert und diskutiert mit seiner Frau, einer Friseurin, über Simone de Beauvoir. Terry säuft, ist ein Schläger, aber er hat das Herz am rechten Fleck und ist ein glühender Verehrer von Glen Campbell. So hat der Film einen großartigen Soundtrack: Rhinestone Cowboy, By the Time I Get to Phoenix und Wichita Lineman, aber auch Soulklassiker, weil Terry sich in eine schwarze Nachtclubtänzerin verliebt. Weiteres Personal: ein superreicher, hochkrimineller Engländer, der Pferde und Sexparties liebt, ein schwarzer Dealer, der der Nation of Islam angehört und gemeinsam mit seinem irischen Freund in einem absurden Partnerlook in 70er-Jahre-Trainingsanzügen auftritt, diverse Perverse aus der Entourage des Engländers usw. usw.

Eigentlich geht es um den Überfall auf die Pferderennbahn von Albuquerque in New Mexico und darum, wer die Beute von einer Million Dollar bekommt. Die Geschichte ist etwas kompliziert – nur soviel: Zwischendurch verlagert sich die Handlung der Geschichte nach Island. Der Film macht einen Riesenspaß, weil die Dialoge und das Tempo stimmen und der Drehbuchautor und Regisseur McDonagh ein Gefühl dafür hat, wie er seine kriminellen, gewalttätigen Helden so sympathisch macht, dass ihr Hang zur Selbstjustiz zu einem Pluspunkt wird. Denn wenn schon Krieg gegen jeden, dann sollen wenigstens die gewinnen, die Humor haben und am Ende die richtig Bösen zur Strecke bringen.

Berlinale 2016: MAGGIE’S PLAN von Rebecca Miller (I)

Sperma und anderer Kinderkram

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Maggie (Greta Gerwig) ist Uni-Dozentin in New York, Mitte 30 und will ein Kind. Dafür braucht sie keinen Mann, sondern Sperma. Das, so ihr Plan, soll ihr der bärtige Hipster Guy (Travis Fimmel) zu Verfügung stellen, der mit Essiggurken reich werden will. Doch dann trifft sie den Anthropologen und Möchtegern-Romanautor John (Ethan Hawke), der von seiner Frau (Julianne Moore) ziemlich untergebuttert wird, ein treusorgender Familienvater ist und in einer Schaffenskrise steckt. Eine klassische Komödienprämisse und tolle Schauspieler, aber leider kommt MAGGIE’S PLAN nie so wirklich auf Touren.

MAGGIE’S PLAN sieht aus und fühlt sich an wie eine typische Siebziger Jahre New York-Komödie, aber das Patchworkfamilien-Thema ist pures 21. Jahrhundert. Das ist eine charmante Kombination, aber das Komische in der Komödie zündet viel zu oft nicht. Die Dialoge und die Figuren wirken so, als hätten sich Woody Allen und Richard Linklater zusammengesetzt und einfach nur ein bisschen über Ideen gequatscht, anstatt ein vernünftiges Drehbuch zu schreiben.

Auch die Schauspieler helfen zu Beginn nicht wirklich: Greta Gerwig hat mit der Klischeefigur der Frau zu kämpfen, die Unikarriere und Familienplanung in vollkommener Eigenregie und mit klarem Plan meistern will. Ethan Hawke schaltet zu häufig auf Autopilot und gibt den intelligenten und einfühlsamen Schreiber, den die Frauen interessant und sexy zugleich finden. Er spielt also das, was er in der Before-Trilogie auch gespielt hat, nur deutlich unengagierter und zielloser.

Was Rebecca Millers Film trotzdem in einigen Szenen interessant macht, sind die guten Besetzungen in den Nebenrollen. Bill Hader, als Maggies zynischer Ex-Freund und jetziger Mann ihrer besten Freundin ist immer witzig, wenn er auf der Leinwand zu sehen ist und die Szenen die Julianne Moore gemeinsam mit Greta Gerwig und Ethan Hawke hat, heben das Niveau des Films schlagartig. In diesen Szenen bekommt man ein Gefühl dafür, wie mitreißend MAGGIE’S PLAN mit einem besseren Drehbuch hätte sein können. Aber gerade darum ist der Film eine frustrierende Erfahrung – circa 15 tolle Minuten machen die restlichen eher langweiligen 85 nicht wett.

10.02.16 10:04

Berlinale 2016: Berliner Filmorte im Internet besuchen

Interaktive Karte: Drehorte in Berlin 1930 bis 2015

Wimdu hat zur Berlinale 2016 eine interaktive Karte entwickelt, die Orte in Berlin zeigt, die in Filmen eine Rolle spielen oder an denen Filme gedreht worden: So zum Beispiel die S-Bahnbögen an der Bleibtreustraße in Bob Fosses CABARET von 1972 oder das Café Einstein in der Kurfürstenstraße, wo Quentin Tarantino in INGLORIOUS BASTERDS Hans Landa Strudel essen ließ. Die Orte sind klickbar und führen zu den Filmszenen oder Trailern.

Karte erstellt von Wimdu

09.02.16 11:00

Berlinale 2016: Interview mit dem Regisseur Omer Fast

REMAINDER im Panorama, CONTINUITY im Forum Expanded

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Der israelische Regisseur Omer Fast.

Der Künstler und Filmemacher Omer Fast stellt bei der Berlinale 2016 zwei Filme vor (Screening-Zeiten). REMAINDER ist die Verfilmung des gleichnamigen Debütromans von Tom McCarthy. Der erste abendfüllende Spielfilm von Omer Fast läuft im Panorama. Außerdem stellt Fast im Forum Expanded eine neue, stark erweiterte Version von CONTINUITY vor. Dieser Film war Teil der documenta (13) im Jahr 2012. In Kassel wurde der Film in einer 41-minütigen Version gezeigt. Die Fassung, die jetzt auf der Berlinale gezeigt wird, ist über 80 Minuten lang. Der Regisseur hat dafür umfangreiches neues Material gedreht. Im Interview mit festivalblog sprach Omer Fast über seine beiden Filme und die Unterschiede zwischen der Kunstwelt und der Filmwelt.

Warum hast Du Dich für das Buch entschieden und wie ist es zu dem Filmprojekt gekommen?
Omer Fast: Ich habe für einen Artikel ein Interview mit dem Schriftsteller und Journalist Gideon Lewis-Kraus gemacht. Er hat mir das Buch empfohlen. Als ich das Buch gelesen hatte, habe ich Tom McCarthy kontaktiert. Wir hatten uns vor ein paar Jahren bei einer Ausstellung kennengelernt, waren aber nicht befreundet. Ich habe ihm erstmal zu dem Buch gratuliert und ihn gefragt, ob ich etwas aus dem Buch für ein Kunstprojekt verwenden könnte oder ob wir etwas zusammen machen können? Er hat mir gesagt, dass die Filmrechte an REMAINDER bereits verkauft seien. Aber das Filmprojekt sei nicht einfach und vielleicht wäre die Produktionsfirma an meiner Mitarbeit interessiert. Und genau so ist es gekommen, obwohl es ursprünglich nicht so geplant war.

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REMAINDER die Geschichte eines namenlosen Mannes

Bezeichnest Du REMAINDER auch als Deinen Debütfilm, wie es in den offiziellen Pressemitteilungen zu lesen ist? Dort wirst Du als Videokünstler bezeichnet, der seinen Debütfilm vorlegt. Aber REMAINDER steht doch in einer Kontinuität zu Deinen vorherigen Filmen wie 5.000 FEET IS THE BEST oder CONTINUITY.
Omer Fast: Meine Arbeit hat zwar ein Publikum, aber eher in der Kunst. Und natürlich ist für die Filmwelt ein First Time Feature Film reizvoll und es stimmt ja auch – es ist der erste lange Spielfilm.

Machst Du überhaupt diesen Unterschied zwischen Videokünstler und Filmemacher?
Omer Fast: Den muss ich machen, weil die beiden Systeme – das System Kunst und das System Independent Film – total unterschiedlich sind. Sie haben unterschiedliche wirtschaftliche Modelle und die Entwicklung des Stoffes und die Verfilmung funktionieren vollkommen anders. Insofern macht diese Differenzierung Sinn.
Meine künstlerischen Arbeiten sind frei. Sie sind auch für Räume konzipiert, in denen das Publikum relativ frei und chaotisch kommt und geht. Das Publikum sieht einen Film vielleicht nicht von Anfang bis Ende. Das beeinflusst auch die Struktur des Films. Kino ist mainstreamiger und REMAINDER ist ein Mainstream-Film. Dafür hat man auch andere filmische Strukturen im Kopf. Man kauft Popcorn und Bier, man setzt sich hin. Es wird dunkel, der Film fängt an und man kennt diese Erfahrung. Das ist in der Kunst ein bisschen anders. Es ist etwas freier, etwas chaotischer, aber die Budgets sind auch kleiner. Im Kino sind die Vorgaben anders als bei einem experimentellerem Film. Zum Beispiel macht es keinen Sinn, in einem Kino mit mehreren Leinwänden zu arbeiten.

Die namenlose Hauptfigur ist ja sehr zentral für REMAINDER. Wie habt Ihr Tom Sturridge als Hauptdarsteller gefunden?
Omer Fast: Der Casting Director hat uns Tom Sturridge empfohlen. Dann haben wir ein paar Leute gesehen und er war auf jeden Fall mein Favorit. Das war für mich von vorneherein klar. Soviel Klarheit hat man selten.

Du hast REMAINDER als Mainstreamfilm bezeichnet, der für ein Mainstream-Publikum gemacht ist.
Omer Fast: In Anführungszeichen (lacht.) Natürlich ist das kein reiner Mainstreamfilm. Wir haben nie darüber nachgedacht, wieviel Leute werden diesen Film sehen?

Als ich den Film gesehen habe, habe ich gedacht: Der ist ganz straight erzählt wie ein Thriller. Ich bin gespannt, ob ein Zuschauer der das Buch nicht kennt, vielleicht einen ganz anderen Eindruck hat und denkt „Das ist ja total abgefahren. Was glaubst Du, wie der Film auf das Kinopublikum wirkt?
Omer Fast: Ich habe überhaupt kein Gefühl dafür. Als Künstler bin ich davon stärker abgekapselt. Man macht die Arbeit, man arbeitet kollaborativ, mit Kameraleuten, mit Schauspielern und man schneidet auch manchmal zusammen mit anderen. Und dann ist da meine arme Frau, die alles mehrmals sehen und sichten muss, ein paar Freunde und Produzenten. Aber ein Gespräch mit einem größeren Kreis hat man während der Arbeit kaum. Nach dem Screening gibt es dann eine Q&A. Und in der Kunst sind die, die dann auf einen zukommen und Fragen stellen auch diejenigen, die die Arbeit kennen. Die Leute kommen auch aus demselben Umfeld.

War für Dich die Erfahrung einen rein fiktiven Stoff zu nehmen und einen Langfilm zu machen sehr neu oder war das nicht anders als das, was Du bisher gemacht hast?
Omer Fast: Das war schon etwas fremd. Ich hatte das Buch, ein tolles Buch, als Vorlage. In meinen anderen Arbeiten mache ich dokumentarische Gespräche mit Menschen. Das ist dann auch eine Art Text. Im Gespräch hat man Möglichkeiten, etwas rauszukitzeln. Daraus ergeben sich Szenen und ein Drehbuch. Insofern weiß ich, wie es ist etwas zu adaptieren. Aber ein Roman und dann die Vorstellung etwas für die Kinowelt zu machen, war neu.

Der Roman ist ja auch etwas Besonderes, weil es sich mit dem Thema Re-Enactment selbst beschäftigt. Die Hauptfigur ist ja eine Art Regisseur, ein manischer Regisseur, der sich um jedes Detail kümmert. Es gibt die Hauptfigur, die sich eine eigene Realität schafft. Es gibt Deine Vorstellung wie Du REMAINDER als Film inszenieren willst und es gibt beim Dreh das Ergebnis, das Du auf dem Monitor siehst. Wie bist Du mit den drei Ebenen umgegangen?
Omer Fast: Wir haben der Hauptfigur zum Beispiel das Wort genommen. Im Buch redet er ohne Ende. Im Film ist er deswegen etwas unschuldiger und auch weniger transparent. Beim Lesen des Buches stellt man sich immer die Frage, inwieweit er die Dinge unter Kontrolle hat. Inwiefern ist er der Puppenmeister?
Im Film wird es klarer, dass er ein Opfer der Umstände ist und dass er kämpft, um die Umstände zu meistern. Als Leser des Buches denkt man auch: „Vielleicht spielt er mit uns ein bisschen."

Mir war die Hauptfigur im Film sympathischer als die im Buch.
Omer Fast: Das kann gut sein. Im Gegensatz zum Buch sieht man im Film einen Körper. Man kann im Buch ganz banale Dinge nicht sehen: Dass er zuckt zum Beispiel, dass er plötzlich einatmet, seine Schwäche. So etwas weckt Sympathie. Weil er im Film sehr wenig redet, werden Mimik und Körpersprache viel wichtiger. Weil er diese Verletzlichkeit hat, hat er mehr Kredit beim Zuschauer, als der eher kühle Erzähler des Buches.

Abstrakt gesagt geht es in dem Buch um die Fragen: Wie funktioniert Erinnerung und wie funktioniert Narration. Das sind auch Themen Deiner künstlerischen Arbeiten.
Omer Fast: Die Hauptfigur hat das Wort am Anfang und am Ende des Films. Das funktioniert für mich wie eine Klammer. Dazwischen durchlebt er mit uns gemeinsam die Erfahrungen.

Du hast vorhin die wirtschaftlichen Unterschiede zwischen der Kunstwelt und der Filmwelt erwähnt, das bedeutet auch Kompromisse rein aus Budgetgründen. Gibt es Dinge, die Du gerne anders gemacht hättest?
Omer Fast: Natürlich. In einer idealen Welt, wäre REMAINDER 12 Stunden lang und einerseits viel detaillierter und andererseits viel abstrakter. Aber ich denke eigentlich bei allen Projekten ständig darüber nach, was ich hätte anders machen können. Nicht umsonst interessiert mich das Thema Re-Enactment. Als Regisseur hat man die Möglichkeit, eine kleine Welt zu inszenieren und sie auch zu einem Neustart zu bringen – to do and to re-do. Das sind wichtige Dinge für mich.

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CONTINUITY - die Geschichte eines Elternpaars, in die Omer Fast nochmal eintaucht

Du hast auch noch einen zweiten Film auf der Berlinale: CONTINUITY, der 2012 eine Arbeit für die documenta (13) in Kassel war, wird als Premiere im Forum Expanded in einer neuen, verlängerten Fassung gezeigt, die etwas mit über 80 Minuten ungefähr doppelt so lang ist.
Omer Fast: Ich habe den Film erweitert. Ein Film ist nie zu Ende. Das Ende ist willkürlich, weil das Geld aufgebraucht ist oder aus anderen Gründen. Die Geschichten laufen bei mir im Kopf immer weiter, ob das REMAINDER, CONTINUITY oder 5.000 FEET IS THE BEST ist. Manchmal kriege ich Anregungen und Ideen und will wieder in eine Arbeit eintauchen.
Bei CONTINUITY wollte ich mit den Eltern weiter auseinandersetzen. Und ich bin sehr glücklich, dass mir das gelungen ist. Ich wollte ihre Welt nochmal besuchen und das ist mir gelungen. Die Geschichte von CONTINUITY ist nochmal komplexer und vielleicht auch ein bisschen verrückter geworden. Wir haben vollkommen neues Material gedreht. Ich habe das Drehbuch von damals genommen, es quasi in Stücke geschnitten und eine zusätzliche Geschichte hinein gewoben, zum Teil mit denselben Charakteren.
Wir haben zusammen gelacht und schon gesagt: Mal gucken, was wir in 20 Jahren mit der Geschichte machen. Vielleicht drehen wir gemeinsam CONTINUITY im Seniorenheim.
CONTINUITY ist mir sehr wichtig. Das war meine erste Regiearbeit, die ich auf deutsch gemacht habe. Und es gibt Themenüberschneidungen mit REMAINDER. Es ist sehr interessant, sie im Kontext zu sehen. Es gibt in beiden Filmen eine Art Trauma. In REMAINDER sieht man, was passiert ist; in CONTINUITY wird es ausgegrenzt. Man sieht nur die Symptome und die Opfer des Traumas und ihre Auseinandersetzung damit. Es sind unterschiedliche Facetten des Themas. Für mich ist CONTINUITY gerade sogar der aktuellere Film, weil ich gerade noch in der Endbearbeitung bin. Mich interessieren Zwischenwelten wie in CONTINUITY. Die möchte ich schaffen. Das ist in der Welt des Kinos eher ein Problem als in der Kunst. Und mit der ersten Version von CONTINUITY war ich noch nicht ganz zufrieden damit, wie die Geschichte der Protagonisten erzählt wird. Die Eltern sind in CONTINUITY genau so in einer Zwischenwelt gefangen wie der Protagonist von REMAINDER. Mir ist es gelungen, aus der Geschichte von CONTINUITY noch mehr herauszuholen und damit bin ich sehr zufrieden.

Das Interview führte Steffen Wagner.


13.01.16 20:46

Berlinale Shorts 2016: 25 Kurzfilme im Wettbewerb

Filme von Gabriel Abrantes, Pimpaka Towira, Réka Bucsi, Ben Russell, Mahdi Fleifel, Christoph Girardet & Matthias Müller


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25 Kurzfilme aus 21 Ländern bewerben sich in diesem Jahr um den Goldenen und den Silbernen Bären in der Konkurrenz Berlinale Shorts. Außerdem werden eine Nominierung für den European Film Award und der mit 20.000 Euro dotierte Audi Short Film Award vergeben. Die Kurzfilmjury 2016 bilden die Kuratorin und Direktorin der Sharjah Biennale aus den Vereinigten Arabischen Emiraten Sheikha Hoor Al-Qasimi, die griechische Kuratorin und Autorin Katerina Gregos und der israelische Filmemacher Avi Mograbi. Außer Konkurrenz wird außerdem LOS MURMULLOS von Rubén Gámez aus dem Jahr 1976 gezeigt.

11.12.15 15:13

Berlinale 2016: Erste Filme im Wettbewerb stehen fest

Die ersten fünf Filme, die sich bei der Berlinale 2016 um den Goldenen Bären bewerben, stehen fest: Es sind vier Spielfilme und ein Dokumentarfilm. Der amerikanische Regisseur stellt das Science-Fiction-Drama MIDNIGHT SPECIAL vor. Zu den Darstellern gehören Adam Driver, Kisten Dunst und Michael Shannon. Ebenfalls ins Rennen um die Bären geht die deutsch-französisch-britische Neuverfilmung von Hans Falladas Roman JEDER STIRBT FÜR SICH ALLEIN. Regie führt der Schweizer Vincent Perez, es spielen Emma Thompson, Daniel Brühl und Brendan Gleeson.

Zu den weiteren bisher bekannt gegebenen Beiträgen gehört GENIUS (GB/USA) von Michael Grandage. Das Filmregiedebut des Schauspielers und Theaterregisseurs erzählt die Geschichte des Lektors Maxwell Perkins, der bei Scribner’s unter anderem die Bücher F. Scott Fitzgerald, Ernest Hemingway und Thomas Wolfe betreute. Colin Firth übernimmt die Rolle vom Perkins. Vor der Kamera stehen auch Nicole Kidman, Jude Law und Dominic West. Der kanadische Berlinale-Beitrag ist BORIS SANS BÉATRICE von Denis Coté, Gewinner des Alfred-Bauer-Preises von 2013. ZERO DAY heißt der Dokumentarfilm von Oscarpreisträger Alex Gibney über die Opfer von Cybercrime, der sich ebenfalls um den Goldenen Bären bewirbt.

04.12.15 14:31

Berlinale 2016: HAIL, CESAR! eröffnet das Festival

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Der neue Film von Joel und Ethan Coen HAIL, CESAR! eröffnet die Berlinale am 11. Februar 2016. Der Film spielt am Set eines guten, alten Hollywood-Monumentalschinkens - weil es die Coen-Brothers sind, gehört auch eine Detektivgeschichte dazu. Unter den Darstellern sind Josh Brolin, George Clooney, Alden Ehrenreich, Ralph Fiennes, Jonah Hill, Scarlett Johansson, Frances McDormand, Tilda Swinton und Channing Tatum. Roger Deakins war für die Kamera verantwortlich, das könnte Oscarnominierung Nummer 13 werden, und die Filmmusik komponierte Carter Burwell. Nach THE BIG LEBOWSKI, der bei der Berlinale 1998 im Wettbewerb lief und dem Eröffnungsfilm von 2011 TRUE GRIT, kommen die Coens bei der 66. Auflage zum dritten Mal zum Festival. Kinostart in Deutschland ist am 18. Februar 2016.

20.11.15 15:12

Berlinale 2016: Retrospektive Deutschland 1966

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Quelle / Source: Deutsche Kinemathek, © Haro Senft

Die Retrospektive der 66. Internationalen Filmfestspiele Berlin widmet sich deutschen Filmen des Jahres 1966 aus dem Osten und dem Westen. Sie umfasst rund zwanzig Spiel- und Dokumentarfilme aus Kino und Fernsehen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR. Dazu gehören international ausgezeichnete Filme von Peter Schamoni, Volker Schlöndorff und Alexander Kluge und in der DDR von der DEFA produzierte aber vom 11. Plenums des Zentralkomitees SED verbotene Filme zum Beispiel von Egon Günther, Jürgen Böttcher und Herrmann Zschoche. Darüber hinaus mehr als dreißig kurze und mittellange Filme, wie sie für die Zeit typisch waren, in Filmprogrammen und als Vorfilme zu sehen sein.

1966 hatten Peter Schamoni für SCHONZEIT FÜR FÜCHSE, für Volker Schlöndorff DER JUNGE TÖRLESS und Alexander Kluge für ABSCHIED VON GESTERN mit ihren Debütfilmen Preise auf internationalen Festivals gewonnen. Schamoni den Sonderpreis der Jury auf der Berlinale, Schlöndorff den FIPRESCI-Preis der internationalen Filmkritik in Cannes und Kluge den Spezialpreis der Jury in Venedig. In der DDR dagegen hielt Kurt Hager, Leiter der Ideologischen Kommission des Politbüros, am 16. Dezember 1965 beim 11. Plenums des Zentralkomitees SED eine Rede mit dem Titel „Die Kunst ist immer Waffe im Klassenkampf“. Es folgte das, was man später den Kahlschlag nannte. Der betraf Bücher und Theaterstücke und acht DEFA-Filme, rund die Hälfte aller Filme des DEFA-Produktionsjahres. Mit Hermann Zschoches KARLA und Jürgen Böttchers JAHRGANG 45 zeigt die Retrospektive zwei verbotene Filme sowohl in den Zensurfassungen, die den Stand bei Abbruch der Arbeiten zeigen, als auch in den Verleihfassungen von 1990. In zwei Versionen ist auch ein Kurz-Dokumentarfilm von Kurt Tetzlaff zu sehen: ES GENÜGT NICHT 18 ZU SEIN, Titel der zensierten Version: GUTEN TAG – DAS SIND WIR.

14.10.15 16:29

Meryl Streep Jury-Präsidentin der 66. Berlinale

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Die dreifache Oscar-Gewinnerin Meryl Streep wird Jury-Präsidentin der 66. Berlinale. Für Streep ist das eine Premiere: Sie saß noch nie bei einem internationalen Filmfestival in der Jury. Die Schauspielerin bekam 2012 den Goldenen Ehrenbären für Ihr Lebenswerk und nur wenige Tage nach der Berlinale ihren dritten Oscar für THE IRON LADY. 2014 und 2015 erhielt sie die Oscar-Nominierungen Nummer 18 und 19. Wer weiß, vielleicht bekommt Meryl Streep 2019 den Goldenen Ehrenbären zum 70. Geburtstag für das Lebenswerk reloaded.

Die Berlinale 2016 beginnt am 11. Februar.

17.02.15 13:24

Berlinale 2015: VICTORIA kommt in die amerikanischen Kinos

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Offensichtlich haben die Worte von Jury-Präsident Darren Aronovsky über VICTORIA "this film rocked my world and will rock audiences around the world" bei der Bärenverleihung für Aufmerksamkeit gesorgt. Wie das amerikanische Branchenmagazin Deadline meldet, hat der New Yorker Filmverleiher Adopt Films die US-Rechte des Films von Sebastian Schipper erworben und will den Film im Spätsommer oder Herbst 2015 in die amerikanischen Kinos bringen. VICTORIA-Kameramann Sturla Brandth Grøvlen wurde mit dem Silbernen Bären für seine "herausragende künstlerische Leistung" ausgezeichnet.

14.02.15 21:00

Berlinale 2015: Das sind die Bärengewinner

Goldener Bär für den Besten Film (für den Produzenten)
TAXI von Jafar Panahi

Silberner Bär für die Beste Darstellerin
Charlotte Rampling 45 YEARS

Silberner Bär für den Besten Darsteller
Tom Courtenay für 45 YEARS

Silberner Bär Großer Preis der Jury
EL CLUB von Pablo Larrain

Silberner Bär Alfred-Bauer-Preis für einen Spielfilm, der neue Perspektiven eröffnet
IXCANUL von Jayro Bustamante

Silberner Bär für die Beste Regie
Radu Jude für AFERIM! und
Malgorzata Szumowska für BODY

Silberner Bär für das Beste Drehbuch
Patricio Guzman für EL BOTO DE NACAR

Silberner Bär für eine Herausragende Künstlerische Leistung aus den Kategorien Kamera, Schnitt, Musik, Kostüm oder Set-Design
Sturla Brandth Grøvlen (Kamera) in VICTORIA und
Alexey German jr., Ivgeni Privin (Kamera) UNDER ELECTRIC CLOUDS

13.02.15 22:31

BÄRENORAKEL

Wer sollte die Bären gewinnen. Nachdem ich 16 der 19 Filme gesehen habe, die im Wettbewerb in der Konkurrenz laufen - wie würde ich die Bären verteilen?


Goldener Bär für den Besten Film (für den Produzenten)
EL CLUB (Juan de Dios Larraín) von Pablo Larraín

Silberner Bär Großer Preis der Jury
TAXI von Jafar Panahi

Silberner Bär Alfred-Bauer-Preis für einen Spielfilm, der neue Perspektiven eröffnet
VICTORIA von Sebastian Schipper

Silberner Bär für die Beste Regie
Laura Bispuri für VERGINE GIURATA

Silberner Bär für die Beste Darstellerin
Alba Rohrwacher für VERGINE GIURATA

Silberner Bär für den Besten Darsteller
Elmer Bäck für EISENSTEIN IN GUANAJUATO

Silberner Bär für das Beste Drehbuch
Małgorzata Szumowska und Michał Englert für BODY

Silberner Bär für eine Herausragende Künstlerische Leistung aus den Kategorien Kamera, Schnitt, Musik, Kostüm oder Set-Design
Sturla Brandth Grøvlen (Kamera) in VICTORIA

Aber was weiß ich schon?

Berlinale 2015: WHAT HAPPENED, MISS SIMONE? von Liz Garbus

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Nina Simone war eine der besten Jazz- und Bluessängerinnen aller Zeiten. Sie wurde in den Sechziger Jahren auch eine Ikone der Civil Rights Bewegung in den Vereinigten Staaten. „She was one of the greatest live performers ever, hands down“, sagt ihre Tochter Lisa Simone Kelly im Dokumentarfilm von Liz Garbus. Trotzdem war Nina Simone nicht das, was sie sein wollte: eine klassisch ausgebildete Pianistin, die die großen Werke klassischer Komponisten interpretiert. Bach ist der Komponist, den sie in Interviews nennt. „I wanted to play Bach.“ Und die Enttäuschung, dass sie damit kein Publikum fand, hört man sogar noch in den Interviews, die ein wichtiger Baustein des Films sind.

Ins Zentrum stellt die Regisseurin Nina Simones Stimme – ihre Sprechstimme ist genauso unverwechselbar wie die Singstimme. Dazu kommt die Musik und ihr Klavierspiel und zum Glück gibt es viele Ausschnitte, die gerade ihrem außergewöhnlichem Können am Klavier gerecht werden. Denn das war immer da, wie die Aufnahme eines späten Auftritts in einem Rotterdamer Club beweist, den Simone in ihrer charakteristischen Offenheit als „heiß und hässlich“ beschreibt. Ihr Gesang litt unter den Medikamenten, die sie gegen ihre Depressionen nehmen musste. Trotzdem hatte ihr Gesang noch immer Ausdruck und die langen Improvisationen am Klavier waren überraschend und genial.

Schon früh hatte Nina Simone erfahren, dass man ihr keine Karriere als klassische Pianistin zutraute. Da hieß sie noch nicht Nina Simone, sondern Eunice Waymon. Nach jahrelangem Klavierunterricht in North Carolina studierte sie ein Jahr an der Juillard School of Music in New York, aber an der renommierten Curtis Institute of Music in Philadelphia gab man ihr kein Stipendium. Also spielte sie Jazz in Atlantic City und sang nach kurzer Zeit auch, weil man sie sonst nicht weiter engagiert hatte. Das war 1954, Nina Simone war gerade einmal 21 Jahre alt und trug einen wichtigen Teil zum Einkommen ihrer Eltern und Geschwister bei.

Ihr Erfolg begann 1958, als ihre Version von George Gershwins „I loves you, Porgy“ und das darauffolgende Debut-Album „Little Girl Blue“ ein Hit wurden. Es folgten zahlreiche Studio und Live-Alben, darunter 1964 „Nina Simone in Concert“. In den Songs „Old Jim Crow“ und vor allem „Mississippi Goddam“ zeigte die Songwriterin Simone, dass sie auch eine politische Meinung hatte. Die vertrat sie mit Vehemenz. „She told Dr. King I’m not a non-violent person“, sagt ihr langjähriger Gitarrist und Musical Director Al Schackman in einem der vielen Interviews. „Mississippi Godddam“ spielt sie auch da, wo es gefährlich und wichtig war ihn zu spielen, so auch auf einem Selma-to-Montgomery-Märsche in Alabama 1965. Die Archivaufnahmen zeigen sehr deutlich, wie gefährlich das war. Im Civil Rights Movement gehörte sie zu den radikalen Stimmen. Das zeigt auch der Film deutlich. Die Energie, mit der sich Simone für ihre Ziele einsetzte, hat mit den lauen Benefizaktionen von Musikern nichts zu tun. Dass dieses Engagement auch ihrer Karriere schadete, war Simone egal.

Es gab die Musik, es gab das politische Engagement, aber Liz Garbus klammert auch das Privatleben von Nina Simone nicht aus. Das sind sicher die traurigsten Momente im Film. In den Siebziger Jahren geht Simone erst nach Barbados. Es folgt eine unglückliche Zeit in Liberia. Ihre Tochter Lisa Simone Kelly begleitete sie nach Liberia und ging dort ein Jahr zur Schule. Aus ihren berichten wird deutlich, wie schlecht es ihrer Mutter bereits damals psychisch ging und in welcher Gewalt sich das äußerte. Lisa Simone Kelly zog wieder zu ihrem Vater in die USA.

Nina Simone selbst ging zunächst in die Schweiz, dann nach Paris. Aufnahmen aus den frühen Achtziger Jahren zeigen sie in einem fürchterlichen körperlichen und geistigen Zustand. Der Film beschönigt hier nichts. Eine Besserung gibt es erst, als ihr Freunde in Paris helfen. Ein Arzt diagnostiziert eine bipolare Störung. Medikamente haben Nebenwirkungen, die man bei ihren Auftritten sehen und hören kann. Aber sie kann wieder auftreten und das Publikum, vor allem in Europa, will sie sehen. Noch im Jahr 2002 gab sie Konzerte. Nina Simone starb am 21. April 2003 kurz nach ihrem 70. Geburtstag an Brustkrebs in Frankreich. Zwei Tage zuvor hatte ihr das Curtis Institut in Philadelphia, das sie ein halbes Jahrhundert zuvor abgelehnt hatte, ein Ehrendiplom verliehen. Wie heißt es im Englischen? Too little, too late.

Berlinale 2015: EISENSTEIN IN GUANAJUATO von Peter Greenaway

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Sergej Eisenstein scheiterte 1930 mit Filmprojekten in Hollywood und ging anschließend nach Mexiko, um das Revolutionsdrama Que Vivo Mexico? zu filmen. Financiers waren eine Gruppe von Privatleuten um den Upton Sinclair und seine Frau Mary. Der Film sollte eine Art Reisebericht werden. Peter Greenaway liefert eine fiktive und vor allem hoch subjektive Erzählung von Eisensteins Aufenthalt in Guanajuato vom 21. Bis 31. Oktober 1931. In diesen zehn Tagen dreht sich für den Regisseur alles um zwei Dinge, die Menschen von jeher beschäftigen: Sex und Tod.

Eisenstein kam nach Mexico nach einer riesigen Enttäuschung: Hollywoods Paramount Studio hatte mit ihm einen Halbjahresvertrag zur Entwicklung von Filmstoffen ab. Im Mai 1930 reiste der Regisseur in die USA. Er traf Filmgrößen wie Chaplin, Disney, Griffith und Vidor. Die Projekte einer Verfilmung von Sutter’s Gold und des Theodore Dreiser Romans An American Tragedy scheiterten allerdings. Für das Dreiser-Projekt lieferte Eisenstein im Oktober 1930 sogar ein Drehbuch. Aber wenig später löste das Studio den Vertrag auf. Ob es vor allem am Drehbuchentwurf oder an der antikommunistischen Stimmung in den USA lag, wer weiß. Greenaways Sergej Eisenstein (Elmer Bäck) befindet sich bei seiner Ankunft in Guanajuato in einer manischen Stimmung, die zwischen Chaos und Kreativität oszilliert. Ebenso schwankt sein Benehmen zwischen dem eines ganz liebenswerten aber zeitweise böswilligen Kindes und dem eines manisch-depressiven Clowns.

Peter Greenaway wählt dazu die passende Bebilderung: Split Screens, Jump Cuts mit Wiederholungen, aber vor allem eine farbenfrohe und teils surreale Ausstattung. Großartig sind das Matte Painting der Stadtansicht oder auch die Figur des blinden und tauben Glöckners, der aussieht wie ein um den Verstand gebrachter Maya-Priester. Hinzu gesellen sich Bilder von Berühmtheiten wie Chaplin, von mexikanischen Revolutionären, von Eisensteins pornographischen Kritzeleien und Ausschnitte aus Eisensteins Filmen.

Mit dem Sex ist es zunächst nicht soweit her. Der nackte Eisenstein springt unter der Dusche herum und spricht mit seinem Schwanz. Allerdings stellt sich heraus: Sergej ist eine Jungfrau. Rettung naht in Form von Eisensteins Reisebegleiter Palomino Cañedo (Luis Alberti). Cañedo ist Lehrer für Vergleichende Religionswissenschaft und hat Frau und zwei Kinder, aber er schaut Eisenstein an, wie eine Schlange das Kaninchen. Der Tod ist in Mexico allgegenwärtig. Alles bereitet sich während des Aufenthalt von Eisenstein auf den Día de los Muertos, den Tag der Toten, vor. In der Zeit vom 31. Oktober bis zum 2. November gedenken die Mexikaner der Toten, Kinder springen in Skelettkostümen herum und verzehren buntes Zuckerzeug in Totenschädelform.

Sex und Tod stehen also bereit und Greenaway steuert seinen Film auf einen Höhepunkt zu. In einer Gewitternacht schreitet Cañedo mithilfe einer großzügigen Portion Olivenöl zur Entjungferung. Der quiekende Eisenstein ziert sich etwas, findet dann aber Gefallen an den Penetrationskünsten des Mexikaners. Der Regisseur Eisenstein ist so glücklich wie nie zuvor. Nach dem doppelsinnigen Höhepunkt dieser ausgedehnten Fickszene hat der Regisseur Greenaway allerdings ein Problem: Die Luft aus seiner Geschichte ist raus. Der Film schleppt sich so dahin. Der Streit mit den Sinclairs um die Filmfinanzierung weckt trotz einer schwindelerregenden minutenlangen Kreisfahrt der Kamera wenig Interesse. Den Film Eisenstein in Guanajuato erfasst genauso das Siechtum, wie das Filmprojekt Que Vivo Mexico?. Die Handlung versandet, Greenaways Ideen zünden nicht mehr, der Film verliert an Tempo und Spannung. Die letzte halbe Stunde ist schlicht überflüssig. Die Zeit in Mexiko geht zu Ende. Im richtigen Leben muss der Regisseur Eisenstein nach einem weiteren einmonatigen Aufenthalt in den USA wieder ins stalinistische Moskau zurück. Eros hat die Ekstase gebracht, aber Thanatos hat gesiegt – wie immer.

10.02.15 21:20

Berlinale 2015: POD ELECTRICHESKIMI OBLAKAMI (Under Electric Clouds) von Alexey German jr.

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POD ELECTRICHESKIMI OBLAKAMI ist kein Film, deshalb ist dies keine Filmkritik. Die 130 Leinwandminuten nutzt der Regisseur Alexey German jr. nicht um eine Geschichte zu erzählen, sondern lediglich, um eine Ansammlung von Metaphern, Symbolen und Konzepten vorzuführen, die in ihrer Plattheit und Fülle ermüdend sind. Die Handlung des Films ist keine Handlung, sondern nur die Behauptung einer Handlung. Die Charaktere des Films sind keine Charaktere, sondern Platzhalter, die hin- und hergeschoben werden. Die Dialoge sind keine Dialoge, sondern ein Generalbass in Form eines bedeutungsschwangeren Raunens ohne Bedeutung. Die Leinwandminuten summieren sich zu 130 Minuten verlorener Lebenszeit.

09.02.15 23:08

Berlinale 2015: EL CLUB von Pablo Larraín

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Vier Priester und die Nonne Schwester Monica leben in einem heruntergekommenen Haus in einem armseligen Kaff irgendwo an der chilenischen Küste. Drei der Priester trainieren einen Greyhound für Rennen. Der Hund ist schnell und hat schon einiges an Preisgeld gewonnen. Dann schickt die Kirche Priester Matias, der auch in das Haus einziehen soll. Als die Schwester dem Neuankömmling die Hausordnung vorliest und der wütend protestiert, wird deutlich: Die Mitglieder dieser Priester-WG haben sich schwerer Vergehen schuldig gemacht und wurden deshalb von der Kirche an diesen einsamen Ort geschickt.

Plötzlich taucht vor dem Tor ein Bettler auf und veranstaltet ein riesiges Geschrei: Er beschuldigt Pater Matias und andere, dass sie ihn schwer missbraucht hätten, als er noch ein Junge war. Immer lauter beschreibt er in allen schmutzigen Details, wie ihn Matias penetriert habe. Die Priester und Schwester Monica geraten in Panik. Sie drücken Matias eine Pistole in die Hand und fordern ihn auf, den Bettler zu verscheuchen. Der Pater geht aus dem Haus, auf den Bettler zu – ein Schuss fällt. Matias bricht zusammen. Er hat sich mit einem Kopfschuss getötet. Die fünf ursprünglichen Insassen des Hauses stimmen sich ab und erzählen der Polizei einen Tatverlauf, in dem ein wichtiges Detail fehlt – der Bettler und seine Beschuldigungen.

Allerdings scheint die Kirche diese Selbstmordversion nicht zu glauben. Sie schickt den Ermittler Pater Garcia, der die Wahrheit herausfinden soll. Der smarte Pater Garcia sieht sich als Vertreter einer neuen Kirche. Eine der dunkelsten abgründigsten Geschichten, die ich seit langem im Kino gesehen habe, nimmt ihren Lauf. Über jeden der vier anderen Pater und auch über Schwester Monica hat Pater Garcia ein Dossier. Der Gründe für die Verbannung sind vielfältig: Missbrauch, Fehlverhalten als Militärpfarrer, Geldgier, Kindesmisshandlung. Pater Garcia schont niemand, von Reue ist allerdings wenig zu hören, jeder der Beschuldigten findet für sein Verhalten andere Erklärungen. Nach und nach kommt der Vermittler auf eine Spur. Seine Entdeckung setzen gewollte und viele ungewollte weitere Entwicklungen in Gang. Am Ende steht eines fest: Was Schuld ist, wie Reue und vor allem Strafe und Sühne aussehen, bestimmt die katholische Kirche immer noch selbst.

Regisseur Pablo Larraín ist ein beklemmendes Filmdrama gelungen, das emotionale Wucht hat und trotzdem mit großer analytischer Tiefe zeigt, wie die Machtsysteme Religion und Kirche und der menschliche Glaube Werte wie die Menschlichkeit, die Vernunft oder die Rechtsstaatlichkeit außer Kraft setzen. Dieser Klub wird sich nie ändern.

08.02.15 22:28

Berlinale 2015: VICTORIA von Sebastian Schipper

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Der Bass pumpt, das Stroboskoplicht blendet und Victoria (Laia Costa) tanzt. Victoria ist mitten drin am Berliner Nachtleben und wir auch – durch das Kameraauge von Sturla Brandth Grøvlen. In den nächsten 140 Minuten gibt es keinen Schnitt. Danach hat sich alles verändert für Victoria aus Madrid und die vier Berliner Mackertypen Sonne, Boxer, Blinker und Fuß. Die trifft Victoria morgens um vier vor dem Club und lässt sich von Sonne bequatschen, „real Berlin, we’ll show you“ zu erleben.

Die fünf ziehen weiter auf ein Dach. Die Jungs geben an und erzählen ein bisschen von sich. Boxer (Franz Rogowski) war mal im Knast „because I smashed someone“. Aber Boxer ist ein „good guy“. Das findet auch Victoria. Dann nimmt Victoria Sonne (Frederick Lau) mit in das Café, in dem sie arbeitet und das sie in zum Frühstück öffnen soll. Sonne baggert Victoria unbeholfen an, aber Victoria gefällt das. Plötzlich stehen die drei anderen Jungs wieder vor der Tür. Sie wollen ganz offensichtlich ein krummes Ding drehen. Dabei wissen sie noch nicht mal genau, worum es geht und wer eigentlich ihr Auftraggeber ist. Weil das Geburtstagskind Fuß besoffen ausfällt, soll Victoria den Wagen fahren. Es geht ja nur um ein erstes Treffen. Es ist alles ganz harmlos. Victoria macht mit. Eine kurze Autofahrt, das Tor einer Tiefgarage öffnet sich, dahinter stehen finstere Typen mit Knarren. Der Auftrag ist ein Bankraub, mit dem Boxer Schutzgeld aus Knastzeiten begleichen soll. Wann soll die Sache steigen? Sofort natürlich, noch im Morgengrauen.

Sonne, Boxer und Blinker bekommen Waffen. Die Gangster geben ihnen und auch Victoria ein paar Drogen – das gibt Mut und macht aggressiv. Dann setzen sich die vier in das Auto und fahren los. Fuß pennt im Laderaum weiter seinen Rausch aus. Regisseur Sebastian Schipper schickt uns und seine Protagonisten auf eine Reise, die auch ein Trip ist. Der zieht uns in die Geschichte des Irrsinns, der immer plausibler wird. Bis auf ein paar Plot-Details funktioniert der Film bestens. Die häufig improvisierten Dialoge sitzen, die Digitalkamera ist dynamisch ohne zu nerven und die Situation wird immer auswegloser.

Schipper hat mit VICTORIA viel gewagt und viel gewonnen. Dreimal hat er den Film von seinen Darstellern in einem Rutsch durchspielen lassen. Den letzten Durchgang sehen wir jetzt auf der Leinwand. Kino ist nicht mehr oft so spannend, schon gar nicht bei der Berlinale. Dieser Film ist aufregend.

06.02.15 18:45

Berlinale 2015: QUEEN OF THE DESERT von Werner Herzog

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Wer hätte das gedacht: Werner Herzog macht einen epischen Liebesfilm. Er macht das sehr gut. QUEEN OF THE DESERT ist unterhaltsam, gut erzählt und brillant gefilmt. „Watching a master tackling something new“, sagte Nebendarsteller James Franco in der Pressekonferenz zu seinen Erfahrungen beim Dreh. Die Königin der Wüste ist die englische Historikerin, Archäologin und Diplomatin Gertrude Bell (Nicole Kidman). Sie flieht Anfang des 20. Jahrhunderts aus der Ödnis und der Enge des viktorianischen Englands in den Mittleren Osten.

Zu dieser Flucht gibt es keine Alternative: Gertrude Bell sieht sehr gut aus, ist intelligent und hat eigene Pläne. Das bringt ihr im England kurz nach 1900 eine denkbar schlechte Position auf dem Heiratsmarkt ein. Debile Jungaristokraten schwärmen ihr entweder von Rinderherden vor und wollen sie auf eine schnelle Nummer in der Scheune einladen oder prahlen mit ihren Jagderlebnissen in den Kolonien. Gertrude weiß erstens mehr über die Kolonien als ihre Tanzpartner und hat zweitens eine scharfe Zunge. Ihre Möchtegernkavaliere dagegen sind sogar zu dumm, um ihre Ironie zu verstehen.

Gertrude geht an die britische Botschaft nach Teheran. Dort verliebt sie sich in den Botschaftssekretär Henry Cadogan (James Franco), der ihre Interessen für persische Kultur und die Geschichte des Mittleren Ostens teilt. Er macht Gertrude einen Heiratsantrag, aber die Liebe findet ein tragisches Ende. Werner Herzog findet dafür beeindruckende Bilder ohne Green-Screen-Kaspereien und die poetische Sprache, die auf der Korrespondenz seiner Hauptfigur beruht. Das ist zwar emotional, aber driftet nicht ins Peinliche ab. Weil Herzog eben Herzog ist, nutzt er zur Bebilderung einer Liebeserklärung die Überreste einer Luftbestattung nebst Geiern.

QUEEN OF THE DESERT wird getragen von der Hauptfigur und damit seiner Hauptdarstellerin. Mit Ausnahme des Auftakts ist Nicole Kidman in jeder Szene zu sehen. Werner Herzog zelebriert ihre Leinwandaufritte, wie es die Hollywoodfilme der guten alten Zeit getan haben. Nicole Kidman sieht immer gut aus, ob in Scheichpalästen, Beduinenzelten oder auf dem Dromedar. Dabei hilft es ungemein, dass der Drehbuchautor Herzog für die Bilder des Regisseurs Herzog eine intelligente Story geschrieben hat. Gertrude Bell ist eine Frau, die Ziele hat, die etwas erreichen will, und die allein entscheidet, welche Risiken sie eingeht. Auch wenn das die zunehmend inkompetenten Politiker, Beamten und Soldaten des untergehenden British Empire in der unübersichtlichen Randzone des Ersten Weltkriegs zunehmend zur Verzweiflung bringt.

Gertrude Bell ist eine Frau, die ihre Motivation nicht aus enttäuschter Liebe, der Loyalität zu einem Mann oder anderen abgedroschenen Storylines weiblicher Filmfiguren zieht. Sie ist souverän, unabhängig, denkt analytisch und politisch. Gefühle, Liebe und Privates spielen darüber hinaus durchaus eine wichtige Rolle im Film. Andere Autoren und Regisseure können von Werner Herzog lernen, dass das auch ohne hanebüchenes Psychologisieren und schnöde Sentimentalität geht.

15.12.14 20:29

Berlinale 2015: Malicks KNIGHT OF CUPS im Wettbewerb

Die Berlinale hat die ersten Wettbewerbsfilme bekannt gegeben. Bären-Gewinner Terrence Malick zeigt seinen neusten Film KNIGHT OF CUPS. Die Hauptrolle spielt Christian Bale. In weiteren Rollen sind Cate Blanchett und Natalie Portman zu sehen. Die Produktionsfirma kündigt den Film mit der Tagline A man, temptations, celebrity, and excess an und gibt ansonsten nur preis, dass er im Movie Business spielt. Das macht Hoffnung, dass Malick nicht eine seiner versponnenen, pseudo-philosophischen Filmmeditationen in der Art von TREE OF LIFE vorlegt, sondern einen Film, der etwas mehr vom Hier und Jetzt handelt. Der KNIGHT OF CUPS ist eine Tarot-Karte, die den Ritter mit Pokal auf einem Schimmel zeigt. Ebenfalls im Wettbewerb starten die deutsch-französische Koproduktion ALS WIR TRÄUMTEN von Andreas Dresen und Peter Greenaways EINSTEIN IN GUANAJUATO.

15.02.14 16:03

MACONDO von Sudabeh Mortezai

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Ramasan (Ramasan Minkailov) ist elf Jahre alt. Vor sechs Jahren ist er mit seiner Mutter Aminat (Kheda Kazieva) und seinen beiden kleinen Schwestern aus Tschetschenien geflohen. Jetzt lebt er mit ihnen in einer Wohnanlage am Rand von Wien mit anderen Flüchtlingsfamilien. Ramasans Vater ist im Tschetschenienkrieg ums Leben gekommen. Fotos von ihm hängen wie in einer Art kleinem Schrein in der Wohnung der Familie, zusammen mit einem verzierten Krummsäbel. Dann taucht Isa (Aslan Elbiev) auf. Ein Freund des Vaters, der mit ihm im Krieg gekämpft hat. Bei sich hat er eine Uhr, die Ramasans Vater gehörte und ein Familienfoto.

Ramasan macht, was viele elfjährige Jungs machen: Unsinn, Fußball spielen, sich mit anderen Jungs messen. Aber oft muss er auch Verantwortung übernehmen: Er muss seine kleinen Schwestern vom Kindergarten abholen, wenn seine Mutter arbeitet und er muss bei Behördengängen übersetzen, weil er viel besser Deutsch spricht als sie. Mit Isa hat Ramasan auf einmal so etwas wie eine Vaterfigur. Isa kann Sachen reparieren, schnitzen und er ist bereit Ramasan zu zeigen, wie das geht. Bald verbringen die beiden viel Zeit miteinander. Doch als Isa erzählt, dass er und Ramasans Vater sich im Krieg auch „dumm“ verhalten hätten, schlägt die Bewunderung des Jungen in Wut um. Dass jemand das Idealbild seines Vaters angreift kann er nicht ertragen. Seine Verwirrung wird noch größer, als er durch Zufall ein Gespräch seiner Mutter belauscht und etwas über seinen Vater erfährt, was kein Junge über seinen Vater wissen will.

Der österreichische Beitrag der Regisseurin Sudabeh Mortezai ist eine von mehreren Coming-of-Age-Geschichten im diesjährigen Wettbewerb. Ihre ersten beiden Langfilme CHILDREN OF THE PROPHET und IM BAZAR der GESCHLECHTER waren Dokumentationen und auch ihr erster Spielfilm setzt auf eine dokumentarische Ästhetik. Sie hat ausschließlich mit cecasteten Laienschauspielern gedreht. Das hat Vor- und Nachteile: Gerade die Hauptfiguren werden so eindringlicher und authentischer, das gilt besonders für das Zusammenspiel von Ramasan Minkailov, Aslan Elbiev und Kheda Kazieva. In einigen Szenen werden aber auch die Grenzen eines Laienensembles sehr deutlich, was den Zuschauer immer wieder kurz aus dem Film wirft. Trotz dieser Schwächen ist MACONDO ein spannender, detailreicher Film. Er zeigt, mit welchem Druck ein Elfjähriger fertig werden muss, wenn er nicht nur früh Verantwortung übernehmen muss, sondern auch noch mit den überhöhten Männerbildern fertig werden muss, die ihm seine Umgebung vorlebt. Und es ist auch sehr gelungen, wie Mortezai vermittelt, dass die Tatsache Flüchtling zu sein, diesen Druck noch erhöht. In dieser Situation können ganz normale Fehler eines Elfjährigen weitreichende Auswirkungen haben. Das Schönste an MACONDO ist die Schlussszene: Eine Szene ohne Worte, deren Botschaft sehr komplex, trotzdem verständlich und vor allem hoffnungsvoll ist.

Panorama-Publikumspreise an DIFRET und DER KREIS

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Die Zuschauer haben entschieden: Der Panorama-Publikumspreis für den besten Spielfilm geht in diesem Jahr an DIFRET und der für die beste Dokumentation an DER KREIS. In DIFRET zeigt Regisseur Zeresenay Berhane Mehari die Geschichte der 14-jährigen Hirut. Sie wird, wie es Brauch ist, von der Familie ihres zukünftigen Bräutigams entführt. Sie wehrt sich und erschießt ihren zukünftigen Mann. Der Film hat vor einigen Wochen bereits den Publikumspreis beim Sundance Festival gewonnen. DER KREIS, die filmische Dokumentation von Stefan Haupt, blickt zurück auf die Geschichte der Schweizer Schwulenorganisation Der Kreis. Mitte der Fünfziger Jahre tritt der junge Lehrer Ernst Ostertag dem Interessenverband bei. Er lernt dort den Travestie-Star Röbi Rapp kennen und verliebt sich in ihn.

14.02.14 13:58

BOYHOOD von Richard Linklater

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von Tiziana Zugaro und Steffen Wagner

BOYHOOD von Richard Linklater ist ein einzigartiger Versuch: Die Langzeitbeobachtung einer Familie. Nicht als Dokumentation, das hat es schon öfter gegeben, sondern als Spielfilm. Im Zentrum steht der sechsjährige Mason (Ellar Coltrane). Mit seiner Mutter Olivia (Patricia Arquette) und seiner Schwester Sam (Lorelei Linklater) lebt er in einer Kleinstadt in Texas. Wir lernen Mason als verträumten Jungen kennen, der von seiner älteren Schwester bevormundet wird, sich aber, wenn es sein muss, gut wehren kann. Die Mutter hat sich schon vor längerer Zeit vom Vater Mason sr. (Ethan Hawke) getrennt. Linklater hat den Film über einen Zeitraum von zwölf Jahren mit seinem festen Schauspielerensemble gedreht. Mason und Sam wachsen also auf der Leinwand auf. Die dabei notwendigen Zeitsprünge inszeniert Linklater so geschickt, dass sie nicht als Brüche wahrnehmbar sind. Es entsteht ein Handlungsstrom, der uns über 164 Minuten nicht mehr loslässt.


Zu Beginn des Films kommt der Vater nach längerer Zeit aus Alaska nach Houston zurück – ein großes Ereignis für Mason und Sam. Als er plötzlich in seinem bestens gepflegten alten Sportwagen vor der Haustür steht, ist er für die Kinder der Held. Im Lauf der Jahre wird klar, dass der Vater mehr ist als der Wochenend-Daddy im coolen Sportwagen. Mason sr. baut zu Mason jr. Ein gutes Verhältnis auf und bleibt für beide Geschwister ein wichtiger Fixpunkt.
Das Leben geht weiter und für Mason und Sam ist es so wie für alle Kinder: Die wichtigen Entscheidungen im Leben treffen die Eltern. Die Mutter nimmt ihr Psychologie-Studium wieder auf und schließt es mit Erfolg ab. Außerdem heiratet sie einen Professor und alleinstehenden Vater von zwei Kindern. Einige Zeit geht die Beziehung gut. Die Kinder kommen nach kurzer Eingewöhnung gut miteinander klar. Das Familienleben funktioniert. Dann beginnt der neue Ehemann zu trinken und die Harmonie endet in der Eskalation. Auch der nächste Ehemann macht zunächst einen guten Eindruck, kommt dann aber mit seinem Leben als Kriegsheimkehrer nicht zurecht. Auch er beginnt zu trinken und ist irgendwann aus dem Leben von Olivia und den Kindern verschwunden.

Die Langzeitstudie über das Familienleben zeigt vor allem eines: Ungeplantes und Krisen sind im Leben der Normalfall. Mutter und Mason sr. machen viele Fehler, aber noch mehr richtig. Daraus folgt die zweite wichtige Erkenntnis: Kinder sind glücklicherweise anpassungsfähig und krisenfest. Denn obwohl Mason und Sam schwierige Situation erlebt haben, manövrieren sie ziemlich erfolgreich durch ihr eigenes Leben und ihre eigenen Krisen.

Besonders faszinierend ist, wie Linklater uns ganz nebenbei die Zeitsprünge vermittelt: Anhand der Computergames, die die Kinder spielen, an der Musik, die sie hören, den Frisuren und Klamotten. Irgendwann ist Wahlkampf, und Mason sr. und jr. Verteilen in Texas (!) Obama-Wahlkampfschilder in Vorgärten – und klauen dabei schon mal das eine oder andere McCain-Schild. Allmählich formen sich die Kindergesichter zu denen von Erwachsenen, manche Charaktere machen überraschende Wandlungen durch: Die anfangs wahnsinnig dominante und überdrehte Sam wird zu einem geradezu zurückhaltenden Teenager, während sich bei Mason das Verträumte als Konstante durch seine Kindheit und sein Teenagerleben ziehen wird. Linklater muss ein erstaunliches Gespür für seine jungen Protagonisten an den Tag gelegt haben – denn man hat das Gefühl, dass die Rollen auf eine subtile Weise mit den Schauspielern mitwachsen.

Auch wenn das Hauptaugenmerk auf den Kindern liegt: Auch die Erwachsenen entwickeln sich auf faszinierende Art und Weise weiter. Aus dem jungenhaften Cowboy-Typ Mason sr. wird ein bodenständiger und reflektierter (Zweit-) Familienvater, die am Rande des Existenzminimums herumwerkelnde Olivia wird zur seriösen College-Lehrerin.

Sehr schön fasst Mason sr. zum Schluss seinem Sohn gegenüber seine Sicht auf das Leben und seine Herausforderungen zusammen. Und in diesem Moment spricht aus ihm vermutlich auch Linklater selbst: „Wir wissen nicht genau, was das Leben eigentlich bedeutet, aber wir versuchen, es von Tag zu Tag so gut wie möglich zu meistern.“ Dieser kleinen Patchwork-Familie genau dabei zusehen zu dürfen, ist ein großes Glück.

12.02.14 22:49

ALOFT von Claudia Llosa

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In ALOFT beginnt die Regisseurin Claudia Llosa, eine originelle Geschichte zu erzählen: Im Zentrum stehen der Wunsch nach Heilung und die Verzweiflung von unheilbar Kranken, die auf eine letzte Chance hoffen. Diese Chance verspricht ein „Architekt“ genannter Mann, der aus natürlichen Baumaterialen Kunstwerke schafft, die vermeintlich heilsame Fähigkeiten haben. Wenn die Geschichte zu Ende ist, versucht der entgeisterte Zuschauer, die Reste des ekelhaften Esoterikbreis, den Llosa angerührt hat, vom Teller zu kratzen und möglichst umweltgerecht zu entsorgen. Dieser Film ist unangenehm klebrig und liegt schwer im Magen.

Nana (Jennifer Connelly) ist Mutter von zwei Söhnen. Gully, der jüngere von beiden, leidet unter einem unheilbaren Tumor. Der ältere Bruder Ivan, er ist vielleicht acht oder neun Jahre alt, muss deswegen schon früh Verantwortung übernehmen. Außerdem nimmt die Sorge um Gully und die Suche nach einer wirksamen Behandlung im Leben von Nana den zentralen Platz ein. Auch sie sucht Hilfe beim Architekten. Der aber entdeckt durch einen Zufall, dass Nana über Heilkräfte verfügt. Sie sträubt sich zunächst, beginnt dann aber doch, diese Kräfte einzusetzen. Veranstaltet werden diese heilsamen Sessions als eine Art Mischung zwischen Kunstperformance und Naturritual im Wald. Ivan, der im Auto warten und auf seinen kleinen Bruder aufpassen soll, macht eines Tages einen tragischen Fehler. Das Auto stürzt in einen See und Gully stirbt. Wenig später entschließt sich Nana, ihrer Berufung als Heilerin zu folgen. Sie lässt Ivan bei ihrem Vater zurück und wirkt nun als Heilerin irgendwo nördlich des Polarkreises.

ALOFT hat einige Zutaten eines guten Films: der Schauplatz ist das karge aber beeindruckende Manitoba. Der Plot um das unbedingte Auskosten der letzten Überlebenschance einerseits und dem nagenden Zweifel andererseits, wird spannend entwickelt. Auch die Zeitsprünge zwischen Ivans Kindheit und seinem Leben in der Gegenwart 20 Jahre später als Familienvater sind handwerklich gut gearbeitet. Dann beginnen die Probleme: Bei der Bebilderung trägt Claudia Llosa dick auf - der Wald rauscht, das Eis knackt und der ältere der beiden Söhne hat vom verstorbenen Vater das Hobby der Falknerei übernommen. Wo Falken vor malerischen Himmeln und über schneebedeckten Landschaften kreisen, ist es von einer Metapher zur nächsten nie weit.

Ein Bruder tötet den anderen, eine Mutter verlässt den Sohn, um Kunst und Natur als Heilkraft zu kombinieren – Claudia Llosa bläst diesen Film emotional auf wie einen Heißluftballon. Immer abstruser wird es, wenn sich Ivan (Cillian Murphy) mit der Journalistin Ressemore (Mélanie Laurent) – sie ist todkrank, wie Ivan und die Zuschauer später erfahren – auf den Weg zur Wunderheilerin in den hohen Norden macht. Die Begegnung zwischen Mutter und Sohn ist dann einfach bizarr. Ein bisschen Gebrülle und ein paar Tränen vom Sohn, einige salbungsvolle Worte über Liebe, Heilung und die Kraft der Vergebung von der Mutter – schon liegen sie sich in den Armen. Die Hoffnung, die ALOFT bietet, ist die der billigen Tröstung durch selbsternannte Propheten und andere Scharlatane. Vor soviel Willen zur aufgeblasenen Esoterik muss der Verstand weichen. Am Ende hat der emotionale Heißluftballon nur einen warmen Furz abgelassen.

ZWISCHEN WELTEN (Inbetween Worlds) von Feo Aladag

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Dass die Wahrheit das erste Opfer des Krieges ist, ist ein Klischee. Ein Klischee muss ja nicht falsch sein. In Deutschland üben sich Politiker, Journalisten und die so angenehm anonyme Öffentlichkeit in Zeiten des Krieges gerne im Verschweigen und Beschönigen. Da hat es die Wahrheit auf jeden Fall nicht leicht. Das Wort Krieg zu Beispiel nehmen sie gar nicht gerne in den Mund, wenn sie darüber sprechen, was die Bundeswehr in Afghanistan tut oder, um einmal etwas genauer zu werden, was die 2.906 Männer und 202 Frauen tun, die momentan das deutsche Kontingent der International Security Assistance Force (ISAF) in Afghanistan und Usbekistan stellen. ZWISCHEN WELTEN zeigt den Alltag deutscher und afghanischer Soldaten – im Film treten nur Soldaten auf – die an einem Außenposten ein afghanisches Dorf vor den Taliban schützen sollen. Im Mittelpunkt stehen der deutsche Hauptmann Jesper (Ronald Zehrfeld) der afghanische Kommandant Haroon (Abdul Salam Yosofzai) und der junge afghanische Übersetzer Tarik (Mohsin Ahmady) und seine Schwester Nala (Saida Barmaki).

ZWISCHEN WELTEN ist ein Film über den Krieg und über die Menschen, die ihn führen. Hauptmann Jesper meldet sich freiwillig für seinen zweiten Einsatz in Afghanistan. Sein Motiv ist offensichtlich sehr persönlich. Sein Bruder ist bei einem Afghanistan-Einsatz ums Leben gekommen. Offensichtlich ist auch, dass Jesper nicht der ideale Mann ist, um Männer im Einsatz zu kommandieren. Nach der Ankunft am Außenposten handelt er nervös und findet besonders im Umgang mit dem afghanischen Kommandant Haroon keine klare Linie. Schnell wird deutlich, wie begrenzt die Möglichkeiten von Jesper und seinen Soldaten sind, um die Sicherheit in dem afghanischen Dorf zu verbessern. Das liegt an verschiedenen Dingen: Kulturelle Unterschiede zwischen Afghanen und Deutschen führen zu gefährlichen Missverständnissen und die militärischen Mittel der Bundeswehrsoldaten sind sehr begrenzt. Vielleicht am wichtigsten ist: Die Unterschiede zwischen dem politischen Mandat, dem militärischen Auftrag und der Realität am Außenposten sind enorm. Jesper steht vor dem Dilemma, kaum eigene Entscheidungskompetenz zu haben. Er muss sich immer mit seinen Vorgesetzten abstimmen. Er kann zum Beispiel nicht einmal dafür sorgen, dass sein eigener Übersetzer, der von den Taliban bedroht wird, Asyl in Deutschland bekommt.

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Jesper steht ständig vor Entscheidungen. Die verwirrende Lage an dem Dorf macht es ihm schwer zu entscheiden, was das Richtige ist. Schlimmer noch, wenn er für sich entschieden hat, was das Richtige ist, kann er oft nicht danach handeln, weil seine Vorgesetzten ihm andere Befehle geben. Der Krieg verändert moralische Maßstäbe. Die Struktur einer Armee und das Prinzip von Befehl und Gehorsam verändern jede Entscheidungssituation. Und Entscheidungen im Krieg finden unter Bedrohung statt und haben oft mit Leben und Tod zu tun. Das erste Opfer des Krieges ist die Gewissheit über richtig und falsch, im praktischen wie im moralischen Sinn, das ist die Botschaft von ZWISCHEN WELTEN. Über allem schwebt die Frage: Was bringt dieser Krieg? Jespers steht am Ende vor einer zugespitzten Entscheidungssituation in der nur eines klar ist: Er kann nicht nicht entscheiden.

Feo Aladag bringt dieses Dilemma und die Situation in Afghanistan eindrucksvoll auf die Leinwand. Nicht zuletzt, weil sie in Afghanistan in Mazar-I-Sharif und Kundus gedreht hat und nicht an einer künstlichen Location. Das Ensemble von deutschen Schauspielern, afghanischen Schauspielern und afghanischen Laien unterstützt diese Authentizität. Besonders beeindrucken dabei Mohsin Ahmady und Saida Barmaki in ihren ersten Rollen. Die Eindringlichkeit des Films macht den manchen Punkten zu stark konstruierten Plot wett. Zum Beispiel gibt es eine Bruder-Bruder-Geschichte auf deutscher Seite und eine Bruder-Schwester-Geschichte auf afghanischer Seite. Auch das Jespers seine Motivation aus dem Tod seines Bruders zieht, überfrachtet die Figur eher als dass es ihr hilft. Aber trotz dieser und anderer kleiner Schwächen: Feo Aladag hat einen Film gemacht, der echtes Kinoformat und Qualität hat. Mal sehen, ob sich das deutsche Publikum für den Film und das Thema Afghanistan interessiert. Denn das Thema des Afghanistan-Einsatzes spielt in der Öffentlichkeit keine Rolle, auch wenn die Bundeswehr dort seit zwölf Jahren im Einsatz ist und mehr als 120.000 Soldatinnen und Soldaten im Dienst waren.

11.02.14 16:22

KRAFTIDIOTEN (In Order of Disappearance) von Hans Petter Moland

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Norwegen – die Landschaft ist weiß, der Humor schwarz und ab und zu kommt noch der eine oder andere Liter rotes Blut hinzu. Mit KRAFTIDIOTEN beweist Hans Petter Moland einmal mehr, dass die Nordländer Genrekino einfach besser können. Hier die Story in einem Satz: Ein Vater rächt den Tod seines Sohnes mit einem Ein-Mann-Feldzug gegen die norwegische Drogenmafia. Aus dieser schlanken Storyline sollte man keineswegs schließen, dass der Film eindimensional ist. Weitere wichtige Themen, mit denen sich der Film auseinandersetzt, sind: gesunde Ernährung, Probleme des norwegischen Sorgerechts, Rassismus und die Vorzüge des norwegischen Wohlfahrtsstaates.

Am Anfang ist die Idylle. Nils (Stellan Skarsgård) hat einen in Norwegen verdammt wichtigen Job: Er ist Schneeräumer. In Norwegen heißt das nicht, dass er mit dem Besen durch die Gegend läuft oder eines dieser lächerlichen Gefährte steuert, mit dem die Berliner Stadtreinigung im Winter mit Salz und Sand um sich wirft. Nils manövriert eine Schneefräse, die eher an einen Schaufelradbagger als an einen LKW erinnert. Das Ungetüm hat 2.000 PS und wirft (Oder bläst? Zur Klärung kontaktieren Sie bitte einen freundlichen Norweger Ihres Vertrauens.) den Schnee bis zu 35 Meter weit. Wegen seines vorbildlichen Einsatzes gegen den weißen Teufel Schnee küren seine Mitbewohner Nils zum Bürger des Jahres – und das obwohl er Däne ist. Denn er könnte auch genau so gut ein Norweger sein, wie ihm ein freundlicher Nachbar und Vertreter der Bauernpartei versichert.

An diesem Punkt greift das Schicksal ein: Der Sohn von Nils wird tot auf einer Bank am Flughafen gefunden: Überdosis. Der einzige, der nicht glauben will, dass er ein Junkie war, ist Nils. Mit etwas Glück und einem Naturtalent zur gezielten Gewaltanwendung gerät Nils auf eine Spur, die ihn Leiche für Leiche immer näher an die ganz Großen des norwegischen Drogenmarktes bringt. Den teilen sich Greven (Pål Sverre Valheim Hagen) ein stilbewusster veganischer rassistischer Norweger und Papa (Bruno Ganz) der Stammvater eines serbischen Mafia-Clans.

Diese norwegisch-dänisch-schwedische Koproduktion zeigt, wie Gangsterkomödien funktionieren. (Warum kann das in Deutschland eigentlich niemand? Meine Antwort: Weil es in Deutschland keinen Drehbuchautor mit Namen Kim Fupz Aakeson gibt.) Hans Petter Moland hat nach seiner schönen Komödie EN GANSKE SNILL MANN, die auf der Berlinale 2010 lief, noch einen Gang hochgeschaltet. Denn ein dänischer Schneeräumer, den Norweger zum Bürger des Jahres ernennen, lässt sich weder von einem unmoralischen dänisch-japanischen Killer, der für einen Chinesen gehalten wird noch von einem Fruit-Loops-verachtenden Narzissten mit einem Hang zum Sadismus von seinem Weg abbringen. KRAFTIDIOTEN, der schöne englische Titel lautet In Order of Disappearance, wird ein Genreklassiker werden.

10.02.14 10:04

HISTORIA DEL MIEDO (History of Fear) von Benjamin Naishtat

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Die Angst geht um in einer parkähnlichen eingezäunten Wohnanlage am Rande einer namenlosen Stadt irgendwo in Argentinien. Aber auch die Menschen, die in der Stadt wohnen, müssen mit einem ständigen Bedrohungsgefühl fertig werden. Der Sommer ist brütend heiß. Menschen verhalten sich seltsam. Vor allem – nichts funktioniert mehr so richtig: Der Lautsprecher des Hubschraubers, der zu Beginn der Films über die Stadt fliegt und die Menschen auffordert, die teils illegalen Siedlungen bis zu einem bestimmten Zeitpunkt zu verlassen, setzt immer wieder aus. Alarmanlagen im bewachten Wohnpark fangen grundlos an zu heulen und Aufzüge bleiben immer wieder stecken. Es ist eindeutig: Hier rottet eine Gesellschaft langsam vor sich hin, alle misstrauen einander und niemand fühlt sich sicher.

Benjamin Naishtat erzählt keine Geschichte im eigentlichen Sinne. HISTORIA DEL MIEDO vermittelt ein Gefühl. Es geht dem Film um Atmosphäre nicht um Narration. Die unterschwellige Bedrohung ist immer spürbar und manchmal äußert sie sich auch in Aggression und körperlicher Gewalt. Naishtat setzt den nervtötenden Lärm des Polizeihubschraubers, von Sirenen oder von Zügen ein, um diesen Eindruck noch zu verstärken. Im Fernsehen der Stadt laufen rätselhafte Sendungen – über Polizeieinsätze, die anscheinend lange zurückliegen oder über die Folgen eines vermeintlichen Meteoriteneinschlags. Der Zaun, der die Welt des Parks vom Rest der Stadt trennt hat etwas Lächerliches. Es gibt die, die im Park leben, die die in der Stadt in Appartementhäusern leben und diejenigen, die für diese beiden Gruppen arbeiten. Am Ende treffen bei einer Feier Vertreter dieser drei Klassen zusammen. Angst haben sie alle. Die Frage bleibt: Wovor eigentlich genau?

Naishtat behandelt in seinem Film ein uraltes Thema. Das macht nichts. Mit Themen wie Angst und sozialer Gewalt werden wir uns auseinandersetzen solange es Menschen gibt. Das Problem von HISTORIA DEL MIEDO ist: Naishtat findet keine neuen Bilder und keine neue Erzählweise für seine Themen. Gerade im Forum der Berlinale waren sehr ähnliche Filme schon oft zu sehen. Was also hat ausgerechnet dieser Erstlingsfilm im Wettbewerb verloren? Der Zuschauer hat nach fünf Minuten verstanden, worum es geht. Dann gibt es keine Entwicklung, keinen neue Konflikt, keine Überraschungen mehr. So vermittelt HISTORIA DEL MIEDO außer einem Gefühl der Angst vor allem ein Gefühl der Langweile.

09.02.14 23:23

KREUZWEG von Dietrich Brüggemann

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Pater Weber bereitet Maria auf die Kommunion vor (Bild: Dietrich Brüggemann)

KREUZWEG ist ein Film der Strenge. Das wird schon deutlich bevor der eigentliche Film beginnt – beim Vorspann. In kleinen weißen kantigen Buchstaben taucht der Filmtitel auf dem ansonsten komplett schwarzen Hintergrund auf. Es gibt keine Musik, die Buchstaben bleiben unbewegt. Dann taucht genau so schlicht auf der Leinwand auf: „1. Station: Jesus wird zum Tode verurteilt“. Der Kreuzweg kann beginnen. Nach diesem Auftakt ist die Begeisterung, die Pater Weber (Florian Stetter) für seinen Kommunionsunterricht fast eine Erleichterung, seine
Worte allerdings weniger: Er klagt über „dämonische Rhythmen“ und andere Versuchungen. Er warnt vor Oberflächlichkeit, dem Wunsch anderen zu gefallen und Hochmut. Seine Botschaft an die Kinder: Mit der Kommunion werden sie zu Erwachsenen und sollen als „Soldaten Jesu“ dienen, um Gottes Wort zu verbreiten und – „mit einem Lächeln“ andere auf sündhaftes Verhalten hinzuweisen. Maria (Lea van Acken) nimmt an diesem Kommunionsunterricht mit großem Ernst teil. Nach dem Unterricht bleibt sie als Einzige sitzen und fragt den Priester, was sie tun könne, um ihr ganzes Leben Jesus zu opfern.

Maria ist ihre Religion wichtig, denn ihre Eltern sind Mitglieder in einer streng-konservativen katholischen Gemeinde, die von den fiktiven Paulus-Brüdern geleitet wird. Wer dabei jetzt an die an die Priesterbruderschaft Sankt Pius X. denkt, ist auf der richtigen Fährte. Pater Weber zum Beispiel geißelt die Neuerungen des Zweiten Vatikanischen Konzils. Er lehnt die Predigt auf Deutsch statt auf Latein und andere Modernisierungen der Kirche ab. Marias Mutter (Franziska Weisz) hat ähnliche Meinungen zum gemeinsamen Sportunterricht von Mädchen und Jungen, den es an Marias Schule gibt. Und natürlich auch zu jeder Art nichtkirchlicher Musik, allem was „modern“ ist und alles was ein Mädchen im Teenageralter interessant finden könnte.

Mit KREUZWEG führt Dietrich Brüggemann die Konsequenzen eines kompromisslosen Glaubenskonzeptes vor, in dem Menschlichkeit nicht vorgesehen ist. Ein Abweichen vom Glauben, wie ihn die Paulus-Brüder verfechten, ist nicht möglich. Möglich ist nur der Ausbruch, aber den wagt Maria nicht. Ihr Leben als Opfer zu bringen, ist ihre Alternative. Es ist unsinnig, zu behaupten, dass sie diese Alternative wählt. Sie kann sich dem Druck ihrer Mutter nicht entziehen und vor allem nicht dem unbedingten Wunsch, die Anerkennung ihrer Mutter zu finden. Am Ende bleibt Maria der religiöse Wahn als quasi persönliche Übererfüllung der Glaubensvorschriften.

Die Strenge dieses Glaubens bestimmt nicht nur Marias Leben, sondern auch den gesamten Film. Regisseur Dietrich Brüggemann gliedert den Film konsequent in die Stationen des Kreuzwegs. Jede Station von der schon wird durch eine Texttafel angekündigt. Für jede Station gibt es nur eine Kameraeinstellung, innerhalb der einzelnen Stationen gibt es keinen Schnitt. Jede Station ist also eine Szene. Sosehr der Film formal überzeugt, sosehr stören die Qualitätsunterschiede bei den einzelnen Stationen. Im Gedächtnis haften bleiben Szenen wie Marias Beichte bei Pater Weber oder ein quälendes Abendessen mit der Familie, in dem Maria ihrer Mutter eine Lüge gesteht. Völlig missraten ist dagegen eine Szene im Schulunterricht, in der in hölzernen Dialogen die Themen „Toleranz“ und „Religionsfreiheit“ auftauchen. Hier weichen die Drehbuchautoren Anna und Dietrich Brüggemann von ihrem guten Plan ab, etwas zu zeigen, worüber ich dann jeder Zuschauer seine eigenen Gedanken machen kann. Stattdessen fangen sie an, zu belehren. Auch die beiden Krankenhausszenen, die Station 11 und 12 des Kreuzweges entsprechen, halten nicht das Niveau anderer Szenen. Aber trotzdem ist es schwer möglich, sich dem Film zu entziehen. In der Pressevorführung konnte man das auch an dem hysterisch-verdrucksten Gelächter einiger Zuschauer spüren, die lachten, wo es nichts zu lachen gab und sich über diese Schockreaktion sofort nochmal erschreckten. KREUZWEG ist es also offensichtlich gelungen, sein Publikum mit dem Thema Glauben und seinen negativen Konsequenzen zu konfrontieren.

Die vierzehnte und letzte Station – „Jesus Leib wird ins Grab gelegt“ – enthält die einzige echte Kamerafahrt des gesamten Films: Während ein Bagger das Grab von Maria zuschüttet, zieht die Kamera auf, fährt nach oben und zeigt als letztes unbewegt den Himmel – er ist von grauen Wolken verhangen.

07.02.14 22:30

JACK von Edward Berger

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Jack und Manuel auf der Suche nach ihrer Mutter (Foto: Jens Harant)

Jack (Ivo Pietzcker) ist zehn Jahre alt. Jack ist nicht nur intelligent, sondern auch gut organisiert und vor allem beharrlich. Jack hat gar keine andere Wahl. Denn er muss etwas tun, was Kinder normalerweise nicht tun müssen: Für Struktur und Normalität im Leben sorgen. Das macht Jack übrigens nicht nur für sich selbst, sondern auch für seinen kleinen Bruder Manuel (Georg Arms), der vielleicht halb so alt ist wie er selbst. Sanna (Luise Heyer), die Mutter von Jack und Manuel ist eine circa Endzwanzigerin, die irgendwann den Faden in ihrem Leben verloren hat, wenn sie ihn denn je in der Hand hatte. Sie ist unfähig Verantwortung für sich oder gar ihre Söhne zu übernehmen und sie hat keinerlei Vorstellung davon, was ihr Verhalten für Konsequenzen hat. Seinen Vater hat Jack nie kennengelernt. Unter diesen Bedingungen versucht Jack, so etwas wie ein Familienleben für seinen Bruder und sich zu schaffen, aber die Hindernisse werden immer größer.

Jack hat also sein Leben im Griff und das von Manuel gleich auch noch. Das aber reicht nicht – denn auf das Leben seiner Mutter kann Jack nur wenig Einfluss nehmen. Sein Problem ist sogar noch größer: Denn als Kind, das wie ein Erwachsener denkt und handeln muss – und das fast immer auch tut – wird er trotzdem von den Erwachsenen kaum wahrgenommen. Als sich Manuel aus Versehen die Beine beim Baden verbrüht, muss Jack ins Kinderheim, obwohl er der Einzige ist, der versucht, Erste Hilfe zu leisten. Die Erwachsenen in Jacks Leben sind überfordert (Sanna), desinteressiert (Sannas Freunde und Freundinnen) oder unfähig (die Frau vom Jugendamt und die Gruppenleiterin im Kinderheim). Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände und die Tatsache, dass die Mutter die beiden Brüder einmal zu oft im Stich lässt, landen Jack und Manuel in den Sommerferien auf der Straße – mitten in Berlin. Die Erwachsenen, die ihnen dort begegnen sind bestenfalls gleichgültig und schlimmstenfalls feindselig. Doch Jack gibt nicht auf. Er organisiert Schlafplätze, Essen, Trinken – was man eben zum Leben braucht – und macht sich mit Manuel im Schlepptau auf die Suche nach der verschollenen Mutter.

Der Film von Edward Berger, der das Drehbuch zusammen mit Nele Mueller-Stöfen geschrieben hat, wirft seine beiden Protagonisten also in eine verstörte und verstörende aber vor allem gestörte Erwachsenenwelt. Es gibt im Film keinen einzigen Erwachsenen, der sich so verhält, wie sich ein verantwortungsbewusster Erwachsener verhalten sollte. Das ist die eine große Schwäche des Films und des Drehbuchs, trotz eindrücklicher Bilder und stimmiger Dialoge. Die Welt in der die beiden Brüder leben, ist von Gestörten bevölkert. Das ist der eine Punkt, den ich dem Film nicht abnehme. Dass der Film trotzdem so kraftvoll geworden ist liegt vor allem am Hauptdarsteller Ivo Pietzcker, der beim Dreh wie seine Figur zehn Jahre alt war. Und natürlich geht dieses Lob auch an den Regisseur, der seinen jungen Darsteller offensichtlich sehr einfühlsam geführt hat.

Jack kämpft also immer weiter und was steht am Ende? Nachdem die Kinder mehrere Tage auf der Straße verbracht haben, ist die Mutter auf einmal wieder da. Sie hat wieder einen neuen Freund kennengelernt. Diesmal den Richtigen, wie sie sagt. Am nächsten morgen trifft Jack für sich und seinen kleinen Bruder eine Entscheidung. Es ist eine vernünftige Entscheidung, eine erwachsene Entscheidung. Eine Entscheidung, die Mut und Resignation in sich vereint. Wie diese Entscheidung aussieht, wird hier nicht verraten. Nur soviel: Wenn ein Zehnjähriger gezwungen ist, wie ein Erwachsener zu entscheiden, hat das etwas ungeheuer Deprimierendes.

06.02.14 22:50

THE GRAND BUDAPEST HOTEL von Wes Anderson

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Wes Anderson ist ein Ausstattungsfetischist. Er baut seine eigenen kleinen Welten: Alle Details sind gut überlegt und schaffen die Atmosphäre in der Wes Andersons Helden und Anti-Helden ihre absurden Abenteuer erleben. Die Welt, das ist in seinem neuen Film vor allem das Grand Budapest Hotel im schönen osteuropäischen Land Zubrowka, idyllisch in den Bergen gelegen aber leider ziemlich heruntergekommen,. Wir schreiben das Jahr 1985. Dann machen wir einen Zeitsprung nach hinten ins Jahr 1932 und gehen mit dem Concierge Monsieur Gustave H. (Ralph Fiennes) und dem frisch eingestellten Hotelpagen Zero Moustafa (Tony Revolori) auf eine Reise durch das 20. Jahrhundert. Dabei trotzen sie dem Krieg und versuchen einen ganz besonderen Schatz vor einer Reihe der erstaunlichsten Bösewichter zu retten, die die Filmgeschichte gesehen hat.

Schon wer die Namen der Hauptcharaktere hört, ahnt: Normal ist im Grand Budapest Hotel eigentlich gar nichts. Nützlich könnte bei einer weiteren Einschätzung der Lage noch die Information sein, dass Monsieur Gustave H. der wahrscheinlich beste Concierge der Welt ist. Er kennt die Wünsche seiner Gäste schon bevor diese sie aussprechen, sein Stil ist untadelig und seinen britischen Akzent „refined“ zu nennen, wäre eine geradezu unverschämte Untertreibung. Monsieur Gustave H. ist ein Meister des Service, ein Gigant der persönlichen Dienstleistung. Ein nicht unerheblicher Teil dieser Dienstleistung besteht darin, dass Monsieur Gustave H. Damen fickt. Er drückt das gegenüber seinem lernbegierigen Pagen Zero genau so aus, natürlich mit dem umwerfenden Upper-Class-Akzent eines Oxford-Absolventen. Um genauer zu sein, fickt er sehr alte, sehr reiche, sehr blonde Damen. Die mit Sicherheit älteste und reichste und vielleicht auch blondeste dieser Damen ist die Gräfin Madame Céline Villeneuve Desgoffe und Taxis, a.k.a. Madame D. (Tilda Swinton). Als Madame D. das Zeitliche segnet und dem Concierge das unermesslich wertvolle Gemälde „Junge mit Apfel“ vermacht, überstürzen sich die Ereignisse, und die Welt des Grand Budapest Hotel wird auf den Kopf gestellt.

THE GRAND BUDAPEST HOTEL ist eine Farce, die Oscar Wilde in Ekstase versetzt hätte (noch ekstatischer hätte Wilde wahrscheinlich nur Monsieur Gustave H. persönlich gemacht) und eine Screwball Comedy, die Ernst Lubitsch, Frank Capra oder Howard Hawks nicht besser hingekriegt hätten. Liebe, Krieg, Reichtümer, Schurken, Gewalt, Schicksal – alles das verquirlt Anderson zu einem hochprozentigen Cocktail, der vor allem so gut schmeckt, weil die Geschichte so absurd und unerwartet ist, aber die Figuren so menschlich und lebendig sind. Genau deswegen sieht man Andersons Film so gerne zu. Wie sollte das bei diesem Schauspieler-Ensemble auch anders sein. Hier eine bei weitem nicht vollständige Liste hochkarätiger Nebendarsteller: Edward Norton, Adrien Brody, Lea Seydoux, Harvey Keitel, Jude Law, Willem Defoe usw. usw. Hinzu kommt der besondere Anderson-Stil: Nicht nur bei der Ausstattung, sondern auch bei den Kamerafahrten und der Musik. Alles ist in Bewegung. Es gibt keinen Leerlauf und keine Langeweile. Das gilt auch für die Handlung. Wes Anderson und Hugo Guinness sind für die Story verantwortlich und Andersons Drehbuch glänzt mit seinen Dialogen.

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Inspiriert hat den Regisseur und Autor, wie er selbst sagt, Stefan Zweig – vor allem Zweigs biographisches Buch „Die Welt von gestern“. Das ist zu spüren. Schließlich wurde Zweig 1881 in Wien geboren, als die k.u.k.-Monarchie am mächtigsten war. Der Film zeigt uns habsburgische Pracht gepaart mit Andersonscher Phantasie vor dem Hintergrund der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Was Monsieur Gustave H und Zero Moustafa an Triumphen erleben und an Tragödien erleiden, ist mitreißendes und sehr komisches Kino.

05.02.14 11:52

Berlinale 2014: Ein erster Blick ins GRAND BUDAPEST HOTEL

Einmal werden wir noch wach, dann eröffnet Wes Andersons neuer Film THE GRAND BUDAPEST HOTEL die Berlinale 2014. Hier der Trailer zum Film:

15.01.14 13:21

Linklaters BOYHOOD im Wettbewerb der Berlinale 2014

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Ellar Coltrane in BOYHOOD: 12 Jahre Leben in 164 Minuten

Richard Linklaters Langzeit-Filmprojekt BOYHOOD hat im Wettbewerb der Berlinale 2014 seine internationale Premiere und nimmt an der Konkurrenz um den Goldenen Bären teil. BOYHOOD folgt dem Leben eines Jungen im Alter von sechs bis 18 Jahren. Seit dem Beginn des Projekts im Jahr 2002 drehte Linklater in jedem Jahr, um die Geschichte von Mason, dargestellt von Ellar Coltrane, und seiner Familie zu erzählen. Masons Eltern werden gespielt von Patricia Arquette und Ethan Hawke. Die Tochter von Richard Linklater Lorelei übernimmt die Rolle der älteren Schwester Samantha.

20.12.13 12:22

Berlinale 2014: NYMPHOMANIAC VOL. 1 in der Langversion

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Stacy Martin und Shia LaBeouf in NYMPHOMANIAC VOL. 1 (Foto: Christian Geisnaes)

Die Langversion von Lars von Triers neuem Film NYMPHOMANIAC VOL. 1 wird auf der Berlinale 2014 als Weltpremiere gezeigt. Sie ist 330 Minuten lang. Nach Angaben von von Triers Produktionsfirma Zentropa wird das das einzige Screening der Langversion sein, bis später im Jahr 2014 die Langversion von NYMPHOMANIAC VOL. 2 Premiere hat. NYMPHOMANIAC VOL. 1 erzählt in acht Kapiteln die sexuelle Biographie einer Fünfzigjährigen, gespielt von Charlotte Gainsbourg. In weiteren Rollen sind Stellan Skarsgård, Stacy Martin, Shia LaBeouf, Christian Slater, Jamie Bell, Uma Thurman und Willem Dafoe zu sehen. Udo Kier spielt einen Kellner.

Eine kürzere Version von NYMPHOMANIAC VOL. 1 hat am 25. Dezember in Dänemark Premiere. Der Kinostart der Kurzversion in weiteren Ländern folgt in den kommenden Monaten. Die verschiedenen Kurztrailer und Filmposter haben schon vor dem Start für eine Diskussion darüber gesorgt, ob es sich bei dem Film um Pornographie handelt.

08.11.13 16:20

Berlinale 2014: THE MONUMENTS MEN im offiziellen Programm

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Nicht der Eröffnungsfilm, aber immerhin die internationale Premiere: Die Berlinale 2014 präsentiert George Clooneys THE MONUMENTS MEN im Rahmen des offiziellen Programms, allerdings erst nach der Uraufführung, die in den USA am 7. Februar läuft – sonst hätte sich das Festival mit einer Weltpremiere schmücken können. Clooney ist nicht nur Regisseur und Darsteller, sondern hat gemeinsam mit Grant Heslov auch das Drehbuch verfasst. THE MONUMENTS MEN basiert auf dem Roman von Robert M. Edsel und Bret Witter, der die Geschichte eine Spezialeinheit der Alliierten erzählt, die im Zweiten Weltkrieg auf die Jagd nach von den Nazis gestohlenen Kunstwerken ging. Neben Clooney stehen unter anderem Cate Blanchett, Matt Damon, John Goodman und Jean Dujardin vor der Kamera.

05.11.13 16:10

Berlinale 2014: Wes Andersons THE GRAND BUDAPEST HOTEL steht als Eröffnungsfilm fest

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Paul Schlase, Tony Revolori, Tilda Swinton und Ralph Fiennes in THE GRAND BUDAPEST HOTEL (Fox Searchlight)

Die Weltpremiere von Wes Andersons THE GRAND BUDAPEST HOTEL eröffnet am 6. Februar 2014 die 64. Internationalen Filmfestspiele Berlin. Hauptdarsteller der britisch-deutschen Koproduktion sind Ralph Fiennes und Tony Revolori. Zum Ensemble gehören außerdem F. Murray Abraham, Mathieu Amalric, Adrien Brody, Willem Dafoe, Jeff Goldblum, Harvey Keitel, Jude Law, Bill Murray, Edward Norton, Saoirse Ronan, Jason Schwartzman, Tilda Swinton, Léa Seydoux, Tom Wilkinson und Owen Wilson.

Der Film erzählt die Geschichte des Concierge des Grand Hotels zwischen den Weltkriegen um wurde zum großen Teil in Görlitz und im Studio Babelsberg gedreht. Die Rolle des Hotels übernahm unter anderem das alte Görlitzer Kaufhaus.

Damit ist meine Vorhersage von THE MONUMENTS MEN als Berlinale Opener geplatzt. Ich lasse mich nicht verdrießen und sage: Dann haben wir eben THE GRAND BUDAPEST HOTEL als Eröffnungsfilm und die Monuments Men und Women George Clooney und Cate Blanchett kommen auch noch. Görlitz ist auf jeden Fall schon ein Gewinner der Berlinale.

27.10.13 19:02

Berlinale 2014: Gute Chancen für Monuments Men-Premiere

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Matt Damon und George Clooney in THE MONUMENTS MEN (Columbia Pictures/Sony)

Sony hat gerade den Start von THE MONUMENTS MEN, George Clooneys neuer Regiearbeit, von Mitte Dezember auf den 7. Februar verschoben. Damit steigen die Chancen auf eine Berlinale-Premiere. Die Berlinale beginnt 2014 am 6. Februar. Eine Weltpremiere in Berlin würde bestens zur Story über die amerikanische Einheit passen, die im Zweiten Weltkrieg nach Deutschland kommt, um geraubte Kunstschätze zu finden und zu retten. Der Film wurde unter anderem in Berlin, Potsdam, Görlitz und an mehreren Orten im Harz gedreht. Clooney stand dabei nicht nur hinter, sondern auch vor der Kamera. Weitere Rollen spielen Cate Blanchett, Matt Damon, John Goodman und Bill Murray. Wer nimmt eine Wette an, dass THE MONUMENTS MEN der Eröffnungsfilm der Berlinale 2014 wird?

20.02.13 17:44

Interview mit Sebastian Mez - Regisseur von METAMORPHOSEN

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Der herausragende Film der diesjährigen Perspektive Deutsches Kino war der Dokumentarfilm METAMORPHOSEN von Sebastian Mez. Mez konfrontiert den Zuschauer mit den Folgen eines Ereignisses, das schon mehr als ein halbes Jahrhundert zurückliegt: Die Explosion in der damals sowjetischen, heute russischen Nuklearfabrik Majak. Am 29. September 1957 explodierte in der Anlage, in der waffenfähiges Plutonium angereichert wurde, ein großer Tank mit stark radioaktiver Flüssigkeit. Mez spricht mit den Menschen, die heute noch in unmittelbarer Nachbarschaft der Fabrik leben. Gerade weil er seinen Film nicht als investigative Recherche anlegt, werden die Auswirkungen und Verheerungen durch den Nuklearunfall umso spürbarer. Festivalblog hat ein Interview mit dem Regisseur geführt.

War Dir schon von Anfang an klar, wie Du den Film gestalten wolltest? In schwarz-weiß, keine klassische Interviewsituationen etc.
Immer wenn ich ein Thema habe, was mich interessiert und was zu mir passt, mache ich mir von Beginn an Gedanken über die filmische Form. Im Vordergrund steht die Frage: Welche Form ist angemessen für das Thema? Im Fall von METAMORPHOSEN war von Anfang an die Aufgabe, etwas, was nicht sichtbar und überhaupt nicht konkret ist, in Bilder umzusetzen. Insofern war schnell für mich klar, dass ich mit Artifizierung arbeite. Gleichzeitig wollte ich mit dem zeitlosen Charakter des Films arbeiten. Das Unglück in Majak ist vor mehr als 50 Jahren passiert, damals wäre der Film aktuell gewesen. Er wird aber in 100 Jahren noch genauso aktuell sein, weil der Ort, von dem der Film handelt, für immer radioaktiv verseucht ist.

Die Farben in einem Film sind immer ein Indiz für sein Alter. Ich kann immer an den Farben eines Film sehen wann er entstanden ist, ob das in den 70ern oder 80ern war zum Beispiel. Das Filmmaterial und später die Qualität des Videos geben darauf klare Hinweise. Zeitlosigkeit war also ein Grund für schwarz-weiß. Außerdem habe ich in schwarz-weiß bessere Möglichkeiten zur künstlerischen Gestaltung. Ich schätze an schwarz-weiß eine Bilddramaturgie, die sich durch die Reduktion auf Kontraste zwischen schwarz und weiß und den Grautönen dazwischen entfaltet.

Und wie war das mit der Art der Gesprächsführung?
In meinem letzten Film ging es um das Thema Zwangsprostitution. Da habe ich mich in einem anonymen Raum bewegt. Weil die Frauen ihre Identität natürlich nicht preisgeben wollten, wurde der gesamte Film aus dem Off erzählt. Deswegen habe ich mir geschworen, dass mein nächster Film – das war dann METAMORPHOSEN – komplett im On, also vor der Kamera erzählt wird.

Weil ich mit einem kleinen Budget gearbeitet habe, war die technische Entstehungsgeschichte des Films besonders. Wir hatten zunächst nur die Bilder, weil wir die Gespräche aus finanziellen Gründen erst nach und nach übersetzen lassen konnten. Deswegen haben wir im Rohschnitt ersteinmal nur mit Bildmaterial gearbeitet. So ist im ersten Schritt ein zweistündiger Stummfilm entstanden, der schon allein von der Bildsprache funktioniert hat. Das Wissen über das Unglück in der Nuklearfabrik bekommt der Zuschauer ja bereits durch die kurzen Infotext-Tafeln am Anfang. Da war der Cutterin Katharina Fiedler und mir früh klar, wie stark die Bilder alleine dadurch wirken, dass sie durch die Information zu Beginn aufgeladen wurden.

Danach haben wir die gesprochenen Übersetzungen eingefügt, als ganz klassische Interviews. Dadurch war die intensive Stimmung der Bilder auf einmal verschwunden und der Film bekam etwas Journalistisches, Reportagehaftes. Deswegen habe ich meine Entscheidung alles im On zu machen wieder umgeworfen. Deshalb kommen die Erzählungen der Menschen jetzt aus dem Off, während man etwas Anderes sieht, die Landschaft, wie dieser Mensch über den Hof geht – aber eben nicht, wie direkt in die Kamera gesprochen wird. Gerade aus der Differenz zwischen dem Bild und dem Gesprochenen entsteht die Spannung durch eine Art Zwischenraum. Bild und Wort korrespondieren natürlich miteinander, aber eben nicht eins zu eins.

Warst Du in dieser ersten Version auch als Interviewer zu sehen?
Nein. Ich mag es nicht, wenn ich in meinen Filmen ganz bewusst auftrete. In der Szene, in der ich das Messgerät filme, sieht man meine Hand oder auch die Spiegelung der Kamera im Display. Das entsteht aus der Situation und das will ich auch nicht rausschneiden.

Wie hast Du eigentlich zu den Menschen in Musljumowo Kontakt aufgenommen?
Ganz einfach vor Ort. Wir hatten aus Deutschland schon zu einem Bewohner Kontakt aufgenommen, der in dem Ort eine Art Sprecher ist und auch ein bisschen als Aktivist arbeitet. Wir wollten aber keinen aktivistischen Film mit investigativem Charakter machen, daher spielt er nur eine kleine Rolle im Film. Alle anderen, die im Film zu sehen sind, haben wir dort erst kennengelernt. Zu Beginn haben wir nie die Kamera rausgeholt. Es ging nur ums Kennenlernen. Wir haben mit den Leuten Kaffee getrunken, einfach Zeit verbracht. Und wenn jemand etwas Interessantes zu erzählen hatte, haben wir langsam mit dem Drehen begonnen.

Wie haben die Menschen reagiert? Waren sie ängstlich oder zurückhaltend?
Sie waren vor allem wütend. Aus einem ganz einfachen Grund: Dort waren schon soviele Fernsehteams, Journalisten und Fotografen in den letzten zwanzig Jahren, seit das Unglück öffentlich bekannt ist. Die haben verbrannte Erde hinterlassen. Die Bewohner haben mir ganz klar gesagt: „Wir haben schon mit sovielen Journalisten gesprochen, aber für uns hat sich nichts geändert.“ Aber wir haben uns deutlich von diesen Medienleuten unterschieden. Wir waren eben nicht nur einen Tag da und haben Atemschutzmasken oder sogar Schutzanzüge gehabt. Wir haben einfach da gewohnt, sind dageblieben und haben so das Eis gebrochen.

Wie lang ward Ihr insgesamt dort?
Vier Wochen, weil das die maximale Zeit ist, die man mit einem Touristenvisum in Russland bleiben darf. Wir hatten kein Visum, keine Drehgenehmigung und niemand wusste, dass wir dort einen Film drehen wollen. Deswegen sind wir das Risiko eingegangen und haben mit kleinem Team, kleiner Kamera und wenig Tonequipment gedreht.

Hat es trotzdem Schwierigkeiten gegeben? Es war ja irgendwann offensichtlich, dass ihr dreht.
So ganz genau wissen wir das bis heute nicht. Es gab aber einen Zeitpunkt, ab dem wir relativ sicher waren, dass wir beobachtet werden. Und das war von dem Zeitpunkt an, an dem wir mit einem ehemaligen Mitarbeiter der Nuklearfabrik in Majak gesprochen haben. Das ist derjenige, der im Film von dem Beinahe-Zwischenfall im Jahr 2000 und den miserablen Bedingungen dort berichtet. Er lebt in der geschlossenen Stadt, in der sich auch die Fabrik befindet. Dort kommen nur Mitarbeiter und deren Angehörige rein. Ihn haben wir von einem Taxi in der geschlossenen Stadt abholen lassen und haben dann einen ganzen Tag mit ihm gesprochen. Ein zweites Gespräch war nicht mehr möglich, weil uns von Offiziellen untersagt wurde, ein Taxi zu beauftragen. Bei diesem Gespräch war auch deutlich zu hören, dass wir abgehört wurden.

Danach ist uns bei einem Dreh auch ein Auto gefolgt, als ich Majak aus der Entfernung über den See hinweg gefilmt habe. Ein Wagen mit zwei Männern ist in 100 Metern Entfernung stehen geblieben, aber dann wieder weggefahren. Das war fünf Tage bevor wir ohnehin abreisen wollten. Wir haben die heiklen Sachen auch bewusst ans Ende gelegt. Meine größte Sorge war immer, dass die uns das Filmmaterial wegnehmen. Sie hätten uns ja ganz einfach am Flughafen die Festplatten abnehmen können.

Es gab immer wieder Phasen, in denen wir Angst hatten, beobachtet und kontrolliert zu werden. Aber – ganz ehrlich – ich glaube, die haben uns nicht ernst genommen. Wir sahen zu unschuldig aus – keine große Kamera, wenig technische Geräte. Wir sahen aus wie Studenten. Das war unser Bonus.

Wir groß war das Team?
Nur zwei Leute: Renata Kosenko und ich. Ich habe Regie, Kamera und zum Teil auch Ton gemacht. Renata hat übersetzt und war auch für den Ton zuständig. Wir hatten einen Recorder, eine Funkstrecke mit Ansteckmikrofon und das war auch schon alles.

Wie hast Du Renata kennengelernt?
Ich habe sie in der Recherche kennengelernt durch einen Artikel von ihr über Majak, der ursprünglich in einer russischen Zeitung erschienen ist, der in der Übersetzung aber auch vom Tagesspiegel gedruckt wurde. Und als ich mich für das Thema entschieden hatte, habe ich mit ihr Kontakt aufgenommen. Mir war klar, dass ich jemand brauche, der sich dort auskennt und vor allem auch die Sprache spricht. Sie war eine unglaubliche Hilfe, weil sie sehr stark in der Geschichte drin war und auch schon die Leute dort kannte.

Gefunden habe ich sie schließlich über Facebook. Sie lebt in Rom. Wir haben geskypt und uns dann zum ersten Mal in Moskau getroffen. Dort haben wir ein paar Tage unser Vorgehen besprochen und sind anschließend zusammen weitergeflogen.

Wie hast Du den Film finanziert?
Ich habe ihn ausschließlich mit dem Budget der Filmakademie Baden-Württemberg für den Abschlussfilm gedreht. Das deckt die organisatorischen Kosten, das Reisen und so weiter. Ich hatte keine weiteren Fördermittel. Da ich mich filmisch ausprobieren und vor allem auch unabhängig arbeiten wollte, habe ich auf die Beteiligung von Fernsehsendern verzichtet. Was eben in dem Budget eines Abschlussfilms nicht enthalten ist, ist die Arbeitszeit. Das waren allein für mich zwei Jahre.

Weißt Du wies es mit METAMORPHOSEN weitergeht?
Als Erstes wird es eine ganz intensive internationale Festivalauswertung geben. Ich glaube, dass der Film da einen guten Weg gehen wird. Aber natürlich wünsche ich mir, dass der Film auch außerhalb von Festivals im Kino zu sehen sein wird. Darauf hoffe ich vor allem, weil der Film im Kino am besten funktioniert. Aber auch im Fernsehen kann ich mir den Film vorstellen, auch wenn er in schwarz-weiß gedreht ist und in seiner ruhigen, elegischen Art vielleicht nicht jedermanns Sehgewohnheiten entspricht.

Das Interview führte Steffen Wagner.


15.02.13 20:00

EINZELKÄMPFER von Sandra Kaudelka

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EINZELKÄMPFER heißt Sandra Kaudelkas Dokumentarfilm über die vier Spitzenathleten Brita Baldus, Udo Beyer, Ines Geipel und Marita Koch. Alle vier Sportler waren in der DDR erfolgreich, Beyer und Koch holten Olympisches Gold im Kugelstoßen beziehungsweise im 400-Meter-Lauf. Trotzdem sind die Geschichten der Sportler verschieden: Beyer und Koch waren Stars, Koch sogar schlicht die beste 400-Meter-Läuferin aller Zeiten. Die Sprinterin Ines Geipel dagegen wollte sich 1984 aus der DDR absetzen. Diese Pläne aber wurden an die Stasi verraten, so dass sie von einem Tag auf den anderen aus dem Leistungssport ausgeschlossen wurde. Die Wasserspringerin Brita Baldus wiederum holte ihre größten Erfolge nach der Wiedervereinigung: Sie wurde Dritte bei den Weltmeisterschaften 1991 und bei den Olympischen Spielen 1992. 1991 und 1993 wurde sie Europameisterin vom Drei-Meter-Brett. Einen Titel, den sie schon 1983 für die DDR geholt hatte. Sie alle haben auch heute ganz verschiedene Meinungen zum Leistungssport und den Unterschieden zwischen damaliger DDR und dem heutigen Deutschland.

Was EINZELKÄMPFER noch besonders macht, ist die Tatsache, dass die Regisseurin eine angehende Leistungssportlerin war. 1977 in Leipzig geboren kam sie in der 4. Klasse auf die Jugendsportschule „Ernst Thälmann“. Sie war eine widerwillige aber sehr gute Wasserspringerin: Sandra Kaudelka wurde bei der Spartakiade 1987 Vizemeisterin und 1988 DDR-Meisterin ihrer Altersklasse.

Wenn es um DDR-Sport geht, ist der Elefant im Raum, über den jeder eine eigene Meinung hat, das Doping. Beyer hat gedopt, gibt das auch zu und findet es auch nicht weiter problematisch. Ines Geipel hat befürchtet gedopt zu werden und hat sich das auch gerichtlich bestätigen lassen: Sie war 2000 Nebenklägerin im Hauptprozess zum DDR-Zwangsdoping in dem Manfred Ewald, von 1961 bis 1988 Vorsitzender des Turn- und Sportbundes der DDR, „wegen Beihilfe zur Körperverletzung zum Nachteil von 20 Hochleistungssportlerinnen, denen ohne ihre Kenntnis mit der Folge von Gesundheitsschäden und -gefährdungen Anabolika verabreicht worden waren, unter Vorbehalt einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten auf Bewährung - nach dem milderen Tatzeitrecht der DDR (§ 33 StGB-DDR)“ verurteilt wurde – so ein Auszug aus dem Urteil des Bundesgerichtshofs. Marita Koch sagt zum Thema Doping, das was sie schon immer gesagt hat, – nämlich nichts. Und Brita Baldus geht davon aus, dass Doping im Wasserspringen keinen Sinn macht. Verbotene Leistungssteigerung war selbstverständlich kein „DDR-Problem“. Beyer trat gegen den West-Berliner Ralf Reichenbach an, der 1987 zugab, gedopt zu haben. Und das ist nur ein Beispiel von vielen.

Mindestens genauso interessant wie die Diskussion um Spritzen, Pillen etc. ist, wie der Film die Unfreiheit der Spitzensportler aufdeckt. Auch hier sind die einzelnen Meinungen unterschiedlich, aber Kaudelka kann am eigenen Beispiel und in Bildern belegen, wie vergeblich ihre eigene Weigerung war, weiter am DDR-Leistungssystem teilzunehmen – ganz zu schweigen von den schrecklichen Folgen unter denen Ines Geipel und viele andere heute noch leiden. Der Mauerfall bedeutete wenigstens für Kaudelka in ihren eigenen Worten „die Freiheit vom ungeliebten Sport“. EINZELKÄMPFER ist ein Film, den jeder sehen sollte, der heute gerne Sport im Fernsehen guckt. Ich glaube nicht, dass der Leistungssport heute anders funktioniert als vor 1989 und ich glaube auch nicht, dass der Film irgendetwas daran ändern wird. Der Film treibt den letzten Rest an naiver Sportbegeisterung aus – gut so. Eine breite Diskussion zu dem Thema Doping und Selbstbestimmung im Sport, wäre eine angenehme Folge der Dokumentation, ist aber leider wenig wahrscheinlich.

EINZELKÄMPFER zeigt auch, wie unterschiedlich die Leben nach der Karriere verlaufen sind: Brita Baldus sagt, dass sie Schwierigkeiten hat, finanziell über die Runden zu kommen. Halt geben ihr heute Glaube und Gesang. Udo Beyer hat ein Reisebüro in Potsdam und Marita Koch ein Sportgeschäft in Rostock. Ines Geipel ist Schriftstellerin und Professorin an der Schauspielschule „Ernst Busch“ in Berlin. Und Sandra Kaudelka, der die Karriere als Leistungssportlerin erspart blieb, macht gute Filme.

14.02.13 20:54

ZWEI MÜTTER von Anna Zohra Berrached

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Zwei Frauen lieben sich, leben zusammen und wollen ein gemeinsamen Kind haben. Das ist kein Problem. Das ist kein Problem? Es ist ein Problem! Jedenfalls für den deutschen Gesetzgeber und deshalb auch für die Frauen. Genau davon handelt der Film ZWEI MÜTTER von Anna Zohra Berrached. Konkret gesagt: Er handelt von dem Problem Sperma zu bekommen sowie eine professionelle Inseminationsbehandlung und von den finanziellen Belastungen und dem psychologischen Stress, wenn es Monate oder Jahre dauert bis zur erfolgreichen Befruchtung.

Katja und Isabella sind verheiratet und entschließen sich ein Kind zu bekommen. Isa soll die leibliche Mutter werden. Den Wunsch in die Tat umzusetzen ist jedoch schwerer als gedacht. Denn gleichgeschlechtliche Paare werden in der Regel nicht von Inseminationszentren behandelt. Und wenn doch, dann nur unter der Bedingung, dass die Frauen in der Lage sind, den behandelnden Arzt bei anonymen Spenden oder den Spender gegen Unterhaltsansprüche de Kindes abzusichern. Überspitzt ausgedrückt: Die Erfüllung eines Kinderwunsches ist für gleichgeschlechtliche Paare vor allem eine finanzielle Frage – und das schon bevor die erste Windel, der erste Kinderwagen oder das erste Dreirad gekauft ist. So solvent sind Katja und Isa nicht. nach einigen vergeblichen Versuchen bei einem der wenigen Frauenärzte, der die Insemination mit Sperma aus der Samenbank auch für lesbische Frauen anbietet, geben sie diese Methode auf. Jetzt entschließen sie sich dafür, die Insemination zu Hause per Spritze zu machen und gehen auf die Suche nach einem geeigneten Spender.

Anna Zohra Berrached hat einen Spielfilm gedreht, aber nur die beiden Hauptrollen sind mit Schauspielerinnen besetzt – der Arzt, der Rechtsanwalt, die Apothekerin, der Mann, der in seinem Wohnzimmer Inseminations-Kits verkauft, spielen sich selbst. Das gibt dem Film eine dokumentarische Ebene, die die Vertracktheit der Situation noch plastischer macht. Denn auf dem grauen Markt für Sperma, der sich – wie sollte es anders sein – im Internet gebildet hat, finden sich seltsame Kandidaten: Die einen wollen unbedingt mit Isa schlafen („das ist natürlicher“), die anderen wollen regelmäßigen Kontakt zum Kind und einige sind offensichtlich noch Jungfrau. Die Gespräche mit diesen Kandidaten belasten die Beziehung von Katja und Isa noch mehr, als die Finanzprobleme, die durch die vergeblichen Versuche beim Arzt entstanden sind.

ZWEI MÜTTER zeigt, ohne Übertreibung und ohne Schönfärberei, die Probleme eines lesbischen Paares auf dem Weg zur Schwangerschaft. Ein ganz besonderes Verdienst ist es, dass die Tragweite der juristischen Schwierigkeiten dabei ebenso gut zu Geltung kommt, wie die Schwierigkeiten, die auf der Beziehungsebene entstehen. „Vater Staat“, diesen sprichwörtlichen Begriff kann ich in diesem Kontext gar nicht mit genug Ironie aufladen, ist kein Helfer – im Gegenteil. Aber die antiquierte Juristerei ist auch nicht allein für die Probleme verantwortlich: Der Film zeigt nämlich auch, wie der Kinderwunsch die Dynamik einer Beziehung verändert, die für beide Partnerinnen auf einem so sicheren Fundament ruhte.

13.02.13 21:00

PRINCE AVALANCHE von David Gordon Green

Alvin (Paul Rudd) hat einen etwas seltsamen Sommerjob angenommen. Er lässt Frau und Tochter zurück und arbeitet als Straßenarbeiter auf einem ländlichen Highway irgendwo in den Wäldern, die Monate zuvor von Bränden verwüstet wurden. Obwohl er die Einsamkeit sucht, ist er nicht allein: Als Hilfsarbeiter hat er Lance (Emile Hirsch) engagiert den jungen, einfältigen Bruder seiner Frau, der in der Einsamkeit des Waldes eigentlich immer nur an Frauen, genauer gesagt an Sex, denkt. Dieses ungleiche Paar verbringt die Sommerwochen damit, den Mittelstreifen neu zu zeichnen und Begrenzungspfeile einzuschlagen. Die Männer reden und streiten viel miteinander. Alvin fragt sich mehr als einmal, ob Lance nicht vielleicht doch geistig etwas zurückgeblieben ist. Dann stehen beide aus ganz unterschiedlichen Gründen plötzlich vor einer ernsten Lebenskrise.

PRINCE AVALANCHE ist ein skurriler kleiner Film, der vor allem von seinen beiden Hauptfiguren und ihrer kuriosen Arbeit lebt. Gelber Strich um gelber Strich kommen die beiden vorwärts, bei einer Aufgabe die endlos scheint. Das hat etwas Meditatives und gibt in der gar nicht so wilden Natur Zeit für Gespräche. Alvin ist dabei der Überlegene, er hat etwas Intellektuelles an sich und kennt sich dennoch ganz gut mit dem Angeln, Kochen und Zelten aus. Lance kann eigentlich nichts und ist ein eher widerwilliger Helfer. David Gordon Green inszeniert dazu Bilder, die einerseits schön anzusehen sind, denen aber andererseits immer auch die gewisse Verdrehtheit der Filmcharaktere anhaftet. So entsteht eine stimmige Atmosphäre für einen witzig und intelligent erzählten Film.

PRINCE AVALANCHE ist ein Wohlfühlfilm, der durchaus auch über größere Fragen im Leben philosophiert, über Beziehungsstress, ob man sich wirklich ändern kann, die Sehnsucht nach Einsamkeit oder Zweisamkeit usw. Das glückt vor allem, weil die Dynamik zwischen Alvin und Lance und die Chemie zwischen den Schauspielern Rudd und Hirsch stimmt. Trotzdem ist der Film ein weiteres Beispiel für eine etwas bizarre Festivalpolitik: Schließlich ist PRINCE AVALANCHE ein Remake des isländischen Films Á annan veg (Ein anderer Weg) von Hafsteinn Gunnar Sigurðsson. Dieses Original ist im September 2011 in die isländischen Kinos gekommen und 2011 und 2012 auf Festivals in Griechenland, Italien, Tschechien und Frankreich gelaufen. Dass sich jetzt das Remake um den Goldenen Bären bewerben darf, ist schon etwas seltsam. Vielleicht liegt es daran, dass eine der Produktionsfirmen „The Bear Media“ heißt.

SIDE EFFECTS von Steven Soderbergh

Es ist ein glücklicher Tag für Emily (Rooney Mara): Ihr Mann Martin (Channing Tatum) hat seine vierjährige Haftstrafe für Insidertrading abgesessen und kommt wieder nach Hause. Doch Emily ist von der Situation völlig überfordert. Sie hat auf einer Party einen Nervenzusammenbruch, gibt im Parkhaus plötzlich Vollgas und fährt ungebremst frontal gegen die Mauer. Als sie dann im letzten Moment in der U-Bahn daran gehindert wird, vor einen Zug zu springen, hilft ihr der smarte Psychiater Dr. Banks (Jude Law) mit einem neuen Antidepressivum. Doch die Nebenwirkungen sind heftig: Emily beginnt zu schlafwandeln. Wenig später ist ein Mensch tot und Emily, Dr. Banks und alle anderen werden in einen bizarren Mordfall hineingezogen.

Steven Soderberghs SIDE EFFECT ist ein perfekt gebauter und gefilmter Thriller, kein Zweifel. Die Wendungen im Plot sitzen, der letzte Twist ist außerordentlich, die Kamerafahrten sind beeindruckend, die Musik erzeugt immer die richtige Stimmung und die Schauspieler sind erste Klasse. Das ist einfach gute, intelligente Unterhaltung. Aber im Wettbewerb der Berlinale läuft der Film nur wegen seiner Starpower, die Berlinale nimmt hier also ihre Funktion als „Plattform Dienst der Filmindustrie“ (Zitat aus den Wettbewerbsrichtlinien) wahr. Ach halt! Vollständig muss es heißen: „Plattform im Dienst der Filmkunst und der Filmindustrie“. Kunst ist es im Fall von SIDE EFFECTS jedoch weniger, sondern erstklassiges Handwerk. Nochmal: Mit Soderberghs angeblich letztem Film kann man einen vergnüglichen Kinoabend verbringen – nichts dagegen einzuwenden. Aber muss man den Film einer internationalen Jury zeigen und ist er richtig in einer Konkurrenz um internationale Filmpreise?

12.02.13 21:00

ENDZEIT von Sebastian Fritzsch

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Dann ist das Unfassbare wirklich passiert: Ein Komet ist eingeschlagen. Als sie noch ein kleines Mädchen war. Sie hat überlebt, ihre Eltern nicht. Wenige haben überlebt. Jetzt ist das kleine Mädchen von einst eine junge Frau. Sie schlägt sich allein durch. Sie hat gelernt Fallen zu legen oder sich Vorräte aus leerstehenden Häusern zu besorgen. Sie folgt ihrem Instinkt. Andere Menschen sind für sie zunächst einmal genauso Gegner wie Wölfe. Dann trifft sie einen Mann. Sie muss entscheiden, ob er Freund ist oder Feind. ENDZEIT von Sebastian Fritzsch nach einem Drehbuch von Georg Tiefenbach erzählt eine Geschichte nach der Apokalypse.

In der Post-Apokalypse von ENDZEIT sind die Menschen in vielerlei Hinsicht in eine Art Naturzustand zurückgefallen: Sie haben keine Namen, sie misstrauen einander, sie kooperieren nur dann, wenn es ihnen nützt. ENDZEIT ist eine Art soziales Experiment: Fünf Menschen sind es irgendwann, die vom Schutz und von den Vorräten eines einsamen Gehöfts mitten in den Bergen profitieren wollen. Ob sie das schaffen oder nicht, ob sie zusammenbleiben oder doch nach einer unbekannten Stadt jenseits des Gebirgskamms suchen, die vielleicht nur ein imaginärer Sehnsuchtsort ist? Von diesen Fragen handelt der Film, dem es gut gelingt die paranoide Endzeitstimmung zu kreieren, die schon soviele Vertreter dieses Genres ausgezeichnet hat. Endzeit ist ein schauspielerisch und handwerklich überzeugender Film, der aber dem Thema keine neuen Seiten abgewinnt.

METAMORPHOSEN von Sebastian Mez

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Am 29. September 1957 explodierte in der damals sowjetischen, heute russischen Nuklearfabrik Majak, in der waffenfähiges Plutonium angereichert wurde, ein großer Tank mit stark radioaktiver Flüssigkeit. Mehr als 50 Jahre später geht Sebastian Mez mit Kamera und Mikrofon im nahe gelegenen Dorf Musljumowo auf Spurensuche. In ruhigen Einstellungen filmt er die karge Winterlandschaft und lässt die Menschen reden, die dort leben – Dorfbewohner, keine Funktionäre, keine Politiker. Die Alten erinnern sich immer noch gut an den Unglückstag und seine schrecklichen Folgen. Auch die jüngeren wissen, dass sie den Auswirkungen des Unglücks selbst Jahrzehnte später nicht entkommen können. METAMORPHOSEN beweist, dass beim Film gerade die Konzentration auf wesentliche filmische Mittel eine hohe ästhetische Wirkung erzeugen kann. Eine noch größere Leistung des Filmemachers ist es, seinen Dokumentarfilm nicht zur Faktenschlacht zu machen. So informiert er eindringlich über die Konsequenzen des Unglücks, ohne den Zuschauern mit Daten oder technischen Details zu überhäufen. METAMORPHOSEN ist der mit Abstand beste Film der Perspektive 2013. Ohne jeden Zweifel wäre das Forum die angemessene Sektion für diesen Film gewesen. Auch hier wäre er positiv aufgefallen.

METAMORPHOSEN ist deshalb so eindringlich, weil Mez – Regisseur, Kameramann und Produzent in Personalunion – bei seiner Herangehensweise die richtigen Entscheidungen trifft: Er kommt den Menschen nah ohne aufdringlich zu sein. Er unterbricht sie nicht, sondern lässt sie in ihren Worten erzählen. Er macht ausdrucksstarke Bilder von Gesichtern, einfachen Häusern und einer schroffen und irgendwie doch idyllischen Winterlandschaft. Die Menschen erzählen von der „dreckigen Wolke und den zerbrochenen Fenstern“ am Unglückstag. Davon, dass sie schon fünf Tage nach dem Unglück wieder auf den Feldern arbeiteten und von Krankheit und Tod in den Jahren danach. Im Jahr 2006 hätten Japaner in Schutzanzügen im Dorf und am nahe gelegenen Fluss Tetscha Messungen durchgeführt und dann gesagt: „Ich müsst keine Angst mehr vor dem Atomkrieg haben. Die Menschen in Hiroshima haben weniger abbekommen als ihr.“ Ein Dorfbewohner erzählt, dass die Frauen aus Musljumowo noch heute Probleme haben, wenn sie sich in einen Mann aus einem anderen Dorf verlieben. Wenn sie sagten, wo sie herkommen, seien damit viele Beziehungen beendet.

Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen kümmern sich die Menschen um ihr Dorf. Die Förster füttern im Winter zu und kümmern sich so um den Wildbestand und achten darauf, dass niemand widerrechtlich Bäume fällt. Manchmal drücken Sie ein Auge zu. Und die Kinder im Dorfkindergarten singen das Lied von der Wunderinsel Chunga Changa. Es geht ungefähr so:

„Chunga Changa – blauer Himmel – hier ist das ganze Jahr Sommer.
Hier ist das Leben einfach, wir kennen kein Leid.
In Chunga Changa gibt es Kokosnüsse und Bananen.

Die Menschen in Musljumowo sind viel zu realistisch, um auf ein Wunder zu warten. Wenn man den wie verrückt knatternden Geigerzähler gesehen hat, den Sebastian Mez in einer langen Einstellung filmt (das einzige Mal, dass Technik und Zahlen eine Rolle spielen), weiß man auch warum.

11.02.13 23:11

LAYLA FOURIE von Pia Marais

„Du sollst nicht Lügen“, so ermahnen Eltern ihre Kinder. Layla (Rayna Campbell) ist alleinerziehende Mutter, lebt mit ihrem Sohn in Johannesburg und bewirbt sich erfolgreich um einen neuen Job: Sie wird für eine Firma arbeiten, die Lügendetektortests durchführt. Das Aufspüren von Lügen wird in Zukunft also zu ihrer Profession. Doch bevor sie überhaupt bei ihrem ersten Mandantenangekommen ist, verschuldet sie bei einem Unfall den Tod eines Mannes und steht nun selbst vor der Entscheidung: Sage ich die Wahrheit oder verschweige sie? Pia Marais inszeniert ihr Drama um Aufrichtigkeit und Lüge und die Folgen von moralischem oder unmoralischem Handeln als klassischen Thriller.

Für Layla Fourie ist der Aufstieg von der Barbedienung zur gut bezahlten Fachkraft in der Polygraphdetektei die große Chance. Deswegen lässt sie sich auch nicht davon entmutigen, dass ihr Ex-Mann den achtjährigen Kane nicht aufnehmen will, als sie ganz kurzfristig den ersten Kunden übernehmen muss. Sie nimmt den Jungen einfach mit in das einige Fahrstunden entfernten Luxus-Casino. Dann gibt ihr das Schicksal eine ganz miese Karte. Das Drehbuch entwickelt aus dem Dilemma, das daraus entsteht, einen Plot, der die Optionen von Layla immer weiter einschränkt. Der Druck erhöht sich, die Notwendigkeit zu schweigen wird immer existentieller und in dieses ganze Lügengeflecht ist auch der kleine Kane verstrickt.

Layla ist fest entschlossen, sich von dem tödlichen Unfall nicht aus der Bahn werfen zu lassen. Sie will ihren Auftrag, Stellenbewerber für das Spielcasino mit dem Lügendetektor zu testen, ausführen – koste es, was es wolle. Dabei lernt Sie auch den Bewerber Pienaar (August Diehl) näher kennen. Sie ahnt aber nicht, wie eng dieser mit dem Unfall verbunden ist.

Mit seiner durchaus spannend inszenierten aber an einigen Stellen zu konstruierten Handlung macht der Thriller von Pia Marais eher eine Volte zu viel als zu wenig. Was aber ungeheuer überzeugend gelingt ist die Einbettung des Films in die gesellschaftliche Situation im heutigen Südafrika. Denn die Wurzel des Unglücks, das Laylas Leben zu zerstören droht, liegt in der Angst und dem Misstrauen, das unterschwellig alle Beziehungen der Menschen belastet. Die Bedrohung ist immer spürbar: Menschen schützen ihre Häuser mit Gittern. Egal wo Layla sich bewegt, sie macht sich immer Sorgen um ihre Sicherheit und die ihres Sohnes. Diese Verunsicherung, ja fast Paranoia, einer ganzen Gesellschaft, macht der Film mit seiner dichten Atmosphäre spürbar. Es beginnt mit dem Misstrauen zwischen schwarzen und weißen Südafrikanern: Layla ist schwarz Pienaar weiß, allein das scheint ihre Beziehung zu belasten. Diese gesellschaftliche Ebene macht LAYLA FOURIE besonders. Der Film macht so deutlich: Die Frage nach Wahrhaftigkeit und Verantwortung stellt sich nicht nur dem Einzelnen in der Extremsituation eines Unglücks, sondern auch für eine Gesellschaft als Ganzes, in der Menschen sicher und ohne krankhaften Argwohn leben wollen.

DeAD von Sven Halfar

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Patrick hat seinen „Erzeuger“ nie kennengelernt, weil der sich schon vor der Geburt aus dem Staub gemacht hat. Als er Ende 20 ist, bringt sich seine Mutter um. Patrick selbst entdeckt sie. Sie hat sich erhängt. Nach der Beerdigung findet er Informationen über seinen Vater und macht sich gemeinsam mit seinem Kumpel Elmer auf die Suche. DeAD klingt wie ganz schwere Kost, Familientragödie eben. Allerdings sind die beiden mit einem amerikanischen Oldtimercabrio unterwegs und haben einen Hang zu rabulistischem Irrsinn und narzisstischen Rachegelüsten. So wird aus der Aufarbeitung des gestörten Vater-Sohn-Verhältnis eine schwarze Komödie mit einem guten Schuss detailverliebter Perversität
.
In ihren besten Momenten ist der Film von Sven Halfar eine wahnwitzige Mischung aus FUNNY GAMES, DAS FEST und von Tarrantino infizierter Freude an stilisierter Gewalt. Das düstere Duo sucht den runden Geburtstag des Vaters mit einer ganz eigenen Art von sadistischem Charme heim. Schicht für Schicht legen sie die Schwachstellen der feiernden Familie bloß und lassen nach und nach die Gewalt mit mordlüsterner Höflichkeit eskalieren. Das Filmteam und die Darsteller kreieren mit Lust am Wahnwitz und in übersteigerter B-Movie-Ästhetik einige grandiose Szenen. Letztlich gelingt der Film nicht in allen Passagen, weil nicht alle Figuren überzeugen. Aber trotzdem lohnt das Gucken für den, der Spaß am Makaberen, an der Übertreibung und am Geschmacklosen hat.

10.02.13 17:34

GLORIA von Sebastián Lelio

Gloria ist älter als 50. In der Auftaktszene ist alleine in einem Tanzlokal und macht einen etwas schüchternen Eindruck. Wenn sie jemanden anspricht, erzählt sie sofort von ihrer schon lange zurückliegenden Scheidung. Zack! Schon habe ich als erfahrener Kinogänger Gloria in eine Schublade gepackt: Gloria ist eine einsame, frustrierte Frau, die verunsichert ist und nach Sinn im Leben sucht. Nun, meine Beschränktheit und meine Vorurteile sind mein ganz persönliches Problem, darüber hinaus habe ich Glück: GLORIA von Sebastián Lelio ist kein deutscher Film mit den üblichen Problemhorizonten, sondern ein chilenischer Film. So entsteht eine lebendige, nuancierte Geschichte, die konsequent aus der Perspektive der Protagonistin erzählt wird. Hauptdarstellerin Paulina Garcia gibt Gloria soviel Emotion und Echtheit, dass schon nach einer Viertelstunde klar wird: GLORIA ist auch ein Glücksfall für diese Berlinale.

Gloria hat ihr Leben im Griff und auch, was Männer betrifft, ergreift sie auf den Tanzpartys, die sie regelmäßig besucht die Initiative. Doch, wie es im Leben eben so ist: Was andere Menschen tun oder lassen, hat einen großen Einfluss. In Glorias Fall sind das ihre beiden erwachsenen Kinder oder auch der Nachbar, der über ihr wohnt und sie mit seinen lauten depressiven Anfällen nervt. Gloria bietet dann ihre Unterstützung an, besucht den Sohn, der offensichtlich Beziehungsprobleme hat und ruft die Mutter des kriselnden Nachbarn an. Aus einer von Glorias Tanzbekanntschaften wird eine Beziehung: Rodolfo ist ebenfalls geschieden, sehr liebevoll, aber kann sich offensichtlich nur schwer von seiner Ex-Frau lösen. Das wiederum liegt vor allem daran, dass er seine geschiedene Frau und die beiden erwachsenen Töchter geradezu zwanghaft finanziell abhängig gemacht hat.

Eine der großen Stärken des Films ist es, sich konsequent jeglicher Kategorisierung zu entziehen: Ist es eine Tragödie, eine Komödie oder ein Beziehungsfilm (einen Begriff, den es übrigens nur im Deutschen gibt)? Meine Antwort: Er ist oft lustig, in vielen Momentan aber auch traurig. Die Hauptfiguren tun Dinge, die sie manchmal selbst nicht verstehen, weil sie eben so sind, wie sie sind. Und manchmal geschieht Unvorhergesehenes, was die Dinge zusätzlich verkompliziert. Kurz gesagt: ein Film, der Leben auf die Leinwand bringt. Genießen wir es, sowas kommt im Berlinale-Wettbewerb selten genug vor – ein Bärenfavorit!

A SINGLE SHOT von David M. Rosenthal

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In A SINGLE SHOT wird weit mehr als ein einziger Schuss abgefeuert. Doch es ist dieser eine Schuss gleich zu Beginn des Films, der John Moon einerseits in einen Strudel der Schuldgefühle hinabreißt, ihm aber andererseits die große Chance auf einen Ausweg aus seinem verunglückten Leben eröffnet. Denn in den Bergen irgendwo in den USA ist John der größte Loser in einem gottverlassenen Kaff, das eigentlich nur Verlierer kennt. Sein Vater hat vor Jahren die Familienfarm verloren, John wird einen Job nach dem anderen los und nun ist seine Frau mit dem gemeinsamen Sohn aus dem verrotteten Trailer am Waldrand ausgezogen und will die Scheidung. A SINGLE SHOT ist ein klassischer Thriller mit einer ganz besonders dunklen Geschichte um Schicksal, Schuld und eskalierende Gewalt.

Johns Schuss löscht ein Leben aus, aber das Schicksal gibt ihm gleichzeitig einen Riesenbatzen Geld in die Hand. Genau aus diesem vergifteten Geschenk entwickelt die Geschichte ihre Dynamik. Es entsteht ein Hin und Her von Bedrohung und aufflackernder Hoffnung, die John Moon zu immer verzweifelten Taten treibt, um seine Familie zu retten. Der Film wird zu einer Mörderballade, in der die Grenzen zwischen Realität, Alptraum und Wahnsinn verwischen. Die tragenden Rollen teilen sich hervorragende Schauspieler: Sam Rockwell ist John Moon und in weiteren wichtigen Rollen sind Jeffrey Wright, William H. Macy und Kelly Reilly zu sehen.

A SINGLE SHOT ist noch düsterer ist als das finstere Gebirgsdorf in dem er spielt. Aus seinem eigenen Roman hat Matthew F. Jones ein Drehbuch entwickelt, das seinen Plot so stringent vorantreibt, dass aus jeder Entscheidung einer Figur, eine neue Eskalationsoption entsteht. Gleichzeitig entsteht eine blutige Moralgeschichte: Wer hat in dem Netz aus Verbrechen, Gewalt, Gier und Hoffnung die größere Schuld auf sich geladen und was ist der Weg, um diese Schuld zu begleichen?

09.02.13 17:00

ASSISTANCE MORTELLE (Fatal Assistence) von Raoul Peck

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Viele Leute reden mit, wenn es um Hilfe für Haiti geht. Bild: Velvet Flim.

Am 12. Januar 2010 bebte in Haiti die Erde. Etwa 250.000 Menschen starben, rund 1,2 Millionen Menschen verloren Ihr Zuhause und wurden obdachlos - das alles bei einer Gesamtbevölkerung von knapp zehn Millionen. Ausnahmsweise einmal war Hilfe nicht weit: Die weltweite Spendenbereitschaft von Menschen, Unternehmen und Institutionen war immens, die großen internationalen Hilfsorganisationen waren schnell vor Ort, um Soforthilfe zu leisten. Unter dem Motto „Towards a New Future for Haiti“ trafen sich am 31. März 2010 über 150 Staaten und zahlreiche internationale Organisationen im UN-Hauptquartier in New York zu einer Geberkonferenz. Die Teilnehmer machten Spendenzusagen von mehr mehr als neun Millarden US-Dollar, davon mehr als fünf Milliarden allein für die Jahre 2010 und 2011. Zur Koordinierung wurde die Haiti Recovery Commission (IHRC) ins Leben gerufen. „We look forward with hope to a future for Haiti in which the damage from the earthquake has been mended … and all the women and men of Haiti enjoy opportunity, security, prosperity, and peace.”, heißt es stolz im letzten Absatz des offiziellen Communiqués. Von den vielen guten Absichten, den geplatzten Pläne, dem Idealismus, dem Unvermögen, dem unermüdlichen Einsatz und vor allem von der wütenden Enttäuschung über den schieren organisatorischen Wahnsinn erzählt Raoul Pecks ASSISTANCE MORTELLE (FATAL ASSISTENCE).

Im Rückblick ist das Scheitern immer einfach zu erklären: Die Aktivitäten von hunderten von NGOs, dutzenden internationalen Organisationen, UN-Organisationen und den zahlreichen so unterschiedlich mächtigen Staaten mit ihren Einzelinteressen koordinieren? – Natürlich unmöglich! Milliarden von Dollar in kürzester Zeit in ein Land mit schwachen oder nichtexistenten Institutionen pumpen? – Das kann nicht funktionieren!

Dieses und Ähnliches sagen Fatalisten oder Spötter, aber das ist nicht das, was Raoul Peck mit seinem Film sagen will. Der gebürtige Haitianer zeigt vielmehr wie einfach folgenreiche Fehler, die bereits ganz am Anfang gemacht wurden, hätten vermieden werden können. Ein Beispiel: Alle Experten waren sich einig, dass die wichtigste Aufgabe neben der reinen Soforthilfe, die Beseitigung von Gebäudeteilen, Bauschutt, Müll usw. war. Das leuchtet jedem ein, der die Bilder der Zerstörung nach dem Erdbeben sieht. Für diese Aufräumarbeiten veranschlagten die Spezialisten etwa eine Milliarde Euro. Alle Spender zusammen stellten für diese Aufgabe aber nur 80 Millionen, also acht Prozent der benötigten Summe zur Verfügung. Warum? Weil alle, einschließlich der NGOs lieber in den Wiederaufbau – Gebäude, Infrastruktur etc. Investieren wollten. Ergebnis war, dass finanziell, technisch und personell völlig unzureichend ausgestattete haitianische Aufräumteams sich redlich mühten, während die verschiedensten internationalen Akteure munter planten, ein temporäres Flüchtlingscamp nach dem anderen aufbauten, diese wieder schlossen, Menschem umsiedelten – die Liste hektischer Aktivitäten von internationaler Seite lässt sich beliebig fortsetzen.

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Der UN-Sonderbeauftragte für Haiti un der damalige Premierminister Haitis Jean-Max Bellerive, Amtszeit Nov 2009 - Mai 2011 Bild: Velvet Film.

Der Film zeigt viele Gespräche, nicht nur Interviews mit Experten, NGO-Vertretern und Politikern, sondern auch Diskussionen zwischen ihnen. Dabei wird eines deutlich: Die Haitianer, die von der Hilfe profitieren sollten und sollen, hat niemand gefragt und auch heute will man ihre Meinung eigentlich nicht hören. Das Entsetzen ist allerdings groß, wenn die Menschen sich selbst helfen und sich mit dem bisschen, was ihnen zur Verfügung steht, ein eigenes provisorisches Zuhause schaffen. Dann sprechen die Offiziellen von Slums und illegalen Siedlern. Deren neue Behausungen sind ärmlich aber immer noch besser als die Holzhütten ohne Wasser, Abwasser oder Elektrizität, die die NGOs an einem Hügel auf Schottergelände, elf Meilen außerhalb der Stadt aufbauen.

ASSISTANCE MORTELLE ist ebenso spannend wie frustrierend. Auch wenn von den 9,5 Milliarden zugesagten US-Dollars erst sechs Milliarden ausgezahlt sind und davon rund eine Millarde in Projekte fließt, die es schon vor dem Erdbeben gab, muss mit den restlichen fünf Milliarden mehr zu erreichen sein. Allerdings sind von diesem Geld nur etwa ein Prozent direkt an haitianische Institutionen geflossen. Das sind 50 Millionen. Könnte es sein, dass es unmöglich ist jemand zu helfen, der nicht selbst über die Art und Weise der Hilfe zumindest mitentscheiden kann? Die amerikanische Koordinatorin für Housing Projects sagt selbst frustriert, dass weder Staaten, internationale Institutionen noch NGOs bereit seien, Gelder direkt an haitianische Bürger zu vergeben. Das sei eines der Hauptprobleme.

Hat da jemand Korruption gerufen, die sei doch in Haiti virulent? Zwei Informationen dazu: Mindestens 20 und bis zu 60 Prozent der gespendeten Mittel fließen wieder in die Geberländer zurück und haitianischen Regierungsinstitutionen ist es nicht möglich, detaillierte Auskünfte der Geber über die Verwendung und die Zu- und Abflüsse von Spendengeldern zu bekommen. Stattdessen streiten internationale uns haitianische Politiker, Beamte und NGO-Vertreter auf allen Ebenen miteinander. Der Film von Raoul Peck ist ideales Anschauungsmaterial für Mitarbeiter von NGOs, internationalen Organisationen und Entwicklungshilfeministerien werden. Die Frage ist, ob sie ihn sehen wollen.

08.02.13 21:00

FREIER FALL von Stephan Lacant

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Marc und Kay kurz bevor der freie Fall beginnt. Bild: Sten Mende, kurhaus production

Bereitschaftspolizist, also Beamter, verheiratet – Kind ist unterwegs – und der Einzug in die Doppelhaushälfte in unmittelbarer Nähe der Schwiegereltern und von Schwägerin und Schwager läuft gerade. Wie es für Marc bis zur Pensionierung weitergeht, steht fest. Noch vorgezeichneter kann ein Lebensweg gar nicht sein. Doch dann lernt Marc auf einem Polizeilehrgang Kay kennen und schnell kippt dieses Leben ins Ungewisse.

Der Regisseur Stephan Lacant, das Drehbuch hat er gemeinsam mit Karsten Dahlem geschrieben, ist mit FREIER FALL kein geringes Risiko eingegangen. Die Geschichte stellt ihre Hauptfigur Marc fast vom ersten Moment an in eine sich immer stärke zuspitzende emotionale Extremsituation. Filme die so angelegt sind, können furchtbar nerven, wenn sie überzogen sind oder unfassbar langweilen, wenn sie inkonsequent werden. Das ist bei FREIER FALL nicht so. Lacant lässt die der Macho-Welt der Bereitschaftspolizisten mit Wucht auf die Dreieckskonstellation treffen, in der Marc sich plötzlich zwischen seiner Frau und seinem Kollegen Kay befindet. Der Aufprall ist hart.

Seine Spannung und Glaubwürdigkeit zieht der Film aus der kompromisslosen schauspielerischen Leistung von Hanno Koffler (Marc) Max Riemelt (Kay) und Katharina Schüttler als Marcs Ehefrau Bettina. Da wird nicht über Beziehung verhandelt, da brechen sich Verlangen, Verwirrung, Wut und Enttäuschung Bahn. So wird deutlich, dass Marc in einer existenziellen Krise steckt. Alles steht auf dem Prüfstand: Seine Ziele, seine Wünsche und vor allem sein Selbstbild. Das Schauspielertrio, das die Geschichte trägt, tröstet auch über ein paar kleine Klischees hinweg, die sich der Film leistet. FREIER FALL unterscheidet sich deutlich vom deutschen Durchschnittsfilm, weil seine Story eben nicht nach dem für jedes Drama obligatorischen Konflikt in einer gefälligen Weiterführung des Plots und einer erwartbaren Konfliktlösung mündet. Stephan Lacant und Karsten Dahlem wünsche ich zwei Dinge: Erstens, dass der Film einen möglichst breiten Kinostart bekommt und zweitens, dass die SWR-Reihe „Debüt im Dritten“, die mitproduziert hat, FREIER FALL auch einen vernünftigen Sendeplatz einräumt.

06.02.13 9:00

Das Highlight in der Perspektive: METAMORPHOSEN

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Musljumowo mehr als 50 Jahre nach der Katastrophe, Quelle: Berlinale.

Der herausragende Film der diesjährigen Perspektive Deutsches Kino ist ein Dokumentarfilm: METAMORPHOSEN von Sebastian Mez. Mez konfrontiert den Zuschauer mit den Folgen eines Ereignisses, das schon mehr als ein halbes Jahrhundert zurückliegt: Die Explosion in der damals sowjetischen, heute russischen Nuklearfabrik Majak. Am 29. September 1957 explodierte in der Anlage, in der waffenfähiges Plutonium angereichert wurde, ein großer Tank mit stark radioaktiver Flüssigkeit. METAMORPHOSEN beschäftigt sich nicht mit Technik, versucht keine komplizierten Erklärungen. Mez filmt mit großer Ruhe und langen Einstellungen im nahen Dorf Musljumowo. Und er lässt Menschen sprechen. Mit diesem einfachen Rezept gelingt eine inhaltlich und ästhetisch sehr beeindruckende Dokumentation. Weil solche Filme bei der Berlinale viel zu oft übersehen werden, hier gleich die Aufführungsdaten: Der Film hat seine Premiere am Montag, 11. Februar, um 19.30 Uhr im Cinemaxx 3 und wird am Dienstag, 12. Februar, zweimal gezeigt - um 13 Uhr im Colosseum und um 20.30 Uhr im Cinemaxx 1.

METAMORPHOSEN sticht aus einem guten Perspektive-Jahrgang mit vielen handwerklich ansprechenden und thematisch interessanten Filmen hervor. Nur zwei Filme, die eher im essayistisch-experimientellen Bereich angesiedelt sind, fallen stark ab. Ein besonderer Tipp bei den Spielfilmen ist FREIER FALL von Stephan Lacant mit Hanno Koffler, Max Riemelt und Katharina Schüttler in den Hauptrollen. FREIER FALL erzählt eine spannende Beziehungs-Geschichte zweier Polizisten und einer Frau. Ebenfalls überzeugend ist bei den Spielfilmen ENDZEIT von Sebastian Fritzsch. Der Titel gibt hier das Thema vor: Es geht um das Überleben nach der großen Katastrophe. Wer es gerne bizarr mag und mit den Filmen von Quentin Tarrantino etwas anfangen kann, sollte es mit DeAD von Sven Halfar versuchen. Mich hat der Film nicht vollkommen überzeugt, aber er hat viele gute Einfälle und eine ganze Reihe von überraschenden Szenen für die Freundinnen und Freunde brutal-heiterer Geschmacklosigkeiten.

Zwei weitere Filme der Perspektive sind Beispiele für gelungene Dokumentationen: EINZELKÄMPFER von Sandra Kaudelka ist ein Portrait von Spitzensportlern der damaligen DDR. Die Turmspringerin Brita Baldus und die Leichtathleten Udo Beyer, Ines Geipel und Marita Koch bieten sehr unterschiedliche Perspektiven auf den DDR-Leistungssport. Eine sportliche Leistung ganz anderer Art ist der Bauchtanz. Carolin Genreith setzt in DIE MIT DEM BAUCH TANZEN die Bauchtanzgruppe ihrer Mutter ins Bild. Was dabei herauskommt, ist oft überraschend und – ich gebe zu, ich hatte Befürchtungen – nicht peinlich.

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ZWEI MÜTTER ein Kinderwunsch, Quelle: Berlinale.

Einen Mittelweg zwischen Dokumentation und Fiktion gehen die beiden Filme ZWEI MÜTTER von Anne Zohra Berrached und SILVI von Nico Sommer. Besonders gut gelingt das bei ZWEI MÜTTER, die Geschichte über ein lesbisches Paar, das schwanger werden möchte. Die Regisseurin entwickelt ihre Geschichte mit nur zwei Schauspielerinnen: Karina Plachetka und Sabine Wolf. Alle anderen, die Apothekerin, der Anwalt, der Arzt usw. spielen sich selbst. Heraus kommt ein Film, der zeigt, wie kompliziert es sein kann, wenn zwei Frauen sich ein Kind wünschen – und das liegt nicht nur an den in Deutschland, wie könnte es auch anders sein, absurden Vorschriften. SILVI ist ein Spielfilm, der auf realen Erfahrungen beruht. Im Mittelpunkt steht eine Frau, die unverhofft und ungewünscht wieder Single wird.

Seit 2006 habe ich jetzt so ziemlich jeden Film gesehen, der in der Perspektive Deutsches Kino lief. Das Jahr 2013 ist ein erfreuliches. Es zeigt auch, dass die so oft gescholtenen TV-Koproduktionen oder von Filmstiftungen geförderten Projekte keineswegs in der Mehrheit stromlinienförmig sind. Die Absolventinnen und Absolventen der Deutschen Filmhochschulen trauen sich was – nicht immer, aber offensichtlich immer öfter.

Ausführliche Besprechungen der einzelnen Filme sind vor der Premiere nicht möglich und folgen im Laufe der Berlinale.

02.02.13 9:00

Berlinale Classics zeigt Meisterwerke in restaurierten Fassungen

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Marlon Brando in ON THE WATERFRONT, Bild: Deutsche Kinemathek, Sony Pictures/Park Circus.

Berlinale Classics heißt eine neue Untersektion der Retrospektive, in der die Berlinale in Zukunft wiederentdeckte und aufwendig restaurierte Fassungen von Filmklassiker zeigen wird. In diesem Jahr werden fünf Filme gezeigt. Unter den fünf Kinodiamanten funkelt ON THE WATERFRONT (Die Faust im Nacken) von Elia Kazan ganz besonders. Die amerikanische Produktion von 1954 wurde mit acht Oscars ausgezeichnet: unter anderem als Bester Film, Marlon Brando als Bester Hauptdarsteller, Kazan für die Beste Regie und Budd Schulberg für das Beste Drehbuch. Die Story um Terry Malloy und den Kampf gegen korrupte Gewerkschaftsbosse erlebt als Welterstaufführung ihre Leinwandpremiere in der digital restaurierten Fassung im 4k-Format.

Dass man vor fast 60 Jahren auch echte Meisterwerke in 3-D drehen konnte, bewies Alfred Hitchcock. Er drehte sein legendäres Kriminal- und Ehedrama DIAL M FOR MURDER (Bei Anruf Mord, USA 1954) unter Verwendung des Polarisationsverfahrens „Natural Vision 3-D“. Im Rahmen der Berlinale Classics ist die europäische Erstaufführung der digitalen 3-D-Projektion zu sehen.

Die Berlinale Classics bieten auch den Rahmen für die internationale Erstaufführung der digital restaurierten Fassung von TŌKYŌ MONOGATARI (Die Reise nach Tokio, Japan 1953) von Yasujirō Ozu.

Ein weiteres Highlight ist DER STUDENT VON PRAG (Deutschland 1913). Das Werk von Regisseur Hanns Heinz Ewers begründete den Weltruf des deutschen Stummfilms. Für die digitale Rekonstruktion des Filmmuseums München konnten erstmals alle bekannten existierenden Filmmaterialien und Schriftdokumente herangezogen werden.

CABARET (USA 1972) in der Regie von Bob Fosse prägte für lange Zeit die filmische Darstellung des verruchten und dekadenten Berlins der 1930er Jahre. Associate Producer war Harold Nebenzal, geboren 1922 in Berlin, der in dritter Generation als Produzent reüssierte. Sein Vater Seymour Nebenzal, mit dem er 1933 in die USA emigrierte, und sein Großvater Heinrich Nebenzahl brachten als Produzenten einige der bedeutendsten Filme der Weimarer Republik hervor. Als Gast des Festivals wird Harold Nebenzal Cabaret sowie zwei Retrospektive-Filme präsentieren.

Das Programm der Berlinale Classics 2013 mit den Vorführungszeiten:
Cabaret
von Bob Fosse, USA 1972
Sa, 9.2., 11:00 Uhr Kino International, präsentiert von Harold Nebenzal

Dial M for Murder (Bei Anruf Mord)
von Alfred Hitchcock, USA 1954
Di, 12.2., 18:00 Uhr und Sa, 16.2. 22:00 Uhr Haus der Berliner Festspiele, europäische Erstaufführung der digitalen 3-D-Projektion

On the Waterfront (Die Faust im Nacken)
von Elia Kazan, USA 1954
Mi, 13.2., 19:00 Uhr Cinestar Event Cinema,
Welterstaufführung der restaurierten Fassung von 2013 (4K)

Der Student von Prag
von Hanns Heinz Ewers, Deutschland 1913
Eine Koproduktion von Filmmuseum München, Orchester Jakobsplatz München und ZDF in Zusammenarbeit mit Arte. In Kooperation mit der Deutschen Kinemathek, den Internationalen Filmfestspielen Berlin und der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin.
Fr, 15.2., 20:00 Uhr Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Welterstaufführung der digital rekonstruierten Fassung

Tōkyō Monogatari (Reise nach Tokio)
von Yasujirō Ozu, Japan 1953
Do, 14.2., 15:00 Uhr CinemaxX 6 am Potsdamer Platz,
internationale Erstaufführung der digital restaurierten Fassung

31.01.13 9:00

Filmgespräche bei der Berlinale Special

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Wenn Entwicklungshilfe tötet: Assistance Mortelle von Raoul Peck, Bild: Velvet Film)

Auch 2013 wird es zu einigen Filmen des Berlinale Special nach den Vorstellungen moderierte Gespräche geben. Veranstaltungsort für dieses Format ist erneut das Haus der Berliner Festspiele, namhafte Regisseure werden hier ihre jüngsten Filme vorstellen und diskutieren. Ken Loach wirft in THE SPIRIT OF '45 einen Blick auf das Großbritannien der Nachkriegszeit und spürt dem damaligen neuen Geist des Sozialismus nach.

Auch Dokumentationen nehmen bei den Filmgesprächen einen breiten Raum ein. Raoul Peck dokumentiert in ASSISTANCE MORTELLE die Auswirkungen des Charity-Rummels nach den Erdbeben auf Haiti. Zwei Dokumentarfilme über die Paralympics zeigen die Wertschätzung des Unterschieds: GOLD - DU KANNST MEHR ALS DU DENKST von Michael Hammon und MEIN WEG NACH OLYMPIA von Niko von Glasow. Außerdem thematisiert UNTER MENSCHEN von Christian Rost und Claus Strigel die Folgen von Tierversuchen

Mit Jane Campions Mehrteiler TOP OF THE LAKE präsentiert das Berlinale Special 2013darüber hinaus wie bereits gemeldet eine außergewöhnliche TV-Produktion.

Das Programm der Berlinale Special im Haus der Berliner Festspiele

Assistance Mortelle (Fatal Assistance) - Dokumentarfilm
Frankreich/Haiti/USA/Belgien
Von Raoul Peck

Gold – Du kannst mehr als Du denkst (Gold – You Can Do More Than You Think) - Dokumentarfilm
Deutschland
Von Michael Hammon

Mein Weg nach Olympia (My Way to Olympia) - Dokumentarfilm
Deutschland
Von Niko von Glasow

Top of the Lake
Australien/Neuseeland
Von Jane Campion
TV-Serie
Mit Elisabeth Moss, David Wenham, Peter Mullan, Holly Hunter

The Spirit of ’45 - Dokumentarfilm
Großbritannien
Von Ken Loach

Unter Menschen (Redemption Impossible) - Dokumentarfilm
Deutschland
Von Christian Rost, Claus Strigel

29.01.13 10:08

Gar nicht mal so interessant: Die Berlinale-Pressekonferenz

„Das ist wie beim 22. Parteitag der KPdSU, hier oben sitzen immer dieselben“, sagte Berlinale-Direktor Dieter Kosslick zur Eröffnung der Berlinale Pressekonferenz. Vermutlich war der 22. Parteitag der KPdSU am 17. Oktober 1961 sogar etwas interessanter als diese Berlinale-Pressekonferenz, schließlich hatte die DDR gut zwei Monate zuvor mit dem Bau der Berliner Mauer begonnen und die Welt war knapp an einem heißen Krieg vorbeigeschrammt. Immerhin hatte Kosslick genau eine interessante Nachricht zu verkünden: die Zusammensetzung der Jury. Die besteht ja zum Glück jedes Jahr aus anderen Gesichtern.

Die Sektionsleiter sagen dann das, was schon in den Pressemitteilungen stand, die in den vergangenen Wochen verschickt wurden, oder das, was in den Presseunterlagen steht, die ohnehin schon alle vor Langeweile beim Warten durchgeblättert haben. Halt! Eine Nachricht gab es noch: In der Berlinale-Pressestelle gibt es eine neue Mitarbeiterin, die Marlene Dietrich heißt. Über sowas lachen Journalistinnen und Journalisten gerne (sie haben's auch nicht leicht) und Marlene Dietrich wird von einem Dutzend Fotografen mit Dieter Kosslick fotografiert.

27.01.13 9:00

27 Filme im Rennen um den Preis Bester Erstlingsfilm

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Diesen Viewfinder erhält der Regisseur des besten Erstlingsfilms neben dem Preisgeld (Bild: Ali Ghandtschi, Berlinale)

Seit 2006 vergibt die Berlinale einen Preis für das beste Spielfilmdebüt. Die Auszeichnung ist mit 50.000 Euro dotiert und wird von der Gesellschaft zur Wahrnehmung von Film- und Fernsehrechten (GWFF) gestiftet. Das Geld teilen sich Regisseur und Produzent. Der Preis wird sektionsübergreifend an einen Debütfilm aus den Sektionen Wettbewerb, Panorama, Forum, Generation oder der Perspektive Deutsches Kino vergeben. In diesem Jahr bewerben sich insgesamt 27 Filme um die Auszeichnung, darunter auch der kasachisch-deutsche Wettbewerbsbeitrag UROKI GARMONII (Harmony lessons) von Emir Baigazin. Hinzu kommen acht Bewerber aus dem Forum, sieben aus der Reihe Generation, sechs aus dem Panorama und fünf Filme aus der Perspektive Deutsches Kino.

Über die Vergabe des Preises für den besten Erstlingsfilm entscheidet eine dreiköpfige Jury. Das sind in diesem Jahr der Drehbuchautor und Regisseur Oren Moverman, der auf der Berlinale 2009 für sein eigenes Regiedebüt THE MESSENGER den Silbernen Bären erhielt, der Regisseur Taika Waititi, Gewinner des Großen Preis des Deutschen Kinderhilfswerks bei der Berlinale 2010 für BOY und die Dokumentarfilmerin Lucy Walker. Sie gewann mit nur fünf Filmen mehr als 50 Preise und wurde sowohl für WASTE LAND als auch für THE TSUNAMI AND THE CHERRY BLOSSOM für den Oscar nominiert.

24.01.13 8:00

Panorama dokumente mit Schwerpunkt Naher Osten bei der Berlinale 2013

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(ALAM LAYSA LANA von Mahdi Feifel, Quelle: Berlinale)

Einen besonderen Schwerpunkt setzt Panorama dokumente in diesem Jahr auf den Nahen Osten. Drei Filme beschäftigen sich mit den Konflikten in dieser Region. In ALAM LAYSA LANA (A World Not Ours) von Mahdi Feifel beschäftigt sich der dänischen Regisseur mit drei Generationen in einem palästinensischen Flüchtlingslager im Süd-Libanon. ART/VIOLENCE von Udi Aloni, Batoul Taleb, Mariam Abu Khaled zeigt, wie die Schüler des 2011 ermordeten palästinensisch-jüdischen Schauspielers, Regisseurs und Friedensaktivisten Juliano Mer-Khamis das Freedom Theatre weiterführen. Schließlich dokumentiert Dan Settons STATE 194 die Bemühungen der palästinensischen Gebiete, als 194. Staat von den Vereinten Nationen anerkannt zu werden.

Eine ganz andere Seite der Region zeigt die Filmemacherin Mitra Farahani in FIFI AZ KHOSHHALI ZOOZE MIKESHAD (Fifi is Howling from Happiness) mit Ihrem Portrait des iranischen Künstlers Bahman Mohassess. Seine meist nackten Bronzefiguren mit deutlich betonten Phalli erregten schon zu Zeiten des Schahs Anstoß, und seine Werke wurden vielfach zensiert. Nach der Revolution verlor sich seine Spur, es hieß, er hätte seine restlichen Bilder selbst zerstört und sei verschwunden. Mitra Farahani findet Mohassess in einem Hotel bei Rom. Sie will Mohassess bei der bildnerischen Arbeit filmen und lernt zwei iranische Sammler kennen, die bei ihm ein neues Werk in Auftrag geben.

22.01.13 9:00

Neue Reihe mit indigenem Kino bei der Berlinale 2013

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(NGATI von Barry Barclay, Quelle: New Zealand Film Commission)

Eine neue Reihe startet die Berlinale 2013 unter dem Titel „NATIVe – A Journey into Indigenous Cinema“. Die Reihe widmet sich den filmischen Erzählungen indigener Völker und beginnt in ihrem ersten Jahr mit einem territorialen Fokus auf Filme aus Ozeanien, Australien, Nordamerika und der Arktis. Das Programm zeigt in 24 Kurz-, Spiel- und Dokumentarfilmen wegweisendes indigenes Kino der vergangenen 50 Jahre. Feierlich eröffnet wird die Sonderreihe mit dem preisgekrönten Spielfilm ATANARJUAT THE FAST RUNNER von Inuit-Regisseur Zacharias Kunuk am 8. Februar im Haus der Berliner Festspiele.
Das Projekt entstand mit großer Unterstützung eines internationalen, indigenen Beraterteams, das unter anderem das Filmprogramm mitkuratiert hat. Das gesamte Beraterteam kommt zu Berlinale nach Berlin.

ATANARJUAT THE FAST RUNNER von Zacharias Kunuk (Kanada, 2001)
Die Legende des Atanarjuat, der die Hand der schönen Atuat gewinnt. Er entkommt nackt mit einem Sprint über das ewige Eis dem Hinterhalt seines Rivalen und besiegt schließlich einen alten Schamanenfluch.

BENEATH CLOUDS von Ivan Sen (Australien, 2002)
Ein Roadmovie durch australische Weiten, zwei Außenseiter mit unterschiedlichen Zielen. Vaughn verachtet alle Weißen, Lena verschweigt ihre Aboriginal-Mutter. Als Notgemeinschaft sind die beiden sich näher, als sie ahnen.

BOY von Taika Waititi (Neuseeland, 2010)
Der Halbwaise Boy verehrt Michael Jackson und idealisiert seinen im Gefängnis sitzenden Vater. Als dieser entlassen wird, erhofft sich der Maori-Junge eine gemeinsame Zukunft und versucht einiges, um den coolen Mann zu beeindrucken.

THE EXILES von Kent Mackenzie (USA, 1961)
Junge Native Americans während einer Nacht in Los Angeles: Flirts, Schlägereien, Partys. Die dokumentarischen Schwarzweiß-Bilder porträtieren eine haltlose Generation und einen atmosphärisch intensiven Großstadtmoment.

NGATI von Barry Barclay (Neuseeland, 1987)
Im Neuseeland der 1940er Jahre kommt ein junger Arzt in ein Dorf, um die Maori zu belehren. Doch er erkennt, dass er es ist, der von Tradition und Zusammenhalt der Gemeinde lernen kann.

O LE TULAFALE (The Orator) von Tusi Tamasese (Samoa/Neuseeland, 2011)
Eine Familienfehde stört den Frieden im Dorf des kleinwüchsigen Saili. Um die Harmonie wieder herzustellen, bedient er sich der Tradition der Redekunst seiner samoanischen Vorfahren.

ON THE ICE von Andrew Okpeaha MacLean (USA, 2011)
In hellen Polarnächten gehen sie auf Hip-Hop-Partys und tagsüber auf Seehundjagd. Als es dabei zu einem tödlichen Zwischenfall kommt, spinnen Qalli und Aivaaq ein Netz aus Lügen und begeben sich buchstäblich auf dünnes Eis.

SAMSON & DELILAH von Warwick Thornton (Australien, 2009)
Zwei rebellische Jugendliche verlassen ihr Zuhause im Outback und machen sich auf den Weg in die Stadt. Hier werden sie sich ihres Außenseiterstatus umso mehr bewusst. Sie entwickeln eigenwillige Überlebensstrategien, eine zarte Liebe beginnt zu wachsen.

SAVING GRACE, TE WHAKARAUORA TANGATA von Merata Mita (Neuseeland, 2011 Dokumentarfilm)
Maori-Männer treten vor die Kamera und übernehmen Verantwortung für ihre Gewalttätigkeit..

SKINS von Chris Eyre (USA, 2002)
Alkoholismus, Gewalt und Arbeitslosigkeit bestimmen den Alltag im Reservat. Ruby arbeitet als tribal cop. Er will mehr als nur Symptome bekämpfen und tritt einen ungewöhnlichen Rachefeldzug im Na von Rolf de Heer – Australien 2006
Zehn Jäger, zwei Erzähler, drei Zeitebenen in einer Geschichte über Liebe, Verrat und Stammeskriege.

TRUDELL von Heather Rae (USA, 2005 Dokumentarfilm)
John Trudell ist ein lebenslanger Aktivist des American Indian Movement. Der Film folgt seinem Weg von der Kindheit in Nebraska über seinen politischen Kampf bis hin zu dessen Fortführung in seiner Arbeit als Dichter und Musiker.

Kurzfilme

THE BALLAD OF CROWFOOT von Willie Dunn (Kanada, 1968)
Die Ballade zu historischen Bildern erzählt vom Leben des legendären Chief Crowfoot und dem Schicksal der First Peoples in Kanada.

BASTION POINT DAY 507 von Merata Mita, Leon Narbey, Gerd Pohlmann (Neuseeland, 1980 Dokumentarfilm)
Ein Zeitdokument der Maori-Protestbewegung über den gewaltsamen Enteignungskonflikt des Küstengebiets Bastion Point im Jahr 1978.

CIRCLE OF THE SUN von Colin Low (Kanada, 1960 Dokumentarfilm)
In dem Dokumentarfilm wird zum ersten Mal die traditionelle Sonnenzeremonie des Kainai-Stammes festgehalten.

EBONY SOCIETY von Tammy Davis (Neuseeland, 2011)
Zwei Jugendliche auf Einbruchstour in der Weihnachtszeit. Doch was sie vorfinden, lässt sie ihre Beute vergessen.

GREEN BUSH von Warwick Thornton (Australien, 2005)
DJ Kenny moderiert seine abendliche Radiosendung im australischen Outback, als ein alter Mann an die Tür klopft und um eine Tasse Tee bittet. Eine turbulente Nacht beginnt.

NANA von Warwick Thornton (Australien, 2007)
Sie wird von ihrer Enkelin heiß geliebt: Nana kocht, malt, jagt und sorgt auf ihre ganz besondere Art für Recht und Ordnung.

NGANGKARI von Erica Glynn (Australien, 2001 Dokumentarfilm)
Der Dokumentarfilm begleitet traditionelle Heiler bei ihrer Arbeit in Aboriginal-Gemeinschaften und zeigt, wie sie ihr Wissen weitergeben.

PAYBACK von Warwick Thornton (Australien, 1996)
Nach 20 Jahren Gefängnis muss sich Paddy an seinem Entlassungstag dem Vergeltungsakt nach den Gesetzen seines Volkes stellen.

LE RÊVE D’UNE MÈRE (A Mother’s Dream) von Cherilyn Papatie – Kanada 2007 (Dokumentarfilm)
Traum und Albtraum einer Mutter. Der Staat erlaubt ihr nur selten ein paar Stunden mit ihren Kindern.

RICHARD CARDINAL – CRY FROM A DIARY OF A MÉTIS CHILD von Alanis Obomsawin (Kanada, 1986 Dokumentarfilm)
Chronik eines Selbstmords, der 1986 den Stolen Generations Kanadas ein Gesicht gibt. Richards Lebenswille bricht nach Misshandlungen und Demütigungen in 28 Pflegefamilien und Heimen.

TURANGAWAEWAE – A PLACE TO STAND von Peter Burger (Neuseeland, 2003)
Ein Mann, gefangen in Kriegserinnerungen und verloren in der Gegenwart, findet zu seinen Wurzeln zurück.

TWO CARS, ONE NIGHT von Taika Waititi (Neuseeland, 2004)
Während sie vor der Kneipe auf ihre Eltern warten, lernen sich die Polly und Romeo kennen. Was streitlustig beginnt, endet im Aufflackern einer ersten Liebe.

21.01.13 17:28

Mockumentary Festival am 27. Januar im Sputnik Berlin

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Wer vor der Berlinale schon mal in Festivalstimmung möchte, kann das am kommenden Sonntag, 27. Januar, tun: beim Mockumentary Festival im Sputnik Kino in den Höfen am Südstern, Hasenheide 64. Der AV Club Wedding zeigt drei Mockumentaries, die auch Rockumentaries sind. Los geht es um 18.15 Uhr mit dem kanadischen Film HARD CORE LOGO über die Renunion der gleichnamigen Punk Band und ihren charismatischen Sänger Joe Dick. Weiter geht es um 20 Uhr mit dem Kraftwerk-Spoof FRAKTUS der im vergangenen Jahr von den Hamburger Studio Braun-Machern ersonnen wurde. Und der Höhepunkt ist ab 22 Uhr die Mutter aller Mockumentaries THIS IS SPINAL TAP. Ja, ich weiß, vorher gab's schon THE RUTLES, aber THIS IS SPINAL TAP ist besser. Der Eintritt ist frei!

18.01.13 21:49

Berlinale 2013: In der Bärenkonkurrenz starten 19 Filme

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Im Wettbewerb der 63. Berlinale konkurrieren 19 Filme um den goldenen und die silbernen Bären, fünf weitere Filme laufen zwar formal im Rahmen des Wettbewerbs aber außer Konkurrenz. Auch der Eröffnungsfilm der Berlinale YI DAI ZONG SHI (The Grandmaster) von Jurypräsident Wong Kar Wai, die Geschichte über Bruce Lees Lehrmeister Ip Man, nimmt nicht am Rennen um die Auszeichnungen teil. Um die Bären bewerben sich aber als Weltpremieren die neuen Filme von Regisseuren wie Jafar Panahi PARDE (Closed Curtain), Danis Tanovic EPIZODA U ŽIVOTU BERAČA ŽELJEZA (An Episode in the Life of an Iron Picker), Ulrich Seidl PARADIES: HOFFNUNG und Thomas Arslan GOLD.

Zu den prominenten Regisseurnamen im Wettbewerb gehören auch Steven Soderbergh mit SIDE EFFECTS und Gus van Sant mit PROMISED LAND. Diese Filme sind bereits in den USA angelaufen und haben in Berlin ihre internationale Premiere. Dank van Sant und Soderbergh darf der rote Teppich auf die Schuhsohlen von Schauspielerstars wie Matt Damon, Frances McDormand, Jude Law und Catherine Zeta-Jones hoffen. Debütregisseur Fredrich Bond konnte für THE NECESSARY DEATH OF CHARLIE COUNTRYMAN nicht nur Shia LaBeouf, Evan Rachel Wood und Mads Mikkelsen gewinnen, sondern sogar Til Schweiger. Bond hat sich zuvor einen Namen als Starregisseur von Werbeclips gemacht und auch beim Musikvideo Mobys Bodyrock Regie geführt. Da der Wettbewerb mit drei Filmen von französischen Regisseuren - CAMILLE CLAUDEL 1915 von Bruno Dumont, ELLE S'EN VA (On my Way) von Emmanuelle Bercot und LA RELIGIEUSE (Die Nonne) von Guillaume Nicloux wieder äußerst frankophil ausfällt, sind auch Stars wie Juliette Binoche, Jean-Luc Vincent, Catherine Deneuve und Isabelle Huppert Teil der Berlinale.

Äußerst interessante Filme finden sich unter den weiteren Beiträgen, die außer Konkurrenz laufen. Das gilt ganz besonders für DARK BLOOD des Niederländers George Sluizer. Der Dreh des Films fand 1993 statt, River Phoenix spielte die Hauptrolle. Kurz vor Ende der Dreharbeiten starb River Phoenix mit 23 Jahren an Herzversagen durch eine Überdosis Drogen. Fast 20 Jahre später, im Januar 2012, begann Sluizer mit dem Schnitt und der Postproduktion seines unvollendeten Werks. Neben Phoenix in seiner letzten Rolle sind Judy Davies und Jonathan Pryce zu sehen.

Außerdem kommt Richard Linklater mit der Fortsetzung von BEFORE SUNRISE und BEFORE SUNSET zur Berlinale. Jesse (Ethan Hawke) und Celine (Julie Delpy) treffen sich in BEFORE MIDNIGHT zum dritten Mal. Für BEFORE SUNRISE, den ersten Teil der Trilogie, hatte Linklater auf der Berlinale 1995 den Silbernen Bären als bester Regisseur bekommen. Und ein wahres Starensemble dirigiert der Däne Bille August: Bei NIGHT TRAIN TO LISBON stehen Jeremy Irons, Martina Gedeck, August Diehl, Christopher Lee und Charlotte Rampling vor der Kamera.

Hier alle Wettbewerbs-Filme in der Konkurrenz um die Bären:
DOLGAYA SCHASTLIVAYA ZHIZN (A Long and Happy Life)
Russische Föderation
Von Boris Khlebnikov
Mit Alexander Yatsenko, Eugene Sitiy, Anna Kotova

PRINCE AVALANCHE
USA
Von David Gordon Green
Mit Paul Rudd, Emile Hirsch

UROKI GARMONII (Harmony Lessons)
Kasachstan/Deutschland
Von Emir Baigazin
Mit Timur Aidarbekov, Aslan Anarbayev, Mukhtar Andassov

VIC+FLO ONT VU UN OURS (Vic+Flo haben einen Bären gesehen)
Kanada
Von Denis Côté
Mit Pierrette Robitaille, Romane Bohringer, Marc-André Grondin

W IMIĘ... (In the Name of)
Polen
Von Małgośka Szumowska
Mit Andrzej Chyra, Mateusz Kościukiewicz

GLORIA
Chile/Spanien
Von Sebastián Lelio
Mit Paulina García, Sergio Hernández

NUGU-UI TTAL-DO ANIN HAEWON (Nobody's Daughter Haewon)
Republik Korea
Von Hong Sangsoo
Mit Eunchae Jung, Sunkyun Lee

PARADIES: HOFFNUNG
Österreich/Frankreich/Deutschland
Von Ulrich Seidl
Mit Melanie Lenz, Vivian Bartsch, Joseph Lorenz, Michael Thomas

POZIÅ¢IA COPILULUI (Child's Pose)
Rumänien
Von Călin Peter Netzer
Mit Luminiţa Gheorghiu, Bogdan Dumitrache, Florin Zamfirescu

PROMISED LAND
USA
Von Gus van Sant
Mit Matt Damon, John Krasinski, Frances McDormand, Rosemarie DeWitt

CAMILLE CLAUDEL 1915
Frankreich
Von Bruno Dumont
Mit Juliette Binoche, Jean-Luc Vincent

ELLE S'EN VA (On my Way)
Frankreich
Von Emmanuelle Bercot
Mit Catherine Deneuve

EPIZODA U ŽIVOTU BERAČA ŽELJEZA (An Episode in the Life of an Iron Picker)
Bosnien und Herzegowina/Frankreich/Slowenien
Von Danis Tanovic
Mit Senada Alimanovic, Nazif Mujic, Sandra Mujic, Semsa Mujic

GOLD
Deutschland
Von Thomas Arslan
Mit Nina Hoss, Marko Mandic, Uwe Bohm, Lars Rudolph

LA RELIGIEUSE (Die Nonne)
Frankreich/Deutschland/Belgien
Von Guillaume Nicloux
Mit Pauline Etienne, Isabelle Huppert, Louise Bourgoin, Martina Gedeck

LAYLA FOURIE
Deutschland/Südafrika/Frankreich/Niederlande
Von Pia Marais
Mit Rayna Campbell, August Diehl, Rapule Hendricks

THE NECESSARY DEATH OF CHARLIE COUNTRYMAN
USA
Von Fredrik Bond
Mit Shia LaBeouf, Evan Rachel Wood, Mads Mikkelsen, Til Schweiger

PARDE (Closed Curtain)
Iran
Von Jafar Panahi und Kambozia Partovi
Mit Kambozia Partovi, Maryam Moghadam, Jafar Panahi, Hadi Saeedi, Azadeh Torabi

SIDE EFFECTS
USA
Von Steven Soderbergh
Mit Jude Law, Rooney Mara, Catherine Zeta-Jones, Channing Tatum

Und die Filme, die außerhalb der Konkurrenz laufen:
YI DAI ZONG SHI (The Grandmaster)
Hong Kong/China/Frankreich
Von Wong Kar Wai
Mit Tony Leung, Ziyi Zhang, Chang Chen


BEFORE MIDNIGHT
USA / Griechenland
Von Richard Linklater
Mit Ethan Hawke, Julie Delpy

DARK BLOOD
Niederlande
Von George Sluizer
Mit River Phoenix, Judy Davis, Jonathan Pryce, Karen Black

NIGHT TRAIN TO LISBON
Deutschland/Schweiz/Portugal
Von Bille August
Mit Jeremy Irons, Mélanie Laurent, Jack Huston, Martina Gedeck, August Diehl, Christopher Lee, Charlotte Rampling

THE CROODS (Animationsfilm in 3D)
USA
von Kirk De Micco und Chris Sanders
Mit den Stimmen von Nicolas Cage, Emma Stone, Ryan Reynolds

16.01.13 8:00

Berlinale 2013: 31 Spielfilme in Panorama und Panorama Special

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(Jeroen Willems in BOVEN IS HET STIL, Bild: Victor Arnolds)

31 Spielfilme aus 23 Ländern zeigt die Berlinale 2013 im Panorama-Hauptprogramm und in der Nebensektion Panorama Special. Unter den zuletzt hinzugekommenen Werken sind zwölf Weltpremieren. Dazu gehört der Eröffnungsfilm von Panorama Special Nanouk Leopolds niederländisch-deutsche Ko-Produktion BOVEN IS HET STIL (Oben ist es atill). Er zeigt den 2012 verstorbenen niederländischen Schauspieler Jeroen Willems in seiner letzten Rolle.

Das Panorama-Hauptprogramm eröffnet das Regiedebüt des Georgiers Zaza Rusadze CHEMI SABNIS NAKETSI (Eine Falte in meiner Bettdecke). Rusadze wurde 1996 als jüngster Student im Studiengang Regie an der Potsdamer HFF "Konrad Wolf" angenommen. 2003 machte Rusadze seinen Abschluss und gründete 2007 seine eigene Filmproduktionsfirma. Vor seinem Regiedebüt arbeitete er als Regieassistent für Ineke Smits, Dito Tsintsadze und Otar Ioseliani.

15.01.13 8:00

Berlinale goes Kiez 2013: Festivalfilme im Kino um die Ecke

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Quelle Berlinale

Die Berlinale zieht auch 2013 wieder durch die Stadt und gastiert in folgenden sieben Programmkinos für jeweils einen Abend: Bundesplatz-Kino (Wilmersdorf), fsk Kino am Oranienplatz (Kreuzberg), Neues Off (Neukölln), Odeon (Schöneberg), Tilsiter Lichtspiele (Friedrichshain), Kino Toni & Tonino (Weißensee) sowie in den Thalia Programm Kinos (Potsdam-Babelsberg). Den Auftakt von "Berlinale Goes Kiez" machen am Sonnabend, 9. Februar, die vier jüngsten Werke der Langzeitdokumentation Berlin - Ecke Bundesplatz. Die Dokumentarfilme feiern ihrem Thema angemessen Premiere im Bundesplatz-Kino. Das vollständige Programm von "Berlinale Goes Kiez" steht Ende Januar fest.

Vom 9. Februar bis zum 15. Februar präsentiert das Festival an jeweils einer zusätzlichen Spielstätte ausgewählte Filme aus dem Berlinale-Programm. Wie bei der Berlinale üblich stellen die Filmteams ihre Werke auch im Kiez persönlich vor, diskutieren im Anschluss an die Vorführung mit den Gästen über ihre Filme und stehen für Fragen zur Verfügung.

13.01.13 8:00

Prämierte deutsche Filme am Kinotag der Berlinale 2013

Am Berlinale-Kinotag, dem 17. Februar 2013, präsentiert die Perspektive Deutsches Kino wie schon im vergangenen Jahr ausgezeichnete deutsche Filme: Das Berlinale-Publikum kann den Gewinner des Spielfilmwettbewerbs "Max Ophüls Preis 2013" sehen. Dieser Preis wird am 27. Januar in Saarbrücken verliehen. Hinzu kommen der elfminütigen Dokumentarfilm-Gewinner des "First Steps Award 2012" REALITY 2.0 (Regie: Victor Orozco Ramirez) und ANATOMIE DES WEGGEHENS (Regie: Serban Oliver Tataru), der ebenfalls für den Preis nominiert war.

10.01.13 8:00

Berlinale 2013 - Berlinale-Ehrenbär für Claude Lanzmann

Die Berlinale 2013 ehrt den französischen Dokumentarfilm-Regisseur und Produzenten Claude Lanzmann mit einer Hommage und verleiht ihm den Goldenen Ehrenbären für sein Lebenswerk. "Claude Lanzmann ist einer der großen Dokumentaristen. In seiner Darstellung von Unmenschlichkeit und Gewalt, von Antisemitismus und seinen Folgen hat er eine neue filmische wie ethische Auseinandersetzung geschaffen. Wir fühlen uns geehrt, ihn ehren zu dürfen", sagt Berlinale-Direktor Dieter Kosslick.

Lanzmanns bekanntester Film ist SHOAH aus dem Jahr 1985, eine neuneinhalbstündige Dokumentation über den Völkermord an den europäischen Juden, die ohne Archivaufnahmen auskommt und vor allem mit zahlreichen Interviews mit Opfern und Tätern arbeitet. Im Rahmen der Hommage wird auf der Berlinale 2013 in einer Erstaufführung die restaurierte und digitalisierte Fassung von SHOAH gezeigt.

09.01.13 8:00

Berlinale 2013 - Retrospektive: The Weimar Touch

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Die Berlinale-Retrospektive 2013 zeigt unter dem Titel "The Weimar Touch" 33 Filme, die vom deutschen Kino der Weimarer Republik beeinflusst wurden. In den Jahren von 1918 bis 1933 entwickelte sich der Film in Deutschland zur Kunstform. Die deutschen Studios Ufa und Decla produzierten Filme von Fritz Lang, Friedrich Wilhelm Murnau oder G.W. Pabst, die heute zu den Klassikern gehören. Die Reihe ist in den fünf Kapiteln „Rhythm and Laughter“, „‚Unheimlich‘ – The Dark Side“, „Light and Shadow“, „Variations“ und „Know Your Enemy“ strukturiert. Kuratiert wurde die diesjährige Retrospektive gemeinsam von der Deutschen Kinemathek und dem New Yorker Museum of Modern Art (MoMA). Im April wird die gesamte Filmreihe dann auch in New York laufen.

Das Kapitel des Weimarer Kinos wurde durch die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933, die Aussetzung der Grundrechte durch Verordnungen des Reichspräsidenten im Februar und durch die Gründung des "Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda" nach den Neuwahlen im März brutal beendet. Die deutsche Filmindustrie wurde "gleichgeschaltet". Die Filmschaffenden, denen es gelang zu emigrieren, entwickelten ihre Arbeit im Ausland weiter. Genau diesem internationalen Einfluss des Weimarer Kinos widmet sich die Retrospektive der Berlinale 2013.

08.01.13 15:00

Berlinale-Plakat 2013: Infantile Bärenfixierung

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(Quelle: Berlinale, Gestaltung Agentur Boros)

Das Berlinale-Plakat 2012 war schlimm, das Berlinale-Plakat 2013 ist schlimmer. (Wer vergleichen möchte, schaue hier.) Es muss mal wieder der Bär her, schnarch. Wie lange hat die Agentur Boros wohl gebraucht, um aus dem 2012er-Plakat das für 2013 zu machen? 20 Minuten oder doch eher eine halbe Stunde? Die himmelblauen Hintergrundbärchen haben ins Gras gebissen und die Bonbon-Farbe ist dafür in den Schriftzug gewandert. So ist der Bär peinlich berührt im Anschnitt erstarrt. Flüchten kann er nicht, weil man ihm die Beine abgeschnitten hat.

Hört mal zu Grafiker: Dieses Bärending, das kann man auch überstrapazieren, capisce? Meister Petz taucht im Logo auf, reicht das nicht? Lasst Euch doch mal was Neues einfallen Borosianer! Das hat doch beim Plakat 2011 auch prima geklappt - sehr retro, aber schön. Ist es nicht schon schlimm genug, dass die Wortspielkünstler von der textenden Zunft auch in diesem Jahr wieder ständig von der "Bärlinale" schreiben werden, wenn nichts Anderes mehr hilft?

Berlinale mit elf Filmen in der Perspektive Deutsches Kino

Der deutsche Filmnachwuchs präsentiert sich auf der Berlinale 2013 in der Perspektive Deutsches Kino mit elf Beiträgen. Das Programm der Perspektive umfasst in diesem Jahr sechs Spielfilme, drei Dokumentarfilme und zwei sogenannte mittellange Filme mit einer Länge unter 50 Minuten.

Die Beiträge der Perspektive Deutsches Kino bei der Berlinale 2013:
CHIRALIA von Santiago Gil (mittellanger Film)
DeAD von Sven Halfar
DIE MIT DEM BAUCH TANZEN (Dancing with Bellies) von Carolin Genreith (Dokumentarfilm)
EINZELKÄMPFER (I Will Not Lose) von Sandra Kaudelka (Dokumentarfilm)
ENDZEIT (End of Time) von Sebastian Fritzsch
FREIER FALL (Free Fall) von Stephan Lacant
KALIFORNIA von Laura Mahlberg (mittellanger Film)
METAMORPHOSEN von Sebastian Mez (Dokumentarfilm)
SILVI von Nico Sommer
DIE WIEDERGÄNGER (The Revenants) von Andreas Bolm
ZWEI MÜTTER (Two Mothers) von Anne Zohra Berrached

18.02.12 12:49

Panorama-Publikumspreise für MARINA ABRAMOVIC THE ARTIST IS PRESENT und PARADA

Mathew Akers MARINA ABRAMOVIC THE ARTIST IS PRESENT erhält den Panorama-Publikumspreis 2012 für den besten Dokumentarfilm 2012. Bei den Spielfilmen siegte PARADA (The Parade) von Srdjan Dragojevic. Über die Preisträger entschieden rund 24.000 Berlinalezuschauer mit Stimmzetteln. Der Preis wird seit 1999 vergeben. Die Preise werden morgen um 17 Uhr im Cinemaxx7 vergeben, anschließend werden die Siegerfilme gezeigt.

16.02.12 20:51

DIE LAGE von Thomas Heise

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Er kommt. Seine Heiligkeit kommt. Der Heilige Vater kommt. Der Papst kommt, beziehungsweise er kam – am 23. September 2011 nach Thüringen. In DIE LAGE beschäftigt sich Thomas Heise filmisch mit den Vorbereitungen am Flugplatz und am Erfurter Dom, aber er dreht auch während des Besuchs selbst. Heise zeigt in ruhigen Bildern, wie eine sehr präzise Inszenierungsmaschine anläuft, die durch detaillierte Planung die Grundlage für ein kollektives Erlebnis schaffen soll.

Wie der Regisseur im Publikumsgespräch sagte, war die Entscheidung dafür, den Film in schwarz-weiß zu machen, nicht ästhetisch, sondern inhaltlich begründet: Der Verzicht auf Farbe bringt vor allem Klarheit und Übersichtlichkeit, eine Ruhe und eine Transparenz, die im Gewimmel von Menschen und Farbtupfern untergegangen wäre. Davon befreit schärft die Kamera den Blick: Seine Heiligkeit sorgt für Anspannung bei den Beteiligten, schon bevor er da ist. Der Papst verlangt nach minutiöser Planung. Wenn er kommt, ist jeder Schritt voraus geplant. Der Heilige Vater ist sehr mächtig, das ist gar nicht zu bezweifeln. Denn nur wegen ihm setzen sich nicht nur Pilger- und Limousinenkarawanen in Bewegung, sondern auch Politiker, Kirchenmänner und –frauen und Scharen von Blumenkindern tun das. Über allem wachen LKA, BKA, die Polizei und Scharfschützen.

Heise zeigt das, aber er macht sich keineswegs über den Aufwand lustig. Denn trotz der Kühle der Bilder: Sie vermitteln auf indirekte Weise und vor allem über die Tonspur – das Ave Maria, das ohne Unterbrechung von verschiedenen Gläubigen gesprochen wird, die wiederholte Erinnerung der Protokollbeamten an den „gebührenden Abstand zum Heiligen Vater“ und durch das rezitierte Glaubensbekenntnis – dass Benedikt VI. und die „heilige katholische Kirche“ Heilserwartungen wecken, mit denen andere Institutionen nicht konkurrieren können. Und diese anderen Institutionen lassen sich von den religiösen wie selbstverständlich für die Inszenierung in Besitz nehmen. Heises Bilder sezieren es.

In einem großen Moment des Films fängt die Kamera aus der Entfernung das Gesicht des Papstes ein, während aus dem Off eine Stimme aus Paulus-Briefen an die Korinther zitiert. Die Kamera verweilt lange auf dem Gesicht des Papstes. Da geschieht die Verwandlung. Dort sitzt nicht mehr er, sondern Joseph Ratzinger. Der Heilige Vater ist der Anführer einer mächtigen religiösen Institution. Joseph Ratzinger ist ein alter Mann. DIE LAGE zeigt beide.

WESTERLAND von Tim Staffel

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Jesús ist ein junger Mann, der Aufmerksamkeit um jeden Preis will, dazu inszeniert er nur zur gerne die eigene Lebenskrise. Er ist ein unerschöpfliches Reservoir von negativer Energie. Und von dieser Energie wird Cem magisch angezogen. Es ist die alte Geschichte von den Gegensätzen, die sich anziehen, die Tim Staffel in der Verfilmung seines eigenen Romans auf die Leinwand bringt: Jesús der völlig ziellose, stets bekiffte Egomane, der lügt und betrügt, um sich auch nur den kleinsten Vorteil zu verschaffen und Cem, der beim Ordnungsamt arbeitet, das Abitur an der Abendschule nachmacht und studieren will. Aus einer zufälligen Begegnung entwickelt sich eine Beziehung, die immer mehr in den selbstzerstörerischen Irrsinn abdriftet.

Tim Staffels Film ist eine Zumutung und das ist nicht negativ gemeint. Die Schwäche von WESTERLAND sind, die Rückgriffe auf Klischees: Jugendliches Pathos, halbgare Selbstmordinszenierungen, schwache Nebenfiguren und der eine oder andere hölzerne Dialog. Seine Stärke ist Konsequenz in der Zumutung. Die Abwärtsspirale in der Beziehung zwischen den beiden Protagonisten – ob falsch verstandene Freundschaft oder wahnwitzige Liebe, muss jeder Zuschauer für sich entscheiden – wird mit Härte vorgeführt.

Die Schwächen des Films werden durch die beiden Hauptdarsteller wettgemacht: Wolfram Schorlemmer als Jesús und Burak Yigit als Cem liefern eine sehr beeindruckende schauspielerische Leistung ab. Gleichzeitig schaffen die Bilder von Kameramann Fabian Spuck eine stimmige Atmosphäre. So düster und armselig hat man Sylt noch nicht gesehen. Der Inselwinter ist so trist wie die Zukunftsaussichten der Hauptfiguren. WESTERLAND bleibt im Gedächtnis, weil das darstellerische Vermögen von Schorlemmer und Yigit alle Aufmerksamkeit des Zuschauers auf sich zieht.

15.02.12 19:00

NUCLEAR NATION von Funahashi Atsushi

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Am 11. März 2011 zerstören die Fluten des Tsunami 90 Prozent der Gebäude der japanischen Kleinstadt von Futuba, eine Stadt mit rund 7.500 Einwohnern. Futuba liegt direkt neben dem Atomkraftwerk Fukushima mit seinen insgesamt sechs Reaktorblöcken. In den Morgenstunden des 12. März kommt es im ersten Block zu Kernschmelze. Um 10.09 Uhr, meldet die Betreiberfirma TEPCO das Austreten von Nuklear kontaminiertem Dampf. Futuba liegt vollständig in der Zone, die daraufhin evakuiert wird. Der Filmemacher Funahashi Atsushi liest, dass in der Zeitung, dass mehr als 1.400 Einwohner in einer Schule untergebracht werde, die eineinhalb Stunden von Tokio entfernt liegt. Er beschließt, jeden Tag zu der Notunterkunft zu fahren. Er beginnt, die Evakuierten zu interviewen und auch zu filmen. Erst nur vor dem Gebäude, einige Wochen später bekommt er auch eine Drehgenehmigung. Aus Diesen Gesprächen wird für Atsushi ein Langzeitprojekt. Selbst die 145 Minuten von NUCLEAR NATION sind erst ein Zwischenergebnis. 145 Minuten sind eine lange Zeit für gerade für einen Dokumentarfilm, aber keine einzige Minute davon ist langweilig: Wir erfahren viel, nicht nur über persönliche Schicksale oder die zum Teil grotesken Verhältnisse in denen die Menschen in dieser Schule leben, sondern auch über organisatorisches Versagen und Hilflosigkeit derer, die immer versichert haben, dass die Risiken der Atomkraft beherrschbar sind.

Im Verlauf von NUCLEAR NATION entwickelt sich ein interessanter Kontrast: Der zwischen den nun heimatlosen Bürger Futabas einerseits und den diversen Beamten der japanischen Bürokratie bzw. der Energiewirtschaft andererseits. Die Menschen, die ausnahmslos ihren gesamten Besitz verloren haben und ein großer Teil von Ihnen auch einen oder mehrere Angehörige, sind sehr gefasst. Sie erwarten nichts weiter als verlässliche Informationen und Unterstützung dabei, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. Die Offiziellen entschuldigen sich, machen ansonsten einen planlosen Eindruck und versagen weitgehend wenn es um praktische Dinge geht. Wie könnte es sonst sein, dass viele Menschen mehr als ein halbes Jahr nach dem Unglück immer noch in dem Schulprovisorium leben und – was weitaus schlimmer ist – noch kein einziger der Überlebenden von Futuba weiß, wie hoch seine Strahlenbelastung ist?

Die einzige Ausnahme ist der Bürgermeister von Futaba, Katsutaka Idogawa, der für die Interessen seiner Stadt kämpft. Idogawa ist auch der enzige, der zugibt, Fehler gemacht zu haben. Ganz ruhig berichtet er darüber, wie Futaba nach dem Bau des ersten Kraftwerkblockes im Jahr 1965 mit dem Atomkraftwerk eine Art Symbiose eingegangen ist. Das Kraftwerk wurde immer wieder erweitert, bis es schließlich sechs waren. Die Kraftwerksbetreibeer TEPCO zahlten und die Stadt profitierte. Trotzdem gehörte Futaba im Jahr 2007 zu den 15 ärmsten Gemeinden Japans, der Größenwahn der Energieindustrie paarte sich offensichtlich bestens mit dem der Stadtoberen und ihren Investitionen in immer neue Projekte. Angesicht leerer Kassen hatte die Stadt, so berichtet der Bürgermeister, bereits dem Bau zweier weiterer Kraftwerksblöcke zugestimmt. Mit dem habe man 2012 beginnen wollen – Futaba hätte das in einem Zeitraum von vier Jahren 52 Millionen Euro gebracht. „Diese Entscheidung war, wie auch viele davor, falsch“, sagt Katsutaka Idogawa. Nach dem Unfall kämpft er gegen den Einsatz von Atomenergie in Japan. Sein Vertrauen in die mächtige japanische Bürokratie hat er verloren. Die Provinzregierung spricht davon, dass Futaba in den kommenden fünf Jahren dekontaminiert werden soll. Wie das gehen soll, sagen sie nicht. Den Bürgern Futabas, der Stadt ohne Land, fehlt der Glaube.

14.02.12 21:40

DIE VERMISSTEN von Jan Speckenbach

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Lothar hat seine Tochter seit langem nicht mehr gesehen. Dann ruft seine Ex-Frau an: Das Mädchen ist verschwunden – und nicht nur sie: Überall in Deutschland verschwinden Kinder, spurlos, niemand weiß wohin. Das Land gerät langsam in Panik. Kinder und Jugendliche dürfen sich nicht mehr alleine auf der Straße aufhalten. Weil ihm die Polizei nicht helfen kann, macht sich Lothar auf eigene Faust auf die Suche nach seiner Tochter.

DIE VERMISSTEN spielt mit einer Urangst. Die eigenen Kinder nicht beschützen zu können, das ist eine der schlimmsten Vorstellungen überhaupt. Und die Bedrohung ist so diffus. Es gibt keine Spuren und auch keine Erpressungsversuche. Das Verschwinden der Kinder erscheint wie ein Naturereignis – plötzlich und ohne innere Logik. Lothar arbeitet in einem Atomkraftwerk. Er ist ein Ingenieur aus dem Bilderbuch. Deshalb tribt ihn gerade diese fehlende Logik in den Wahnsinn. Er sucht nicht nur nach dem Mädchen, sondern auch nach einer Erklärung.

DIE VERMISSTEN ist ein Science-Fiction-Film über eine Dystopie der besonderen Art. André M. Hennicke als Lothar fährt und läuft auf einer verzweifelten Suche durch trostlose Landschaften. Die Bilder wecken Assoziationen an Cormack McCarthys THE ROAD. Dann kreuzen sich mehrmals die Wege von Lothar und dem Mädchen Lou (Luzie Ahrens). Jan Speckenbachs Debütfilm nach einem Drehbuch, das der Regisseur gemeinsam mit Melanie Rohde geschrieben hat, ist ganz simpel konstruiert. Das ist zugleich die Stärke und die Schwäche des Films. Der Film zieht seine Spannung allein aus der Suche, das treibt die Geschichte voran. Diese Spannung wird lange gehalten, aber im Detail basiert zu vieles in der Erzählung letztlich auf Zufall, wenn es auf das Finale zusteuert, das hier selbstverständlich nicht verraten wird.

TAGE IN DER STADT von Janis Mazuch

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Nach 13 Jahren kommt Nina aus dem Gefängnis. Sie findet eine Wohnung und eine, wenn auch mies bezahlte, Arbeit. Aber sie hat Angst, wieder Kontakt zu ihrer Tochter Anne Kontakt aufzunehmen. Ihr Bruder hilft ihr zwar zu Beginn – aber eine emotionale Verbindung findet Nina auch zu ihm nicht.

Wie kann ein Mensch wieder in ein normales Leben zurück finden, wenn er über ein Jahrzehnt von ihr abgeschnitten war. Janis Mazuch erzählt in weniger als einer halben Stunde eine Geschichte über den Versuch einer Frau, wieder einen Anknüpfungspunkt an ihr früheres Leben zu finden um daraus den Mut für einen zweiten Start zu schöpfen.

TRATTORIA von Soleen Jusef

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Bosse ist ein recht liebenswerter Kleinkrimineller, dem eine Trattoria gehört, in der es erstaunlich gutes Essen gibt. In den Geschäften der Umgebung pflegt Bosse Schutzgelderpressung auf die väterlich-gemütliche Art. Mit der Gemütlichkeit ist es vorbei, als Ganovenkonkurrenz im Kiez auftaucht und zu allem Überfluss auch noch seine 19-jährige Tochter anruft – die beiden haben sich noch nie gesehen – und vom Tod seiner Ex-Frau berichtet.

Mit ihrem ersten mittellangen Film hat sich Soleen Jusef gleich ein traditionsreiches Genre gegriffen: den Mafiafilm. Wo es sonst immer um Väter und Söhne geht, die Frauen und Mütter bleiben eher im Hintergrund (Gott sei der Seele von Livia Soprano gnädig, für den unwahrscheinlichen Fall, dass sie eine hatte.), erzählt die Regisseurin eine Vater-Tochter-Geschichte. Das macht sie mit Originalität und Tempo, also richtig gut. Spannung hat nichts mit Filmlänge und Budget zu tun, sondern mit erzählerischen Ideen, Genrekenntnissen und handwerklichem Geschick. Soleen Jusef hat davon eine Menge.

SOMETIMES WE SIT AND THINK... von Julian Pörksen

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Peter ist 50. Er ist gesund und macht einen zufriedenen und ausgeglichenen Eindruck. Peter hat einen Plan gefasst: Er möchte seine restlichen Lebensjahre in einem Alten- und Pflegeheim verbringen. Aus dieser Prämisse hat Autor und Regisseur Julian Pörksen mit SOMETIMES WE SIT AND THINK AND SOMETIMES WE JUST SIT einen gut halbstündigen Film gemacht, der nicht nur komisch ist, sondern auch sehr aufschlussreich. Denn alle, mit denen Peter zu tun hat – sein Sohn, der Pfleger, die Leiterin des Altenheims und der Arzt, sind sich einig: Das Heim ist kein guter Ort zum Leben – jedenfalls nicht für einen Menschen, dem es so gut geht wie Peter.

Peter setzt sich durch, er hat das Geld und den Willen im Altersheim zu leben. Er möchte allein sein, zieht auch oft die Vorhänge zu. Schnell richtet sich Peter ganz komfortabel in einer Routine ein, auch wenn ihn der Pfleger nicht versteht und der Arzt ihn immer wieder dazu bringen will, zu offenbaren, was ihm denn „wirklich fehlt“. Peters Sohn reagiert erst mit Unverständnis und dann mit Wut. Die einzige, die sich darüber freut, dass Peter da ist, ist die alte, schon etwas wunderliche Frau Drusse, die im Zimmer nebenan wohnt. Doch es hilft nichts: Alle anderen können nicht damit leben, dass Peter im Heim so zufrieden ist. Eine Lösung muss her.

12.02.12 21:00

THIS AIN’T CALIFORNIA von Marten Persiel

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Die DDR in den 80er Jahren: Der Sozialismus kurz vor dem Ableben, ein Staat der nicht nur wirtschaftlich, sondern auch moralisch bankrott ist, geführt von einer Partei, die jeden Realitätsbezug verloren hat – ansonsten Frust und Langeweile. Stop! Hier kommt die Subkultur. THIS AIN’T CALIFORNIA zeigt eine ganz andere Seite des Arbeiter- und Bauernstaats. Skateboards, Breakbeats und Dekadenz am Alex. Und das alles, bevor die Mauer fiel.

Marten Persiel erzählt uns eine Geschichte über Freundschaft: Drei Jungs, die in den 70er Jahren am Arsch der Welt irgendwo in Sachsen-Anhalt das Rollbrettfahren entdecken. Aus dieser Spielerei entwickelt sich im Lauf der Jahre nicht etwa ein Hobby, sondern ein ganzer Lebensstil – soll heißen: Die drei sind Freunde und helfen sich, wollten aber weder fleißig lernen noch ordentlich und diszipliniert sein oder überall tüchtig mithelfen. Sie verabschieden sich aus dem sozialistischen Wettbewerb und setzen auf Hedonismus und Anarchie. Mitte der 80er haben kommen sie in Ost-Berlin an und schaffen sich ihre eigene Welt mitten im sozialistischen Alltag.
THIS AIN‘T CALIFORNIA tritt als Dokumentarfilm auf, ist aber keiner. Es gibt dokumentarisches Material, Re-enactments, Interviews und sicher auch Fiktives. Wer will, kann sich daran stören. Wahr ist: Dieser Stilmix entwickelt einen ungeheuren Sog und ist extrem unterhaltsam und spannend. Die Schnittarbeit, Animationssequenzen und der passende Soundtrack treiben die Erzählung voran. Was ist von der Geschichte einer Freundschaft „historisch“, was ist erfunden? Die Filmemacher spielen ganz bewusst mit der Frage nach der Authentizität. Auf jeden Fall ist Ihnen ein Film gelungen, der auch durch seine dramatischen Wendungen eine ungeheure emotionale Wucht entwickelt und ästhetisch voll überzeugt.

11.02.12 10:00

Annekatrin Hendel gewinnt „Made in Germany – Förderpreis Perspektive“

Im Rahmen der Eröffnung der Perspektive Deutsches Kino wurde gestern der „Made in Germany – Förderpreis Perspektive“ zum ersten Mal vergeben. Annekatrin Hendel ist mit ihrem Treatment zum Dokumentarfilm DISKO die erste Preisträgerin der neuen Talentförderinitiative für junge deutsche Regisseure. Mit einem Stipendium von 15.000 EURO, gestiftet vom sächsischen Uhrenhersteller Glashütte Original, wird die Regisseurin bei der Projekt-, Stoff- und Drehbuchentwicklung unterstützt.

Über die Vergabe des Förderpreises entschied eine Jury, bestehend aus dem Regisseur und Drehbuchautor Thomas Arslan, dem Produzent Gian-Piero Ringel und der Schauspielerin Anna Brüggemann. Die elf Regisseurinnen und Regisseure mit Filmen in der Perspektive Deutsches Kino 2011 hatten Treatments eingereicht. In DISKO macht Annekatrin Hendel den Terroranschlag auf die West-Berliner Diskothek „La Belle“ im Jahr 1986 zum Thema. Die Jury lobte unter anderem den „persönlichen Zugang der Filmemacherin“ sowie „die gründliche Vorrecherche und die formal-ästhetische Struktur des Vorhabens“.
Der Dokumentarfilm DISKO wird von der Berliner Produktionsfirma IT WORKS! Medien produziert und soll ab 2013 realisiert werden.

10.02.12 19:30

MAN FOR A DAY von Katarina Peters

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Man nehme Watte und ein Kondom

Männer weinen heimlich und Männer brauchen viel Zärtlichkeit – das wissen wir ja alle. Aber wann jetzt ein Mann ein ein Mann ist, das wissen weder Mann noch Frau so ganz genau, es sei denn, sie sind so stumpf, sich bei der Definition auf die primären Geschlechtsmerkmale zu beschränken. Und um alles noch komplizierter zu machen: Wann ist eine Frau ein Mann? Antworten auf diese und noch viel interessantere Fragen gibt Katarina Peters in ihrer Dokumentation MAN FOR A DAY: Die Performancekünstlerin Diane Torr gibt Frauen in einem Workshop in Berlin Anleitung zum Mannsein.

Die Versuchsanordnung von MAN FOR A DAY lässt Schlimmes ahnen: Wird unendlich öden um sich selbst kreisenden Genderdiskursen jetzt auch noch eine adäquate Umsetzung in bewegte Bilder verpasst? Zum Glück nicht. Was auch den Teilnehmerinnen am Anfang manchmal etwas lächerlich erscheint, wird zu viel mehr als nur einem oberflächlichen Rollenspiel. Einen Mann macht mehr aus als ein Anzug oder paar täuschend echte künstliche Bartstoppeln. Das Mannsein ist eine Frage von Gesten, dem eigenen Auftreten, der inneren Haltung und einer Fülle von unbewussten und bewussten Faktoren. Diane Torr hat alles das so genau seziert, dass sie es auch erklären kann.
MAN FOR A DAY beschäftigt sich mit Männlichkeit genauso wie mit Weiblichkeit. Dabei stellt der Film keine peinlichen Selbsterfahrungsmomente aus oder übt sich in verstiegenen Thesen zu Geschlechterrollen, sondern eröffnet eine spannende Perspektive auf das Thema Geschlecht und Identität.

GEGEN MORGEN von Joachim Schönfeld

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Wagner (Axel Buchholz) und Zippolt (Axel Sichrovsky) sind Polizisten. In Joachim Schönfelds Film GEGEN MORGEN sollen sie gemeinsam darauf achten, dass dem Mädchenmörder Siegfried (Christoph Grunert) nichts passiert. Der ist aufgrund eines Verfahrensfehlers freigesprochen worden und sitzt jetzt in seiner Berliner Wohnung. In der Nachbarschaft ist er nicht besonders beliebt. Deswegen hocken Wagner und Zippolt jetzt im Auto und starren den lieben langen Tag auf Siegfrieds Balkon. Wagner sieht den Sinn nicht. Denn es kommt nie eine Ablösung, wenn die Bewacher Feierabend machen. Aber irgendwo ist Wagner das auch egal. Er sitzt im Auto, schweigt und lässt sich von seinem Kollegen zuquatschen. Zuhause hört Wagner Opern – Wagner – während sein Verdruss am Leben immer größer wird.

GEGEN MORGEN ist Joachim Schönfelds erster Langfilm und er lässt sich in keine Schublade – Krimi, Drama, Beziehungsfilm – packen. Was für ein Glück. Das liegt ganz wesentlich am Drehbuch von Oliver Schmaering. Das ist einfach gut, weil unvorhersehbar, ohne konstruiert zu wirken. Eine neue Geschichte, man glaubt es kaum. Wagner redet also nur, wenn es sein muss – Zippolt, ohne Luft zu holen, vor allem über seine Beziehungsprobleme. Die Bilder von Berlin sind so grau wie Wagners Stimmung, aber wo kommt diese Spannung her? Eigentlich passiert wenig und doch ist dann auf einmal alles anders.
Mehr zu verraten, wäre pure Blödheit. Hingehen, angucken.

Berlinale-Premiere am Sonnabend, 11. Februar, 19.30 Uhr, Cinemaxx 3.

07.02.12 20:40

Generationskonflikte und Beziehungsdramen in der Perspektive

Konflikte mit oft auch abwesenden Eltern oder Beziehungsthemen sind die Themenschwerpunkte für die 13 Beiträge der Perspektive Deutsches Kino – acht Spiel- und fünf Dokumentarfilme wurden aus fast 300 eingereichten ausgewählt. Mein Fazit ist positiv: Anders als in den vergangenen Jahren, gibt es keine heftigen Ausreißer nach unten. Bei den Spielfilmen sind meine Empfehlungen KARAMAN von Tamer Yigit und Branka Prlic und GEGEN MORGEN von Joachim Schoenfeld. Bei den Dokus lohnen sich besonders der Eröffnungsfilm MAN FOR A DAY von Katarina Peters und die vielleicht doch nicht ganz echte aber faszinierende Doku THIS AIN’T CALIFORNIA von Marten Persiel. Ein ganz großes Highlight ist darüber hinaus der mittellang Spielfilm SOMETIMES WE SIT AND THINK AND SOMETIMES WE JUST SIT von Julian Pörksen.

GEGEN MORGEN ist ein Krimi der ganz anderen Art: Zwei Polizisten sollen einen Kindermörder bewachen, der wegen eines Verfahrensfehlers freigelassen wurde. Oliver Schmaering hat für den Erstlingsfilm von Joachim Schönfeld etwas geschrieben, das in Deutschland sehr selten ist: Ein ungewöhnliches und spannendes Krimidrehbuch. Im Zentrum der Geschichte steht der ebenso schweigsame wie rätselhaft-coole Polizist Wagner.
KARAMAN zeigt die ausgesprochenen und unausgesprochenen Konflikte zwischen Vater und Tochter, Vater und Sohn und nicht zuletzt Bruder und Schwester. Der Film spielt in der Türkei und die Konflikte treten in dem Moment an die Oberfläche, als der Vater von seiner Vergangenheit eingeholt wird.
Katarina Peters hat für ihre Dokumentation MAN FOR A DAY einen Workshop der Performancekünstlerin Diane Torr begleitet, in dem Frauen lernen wollen, wie sie die Persönlichkeit eines Mannes annehmen können. Was wie eine etwas versponnene Idee klingt und zunächst auch durchaus lächerlich wirkt, ist viel unterhaltsamer und aufklärerischer als vermutet. THIS AIN’T CALIFORNIA erzählt eine Geschichte, die unglaublich klingt: In der DDR gab es in der 80er eine Rollbrett-Szene, zu deutsch Skateboard, die dadurch ihren Anfang nahm, dass ein paar irre Knirpse am Arsch der Welt in Sachsen-Anhalt ein paar Rollen unter Bretter schraubten. In Marten Persiels spielen aber weniger Bretter als vielmehr Freunde die Hauptrolle.
Infos zu allen Perspektive Filmen gibt es hier. Besprechungen der einzelnen Filme folgen jeweils am Premiere-Tag.

01.02.12 8:55

Berlinale Countdown: A BOUT DE SOUFFLE (Berlinale 2010)

Ganz ruhig, ganz ruhig – einfach tief durchatmen. Ein und aus und ein und aus: Pffffffft. Es hilft einfach nichts. Jean Seberg ist auf der Leinwand und das führt unweigerlich zur Schnappatmung beim männlichen Teil des Publikums, sogar noch bei der Aufführung von À BOUT DE SOUFFLE im Berlinale-Jubiläumsjahr 2010. Für den weiblichen Teil gibt es immerhin einen jungen Jean-Paul Belmondo mit nacktem Oberkörper – in der Hinsicht gab es 1960 leider noch keine Gleichberechtigung (seufz!).

Wie muss dieser Film erst 1960 gewirkt haben? Das ist heute unvorstellbar. Denn er sieht immer noch radikal, genial und aufregend aus. Soviel Stil und Nihilismus hat es auf der Leinwand nicht mehr gegeben. Patricia und Michel wollen alles und zwar gleich. Wer sind dagegen schon Bonnie und Clyde? Michel ist immer in Bewegung und morgen ist egal. Natürlich ist er verloren, aber das darf auch gar nicht anders sein.

24.01.12 21:08

Sieben Berlinale-Filme für zehn Oscars nominiert

Sieben Beiträge der Berlinale 2011 und 2012 sind im Rennen um die am 26. Februar von der Academy of Motion Picture Arts and Sciences vergebenen Oscars. Insgesamt erhielten die Berlinale-Filme zehn Nominierungen in verschiedenen Kategorien. Gleich für zwei Oscars nominiert wurde der Gewinner des Goldenen Bären von 2011 JODAEIYE NADER AZ SIMIN (Nader and Simin, A Separation). Der Film von Asghar Farhadi bewirbt sich nicht nur um den Oscar als bester fremdsprachiger Film, Fahrhadi ist außerdem noch als Autor des besten Original Drehbuchs nominiert.

Bei der Auszeichnung für den besten fremdsprächigen Film konkurriert der iranische Wettbewerbsbeitrag von 2011 mit dem belgischen Film RUNDSKOP (Bullhead) der im vergangenen Jahr im Panorama lief. Ein weiteres Highlight für die Berlinale: Der 2011er Wettbewerbsbeitrag PINA von Wim Wenders erhielt eine Nominierung in der Kategorie „Bester Dokumentarfilm“.
Hier eine komplette Liste der nominierten Berlinale-Teilnehmer:

Berlinale 2012
„Bester Film”:
EXTREMELY LOUD & INCREDIBLY CLOSE von Stephen Daldry (Berlinale Wettbewerb)

„Beste weibliche Hauptrolle“:
Meryl Streep für THE IRON LADY von Phyllida Lloyd (Goldener Ehrenbär und Hommage)

„Beste männliche Nebenrolle“:
Max von Sydow für EXTREMELY LOUD & INCREDIBLY CLOSE von Stephen Daldry (Berlinale Wettbewerb)

„Bestes Makeup“:
Mark Coulier und J. Roy Helland für THE IRON LADY von Phyllida Lloyd

Berlinale 2011
„Bester fremdsprachiger Film“:
JODAEIYE NADER AZ SIMIN (Nader and Simin, A Separation) von Asghar Farhadi (Goldener Bär)

RUNDSKOP (Bullhead) von Michaël R. Roskam (Panorama)


„Bestes Original-Drehbuch“:
JODAEIYE NADER AZ SIMIN (Nader and Simin, A Separation) von Asghar Farhadi (Goldener Bär)
MARGIN CALL von JC Chandor (Wettbewerb)

„Bester Dokumentarfilm“:
PINA von Wim Wenders und Gian-Piero Ringel (Wettbewerb)

„Bester Spielfilm Animation“:
A CAT IN PARIS von Alain Gagnol und Jean-Loup Felicioli (Generation)

23.01.12 19:01

Perspektive zeigt den Ophüls-Gewinner MICHAEL zum Abschluss

Wie schon im vergangenen Jahr wird die Perspektive Deutsches Kino auf der Berlinale 2012 den Gewinner des Saarbrücker Filmfestivals "Max Ophüls Preis" als Abschlussfilm am 19. Februar zeigen. Mit dem Preis wurde am Wochenende MICHAEL des österreichischen Regisseurs Markus Schleinzer ausgezeichnet. Der Hauptdarsteller des Films, Michael Fuith, der einen Pädophilen spielt, der einen Jungen gefangen hält, bekam zudem mit den Preis als bester Nachwuchsdarsteller.

Berlinale Countdown:
BLOODY SUNDAY von Paul Greengrass (2002)

Das große Berlinale-Mantra ist ja das „Wir sind ein politisches Festival!“. Manchmal hat diese etwas eitle Selbstbeschreibung auch etwas mit der Realität zu tun. BLOODY SUNDAY von Paul Greengrass ist ein politischer Film, noch besser – er ist ein politischer Film, der aufklärt, ohne ideologisch einseitig zu sein und dabei auch noch spannend ist. Der Siegerfilm von 2002, der sich mit der Tötung von 13 unschuldigen Zivilisten am 30. Januar 1972 im nordirischen Derry – die Menschen in Derry sprechen von 14 – durch britische Fallschirmjäger auseinandersetzt, ragt nicht nur über die Berlinalegewinner seit dem Jahr 2000 heraus.

Greengrass überzeugt nicht nur durch sein Drehbuch und den inhaltlichen Umgang mit dem schwierigen Stoff, sondern auch in formaler Hinsicht. Genau deshalb kommt das Publikum einerseits ziemlich blass und verstört aus BLOODY SUNDAY heraus und hat andererseits die politischen Zusammenhänge der Gewalt verstanden. Natürlich ist BLOODY SUNDAY ein Spielfilm, aber wer will, kann in den Ergebnissen der offiziellen Untersuchungskommission oder auch auf der Webseite des Bloody Sunday Trust nachvollziehen, wie sorgfältig Greengrass gearbeitet hat. Der wichtigsten Schlussfolgerungen der sogenannten Saville Untersuchung, die 1998 vom britischen Parlament und dem House of Lords eingesetzt und mit der Veröffentlichung des Berichts im Juni 2010 abgeschlossen wurde, lauten: "The immediate responsibility for the deaths and injuries on Bloody Sunday lies with those members of Support Company [Soldaten der britischen Fallschirmjäger] whose unjustifiable firing was the cause of those deaths and injuries. [...] The firing by soldiers of 1 PARA [die britische Einheit der Fallschirmjäger] on Bloody Sunday caused the deaths of 13 people and injury to a similar number, none of whom was posing a threat of causing death or serious injury."

22.01.12 20:23

42. Forum der Berlinale: Soziales, politisches, menschliches Kino

Das 42. Forum der Berlinale zeigt insgesamt 38 Filme im Hauptprogramm, davon 26 als Weltpremiere und weitere acht als internationale Erstaufführungen. Neben zahlreichen Filmen des europäischen Kinos zum Beispiel aus Frankreich, den Niederlanden, Österreich, Polen, Russland, Rumänien, Schweden, Spanien, der Tschechische Republik und der Türkei sind Produktionen aus allen Teilen der Welt vertreten. Auch der Nahe Osten, der noch mehr als in den vergangenen Jahren die politische Aufmerksamkeit auf sich zieht, ist mit mehreren Produktionen vertreten.

Im Mittelpunkt des jordanischen Spielfilms AL JUMA AL AKHEIRA (The Last Friday) von Yahya Alabdallah steht ein Taxifahrer in Amman, der versucht, neue Ordnung in sein schwieriges Leben zu bringen. Der Dokumentarfilm BAGRUT LOCHAMIM (Soldier / Citizen) konfrontiert die Zuschauer mit den unversöhnlichen Ansichten junger Israelis. Mani Haghighis Spielfilm PAZIRAIE SADEH (Modest Reception) dagegen erzählt von einem reichen Paar, das in der iranischen Provinz Plastiksäcke voller Geld verteilt.

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Bild aus der Pre-Produktions-Phase von O MAN’S ZONE (Quelle: Fujiwara Toshi)

Drei Filme aus Japan beschäftigen sich mit dem Erdbeben und dem Tsunami vom 11. März 2011 und dem daraus resultierenden Unfall im Atomkraftwerk Fukushima. In NO MAN’S ZONE zeigt Fujiwara Toshi Bilder aus der verstrahlten Zone um die Atomreaktoren. Iwai Shunji widmet sich mit FRIENDS AFTER 3.11 der politischen, ökologischen und sozialen Lage Japans und seiner Abhängigkeit von Atomenergie, während Funahashi Atsushi in NUCLEAR NATION einen Bürgermeister ohne Stadt porträtiert.
Mit drei Spielfilmen ist auch das US-Independent-Kino stark im Programm vertreten. David Zellners märchenhafter KID-THING beschäftigt sich mit Alltag und Fantasie eines verwahrlosten Mädchens. Brian M. Cassidy und Melanie Shatzky folgen in FRANCINE einer aus der Haft entlassenen menschenscheuen, aber äußerst tierlieben Frau (gespielt von Oscar-Preisträgerin Melissa Leo).

Und So Yong Kim lässt in FOR ELLEN einen pflichtvergessenen Rockmusiker (gespielt von Paul Dano) den letzten Versuch unternehmen, eine Beziehung zu seiner kleinen Tochter aufzubauen.

21.01.12 20:02

Queere Geschichte und Geschichten in Panorama Dokumente

Queere Sichtweisen zeigen sich in Filmen aus den USA, Uganda, Indonesien und Deutschland in der Reihe Panorama Dokumente der Berlinale 2012. Im Portraitfilm VITO von Jeffrey Schwarz steht der amerikanische Aktivist und Filmhistoriker Vito Russo im Mittelpunkt. 1983 hielt Russo seinen heute berühmten Vortrag „The Celluloid Closet“ im Panorama, damals „Info-Schau“. Auf dem daraus entstandenen Buch, dem Standardwerk queerer Filmgeschichte, basierte der gleichnamige Film von Rob Epstein und Jeffrey Friedman, der 1996 den TEDDY Award gewann.

AUDRE LORDE - THE BERLIN YEARS 1984 TO 1992 beleuchtet die Berliner Jahre der „lesbischen, feministischen, schwarzen Dichterin, Mutter, Kämpferin“, in denen sie die Bewegung der Afrodeutschen anstieß und Mentorin für eine ganze Generation junger Studentinnen wurde. Anak-Anak Srikandi ist ein Kollektivfilm von acht jungen Frauen und beschreibt was es heißt, im islamischen Indonesien als queere Frau zu leben. Dem brutalen Mord und seiner politischen, christlich-religiösen und medialen Vorbereitung an dem ugandischen Schwulenaktivisten David Kato 2011 geht CALL ME KUCHU nach. Die deutschen Schwulenbewegungen in Ost und West schließlich beleuchten zwei Filme: UNTER MÄNNERN - SCHWUL IN DER DDR von Markus Stein und Ringo Rösener sowie DETLEF, Regie Stefan Westerwelle und Jan Rothstein. Die/Der Über/-Mutter/-Vater des deutschen queeren Films, Rosa von Praunheim, erzählt aus dem Leben und von der Arbeit eines der bekanntesten deutschen Comic-Autoren, Ralf König, in KÖNIG DES COMICS.

Naher Osten ein Schwerpunkt von Panorama Dokumente

Eröffnungsfilm der Panorama Dokumente der Berlinale 2012 ist THE RELUCTANT REVOLUTIONARY des Briten Sean McAllister, in dem ein jemenitischer Touristenführer beginnt, sich mit den politischen Veränderungen in seinem Land auseinanderzusetzen. Insgesamt zeigt die Sektion in diesem Jahr 19 Dokumentarfilme, die den Blick vor allem auf politische und soziale Themen werfen. Aktuell stehen 18 Beiträge der Panorama Dokumente bereits fest, darunter sind 13 Weltpremieren.
Wie der Eröffnungsfilm haben auch andere Beiträge der Reihe den „arabischen Frühling“ zum Thema: In WORDS OF WITNESS befragt von Mai Iskander eine junge Journalistin Passanten in Kairo über ihre Meinung zur Parlamentswahl, während die Dokumentation IN THE SHADOW OF A MAN der Regisseurin Hanan Abdalla die Sicht der Frauen auf die Ereignisse zeigt. Ein ganz anderes soziales Phänomen steht dagegen im Mittelpunkt von LA VIERGE, LES COPTES ET MOI: Eine vermeintlichen Marienerscheinung in einem von christlichen Kopten bewohnten Dorf in Ägypten.

17.01.12 8:55

Berlinale Countdown:
THE BIG LEBOWSKI vonEthan Coen und Joel Coen (1998)

Ok, ich gebe es ja zu -ich habe THE BIG LEBOWSKI nicht auf der Berlinale im Februar 1998 gesehen, sondern im Münchner Kino Türkendolch im März 1998, immerhin in der Originalversion. Auf der Berlinale hatte der Film im Wettbewerb nicht für Aufsehen gesorgt und natürlich hatte er keinen Preis gewonnen. Humor auf der Berlinale, das ist ohnehin ein schwieriges Thema. Außerdem wette ich, dass Jury, Kritiker und Publikum ähnlich verwirrt aus dem Kino gekommen sind, wie ich.

Aus diesem Grund muss ich meinen ersten Satz auch etwas präzisieren: Ich habe THE BIG LEBOWSKI im Münchner Kino Türkendolch im März 1998 zweimal gesehen. Beim ersten Mal wusste ich, dass ich etwas extrem Seltsames und Interessantes gesehen hatte, beim zweiten Mal begann ich auch die Zusammenhänge zu begreifen und bei den darauffolgenden Vorführungen 3 bis ca. 27 (die bisher letzte am 13. November 2011) erschloss sich mir nach und nach der Witz dieses Werks der Coen-Brüder – dieser Prozess wird nie enden. Wer das bizarr, obsessiv und krank findet klickt jetzt hier.
Auf der Berlinale 1998 lief also ein echter Kultfilm und niemand hat es gemerkt. Das war kurz zuvor auf dem Sundance Festival, wo der Film außer Konkurrenz gezeigt wurde, bereits ähnlich und ein Einspielergebnis von 17 Millionen US-Dollar in den amerikanischen Kinos ist auch kein Kassenschlager. Zum großen Geschäft wurde der Film erst im Nachhinein auf DVD. Well, all the dude ever wanted, was his rug back.

16.01.12 8:55

Berlinale Countdown:
THE PEOPLE VS. LARRY FLYNT von Miloš Forman (1997)

Von den Goldener-Bär-Gewinnern hört man nie wieder was! Die kommen nicht einmal ins Kino! Nöl! Nöl! Nöl! Yada, yada, yada! Die Leier trifft jedenfalls auf den Siegerfilm von 1997 nicht zu. THE PEOPLE VS. LARRY FLYNT von Miloš Forman spielte zwar nicht besonders viel Geld ein. Der Film über das Leben von Pornoverleger Larry Flynt, seine Gerichtsprozesse und schließlich das Attentat, das ihn zum Rollstuhlfahrer machte, entfachte eine lebhafte Diskussion über Pornographie und Redefreiheit, die auch die Politik in den USA beschäftigte. Wer hätte das gedacht: Bei der Berlinale gewinnen Filme, die spannend, unterhaltsam UND politisch sind.

Der Film räumte viele weitere Kritikerpreise ab und Forman und der Hauptdarsteller Woody Harrelson wurden für den Oscar nominiert. Schon allein Letzteres macht den Film für mich bemerkenswert: Eben noch hat Woody hinter der Theke des Cheers Gläser poliert und vier Jahre später bekommt er fast den Oscar – es rührt mich zu Tränen. Da hat er dann gegen Geoffrey Rush und SHINE verloren. Na ja, immerhin nicht gegen Ralph Fiennes als schmalziger englischer Patient.

12.01.12 17:34

Berlinale 2012: 58 Filme bewerben sich um Gläserne Bären

Mit zwölf Weltpremieren und drei internationalen Premieren komplettiert die Sektion Generation ihr Langfilmprogramm. Insgesamt 58 Kurz- und Langfilme aus 32 Ländern wurden für die Wettbewerbe Generation Kplus und Generation 14plus ausgewählt, zwei Filme laufen außer Konkurrenz. In den Generation Kinder- und Jugendjurys werden elf Berliner Kinder im Alter von elf bis 14 Jahren über den Siegerfilm Kplus sowie sieben Jugendliche über den Gewinner im Bereich 14plus entscheiden. Sie verleihen jeweils einen Gläsernen Bären an den besten Kurzfilm bzw. den besten Langfilm.
Darüber hinaus vergibt die fünfköpfige internationale Jury die Preise des Deutschen Kinderhilfswerks für den jeweils besten Kurz- und Langfilm im Wettbewerb Generation Kplus. Als langjähriger Partner der Sektion stiftet das Deutsche Kinderhilfswerk erneut die Preisgelder von insgesamt 10.000 Euro.

11.01.12 16:00

Berlinale 2012: Perspektive zeigt First-Steps-Gewinner und Max-Ophüls-Sieger am Kinotag

Die Perspektive Deutsches Kinowird die Idee des vergangenen Jahres fortsetzen und am letzten Tag der Berlinale 2012, dem 19. Februar, sowohl den Gewinner des Spielfilmwettbewerbs Max Ophüls Preis 2012 und den Dokumentarfilm-Gewinner des „First Steps Award 2011“ präsentieren. Träger des First Steps Award ist THE OTHER CHELSEA – EINE GESCHICHTE AUS DONEZK von Regisseur Jakob Preuss, der Max-Ophüls-Preisträger wird am 22. Januar gekürt.

10.01.12 20:00

Berlinale 2012: 13 Filme in der Perspektive Deutsches Kino

Mit 13 Filmen, darunter drei langen Dokumentar- und vier langen Spielfilmen sowie zwei Programmpunkten mit Vorführungen von jeweils drei mittellangen Filmen, ist die Perspektive Deutsches Kino 2012 komplett. Die Berliner Michael Schöbel und Ronald Vietz haben 2011 die Produktionsfirma Wildfremd Productions gegründet, um einen außergewöhnlichen Film über Jugendliche in den 80ern in der DDR zu machen. Unter der Regie von Marten Persiel beleben sie die fremde seltsame Welt der „Rollbrettfahrer“ in der DDR wieder und verwenden dafür wahre Schätze an ausgegrabenen Super-8-Filmen aus dieser Zeit. THIS AIN’T CALIFORNIA ist Persiels erster abendfüllender Dokumentarfilm.

Rebellion funktioniert auch mit Worten: DICHTER UND KÄMPFER von Marion Hütter begleitet vier Poetry Slammer aus Berlin, Leipzig, Bochum und Stuttgart ein Jahr lang mit der Kamera. Dritter dokumentarischer Langfilm ist der Eröffnungsfilm der Perspektive MAN FOR A DAY von Katarina Peters. Der Schriftsteller Tim Staffel hat für WESTERLAND zum ersten Mal hinter der Kamera gestanden und Regie geführt. Staffel ist mit seinem Roman „Terrordrom“ bekannt geworden und hat mit WESTERLAND sein 2008 erschienenes Buch „Jesús und Muhammed“ verfilmt, eine Liebesgeschichte zwischen zwei jungen Männern.
Der Spielfilm DIE VERMISSTEN von Jan Speckenbach mit André M. Hennicke in der Hauptrolle entwirft eine Eltern-Angst-Vision von verschwindenden Kindern. Jan Speckenbach, dessen Kurzfilm GESTERN IN EDEN 2008 in der Cinefondation in Cannes lief, spielt in seinem Abschlussfilm für die Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) mit einem bedrohlichen Szenario. Tamer Yiğit und Branka Prlić erzählen in ihrem selbstfinanzierten zweiten Spielfilm KARAMAN eine Migrationsgeschichte: Zehra (Isilay Gül) will aus der Türkei nach Deutschland auswandern – gegen den Willen ihrer Familie.
GEGEN MORGEN heißt das Regiedebut von Joachim Schoenfeld. Der Spielfilm über zwei Polizisten feierte seine Uraufführung bereits im Panorama-Spectrum auf dem Shanghai International Film Festival im Juni 2011.
Sechs mittellange Filme runden das Programm ab. Es sind die vier Spielfilme TRATTORIA, Regie: Soleen Yusef, ARARAT von Engin Kundag; SOMETIMES WE SIT AND THINK, AND SOMETIMES WE JUST SIT, Regie: Julian Pörksen und TAGE IN DER STADT von Janis Mazuch. Hinzu kommen die beiden mittellangen Dokumentarfilme RODICAS von Alice Gruia und STERBEN NICHT VORGESEHEN von Matthias Stoll.

04.01.12 13:36

Berlinale 2012: Historiendrama als Eröffnungsfilm

Die Berlinale holt die Kostüme raus: Der französisch-spanische Wettbewerbsbeitrag LES ADIEUX À LA REINE (Leb' wohl, meine Königin) eröffnet die 62. Filmfestspiele. Der französische Regisseur Benoît Jacquot (TOSCA, VILLA AMALIA, AU FONS DES BOIS) schildert in seiner Verfilmung des gleichnamigen preisgekrönten Romans von Chantal Thomas die ersten Tage der Französischen Revolution aus der Sicht der Dienerschaft am Hof des letzten Bourbonen-Königs Louis XVI. Diane Kruger spielt Königin Marie Antoinette, Xavier Beauvois Louis XVI.

31.12.11 14:22

Berlinale 2012: Perspektive eröffnet mit Dokumentarfilm über Diane Torr

Katarina Peters Dokumentation MAN FOR A DAY über die Künstlerin Diane Torr eröffnet die Perspektive Deutsches Kino des Jahres 2012. Torr ist unter anderem durch ihre Drag King-Workshops bekannt geworden: In zehn Stunden werden Frauen darauf vorbereitet, eine männliche Identität anzunehmen. Torr berät dabei nicht nur in Make Up- und Kleidungsfragen. Mit ihrer Erfahrung als Hamish McAllister, Jack Sprat oder Danny King vermittelt sie, was es heißt, als Mann zu gehen, zu stehen zu reden und Bier zu trinken. Die Regisseurin zeigt in ihrem zweiten Langfilm die Arbeit der Performerin bei einem Workshop in Berlin.

19.12.11 16:51

Berlinale 2012: Berlinale-Jury komplett

Jury-Präsident Mike Leigh bekommt Gesellschaft, die Besetzung der Berlinale-Jury 2012 steht fest. Über die Bären-Gewinner und den Alfred-Bauer-Preis für neue Perspektiven in der Filmkunst werden außer Leigh entscheiden: Der Regisseur und Fotograf Anton Corbijn, der Gewinner des Goldenen Bären 2011 und des Silbernen Bären 2009, Asghar Farhadi; außerdem die Schauspielerinnen Charlotte Gainsbourg und Barbara Sukowa und der Schauspieler Jake Gyllenhaal. Auch der französische Regisseur François Ozon und der algerische Schriftsteller Boualem Sansal, der in diesem Jahr den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels gewann, gehören dem Gremium an.

Berlinale 2012: Berlinale gibt fünf Filme für den Wettbewerb bekannt

Jetzt geht's los: Die ersten fünf Filme für den Wettbewerb der 62. Internationalen Filmfestspiele Berlin stehen fest - genauer gesagt drei Filme, die sich um den Goldenen Bären bewerben und zwei internationale Premieren, die außer Konkurrenz laufen.
Der Wettbewerbsbeitrag CAPTIVE ist eine Koproduktion von Frankreich, den Philippinen, Deutschland und Großbritannien. Der Film des Regisseurs Brillante Mendoza dreht sich um die Entführung einer Touristengruppe auf den Philippinen durch Terroristen im Jahr 2001. Die Hauptrollen spielen Isabell Huppert, Katherine Mulville und Marc Zanetta. Mendoza wurde 2009 in Cannes für KINATAY als bester Regisseur ausgezeichnet und gewann 2008 im Forum der Berlinale mit TIRADOR den Caligari Filmpreis.
Der spanische Wettbewerbsbeitrag DICTADO des Regisseurs Antonio Chavarrías ist ein Roadmovie mit Horrorelementen. Der dritte Beitrag ist der Film KEBUN BINATANG (Postkarten aus dem Zoo) des indonesischen Regisseurs Edwin über ein kleines Mädchen, das im Zoo aufgezogen wird.
Außer Konkurrenz wird EXTREMELY LOUD AND INCREDIBLY CLOSE von Stephen Daldry gezeigt. Diese Verfilmung des Romans von Jonathan Safran Foer läuft in dieser Woche in den USA an und erzählt mit Staraufgebot (Tom Hanks, Sandra Bullock) die Geschichte eines Jungen, dessen Vater bei den Terroranschägen von 9/11 ums Leben kommt. Die verschiedenen Trailer wecken schlimmen Schmonzetten-Verdacht und lassen eine misslungene Verfilmung eines sehr guten Buches befürchten.
Ebenfalls nicht im Rahmen des Wettbewerbs läuft der neue Film von Zhang Yimou JIN LING SHI SAN CHAI (Die Blumen des Krieges). In der chinesischen Produktion spielt Christian Bale einen Priester, der eine Gruppe Frauen während des Massakers der Japanischen Armee im chinesischen Nanking im Jahr 1937 retten will.

12.12.11 13:42

Berlinale 2012: Charlotte Gainsbourg pflegt schlechten Umgang

Die französische Schauspielerin und Sängerin Charlotte Gainsbourg kann einer notorisch unzuverlässigen Quelle zufolge ihre Klappe nicht halten: Im Interview mit einem unaussprechlichen Berliner Schmierblatt mit zwei Buchstaben (Name der festivalblog-Redaktion bekannt) sprach Gainsbourg angeblich darüber, dass sie Mitglied der Berlinale-Jury werde. Gegenwärtig kann keine seriöse Quelle dieses Gerücht bestätigen.

03.12.11 20:04

Berlinale 2012: Mike Leigh wird Jury-Präsident

Dieter Kosslick kümmert sich rührend um Senioren: 2012 wird der Großvater des New British Cinema, Mike Leigh, Präsident der Berlinale-Jury. Am 20. Februar, einen Tag nach Festivalende, feiert der englische Regisseur und Drehbuchautor seinen 69. Geburtstag. Leigh war zum letzten Mal im Jahr 2008 bei der Berlinale mit dem Wettbewerbsbeitrag HAPPY-GO-LUCKY zu Gast. Sally Hawkins, die Hauptdarstellerin des Films, erhielt damals den Silbernen Bären als beste Hauptdarstellerin. Mike Leigh wurde als Regisseur oder Autor insgesamt sieben Mal für den Oscar nominiert, zuletzt im Jahr 2010 für das beste Orginaldrehbuch zu ANOTHER YEAR.

18.02.11 19:30

ROTKOHL UND BLAUKRAUT von Anna Hepp

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Wer ist hier eigentlich der Exot?

„Meine Freundin will türkisch lernen – Geheimsprache und so sacht se“, erzählt Emma stolz. Emma ist die Tochter von Hakan und Tanja und hat noch eine Schwester. – „Ich steh‘ ja nicht morgens auf und sage ‚Ach, da ist ne Türkin‘, sondern das ist eben meine Frau“, sagt Jens. Jens ist mit Özen verheiratet, der älteren Schwester von Hakan – auch die beiden haben zwei Kinder. Die Familien Simsir-Sengelhoff und Möller-Simsir leben im Ruhrgebiet und erklären in Anna Hepps Dokumentarfilm, wie das Leben in einer deutsch-türkischen oder türkisch-deutschen Familie – ganz wie man will – funktioniert.

Herausgekommen ist ein interessanter, aufschlussreicher Film, der in vielen Momenten witzig und in manchen Momenten auch ernst ist. Wenn zum Beispiel Hakan sich daran erinnert, wie er sich gefühlt hat, als früher jemand zu ihm sagte „Scheißtürke, geh doch in Dein Land“, dann ist klar, dass es jenseits der Familienharmonie Konflikte gab und gibt. ROTKOHL UND BLAUKRAUT ist auch nicht so naiv zu behaupten, dass das Zusammenleben immer unproblematisch ist. Denn alle sind sich einig, dass es Dinge gibt, die „typisch deutsch“ oder „typisch türkisch“ sind und mit denen man sich von Zeit zu Zeit gehörig auf den Geist geht. Tanja zum Beispiel fühlt sich auf türkischen Hochzeiten fremd, was Hakan nicht verstehen kann und eher grummelnd akzeptiert.

Was auffällt ist, dass es die beiden Deutschen Tanja und Jens einfacher haben, obwohl sie „die Exoten in der Familie sind“, wie Jens mit einem Lachen sagt. Hakan und Özen stellen sich dagegen oft die Frage, ob sie türkisch oder deutsch sind. Was auch zu der Frage führt, warum das Thema einer türkisch-deutschen Familie eigentlich so spannend ist. Die Antwort ist ebenso klar wie ernüchternd: Eine solche Familie ist immer noch etwas Außergewöhnliches
Das Schöne an dem Film ist deswegen, dass es eigentlich gar nichts Außergewöhnliches zu entdecken gibt. Auch wenn viel von „kulturellen Unterschieden“ die Rede ist, in welchen Familien wundert man sich eigentlich nicht insgeheim, wie seltsam sich der jeweils angeheiratete Teil in manchen Situationen verhält?

KAMAKIA - DIE HELDEN DER INSEL von Jasin Challah

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Zeugen einer untergegangenen Kultur

Es geschah in alter Zeit in einem fernen Land jenseits des Meeres. Große Blechvögel schwebten herab, ihren Bäuchen entstiegen Frauen des nördlichen Europas und aus emotional eher kargen Ländern wie Deutschland oder Österreich. Diese Frauen dürsteten, sie dürsteten nach Liebe und Zuneigung, weil die Männer in der Heimat gefühllose Deppen waren, die Sandalen trugen und die Sportschau gucken wollten. Und siehe, die Frauen wurden mit offenen Armen empfangen von den Kamakia, den vom Eros geküssten, sonnengebräunten Helden der griechischen Inselwelt mit ihrem wallenden Brusthaar und ihren Virilität ausstrahlenden Schnäuzern. Alsbald herrschte eitel Freude unter den Frauen, die in den Armen der Männer lagen – mit etwas Sirtaki, Oliven mit Schafskäse und einem kleinem Ouzo und es war allen ein großes Wohlgefallen.

Diese sagenumwobenen Kamakia bringt uns Jasin Challah in seinem Dokumentarfilm näher. Das ist sehr, sehr komisch und eine echte Rarität in der Perspektive, in der ansonsten Humor dünn gesät ist. Ergraute aber immer noch lebenslustige Griechen erinnern sich redselig an bessere Zeiten, in denen die Frauen aus dem Norden sie aushielten und dafür einen attraktiven Lover für die Urlaubszeit bekamen. Sie reden darüber wie über eine untergegangene Kultur, denn dann kam das böse HI-Virus und bereitete dem fröhlichen Ringelpietz mit nicht nur Anfassen ein Ende.

DREILEBEN:
KOMM MIR NICHT NACH von Dominik Graf

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Geheimnisvolle Beziehungen

Vera und Bruno haben sich eine alte Villa in Dreileben gekauft, die eher wie ein altes, runtergekommenes Schloss aussieht und majestätisch am Hang über der Stadt thront. Ziemlich widerwillig und nur, weil das Hotel die Reservierung verschlampt hat, übernachtet die Polizeipsychologin Jo für ein paar Tage bei ihrer alten Freundin Vera. Jo soll für das LKA bei der Suche nach dem entflohenen Mörder Molesch helfen. Am Anfang haben sich die Freundinnen nicht viel zu sagen, doch dann entdecken Sie, dass sie vor einigen Jahren mit demselben Mann eine Beziehung hatten.

Das große Thema von Dominik Grafs KOMM MIR NICHT NACH ist das Geheimnis – oder genauer – die Geheimnisse der Gegenwart und die der Vergangenheit. Der Film bezieht seine ganze Spannung aus diesen Unbekannten und wie das Verborgene die Beziehungen der drei Hauptfiguren beeinflusst. Die Drei leben in ihrer Villa wie in einer eigenen Welt: Der eitle Schriftsteller Bruno, der erfolgreiche Schundromane schreibt, die rätselhafte, immer etwas arrogante Psychologin und Vera, die das Zusammenleben mit Bruno offensichtlich als letzte Chance zur Flucht aus der Einsamkeit gewählt hat. Diese etwas angestrengte Konstruktion funktioniert erstaunlich gut aufgrund der exzellenten Besetzung. Allen voran Mišel Matičević, der der Figur Bruno, die eigentlich nichts Interessantes zu sagen hat, erstaunliche Präsenz verleiht.

Als Zuschauer ist man nie sicher, was als nächstes passiert: Gehen sich die Freundinnen, die sich eher wie Konkurrentinnen benehmen, vielleicht doch noch gegenseitig an die Gurgel? Welche Beziehungen werden auseinanderbrechen? Am Ende ist es entscheidend, was die Figuren einander offenbaren. Nur eins sei verraten: Ein Geheimnis erfährt nur der Zuschauer.

DREILEBEN:
EINE MINUTE DUNKEL von Christoph Hochhäusler

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Der Wald als Freund und Feind

EINE MINUTE DUNKEL ist die Geschichte vom Gejagten und vom Jäger. Der Mörder Molesch entkommt aus dem Totenzimmer des Krankenhauses, in dem er von der toten Mutter Abschied nehmen sollte und der Polizist Kreil soll ihn fangen. Die Hauptrolle allerdings spielt der Thüringer Wald, in den Molesch sich flüchtet. Der Wald ist für den Fliehenden Freund und Feind zugleich: In ihm kann er sich vor den Hundestaffeln der Polizei verbergen, gleichzeitig treibt ihn eben dieser Wald weiter in den Irrsinn. Die Kamera von Reinhold Vorschneider nimmt den Zuschauer mit auf die Flucht. Gemeinsam mit Molesch taumeln wir umher und verlieren mehr und mehr die Orientierung. Die Kamera folgt uns oder ist uns voraus und schaut unruhig immer öfter nach oben, wo wir nur den Himmel und karge Tannenspitzen sehen.

Der Jäger Kreil kann auf dieser Jagd schon bald kaum folgen. Lahmgelegt vom Stress und vom Tinitus bleibt er zurück. So außer Gefecht gesetzt beginnt er nachzudenken und begibt sich in ganz anderem Sinn auf die Spur von Molesch. Er geht zurück in die Vergangenheit des Mörders und beginnt, den Mädchen-Mord in Dreileben neu aufzurollen, für den Molesch verurteilt wurde. Denn der Mord birgt ein Geheimnis, weil die Kamera, die die Tat aufzeichnete, eben in der entscheidenden Minute dunkel blieb.

Der Flüchtling Molesch taucht unterdessen immer weiter in seine eigene Welt ein, die nur noch von der Angst und vom Überlebenswillen gekennzeichnet ist – und Regisseur Christoph Hochhäusler zieht den Zuschauer unerbittlich mit in diese Welt hinein. In der Welt der Fakten und der Rationalität ist dagegen der Polizist Kreil unterwegs. Bei der Lösung seines Rätsels gelingt es ihm, die ersten Fäden zu entwirren. Während der ganzen Zeit ist der Zuschauer dabei unter Spannung, denn die Wege von Mörder und Polizist nähern sich einander an, weil auch Molesch noch einmal in das Haus, in dem er aufgewachsen ist zurückkehrt.

Hochhäusler erzählt die Geschichte wie eine alte Fabel. Mit ganz archaischen Bildern von Verlorenheit, Wahnsinn und Gewalt und einigen fast märchenhaften Szenen. Es ist ein düstere Fabel und der Zuschauer muss den Weg bis zum Ende mitgehen, um das Geheimnis zu erfahren.

17.02.11 19:00

KAMPF DER KÖNIGINNEN von Nicolas Steiner

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Die Kuh - Freundin und Kämpferin

Diese Königinnen tragen keine Krone, sondern Hörner. Die Protagonistinnen von Nicolas Steiners Dokumentarfilm sind Kühe. In den Nebenrollen agieren ihre Besitzer, die einem alten Schweizer Brauch frönen und die vierbeinigen Milchspender zum Kampf antreten lassen. Als Siegestrophäen gibt es, was sonst, prunkvoll gestaltete Kuhglocken.

Steiner folgt als Beobachter dem Bauern Bert Branschen und seiner „Dominga“, einem jungen Schweizer Radiojournalisten, der über das Spektakel berichtet und eine Jungsclique Moped-Fahrern, die sich weniger für die Kühe als vielmehr für eine attraktive jugendliche Kuhbesitzerin interessieren. Der Regisseur filmt in schwarz-weiß und ist immer nah dran. Kuh Dominga kaut in aller Seelenruhe, trottet in den Hänger und ist von der ganzen Angelegenheit offensichtlich viel weniger beeindruckt als ihr nervöser Herr (bei Kühen klingt Herrchen definitiv unangemessen).

Nun ist es ja so, dass sich beim Wort Kuhkampf das Herz eines jeden vernünftigen Menschen zusammenzieht. Ist das jetzt eine Schweizer Unart, die bisher nur deshalb im Verborgenen blüht, weil sich ein echter Schweizer Bauer natürlich nicht so dämlich aufgockelt wie ein spanischer Torero? Das Bemerkenswerte ist, dass Steiners Film die Kuhbesitzer nicht als tierverachtende Irre oder bestenfalls als Spinner mit einem skurrilen Hobby darstellt. Hier wird Brauchtum betrieben. Und wer die Bauernfamilie Brantschen mit Dominga im Stall und auf dem Turniergelände sieht, kann nicht bestreiten, dass Dominga eben ein echtes Mitglied dieser Familie ist.

Nun ist der Kampf selbst nicht so martialisch, wie das Wort vermuten lässt. Aber es ist doch schon sehr spektakulär, wenn die Kühe in der Arena die Köpfe nach unten nehmen, die Hörner einhaken und versuchen sich aus dem Weg zu schieben. Schließlich wiegt so eine Kuh zwischen 500 und 750 Kilo. Die Kamera folgt dem Ganzen mit großer Ruhe und die Kämpfe selbst – gewonnen hat die Kuh, die ihre Gegnerin nach hinten schiebt und zum Abdrehen zwingt – werden in sehr faszinierenden Superzeitlupen gezeigt. Dabei kommt es manchmal auch zu Verletzungen, das verschweigt der Film nicht. Aber erneut ertragen das die Kühe gelassener als die Bauern. Schließlich geschieht dieses Kräftemessen auch mal auf der Weide.

KAMPF DER KÖNIGINNEN hat fast etwas Meditatives in der Art und Weise, wie es das Fremde zeigt. Ob jetzt eher die Kühe oder die Schweizer das Fremde sind, möge jeder für sich entscheiden und genauso über die moralische Bewertung eines Kuhkampfes. Wer sich einfach mal darauf einlässt, kann diesen Film sehr genießen.

15.02.11 23:16

THE ADVOCATE FOR FAGDOM von Angélique Bosio

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Knarren, Schwänze, Körperflüssigkeiten

Ein sehr muskulöser nackter Mann posiert mit einem riesigen Gewehr und einer monströsen Erektion vor einer amerikanischen Flagge, überall literweise Blut – und das ist noch eine Untertreibung. Alle lächeln, alle freuen sich, alle haben Spaß – die nackten Models, die amerikanische Art Crowd. Willkommen in der Welt von Bruce LaBruce.

Wer ist Bruce LaBruce? Diese Frage versucht Angélique Bosio in ihrem Dokumentarfilm THE ADVOCATE FOR FAGDOM zu beantworten. So schwer scheint die Antwort gar nicht zu sein: Der Mann selbst, bürgerlicher Name Justin Stewart, sagt im dem Film, er habe Bruce LaBruce als alter ego erfunden. Eine Figur die intensiver sei und verrückter und mehr Interesse daran habe, berühmt oder berüchtigt zu sein. Irgendwann habe die Figur dann die Show übernommen. Heute kennt niemand Justin Stewart, aber Bruce LaBruce ist der King des Queercore. Ein gefeierter Filmemacher der auf Festivals in aller Welt schwule Arthouse Pornos (was immer das genau ist) zeigt, die in bizarren Zombie- und Trashwelten spielen. Die Differenz zwischen Person und Figur ist also damit geklärt, erklären tut das nichts.

Ich mag keine Pornos, ich mag keine Zombiefilme und mit Splatter Movies und SM-Gewaltexzessen auf der Leinwand, kann ich nichts anfangen. Und doch finde ich Bruce LaBruce unterhaltsam. Wie kann das nur sein? Er ist zum Verzweifeln. LaBruce hat etwas, über das in dem Film auch John Waters, Gus van Sant und viele andere sprechen: Irgendwo in der rasantesten Blutorgie blitzt ein Lächeln auf und trotzdem geht er weiter als alle anderen. Es ist wahrscheinlich dieser pure Spaß an der Grenzüberschreitung und der Subversion, mit dem er einerseits unterhält und anderseits wirklich alle gegen sich aufbringt. Der Skinhead der auf das Buchcover von „Mein Kampf“ abspritzt, der schwule Zombie, der einen Obdachlosen ins Leben zurückfickt, das Blut fließt in Strömen beim Sex und beim Blow-Job hat einer eine Schweinsmaske auf.

Bruce LaBruce hat schon alle erzürnt, das dokumentiert Angélique Bosio: Die linken Schwulen, weil er nicht politisch korrekt ist, die Queeren, weil er irgendwann das post-queere Zeitalter ausrief, die „Normalen“ sowieso, weil das alles ja irgendwie eher Hardcore als Artcore ist und die Konservativen kreisen eh‘ um die Lampe. Warum ist das jetzt so unterhaltsam? – Keine Ahnung, aber es ist so.

Im Cinemaxx 7 steht Bruce LaBruce ganz entspannt mit einem Weinglas in der rechten Hand, hat die obligatorische Sonnenbrille auf der Nase und plaudert. Der Mann ist der freundlichste Anarchist der Welt. Das ist es: Alle diese ja eigentlich so schockierenden Bilder haben etwas von der Anarchie des Kindergartens, wenn sich alle mit Fingerfarben oder Matsch beschmieren, obwohl sie es nicht sollen. Und genau darin liegt der Spaß: Die Freude über etwas, an dem man sich eigentlich nicht erfreuen darf. – Vielleicht bin ich aber einfach auch nur pervers. Macht nichts.

Interview: Dirk Lütter über DIE AUSBILDUNG (Gewinner "Dialogue en perspective")

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Dirk Lütters Langfilmdebüt DIE AUSBILDUNG betrachtet die moderne Arbeitswelt aus der Perspektive des 20-jährigen Jan, einem Auszubildenden in einem Call Center. Festivalblog hat mit dem Regisseur über seinen Film und über das, was Unternehmen von heute ihren Angestellten im Arbeitsalltag abverlangen.

Wie bist Du darauf gekommen, das Drehbuch so auf die Person des Auszubildenden zuzuspitzen?
Das es ein Auszubildender ist, war wirklich die erste Idee. Ich habe Ende der 90er Jahre einen Dokumentarfilm über drei Freunde gemacht, der 2001 rausgekommen ist. Er heißt „50374 Erftstadt“, so wie der Ort aus dem ich komme. In dem Film habe ich versucht, so etwas wie den Prototypen eines jungen Lebens in Westdeutschland zu zeichnen. Es geht um drei Freunde, die nach dem Abitur eine Ausbildung gemacht haben, angefangen haben zu arbeiten und damit auf unterschiedliche Art und Weise ihre Probleme hatten. Das war eben das ganz normale Leben dort in der Kleinstadt – auch in meiner Familie. Und mich hat immer interessiert, was da mit den Menschen macht und wie das prägt, wenn man mehr als die Hälfte des wachen Tages eine andere Person ist, als die, die man eigentlich ist.

Du meinst, dass man quasi eine Rolle spielt.
Genau. Wenn man etwas repräsentieren muss, etwas leisten soll und sich in gewisser Weise auch verstellen muss. Als zweites Phänomen ist mir der Konsum aufgefallen, den ich ja auch betrieben habe. Deswegen habe ich darüber nachgedacht, ob und wie das zusammenhängt – Arbeit und Konsum. Die Ausbildung ist ja eine Art Übergangszeit zwischen Schule und Arbeit, in der man noch nicht ganz in den Betrieb eingebunden ist, da hat man noch Welpenschutz. Erst danach beginnt dann der totale Ernst des Lebens.

Dein Interesse galt also dieser Sondersituation?
Die meisten Coming-of-Age-Filme handeln von jungen Menschen, die auf Widerstände stoßen, Hindernisse überwinden und so zu einem eigenständigen Menschen werden, der seine eigenen Entscheidungen trifft. Das halte ich für eine ziemliche Romantisierung. Ich sehe das nicht so. Die Schulzeit ist zu einem guten Teil Vorbereitung auf das Arbeitsleben, pünktlich kommen, still sitzen, von anderen gestellte Aufgaben bewältigen. Nach der Schule kommt man ja eigentlich nur in die nächste Stufe, also die Ausbildung, und das hat für mich wenig mit Selbstbestimmung und Selbständigkeit zu tun. Im Beruf sind dann viele komplett fremdbestimmt und fern von Sinnerfüllung, stehen obendrein noch unter enormem Leistungsdruck. Deswegen war für mich dieser Angelpunkt zwischen Schule und Beruf gut geeignet. Zusätzlich gibt es in diesem Alter dann noch diese Dinge, die einen Ausgleich darstellen sollen: Das Einkaufen, das Autofahren, die Discobesuche – wie wir eben früher so durch die Provinz gerast sind. Das war ja eigentlich totaler Quatsch (lacht). Dann passt man sich Stück für Stück so ein.

Das ist mir auch an der Hauptfigur Jan aufgefallen. War das von Anfang an so angelegt oder hat sich das erst in der Arbeit mit dem Schauspieler Joseph Bundschuh ergeben? Denn Jan ist ja ein unglaublich kontrollierter junger Mann, der ja fast gar nichts von einem Jugendlichen hat.
Er hat nichts vom Klischee eines Jugendlichen. Selbstkontrolle ist ja heute das Wichtigste im Berufsleben und das ist sehr allumfassend geworden. Wenn man heute in diesen ganzen Dienstleistungsberufen nicht selbstkontrolliert ist, fliegt man halt raus. Man muss immer die Form wahren und die Fassade aufrecht erhalten. Diese Leute habe ich auch schon in meiner Jugend gesehen. Das Klischee, dass Jugendliche über die Stränge schlagen und ausbrechen, stimmt ja nicht. Das ist nur ein kleiner Prozentsatz. Mein Eindruck von den jungen Leuten die ich getroffen habe, zum Beispiel auch während des Castings, war, dass – wenn überhaupt – ein ganz kontrollierter Ausbruch stattgefunden hat. Die unkontrollierte Jugend ist ein Filmklischee. Der Berufsterror geht ja heute schon mit 14 in der Schule los. Was will ich werden? Wie schreibe ich eine Bewerbung, Auslandsaufenthalt, Praktika für den Lebenslauf, usw.? Jugend hat für mich nichts mit Undiszipliniertheit zu tun. Ich wollte einen Jugendlichen zeigen, der schon sehr erwachsen ist.

Und da passte Joseph Bundschuh genau.
Er kann das sehr gut. Joseph ist ein ganz erstaunlicher Schauspieler, weil er ungeheuer präzise ist. Das hat, glaube ich, auch damit zu tun, dass er Trommler in einer Band ist. Er hat viel Gefühl für Rhythmus und Bewegungsabläufe. Gleichzeitig ist er auch als Mensch sehr konzentriert. Von seiner Lebenseinstellung hat er mit der Figur Jan gar nicht soviel gemeinsam, aber wie haben mit der Coachin Daniela Holtz daran gearbeitet, Gemeinsamkeiten zwischen der Rolle und der eigenen Persönlichkeit zu finden. Das hat uns bei der Arbeit sehr geholfen die jugendlichen Figuren Jan und Jenny emotional zu unterfüttern. Wir haben drei Tage in verschiedenen Schauspielerkonstellationen mit ihr gearbeitet.

Das Drehbuch ist sehr spartanisch, weil Du Sprache sehr sparsam und genau einsetzt, deswegen haben die Schauspieler Raum zu spielen. Wieviel Zeit und Mühe hat Dich das gekostet?
An dem Drehbuch habe ich vier Jahre gearbeitet. Im Schnitt ist noch einiges rausgeflogen. Ich habe im Schnitt wieder viel gelernt. Die wenigen Worte waren so angelegt. Dialoglastige Filme finde ich nicht so interessant, weil sie dem Zuschauer meistens keinen Raum zum Nachdenken lassen. Da wird der Zuschauer häufig mit Gefühlsbehauptungen oder Gefühlssimulationen bombardiert. Mir sind die Pausen zwischen den Sätzen wichtig. Damit wollte ich einerseits die Hemmungen und den fehlenden Zugang zu den eigenen Gefühlen und den Gefühlen des Gegenübers darstellen und bestimmte Sätze betonen; andererseits geben der sparsame Einsatz von Dialog und Pausen zwischen den Dialogen dem Zuschauer Raum, um selbst zu denken. Filme, die ich mache, Filme überhaupt, sind schon manipulativ genug. In 99 Prozent der Filme haben die Zuschauer inmitten von Text, Musik, Bildern und Schnitt gar keine Zeit für eigene Gedanken. Das finde ich furchtbar. Es ist auch mal gut, wenn sich der Zuschauer zwischendurch langweilt. Dann geht das denken los, bei mir zumindest ist das so. (lacht)

Der Film ist auch in seinen Bildern sehr wirkungsvoll. Was war der Leitfaden für die Kameraarbeit von Henner Besuch?
Für die Bildgestaltung war es wichtig, das Strukturelle der Welt, in der Jan lebt, sichtbar zu machen. Die Bildausschnitte sollten wie Teile einer Struktur wirken. Die Umgebung ist dafür wichtig und muss sichtbar sein, denn sie steht für die Struktur. Vertikalen bestimmen zum Beispiel die Arbeitsräume und grenzen die Menschen bildlich ein. Durch die Wiederholung von Orten und Einstellungsgrößen stellt sich dieser Effekt zusätzlich ein, ebenso durch wenig Kamerabewegung. Das lässt auch dem Zuschauer auch Zeit zum Wahrnehmen, Entdecken und Denken. Außerdem sollte wenig Horizont im Bild sein, wenig freier Blick - und wenn, dann begrenzt, zum Beispiel. durch Fensterrahmen, etc.
Das Licht haben wir in der Regel und wenn möglich relativ flächig gemacht, damit der Mensch im Bild keine schützenden Schatten hat – ein Symbol dafür, dass es kein Entkommen innerhalb des Systems gibt. Darüber hinaus sind die Dinge, besonders in der Firma und im Einkaufszentrum genauso hell wie die Menschen. Die Dinge als Vertreter der Struktur stehen also mit den Menschen auf einer Hierarchieebene.

Das Bild der Arbeitswelt, das der Film zeigt, ist ja fast hoffnungslos. Ist das Dein Bild der gesamten Arbeitswelt. Du kritisierst vor allem die Disziplinierung. Wie gehst Du eigentlich damit um, dass gerade das Filmemachen soviel Disziplin verlangt?
Erstmal zu dem Widerspruch: Natürlich ist Filmemachen – vor allem der Dreh und das Drehbuchschreiben – ungeheuer diszipliniert. Das ist vor allem für die schwierig, die am Set nicht Heads of Department sind. Ich habe ja auch als Kamera-Assistent gearbeitet. Da wechseln Zeiten totaler Ödnis mit Zeiten totaler Konzentriertheit und Überlastung – ziemlich schrecklich. Man kann bestimmt entspannt Filme machen. Ich kann das noch nicht. (lacht) Ich bin ja auch Teil des Systems und davon geprägt. Damit muss ich leben, aber ich arbeite daran. Was die Arbeitswelt betrifft, glaube ich, dass ein Großteil so funktioniert wie im Film. Es gibt Ausnahmen, aber je Profitgetriebener ein Arbeitsplatz ist, je größer ein Unternehmen, umso mehr ist man Rädchen, muss man funktionieren. Arbeitsteilung ist zwar ökonomisch effektiv, aber immer das Gleiche zu machen, ist doch sehr langweilig. Arbeit kann in diesem System nur so funktionieren, es geht ja um Profit, nicht um Menschen. Häufig fehlt auch noch der Sinn, weil man ja nichts herstellt, was wirklich essentiell wäre, was man selber oder andere dringend brauchen, sondern irgendwas, was irgendwem Geld einbringen soll.

Das Interview führte Steffen Wagner.

14.02.11 19:30

WEISST DU EIGENTLICH ... von Lothar Herzog

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Die Hölle, das ist der Andere

Am Anfang ist alles so harmonisch. Lena steht auf dem Balkon und erzählt ihrem Freund Mario, dass im Park die Blumen blühen und wie sehr sie sich darauf freut, ihn später zu sehen. Es folgt die Enttäuschung: Er muss lange arbeiten, der Rückweg ist zu weit, er kommt heute nicht. Ganz klar, wer da der rücksichtslose Bösewicht ist.

Doch schnell wird klar: Lena hat ein Problem. Sie braucht die Aufmerksamkeit von Mario in jeder Sekunde. Er darf sich nicht ablenken lassen, niemals und von niemandem. Nichtbeachtung treibt Lena zu extremen Formen der Bestrafung. Sich selbst verletzt sie, Mario straft sie mit Psychoterror. In knapp 30 Minuten inszeniert Lothar Herzog die perfekte Beziehungshölle. Am Ende liegen die beiden im Bett – nebeneinander nicht miteinander. Wenn sie wieder aufwachen, das ahnt der Zuschauer, geht der Kampf in die nächste Runde.

EISBLUMEN von Susan Gordanshekan

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Von einem, der nicht helfen darf

Der junge Bosnier Amir, der illegal in Deutschland ist, betreut die demenzkranke Frau Osterloh, die irgendwo am Rande der Stadt allein in einer besseren Laubensiedlung gleich am Bahndamm wohnt. Amir und Frau Osterloh brauchen einander. Amir, weil er das Geld und eine Aufgabe braucht und Frau Osterloh, weil sich niemand um sie kümmert und sie schlicht nicht mehr alleine leben kann.

Wer bei dieser Zusammenfassung gleich Alarmglocken hört – Hilfe! Schmonzettenverdacht, Melodram über Randfiguren der Gesellschaft – der sollte sich beruhigt im Kinosessel zurücklehnen. Susan Gordanshekan hat einen richtig guten Kurzfilm gemacht. Zwei sehr gute Hauptdarsteller, Arnel Taci und Renate Grosser, spielen die Geschichte ohne falsche Sentimentalität und sogar mit Witz. Ohne jede Aufdringlichkeit stellt der Film die Frage, wie es eigentlich sein kann, dass jemand der helfen will, nicht helfen darf und dass jemand, der Hilfe benötigt, diese deswegen nicht bekommt.

DIGAME - SAG MIR von Josephine Frydetzki

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Estebans Unabhängigkeitstag

Ganz Buenos Aires feiert Argentiniens Unabhängigkeitstag. Und was macht Esteban? Er zerbricht alle Strukturen seines bisherigen Lebens: Sein Plattenladen ist Pleite, seine Ehe am Ende und sein eigener Sohn hält ihn offensichtlich für einen vollkommenen Verlierer. Esteban treibt durch den Tag und gehört nirgends mehr dazu. Dann führt ein eigentlich nichtiger Anlass, der Streit um einen Fußball auch noch zu einer mittleren Katastrophe.

Josephine Frydetzki erzählt in diesem Kurzspielfilm Estebans Geschichte in zum Teil traumartigen Bildern und schafft so in kurzer Zeit eine fesselnde Atmosphäre. Am Ende kann der Zuschauer für sich entscheiden, ob Esteban ein Mann ist, der sich von vielen Lasten befreit und loslässt oder ob er nicht eher ein Spielball des Schicksals ist, dessen bisheriges Leben auf einmal in Trümmern liegt.

13.02.11 19:00

VATERLANDSVERRÄTER von Annekatrin Hendel

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Kleines Lichtchen, große Wut

„Eine saumäßige Leistung als Bericht“, sagt Paul Gratzik, „das kleine Lichtchen, das kleine Arschloch schätzt ein.“ Paul Gratzik liest einen Bericht des inoffiziellen Mitarbeiters IM Peter der Staatssicherheit – er liest einen Bericht, den er selbst geschrieben hat. Von 1962 bis 1981 war der Schriftsteller und Theaterautor IM für die Stasi und berichtete über Freunde und Kollegen. Dann enttarnte er sich 1981 selbst, wollte nicht mehr mitmachen. Es folgten Sanktionen, Zermürbungen durch den Unrechtsstaatsapparat und natürlich Veröffentlichungsverbot.

Annekartin Hendel hat den Film über Gratziks Leben gemacht, in dem Verrat fast 40 Jahre eine Rolle gespielt hat. Gratzik ist nicht gerade ein kooperativer Protagonist. Er wütet wechselweise gegen die Kapitalisten, die Stasi und auch gegen die Regisseurin: „Ich hör' diese scheiß westdeutschen Filmfragen genau raus!“. Aber Gratzik setzt sich mit seinem Leben auseinander und manchmal glaubt man, dass ihn der innere Zwiespalt zerreißt. Dann will er Dinge beiseite wischen oder behauptet, kein Gewissen zu haben. Wenn er aus seinen eigenen IM-Berichten vorliest, mag er sich über den Stil mokieren, aber er ist wirklich berührt und deswegen auch berührend. Jeder, der genau hinschaut sieht, dass hier ein Mann sitzt, der durch sein Aufbrausen viel verdecken will, der es sich aber eben nicht leicht macht.

Die große Leistung der Filmemacherin ist, dass sie hartnäckig bleibt und darüber hinaus auch Menschen zu Wort kommen lässt, über die der Schriftsteller berichtet hat. Durch die Hartnäckigkeit öffnet sich Gratzik und durch die vielen unterschiedlichen Stimmen ergibt sich ein differenziertes Bild eines Menschen, der vom Arbeiter zum Schriftsteller wurde, trotz Widerständen erfolgreich war und viele persönliche Niederlagen erlitten hat. Einfache Täter-Opfer-Zuweisungen werden so unmöglich. „Auch Verräter leiden“, sagt Gratzik.

„Seit Mitte der 80er Jahre lebt und dichtet Paul Gratzik zwischen Templin und Prenzlau glücklich in der Uckermark und erwartet knieenden Herzens sein seeliges Ende.“ So schreibt Paul Gratzik über sich selbst. Der eigentliche Vaterlandsverräter heißt übrigens Günter Wenzel. Er war Gratziks Führungsoffizier und kommt im Film auch zu Wort. Wenzel ist sich sicher, keinen Fehler gemacht zu haben. Er ist der Mann ohne Gewissen.

12.02.11 19:00

DIE AUSBILDUNG von Dirk Lütter

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(Un)Freiwillige Selbstkontrolle

Jan ist 20 und arbeitet in einem Call Center. Jan will alles richtig machen – immer. Denn Jan ist noch in der Ausbildung und will danach unbedingt übernommen werden. Er steht unter Druck und will mit eiserner Selbstdisziplin standhalten. Regisseur Dirk Lütter zeichnet in seinem Langfilm-Debüt ein Bild der modernen Arbeitswelt und erzählt gleichzeitig eine Geschichte vom Erwachsenwerden. Sein präzises, realistisches Drehbuch versetzt seine Hauptfigur in eine Situation, in der ihr immer mehr Verantwortung aufgebürdet wird: Die schlechte Performance der Abteilung, in der Jan arbeitet, die Veränderungen im Betrieb, in der Jans Mutter auch Betriebsrätin ist, und schließlich seine Liebe zur neuen Zeitarbeiterin Jenny – alles das sind Konflikte, die von Jan Entscheidungen verlangen.

Darsteller Joseph K. Bundschuh verleiht der Hauptfigur eine fast unheimliche Intensität. Jan ist immer angespannt, immer aufmerksam. So, das hat er schon gelernt, muss man sich in der Unternehmenswelt verhalten. Und natürlich muss die Leistung besser werden, wie ihm der Personalchef Tobias immer wieder predigt. Auch Jenny (Anke Retzlaff) hat diese Regeln bereits verinnerlicht: „Ich bin hier nur Zeitarbeiterin“, sagt sie und lehnt das Glas Sekt bei einer Geburtstagsfeier im Büro ab. Der Kuss mit Jan auf dem Bürogang ist da fast schon eine Revolution. Dirk Lütter zeigt zwei Jugendliche, die kaum noch Jugendliche sein können, selbst in der Freizeit nicht. Lütter hat für seinen Film lange recherchiert – in Unternehmen, in Gesprächen mit Jugendlichen. Und er hat das, was er erfahren hat, auch in die Arbeit mit seinen Schauspielern eingebracht. Diese Vorbereitung ist das große Kapital des Films, dessen Geschichte genauso auf das Wesentliche konzentriert ist, wie das Spiel seiner Darsteller und die genaue, stimmige Bildsprache von Henner Besuchs Kamera.

Die Druck unter dem Jan steht, wird im Verlauf des Films immer größer. Im schnöden Berufsalltag stellen sich auf einmal große Fragen nach Loyalität oder dem richtigen Handeln und dem Zustand der Arbeitswelt als solche. DIE AUSBILDUNG ist das perfekte Beispiel dafür, dass ein Film ungeheuer spannend sein kann und dabei trotzdem auf alles Spektakuläre und vordergründige Effekte verzichtet. Was passiert, wird hier nicht verraten, weil das ein Film ist, den man sehen muss. Es ist der herausragende Film der Perspektive Deutsches Kino 2011 und einer der besten Perspektive-Beiträge der vergangenen Jahre.

Zum Interview mit Dirk Lütter über seinen Film

11.02.11 19:00

UTOPIA LTD von Sandra Trostel

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Robota unterwegs in Sachen Selbstverwirklichung

„Mach doch bitte mit, so macht doch bitte mit. Tanz doch bitte mit, so tanz doch bitte mit“ – singen 1000 Robota im ersten Song ihres Debütalbums von 2008. Das ist die Aufforderung, das ist das Programm. Denn die drei von 1000 Robota wollen etwas: Sie wollen eine neue Jugendbewegung entstehen lassen, von denen sie ihren Kindern später erzählen können. Größenwahnsinnig? Aber sicher! Warum soll man mit 17 und 18 – so alt sind Anton Spielmann, Jonas Hinnerkort und Sebastian Muxfeldt als sie zum ersten Mal in Studio gehen – auch nicht größenwahnsinnig sein?

Sandra Trostel war schon mit der Kamera dabei, bevor die Gruppe überhaupt ins Studio ging. Bei einem Konzert war sie von der Energie und der Präsenz der drei so beeindruckt, dass sie beschloss einen Film über sie zu machen. Dabei war die Regisseurin so klug, sich nicht auf ein bloßes Bandportrait zu beschränken – herausgekommen ist ein Film über das, was passiert, wenn sich eine junge neue Band im Musikbusiness weigert das Gehirn auszuschalten: Ein ständiges Schwanken zwischen Ambition und Frustration, zwischen künstlerischem Anspruch und den Zwängen des Geschäfts.

Die Regisseurin ist immer dabei: Im Studio beim Zoff mit dem Produzenten, in billigen Hotels und Jugendherbergen und auch auf einer bizarren Promotour nach London. Sandra Trostel ist nah dran, aber die Kamera drängt sich nie auf, nichts wird oder wirkt inszeniert. Wer sich aufdrängt, sind Journalisten. Sie stellen manchmal die Mehrheit des Konzertpublikums. Überhaupt sind alte Leute in der Überzahl, jedenfalls Leute, die mindestens doppelt so alt wie die Musiker sind. Der Band bereitet das sichtbaren Verdruss. Auch sie gestehen sich ein, dass die, die sie erreichen wollen, nur sehr zögernd kommen.

Der Film zeigt das alles. Das Sendungsbewusstsein, die Enttäuschung, die Diskussionen darüber und über das Selbstverständnis als Musiker. Nicht zu schweigen von dem Erschrecken der Band über die Gefräßigkeit des Musikgeschäfts und den dickschädeligen Willen, das nur begrenzt mitzumachen. Der Zuschauer stellt mit den Robotan fest: Die Fähigkeit zur Selbstreflexion macht das Musikbusiness nicht einfacher – eine Erkenntnis in guter Hamburger Tradition.

Sandra Trostel fängt auch eine sehr persönliche Dimension ihrer Protagonisten ein, wir sehen Verletzlichkeit und Arroganz. Doch dabei stellt die Kamera die Musiker nie aus oder führt sie vor. Das wäre sehr einfach gewesen, in einer Situation, in der eine Band fast hysterisch in deutschen Feuilletons zitiert wird, während ihre Konzerte ziemlich leer bleiben. Der Film überzeugt gerade, weil er nicht so einfach gestrickt ist. Denn am Ende ist alles offen: Das zweite Album wir mit einer neuen Plattenfirma in Angriff genommen. Einige neue Songs sind schon fertig. Die Mission bleibt die gleiche. Was sagt Anton: „Hab‘ Deine eigene Idee mit uns gemeinsam.“ - Wer traut sich?

zum Interview mit Sandra Trostel über ihren Film

10.02.11 6:00

Festivalblog-Interview: Sandra Trostel über UTOPIA LTD

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Sandra Trostels erster langer Film UTOPIA LTD ist eine Dokumentation über das Musikgeschäft, die am morgigen Freitag um 19.30 Uhr im Cinemaxx 3 die Perspektive Deutsches Kino eröffnet. Sie hat die ersten Karriereschritte der jungen Hamburger Band 1000 Robota fast zwei Jahre lang begleitet. Herausgekommen ist ein spannender Film über drei Jungs, denen Musik noch etwas bedeutet und eine interessante Momentaufnahme von Jugendkultur und Pop-Musik in der Klemme zwischen Kunst und wirtschaftlichen Zwängen. Festivalblog hat die Filmemacherin interviewt.

Warum wolltest Du einen Film machen, der sich mit 1000 Robota beschäftigt?
Das war eigentlich Zufall. Ich habe sie zum ersten Mal bei einem Konzert gesehen, als sie als Vorband von Superpunk gespielt haben. Das war auch eines ihrer ersten Konzerte. Sowas hab‘ ich lange nicht gesehen – sowas Energetisches, Anklagendes, frei Rausgesprochenes. Einfach die Art, wie sie sich gegeben und auf der Bühne verhalten haben und die Texte ihrer Lieder.

Die waren einfach anders?
Ja. Deswegen ist der Film auch kein Bandportrait, er geht viel weiter. Die Robota sind ein Beispiel für viele andere in der Gesellschaft. In ihnen kann sich jeder wiederfinden, wenn er will.

War die Idee, mit der Gruppe einen Film zu machen, gleich von Anfang an da?
Das kam wirklich ganz spontan aus dem Bauch heraus. Dann habe ich ungefähr drei Wochen darüber nachgedacht und dabei wurde mir auch klar, warum ich die Robota so gut finde, was mich an ihnen interessiert und was mich so fasziniert hat. Danach habe ich mit ihnen Kontakt aufgenommen, wir haben gesprochen und so hat sich auch das Thema des Films weiter entwickelt.

Wie schreibt man für so einen Film eigentlich ein Buch?
Das ist eine gute Frage. Normalerweise schreibt man für so einen Film am besten gar kein Buch. Aber das wird ja gewünscht. Man muss das machen um Fördergelder beantragen zu können. Das ist bei so einem Film sehr schwierig. Ich kann zwar das übergeordnete Thema beschreiben, aber ich kann ja nicht vorher festlegen, was passiert. Ich lehne es vollkommen ab, etwas zu schreiben und die Protagonisten dann in eine bestimmte Richtung zu drücken. Das wäre Manipulation und das finde ich für diese Art der Dokumentation verwerflich.
Als Filmemacherin habe ich meinen Protagonisten gegenüber eine Verantwortung - man muss seine Protagonisten lieb haben. Wenn ich vorher alles aufschreibe und dann meine Fragen stelle, habe ich einen „Talking Heads“-Film, der nur über die Vergangenheit erzählt. Ich wollte aber dabei sein. Das hat auch die Finanzierung schwierig gemacht. Das war ein schwieriger Drahtseilakt, das überhaupt in der Form hinzukriegen.

War denn dein Dabeisein für die Band oder die damalige Plattenfirma „Tapete“ ein Problem?
Nee. Als ich damals zur Band gegangen bin und sie gefragt habe, ob ich einen Dokumentarfilm machen kann, haben die gedacht „Spinnt die eigentlich?“. Natürlich war das für sie einfach wahnsinnig aufregend. Ich glaube, in gewissen Momenten waren Sie auch ganz froh, dass wir dabei waren. Es kam von ihnen nie sowas wie „Jetzt will ich Dich nicht dabei haben“. Es kam höchstens mal ein „Jetzt mach‘ doch mal aus.“ Dann bin ich auch darauf eingegangen.

Auch der Konflikt zwischen der Band und der Plattenfirma, als sie sich im Studio gemeinsam die Aufnahmen anhören, ist ja mit im Film. Da spürt man schon die Spannung und die Frage, ob die Band ihre Vorstellung von der Platte – konkret soll der Song „Hamburg brennt“ auf das Album – durchsetzt oder nicht. [1000 Robota wollten den Song, der schon vorher auf einer EP erschienen war, nicht auf Platte haben und dabei blieb es dann auch.]
Das war eine ziemlich heftige Szene. Ich empfand das auch während des Drehs als Schlüsselmoment. Die Jungs sind sich da treu geblieben. Aber ich habe auch Tapete verstanden die müssen mit den gegebenen Umständen zurechtkommen und gucken, dass ihre Firma am Laufen bleibt. Das war interessant. Man kann gar nicht sagen „die verhalten sich richtig und die verhalten sich falsch“. Das zeigt eben auch wie jeder in der Mühle drinsteckt.

Eine interessante Essenz des Films ist für mich auch, dass die alte Regel im Musikgeschäft „Wenn Du mediale Aufmerksamkeit hast, hast Du Erfolg“ nicht mehr gilt. Hast Du das auch festgestellt?
Ja. Es gab um die Jungs einen großen medialen Hype, der sich so nicht erfüllt hat. Die Leute die darüber schreiben, sind ja älter – so zwischen 30 und 50. Die fühlen sich an ihre eigene Jugend erinnert. Auch jetzt nach der zweiten Platte habe ich das Gefühl, dass da viel älteres Publikum rumsteht, die Jüngeren sind weniger vertreten. Ich bin ja lange mit der Band unterwegs gewesen und habe viele kennengelernt, die so alt waren wie die Bandmitglieder - also 17, 18, 19 Jahre – bei diesem Publikum gibt es eine ungeheure Flüchtigkeit. Man klickt sich den ganzen Tag durch fünf Millionen Möglichkeiten. Nur wenige aus dieser Altersgruppe geben Geld für Musik aus, beziehungsweise wollen sich intensiv damit beschäftigen. Diejenigen, die die Band ansprechen wollte, sind nicht so auf die Musik angesprungen.
Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie Anton bei diesem ersten Konzert in Hamburg sagte: „Ey, hier sind ja nur alte Leute.“

Die Idee der Band ist ja „Hab Deine eigene Ideen mit uns gemeinsam“, wie Anton im Film sagt. Glaubt die Band, dass das funktioniert hat – ganz unabhängig vom wirtschaftlichen Erfolg?
Ich denke schon, dass sie sich eine eigene Welt geschaffen haben. Eine Jugendbewegung, eine Subkultur. Aber das ist eben doch sehr klein geblieben. Aber das, wovon sie geträumt haben, eine große Gruppe Jugendlicher zusammenzubringen, um gemeinsam "Nein!" zu sagen, das ist gar nicht mehr möglich. Sobald sowas aufkeimt, wird es aufgegriffen, vermarktet, ausgesaugt und wieder ausgespuckt. Diese Erfahrung hat die Band auch gemacht.

Hast Du da ein Beispiel?
Allein dass der „Bundesvision Songcontest“ [von Stefan Raab] auf die Band gekommen ist, die ja noch kaum jemand kannte. Das ist, wie wenn man sich bei H&M einmal durch die Regale kauft, da ist von jeder Zeit und jeder Idee etwas dabei…

Mich hat das gar nicht gewundert mit dem Bundesvision Songcontest. 1000 Robota hätten der Veranstaltung quasi künstlerische Legitimität verliehen. Die hätten sich mit einem Vertreter der Subkultur wieder einen neuen Markt erschlossen.
Genau deswegen hat es die Band am Ende ja auch abgelehnt. Wenn du deinen eigenen Weg gehen willst und deinen eigenen Kopf hast, wirst du als junger Musiker bei sowas nur verheizt. Das ist für gestandene Musiker wie zum Beispiel Peter Fox, Deichkind oder Fettes Brot was ganz anderes. Das Problem für 1000 Robota und andere junge Bands ist, dass sie gar keine Chance haben, sich zu entwickeln. Vielleicht kommen Leute auch dazu, darüber nachzudenken, wenn sie den Film sehen. Eine Band fällt eben nicht vollkommen vom Himmel. Heute soll sofort alles perfekt sein. Es gibt keine weiteren Chancen mehr, sich über zwei oder drei Alben zu entwickeln. Dadurch entstehen viele Dinge gar nicht mehr und das ist schade, dass es keine Möglichkeit mehr gibt, Fehler zu machen und sich weiterzuentwickeln. Die Gesellschaft beschneidet sich ja selbst damit. Das ist nicht nur bei der Musik so.

Der Film zeigt aber auch, dass heute alles viel schneller geht. Heute kann jede Band, die ein paarmal aufgetreten ist, eine CD produzieren.
Das ist die Demokratisierung der Medien. Das ist beim Musikaufnehmen so, aber auch beim Filmemachen. Das ist einerseits was Gutes, weil jeder etwas machen kann, fernab von wirtschaftlichen Zwängen, aber andererseits wird der Markt überschwemmt und keiner hat mehr den Überblick. Ich selbst habe ja auch Schwierigkeiten mich mit neuen Sachen, ob jetzt Musik oder Film, angemessen zu beschäftigen, weil man alles nur noch schnell überfliegt und sich damit nicht mehr auseinandersetzten kann.

Was mir auch aufgefallen ist bei der Band, ist diese Tendenz, immer die eigene Rolle und den Bezug zur Gesellschaft zu reflektieren. Das gibt es ja bei vielen deutschen Bands. Ist das was typisch Deutsches?
Ja, das kann sein. Dieses Ernsthafte, aber das ist ja auch nicht so verkehrt. Aber die Jungs sind durch das, was sie erlebt haben, dazu genötigt worden.
Dazu beigetragen hat auch dass sie ständig mit Journalisten, die Fragen gestellt haben, konfrontiert waren. Häufig haben Sie vor den Konzerten gesagt „Jetzt sind schon wieder so viele Journalisten da, wo sind denn die Leute?“. Sie mussten dadurch auch lernen, sich auszudrücken und waren oft frustriert, dass Einiges falsch rüberkam und viele Journalisten immer nur alles voneinander abgeschrieben haben. Deswegen waren sie auch dankbar, dass wir als Filmteam uns über Jahre sehr intensiv mit ihnen beschäftigt haben. Dass wir sie kennen und sie auch verstehen. Deswegen sind sie auch glücklich über den Film und freuen sich über ihn. Und obwohl sie keine Heroes in dem Film sind, sind sie trotzdem stolz.

Das Gute an dem Film ist, dass sie mal sympathisch und mal unsympathisch rüberkommen, aber man versteht immer warum.
Das war auch mein Ziel. Ich wollte nicht werten, sondern zeigen was passiert. Natürlich ist es meine subjektive Wahl, was ich filme, aber die Verantwortung meinen Protagonisten gegenüber ist mir wichtig. Es ist klar, dass jeder mal was Falsches sagt oder sich daneben benimmt. Aber das wollte ich als Filmemacherin nicht werten. Jeder Zuschauer kann sich seine eigenen Gedanken machen.

Im Interview zum Film sagt Anton: „Heute ist mir die Musikindustrie nicht mehr wichtig und ich habe auch nicht das Gefühl, dass wir ein Teil davon sind“. Ist das eine Pose oder eine ernstgemeinte Aussage? Der Erfolg ist ihnen wirklich egal, solange sie zu ihren Bedingungen Musik machen können?
Ich glaube, das ist ehrlich. Sie haben jetzt mit Buback ein Label gefunden, das sie sehr unterstützt und sie auch machen lässt und ihnen Zeit gibt. Oben an steht für sie, sich selbst treu zu bleiben, seiner Kunst treu zu bleiben und das zu machen, was man machen möchte und sich nicht nach dem Markt zu strecken. Natürlich würden die sich freuen, wenn es zum Leben reicht, aber das ist heutzutage als Musiker immens schwierig.

Was bedeutet das denn für das Schaffen von Kunst im weiteren Sinn?
Kunst war immer ein Mittel, um Fragen zu stellen, Dinge infrage zu stellen und neue Gedanken und Bewegung zu produzieren. Der Film fällt in eine Zeit, wo so offensichtlich ist, dass sich alles nur nach dem Fluss des Geldes richtet und auf Wirtschaftlichkeit überprüft wird. Ich habe die Kunst oder die Musik als Beispiel genommen, weil man in 90 Minuten nicht die Welt erklären kann. Aber das lässt sich auch auf andere Bereiche übertragen. So würde ich mir zum Beispiel wünschen, dass der Film dazu beiträgt, dass Förderinstitutionen oder öffentlich-rechtliche Fernsehsender darüber nachdenken, was uns diese Denkweise eigentlich bringt.

Das Interview führte Steffen Wagner.

07.02.11 6:00

Berlinale Tipps: Rauchen

Auf der Berlinale herrscht striktes Rauchverbot. Auf der Leinwand wird zwar noch eifrig gequarzt, aber vor allem bei den amerikanischen Produktionen darf man davon ausgehen, dass es sich dabei um garantiert unschädliche Kräuterzigaretten handelt. Schließlich hat der ganze unselige Nichtraucherfaschismus in Kalifornien seinen Ursprung, und die Keimzelle entstand im ach so gesundheitsbewussten Hollywood.
Für nikotinabhängige Berlinalefreunde eröffnen sich dadurch interessante wissenschaftliche Perspektiven. Alljährlich im schönen Februar kann man testen, wie widerstandsfähig der eigene Körper gegen Kälte und Zugluft ist. Denn eins ist sicher: Der gottverdammte Potsdamer Platz samt Umgebung ist nicht nur zum Herzerweichen trostlos, sondern beheimatet auch einige der kältesten Ecken Berlins. Vor jedem Kino kuscheln sich zwischen den Filmen bibbernde Ausgegrenzte zusammen, die mit ersterbenden Fingern Glimmstengel halten. Ungeschlagen auf der nach unten offenen Temperaturskala ist der Eingangsbereich vor dem Cinemaxx. Der Wind pfeift fröhlich bei Minusgraden, und die Lungen pfeifen mit.

Wo ist die gesponserte Raucherlounge? Warum haben die französischen Filmregisseure noch nicht demonstriert? Zumindest die französischen Filmschaffenden werden doch noch rauchen? Godard würde sich das nicht bieten lassen, aber der kommt nicht. Gegen jeden Missstand auf dieser Welt erhebt doch irgendein Star die Stimme, aber die Raucher lassen sie in der Kälte stehen. Bastarde! Gibt es denn keine Rebellen mehr, keine unangepassten Helden der Filmkultur? Früher gab es mal Raucherkinos. Es hilft nur eins: Helmut Schmidt muss Jurypräsident werden.

06.02.11 6:00

Berlinale Tipps: Kartentricks

„Hast Du Berlinale-Karten?“ – „Wer hat Berlinale-Karten?“ – „Gibt es noch irgendwo Berlinale-Karten?“ – „Ich würde ja so gerne zur Berlinale gehen, aber es gibt ja eh keine Karten.“ Das ist das Mantra der Berlinale-Fans. Aber: Es stimmt eigentlich gar nicht. Deshalb im Folgenden einige Tipps, wie man an die begehrten Tickets kommt.

Erstens sollte man immer daran denken, dass viele Wege zur Berlinale-Karte führen. Die Vorverkaufsstellen in den Potsdamer Platz Arkaden, am Kino International und in der Urania sind von 10-20 Uhr geöffnet, man kann die Karten online bestellen, an den Theaterkassen kaufen, die an das Eventim-System angeschlossen sind oder die Karten am Tag der Vorstellung direkt an der Tageskasse des jeweiligen Kinos kaufen. Es ist immer einen Versuch wert, zu einer Tageskasse zu gehen, weil Akkreditierte oft Karten zurückgeben.

Zweitens ist es wichtig, dass man die verschiedenen Vorverkaufsfristen nicht durcheinander bringt. Die Karten gehen für Wettbewerbswiederholungen vier Tage im Voraus in den Verkauf, für alle anderen Filme drei Tage im Voraus. Eine Ausnahme sind die Vorführungen am Berlinale-Publikumstag, Sonntag, 20 Februar: Für diese Filme kann man Karten ab dem kommenden Montag, 7. Februar, über alle Vorverkaufswege kaufen. Und das gilt auch für alle Filme, die im Friedrichstadtpalast, im HAU, in den Spielstätten des Kulinarischen Kinos und den Spielstätten der Kiez-Kinos gezeigt werden: Vorverkaufsstart 7. Februar.

Drittens: Man sollte auch nach interessanten Filmen in den Nebenreihen Ausschau halten. Für das Forum, das Panorama, die Perspektive Deutsches Kino usw. gibt es eigentlich besonders bei den Wiederholungen meist noch Karten.

Viertens und am allerwichtigsten: Nie in der Schlange die Nerven verlieren!
Wirklich alles zu Karten und Preisen findet man hier.

03.02.11 6:00

Berlinale Tipps: Berlinaledepression

Keine Frage, die Berlinale ist eine tolle Sache, aber …Hinter diesem aber lauert sie: die Berlinaledepression – in jedem Jahr. Es gibt kein Entrinnen.
Es ist so: Die ersten drei Berlinaletage vergehen wie im Flug. Es läuft, ich sehe jeden Tag zwei bis drei Filme, schreibe zügig Kritiken, die Laune ist gut. Dabei ist es ziemlich egal, ob die Filme gut oder schlecht sind. Denn, hey, was macht mehr Spaß als ein saftiger Verriss.

Dann geht es langsam abwärts. Die Berlinaledepression beginnt mit Zuständen leichter Verwirrung: Wo ist nochmal die Vorführung von dieser Dokumentation über Züge in West-Transylvanien? Arsenal, Cinemaxx, Cubixx? Warum wollte ich die eigentlich sehen und warum zum Teufel um 9.30 Uhr morgens – hab‘ doch heute Nacht noch bis zwei Uhr geschrieben. Um 15 Uhr dann irgendwas Deutsches und um 22 Uhr dieser Film über den Zusammenbruch sozialer und familiärer Strukturen in chinesischen Wirtschaftssonderzonen, der „eindringlich und bedrückend die Absurdität der Globalisierung“ schildert, wie schon die Vorankündigung so, nun ja, eindringlich und bedrückend verheißt. Von diesem bekannten asiatischen Regisseur, dem Dingens.

Schon schleicht sie sich an, die Berlinaledepression. Spätestens am Schreibtisch, wenn ich leider meine eigenen Notizen nicht mehr entziffern kann. „Gut gemacht, Dialog und Bezug auf Stadt aber WICHTIG warum…“ - es folgt Unleserliches.

Der nächste Tag wird härter. Gott, grau draußen. Und dann mittags wieder das alte Essproblem. Spätestens am sechsten Tag wird es dann fast unmöglich, die gesehenen Filme auseinanderzuhalten und natürlich wird die Liste der ungeschriebenen Kritiken immer länger. Beim Warten auf den nächsten Film schlafe ich öfters ein; während des Films nicht, würde ich ja gerne, kann ich aber nicht. Und Blog-Meister Andreas schreibt eine dringende Mail an alle, dass wir mehr auf die Rechtschreibung achten müssen.

Die Leute, die sind auch schlimm. Viele Leute, deswegen kein Sauerstoff im Kino. Kopfschmerzen! Und Hunger oder leichte Übelkeit oder beides. Müde… aber immer weiterschreiben… Diesen Streifen zur Verwirrungen der Adoleszens in Argentinien lass‘ ich sausen. Verwirrt bin ich selber.

Deswegen der Tipp: Weniger Filme gucken. Und trotz allem – ich kann die Berlinale kaum erwarten.

01.02.11 19:39

Perspektive Deutsches Kino: Robota, Kühe und Blaukraut

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Elf Beiträge bewerben sich im zehnten Jahr in der Perspektive Deutschen Kino um den Preis „Dialogue en Perspective“, der seit 2004 vom Deutsch-Französischen Jugendwerk vergeben wird. Vorsitzender der Jury, in der Jugendliche aus Deutschland, Frankreich und Bosnien-Herzegowina ihren Favoritenfilm küren, ist 2011 Romuald Karmakar. Im Programm sind sechs Spielfilme und fünf Dokumentarfilme vertreten, darunter auch einige mittelange Filme mit einer Länge zwischen 20 und 60 Minuten. UTOPIA LTD. von Sandra Trostel, eine Dokumentation über den Weg der Hamburger Band 1000 Robota in das Musikbusiness, eröffnet die Sektion am Freitag, 11. Februar, um 19.30 Uhr im Cinemaxx 3.

Das Themenspektrum ist wie immer in der Perspektive breit gefächert. Bei den Spielfilmen geht es um Beziehungsprobleme (WEISST DU EIGENTLICH DASS GANZ VIELE BLUMEN BLÜHEN IM PARK von Lothar Herzog), oder um die Herausforderungen beim Start in das Berufsleben (DIE AUSBILDUNG von Dirk Lütter). Mit den Abgründen des Teenie-Daseins beschäftigt sich Ziska Riemann in dem visuell ungewöhnlichen, comichaft-schrillen LOLLIPOP MONSTER, während Josephine Frydetzki in DÍGAME – SAG MIR einen Tag im Leben des Argentiniers Esteban schildert, genauer gesagt den Tag, an dem Estebans bisheriges Leben in sich zusammenbricht. Ein ganz besonderes Verhältnis zwischen jung und alt zeigt Susan Gordanshekan in EISBLUMEN: Ein junger Bosnier, der illegal in Deutschland ist, betreut eine demenzkranke Frau. Elke Hauck dagegen inszeniert in DER PREIS eine ungewöhnliche Heimkehr. Ein junger Architekt plant in seiner Heimatstadt ein neues Stadtviertel.

Bei den Dokumentarfilmen erzählt Anne Hepp in ROTKOHL UND BLAUKRAUT eine Geschichte über zwei deutsch-türkische oder türkisch-deutsche, wie man mag, im Ruhrpott. Die Hauptdarsteller in Nicolas Steiners Film dagegen sind vierbeinig: In KAMPF DER KÖNIGINNEN messen sich Kühe, um Kuhglocken als Preise zu gewinnen. Das Thema der Umtriebe der Staatssicherheit packt Annekatrin Hendel in VATERLANDSVERRÄTER auf neue Weise an. Den Schriftsteller Paul Gratzik konfrontiert sie mit seiner erstaunlichen Vergangenheit: Gratzik war 20 Jahre IM der Stasi, bevor er sich 1981 selbst enttarnte. Etwas außergewöhnliches für die Perspektive macht Jasin Challah. Mit KAMAKIA – DIE HELDEN DER INSEL hat er eine Dokumentar-Komödie über griechische Lover gedreht, die in den 60er und 70er Jahren Touristinnen beglückten.

31.01.11 6:00

Berlinale Tipps: Toiletten-Tipps für ihn

Toiletten, genauer gesagt Männertoiletten, genauer gesagt Urinale (vulgo Pinkelbecken) sind ein Ort der Begegnung der besonderen Art – erst recht auf der Berlinale. Die Zustände dort sind in der Regel beklagenswert (zuviele Männer zur gleichen Zeit am selben Ort) aber nicht uninteressant, denn auf der Berlinale sind schließlich viele besonders hippe Leute unterwegs. Am Urinal leiden aber oft gerade besonders hippe Leute unter ganz besonderen Problemen.

Meine empirischen Studien der vergangenen Jahre haben ergeben, dass gerade besonders hippe Leute nicht einmal am Urinal auf die Insignien der Hipness verzichten können. Das kann die Sache kompliziert machen. Der Berlinale-Hipster trägt nämlich allerlei Gerät mit sich herum – mindestens eine Berlinale-Tasche und ein Netbook/Subnotebook/Laptop whatever (iPhone ist auch schlecht. Schon mehrfach gesehen: iPhone entkommt in ungünstigem Moment aus Hosen- oder Jackentasche und fällt da auf den Boden, wo der stolze Besitzer es eigentlich gar nicht mehr aufheben will). Das kann die Sache (und beim Herantreten an das Urinal geht es wirklich nur um eine einzige Sache) zu einer großen Herausforderung machen, die nur mit einer Kombination aus Balancegefühl und Konzentration zu bewältigen ist. Denn auf den Boden stellen will man natürlich weder den teuren Apfel-Computer noch die Berlinale-Tasche. Mangelt es an der richtigen Kombination aus Balancegefühl und Konzentration kann das zu unschönen Nebenwirkungen wie Streuverlusten oder Pfützenbildung führen.

Der Autor dieser Zeilen hat deshalb noch nie eine Berlinale-Tasche besessen. Das Einzige, was er zur Berlinale mitnimmt: Ein Herlitz Oktavheft A6 und einen Kugelschreiber. Das Handy befindet sich beim Toilettenbesuch am besten gemeinsam mit Oktavheft und Kugelschreiber in der Jackentasche innen bei geschlossenen Reißverschluss. Einen besseren Toilettentipp wird Mann für diese Berlinale garantiert nicht kriegen.

29.01.11 16:03

42 Filme bewerben sich um den First Feature Award

42 Filme aus den Sektionen Wettbewerb, Panorama, Forum, Generation und erstmals auch zwei Beiträge aus der Perspektive Deutsches Kino konkurrieren in diesem Jahr um den Preis für den Besten Erstlingsfilm. Die Auszeichnung ist mit 50.000 Euro dotiert und wird von der Gesellschaft zur Wahrnehmung von Film- und Fernsehrechten (GWFF) gestiftet. Das Preisgeld teilen sich Regisseur und Produzent des Preisträgerfilms. Die Gewinner werden am 19. Februar bei der offiziellen Preisverleihungsgala im Berlinale Palast bekannt gegeben.

Über die Preisträger entscheidet eine dreiköpfige Jury:
Bettina Brokemper (Deutschland): Die Produzentin lernte ihr Metier an der Hochschule für Film und Fernsehen in München. 2003 gründete sie die Produktionsfirma Heimatfilm, mit der sie nationale und internationale Erfolge feiern konnte, zuletzt BAL (Honig) Goldener Bär 2010. Zuvor etablierte sie sich als Geschäftsführerin der Kölner Zentropa-Dependance (seit 2001), wo sie unter anderem Lars von Triers DOGVILLE und ANTICHRIST koproduzierte.

Assaf Gavron (Israel): Der israelische Bestsellerautor hat vier Romane veröffentlicht, darunter den international erfolgreichen Titel „Ein schönes Attentat”. Gavron ist Sänger und Songwriter der israelischen Kultband „The Mouth and Foot” und leitete das Schreibteam des preisgekrönten Computerspiels „Peacemaker”. 2010 lebte er mit einem DAAD-Stipendium in Berlin. Im Dezember erhielt er den Autorenpreis des israelischen Ministerpräsidenten.

Michèle Ohayon (Marokko/Israel): Die Regisseurin hat 1997 mit dem oscarnominierten Film COLORS STRAIGHT UP weltweit Bekanntheit erlangt. Mit ihren dokumentarischen Arbeiten feierte sie seither immer wieder Erfolge. Im Berlinale Special zeigte sie 2008 STEAL A PENCIL FOR ME, 2010 präsentierte sie S.O.S./STATE OF SECURITY, eine Dokumentation über die US-Sicherheitslage aus Sicht des ehemaligen Chefs der Terrorismusabwehr Richard A. Clarke.

Berlinale Tipps: Was wäre Kino ohne Sitznachbarn?

Der Sitznachbar im Kinosaal ist ein verhasstes, oft gedisstes Wesen – in vielen Fällen mit Recht. Jeder Kinogänger kann Geschichten über hustende, riechende, schniefende, kraspelnde, kauende, rülpsende, röchelnde, räuspernde, labernde, hampelnde Zeitgenossen erzählen, die abgrundtiefen Ekel und pochende Kopfschmerzen erzeugen. Für eine repräsentative Auswahl konsultiere der geneigte Leser den Artikel der verehrten Kollegin im Berlinale-Countdown von morgen. Ich aber möchte heute eine Lanze für den Sitznachbar brechen.

Denn was das Kino ohne Sitznachbar ist, musste ich mehr als einmal während meiner traurigen Jugend in der noch traurigeren niedersächsischen Kleinstadt E. in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts erfahren. Das Kino ohne Sitznachbar ist nämlich ein Nichts. Und das kommt so. Hatte sich nämlich auf die Kinoleinwände der wie gesagt sehr traurigen niedersächsischen Kleinstadt E. einmal ein nicht-mainstreamiger Film verirrt – das passierte etwa einmal im Monat entweder im „Welttheater“ oder im „Deli“ (so hießen die Kinos in der sehr traurigen niedersächsischen Kleinstadt E. in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts und so heißen sie sogar noch heute) – dann ging das bange Warten los: Man saß zu zweit oder dritt im Saal und hoffte, dass noch irgendwer kam, damit man mindestens zu fünft war: Dann ließ sich der Filmvorführer, nörgelnd zwar aber immerhin, herab, den Streifen auch zu zeigen. Ansonsten blieb die Leinwand dunkel.

Und zum Schluss was Besinnliches: Jeder ist ein Sitznachbar, in jedem Kino überall auf der Welt.

27.01.11 16:35

Gastbeitrag zu Stuttgart 21 in der Perspektive

Die Perspektive Deutsches Kino ist in Sachen politischer Aktualität in diesem Jahr allen anderen Sektionen weit voraus. Der Dokumentarfilm STUTTGART 21 – DENK MAL! findet seinen Weg direkt aus dem Schneideraum auf die Berlinale zu seiner Uraufführung bei der Perspektive Deutsches Kino: Freitag, 18. Februar, um 16.30 Uhr im Cinemaxx 3 am Potsdamer Platz.

Die beiden jungen Filmemacher Lisa Sperling und Florian Kläger zeigen in ihrem Regiedebüt STUTTGART 21 - DENK MAL! die Entwicklung einer der größten Bürgerinitiativen in Deutschland seit vielen Jahren. Im Anschluss an den Film findet eine Diskussionsrunde mit den Filmemachern, Produzent Peter Rommel, Publikum und Gästen über Bürgerprotest und sich veränderndes Demokratieverständnis statt.

22.01.11 20:04

Forum Expanded 2011: Kunst und Kino

Auch in diesem Jahr lotet das Forum Expanded den Grenzbereich zwischen Kunst und Kino aus. 42 Künstler, Filmemacher, Performer und Musiker aus 16 Ländern präsentieren filmische Arbeiten in Ausstellungen, in Screenings, im Radio und auf der Bühne. Dazu gehören unter anderem die Ausstellung Parallel Worlds im Salon Populaire (Kunstsaele Berlin), die Audiobeiträge Screen Off und die Reihe History Lessons mit Filmen und Gesprächen, die die Weitergabe des filmischen Erbes zum Thema machen.

Mit DAS SCHLAFENDE MÄDCHEN präsentiert das Forum Expanded eine Weltpremiere des Berliner Künstlers Rainer Kirberg. In der Botschaft von Kanada und im Filmhaus läuft eine Auswahl von HAUNTINGS, Videos über Gespenster der Filmgeschichte, die Guy Maddin für das Toronto International Film Festival gedreht hat.
Zu den gezeigten Kunststücken gehört auch BLIND eine neue Videoinstallation über den Blindenfußball von Annika Larsson in der Potsdamer Straße 88. Den Abschluss des Forum Expanded bildet ein Konzert von Genesis Breyer O-Porridge, Tony Conrad und Morrison Edley im HAU.

Deutschlandpremiere von "The King´s Speech"

Als Teil des offiziellen Programms zeigt Berlinale Special im Kino International und im Friedrichstadtpalast aktuelle Werke zeitgenössischer Filmemacher sowie filmische Portraits herausragender Persönlichkeiten, unter anderem als Deutschlandpremiere THE KING’S SPEECH von Tom Hooper mit Golden Globe-Gewinner Colin Firth in der Hauptrolle als stotternder King George VI.

In Erinnerung an den im November verstorbenen italienischen Regisseur Mario Monicelli gibt es ein Wiedersehen mit seinem Film IL MARCHESE DEL GRILLO, für den Monicelli 1982 mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde. Eine Weltpremiere von Berlinale Special ist der neue Film von Julie Gavras: LATE BLOOMERS mit Isabella Rossellini und Wiliam Hurt in den Hauptrollen. Zu den weiteren Filmen der Reihe gehört SING YOUR SONG, ein Dokumentarfilm von Susanne Rostock über Harry Belafonte.

19.01.11 6:00

Berlinale-Countdown 2011: Ingmar, Woody, Nat Ackerman und der Tod

„The voice of genius!“ Mit diesem Ausruf beginnt Woody Allen seine Besprechung von Bergmans Autobiographie The Magic Lantern, die er im September 1988 für die New York Times schrieb. Dann lässt er Bergman selbst zu Wort kommen, der immer wieder über die existenziellen Katastrophen seines Lebens berichtet: Das Trauma der Schulbesuche, die Bergman im wahrsten Sinne des Wortes zum Kotzen brachten, die brutalen Eltern, der Hass auf Bruder und Schwester, die häufigen Gedanken an Selbstmord. Allens Fazit: Mit diesem Hintergrund ist man gezwungen ein Genie zu werden.

Woody Allen hat Bergman bewundert – er bewunderte ihn vor allem als Entertainer, wie er schreibt: Bergmans Fähigkeit Geschichten zu erzählen, sein Gefühl für Spannung und sein Gespür für den Umgang mit Bildern, Licht und Symbolen. Als seinen Lieblingsfilm nennt Allen DAS SIEBENTE SIEGEL, die große Schachpartie zwischen Antonius Block und dem Tod. Als Woody Allen Ende der Siebziger mit INTERIORS seinen ersten „ernsten“ Film machte, entdeckten alle Kritiker Bergman-Referenzen.

Allens Verehrung war ehrlich aber nicht ohne Humor. In seiner Kurzgeschichte Death Knocks muss sich der Tod auf ein Kräftemessen mit dem renitenten Nat Ackerman einlassen, der keineswegs vor hat, sein New Yorker Appartement in Queens schon mit 57 Jahren zu verlassen. Da der Tod nicht Schach spielen kann, einigen sich die Kontrahenten auf Gin Rummy. Nat gewinnt fürs Erste einen Tag Aufschub und 28 Dollar. Seinem Freund Moe sagt er am Telefon: „I played gin with Death, but he’s such a schlep!“ So hätte Bergman das wohl nicht ausgedrückt.

11.01.11 16:31

Sechs Spielfilme und fünf Dokus bei der 10. Perspektive

Die Perspektive Deutsches Kino geht mit elf Filmen – allesamt Weltpremieren – in ihr zehntes Jahr. Auf dem Perspektive-Programm der Berlinale 2011 stehen sechs Spielfilme und fünf Dokumentarfilme. Dabei sind auch wieder einige sogenannte mittellange Filme. Die Perspektive wird 2011 zum zweiten Mal von einem Dokumentarfilm eröffnet. Das Thema: deutscher Punk aus Hamburg. In ihrem Regiedebut mit dem Titel UTOPIA LTD. folgt Sandra Trostel der Band 1000 Robota, die seit 2008 eine EP und zwei Alben veröffentlicht hat, von den Anfängen auf dem Weg ins Musikbusiness.
Zwei Filme der Perspektive nehmen erstmals am Wettbewerb „Bester Erstlingsfilm“ teil: DIE AUSBILDUNG von Dirk Lütter und LOLLIPOP MONSTER von Ziska Riemann.

Der Preis für den besten Erstlingsfilm wird sektionsübergreifend an einen Debütfilm aus dem Wettbewerb, dem Panorama, dem Forum, der Sektion Generation der Perspektive Deutsches Kino vergeben. Über den Gewinnerfilm entscheidet eine dreiköpfige internationale Jury. Der Preis wird von der Gesellschaft zur Wahrnehmung von Film- und Fernsehrechten (GWFF) gestiftet, ist mit 50.000 Euro dotiert und geht an den Produzenten und den Regisseur des Gewinnerfilms.

Hier die komplette Liste der Filme der Perspektive Deutsches Kino der Berlinale 2011
Der Preis von Elke Hauck
Dígame - Sag mir von Josephine Frydetzki
Die Ausbildung von Dirk Lütter
Eisblumen von Susan Gordanshekan
Lollipop Monster von Ziska Riemann
weisst du eigentlich dass ganz viele blumen blühen im park von Lothar Herzog
Kamakia – Die Helden der Insel von Jasin Challah (Dokumentarfilm)
Kampf der Königinnen von Nicolas Steiner (Dokumentarfilm)
Rotkohl und Blaukraut von Anna Hepp (Dokumentarfilm)
Utopia Ltd. von Sandra Trostel (Dokumentarfilm)
Vaterlandsverräter von Annekatrin Hendel (Dokumentarfilm)

20.02.10 15:00

Knapp verpasst: The Tree of Life von Terrence Malick

Zu The Thin Red Line gab der Kurator der der Geburtstags-Retrospektive David Thomson nicht nur eine brillante Einführung (man kann dem Mann stundenlang zuhören wenn, er über Film spricht. Mein Gott, er war mit Terrence Malick essen!) sondern verkündete auch Niederschmetterndes: Offensichtlich wäre Malicks neuer Film The Tree of Life mit Sean Penn und Brad Pitt auf der Berlinale gelaufen, wenn sich die Postproduktion nicht verzögert hätte. Wenn man bedenkt, dass Malick seit in den letzten 41 Jahren nur fünf Filme gemacht hat und The Tree of Life eben Nummer 6 ist, ist das wirklich unfassbares Pech. This really pisses me off! Und wir regen uns über das Wetter auf.

Waste Land gewinnt Panorama-Publikumspreis

Waste Land von Lucy Walker hat den Panorama-Publikumspreis gewonnen. Der Film begleitet den brasillianischen Künstler Vik Muniz, bei einem seiner aufwendigsten Projekte: Einer Installation im "Jardim Gramacho". "Jardim Gramacho" liegt in einem armen Außenbezirk von Rio de Janeiro und ist eine der größten Mülldeponien der Welt: Die Menschen dort leben vom Müll, den sie sammeln undauf die unterschiedlichste Art wiederverwenden. Muniz hat die sogenannten Pflücker in sein Kunstprojekt einbezogen.
Lucy Walker hat schon 2007 mit Blindsight den Panorama-Publikumspreis gewonnen.

Beautiful Darling von James Rasin

You were, what you said you were

Andy Warhol hatte einen Spitznamen: Drella. Drella ist die Fusion von Dracula und Cinderella. In seiner Factory war Warhol einerseits der Vampir, der die Kraft seiner sehr willigen Opfer für seine kreativen Zwecke bis zum letzten Tropfen aussaugte und andererseits der vom Glück Begünstigte, der quasi durch Handauflegen, jeden Zum Star machen konnte. Eine der größten Stars war Candy Darling. Die schönste Frau der Welt, die biologisch nie eine Frau war. Aber was macht das schon? In der Factory „you were, what you said you were,“ wie es im Film Beautiful Darling so schön heißt. Du konntest das sein, was Du zu sein behauptetest.

Regisseur James Rasin hat eng mit dem langjährigen Partner von Candy Darling, Jeremiah Newton zusammengearbeitet. Die Klammer für den Film sind Newtons Bemühungen die Asche von Candy gemeinsam mit der von Newtons Mutter beizusetzen. Rasin schildert den Aufstieg von James Lawrence Slattery zum Filmstar Candy Darling. Dabei wird eins klar: James war ein Junge im falschen Körper. James wollte ein Filmstar sein, aber ein weiblicher Filmstar. Ihre Idole waren Kim Novak und Lana Turner.

Die Auftaktzeile von Velvet Undergrounds Song „Candy Says“ lautet: Candy says, I've come to hate my body. So ist es. Candy Darling aber ist mehr als Körper. Candy Darling ist ein ein Mythos, eine Kunstfigur, die lebendiger und authentischer ist, als James Lawrence Slattery je war. Candy Darling ist exaltiert, manchmal schlagfertig und vor allem genauso charismatisch wie die Hollywood-Diven der Fünfziger. Das heißt nicht, dass Candy glücklich war. Newton hat nach ihrem Tod auch ihre Tagebücher gefunden, die im Film eine wichtige Rolle spielen. Candy war einsam, aber wenn sich glücklich war, dann in den Momenten, in denen sie im Rampenlicht stand.

Candy starb mit 29 Jahren an Krebs. Kurz vor Ihrem Tod ließ sie an ihrem Krankenbett von Peter Hujar noch ein atemberaubendes Foto machen. Candy war bewusst: Ihr Leben war eine Performance und dafür wollte sie jeden Moment nutzen. James Rasin ist ein erstaunlich berührender Film gelungen. Berührend ist besonders, wie sehr Jeremiah Newton Candy Darling ganz offensichtlich geliebt hat. Das hatte irgendwann wohl auch Candy verstanden, die vom Vater misshandelt und von der Mutter nach dem Tod verleugnet wurde. Candy Darling ist die Diva, die es vielleicht auch ohne Drella geschafft hätte, ein Star zu werden.

The Thin Red Line von Terrence Malick

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Wie kam das Böse in die Welt?

Dieser Film ist ein Alptraum. Krieg in seiner monströsesten Form: Körper werden zerfetzt, Menschen zerbrechen, werden wahnsinnig. Die Erde bebt, Angst, Panik, Sinnlosigkeit und der Zuschauer ist mitten drin. Dieser Film ist ein Traum. Menschen in den Grenzbereichen der Existenz stellen alles in Frage, sind verzweifelt, feige, mutig, widersetzen sich oder tun, was getan werden muss und versuchen irgendwie ihre Menschlichkeit bewahren.

Zweiter Weltkrieg im Pazifik irgendwo auf den Salomoninseln: Private Witt (James Caviezel) hat sich unerlaubt von der Truppe entfernt und lebt in einem Dorf mit den Inselbewohnern ein fast idyllisches Leben. Mit dem Idyll beginnt der Film. Halt! Nicht ganz. In der ersten Szene sehen wir einen großen Alligator, der langsam ins Wasser gleitet und abtaucht. Die Gefahr ist also immer vorhanden. Auch für Witt ist die Unbeschwertheit schnell vorbei. Sergeant Welsh (Sean Penn) verpfeift ihn zwar nicht, als er ihn findet. Aber er teilt ihn einer Sanitätseinheit zu, die im Gefecht verwundete versorgen muss. Deswegen ist er auch mit dabei, als die US-Truppen die strategisch wichtige Insel Guadalcal erobern sollen. Die Landung glückt ohne Verluste. Doch dann soll die Einheit um Captain Staros (Elias Koetas) auf Befehl von Colonel Tall (Nick Nolte) einen Hügel erobern, auf dem sich die Japaner mit schweren Waffen verschanzt haben.

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Auch wenn die Gefechte um die Höhe C-210 einen breiten Raum in dem Film einnehmen, The Thin Red Line ist kein epischer Kriegsfilm. Der Zuschauer blickt nicht aus der Vogelperspektive auf das Gefecht, er ist mit im Gefecht. So teilt er die Konfusion, die Angst und das Nichtverstehen der Soldaten. Außerdem wir die Action immer wieder von der Stimme Private Witts gebrochen. Er spekuliert über Sinn: Wie das Böse in die Welt kam, wann der Mensch die Fähigkeit zum Frieden verloren hat, was das Ganze überhaupt für einen Sinn hat. Das könnte fürchterlich aufgesetzt ein, fügt sich aber perfekt in die fließenden Bilder vom Gefecht, der Natur der Insel und die Bilder ein, die aus der Sehnsucht der Männer nach der Heimat entstehen. Warum das funktioniert ist unerklärlich. Das ist die hohe Kunst von Terrence Malick.

Malick hat Stars für seinen Film zur Verfügung gehabt: Travolta, Clooney, Penn, John Cusack, Woody Harrelson: Travolta und Clooney sind eine Minute bzw. 30 Sekunden im Film zusehen. Und eher unbekannte Gesichter wie Caviezel und Koetas kriegen viel Zeit auf der Leinwand. Dazu spielt Nolte den Kotzbrocken. Für Helden hat Malick keinen Platz. The Thin Red Line ist eher eine gewalttätige Meditation über den Krieg und das Leben im Allgemeinen: Jeder sucht nach dem Sinn, viele Sterben früh, viele versteinern, einige werden verrückt und einige wenige bewahren den Funken – den Glauben an das Schöne, die Liebe und daran, dass sich das alles irgendwie lohnt.

Perspektive-Interview: Mariejosephin Schneider, Regisseurin von Jessi


Luzie Ahrens war ein großer Glücksgriff


Mariejosephin Schneider, geboren 1976 in Berlin, studiert an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb). Der mittellange Film Jessi, der in der Pespektive Deutsches Kino läuft, ist ihr Film für das dritte Studienjahr. Mit Steffen Wagner sprach Mariejosephin Schneider darüber, wie Sie gemeinsam mit Kamerafrau Jenny Lou Ziegel den Film konzipierte und verwirklichte und über die Zusammenarbeit mit der Hauptdarstellerin Luzie Ahrens.

Wie bist Du auf das Thema gekommen?
Überhaupt nicht geradlinig, sondern auf ganz großen Umwegen. Tatsächlich stand am Anfang der Wunsch mit der Kamerafrau Jenny Lou Ziegel, mit der ich an der dffb mehrere Seminare gemacht habe, zusammen einen Film zu drehen. Wir wollten so arbeiten, wie in den Seminaren, in denen Regie und Kamera von Beginn an gemeinsam Stoffe entwickeln. Es ist seltsam, wie Geschichten entstehen. Erst gibt es Fragmente und dann findet man die Verbindungen. Am Anfang stand die Situation eines Mädchens, das im Auto mitfährt und nicht reden will. Und später kam die Idee mit der Mutter, die nicht da sein kann. Dann haben wir das Thema des Gefängnisses hinzugefügt und begonnen zu recherchieren. Als klar war, dass die Mutter im Gefängnis sitzt, hat die Geschichte eine Riesensprung nach vorne gemacht.

Wie lange hat der Prozess gedauert, vom ersten Gedanken bis zum Drehbeginn?
Eineinhalb Jahre. Da waren auch Pausen dazwischen, in denen ich nicht daran arbeiten konnte. Das ist auch unüblich für so eine rbb-Koproduktion. Normalerweise sind die Zeiträume kürzer.

Wie habt Ihr recherchiert? Der Film ist sehr genau und sehr interessant, was zum Beispiel die Abläufe im Gefängnis angeht.
Es gibt die JVA für Frauen in Lichtenberg. Dort wollten wir zunächst eigentlich nur recherchieren, haben dann aber auch dort gedreht. Der Leiter Matthias Blümel war sehr entgegenkommend und hat uns alles gezeigt. Wir waren erst ganz überwältigt von der Atmosphäre. Es wirkt anders, als Gefängnisse, die man aus Filmen kennt – fast wie eine Kindertagesstätte. Dadurch wird es aber noch unheimlicher, wenn man über die JVA nachdenkt. Es hat eine Zeit gedauert, bis bei mir das Gefühl angekommen war: Hier sind Frauen, die hier nicht rausdürfen. Das ist dann beklemmend. Aber Lichtenberg ist eine der fortschrittlichsten Einrichtungen in Deutschland, es gibt viele Frauen, die sich dahin verlegen lassen wollen.

Wie seid ihr zu Eurer Hauptdarstellerin Luzie Ahrens gekommen, die eine unglaubliche Leistung abliefert?
Luzie ist eine ganz spezielle, kleine Person. Wir hatten zu unserer eigenen Überraschung nur sechs Mädchen, die sich beworben haben. Vom Drehbuch her war klar, dass sich das Mädchen am Ende vor der Kamera die Haare kurz schneiden musste. Das war ein Problem. Dafür sind wir sogar von Casting-Agenturen beschimpft worden. Es war ein großer Schritt und sehr mutig von ihr, dass sie das gemacht hat. Luzie war auch schon für „Das weiße Band“ gecastet worden. Aber weil sie vom Alter her nicht so gut gepasst hat, hatte sie nur eine sehr kleine Rolle. Aber eine Casterin in Wien hat sie uns schließlich empfohlen, obwohl Luzie bei keiner Agentur war. Sie war nur mit ihrer Schwester mitgegangen zum Casting. Die Jessi ist ihre erste Sprechrolle.

Ich war vor allem beeindruckt, wie sie nur mit Blicken und Gesten spielen konnte. Denn sie war beim Dreh ja erst elf Jahre alt.
Ja das ist ihre Präsenz und wie sie das spielt. Sie ist die Hauptdarstellerin und in 90 Prozent des Films zu sehen. Wenn wir Luzie nicht gefunden, hätten, hätte das ganze Projekt auch noch kippen können. Denn Sie war ein ganz großer Glücksgriff.

Wie hast Du Luzie Hilfestellung gegeben durch Deine Regie? War da viel Erklärung nötig?
Erklären muss man eigentlich nicht viel. Ihr Präsenz hat vollkommen gereicht. Sie ist sehr cool vor der Kamera. Das Drumherum stört sie gar nicht. Wenn ich erkläre, geht es vor allem um Abläufe. Luzie war technisch sehr penibel. Sie mag auch überhaupt nicht improvisieren. Sie wollte einen festen Text haben. Das hatte ich gar nicht so erwartet. Wir haben geübt, wie wir während des Drehs Kontakt aufnehmen. So konnte sie auf Dinge reagieren, die ich ihr mitteile, ohne dass es sie aus dem Konzept bringt – z.B. das Timing oder so etwas. Am wichtigsten war, deutlich zu machen, dass sie nichts falsch machen kann und dass es normal ist, wenn wir eine Szene nochmal drehen. Denn das ist das Schlimmste, was einem vor der Kamera passieren kann, das Gefühl etwas falsch zu machen. Am Ende waren solche Zeichen dann gar nicht mehr notwendig. Am Ende war sie der Profi. Sie wusste immer genau, warum wir eine Szene wiederholt haben.

Was mir aufgefallen ist: In den Credits ist Jenny Lou Ziegel nicht für die „Kamera“, sondern die „Bildgestaltung“ zuständig. Was heißt das?
Sie ist sehr genau. Sie will auf keinen Fall etwas machen, was sie in der Zukunft nicht so schön findet. Das, was entsteht, soll Bestand für die Ewigkeit haben. Es ist eine sehr intensive Zusammenarbeit. Schonungslos (lacht), aber das ist gut. Das war jetzt das dritte Mal, dass wir uns zusammen die Köpfe zerbrochen haben (lacht noch lauter), aber ich möchte nicht anders arbeiten. Das Buch war von Anfang an sehr visuell angelegt.

Hast Du schon Pläne für weitere Filme?
Erstmal muss der Film aus meinem Computer raus. Ich bin noch ganz woanders. Ich brauche jetzt erstmal wieder eine Schreibphase. Es gibt außerdem noch einen Kurzfilm, der auf Förderung wartet.

19.02.10 20:47

Welt am Draht von Rainer Werner Fassbinder

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Mach Platz, Neo!

Vergesst Neo, Morpheus und Trinity, hier kommt Dr. Fred Stiller (Klaus Löwitsch). Man kann es heute kaum glauben, dass Fassbinders 185-Minuten-Brocken Welt am Draht 1973 vom WDR produziert wurde und als Zweiteiler im Fernsehen lief. Es geht um den Tod des Leiters des Instituts für Kybernetik und Zukunftsforschung, um eine Welt, die nur als Computerprogramm existiert, den Wechsel zwischen Realitätsebenen und darum, wer die Kontrolle über die Menschen hat: der Staat oder die Wirtschaft? 1973 gab es keine PCs und auch keine Software wie wir sie kennen. Wie mag der Film auf die Zuschauer damals gewirkt haben? Keine Ahnung. In der restaurierten Fassung, die ihre Aufführung im International hatte, wirkte der Film visionär. Vor allem wegen der Bilder, die Fassbinder für seinen Science-Fiction-Film ohne Special Effects gefunden hat.

Professor Vollmer (Adrian Hoven) ist ein Genie, er hat Simulacron I entwickelt, ein Computerprogramm das sogenannte Identitätseinheiten schafft, die funktionieren wie echte Menschen in der Realität. Das Programm soll die zukünftige Entwicklung der Gesellschaft simulieren, damit Politiker wie Staatsekretär Winlaub (Heinz Meier – ja genau, Loriots Vater Hoppenstedt) die richtigen Entscheidungen für eine blühende Gesellschaft treffen kann. Leider verhält sich der Professor sehr seltsam und ist kurz darauf tot. Selbstmord, das ist die offizielle Version. Sein Nachfolger Dr. Stiller gerät schnell unter Druck eines obskuren Unternehmens und versucht in der realen Welt und im Computerprogramm herauszufinden, welches Spiel gespielt wird.

Allein zu sehen, wie Stiller sein Bewusstsein in das Computerprogamm einspeist, um sich in die simulierte Welt zu transferieren ist genial. Er legt sich hin, setzt sich einen hypermodernen Helm auf (ok, ok es ist ein Motorradhelm mit ein paar Kabeln, aber kein Vorwurf an die Requisite) und ist auf einer anderen Realitätsebene. Erinnert das nicht dunkel an Avatar?

Was den Film so sehenswert macht, ist sein Umgang mit Bildern und der Kamera. Fassbinder schafft es mit einfachsten Mitteln, Science-Fiction-Atmosphäre zu schaffen. Das Institut für Kybernetik und Zukunftsforschung ist ein beklemmender technisierter Unort und auch die reale Welt der Zukunft wirkt unpersönlich und abweisend. Den Rest besorgt die Kamera von Michael Ballhaus: Die Kamerafahrten sind unglaublich. Die Kamera gleitet an Glasscheiben vorbei durch ein Riesenbüro hindurch, fährt in kreisenden Bewegungen und findet ihre Motive immer wieder in Spiegeln. Diese indirekte Filmweise muss höllisch aufwendig gewesen sein, schafft aber genau die Atmosphäre, in der die Unterscheidung zwischen Echtem und Simuliertem immer schwieriger wird.

Stiller ist mit seinem Kollegen Fritz Walfang (Günter Lamprecht) der Einzige, der überhaupt an Aufklärung interessiert ist. Löwitsch gibt den Kämpfer in einer Welt der Politiker und Technokraten. Natürlich haben die Geschichte und die Figuren, besonders die Frauencharaktere, ihre Schwächen. Trotzdem ist Welt am Draht seiner Zeit weit voraus und wirkt auch heute nicht antiquiert. Kein Wunder, dass sich das MoMa in New York an der Restaurierung beteiligt hat.

Perspektive-Interview: The Boy Who Wouldn't Kill


Ein Bekenntnis zum Kino

Anna und Linus de Paoli haben gemeinsam des Drehbuch zu The Boy Who wouldn't Kill geschrieben. Linus hat Regie geführt, Anna produziert. Im Interview sprechen sie über die Entstehung dieser post-apokalyptischen Vater-Sohn-Geschichte und ihre nächsten Pläne.

Euer Film ist ja eine Vater-Sohn-Geschichte in einer Welt nach der Apokalypse. Was wolltet ihr zuerst machen: Einen Film über die Post-Apokalypse oder eine Vater-Sohn-Geschichte?
Linus: Die Grundidee ist von Anna. Wir schreiben immer zusammen.
Anna: Ich habe ein bisschen rumgespielt mit Dingen, von denen ich wusste das Linus sie interessant findet. Da kam ich auf die Vater-Sohn-Geschichte und auf das Thema Gewalt. Und der Auslöser war eine Anekdote: Ein Freund von mir war als Austauschschüler in den USA mit seiner Gastfamilie in Alaska. Da war es sehr abgeschieden - kein Internet, kein Telefon, aber viele wilde Tiere Bären usw. Dadurch war er ziemlich angespannt. Als er nachts Geräusche gehört hat, ist er nachts raus und stand auf einmal vor dem geladenen Gewehr seines Gastvaters, der auf Bären gelauert hat. Und so kam ich auf die Idee einer Familie, die abgeschieden in einer sehr brutalen Welt lebt. Der Vater übernimmt die Rolle des Verteidigers und der Sohn hat eher Angst. Als zweite Idee kam hinzu, dass der Sohn mit einem Gefährt flüchten will und am Vater vorbeikommen muss.

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Und wie habt ihr diese Ideen dann diskutiert?
Anna:
Linus war erst gar nicht so angetan. Die Geschichte spielte erst im Wald und das hat ihn nicht angeturnt. Er fand die Idee nicht schlecht, aber wollte eher eine Wüste nach der Apokalypse, so ein bisschen was wie Mad Max.
Linus: Und ich wollte keine Bären, sondern Wüstenpiraten und die Flucht auf einem Motorrad. Ich habe gar nicht über die Machbarkeit nachgedacht. Ich habe mir nur gedacht: Wenn es das alles noch gäbe, dann würde die Idee gefallen.
Anna: Ich bin ja Drehbuchschreiberin und Producerin. Wir spinnen auf der Drehbuchebene erstmal einfach rum und ich kann es dann als Producerin ausbaden (lacht). Beim Schreiben heißt es, anything goes.

Wie ging es dann weiter?
Linus:
Es war schon ziemlich klar, wer im Team sein würde. Wir hatten beim unserem vorherigen Film Gray Hawk ein Superteam, einen sehr guten Kameramann mit Luciano Cervio usw. Wir wollten das mit einem ähnlichen Team wieder machen. Deswegen war es auf der technischen Seite nicht so schwer. Es war deutlich mehr zu tun und daher eine größere Crew notwendig. Aber im Großen und Ganzen wußten wir, wir können auf alte Bekannte zurückgreifen. Schwer waren die Details, vor allem die Location für den Dreh zu finden. In Spanien kann man sowas drehen, abeer das können wir nicht bezahlen. Dann sind wir auf Polen gekommen, wo viele osteuropäische Western gedreht wurden, aber das war zu schön. Von einem Kollegen haben wir dann von der Tagebauregion in der Lausitz erfahren, sind dahin und waren begeistert. Einen konkreten Ort zu finden, war nicht so einfach, weil ja keine Fahrspuren, Geräte usw. zu sehen sein durften.
Anna: Und dann musste ja noch eine Hühnerfarm her. Aber wir waren sehr froh, dass unser Szenenbildner gelernter Architekt ist. Der hatte gleich die Übersicht und viele gute Ideen, damit wir die Logistik besser bewältigen konnten. Basis für die Farm war ein Container. Mit dem haben wir das ganze Baumaterial in den Tagebau transportiert und hinterher auch wieder mitgenommen. Und nachts war der Container auch der Lagerraum.
Linus: Wir durften im Tagebau auch nicht schlafen. Wir mussten jeden abend aus dem Tagebau raus und haben in Forst in der alten Grundschule geschlafen.

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Wieviel Tage habt ihr gedreht?
Anna:
13 plus einen Mini-Nachdreh. Wir hatten eben wirklich wenig Geld: 15.000 Euro. Davon mussten wir ein 40- 50-köpfiges Team zwei Wochen verpflegen, durch die tägliche Anfahrt hatten wir hohe Spritkosten, Kostüme, Austattung, Motorräder usw.
Linus: Unser zweites Set, das Piratenlager, war in Rüdersdorf – in einem alten Kalkbergwerk, das gerne für Filmaufnahmen genutzt wird.

War es schwierig, die Szene in 25 Minuten zu erzählen?
Anna:
Was wir gekürzt haben, war zum Beispiel eine längere Szene über die Reise mit dem Motorrad von der Farm zum Piratenlager. Das ist jetzt nur noch so eine kurze, fast psychedelische Sequenz. Auch der Handlungsstrang mit der Mutter ist rausgefallen. Es gab noch mehr Interaktion zwischen dem Jugen und seiner Mutter. Die Szenen haben uns auch gut gefallen. Aber wir hatten das Gefühl, das ist zuviel für 25 Minuten. Die wesentliche Handlung findet eben zwischen Sohn und Vater statt und dann ist noch die Schwester wichtig. Deswegen ist die Figur der Mutter fast weggefallen, nicht etwa weil die Schauspielerin nicht gut war oder so.
Linus: Als wir die Idee mit der Wüste und der post-apokalyptischen Welt hatten, war für mich klar, dass es eine Art Italowestern wird. Damit war auch klar, dass das Tempo eher langsam wird – lange Einstellungen, die in der Totalen die Wüste zeigen usw. Wir hatten die Wahl zwischen mehr erzählen oder die Bilder länger wirken zu lassen.

Könnt ihr noch etwas zu der beeindruckenden klassischen Musik erzählen?
Linus:
Die Musik konnte nur so entstehen, wie sie entstanden ist, weil der Film eine Koproduktion mit der HFF „Konrad Wolf“ in Potsdam ist. Wir wollten mal mit anderen Studenten zusammenarbeiten. Der Soundtrack ist von Felix Raffel extra für den Film komponiert und mit dem Filmorchester Babelsberg eingespielt. Felix hat in Hannover an der Musikhochschule studiert und studiert jetzt im zweiten Semester Filmmusik an der HFF. Und er hatte im Rahmen des Studiums die Möglichkeit, die Musik mit dem Orchester einzuspielen. Er war ganz heiß darauf, viel mit Orchester zu instrumentieren. Das hatte ich mir erst gar nicht so vorgestellt, aber dann habe ich gemerkt: Das ist ein Film bei dem das geht.

Habt Ihr eigentlich ganz bewusst so einen Film mit großen Bildern und großer Musik gemacht?
Linus:
Ich muss zugeben, dass davon mehr in der Postproduktion entstanden ist, als ich eigentlich gerne zugeben möchte. Ich würde gerne behaupten, dass ich mir das von Anfang an so überlegt habe. Aber erst in der Postproduktion ist mir klar geworden, dass der Film mehr ist als einer Vater-Sohn-Geschichte. Er ist vor allem ein Bekenntnis zum Kino und erst in zweiter Linie ein Film über persönliche Konflikte. Ein Dozent von uns hat gesagt: Es gibt Filme über Menschen, das ist der Film nicht. Es gibt Filme über Situationen, das ist er eigentlich auch nicht. Der Film ist ein Film über Filme und das Filmemögen.

Erzählt doch zum Schluss noch etwas über Euer nächste Projekt „Dr. Ketel“.
Linus:
Das ist auch wieder ein gemeinsames Projekt. Das wird unser gemeinsamer Abschlussfilm.
Anna: Und unser erster langer Film.
Linus: Es geht um einen Arzt in Neukölln in einer sehr, sehr nahen Zukunft, in der das Gesundheitssystem zusammengebrochen ist. Es ist sozusagen eine groteske Variante der Gegenwart. Der Arzt, der selber keine Approbation mehr hat, fängt wieder an zu behandeln, weil die Leute ihn brauchen. Er hilft ohne Anmeldung, ohne Termin, wo er gebraucht wird.
Anna: Und dabei bewegt er sich natürlich in der Illegalität. Der Film hat einen Hauch von Science Fiction, near future sozusagen. Wir machen gerade während der Recherche kleine Drehs. Wir sind mit unseren Schauspieler in Neukölln unterwegs und drehen explorative Szenen. Wir entdecken viele Dinge über das Machen.

Das Interview führte Steffen Wagner.

18.02.10 9:00

Lebendkontrolle von Florian Schewe


So sind Männer eben

Mark (Gerdy Zint) ist jung und ein Bündel an Aggression. Deswegen sitzt er im Knast, was seine Agressionen nicht gerade verringert. Wenn seine Freundin Jessica (Franziska Jünger) ihn besucht, freut er sich kurz und brodelt dann den Rest des Besuchs vor Eifersucht. Der einzige Silberstreif am Horizont ist sein Ausgang in wenigen Tagen. Sein Zellengenosse, der routinierte Knacki Boxer (Eddy Kante), hat einen Auftrag: Er soll seiner Tochter Geld bringen, damit die ihre Ausbildung an der Hotelfachschule finanzieren kann.

Lebendkontrolle erzählt eine klassische Männergeschichte: Ein Mann will sich ändern, kann aber nicht. Weil die Umstände gegen ihn sind, der Zufall ihm übel in die Quere kommt und er sich vor allem selbst im Weg steht. Mark ist genau der Typ, der sich selbst nie im Griff haben wird. Er liebt Jessica und doch benimmt er sich wie ein Idiot – so sind Männer eben. Aber Mark hat auch einen weichen Kern. Wenn es um seinen Kumpel Boxer geht, lügt er lieber, als ihn zu verletzen – so sind Männer eben.

Florian Schewe hat aus einer guten Geschichte einen routinierten Film gemacht, der manchmal allerdings etwas zu nah am Klischee ist. Aber unterhaltsames Kino ist es allemal, zumal die Besetzung der drei tragenden Rollen perfekt gelungen ist. Und wenn wir gerade dabei sind: Wer ein schönes Drehbuch für einen Kiez-Krimi mit Eddy Kante in der Hauptrolle schreibt, kriegt von mir 'ne Kiste Bier spendiert.

17.02.10 21:00

Narben im Beton von Juliane Engelmann


Der Zuschauer hat keine Wahl

Anna (Carmen Birk) ist 23 Jahre alt. Ihr Leben ist eine einzige Überforderung: Sie hat drei Kinder, das jüngste noch ein Kleinkind, das älteste geht schon in die Schule. Ihr Mann ist so stumpf wie das Programm auf der ewig flimmernden Mattscheibe. Er betrügt sie auf der Wohnzimmercouch und macht sich nicht einmal die Mühe, das zu verbergen. Anna ist schon wieder schwanger, aber sie hat sich entschlossen, das einfach zu ignorieren.

Juliane Engelmann hat mit Narben im Beton einen Film gemacht, der schwer zu verkraften ist. Das ist nicht abwertend gemeint. Verwahrloste Kinder, tote Kinder, getötete Kinder das sind Themen bei denen die Medien gewöhnlich zum einem großen Empörungswettkampf auflaufen: Wer macht sich lauter Luft? Wer fordert die schärfsten Konsequenzen? Rabenmütter! Asoziale! Monster! Seine Werturteile schießt der Boulevard dann aus der Hüfte ab, das Hirn ist eher nicht beteiligt.

In Narben im Beton wird nicht geurteilt, sondern nur beobachtet. Das ist beunruhigend. Am Ende wird ein Neugeborenes sterben, das ist dem Zuschauer schon nach wenigen Minuten klar. Wie kann das passieren? Es muss doch jemand Schuld haben? Der Film muss doch wenigstens eine Haltung haben, Stellung beziehen. Muss er? „So kann man's ja auch nicht machen“, empörte sich ein Kollege nach der Pressevorführung. Warum eigentlich nicht?

Juliane Engelmann hat einen Film gemacht, der eine junge Frau in einer extremen Situation beschreibt. Aber traut sich wirklich jemand zu behaupten, dass diese Situation grundlegend unrealistisch ist? Der Film mündet in einer Katastrophe, die kaum größer sein könnte. Doch irgendwo im Hinterkopf verschafft sich der Gedanke Platz, dass diese Katastrophe auch eine Erleichterung ist – ein monströser Gedanke. Die Katastrophe hat wenigstens etwas von Annas Verzweiflung in Wut verwandelt und sie hat den widerwärtigen Typen nicht wieder in die Wohnung gelassen. Entsteht Hoffnung aus der Katastrophe? Aber das darf man nicht denken. Allein solche Gedanken wird man nach diesem Film nicht mehr los, weil das Gefühl des eigenen Unbehagens immer größer wird. Als Zuschauer muss man innerlich schon Stellung beziehen, da lässt der Film keine Wahl. Gut so.

Jessi von Mariejosephin Schneider

Weil es nicht so sein kann, wie es war

Jessi (Luzie Ahrens) ist 11 Jahre alt, aber Jessi ist erwachsener als andere Elfjährige; sie muss erwachsener sein, denn ihre Mutter (Jasmin Rischar) sitzt im Gefängnis. Wenn das Mädchen seine Mutter besucht, wirkt Jessi wie die Erwachsene und ihre Mutter wie ein Kind. Jessi lebt in einer Pflegefamilie. Sie würde viel lieber im alten Haus der Mutter oder bei ihrer Schwester (Sophie Rogall) wohnen, aber das geht nicht. Denn Jessi darf nichts entscheiden.

Jessi reagiert auf den Druck von außen, indem sie sich vollkommen in sich zurückzieht. Wichtig sind für sie die Besuche bei ihrer Mutter. Denn sie versucht das Unmögliche: das zerüttete Verhältnis zwischen ihrer Mutter und ihrer Schwester zu reparieren. Aber das Leben kann nicht einmal für kurze Zeit so sein, wie es früher war. Deshalb sucht Jessi nach einem eigenen Weg, wie sie mit ihrem Leben fertig werden kann.

Mariejosephin Schneider (Buch und Regie) erzählt in nur 30 Minuten eine ganz spezielle Geschichte über das Erwachsenwerden. Sie stellt die Figur von Jessi in den Mittelpunkt und sieht genau hin: Wie läuft das ab, wenn ein Kind seine Mutter im Knast besucht? Wie blickt Jessi ihre Mutter an, wenn die der großen Schwester nicht einmal per Telefon zum Geburtstag gratulieren will? Die 11-jährige Luzie Ahrens trägt den Film. Die Kamera von Jenny Lou Ziegel ist immer bei ihr, ohne aufdringlich zu sein. Luzie Ahrens spielt sparsam aber eindringlich, mit Blicken und Gesten, mit ihrer Mimik. Das Drehbuch ist so intelligent, dass es die Dialoge auf das Notwendige beschränkt. Menschen, die auf der Suche sind, reden nicht viel. Jessi ist eine kleine Geschichte, die viele der großen Geschichten in den Schatten stellt, die auf dieser Berlinale mehr ausgewalzt als erzählt werden.

16.02.10 10:18

Exit Through the Gift Shop von Banksy


Pepare to be brainwashed

Banksy ist der bekannteste Street Artist der Welt, aber kaum jemand kennt seine wahre Identität. Der Thierry Guetta kennt sie. Guetta, der in Los Angeles lebt, ist seit seiner Jugend ein manischer Filmer. Er filmt immer, alles und jeden. Ob es seine Frau, der Busfahrer oder ein sichtlich genervter Noel Gallagher ist, den er zufällig auf der Straße trifft, die Videokamera ist immer dabei. Über seinen Cousin kam Guetta mit der Street Art-Szene in Kontakt. Da war es um ihn geschehen: Nacht für Nacht zog er mit der Kunstguerilla von L.A. los und filmte sie bei ihren waghalsigen Verschönerungsaktionen, die für die einen Kunst und die anderen Vandalismus sind.

Nach vielen Jahren, Guetta hatte inzwischen sogar sein großes Idol Banksy getroffen und war sein Helfer beim Locationscouting und offizieller Filmchronist geworden, hatte Guetta Tausende Videokassetten und machte daraus: Life Remote Control – einen wüsten Zusammenschnitt von Filmschnipseln. In Exit Throught the Gift Shop wird daraus ein kurzer Auschnitt gezeigt, der manisch-brillant aussieht. Aber Banksy fand Life Remote Control „shit“ und machte aus der Doku von Thierry Guetta über Banksy einen Film von Banksy über Thierry Geutta.

In Wahrheit aber ist Exit Through the Gift Shop ein Film darüber, wie Hype funktioniert oder auch wie Street Art domestiziert wird. Banksys Kunst - die manchmal genial ist, z. B. seine Graffitis an der israelischen Mauer in der West Bank von 2005 - wird von der Straße in die Galerien geholt, anfangs sogar gegen seinen Willen. Mittlerweile wird sein Kunst für hohe sechstellige Summen gehandelt. Subversion in der Kunst funktioniert nie auf Dauer, dass weiß man spätestens seit Duchamp und seinem Fountain (erdacht 1917, re-enacted in den Fünfzigern und Sechzigern) oder Harings Graffiti aus den Achtzigern. Sogar Guetta, der eine fiktive Figur ist oder auch nicht, wird als Mr. Brainwash zum Künstler. In der Kunstwelt ist alles möglich, weil Kunst eine soziale Praxis ist. Sclag nach bei Arthur C. Danto.

Banksy hat einen amüsanten, harmlosen, etwas langweiligen und vor allem formal erstaunlich konventionellen Film gemacht, den die Berlinale allen Ernstes als „Experimentalfilm“ ankündigt. Maybe You've Bee Brainwashed, too!

15.02.10 21:30

Im Schatten von Thomas Arslan


Raub ist Arbeit

Ein Krimineller ist ein selbständiger Unternehmer. Er muss investieren, planen, Personal anstellen, Aufgaben verteilen, kontrollieren und dafür sorgen, dass das Geld reinkommt. Wenn alles gut läuft, verdient man damit gutes Geld, wenn es schiefgeht, haftet man persönlich. Trojan (Misel Maticevic) hatte mit seinem letzten Unternehmen, einem Raubüberfall, wenig Glück, deshalb hat er einige Zeit im Gefängnis verbracht. Nun ist er wieder auf dem Berliner Markt tätig und sucht nach der nächsten Gewinnchance. Im Schatten ist ein deutscher Kriminalfilm, in 20 Jahren wird man sagen der deutsche Kriminalfilm.

Trojan ist ein Krimineller, ein hochprofessioneller Krimineller. Er handelt schnell, kühl, rational. Sein Ziel ist, einen Raub zu begehen, der es ihm ermöglicht, die Branche zu wechseln. Trojan ist der Film. Die Kamera folgt ihm fast ohne Unterbrechung. Mit ihm sind wir immer in Bewegung, wir planen und handeln, begeben uns in Gefahr. Arslans Bilder sind genauso kühl wie seine Hauptfigur. Im Schatten ist ein Film über einen Unternehmer und sein nächstes Projekt. Verbrechen ist für Trojan eine Arbeit und so zeigt Im Schatten eigentlich Alltag. Es gibt Gewalt, aber die ist nur Mittel zum Zweck. Schließlich gibt es auf jedem Markt Konkurrenten. Es geht ums Geschäft, bitte nicht persönlich nehmen.

Das Brillante an Arslans Film ist der Rhythmus, den Trojan vorgibt. Seine Pläne und Aktionen entfalten eine Dynamik, die nicht mehr aufzuhalten ist. Trojan ist der professionellste Kriminelle seit Jef Costello. Die Mechanik des Verbrechens hat in Im Schatten eine ungeheure Faszination, nicht obwohl, sondern gerade weil sie so alltäglich daher kommt. Der Zuschauer sitzt im Kinosessel und denkt: Genauso kann es funktionieren, aber wird es auch funktionieren? Die Anspannung überträgt sich von der Leinwand. Schließlich geht es um viel, eigentlich um alles - um die Existenzgrundlage und die Freiheit.

Cindy liebt mich nicht von Hannah Schweier

Mit dem Passat auf Sinnsuche

Maria (Anne Schäfer) ist so glücklich. Barkeeper Franz (Clemens Schick), ihr neuer Freund, ist so ein cooler Typ. Eisblaue Augen, Lederjacke, emotional, spontan, genau ihr Typ. Genauso glücklich ist Maria schon etwas länger mit ihrem Freund David (Peter Weiss). David arbeitet in der Staatsanwaltschaft, bereitet eine große Jurakarriere vor und sieht aus, als sei er schon mit der Aktentasche unter dem Arm auf die Welt gekommen, aber er ist so verständnisvoll und fürsorglich und von der etwas verrückten Maria rettungslos fasziniert. Dann ist Maria verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt. David spürt Franz auf und eine gemeinsame Suche beginnt.

Ich bin im Kino bereit, jederzeit alles zu glauben - alles: Dass es blaue Ökoippie-Außerirdische gibt, die drei Meter groß sind oder dass sich ein versponnener Wissenschaftler mit einem Leoparden um einen Dinosaurierknochen streitet, kein Problem. Hauptsache die Geschichte ist so erzählt, dass sie überzeugt. Genauso ist es bei Cindy liebt mich nicht. Eine Frau verschwindet und ihre beiden Liebhaber, die verschiedener nicht sein könnten, machen sich gemeinsam auf die Suche. Das ist doch extrem unwahrscheinlich. Na und? Hannah Schweiers Geschichte funktioniert. Ihr Drehbuch (nach einer Vorlage von Juan Moreno und Jochen-Martin Gutsch) ist clever, sie hat die richtigen Bilder und die richtigen Schauspieler gefunden. Vor allem Clemens Schick und Peter Weiss spielen perfekt zusammen.

Schweiers Film ist eine Mischung zwischen einer melancholischen Komödie (vor allem über Männer) und einem Roadmovie. Wie in jedem gelungenen Roadmovie geht es in der Enge des Autos (in diesem Fall ein Passat der ersten Generation) um die Gegensätze zwischen den Charakteren und die großen Fragen: Warum machen wir das hier und wo wollen wir eigentlich hin? Was weiß ich eigentlich über mich und was über andere Menschen? Schön und clever.

Schnupfen im Kopf von Gamma Bak

Was brauche ich, um ich zu sein?

Bin ich ich? Was brauche ich, um ich zu sein - Medikamente? Helfen mit die Medikamente dabei, ich zu sein oder verhindern sie es? Solche Fragen stellt man sich im Alltag eigentlich nicht. Natürlich bin ich ich. Wer sollte ich denn sonst sein? Seit bei der Regisseurin Gamma Bak vor 15 Jahren eine Psychose diagnostiziert wurde, muss sie sich mit diesen Fragen auseinandersetzen. Sieben Jahre nach der Diagnose entschloss sie sich mit einer filmischen Langzeitbeobachtung zu beginnen, in die sie auch Freunde und ihre Familie mit einzubeziehen. Schnupfen im Kopf ist das Ergebnis dieser achtjährigen Beobachtung. Der Film ist erreicht etwas Wertvolles: Er gibt einen sehr persönlichen Blick auf den Verlauf einer Krankheit, über die die Wenigsten sprechen wollen und ist dabei offen, ohne die Distanz zu verlieren oder sich dem Zuschauer aufzudrängen.

Psychose ist eine Sammelbegriff für psychische Erkrankungen, die den Bezug des Erkrankten zu seiner Umwelt stören. Symptome sind unter anderem Halluzinationen, Ichstörungen, Angstzustände, Depressionen und Manie. Die Krankheit verläuft in Schüben. „Krisen“ nennt das Gamma Bak in ihrem Film. Bei ihrer ersten großen Krise beginnt sie zum Beispiel Papier in den Ecken ihres Zimmers aufzustapeln. Das mag nicht dramatisch klingen, aber für sie verdrängte das Stapeln den Wunsch zu essen und die Fähigkeit zu schlafen. Außerdem litt sie unter furchtbaren Angstzuständen.

Mit der Diagnose Psychose kamen die Psychopharmaka in das Leben von Gamma Bak, Halperol, Lithium, Medazepam – im Abspann nennt sie 14 Medikamente. Und mit den Medikamenten kommen die Nebenwirkungen. Nebenwirkung ist dabei nichts anderes als ein Euphemismus. Es sind unerwünschte Wirkungen: Gewichtszunahme, Sprachstörungen und andere Bewegungsstörungen, Einschränkung der Mimik, Müdigkeit, Erbrechen – die Liste ist endlos. Und die gewünschte Wirkung führt oft dazu, dass der Patient eigentlich gar keine Emotionen mehr spürt.

Gamma Bak berichtet nicht nur selbst über ihre Erfahrungen. Sie diskutiert mit ihren Freunden vor der Kamera oder Familienmitglieder oder Freunde verfassen Videobriefe. Der Vater, der Freund, die Freundinnen, der Cousin – sie sprechen über ihre Sorgen, fragen sich nach Gründen und Rätseln über ihre eigene Hilfslosigkeit.
So entsteht für den Zuschauer ein facettenreiches Bild. Je länger man zuschaut, umso mehr respektiert man den Weg, den Gamma Bak geht und versteht die Hindernisse, die auf diesem Weg zu bewältigen sind. Allein die ständige Selbstbeobachtung, um ein Frühwarnsystem gegen eine neue Krise zu entwickeln, ist ein kräftezehrender Prozess. So viel Selbsterkenntnis wird man sich als „Gesunder“ kaum zumuten.
Gamma Bak selbst verschweigt nicht, wie schwierig sie es zunächst fand, sich als psychisch krank zu „outen“. Denn die Krankheit sei auch eine Falle. Das Etikett „psychisch krank“ führe leicht dazu, dass jedes Verhalten nur noch als Krankheitssymptom interpretiert werde. „Ich kann nicht wie jeder andere einfach mal was Verrüktes machen“, sagt Gamma Bak. Mit dem Filmprojekt leistete sie der Krankheit Widerstand. Der Film sei immer für ein Publikum gedacht gewesen, sagte sie nach der Premiere. „Wenn ich jetzt nicht hier stehen würde, um den Film zu zeigen und über ihn zu sprechen, dann wäre ich gescheitert.“ Das ist Gamma Bak mit Sicherheit nicht, vor allem weil der Film das Korsett der Krankheit aufbricht. Der Film handelt vom Leben einer Filmemacherin, von ihrer Geschichte als Kind von Flüchtlingen, von ihren ersten Schritten als Künstlerin von ihren Hoffnungen und Ängsten und auch von Krankheit. Schnupfen im Kopf ist ein persönlicher Sieg und in filmischer Hinsicht herausragend.

13.02.10 22:00

Hollywood Drama von Sergej Moya

Wahrhaftigkeit für Bernd und Roland

Der deutsche Film meint es bekanntlich sehr ernst. Authentisch muss es sein, das haben große deutsche Regisseure, Produzenten und Schauspieler erkannt. Deshalb trug zum Beispiel Bruno Ganz in Der Untergang eine original Führerunterhose, die dann so kratzte, dass sich der Ifflandring-Träger in eine veritable Knallcharge verwandelte und nicht umhin konnte, den GRÖFAZ in beste Kleinkunst-Mimikry umzudeuten – auf dass kein Auge trocken blieb. Franz Arnold (Clemens Schick) geht sogar einen Schritt weiter: Als SS-Offizier bleibt er sogar dann noch in seiner Rolle, wenn der Take schon vorbei ist. Erst sein Regisseur Heinrich Hugenrubel (Carlo Ljubek) holt ihn wieder in die Realität zurück. Dann zieht es die beiden Verfechter teutonischer Wahrhaftgkeit nach Amerika. Mit Hollywood Drama liefert Sergej Moya ein Genre, das man in der Perspektive viel zu selten sieht: eine Satire.

Moyas Film nimmt die kulturellen Klischees mit Verve auf die Hörner: Auf der einen Seite die „fucking Germans“ mit ihren „fucking Foreign Film Awards“ auf der anderen Seite (des Atlantiks) die „willenlosen Sklaven dieses intellektuellen Vernichtungsapparates“. Das ist vielleicht nicht besonders subtil, aber witzig. Wirklich brillant ist die zentrale Szene dieses 25-Minüters, wenn Hugenrubel und Arnold kurz vor dem Ausrasten sind „weil Bernd und Roland“ gleich da sind und sich die notwendige Echtheit nicht einstellen will.

Glebs Film von Christian Hornung

Wortkaskaden und Scherengeklapper

Glebs Film existiert nur im Kopf von Gleb Lenz. Gleb hat einen kleinen Friseurladen in einem einfachen Backsteinsiedlung in Hamburg-Altona. Seine Kunden sind vor allem Rentner oder genauer gesagt vor allem Rentnerinnen. Glebs Leben könnte eigentlich ziemlich einförmig und langweilig sein, aber Gleb Lenz hat Phantasie: Er spricht mit den Menschen unter den Hauben nicht über das Wetter und die neuesten Katastrophen in den europäischen Königshäusern, sondern erzählt ihnen die Geschichte seines Films.

Regisseur Christian Hornung hat per Zeitungsannonce nach jemand gesucht, der eine Idee für einen Film hat und darüber berichtet: Eigentlich wollte er drei bis vier Geschichten dokumentieren, aber mit Gleb hat er den geborenen Erzähler und damit das alleinige Zentrum seines Films gefunden. Der Friseur, vor 20 Jahren aus Weißrussland nach Deutschland gekommen, ist von einer geradezu barocken Beredsamkeit. Mit leichtem Akzent fabuliert er von einem einsamen Mann, einer einsamen Frau und ihren Sehnsüchten. Natürlich will Gleb die beiden zusammenbringen, aber der Weg dorthin ist verschlungen. Als Zuschauer erleben wir mit, wie Gleb sein mündliches Drehbuch an seinen Kunden ausprobiert und mit ihnen diskutiert.

Christian Hornung hat eine ebenso passende wie intelligente Struktur für seinen Dokumentarfilm gefunden: Er zeigt nur die Gespräche Glebs mit seinem Publikum auf dem Frisierstuhl. Es gibt keine Interviews oder klassische „Talking Heads“-Situationen. So setzen Hornung und sein Kameramann Karsten Krause (Kompliment: trotz der vielen Spiegel ist Krause nie im Bild zu sehen) einen Erzählstrom durch gekonnte Schnitte in Bilder um, mit seinen Wiederholungen, seinen Brüchen und dem Kreisen um das Thema Einsamkeit. Ein charmanter, kleiner Film.

Blutsfreundschaft von Peter Kern


Handlung? Ästhetik?? Haltung???


In Blutsfreundschaft geht es um all dieses: Jugendliche mit Familienproblemen, Mord, Mut, schwule Bohemians, rechte Volksverführer, Transsexuelle, Skinheads, Sozialarbeiter, Konzentrationslager, das dumme Volk, Gewalt, Jungenliebe, Gruppendruck, Hitlerjugend, Schuld, Tod, Dekadenz, Geschlechtsumwandlung, Sühne, Ausländerhass, Liebe, Angst, Widerstand gegen Rechts.

In Peter Kerns Film bringt der junge Axel (Harry Lampl), kaum haben ihn die Skins rekrutiert, aus Versehen einen Sozialarbeiter um, um dann ebenfalls aus Versehen von dem alten, schwulen Wäschereibesitzer Tritzinsky (Helmut Berger) vorerst gerettet zu werden. Denn Axel löst bei Tritzinsky Schuldgefühle aus, weil er ihn an einen Freund aus HJ-Zeiten erinnert, den der alte Mann in der Nazizeit nicht nur geliebt, sondern auch an die Gestapo verraten hat. Und Axel ist jetzt in einem Loyalitätskonflikt: Er möchte von den Skins akzeptiert werden, empfindet aber auch Freundschaft für den Wäschereibesitzer, weil der der Erste ist, der sich wirklich um ihn kümmert.
Aus einer eigentlich einfachen Geschichte „Jugendlicher mit Problemen gerät in die Fänge von Skinheads und bekommt noch größere Probleme“ kreiert Peter Kern einen Plot, der einem den Mund offen stehen lässt und garniert ihn mit Bildern, die zwischen brutaler Gewalt, echter Zärtlichkeit und Übelkeit erregendem Nazikitsch hin- und hertaumeln. Genauso unstet wie die Handlung und die Ästhetik ist die Haltung des Regisseurs: Ist das Satire? Ist das Sozialkritik? Ist das die Verarschung einer dekadenten, am Sex blöde gewordenen Künstlerszene oder ist das ein mit einem breiten Grinsen gesetzter Faustschlag in die Fresse der österreichischen Nazis? Ich habe keine Ahnung. Außer Ratlosigkeit bleibt nur die Anerkennung für die gute Leistung von Harry Lampl als Axel.

12.02.10 19:30

Renn, wenn Du kannst von Dietrich Brüggemann

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Freundschaft, Liebe, Sehnsucht: Gefühle ohne Soße

Ein deutscher Film über die Dreiecksbeziehung zwischen einem Rollstuhlfahrer, einem Zivi und einer Cellistin? Das könnte schlimm werden - Gefühlssoße, die zäh von der Leinwand tropft. Renn, wenn Du kannst ist zum Glück anders. Querschnitter Ben (Robert Gwisdek) ist ein erfrischend zynisches Arschloch, fährt im auf Handgas umgebauten Ami-Oldtimer durch die Gegend und teilt verbal in alle Richtungen aus. Christian (Jacob Matschenz) ist sein neuer Zivi und der erste, der sich vom misantrophischen Ben nicht terrorisieren lässt. Er zeigt Ben ziemlich deutlich, dass man nur mit Ironie im Leben auch nicht wesentlich weiterkommt. Annika (Anna Brüggemann), die von Lampenfieber geplagte Cellistin, sorgt für Gefühlsaufwallungen und Komplikationen.

Dreiecksgeschichte wurden schon dutzendfach auf die Leinwand gebracht, aber das Drehbuch von Dietrich und Anna Brüggemann gewinnt einer gewöhnlichen Konstellation ungewöhnliche Seiten ab. Die Dialoge haben Biss und die Figuren entsprechen eben nicht den Klischees, sind exzentrisch und doch glaubwürdig, weil das Schauspielertrio hervorragend zusammen funktioniert. Renn, wenn Du kannst schafft das eher seltene Kunststück eine Geschichte über Freundschaft, Liebe und Sehnsucht zu erzählen, ohne ins Sentimentale oder Peinliche abzudriften. Der Komödie setzt sich dabei mit erstaunlich ernsten Themen auseinander, ohne ihren Witz zu verlieren oder sich belehrend oder mitleidsheischend im Ton zu vergreifen: Was passiert, wenn man die eigene Beziehungsunfähigkeit zur herausragenden Charaktereigenschaft erklärt? Kann man das durchhalten und was hat ein Rollstuhl damit zu tun? Und wie sieht es eigentlich mit den Träumen und Plänen aus, die sich jeder für sein Leben so zusammenspinnt?
Dietrich und Anna Brüggemanns Film gibt auf diese Fragen überraschende Antworten. Die beiden haben sogar die Chuzpe, die Zuschauer mit einer pseudokitschigen Volte zu erschrecken, dazu will ich hier nicht mehr verraten.

11.02.10 9:00

The Boy Who Wouldn't Kill von Linus de Paoli

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Kleines Budget, großes Kino

Das Budget ist mit etwa 15.000 Euro klein und die Spielzeit mit 25 Minuten kurz, aber das hat Regisseur Linus de Paoli und Produzentin Anna de Paoli, die auch gemeinsam das Drehbuch geschrieben haben (Co-Produzentin Anna Katharina Guddat), keine Grenzen gesetzt: The Boy Who Wouldn't Kill sieht aus, klingt und fühlt sich an wie großes Kino. Der Film der beiden Studenten an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin erzählt die Geschichte einer Konfrontation zwischen Vater und Sohn auf einer einsamen Hühnerfarm irgendwo im Niemandsland nach der Apokalypse – es geht um nicht weniger als Leben und Tod.

Das Begeisternde an dem Film ist nicht die archaische schon oft variierte Geschichte, sondern es sind die epischen Bilder, die emotional mitreißende Musik, komponiert von Felix Raffel, gespielt vom Filmorchester Babelsberg und die kongeniale Kameraarbeit von Luciano Cervio. Die Filmteam ist es an den 13 Drehtagen in einem stillgelegten Tagebau bei Cottbus gelungen, mit wenig Geld und viel Enthusiasmus eine eigene Welt zu schaffen und eine Geschichte mit Lust an der Phantasie zu erzählen. Gerade darum ist die lobende Erwähnung der Internationalen Jury bei renommierten internationalen Festival des phantastischen Films im catalonischen Sitges vom vergangenen Jahr wohlverdient. Die Bilder können sich mit klassischen Italo-Western messen, erinnern an Mad Max oder auch an die kargen Landschaften von There Will be Blood.
Die Auseinandersetzung zwischen Anjo (Pit Bukowski) und seinem Vater (Jörg Bundschuh) gewinnt ihre Spannung, weil der Regisseur und seine Mitstreiter aller Register der guten, alten Illusionsmaschine Kino ziehen und das Tun sie nicht nur mit großem Sachverstand, sondern vor allem mit viel Lust am Filmemachen selbst. The Boy Who Wouldn't Kill sind perfekte 25 Minuten für alle, die das Kino wegen seiner Phantasie lieben.
The Boy Who Wouldn't Kill wird auf der Berlinale zusammen mit Glebs Film und Hollywood Drama am Sonnabend, 13. Februar, 19.30 Uhr Cinemaxx 3; am Sonntag, 14. Februar, 13 Uhr Colosseum und am Sonntag, 14. Februar, 20.30 Uhr Cinemaxx 1 gezeigt.

05.02.10 9:00

Retrospektive: 38 Filme aus über 15.000

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Aus Anlass eines runden Geburtstags ist ein Rückblick immer etwas Besonderes. Deshalb hat die Berlinale den Filmkritiker und Autor David Thomson (Seine bekanntesten Bücher: Have you seen? A Personal Introduction to 1.000 Films und The New Biographical Dictionary of Film) eingeladen ganz subjektiv Filme der Sektionen Wettbewerb, Forum, Panorama und Generationen auszusuchen. 38 sind es geworden aus mehr als 15.000 Filmen, die im Programm der Berlinale in 60 Jahren gezeigt worden sind. Thomson eröffnet die Retrospektive am 11. Februar persönlich mit einer Einführung vor dem Screening von Jean Renoirs The River (Der Strom). Es folgen Klassiker wie Godards A Bout de Souffle (Außer Atem), Polanskis Repulsion (Ekel) oder Almodóvars La Ley Del Deseo (Das Gesetz der Begierde) aber auch (fast?) Vergessenes wie Werner Herzogs Berlinale Erstling Lebenszeichen. Die aktuellsten Filme in dieser Geburtstags-Retrospektive sind Away from Her (An ihrer Seite) von Sarah Polley und Yella von Christian Petzold.

03.02.10 20:00

Ehrenbären für Hanna Schygulla und Wolfgang Kohlhaase

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Zum 60. Geburtstag spendiert die Berlinale sich und uns eine doppelte Hommage: Für ihr Lebenswerk werden die Schauspielerin Hanna Schygulla und der Drehbuchautor und Regisseur Wolfgang Kohlhaase mit goldenen Ehrenbären ausgezeichnet. Im Programm der Hommage laufen jeweils fünf Filme mit Schygulla und von Kohlhaase.
Hanna Schygulla wurde vor allem als Darstellerin in den Filmen von Rainer-Werner Fassbinder bekannt. Die Berlinale zeigt deshalb auch unter anderem den frühen Fassbinder-Film Rio das Mortes und sein Spätwerk Die Ehre der Maria Braun. Für die Titelrolle erhielt Schygulla 1979 den silbernen Bären als beste Schauspielerin und den Deutschen Filmpreis in Gold.
Der Berliner Wolfgang Kohlhaase arbeitet seit mehr als 50 Jahren vor allem als Drehbuchautor. Zu seinen bekanntesten Filmen gehören Solo Sunny und Sommer vor dem Balkon (Regie: Andreas Dresen) und Die Stille nach dem Schuß (Regie: Volker Schlöndorff). Diese Filme werden auch in der Hommage gezeigt, außerdem Kohlhaases erster großer Erfolg als Autor Berlin – Ecke Schönhauser von 1957 (Regie: Gerhard Klein). Solo Sunny bekam 1978 einen silbernen Bären, Kohlhaase schrieb nicht nur das Buch, sondern war neben Konrad Wolf auch Co-Regisseur.

29.01.10 9:00

Starke „mittellange“ Filme in der Perspektive

Sogenannte „mittellange“ Filme, ca. 25. bis ca. 60 Minuten, haben es schwer, in die Kinos zu kommen und ein Publikum zu finden. Das ist schade, wie die Perspektive Deutsches Kino in diesem Jahr beweist. Nach den Pressevorführungen steht fest: Man kann auch relativ kurzer Zeit eine gute Geschichte erzählen. Positiv fällt auf, dass das Themenspektrum bei den Mittellangen in diesem Jahr von Science Fiction, über Komödien bis hin zum Sozialdrama reicht. Besonders gelungen sind zwei ganz unterschiedliche Geschichten über das Erwachsenwerden. „The Boy Who Wouldn't Kill“ von Linus de Paoli, inszeniert einen Vater-Sohn-Konflikt in der apokalyptischen Welt nach dem großen Krieg - 25 Minuten, die sich Anschauen und Anhören wie großes Kino. Die 11-jährige „Jessi“ steht im Mittelpunkt von Mariejosephin Schneiders gleichnamigen Film: Jessis Mutter sitzt im Gefängnis und das Mädchen muss erwachsener sein als es will.

Auf der Berlinale werden sechs der mittellangen Filme in zwei Dreierpacks gezeigt: „The Boy Who Wouldn't Kill“, „Glebs Film“ und „Hollywood Drama“ laufen zusammen am Sonnabend, 13. Februar, 19.30 Uhr Cinemaxx 3; am Sonntag, 14. Februar, 13 Uhr Colosseum und am Sonntag, 14. Februar, 20.30 Uhr Cinemaxx 1. „Jessi“, „Lebendkontrolle“ und „Narben im Beton“ werden gezeigt am Mittwoch, 17. Februar, 19.30 Uhr im Cinemaxx 3; am Donnerstag, 18. Februar, 13 Uhr im Colosseum und Donnerstag, 18. Februar, 20.30 im Cinemaxx 1. Kurzfilm Nummer 7 „WAGs“ läuft im Vorprogramm am Freitag 19. Februar, 19.30 Uhr im Cinemaxx 3; am Sonnabend, 20. Februar, 13 Uhr im Colosseum und Sonnabend, 20. Februar, 20.30 im Cinemaxx 1.

17.01.10 14:42

Perspektive Deutsches Kino mit 14 Filmen

Neun Spielfilme und fünf Dokumentarfilme zeigt die Perspektive Deutsches Kino in diesem Jahr; darunter sind acht mittellange Filme mit einer Länge von 25 bis 60 Minuten. Wie immer setzt sich der junge deutsche Film mit Problemen auseinander, in diesem Jahr vor allem mit familiären Problemen. Ob die Beiträge des Programms „Schmerzgrenzen überschreiten“, wie die Berlinale im besten Pressemitteilungsdeutsch behauptet, werden wir sehen.

Gespannt sein kann man zum Beispiel darauf, wie Carolin Schmitz in ihren Portraits deutscher Alkoholiker mit einem Problem umgeht, das jedem bekannt ist aber fast niemanden zu interessieren scheint. Jan Raiber berichtet in Alle meine Väter ebenfalls dokumentarisch über die Suche eines jungen Mannes nach seinem Vater. Dagegen hat Christian Hornung für Gelbs Film ein weniger schicksalhaftes Thema gewählt: Er portraitiert einen Friseur in Hamburg-Altona, der seinen Kunden eine Filmgeschichte erzählt, die nur in seiner Phantasie entstanden ist.

Auch die Spielfilme widmen sich eher düsteren Geschichten: Narben im Beton von Juliane Engelmann erzählt die einer völlig überforderten dreifachen Mutter, die erneut schwanger ist und Lebendkontrolle von Florian Schewe die eines Knackis auf Freigang. Eröffnet wird die Perspektive mit Dietrich Brüggemanns Renn, wenn Du kannst und der kann in einer Dreiecksbeziehung zwischen einer Cellistin, einem Rollstuhlfahrer und einem Zivi auch komische Momente entdecken.

27.12.09 21:31

"Renn wenn Du kannst" eröffnet Perspektive

Der Film "Renn wenn Du kannst" von Dietrich Brüggemann ist der Eröffnungsfilm der Perspektive Deutsches Kino bei der Berlinale 2010. Robert Gwisdek spielt einen Rollstuhlfahrer, der sich in eine Musikstudentin (Anna Brüggemann) verliebt und dabei in seinem Zivi (Jacob Matschenz) einen umbequemen Konkurrenten hat. Die Hauptdarstellerin Anna Brüggemann hat gemeinsam mit ihrem Bruder, der hinter der Kamera seht, auch das Drehbuch geschrieben.

23.11.09 18:04

Holighaus nur noch 2010 Leiter der "Perspektive"

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Der Leiter der „Perspektive Deutsches Kino“; Alfred Holighaus, trägt im Februar 2010 zum letzten Mal die Verantwortung für diese Sektion. Er wird schon im Januar Geschäftsführer der Deutschen Filmakademie, steht der Berlinale aber noch bis Ende Februar zur Verfügung. Holighaus kam im Sommer 2001 zur Berlinale und kuratierte im darauf folgenden Jahr zum ersten Mal die neu geschaffene Festivalsektion, die aktuellen deutschen Produktionen der unterschiedlichsten Formate eine Plattform bietet. Die Perspektive ist in einem knappen Jahrzehnt zu einer Art Wundertüte des jeweils aktuellen Filmjahrgangs geworden (die Filme müssen im Jahr vor dem Festival gedreht werden). In dieser Tüte finden sich immer wieder Kostbarkeiten, z.B. Muxmäuschenstill (Marcus Mittermeier), Netto (Robert Thalheim) oder Prinzessinnenbad (Bettina Blümner), aber auch häufig Unausgegorenes. Langweilig ist die Perspektive nie, besonders aktuellen deutschen Dokumentarfilmen verschafft sie verdiente Aufmerksamkeit.

14.02.09 13:03

Panorama-Publikumspreis vergeben

Für ihre Polit-Doku-Satire "The Yes Men Fix the World" erhalten Andy Bichlbaum, Mike Bonanno und Kurt Engfehr den von Radio Eins, dem Tip und der Panomara-Sektion vergebenen Publikumspreis. Die Panorama-Zuschauer wählten den Film auf Platz 1 vor "Welcome" von Philippe Lioret und "Der Knochenmann" von Wolfgang Murnberger. Insgesamt wurden über 21.000 Stimmen abgegeben. Die Preisverleihung findet am morgigen Sonntag um 17 Uhr im Cinemaxx 7 statt.

13.02.09 21:10

"Soul Power" von Jeffrey Levy-Hinte

"Soul Power“ mit diesem Song eröffnen der Godfather of Soul and the Mighty JBs den Film, mit “Say it Loud (I’m black and Proud)” beenden sie die Dokumentation über das Soul Power-Festival 1974 in Kinshasa im Rahmenprogramm zum “Rumble in the Jungle” Ali vs. Frazier. Jeffrey Levy-Hinte hat aus mehreren Tagen Filmmaterial – allein 12 Stunden Konzert-Footage – einen Musikfilm im cinema verité Stil gemacht, der einen auf eine Klassenfahrt der Elite-Soulschule nach Zaire mitnimmt. Dabei sind neben James Brown, Bill Withers, Miriam Makeba, B.B. King und die Spinners in einer Soundqualität, die sich mit den besten Musikfilmen von heute messen kann.

"Soul Power“ ist eine Zeitreise. Die Klamotten: mehr Schlaghose war nie, James Brown (mit leichtem Bauchansatz und Pornobalken) in einem funky Jump Suit, Schlaghosen ungeahnten Ausmaßes und Kragenecken mit denen man Segelfliegen könnte. Dazu kommt der Spririt: Die Amerikaner sind noch ganz beseelt vom Civil Rights Movement und Black Power, reden von Homecoming, Roots and Freedom in Africa und befinden sich offensichtlich in völliger Unkenntnis über die politischen Abgründe des Mobutu Sese Seko. Muhammad Ali philosophiert in nie endenden Wortkaskaden über die amerikanische Gesellschaft, den afrikanischen Traum und natürlich seinen eigenen Status als "The Geatest“. Ali rappt ohne jede Musikbegleitung, man könnte stundenlang zuhören. Das können die schwarzen Jungs von heute mit den doofen Tattoos, den bräsigen Hosen und den beknackten Goldketten nicht einmal, wenn sie drei Wochen im Studio gestanden haben.

"Soul Power“ hat einige Szenen über die chaotische Organisation drumrum, etwas Backstage-Material und einige schöne Aufnahmen von Straßenmusikern. Herzstück ist aber die Musik: Bill Withers will make you weep, The Spinners will lift your soul and JB will hit you one more time. Jeffrey Levy-Hinte versprach im Filmgespräch, dass es eine DVD-Version mit viel, viel mehr Musik geben solle, aber dazu sei noch viel Arbeit nötig. Hoffen wir mal, dass der liebe Gott ein Funken Soul hat und das DVD-Projekt zustande kommt. Right on!

"Little Joe" von Nicole Haeusser

Joe Dallesandro war der erste Schauspieler, der sich in den Kunstfilmen von Warhols Factory auszog und "full-frontal“ vor der Kamera agierte. Nach drei Filmen ("The Loves of Ondine“, "Lonesome Cowboys“, "Flesh“) war er 1968 eine Sex-Ikone und spukte fürderhin durch die Köpfe von Männern und Frauen des Underground. Dallesandro – wegen seines Tattoos auf dem rechten Oberarm nur "Little Joe“ genannt – sah und sieht das alles mit erfrischender Gelassenheit. "So? Das war also Kunst?“, fragt er im Dokumentarfilm von Nicole Häusser. "Meine frühen Aktfotos waren Pornographie und im Film ist es Kunst? Na gut.“

Der Film erzählt die Kindheit und Jugend von Joe in sehr ungewöhnlichen und wirkungsvollen Animationen, die Schauspielerkarriere ist mit Filmausschnitten, privaten Filmaufnahmen und ausführlichen Interviews dokumentiert. Dallesandro selbst ist mit seiner Tochter Vedra Co-Produzent und hat auch das Drehbuch geschrieben. Damit ist klar, dass er den Film als Medium nutzt, um seine Person und seine 40 Jahre auf der Leinwand auch einmal aus der eigenen Sicht zu beleuchten. Das endet zum Glück nicht in eitler Selbstbeweihräucherung, im Gegenteil Dallesandros selbstironische Distanz und sein trockener Humor sind die große Stärke von "Little Joe“. Die Kunstfilme im Factory Stil halte er nicht für Kunst, auch Warhol habe das nicht getan, sagt Dallesandro im Film. Morrissey habe hart daran gearbeitet und es habe auch interessante Momente gegeben. Aber so etwas wie ein echtes Drehbuch habe es nie gegeben: "It was hard, because first of all we had to pretend, we were actors“.

Insgesamt hat Dallesandro mehr als 50 Filme gemacht. Auf die erste Morrisey-Trilogie „Flesh“, "Trash“, "Heat“ folgten noch zwei Morrissey-Filme "Flesh for Frankenstein“ (in 3-D!) und "Blood for Dracula“ jeweils mit Udo Kier. Dann drehte er drei Filme in Italien, die alle etwas Sex, viel Gewalt und krude Stories gemeinsam hatten, bevor ihn schließlich Mitte der Siebziger Louis Malle für seinen Märchenfilm "Black Moon“ und Serge Gainsbourg für "Je t’aime moi non plus“ (den man ab und zu bei Arte im Spätprogramm sehen kann – mit Joe und wichtig Jane Birkin, Handlung ist nicht so wichtig) engagierten. Weitere Dallesandro-Filme dieses Jahrzehnts trugen so erstaunliche Titel wie "Killer Nun“ und "Ferien und ein Massaker“. In den Achtziger riefen auf einmal die USA: Joe war Lucky Luciano in Coppolas "Cotton Club“, spielte in mehreren Folgen von Miami Vice und in Blake Edwards "Sunset“. Die Neunziger begann er in John Waters "Cry Baby“ und schloss sie mit Steven Soderbergh The Limey“ ab.

Dallesandro redet im Film offen über seine Rolle als Sexsymbol, "schwul was ist das? Packt mich doch nicht in eine Schublade“; sein Status als Star, "Stars waren wir nur in Deutschland“; und die Planlosigkeit seiner Karriere, "ich machte viele Filme, weil ich immer Geld brauchte“. Als Schauspieler sieht sich Dallesandro immer noch nicht, das nimmt man ihm allerdings nicht ganz ab. Mit diesem Gesicht und dieser Leinwandpräsenz kann man nichts Anderes als Schauspieler sein. Im Interview nach dem Film wiegelte er ab: "I just was lucky one day to like Campbell’s Soup“. Eine gute No-Budget-Doku über einen sympathischen Mann, der den Kontroll-Freak Paul Morrissey und den Warhol-Factory-Irrsinn mit Hilfe von gesundem Menschenverstand und Ironie besser überstanden hat als viele seiner Zeitgenossen. Auf dieser Berlinale erhält er Ehrenteddy für sein Lebenswerk.

12.02.09 14:55

"Milk" von Gus van Sant

Zwischen den deprimierenden Auftaktszenen von „Milk“ – körnige schwarz-weiß Fernsehbilder aus dem Florida der 60er-Jahre – in denen Männer, die verzweifelt ihre Gesichter zu verbergen suchen von Polizisten in einen Transporter gezerrt werden, nur weil diese Männer schwul sind – und den Schlussbildern, in denen tausende Menschen sich in San Francisco mit dem ermordeten Harvey Milk solidarisieren, liegen 128 Filmminuten, ein Politikerleben und eine gesellschaftliche Revolution. Natürlich ist die Ermordung eines Menschen auch etwas Deprimierendes, aber diese Solidaritätsgeste war 1979 nicht nur eine der Trauer, sondern auch eine der Hoffnung: Harvey Milk hatte in nur sieben Jahren etwas für die Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben erreicht, dass sich durch Gewalt nicht rückgängig machen lässt.

Gus Van Sant konzentriert sich in „Milk“ ganz auf die Arbeit von Harvey Milk (Sean Penn) als politischer Aktivist. Der Film setzt erst mit Milks 40. Geburtstag ein und zeichnet dann eine kurze aber spektakuläre politische Karriere nach, die mit seinem Umzug im Jahr 1972 in den Castro District von San Francisco beginnt. Dort eröffnete er in der Castro Street ein Fotogeschäft. Als Geschäftsmann merkt er schnell, wie er aufgrund seiner Homosexualität einerseits diskriminiert wird andererseits merkt er schnell, welche Chancen Schwule und Lesben haben, wenn sie sich organisieren und nicht nur solidarisch untereinander handeln, sondern ihren Kampf gegen Diskriminierung und für Bürgerrechte auch mit den Anliegen anderer Gruppen verknüpfen. Milks Durchbruch als Politiker gelingt, als er eine Koalition mit der Gewerkschaft der Lastwagenfahrer knüpft: Die Teamsters wollten Druck auf die Brauerei Coors ausüben, die sich weigerte einen Tarifvertrag zu unterschreiben. Milk organisierte einen Boykott, der Coors aus allen Schwulen-Bars im Castro District verdrängte. Coors musste schließlich nachgeben. Als Gegenleistung setzte sich die Gewerkschaft für die Einstellung schwuler Lastwagenfahrer ein. Van Sant erzählt die Geschichte des Aufstiegs ganz konventionell chronologisch. Die charismatische Persönlichkeit Milks steht dabei im Mittelpunkt: Wie er einen Kreis von Unterstützern um sich sammelt, die Spitzen des schwulen politischen Establishments in San Francisco abkanzelt und hinter sich lässt, wie er politische Niederlagen einsteckt und schließlich den gefeierten Sieg erringt und in den Stadtrat von San Francisco gewählt wird.

Harvey Milk ist der, der es möglich macht, mit einer Mischung aus fast manischer positiver Energie und reiner Freunde daran, als offen schwuler Mann Erfolg zu haben. „Für mich geht es nicht um politische Themen, sondern um meine Art zu leben“, sagt er einmal zu seinem politischen Widersacher im Stadtrat und späteren Mörder Don White (Josh Brolin). Sean Penn, der sonst oft introvertierte Sonderlinge spielt, gibt der Figur von Harvey Milk auf der Leinwand eine fast kindliche Begeisterung und Offenheit, die zum Motor des Films wird. Und gerade dieser Kontrast zu dem unsicheren White und vor allem zu den bigotten, reaktionären Idioten um den kalifornischen State Senator John Briggs (Denis O’Hare) und seine Christian Coalition, die der Diskriminierung von Homosexuellen wieder in Gesetzen festschreiben wollen, schärft die politische Botschaft des Films. So begreift man sehr genau den Hebel, den Milk entdeckt hat, um für schwule Gleichberechtigung zu kämpfen: Auf Schritt 1 „Sagt allen Leuten, die ihr kennt, dass ihr schwul seid!“ folgt Schritt 2, nämlich nach politischen Partnern zu suchen. Das Selbstbewusstsein von Schritt 1 ist der Katalysator für Schritt 2. Das Selbstbewusstsein lebte Harvey Milk vor und im Poltischen war er ein Genie: An erster Stelle stehen Gleichberechtigung und Bürgerrechte, aber Milk kämpft für die soziale Absicherung von Rentnern, bezahlbare Wohnungen, die Interessen von kleinen Einzelhändlern und besonders öffentlichkeitswirksam gegen Hundekot in den Parks. So verschafft er sich ein breites Wählerfundament und persönliche Akzeptanz

Als Don White am 27. November 1979 Harvey Milk und den liberale Bürgermeister San Franciscos, George Moscone (Victor Garber), umbringt, beendet das zwei Menschenleben, aber die soziale Bewegung für Bürgerrechte ist so nicht zu stoppen. Das Verdienst von „Milk“ ist, diese politische Entwicklung für ein großes Publikum auf die Leinwand zu bringen. Eine Leerstelle des Films ist die private Seite von Harvey Milk, die im Ungefähren bleibt. Das ist bedauerlich, weil viele Fragen offen bleiben. Auf der anderen Seite ist es konsequent, weil es Gus Van Sant so gelingt, die wichtigen politischen und gesellschaftlichen Zusammenhänge klar darzustellen. Das kann auch ein Grund für die etwas langweilige, filmische Konventionalität des Films sein. Letztlich ist es allemal wichtiger, die politische Auseinandersetzung um Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben verständlich nachzuzeichnen, als sich auf formale cineastische Höhenflüge zu begeben. Acht Oscar-Nominierungen, darunter Bester Film, Beste Regie, Bester Hauptdarsteller für Sean Penn und Bester Nebendarsteller für Josh Brolin und zahlreiche Filmpreise geben Van Sant ohnehin Recht.

"The Yes Men Fix the World" von Andy Bichlbaum, Mike Bonanno und Kurt Engfehr

"Yes Men" gewinnen den Panorama-Publikumspreis

Die „Yes Men“ wollen die Welt retten – mit Kapitalismuskritik. Zu diesem Zweck führen Andy Bichlbaum und Mike Bonanno nach ihrem Film aus dem Jahr 2003 in „The Yes Men Fix the World“ zum zweiten Mal Manager, Regierungsvertreter, Wirtschaftsexperten und die Medien vor, indem sie sie einfach nachahmen. Dabei zeigt sich: wenn die Kamera angeht, reden Experten mit jedem; wenn die Powerpoint-Präsentation hochfährt, fahren Managergehirne runter und die Medien (BBC, CNN, diverse Nachrichtenagenturen) glauben und berichten eigentlich alles.

Um vom subversiven Dokufilmer zum Topmanager zu werden, brauchen Bichlbaum und Bonnano nur das Internet, ein Telefon, Haargel und einen Businessanzug. Das Prunkstück des Films ist eine Episode, in der Bichlbaum es 2004 schafft, als Sprecher von Dow Chemicals im Fernsehsender des BBC Worldservice vor 300 Millionen Menschen aufzutreten und wortreich zu verkünden, dass die Firma die Opfer des Chemieunfalls in einer Pestizid-Fabrik im indischen Bhopal von 1984 mit 12 Milliarden US-Dollar entschädigen werde.

Dow hatte das Verursacherunternehmen Union Carbide 1999 übernommen. Union Carbide und später der neue Mutterkonzern hatten es immer abgelehnt, die Angehörigen der rund 8.000 Opfer angemessen zu entschädigen, die unmittelbar bei der Katastrophe oder kurz danach starben. Durch gravierende Spätfolgen stieg die Todeszahl auf geschätzte 15.000 Menschen. Die Familien der Toten erhielten durchschnittlich 2.200 US-Dollar. Für Entgiftungs- und Sanierungsarbeiten in der Region und als einmalige Zahlung an mehr als 500.000 Verletzte zahlte Union Carbide 470 Millionen US-Dollar. Noch heute leiden die Menschen unter den Spätfolgen wie Unfruchtbarkeit und eine hohe Prozentzahl von Behinderungen bei Neugeborenen durch Schädigung des Erbguts. Noch heute wird die Gesundheit der Einwohner durch verseuchten Boden und kontaminiertes Trinkwasser geschädigt.

Die beiden Aktivisten erreichten ihren Mediencoup mit erstaunlich geringem Einsatz. Sie richteten 2002 die Website dowethics.com ein, die aussah wie eine ganz offizielle Dow Chemicals-Seite. Dann warteten sie. 2004 interessierte sich die BBC für die Initiative und gab Bichlbaum die Chance für seinen großen Auftritt als Dow-Spokesman Jude Finisterra vor einem Millionenpublikum. Da Medien funktionieren wie sie funktionieren, ging die Nachricht des Einlenkens von Dow in Minuten um die ganze Welt - über die Agenturen und andere Rundfunk- und Fernsehsender. Dow Chemicals neue Bußfertigkeit war die Topmeldung in allen Web-Newsforen. Die Falschmeldung flog erst nach zwei Stunden auf, als die Zentrale von Dow Chemical energisch zu dementieren begann.

Der Film zeigt diese Medienaktion und noch weitere weitaus bizarrere. Darüber hinaus wenden sie sich die Regisseure gegen die wirtschaftsliberale, regulierungsfeindliche Schule von Milton Friedman. Sie führen Experten vor, die allem was mit Regierungseingriffen zu tun hat, den Kampf ansagen. Als Friedman-Schüler sind Vertreter von Think Tanks wie dem American Enterprise Institute allerdings nicht nur lächerlich eitel sondern auch ideologisch jämmerlich. Sie sind weniger an einem freien Markt interessiert, als an der Manipulation desselben im Interesse der Großkonzerne, von denen sie finanziert werden. Friedman selbst war zumindest ein Radikalliberaler, der sich nicht nur gegen eine wirtschaftliche Rolle des Staates, sondern auch gegen die Wehrpflicht, die Kriminalisierung von Drogen und Eingriffen in die Privatsphäre aussprach.

„The Yes Men Fix the World“ zeigt eine Methode des politischen Aktivismus, die allemal intelligenter, ehrlicher und vor allem komischer ist als das, was zum Beispiel Michael Moore produziert. Der Zusammenbruch der Finanzmärkte spielt nur als kurze aktuelle Meldung eine winzige Nebenrolle in dem Film. Es wäre spannend zu sehen, wie die marktradikalen Experten heute mit ihrem Credo „Der Markt wird es richten“ umgehen. Es ist das beeindruckendste an dem Film, wie er in kurzer Zeit zu einem Anachronismus geworden ist. Auf einmal ist die Forderung nach Regulierung nicht nur das Anliegen zweier kleiner Politaktivisten. So sind Andy Bichlbaum und Mike Bonanno von auf einmal Teil des politischen Mainstreams. Es ist ein gutes Zeichen, dass Menschen nicht mehr als Radikale abqualifiziert werden können, die eigentlich nichts weiter tun, als ihre Empörung über unethisches Unternehmenshandeln und inkompetente Wirtschaftspolitik in subversives Engagement umzusetzen.

11.02.09 15:20

"Der Knochenmann" von Wolfgang Murnberger

Jetzt ist schon wieder was passiert ... Wer diese Stimme aus dem Off hört, weiß: Brenner (Josef Hader) muss wieder ermitteln in einer neuen Verfilmung eines Krimis von Wolf Haas. Diesmal kommt Brenner auf die Spur des Knochenmanns. Wie immer wieder Willen, denn eigentlich sollte er doch nur für den Berti (Simon Schwarz) eine Leasingrate für den zitronengelben Beetle vom Horvarth eintreiben. Jetzt aber ist der Horvarth verschwunden. Und was dann passiert, frage nicht, schau’ lieber hin.
Link zum festivalblog-Interview mit Josef Hader

Dem kleinen aber von jeher feinen Filmland Österreich ist etwas gelungen, was es sonst nur in Hollywood gibt: Das Trio Wolfgang Murnberger (Regie, Drehbuch), Wolf Haas (Romanvorlage, Drehbuch) und Josef Hader (Hauptrolle, Drehbuch) hat das erschaffen, was man im heutigen Moviebusiness ein Franchise nennt. Dabei vermeiden die Drei souverän die Ödnis des formelhaften Wiederholens, die jenseits des Atlantiks so oft die Kinokassen klingeln lässt. "Komm süßer Tod“, "Silentium“ und jetzt "Der Knochenmann“ sind drei Filme mit der Hauptfigur Brenner, die trotzdem in der Machart und der Geschichte so originell sind, dass das Publikum nie vor Überraschungen sicher ist. In jedem Film wird eine eigene Welt beschrieben mit sicherem Gespür für eine ganz eigene Atmosphäre, skurrile Charaktere und charmant-brutale Bösartigkeit. Der Schmäh macht den Unterschied und den gibt es nur in Österreich.

Im Zentrum vom Knochenmann steht neben Brenner der Wirt Löschenkohl (Josef Bierbichler), der in seinem Wirtshaus an einem Unort direkt neben einer unfassbar hohen Autobahntalbrücke, seine Backhendl kredenzt und sein Gulasch kocht. Sein Streit mit dem Junior (Christoph Luser) und seine verzweifelte Liebe zu einer Prostituierten (Dorka Gryllus) setzen einen mörderischen Prozess in Gang. Löschenkohl entwickelt in seinem unermüdlichen Einsatz für die Liebe die Wucht eines 40-Tonners, dem auf der Abfahrt vom Alpenpass die Bremsen versagen. Der Brenner kennt sich erst mal überhaupt nicht aus (wie man in Österreich sagt), sucht weiter den Horvarth und pflegt nebenher eine zart keimende Romanze zur Birgit (Birgit Minichmayr), der Frau vom Junior. Wer mehr von der Handlung eines Krimis verrät, ist ein Fetzenschädel.

"Der Knochenmann“ hat ein Ensemble, wie man es nicht oft in einem Film findet. Josef Hader ist so sehr Brenner, dass man schon gar nicht mehr weiß, ob es den Brenner nicht eigentlich in Wirklichkeit gibt und Josef Bierbichler ist einfach ein Naturereignis. Die Nebenrollen sind mit Birgit Minichmayr, Stipe Erceg, Pia Hierzegger und Christoph Luser in ähnlicher Qualität besetzt. So entsteht aus den Figuren, starken, bedrohlichen Bildern und Dialogen, die auf’s Wort passen, ein Mikrokosmos des kriminologischen und gastronomischen Wahnsinns mit Herz.

"The Messenger" von Oren Moverman

"The Messenger“ ist ein Film über den Krieg, in dem kein Schuss fällt, kein Panzer fährt, keine Rakete von einem Jet abgeschossen wird. Regisseur Oren Moverman lässt die spektakulären Hollywoodbilder beiseite und beschäftigt sich mit dem was wichtig ist – mit dem was der Krieg anrichtet: dem Tod, der Verzweiflung der zurückgelassenen Angehörigen und dem Kampf der aus dem Krieg Zurückgekehrten um ein normales Leben.

Sergeant Will Montgomery (Ben Foster) ist ein Held, das erzählen ihm jedenfalls seine Vorgesetzten: Er wurde im Irak schwer verwundet und hat vergeblich sein Leben riskiert, um einen anderen Soldaten zu retten. Zurück in den USA hat er noch drei Monate Militärdienst abzuleisten, als er zu einer Sonderabteilung delegiert wird, deren einzige Aufgabe es ist, Angehörigen die Nachricht zu übermitteln, dass ihre Tochter, ihr Sohn, ihr Mann oder ihre Frau im Krieg getötet wurde. Mit den neuen Herausforderungen soll ihn Tony Stone (Woody Harrelson) vertraut machen, der schon einige Zeit in der Sonderanteilung arbeitet. Stone erledigt seine Pflicht scheinbar unbewegt wie ein Fels, die Dienstanweisung ist seine Bibel, er geht vor wie nach einem Skript. Trotzdem sind die Überbringer der schlechten Nachrichten vielen Anfeindungen ausgesetzt: Sie werden beschimpft, bespuckt und sogar angegriffen.

Für Montgomery ist das – wie für den Zuschauer – nur schwer zu ertragen. Er macht zum ersten Mal etwas, für das er nicht ausgebildet wurde. Die Trauer, mit der er täglich konfrontiert wird, verstärkt seine eigenen Zweifel am Krieg, an der Armee und an seiner eigenen Lebenssituation nur noch. Er ist wie eine Feder in einem Uhrwerk, die immer stärker überdreht wird. Die Durchhalteparolen von Stone "die Army ist die beste Familie, die man haben kann“ zerren immer mehr an seinen Nerven. Trotzdem entwickelt sich zwischen den beiden Männern eine Freundschaft.

"The Messenger“ ist die erste Regiearbeit von Oren Moverman, der zuvor als Drehbuchautor unter anderem gemeinsam mit Todd Haynes "I’m not there“ geschrieben hat. Moverman bleibt ganz dicht an seinen Hauptfiguren und verzichtet in der Geschichte auf jede Art von Hollywood-Schnickschnack. Es gibt keine Rückblenden auf Kriegserfahrungen, keine Action... Es gibt Emotionen aber keine kitschige Sentimentalität. Mutig von Overman ist es besonders, das Duo Montgomery/Stone nicht zu Helden aufzublasen. Die beiden Soldaten versuchen nur ihren Job zu machen und das ist schwer genug. Am Ende gibt es so etwas Ähnliches wie Hoffnung, aber der Film vermeidet auch da das Klischee.

"The Messenger“ zeigt eine Arena des Krieges, in der mit Heroismus nichts zu gewinnen ist. Es gibt überhaupt keine Gewinner mehr. Es gibt nur noch den persönlichen Verlust und die Hoffnung, das letzte an Kraft aufzuwenden, um ein Rest an Würde zu bewahren – das gelingt nicht immer. "The Messenger“ ist kein angenehmer Film, sondern ein guter Film. Im Friedrichstadtpalast war es nach dem letzten Bild drei Sekunden still. Dann kam ein kurzer Applaus, dann war es wieder still bis zu einem weiteren kurzen Applaus nach dem Ende des Abspanns. Auch beim Rausgehen war es ruhiger als sonst. Ein gutes Zeichen.

10.02.09 12:03

"Mitte Ende August" von Sebastian Schipper

Ein Häuschen im Grünen, davon träumt er der Großstädter. Rückzug ins Private, selbst renovieren und in trauter Zweisamkeit der ekligen Entfremdung entkommen – das muss so schön sein. In der Auftaktszene von Sebastian Schippers "Mitte Ende August“ sitzen Hanna (Marie Bäumer) und Thomas (Milan Peschel) beim Notar und kaufen ein heruntergekommenes Haus auf dem Land. Dann sieht man sie leicht irre vor Glück durch das neue Eigentum taumeln und Pläne schmieden. Von da an geht’s bergab.

Schon bei den ersten Arbeiten am Haus zeigt sich, wie überfordert Hanna und Thomas mit ihrem Renovierungsprojekt sind. Mit dem reichhaltigen Material des Baumarktes werkeln sie an ihrer Beziehung ebenso inkompetent wie an ihrem Haus. Thomas ist ein großes Kind, das eins will: Veränderung und zwar schnell. Also muss in die Außenwand ein Loch für eine Tür geschlagen werden. Hannas praktische Fragen nach der Statik spielen für ihn keine Rolle. Hanna dagegen macht mit aufgesetzter Fröhlichkeit alles mit, aber unter der Oberfläche lauert die Angst. Sie will einen Plan, an dem sie sich orientieren kann und vor allem will sie mit Thomas alleine den Sommer verbringen.

Mit der Zeit zu zweit ist es vorbei, als Thomas Bruder Friedrich (André Hennicke) seinen Besuch ankündigt. Friedrich befindet sich in einer veritablen Lebenskrise: Seine Frau hat ihn verlassen, das Architekturbüro, in dem er arbeitete, ist pleite. Aus Ärger und wohl auch aus Verzweifelung über den ungenehmen Gast lädt Hanna daraufhin ihr Patenkind ein, die Teenagerin Augustine (Anna Brüggemann). Friedrich und Augustine werden ungewollt zum Brandbeschleuniger in der Beziehungsvorhölle.

Sein Figurenquartett hat Sebastian Schipper nur in groben Strichen gezeichnet. Man erfährt wenig über ihren Hintergrund. Zum Beispiel bleibt völlig unklar, was Hanna und Thomas eigentlich abseits der Hausbaustelle im "wirklichen Leben“ tun. Trotzdem oder gerade deswegen versteht der Zuschauer die Charaktere. Das ist die große Kunst des Drehbuchs, der Regie und der Schauspieler. Vor allem Milan Peschel und Marie Bäumer nutzen den Freiraum, den der Film bietet, um in Alltagsdialogen und improvisierten Szenen das auszudrücken, was die Schwierigkeiten des Zusammenlebens ausmacht. Die Unsicherheit, die Sprachlosigkeit, das Nichtverstehen des Anderen, die Enttäuschung und der verzweifelte Versuch es doch irgendwie zum Funktionieren zu bringen.

"Mitte Ende August“ findet eine Balance zwischen Depression und Witz und schafft so eine Tragikkomödie. Sebastian Schipper ist mit seinen skizzierten Figuren und der spartanischen, handlungsarmen Geschichte ein Risiko eingegangen: Der Film hätte in einer öden Versuchsanordnung enden können. Aber das Vorhaben funktioniert, weil die Schauspieler dieser Geschichte das Leben geben, was Beziehungsdramen so oft fehlt. Der großartige Soundtrack, den Vic Chestnut für diesen Film geschrieben hat – introvertierte, instrumentelle Gitarrenmusik und ein paar sehr schöne, sehr traurige Songs – ist unersetzlich, damit der Funke zum Kinopublikum überspringt.

09.02.09 0:50

"Der Vorleser" von Stephen Daldry

„The Reader“ nach Bernhard Schlinks Weltbestseller „Der Vorleser“ ist kein Film über die Liebe, sondern ein Film über emotionale Abhängigkeit, persönliche Schuld und ihre Folgen. Die Sommeraffäre zwischen dem 15-jährigen Schüler Michael Berg (David Kross) und der 36-jährigen Straßenbahnschaffnerin Hanna Schmitz (Kate Winslet) mit ihrem bizarren Vorlese-Ritual beeinflusst das gesamte spätere Leben von Michael. Als er während seines Jurastudiums Mitte der 60er Jahre in einem Seminar die Auschwitz-Prozesse in Frankfurt verfolgt, erkennt er Hanna Schmitz als eine der Angeklagten. Die sechs KZ-Wärterinnen müssen sich für den Mord an 300 Menschen verantworten. Während der sogenannten „Todesmärsche“, mit denen Häftlinge vor allem ab April 1945 aus den Konzentrationslagern zu Sammelstellen getrieben wurden, schlossen die Wärterinnen die Häftlinge in einer Kirche ein und ließen sie nach einem Bombenangriff verbrennen.

Es geht in „The Reader“ eben nicht um ein „skandalöses“ Verhältnis zwischen einem Teenager und einer erwachsenen Frau. Das Mediengeschnatter um die Sexszenen kann man getrost vergessen. Das Ritual von Vorlesen und Sex ist vor allem ein Symbol für die emotionale Unreife beider Charaktere: Michael ist zu jung um zu lieben und Hanna Schmitz so emotional verkümmert, dass Vorlesen die eigentliche Form der Intimität für sie ist.

Der Film stellt interessante Fragen: Die nach Schuld und einer möglichen oder unmöglichen Sühne, nach dem Verhältnis von Verbrechen und Strafe und am wichtigsten nach dem Zusammengang zwischen Strafe, Gerechtigkeit und Moral. Wenn man den Film aus dieser Perspektive sieht, wird die Gerichtsverhandlung über die Schuld von Hanna Schmitz zum Kern des Films. Das härteste Urteil, das der Rechtsstaat kennt – lebenslänglich – trifft sie allein. Sie allein wird für den Mord an 300 Menschen schuldig gesprochen. Die fünf mitangeklagten Frauen erhalten wegen Beihilfe zum Mord in 300 Fällen ein Strafmaß von drei Jahren und vier Monaten, obwohl ihre Mittäterschaft logisch und moralisch unbestreitbar ist. Hanna Schmitz hat sich mit ihrem Schuldeingeständnis, das alle Angeklagten belastet, in eine Situation gebracht, die es allen anderen erlaubt die Schuld auf sie abzuwälzen. Die Gerichtsszenen mit Hanna Schmitz im Verhör, Burghard Klaußner bleibt einem in der kleinen Rolle des Richters lange in Erinnerung, und dem mit sich hadernden Michael auf den Zuschauerrängen, sind die stärksten des Films.

Michael Berg trägt sein Leben lang an einer emotionalen Schuld: Er hat während des Prozesses Informationen zurückgehalten, die seine ehemalige Geliebte entlasten hätten. Damit nimmt er in Kauf, dass sie allein für etwas bestraft wird, das sie nicht allein zu verantworten hat. Viel später (jetzt gespielt von Ralph Fiennes) als er wieder durch von ihm gelesene Hörbücher mit der Inhaftierten Kontakt aufnimmt, entzieht er sich immer noch jeder weiteren persönlichen Kommunikation durch Briefe. Schließlich ist er doch bereit, sie kurz vor ihrer Entlassung im Gefängnis zu besuchen und auch dazu, sie nach der Entlassung zu unterstützen. Nie ringt er sich zu einer eindeutigen Haltung zu Hanna Schmitz durch, weil er weder über ihre Taten noch über sein eigenes Verhalten während des Prozesses ein moralisches Urteil fällen kann. An dieser Unfähigkeit ist sein Leben gescheitert.

Stephen Daldry hat einen Film inszeniert, der voll auf emotionale Wucht setzt. Das ist bei einem solchen Thema eigentlich kein Kritikpunkt – wenn die ekelerregend kitschige Musik von Nico Muhly nicht wäre. Es ist nicht nachzuvollziehen, warum Daldry nicht allein seinen herausragenden Hauptdarstellern (Kross, Winslet, Fiennes) und den prägnanten Bildern der vielfach ausgezeichneten Kameramänner Roger Deakins (Dead Man Walking, A Beautiful Mind, No Country for Old Men) und Chris Menges (Oscar für Killing Fields und The Mission) vertraut, um die Emotionen des Filmstoffs zu transportieren. Ich biete dem Regisseur oder dem Verleih Senator Entertainment 1.000 Euro dafür, den Film ohne die grauenhafte Musik sehen zu dürfen.

08.02.09 23:43

"Short Cut to Hollywood" von Marcus Mittermeier und Jan Henrik Stahlberg

„Short Cut to Hollywood“ ist ein echtes Überraschungs-Highlight der Berlinale. Jan Henrik Stahlberg hat nicht nur das geniale Drehbuch geschrieben, sondern spielt auch die Hauptrolle und führte gemeinsam mit Marcus Mittermeier Regie. Die Geschichte über drei Freunde, die aus ihrem tristen Alltag ausbrechen, um als Musik- und Medienstars in den USA Karriere zu machen, ist originell, skurril und zudem mit bizarrem Humor erzählt wie seit Jahren keine mehr in einem deutschen Film. Mehr vom Inhalt zu verraten, hieße den Spaß am Kinobesuch zu verderben. Das muss man gesehen haben: Auf der Berlinale läuft der Film noch am 12.2. im Zoo Plast, am 13.2. im Cinemaxx 7 und am 14.2. im International.

05.02.09 21:00

Puschelalarm! festivalblog klärt auf

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Sie sind golden, fluffig und vor allem zahlreich: Seltsame Puschel an vielen, vielen Masten rund um den Berlinale-Palast. Aber was sind sie? Übriggebliebene Weihnachtsdekoration, clevere Tarnung für Überwachungskameras oder war Jeff Koons auf Drogen? Viele Berlinalebesucher bleiben stehen und wundern sich, keiner weiß eine Antwort. Nur festivalblog kennt die Fakten.

Ein Anruf beim Team der Berlinale-Pressestelle brachte Licht ins Dunkel. „Nein, nein“, gibt ein Mitarbeiter freundlich Auskunft, „natürlich sind es keine Puschel.“ Es handele sich vielmehr um von einer internationalen Designagentur speziell gebrandete „Berlinale-Bommel“. Natürlich. Ich schäme mich ein wenig. Darauf hätte ich allein aus Gründen der alliterativen Anmut selbst kommen können. Vom „Be berlin“ zum „Be Berlinale-Bommel“ ist es nur ein kleiner Gedankensprung aber ein großer Satz des genialisch-stringenten Stadtmarketings. „Ohne Klarheit in der Sprache ist der Mensch ein Gartenzwerg“, wie schon Sven Regener so schön schrieb. Die Bommel symbolisieren, so der Pressestellen-Mitarbeiter weiter, die Kuscheligkeit mit der das freundliche Berlin die Gäste aus aller Welt empfängt und die Sonne, die bekanntlich auf der Berlinale immer scheint.

Dieter Kosslick war mit dem Papst essen

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Zwei der mächtigsten Männer der Welt, Berlinale-Chef Dieter Kosslick und Papst Bendikt XVI., haben sich im Vorfeld des Festivals zum Essen getroffen. Der Gedanke an diesen Gipfel des obersten Hirten aller Filmgläubigen und des obersten Hirten aller Katholiken raubte mir heute morgen den Schlaf.

Um exakt 4:39 Uhr war es, als ich jäh aus dem Schlaf aufschreckte und erstaunt auf die Leuchtziffern meines Weckers blickte – im Kopf ein heller Geistesblitz: Unser Dieter und unser Benedetto waren zusammen essen. Ein guter Freund hatte mir von dem Treffen erzählt. Der Gedanke erschien mir völlig klar, real und logisch. Ich freute mich sehr, was mich weitere fünf Minuten Schlaf kostete. Dann wurde ich nachdenklich. Warum genau hatten sich die beiden eigentlich getroffen? Und wo? Und interessiert sich der Papst überhaupt fürs Kino?
Aber die Erinnerung war immer noch da: „Dieter Kosslick hat nach der Premiere von „Operation Walküre“ mit dem Papst gegessen“, so hatte es der immer überaus zuverlässige Freund berichtet. Hmmm. Äh... was? – Ach so. Moment mal. Tom Cruise, TOM CRUISE hat er gesagt. Und mein schabernackiges Unterbewusstsein hat Tom Cruise offensichtlich in Benedikt XVI. verwandelt. Wow! Ich begann mir leichte Sorgen um mein Unterbewusstsein zu machen. Andererseits warum eigentlich? Ich trat mein Unterbewusstsein kräftig in den Hintern und fiel stattdessen meinem überragenden Assoziationsvermögen beglückt um den Hals. Dann beschloss ich weiterzuschlafen. Schließlich war es erst 5:34 Uhr und heute geht die Berlinale los. Da muss man geistig wach sein.

08.10.08 15:28

Social Action Film Festival in Berlin

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Soziale Probleme weltweit nehmen die Filmemacher des "International Social Action Film Festival" am Sonnabend, 11. Oktober, in den Fokus ihrer Kameras. Das eintägige Festival beginnt um 13.45 in der "Humboldt Viadrina School of Governance" in der Wilhelmstraße 67. Kurze und mittellange Filme beschäftigen sich mit aktuellen Themen wie Menschenrechte, Gesundheit oder sozial verantwortungsbewusstes Unternehmertum. Es werden nicht nur Filme gezeigt: Mit Vertretern von Nichtregierungsorganisationen kann das Publikum auch die Gründe für soziale Probleme und Lösungsmöglichkeiten diskutieren.
Um 20 Uhr wird der vielfach ausgezeichnete, oscarnominierte Dokumentarfilm WarDance von Sean Fine und Andrea Nix Fine gezeigt, der 2007 auf dem Sundance Film Festival den Preis als bester Dokumentarfilm gewann. "WarDance" begleitet eine Gruppe von Schülern bei der Teilnahme am Nationalen Musikwettbewerbs in Uganda. Der ugandische Bügerkrieg hat das Leben dieser Kinder schwer gezeichnet, für sie ist ihre Performance mehr als nur ein Wettbewerb. Mehr Informationen zum Social Action Film Festival

17.07.08 12:17

50 Jahre Anderground: "Chien Fuck!" von Carl Andersen

In seinem jüngsten Film „Chien Fuck!“ seziert Carl Andersen gnadenlos und komisch – das ist etwas völlig anderes als gnadenlos-komisch – den emotionalen Tumult, dem sich Menschen durch den verzweifelten Versuch der Zweisamkeit aussetzen. Franz liebt Julie, Julie weiß nicht so genau, ob sie das auch tut. Darüber miteinander zu reden, ist für die beiden unmöglich – also tun sie es mit Freunden. Heraus kommt der ultimative Diskursfilm über das Leben, die Liebe und den Sex mit komischen und niederschmetternden Gesprächen über gescheiterte Beziehungen und darüber hinaus „echtem“ Sex. „Chien Fuck!“ läuft im Rahmen des Festivals „50 Jahre Anderground“ am Donnerstag, 17. Juli, und am Mittwoch, 23. Juli, jeweils um 22 Uhr in den Tilsiter Lichtspielen sowie am Montag, 28. Juli, im 22 Uhr in der Brotfabrik.

10.07.08 14:45

"50 Jahre Anderground": Filmfest für Carl Andersen in Berlin

Zum Geburtstag: Frauen, Liebe, Sex und das Zwischenmenschliche

Carl Andersen feiert einen doppelten Geburtstag: Der Wiener, der seit 1991 in Berlin lebt und filmt, wird ein halbes Jahrhundert alt und geht seit nunmehr zwanzig Jahren als konsequenter No-Budget-Filmschaffender seinen Lieblingsthemen nach, zu diesen gehören in loser Folge und ohne Anspruch auf Vollständigkeit: Frauen, Vampirismus, Liebe, Gewalt, Sex und das Zwischenmenschliche. (Ein Interview mit Carl Andersen) Mit dem Geburtstagskind feiern das Kino in der Brotfabrik und die Tilsiter Lichtspiele „50 Jahre Anderground“. Von Donnerstag 17. Juli bis zum 30. Juli zeigen beide Kinos an jedem Abend um 22 Uhr einen Film von Carl Andersen. Außerdem läuft zum Abschluss am 29. und 30. Juli in der Brotfabrik Lothar Lamberts Dokumentarfilm „Küss die Kamera“ über Carl Andersen und Erwin Leder, Darsteller in Andersens „Vom Luxus der Liebe“ und „Chien Fuck“.

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Beziehungen können nicht nur für Frauen eine Qual sein. Regisseur und Darsteller Carl Andersen in seinem Film "Vom Luxus der Liebe".

Wer sich an „50 Jahre Anderground“ heranwagt, wird feststellen, dass die Filmwelt, die Carl Andersen geschaffen hat, eine seltsame, oft irritierende aber in jedem Fall eine interessante ist. Kein Zuschauer sollte in die Sexfalle tappen. Sicher spielt Sex für Andersen eine wichtige Rolle (für wen nicht)? Die häufigen Sexszenen in seinen Filmen sind drastisch verfremdet oder gnadenlos realistisch, der Zuschauer weiß oft nicht, welche Variante ihn mehr verstört. Aber Andersen stellt immer die Fragen nach der Emotion dahinter. Liebe=Sex? Liebe≠Sex? Liebe mit Sex? Liebe ohne Sex? Ist Liebe möglich? Andersens fragt nach den Bedingungen für eine funktionierende Beziehung (Was sind das bloß für Menschen die Beziehungen haben, betrachten die sich denn als Staaten?) Er zeigt das Machtgefälle in Beziehungen mit unterschiedlichen filmischen Mitteln und aus unterschiedlichen Perspektiven. Das macht er sehr intelligent. Seine besten Filme sind die, in denen die Grenzen zwischen Realität, Fiktion und Dokumentation verschwimmen. Der Zuschauer ist dann mitten im Beziehungsgeflecht zwischen den Figuren und fragt sich: Was ist echt? Dieser Spannung kann man sich nicht entziehen.

„50 Jahre Anderground“ spannt den Bogen vom Filmdebut „Vampyros Sexos“ bis zu „Chien Fuck“. Es gibt viel Seltsames, Verwirrendes und Unterhaltsames aus dem Andersen-Kosmos zu entdecken. Außerdem bleibt die Hoffnung, dass dieses Festival dazu beiträgt, aus dem spannenden Rohschnitt von „Obsession: 25 Bilder pro Sekunde“ einen fertigen Andersen-Film werden zu lassen.

Carl Andersen auf MySpace

19.04.08 18:08

"Sportsfreund Lötzsch" von Sandra Prechtel und Sascha Hilpert

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Aufzeichnungen eines Ausdelegierten

Das „achtung berlin“-Festival zeigt wie die vergangene Berlinale, dass die Realität oft spannender ist als die Fiktion und dass Dokumentarfilme Geschichten erzählen, die man einem Spielfilm kaum glauben würde. „Sportsfreund Lötzsch“ von Sandra Prechtel und Sascha Hilpert zeigt das Menschenverachtende des real-existierenden Sozialismus. Der Radsportler Wolfgang Lötzsch wird wegen seiner ideologischen Unzuverlässigkeit trotz seiner überragenden Leistungen aus dem DDR-Leistungssportsystem „ausdelegiert“ und von der Stasi überwacht. Lötzsch kämpft als Einzelner gegen das System, so sagt er es selbst im Film. Prechtel und Hilbert lassen in ihrem Film nicht nur Freunde und Radfahrerkollegen zu Wort kommen, sondern auch den Major der Staatssicherheit Heinrich Engelhardt, der die Überwachungsoperation „Speiche“ koordiniert hat. „Sportsfreund Lötzsch“ fokussiert auf einen Mann, der nur Sportler sein wollte und zum Rebell gemacht wurde. Der Erkenntnisgewinn durch den Film über das Zusammenwirken von Politik und Stasi im unermüdlichen Kampf gegen die Freiheit des Einzelnen ist enorm.

Wolfgang Lötzsch, Jahrgang 1952, war ein begnadetes Radfahrertalent. Die Eltern unterstützen ihn von Anfang an, auch das Fördersystem der Kinder- und Jugendsportschulen in der DDR erkannte die Veranlagung und nahm ihn mit zwölf Jahren auf. Von da an gewann Lötzsch für den Sportclub Karl-Marx-Stadt alles, was es zu gewinnen gab. Für die Olympiamannschaft von 1972 war er ein unumstrittener Kandidat und wurde nominiert, allerdings weigerte er sich wie von den Funktionären verlangt in die SED einzutreten. Im März 1972 wurde der SC Karl-Marx-Stadt vom DDR-Turn- und Sportbund aufgefordert, Lötzsch aus dem Verein auszuschließen. Auch eine Intervention des Radtrainers Werner Marschner blieb vergeblich.

Im Film liest Marschner aus seinem Brief vor, in dem er eine Garantie für Lötzsch ausspricht – „sollte Wolfgang Lötzsch jemals zum Republikverräter werden, will ich mit der ganzen Härte wegen Beihilfe zum Verrat gerichtet werden“ – heißt es da. Wenn man diese Formulierungen hört, weiß man schlagartig, worum es geht. Es geht nicht um eine Nominierung, sondern um die sportliche Existenz von Lötzsch. Marschners Intervention bleibt vergeblich. Lötzsch ist jetzt ausgeschlossen aus dem Leistungssport. Er wird Mitglied der Betriebssportgruppe Wismut Karl-Marx-Stadt, trainiert allein und bekommt keinerlei Unterstützung. Für ihn gibt es weder Profiräder noch Wintertrainingslager im Ausland und natürlich keine Teilnahme an internationalen Rennen wie der Friedensfahrt. Dafür lässt ihm die Staatssicherheit eine Rund-um-Bewachung angedeihen.

50 IM und ein Radfahrer

Als Lötzsch seine Stasiakte einsieht, findet er sieben Aktenordner vor. 50 inoffizielle Mitarbeiter haben über ihn berichtet. Vor der Kamera erzählt der wortkarge Radfahrer davon meist ungerührt. Sein bester Freund habe das meiste Material geliefert. Wenn der das wenigstens nach der Wende etwas zugegeben hätte, so Lötzsch, hätte er noch gesagt „vergessen wir das“. Aber einfach darauf zu hoffen, dass die Akten rechtzeitig im Reißwolf gelandet seien? „Ich denke, sowas sollte man nicht verzeihen“, stellt er fest.

Das Talent von Lötzsch setzt sich allerdings auch trotz seiner Benachteiligung durch. Er wird 1973 und 1974 DDR-Bahnradmeister über 4.000 Meter, gewinnt 1974 den Klassiker „Rund um Berlin“ und zahlreiche weitere Rennen. Die Stasi sieht mit besonderem Misstrauen: Um Lötzsch entsteht eine Fangemeinde, die sogar zu den Rennen mitreist. Sein größter Triumph gelingt Lötzsch als er 1976 das Qualifikationsrennen für die olympischen Spiele in Montreal gegen die gesamte DDR-Radelite gewinnt. Nominiert wird er trotzdem nicht. Daraufhin stellt er einen Ausreiseantrag. Die Reaktion des Staates: Entzug der Fahrerlizenz und der Verlust des Studienplatzes. In Berlin nimmt Lötzsch Kontakt zur Ständigen Vertretung der BRD auf und trifft sich mit dem Journalisten Peter Pragal von der Süddeutschen Zeitung. Pragal berichtet im Filminterview: „Es war klar, dass mein Büro abgehört wurde. Aber er wollte mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit.“ Nach der Veröffentlichung in der SZ intensiviert die Stasi ihre Aktivitäten. Jetzt will der Inlandsgeheimdienst Lötzsch endgültig klarmachen, dass alle Hoffnungen auf eine Ausreise illusorisch sind. Lötzsch erhält einen gefälschten Brief mit einem Angebot aus dem Westen: Es gebe Interesse, ihn als Radfahrer in die Bundesrepublik zu holen. Lötzsch trifft sich mit einem Herrn Wegner in Berlin. Für 20.000 D-Mark könne man ihn mit einem gefälschten Pass in den Westen holen. 10.000 würden Wegners Geschäftspartner zahlen, den Rest müsse der Radfahrer selbst besorgen. „Das war’s dann natürlich“, erinnert Lötzsch sich, „woher sollte ich 10.000 D-Mark kriegen?“ Alle diese Maßnahmen bestätigt im Film der damalige Major des Staatssicherheit Heinz Engelhardt, der die Operation „Speiche“ leitete. Seine Auftritte sorgen für die spannendsten und ekelhaftesten Momente in dem Film. Ein schlechtes Gewissen liegt Engelhardt fern. Alles sei im Interesse der DDR geschehen. Lötzsch hätte seinen Weg ja nicht wählen müssen.


Eine Zukunft auf der anderen Seite der Mauer ist also verbaut. Doch der Dezember 1976 bringt eine persönliche Katastrophe: Lötzsch soll wegen angeblicher Ruhestörung bei einer Party fünf Mark Strafe zahlen. Er weigert sich und redet sich gegenüber dem Volkspolizisten in Rage, flucht über den „Scheißstaat“ und sagt, dass „Biermann Recht hat“. In der DDR reicht das für 10 Monate Haft wegen „staatsverleumdender Äußerungen“. Wenn Lötzsch im über seine Haft spricht, ist es mit seiner Beherrschung fast vorbei. Er sagt nur wenige Worte, aber man spürt, wie ihm die Ungerechtigkeit und das Verdammtsein zum Nichtstun zugesetzt haben. Nach der Haftentlassung arrangiert sich Lötzsch nach einiger Zeit mit den Behörden, tritt in die Partei ein und darf ab 1979 auch wieder Rennen fahren. 1983 gewinnt er zum zweiten Mal „Rund um Berlin“, 1985 unterbietet er zweimal die WM-Norm in 4000m-Einzelverfolgung. Lötzsch: „Ich hab mir gesagt, immer nur Konflikt kann es auch nicht sein. Mann will ja auch leben“. Major Engelhardt bemerkt dazu ohne jede Ironie: „Ich hatte Respekt davor, wie Lötzsch sich in der Haft fit gehalten hat“, außerdem habe man ihm nach der Haft geholfen „fast schon wie bei einer Therapie“.

Jeder nach seiner Fähigkeiten...

Lötzsch ist an der DDR verzweifelt, aber er hat nicht aufgegeben. Er sagt: „Ich dachte immer, es gilt ’Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Leistungen’.“ So steht es in Artikel 2, Absatz 3 der Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik von 1968 – die Realität war eine andere. Dieser Realität konnte auch der schnellste Radfahrer nicht entkommen. Immer noch fassungslos berichtet Lötzsch vom Mauerfall. Er sei mit dem Rad 120 Kilometer nach Hof gefahren, habe seine 100 D-Mark Begrüßungsgeld geholt und sei wieder zurückgefahren. „Die Mauer die mein Leben zerstört hat, war weg.“ Mit dem Radbundesligateam des RC Hannover wurde Wolfgang Lötzsch 1990 mit fast 40 Jahren Deutscher Meister mit dem 100km-Straßenvierer. Heute arbeitet er als Mechaniker für professionelle Radteams. Wenn man ihn auf der Leinwand sieht, wütend aber gefasst und immer noch mit unglaublicher Energie, freut man sich. Lötzsch hat sich geirrt: Das eiserne Dreieck aus Politik, DDR-Sportsystem und Stasi hat ihn verletzt, zerstört hat es ihn nicht.

15.04.08 17:05

achtung berlin - Filmfestival im Babylon Mitte

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Mehr als 70 Filme laufen vom 16. bis 22. April auf dem Filmfestival „achtung berlin – new berlin film award“ im Babylon Mitte. Im Filmwettbewerb „Made in Berlin-Brandenburg“ treten 36 Filme an, die von einer Berlin-Brandenburger Produktionsfirma realisiert wurden oder sich mit Berlin beschäftigen. Den „new berlin film award“ erhalten die Gewinner in den Kategorien Spielfilm, Dokumentarfilm, Mittellanger Film und Kurzfilm. Ausgezeichnet wird außerdem die beste Kamera und der beste Schnitt. Weitere Festivalsektionen sind Berlin-Brandenburg spezial und HeimatDokumente. Die Retrospektive trägt den Titel „B wie Berlin“, zu sehen sind Kurzfilme aus 60 Jahren Berlinwerbung. Für Kinder und Jugendliche gibt es am Sonnabend- und Sonntagnachmittag ein Kurzfilmprogramm.

29.03.08 17:47

Lola-Nominierungen für drei Berlinalefilme

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Drei Berlinalebeiträge aus den Jahren 2007 und 2008 wurden in dieser Woche für den Deutschen Filmpreis "Lola" nominiert. "Prinzessinnenbad" von Bettina Blümner, der 2007 in der Perspektive Deutsches Kino lief, hat in der Kategorie Bester Dokumentarfilm eine Chance auf die "Lola". Viermal nominierte die Deutsche Filmakademie "Yella" von Christian Petzold aus dem Wettbewerb 2007: In den Kategorien Bester Film und Beste Regie, Beste Hauptdarstellerin (Nina Hoss) und Beste Kamera (Hans Fromm). "Kirschblüten" von Doris Dörrie, gezeigt im Wettbewerb 2008, wurde in sechs Kategorien berücksichtigt, darunter Bester Film und Beste Regie. Außerdem erhielten die beiden Hauptdarsteller Hannelore Elsner und Elmar Wepper Nominierungen. Doris Dörrie kann sich außerdem Hoffnung auf den Filmpreis für ihr Drehbuch machen und Sabine Greunig tritt in der Kategorie Bestes Kostümbild an.

19.03.08 15:42

"Die Österreichische Methode" von Erica von Moeller und anderen

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(Foto: Spirit Filmverleih)

Der Episodenfilm „Die Österreichische Methode“ lief bereits bei den Hofer Filmtagen 2006 und auf verschiedenen anderen Festivals. Jetzt kommt er auch in die Kinos (Starttermin: 20. April 2008). Im Mittelpunkt jeder der fünf Episoden stehen junge Frauen in extremen Beziehungssituationen. Der Film ist ein gemeinsames Projekt von fünf Absolventen der Kölner Filmhochschule Florian Mischa Böder, Peter Bösenberg, Gerrit Lukas, Erica von Moeller und Alexander Tavoli.

„Die Österreichische Methode“ ist ein formales und inhaltliches Wagnis - der Film zeigt 24 extreme Stunden im Leben der Protagonistinnen. In Summe ergibt das fünf Geschichten, in denen Existenzielles auf dem Spiel steht: Clara (Cathérine Seifert) hat einen Gehirntumor und will ihr Leben beenden. Julia (Maja Beckmann) studiert Medizin und besorgt Clara Medikamente für den geplanten Selbstmord. Die Begegnung mit Clara stürzt Julia in so starke Selbstzweifel über ihr oberflächliches Leben, dass sie beschließt, sich selbst umzubringen. Claras Pläne aber werden durch die aufkeimende Liebe zu Wolfgang (Carlo Ljubek) in Frage gestellt.

Die Sängerin Maleen (Lilia Lehner) leidet an der eingefahrenen Beziehung mit ihrem narzisstischen Pianisten Sascha (Arno Frisch). Eva (Susanne Buchenberger) ist die Geliebte ihres Psychologen Roman (Michael Abendroth). Bei einem gemeinsamen Abendessen mit seiner Ehefrau Carmen (Susanne Lothar) soll das Ende der Therapie gefeiert werden. Mona (Julie Bräuning) und Hans (Johann von Bülow) sind in einer Beziehung des Wahnsinns gefangen, in wahrsten Sinne des Wortes: Hans hat die junge Frau an sein Bett in einem entlegenen, halbverfallenen Bauernhof gekettet.

Die Welt, die die Geschichten beschreiben, ist eine düstere. Von der Liebe zum Tod ist es nur ein kleiner Schritt. Das zu zeigen ist die Ambition der fünf Regisseure. Daran scheitert der Film. Das Hauptproblem der „Österreichischen Methode“ ist es, dass die fünf Episoden in ihrer filmischen Qualität zu unterschiedlich sind. Erica von Moeller gelingt mit ihrer Episode über die existenzielle Not der todkranken Clara eine bewegende Geschichte, die von den beiden Hauptdarstellern Cathérine Seifert und Carlo Ljubek mit großer emotionaler Tiefe gespielt wird.
Diese Episode um eine Frau, die nach ihrem Entschluss zum Selbstmord auf einmal wieder die Hoffnung entdeckt, bleibt im Gedächtnis haften und hätte einen ganzen Filmabend verdient.

An dieses Niveau reichen die anderen Episoden nie heran. Den anderen Regisseuren gelingen einige starke Szenen aber keine stimmigen Geschichten. Die Stories über Julia, die sich zum Nachweis der eigenen seelischen Abgründe zum Selbstmord entschließt oder über das Amour-Fou-Pärchen Mona und Hans sind eher ärgerlich als berührend. Der Zuschauer steht vor dem Dilemma eines sehr unrunden Filmabends, der sich dennoch lohnt: Wegen der spannenden und aufwühlenden Minuten, die Erica von Moeller mit ihrer Episode in Szene setzt.

16.02.08 1:05

"Drifter" von Sebastian Heidinger

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Aufzeichnungen über Unsichtbare

Die meisten Filme handeln vom Leben. Sie kreieren fiktive Figuren und Situationen, die vielleicht ungewöhnlicher sind als das, was wir aus unserem Alltag kennen - aber in der Regel kann das Publikum das „gespielte Leben“ im Film nachvollziehen. Darin liegt ein wesentlicher Reiz des Kinos. Daneben gibt es eine kleinere Anzahl von Filmen, die sich mit Extremen beschäftigen: Dann geht es oft ums Überleben. Das Überleben ist das große Thema, aus dem zum Beispiel Action- und Kriegsfilme ihre Spannung ziehen. Die Emotionen, die in diesen Filme eine Rolle spielen, sind so grundlegend, dass es dem Publikum trotz der oft realitätsfernen Geschichten leicht fällt, sich mit den Protagonisten zu identifizieren. In dem Dokumentarfilm „Drifter“ zeigt Sebastian Heidinger etwas völlig Anderes: Den Alltag von Aileen (16), Angel (23) und Daniel (25), die in der Drogenszene des Berliner „Bahnhof Zoo“ im existenziellen Niemandsland zwischen Leben und Überleben treiben.

Die drei Hauptfiguren driften rund um den Bahnhof Zoo. Aileen schminkt sich auf dem Bürgersteig. Angel, der sich als altkluger Veteran des Drogenstrichs inszeniert, putzt für ein bisschen Geld einen Toilettencontainer der Drogenhilfe und Daniel versucht rauszufinden, wo er jetzt am besten anschaffen kann, um an Geld zu kommen. Die Kamera ist immer ganz dicht dabei. So muss der Zuschauer am Unort „Bahnhof Zoo“ bleiben, den er als „Normalmensch“ nur noch als Transitraum für Ankunft und Abfahrt von S-Bahnen kennt. Schnell wird deutlich, dass der scheinbar ziellose Alltag durch gnadenlose Zwänge strukturiert ist: Durch Anschaffen Geld besorgen, Drogen kaufen, einen Schuss setzen und einen sicheren Platz für die Nacht finden. Darum geht es - jeden Tag wieder aufs Neue.

Überlebensnotwendigkeiten: Klamotten, Gel, Deo

Um dieser Lebens- und Überlebensnotwendigkeiten kreisen auch die Gespräche, meistens zwischen Aileen und Angel einerseits und Aileen und Daniel andererseits. Aileen schimpft über die „Kanaken“, ausländische Prostituierte die die Preise drücken. Angel gibt ihr gegenüber den Beschützer, erklärt ihr wie die Welt - also der Straßenstrich - funktioniert. Er hat die Welt im Griff, so vermittelt er anfangs durch sein Auftreten. Angel ist immer bemüht seinem Leben Struktur zugeben: Klamotten, Drogenutensilien und andere Habseligkeiten packt er akribisch in verschiedene Tüten. Im Supermarkt diskutiert er mit Aileen ausführlich die Wahl des richtigen Gels und des besten Deos. Er gelt seine Haare und frisiert sie exakt. Das sind die Momente, in denen die Grenzen zwischen dem Alltag eines „normalen Jugendlichen“ und einer vermeintlich so fernen Drogenwelt verschwimmen.

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Daniel ist in Aileen verliebt. Wenn sie beide einen Platz im Nachtasyl bekommen haben, macht er sich sorgen, dass sie nicht genug isst und kocht für sie. Er massiert sie gegen ihre Rückenschmerzen, deckt sie zu gibt ihr einen Gute-Nacht-Kuss. Aileen selbst hat die größten Probleme: Sie kann kaum noch Geld verdienen. „So Scheiße wie ich im Moment aussehe, würde ich mich auch nicht mitnehmen“, sagt sie sarkastisch. Außerdem geht es ihr körperlich immer schlechter. Die Kamera begleitet Aileen zum ärztlichen Sozialdienst: Die Ärztin versucht Blut abzunehmen. Das ist eine Tortur - für Aileen und die Zuschauer. „Nicht aus meinem Ballerarm“, bittet die Sechzehnjährige. Aber die Ärztin kann überhaupt keine Vene mehr finden, die nicht schon völlig vernarbt ist. Wie lange sie sich das mit dem Heroin noch antun wolle, fragt die Ärztin. Kraftlos erzählt Aileen von ihrem abgebrochenen Entzug.

Sebastian Heidinger gelingt es, die gewöhnliche und die ungewöhnliche Seite des Lebens von Aileen, Angel und Daniel einzufangen. Das schafft er, weil er gemeinsam mit seinem Team sorgfältig und vor allem einfühlsam gearbeitet hat. In den Monaten der Vorrecherche haben die Filmemacher mit einem VW-Bus in der Nähe des Zoos gestanden und den Obdachlosen dort Essen und Getränke angeboten. Von Anfang an haben sie dabei offen darüber gesprochen, dass sie Interessierte für einen Dokumentarfilm suchen und nicht etwa karitativ arbeiten: Diese Ehrlichkeit und die zeitintensive Arbeit zum Aufbau von Vertrauen wird von den drei Hauptmitwirkenden und vielen anderen mit Offenheit belohnt.

Leben mit einem lebensgefährlichen Problem

Der Zuschauer kann deshalb auf das Leben derjenigen blicken, die sonst seltsam unsichtbar bleiben, obwohl sie jeder in Berlin und anderen Großstädten sehen kann. Am Ende des Films ist eines klar: Die Jugendlichen leben zwar unter extremen Bedingungen: Sie übernachten in Behindertentoiletten oder müssen sich in den hypermodernen Münztoiletten einen Schuss setzen, weil sie keine anderen Rückzugsmöglichkeiten haben. Andererseits aber sind sie keine Untoten aus einer verruchten, romantisierten Drogenwelt. Den Mythos Droge zerstört der Film. Das Leben mit Drogen ist nichts weiter als das Leben mit einem manchmal lebensgefährlichen Problem.

Diese Reduktion auf das Wesentliche macht den Film so überzeugend: Es geht nicht um Erklärungen, warum diese Jugendlichen Drogen nehmen. „Drifter“ verzichtet auf anmaßend psychologisierende Nachforschungen in den einzelnen Biographien ebenso wie auf die Diskussion von zukünftigen Lebensentwürfen. Der Film handelt von der Gegenwart, denn sie ist, was zählt. Der Film heischt nicht nach Mitleid, er dramatisiert oder bagatellisiert nicht. Viele Szenen, die die Normalität und Selbstzerstörung im Abstand von nur wenigen Sekunden zeigen, bleiben haften. So wie diese: Angel kocht für jemand, bei dem er schläft. Er kann das gut. Es gibt keinen Fertigfrass. Er paniert ein Schnitzel und brät es. Weichgeklopft hat er es mit einer Wodkaflasche.

zum Interview mit Regisseur Sebastian Heidinger

„Drifter“ läuft in der Perspektive Deutsches Kino am Sonnabend, 16. Februar, um 21:30 Uhr im Cinemaxx 3 und am Sonntag, 17. Februar, um 13 Uhr im Colosseum.

15.02.08 20:30

"Die Dinge zwischen uns" von Iris Janssen

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Aufgepasst und mitgedacht!

Geneigte Leserin, geneigter Leser! Zu Beginn eine kleine Denksportaufgabe: Was ist das Wichtigste für einen guten Film? Denken Sie nach. In der Zwischenzeit erzähle ich Ihnen eine kleine Geschichte:

Myriam führt mit ihrem Mann Bernd eine perfekte Ehe. Die beiden leben in einem erzkatholischen Kaff in Nordrheinwestfalen an der holländischen Grenze. Myriam arbeitet in der Gemeindebibliothek, Bernd macht Karriere als junger Bürgermeister. Als Myriam ihrem Mann das vergessene Handy bringen will und ihm im Auto nachfährt, entdeckt sie, dass er über die Grenze und in ein Bordell fährt. Die junge Frau ist am Boden zerstört. Doch es kommt nicht zu einem Wutausbruch. Sie beschließt, Bernd verstehen zu lernen. Da kommt das zufällige Wiedersehen mit der ehemaligen Schulfreundin Sylvia genau richtig. Sylvia hat früher als Prostituierte gearbeitet und verdient ihr Geld jetzt mit Live-Sexshows, die sie mit der Webcam im eigenen Wohnzimmer aufnimmt. So eine Session, eine Art Telefonsex mit Bild, wird zur ersten Begegnung Myriams mit bezahltem Sex. Doch Myriam treibt ihr Studium der käuflichen Geschlechtlichkeit weiter: Sylvia arbeitet in einem Bordell im Industriegebiet an der Bar. Wild entschlossen mehr über die männliche Lust im Rotlichtmilieu zu erfahren, heuert auch Myriam als Bardame an. Das Etablissement ist für weitergehende Studien bestens geeignet: Myriam bedient auch in den Separées und beobachtet wie der Filmzuschauer, der die ganze Szenerie aus ihrer Perspektive sieht, lesbischen Sex, Oralsex usw.

Folgen Sie mir noch? Gut. Nun zündet der Film die nächste Raketenstufe zum Verlassen des uns bekannten Plausibilitätsuniversums:

Die Versuchung ist ein teuflisch' Ding

Myriam geschieht etwas Unerhörtes! Mangels meiner eigenen Fähigkeit dies adäquat in Worte zu fassen, zitiere ich den Pressetext: „Wie in einem Sog entdeckt sie ihre Sexualität ...“. Soll heißen, sie hat ziemlich heftigen Sex mit dem Türsteher des Bordells in seiner versifften Bude. Das kann natürlich nicht ohne Folgen bleiben. Der Flucht aus der bürgerlichen Zweierbeziehung folgt die Seelenpein. Am katholischen Niederrhein entdeckt frau nicht ungestraft ihre Sexualität. Wo kämen wir denn da hin? Folgerichtig steht Myriam auch wenig später mit einer brennenden Kerze in der Kirche und bittet Gott um Hilfe, um ihre Ehe zu retten. Doch die Versuchung ist ein teuflisch’ Ding. Als Myriam wenig später Sex mit einem weiteren Angestellten im Lagerraum des Bordells hat, fliegt sie in hohem Bogen raus.

Sie sind verblüfft, geradezu perplex? Sie fragen sich, wie diese Geschichte als Film funktionieren soll? Herzlichen Glückwunsch! Denksportaufgabe gelöst: Was braucht ein guter Film? Eine glaubwürdige Geschichte.

„Die Dinge zwischen uns“ hat ein ernsthaftes Problem, die jeden Film zum Scheitern bringt: Der Zuschauer glaubt diese Geschichte keine fünf Minuten. Ein Plot mit einer überraschenden Wendung ist eigentlich etwas Gutes und kann einen Film interessant und spannend machen. Das geht aber nur, wenn man einer Figur einen ungewöhnlichen Entschluss auch abnimmt. Wenn Myriam einen radikalen Weg geht, um Defiziten in ihrer Ehe auf die Spur zu kommen, muss der Zuschauer, das auch nachvollziehen können. Doch die Motivation dieser Frau bleibt unklar. Der Wunsch, den eigenen Mann durch ihre absurden Recherchen verstehen zu wollen, sind vielleicht im ersten Moment durch Panik oder Angst vor der Konfrontation zu erklären. Das trägt aber nicht soweit, dass die folgenden Handlungen glaubwürdig werden, in denen Myriam ihr ganzes Leben auf den Kopf stellt. Die Figur wird so der Lächerlichkeit preisgegeben, die die Kinozuschauer aber eher verzweifeln lässt, weil der Film sich offensichtlich ernsthaft mit einem Beziehungsthema beschäftigen und keine Satire sein will. Das Scheitern liegt vor allem darin, dass der Film über „die Dinge zwischen uns“, also zwischen Frau und Mann, nichts Realistisches erzählt. Frau und Mann werden eher denunziert.

Auch die Subplots, die sich Regisseurin und Drehbuchautorin Iris Janssen ausgedacht hat, helfen nicht weiter: Dass die Freundin Sylvia alleinerziehende Mutter ist, die unter der Unvereinbarkeit ihres Jobs und den Bedürfnissen ihres Kindes leidet, hätte interessant sein können, wenn man eine Entwicklung erkennen könnte, die nicht lediglich in einem plötzlichen Entschluss mündet, trotz finanzieller Not den Job hinzuwerfen. Auch der Selbstmord eines gemeinsamen Freundes des Ehepaars bleibt nichts weiter als eine bemühte Wendung, damit Myriam und Bernd wieder eine Gemeinsamkeit entdecken. Die führt schließlich dazu, dass sie am Ende im Industriegebiet unweit des Bordells stehen - eine arg symbolische Bauruine im Hintergrund - und vielleicht anfangen endlich miteinander zu reden.

Eine Idee macht keinen Film

„Die Dinge zwischen uns“ ist der Versuch aus der Idee „eine Frau reagiert anders als erwartet auf die Bordellbesuche ihres Mannes“ einen ganzen Film zu machen. Weil die Charaktere in diesem Film, vor allem die Hauptfigur der Myriam, aber so eindimensional und realitätsfern bleiben, interessieren die Emotionen dieser Charaktere nicht. Das macht einen gelungenen Film über die Beziehungen zwischen Menschen unmöglich.

"Ich liebe dich, ich töte dich" von Uwe Brandner

Subversion und Waldidylle

Es ist schön in dem bayerischen Dorf inmitten einer malerischen Waldlandschaft, sogar sehr schön. Schafe werden durchs Dorf getrieben. Die Buben sind kurzbehost, brav gescheitelt und gehen wie die Mädchen artig zur Schule. Der Pfarrer schlendert im vollen Ornat die Dorfstraße hinunter. Da kommt der junge Jäger mit seiner Flinte in Jeans und Lederjacke, lässig hat er einen toten Schäferhund geschultert. Den hängt er vor dem Bürgermeisterhaus auf, das gibt eine saftige Belohnung. Alles ist gut auf dem Land in Bayern sogar noch Anfang der Siebziger, oder?

Unter der idyllischen Oberfläche lauert die Verstörung: Der Bürgermeister sitzt in Unterwäsche im Schlafzimmer und knallt mit der Peitsche, zwei zwielichtige Polizisten hetzen nachts im Auto einen Mann und sitzen tagsüber im Büro, warten auf Anrufe und kreuzen dann ein Gesicht auf den Fahndungspostern auf der Wand durch. Alle Einwohner holen sich bunte Pillen aus der Apotheke, die sie gierig in großen Mengen in sich hinein stopfen. Der junge Lehrer, der neu ins Dorf kommt, bringt den Kindern Verben näher: „Die Vögel fliegen, die Blumen blühen, die Regierung regiert, das Gewehr schießt“, skandiert die Klasse im Chor.

Regisseur Uwe Brandner sagte vor der Aufführung in der Berlinale Special-Reihe Aufbruch der Filmemacher: „Ich wollte etwas zeigen über Ordnung und Rebellion mit schönen Bildern“. Dem Zuschauer bietet er eine Folge von lose verbundenen, oft sehr kurzen Szenen, aus denen sich langsam eine Geschichte herausschält. Das ist manchmal verwirrend aber immer spannend. Teile eines Puzzles fügen sich skizzenhaft zusammen: Das Dorf ist auf das Wohlwollen „der Herren“ angewiesen, die einmal im Jahr eine große Jagd veranstalten. Deshalb sind der Jäger und auch der Lehrer, die inzwischen ein geheimes Liebespaar sind, immer auf der Jagd nach herrenlosen Hunden und wildernden Wölfen im Wald. Große Aufregung herrscht in der Gemeinde, als ein unbekannter zweibeiniger Wilderer Rehe zu schießen beginnt. Das wird den Zorn „der Herren“ erregen.

„Die Herren“ kommen schließlich mit Hubschraubern. Man sieht sie nicht, hört nur ein Schussinferno aus dem sonst so stillen Wald. So plötzlich wie sie gekommen sind, verschwinden "die Herren" auch wieder in die Ferne. Doch Brandner steuert den Film auf einen tötlichen Höhepunkt zu: Der Jäger hat seinen Freund den Lehrer als Wilderer entlarvt und führt ihn ins Dorf. Der Schuldige stirbt im Kugelhagel der Polizisten, es werden keine Fragen gestellt. Dann lädt der Jäger durch und erschießt die Uniformierten. Brandner hat die Subversion in einer latent gewalttätigen Gesellschaft auf die Spitze getrieben.

"Jesus liebt Dich" von Lilian Franck, Matthias Luthardt, Michaela Kirst, Robert Cibis

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Jesus was a Crowd Surfer

Berliner Olympiastadion, Menschenmassen, rhythmisches Klatschen, Sprechchöre... Kennt man, reicht trotzdem wieder nicht für drei Punkte. „Jesus-Jesus-Jesus!“. Halt. Die Hertha-Anhänger mögen ja verzweifelt sein, aber sie können nicht im Ernst glauben, dass Jesus sich für das gewöhnungsbedürftige Hauptstadt-Gekicke interessiert. Die, die wie Fußballfans aussehen, sind gar keine. Es sind evangelikale Christen, die aus aller Welt gekommen sind, um zur Weltmeisterschaft 2006 die Fans zu missionieren.

Organisiert wurde dieses Mega-Missionsevent von der Organisation Youth with a Mission und ihrer deutschen Sektion in Hurlach. Tilman Pforr ist einer der YWAM-Mitglieder. „Jesus liebt dich“ folgt Pforr, dem amerikanischen Prediger der 411-Church Scott Rourk und seinem New Yorker Neu-Konvertiten Cody Mui sowie dem Sambier Gershom Sikaala in ihren Bemühungen, die fußballverrückten dieser Erde bei der WM auf den Weg der Tugend zu bringen. Bei dieser Missionierung ist die Kamera nah dabei. Die Evangelikalen haben es nicht einfach und das liegt nicht in erster Linie an der Sprachbarriere. Schnell wird klar: Dem gemeinen Fußballfan fehlt es am Sinn für die Religion, es sei denn, Jesus kann dafür sorgen, dass der Ball ins Tor geht. Ein großartiger Dialog von Pforr mit einem Jugendlichen im Trikot der Klinsi-Elf vor einer Großleinwand in Nürnberg geht so: „Unser Gespräch war noch gar nicht zu Ende, darf ich für Dich beten?“ – „Aber erst nach der Nationalhymne.“

Es sind nicht nur die Fans, auch bei anderen Deutschen und Europäern stoßen die Evangelikalen auf wenig Verständnis. Besonders die Amerikaner sind auf die kulturelle Inkompatibilität eines amerikanisch geprägten Sendungsbewusstsein und der europäischen Zurückhaltung in religiösen Dingen wenig vorbereitet. Als sie Gratisbibeln verteilen (die haben sie zuvor skurriler Weise bei messianischen Juden in Potsdam abgeholt), stellen sie frustriert fest, dass viele der Bücher von den Passanten im nächsten Papierkorb entsorgt werden.

Es ist die Stärke des gemeinsamen Filmprojekts des Regieteams Lilian Franck, Matthias Luthardt, Michaela Kirst und Robert Cibis, dass sie nicht der Versuchung nachgeben, bei einer Aneinanderreihung von kuriosen Szenen stehen zu bleiben. Wenn sie Tilman Pforr bei der Auftaktveranstaltung von Youth with a Mission in Hurlach zeigen, wird auch in Ansätzen deutlich, wie diese Bewegung funktioniert und warum sie abseits der WM erfolgreich ist: Im tiefsten Oberbayern predigt Pforr im Stil eines TV-Evangelisten vor mehreren hundert Jugendlichen zu lauter Musik, bis diese vor religiöser Inbrunst völlig aus dem Häuschen sind. Danach wird bereitwillig gespendet. Schließlich tanzen sie christlich Pogo inklusive Crowd Surfing. Bei einer Veranstaltung in der Kirche am Südstern in Kreuzberg predigt der Ex-Fußballer Paulo Sergio. Hinterher werden drei deutsche Jugendliche, die sich spontan entschieden haben der Bewegung beizutreten, „in der neuen Familie“ begrüßt. Gefragt wie es war, kann ein Mädchen kaum Auskunft geben: „Es ging wie von alleine, ich dachte, ich muss jetzt nach vorne gehen“, dann schluchzt sie, „überall kribbeln“. Ein Junge im Heavy Metal T-shirt sagt zaghaft: „War halt schon ein bisschen anders als sonst immer.“

Diese kurzen Szenen erklären wesentliche Punkte im Vorgehen der Evangelikalen: Sie schaffen eine unkonventionelle Umgebung, in der sich Jugendliche wohlfühlen, bieten konkrete Projekte an, bei denen jeder mitarbeiten kann und sie setzen vor allem auf Emotionen. Dass sie dabei eine Art emotionale Überrumplungstaktik anwenden, ist ein großes Problem. Wer das mit Recht kritisiert, muss auch darüber nachdenken, warum Sinnverlust und emotionale Defizite, die offensichtlich vorhanden sind, sowenig von anderen Organisationen für Angebote genutzt werden – seien es Kirchen, NGOs, Vereine etc.

„Jesus liebt dich“ ist ein spannender Film. Auch deswegen, weil das Regieteam die Evangelikalen nicht von vorneherein zu Radikalen erklärt. Pforr und die anderen Protagonisten lassen sich eben nicht so leicht mit einigen extrem reaktionären evangelikalen Kirchen in den USA in einen Topf werfen. Das Regieteam nimmt eine kritische Perspektive ein, ohne in Bausch und Bogen zu verurteilen. Der Zuschauer ist aufgefordert, sich seine eigenen Gedanken zu machen. Gedankenfutter bietet die exzellente Website zum Film mit Infos, ausführlichen Ausschnitten und Hintergrundmaterial zum Filmthema.

13.02.08 22:40

"Winter Soldier" von Wintersoldier Collective

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"They fuck with your mind"

“Winter Soldier” ist ein Film über den Krieg und darüber, was ein Krieg aus Soldaten macht. Herzstück des Films sind Mitschnitte der sogenannten Winter Soldier Hearings, die die Vietnam Veterans against the War vom 31. Januar bis 2. Februar 1971 in Detroit veranstalteten. 109 Vietnamveteranen schilderten bei den Hearings detailliert Kriegs- und Menschenrechtsverletzungen von U.S.-Truppen in Vietnam und bezichtigten sich dabei auch selbst. Das Regisseurkollektiv vertraute bei seinem Film zu weiten Teilen auf das gesprochene Wort und ergänzt die Aussagen sparsam durch Dokumentaraufnahmen der Kämpfe in Vietnam.

Die Aussagen der ehemaligen Soldaten sind in ihrem grausamen Detailreichtum oft schwer zu ertragen. An den Gesichtern der Männer am Mikrophon kann man ablesen, welche Emotionen die geschilderten Ereignisse bei ihnen auslösen. Schnell wird klar, dass die Dehumanisierung des Feindes der Schlüssel für den grausamen Umgang mit Zivilisten und Soldaten war. Ein Veteran sagt, dass das ein Hauptpunkt in der Ausbildung der Marines gewesen sein. Die Botschaft: Vietnamesen sind keine Menschen. Am letzten Tag der Ausbildung sei folgendes passiert: Ein Ausbilder habe ein junges Kaninchen mitgebracht und mit ihm gespielt und es gestreichelt. Dann habe er ihm plötzlich den Bauch aufgeschlitzt, die Eingeweide herausgerissen und diese unter die jungen Soldaten geworfen. „They fuck with your mind“, fasst er leise mit leerem Blick zusammen.

Berichtet wird darüber, wie Gefangene fast routinemäßig in der Luft Transporthubschraubern geworfen wurden. Diese Praxis sei nie angeordnet aber geduldet worden. Dazu gab es die Anweisung die Gefangenen nie vor dem Abflug, sondern immer erst nach der Landung zu zählen, da man sonst nie wisse, ob die Zahlen übereinstimmen. Im Guerillakrieg wurde jeder Vietnamese zum Feind. Jeder tote Vietnamese wurde automatisch zum Vietcong erklärt, so dass die Unterscheidung zwischen getöteten feindlichen Soldaten und Zivilisten zur reinen Fiktion wurden.

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Der Film legt offen, wie demoralisiert die Veteranen bereits im Einsatz waren. In dem schwierigen Gelände waren besonders die Infanterie oft desorientiert und ständigen Angriffen aus dem Hinterhalt ausgesetzt, die Kommunikation funktionierte nicht, es gab zahllose sinnlose Einsätze für nutzlose Geländegewinne. Also vertrauten die U.S.-Truppen auf ihre überlegene Luftwaffe. Die Aufnahmen der Kämpfe zeigen die Flächenbombardements und vor allem die Angriffe aus den helicopter gunships, mit ihrer Raketen- und Granatwerferbewaffnung und mehreren bemannten Maschinengewehren. Gerade mit den Maschinengewehren wurden auch Flüchtende aus der Luft beschossen. Die Soldaten am Boden rückten nach. Ihre Aufgabe bestand darin, versteckte Guerillakämpfer aufzuspüren und Dörfer niederzubrennen, um den Vietcong-Truppen Unterschlupf- und Verpflegungsmöglichkeiten zu nehmen.

Die Teilnehmer der Hearings schildern, wie dabei auch Alte, Frauen und Kinder Opfer wurden, ungeschützte Dörfer aus der Luft angegriffen und Verletzte getötet wurden. Schließlich kam es zu einem Wettkampf der Truppenteile, möglichst viele vermeintliche Vietcong zu töten. Zum Beweis schnitten Soldaten den Leichen ein Ohr ab. „I turned into an animal. I don’t want to be an animal anymore”, sagt einer. Darum geht es bei den Anhörungen. Die Veterans Against the War haben nur ein Ziel: Der Krieg soll beendet werden. Deswegen wollen sie die Öffentlichkeit informieren, um den öffentlichen Druck auf die Mitglieder des U.S.-Congress zu erhöhen. Die Winter Soldier Hearings mit dem Mut auch über eigene Verfehlungen zu sprechen, waren ein erster Schritt zu den Anhörungen vor dem U.S.-Senat im April 1971. Der frühzeitige Rückzug der Truppen blieb eine Hoffnung, Am 30. April 1975 fiel Saigon. Erst die militärische Niederlage beendete den Krieg.

„Winter Soldier“ verkündet seine Botschaft gegen den Krieg mit einem Minimum an Inszenierung und ist gerade deshalb so effektiv. Es zählt das gesprochene Wort. Er ist als Beitrag der exzellenten Reihe „War at Home“ in der Sektion Berlinale Special ein wirkungsvolles Gegengift gegen die optisch aufgeblasene, misslungene Pseudodokumentation „Standard Operating Procedure“.

"Standard Operating Procedure" von Errol Morris

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Wo bleibt die Menschenwürde im Krieg und auf der Leinwand?

„Standard Operating Procedure“ wurde im Vorfeld der Berlinale von Dieter Kosslick mit großer Begeisterung als „wichtiger Film und erste Dokumentation im Wettbewerb“ angekündigt. Nach der Premiere sind große Zweifel daran angebracht, ob es sich bei „Standard Operating Procedure“, der die Misshandlungen von Gefangenen im U.S.-Millitärgefängnis Abu Ghraib im Irak behandelt, um eine Dokumentation handelt. Errol Morris vermischt klassische Interviewpassagen vor neutralem Hintergrund mit Dramaturgieelementen aus dem „Horrorfilm“ – so Morris eigene Wortwahl. Die Würde der Opfer spielt bei der ausführlichen Ausstellung der bereits bekannten Folterbilder im Riesenformat auf der Leinwand offensichtlich keine Rolle. Errol Morris wollte einen investigativen Film machen, der das Zustandekommen der Fotos detailliert nachzeichnet. Der aufklärerische Mehrwert bleibt jedoch äußerst gering.

Die Verhältnisse im amerikanischen Militärgefängnis von Abu Ghraib wurden am 28. April 2004 zu einem öffentlichen Skandal, als von Soldaten aufgenommene Fotos von Misshandlungen im U.S.-Nachrichtenmagazin 60 Minutes gezeigt wurden. Am 10. Mai veröffentlichte Seymour M. Hersh in der Zeitschrift New Yorker einen Artikel, der die Taten detailliert darstellte. Hersh zog sein Wissen unter anderem aus einen 53seitigen internen Bericht der U.S.-Armee zu den Vorgängen in dem Militärgefängnis. Der Bericht befasst sich insbesondere mit Ereignissen, die von Oktober bis Dezember 2003 stattfanden, es werden mehrere „sadistische, eklatante und mutwillige kriminelle Misshandlungen“ festgestellt, darunter Vergewaltigung eines männlichen Gefangenen durch anale Penetration mit Gegenständen, das Hetzen von Hunden auf einen Gefangenen, wobei es zu Bisswunden kam, das nackte Vorführen von Gefangenen, das Schlagen von Gefangenen. Täter waren sowohl Soldaten der U.S.-Militärpolizei als auch Angehörige anderer U.S.-Militärorganisationen. Mehrere Soldaten dokumentierten diese Taten mit Digitalkameras.

Die Geschichte hinter den Bildern

Diese Fotos nimmt Errol Morris als Ausgangsmaterial für „Standard Operating Procedure“. Zu Beginn sehen wir sie zu Dutzenden, wie sie digital animiert über die Leinwand fliegen. Ein erster Schock für den Zuschauer ist, wie vertraut diese Bilder sind. Man kennt einen guten Teil davon: der Mann mit dem über den Kopf gezogenen Sack und dem Umhang auf einer Kiste, der Mann an der Hundeleine, die Pyramide aus nackten Menschen – Folterbilder als Teil eines internationalen, öffentlichen Gedächtnisses, die teilweise Medienikonen sind. Oft sind lachende Soldaten Teil dieser inszenierten Bilder. Morris hat sich die Aufgabe gestellt, die Geschichten zu diesen Bildern zu erzählen, die aus den Kameras dreier unterschiedlicher Soldaten stammen.

Dabei lässt er einige Täter ausführlich in Interviews zu Wort kommen – unter anderem die Angehörigen der Militärpolizei Javal Davis, Lynndie England und Sabrina Harman und Angehörige des Militärgeheimdienstes. Ergänzt wird dies durch Aussagen eines Ermittlers der Armee, der die Bilder detailliert auswertete und vor allem die zeitliche Abfolge der Aufnahmen genau nachverfolgte. Wenn die Täter die allgemeine Situation in Abu Ghraib beschreiben, wird sichtbar, wie überfordert sie mit den Zuständen in dem Militärgefängnis waren, das regelmäßig von irakischen Aufständischen beschossen wurde. Die Militärpolizisten, die zu Aussagen bereit waren, waren im Jahr 2003 ohne Ausnahme Anfang oder Mitte zwanzig. Gleichzeitig wird deutlich und nachvollziehbar, wie in einer militärischen Organisation – im Nebeneinander von regulärer Armee und Geheimdienstorganisationen, deren Auftrag, Befehlsgewalt und Verantwortlichkeit keiner der regulären Soldaten kennt - ein Netz aus persönlichen und hierarchiebedingten Abhängigkeiten entsteht, in der schließlich alle internen Kontrollmechanismen, der gesunde Menschenverstand und der moralische Anstand außer Kraft gesetzt werden. Dies zu zeigen ist der eine große Verdienst von Errol Morris’ Film.

„Standard Operating Procedure“ wird an dem Punkt zu einem dokumentarisch fragwürdigen Unterfangen, an dem er auf eine dramatisierende Rekonstruktion der Ereignisse setzt. Die bekannten Bilder der Misshandlungen werden zum Teil in Filmszenen umgesetzt, die auch das davor und danach zeigen. Zu dieser Art der Umsetzung gehören ein opulenter Soundtrack, der in Verbindung mit dem Gezeigten eine ästhetische Monstrosität ist und Bilder, die eben dem Genre Horrorfilm entlehnt sind. Ein blutender Mann wird aus der Zelle geschleift, eine Leiche in Eis gepackt, ein Hund fletscht die Zähne und bellt dem Zuschauer überlebensgroß direkt ins Gesicht. Er wolle den Albtraum Abu Ghraib auch für den Zuschauer erfahrbar machen, sagte der Regisseur nach dem Film. Das ist ein beängstigendes Statement. Zeugt es von Naivität oder von Größenwahn?

Auf jeden Fall ist es dem investigativen und dokumentarischen Anspruch und den Sachverhalten unangemessen aber vor allem – und das ist das wichtigste – lässt es den Gesichtspunkt der Würde der Opfer außer acht. Wer das Leid in Filmszenen dramatisiert oder Originalfotos in maximaler Vergrößerung immer wieder auf die Leinwand wirft, auf denen die Genitalien und die Gesichter von angeketteten Menschen zu sehen sind oder Menschen sexuell entwürdigt werden, der ist als Anprangerer von Verletzungen der Menschenwürde absolut unglaubwürdig. Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, dass diese Fotos schon öffentlich bekannt sind. Durch die Darstellung auf der Leinwand un den ästhetischen Kontext von Sound und Effekten erhalten sie eine neue, grausame Qualität.

Die Ethik des Filmens

Was aber haben wir durch den Film Neues über Abu Ghraib erfahren? Nichts. Wir haben lediglich einen Eindruck davon bekommen, dass die Täter zunächst selbst von den Verhältnissen in Abu Ghraib geschockt waren und dann in ihrem Verständnis nur Befehle befolgt haben: Es sei die Aufgabe gewesen, den Widerstand von Gefangenen zu brechen, manche hätte ihnen leid getan, manche Taten seien falsch gewesen. Alle betonen immer wieder, dass eigentlich nie etwas Ernstes passiert sei. (Der eine im Kontext der Ermittlungen bekannte Todesfall wurde durch ein Verhör von Angehörigen eines nicht eindeutig identifizierbaren U.S.-Geheimdienstes verursacht.) Diese Armut an neuen Fakten macht es umso verwunderlicher, dass Morris die Opfer nie zu Wort kommen lässt. Nach eigenen Angaben hat er zwei von ihnen interviewt. Andererseits bin ich froh, dass es ihnen erspart geblieben ist, Teil dieses Films zu sein, der die Opfer durch seine Machart immer wieder entwürdigt. Es gibt auch eine Ethik des Filmens, gerade bei einer Dokumentation. Offensichtlich hat sie weder für Errol Morris noch für das Auswahlkomitee des Berlinale-Wettbewerbs eine Rolle gespielt.

12.02.08 16:30

festivalblog-Interview mit Sebastian Heidinger, Regisseur von "Drifter"

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Sebastian Heidinger ist Regisseur der Dokumentation „Drifter“ (Kamera: Henner Besuch). Der Film zeigt das Leben dreier Jugendlicher in der Drogenszene am Berliner „Bahnhof Zoo“. Heidinger studierte Film- und Fernsehregie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Der 29-jährige ist Gesellschafter der „Boekamp und Freunde Filmproduktion“. festivalblog.com sprach mit ihm über seinen Film „Drifter“, der am Sonnabend, 16. Februar, um 21:30 Uhr im Cinemaxx 3 und am Sonntag, 17. Februar, um 13 Uhr im Colosseum in der Sektion Perspektive Deutsches Kino gezeigt wird.

Warum hast Du das Thema gewählt und war es Dir von Anfang an klar, dass Du den Film in Berlin machen wolltest?

Es war klar, dass wir den Film in Berlin machen wollten, aber nicht dass es konkret um Junkies oder Stricher gehen sollte. Die Prämisse war relativ vage: Wir wollten einen Film über obdachlose Jugendliche in Berlin machen. Wir wollten nicht Punks oder Jugendliche portraitieren, die ihre Opposition so offen zeigen. Wir wollten Jugendliche finden, die quasi unsichtbar sind und in unserem Alltag nicht auffallen. Meiner Ansicht nach ist es heute für Menschen am Rand der Gesellschaft viel leichter, oberflächlich dazuzugehören. Man kann sich Markenklamotten anziehen oder besitzt ein Handy, doch die innerliche Entfremdung ist trotz dieser äußerlichen Annäherung viel stärker geworden. Es sind also unsichtbare Randgestalten unserer Gesellschaft.
Wir hatten dann eine sehr lange Vorlaufzeit und haben an verschiedenen Orten versucht, mit diesen Jugendlichen in Kontakt zu kommen, teilweise auch über Sozialarbeiter und Hilfsorganisationen. Die spannendsten Leute haben wir dann am Zoo gefunden. Es war nicht überraschend, dass auch Drogen eine Rolle spielten. Eine Droge wie Heroin erschwert die Arbeit aus filmischer Sicht, weil der Konsum natürlich sehr mit Stereotypen besetzt ist und alles andere sehr schnell Gefahr läuft in den Hintergrund zu rücken. Das gleiche galt auch für den Ort „Bahnhof Zoo“ und den Mythos, der damit verbunden ist.


Du meinst ein Vorurteil nach der Art, da will jemand „Christiane F.“ für das 21. Jahrhundert machen?

Eine Neuauflage dieses Themas hat mich anfangs nicht interessiert, sondern eher gestört, auch weil die Jugendlichen mit denen wir gesprochen haben, diesen Mythos kannten und ihn auch bedienen konnten. Sie wollten die „neuen Kinder vom Bahnhof Zoo“ darstellen. Im Lauf der Zeit haben sie dann gemerkt, dass uns diese Allüren nicht unbedingt interessieren. Während des Arbeitsprozesses haben wir dann gelernt, den zugrunde liegenden Mythos als Chance zu begreifen. Man konnte sich an etwas reiben, mit Klischees und dem Mythos brechen.


Wie lange hat der Prozess gedauert bis zum ersten Einsatz der Kamera mit diesen drei Hauptpersonen?

Wir haben drei Monate Vorlaufzeit gehabt. Wir waren jeden Tag mit einem VW-Bus, in den wir hinten eine Couch reingestellt haben, vor Ort und hatten etwas zu essen und Getränke dabei. Damit haben wir den Ort erst mal für uns eingenommen, damit wir selbst uns da nicht mehr so unwohl fühlen. Am Anfang ist man einfach ein Fremdkörper, ein Tourist. Uns war ziemlich schnell klar, dass Beharrlichkeit unsere wichtigste Tugend ist. Wir standen da und waren darauf angewiesen, dass die Jugendlichen uns langsam als Inventar akzeptieren und immer wieder zum Beispiel auf einen Tee vorbeikommen und uns etwas erzählen, weil sie uns spannend finden. Nur so hat sich ein Vertrauensverhältnis aufgebaut. Wir haben von Anfang an gesagt, dass wir Filmstudenten sind und einen Film machen wollen, auch dass wir keine Gagen zahlen können. Dass wir einfach Leute suchen, die Lust auf eine gemeinsame Dokumentation haben. Wir haben die Jugendlichen auch gefragt, was sie sich von so einem Film versprechen, wenn sie mitmachen. Irgendwann haben wir gefragt, ob wir zum Beispiel eine Geschichte, die sie erzählt haben, auf Ton aufnehmen könnten. Ein paar Wochen später haben wir auch Kamerainterviews gemacht. Am Zoo gibt es keine Privatsphäre, alles ist öffentlich, außer du bist in einer Toilette. Der Bus war erstmal ein geschützter Raum. Erst als das Vertrauen da war, sind wir dann auch nach draußen gegangen. Bis es soweit war, hat es etwa drei Monate gedauert.


Was haben die Jugendlichen auf die Frage geantwortet, warum sie mitmachen?

Aileen zum Beispiel hatte kurz vorher eine Therapie abgebrochen, bei der sie viele Probleme mit den Betreuern und den anderen Therapieteilnehmern hatte. Sie hat gesagt, sie wolle mitmachen, um den Leuten, „die immer so klug daherreden zu zeigen, wie es wirklich ist“, gerade in Bezug auf die Betreuer.


Du warst jetzt mehrere Monate ganz nah an den Jugendlichen dran. Wie nah, glaubst Du, bist Du mit dem Film an ihre Realität gekommen? Oder wolltest Du der Realität gar nicht so nah kommen, sondern bestimmte Elemente unterstreichen?

Oft verlässt man die Realität, um sich ihr auf Hinterwegen wieder anzunähern. Die filmische Arbeit ist natürlich manipulativ. Die Montage verdichtet und der zeitliche Ablauf ist bis zu einem gewissen Grad gestaltet. Aber nur so kann man auf einer filmischen Realitätsebene der Wirklichkeit näherkommen, wie wir sie beim Dreh gespürt und erfahren haben. Wir haben in dem Film auch so etwas wie einen Minimal-Plot – die Beziehung zwischen den Dreien – herausgearbeitet, denn den braucht man, damit die langen, beobachtenden Einstellungen getragen werden.


Wie stark hast Du da beim Dreh eingegriffen?

Ich habe schnell gemerkt, dass alles zusammenbricht, wenn man zu sehr forciert. Da musste ich meinen gestalterischen Willen auch zurücknehmen, in der Hinsicht war der Film auch eine Demutsübung. Ein Beispiel ist das Briefeschreiben zwischen Aileen und Daniel, nachdem Aileen nicht mehr in Berlin war. Wir haben nie gesagt: Schreib doch mal einen Brief. Aber wir haben dafür gesorgt, dass Papier und Stift da waren. Das hat Daniel darauf gebracht, einen Antwortbrief zu schreiben. Aber letzten Endes musste das von ihm kommen.


Die große Stärke des Films ist, dass er ganz ohne klassische Interviews auskommt. Hat sich das durch das Material erst im Schnitt ergeben oder hattest Du das von Anfang an so im Kopf?

Ich wollte auf jeden Fall einen szenischen Dokumentarfilm machen. Wo genau zwischen Fiktion und Dokument er sich bewegen sollte, das haben wir offen gelassen. Das hängt von den Hauptpersonen ab. Wenn Aileen und Daniel auf der Couch im Bus miteinander sprechen, gab es am Anfang vielleicht eine Frage, die dann einen Dialog zwischen den beiden angestoßen hat. Wir haben unglaublich viele Interviews als Back-up-Material gedreht, es gab auch viele Nebenfiguren usw. Das brauchten wir auch für uns, um die Zusammenhänge zu verstehen. Im ersten Rohschnitt gab es noch Interviews, die erklärenden Charakter hatten. Das war ein Ausdünnungsprozess. Wir wurden im Schnitt mutiger, haben das Material immer mehr verstanden. Wir haben gelernt, dass die Stärken des Materials in der Beobachtung liegen, nicht in der Auserzählung.


Der Film ist auch deshalb so interessant, weil er sich auf das Hier und Jetzt konzentriert und auf das psychologisierende Erforschen der Vergangenheit oder die Frage nach der Zukunft verzichtet.

Ich fände es auch anmaßend, in 80 oder 90 Minuten Schlüsselmomente einer Biographie ausfindig zu machen, sie rekonstruierend in eine Kausalkette zu bringen und dann zu sagen: aus den oder den Gründen ist jemand jetzt da, wo er ist. So wird man einem Menschen nicht gerecht. Es war für mich als Filmemacher aber wichtig, diesen Hintergrund zu kennen. Denn ich muss wissen, was ich im Film weglasse.
Ich vertraue der Rekonstruktion von biographischen Momenten als Erklärung nicht. Da sind ganz einfache Szenen oft aufschlussreicher. Wenn Angel auf beste Hausfrauenart ein Schnitzel zubereitet, dann spüre ich etwas von seiner Vergangenheit, dass er bei seiner Oma aufgewachsen ist oder was auch immer. Erzählen kann er mir ja alles mögliche. Ein Körper lügt nicht so leicht. Deshalb ist es immer aufschlussreich zu beobachten, wie jemand etwas tut, wie er seinen Arbeitsprozess gestaltet.


Das stimmt. Allein wenn man sieht, wie akribisch Angel seine Utensilien in seine Plastiktüten packt, versteht man, wie der funktioniert.

Wir haben auch die Dinge stark in den Fokus gerückt, die eine Verbindung zu unserer normalen Welt herstellen. In einem schleichenden Prozess wird dann klar: So groß ist der Unterschied zwischen einem Stricher und einem Gymnasiasten gar nicht: Das betrifft Aussehen, Hygiene, Ordentlichkeit aber auch die Art, wie man sich artikulieren kann. Damit geht der Film auch gegen die Dämonisierung von Randgruppen an. Man meint ja, man wüsste wie ein Stricher oder Junkie lebt. Da gibt es genügend Klischees. Deshalb dieser Blick auf Handlungen. Diese Szenen sind wichtig, weil der Zuschauer sieht: Da passiert etwas, was ich aus meinem Leben auch kenne. Zum Beispiel Sicherheit schaffen durch Ordnungsstrukturen, die man sich baut.


Gibt es denn trotzdem Zukunftsperspektiven in irgendeiner Form?

Es gibt sie nicht. Sie reden von Plänen, aber diese Zukunftspläne sind genauso fluktuierend wie die Menschen in dieser Szene. Wenn ich an das Gefühl der Drehphase zurückdenke, gab es nicht so was wie Zukunft. Natürlich gab es Punkte in diesem Zyklus aus Geldbeschaffen und Drogen, an denen sie gesagt haben „ich hab’ keinen Bock mehr auf diesen Scheiß, ich mache eine Therapie“, aber das war am nächsten Morgen schon wieder vergessen. Der alltägliche Druck lässt dich nur über die unmittelbar anstehenden Handlungen nachdenken.

Wie schwierig war es das Thema Drogen darzustellen? Konntest Du gleich mit der Kamera dabei bleiben, wenn sich jemand einen Schuss setzte?

Nein, absolut nicht. Das erste Konsumieren haben wir im letzten Drittel der Drehzeit gefilmt. Das ist wirklich schwierig zu drehen, ohne einen bloßen Voyeurismus zu bedienen. Wir hatten uns vorgenommen, den Vorgang möglichst neutral wie ein Arbeitsprotokoll zu filmen. Aber durch die Situation, dass wir plötzlich in dieser Münztoilette waren, in diesem Vakuum - die Musik, die Luft, die Enge und das Neonlicht - und dann zum ersten Mal zu sehen, wie sich jemand diesen Stoff in die Vene pumpt, das ist uns nahe gegangen. Mit dem Rohmaterial waren wir unzufrieden. Erst durch harte und selektive Schnitte in der Montage konnten wir zu einer Sachlichkeit zurückkommen - ohne das, was uns in dem Moment so angegangen hat, zu verheimlichen.


Wie hast Du Dich von diesem Projekt wieder gelöst?

So richtig gelöst habe ich mich noch nicht. Vor kurzem war ich bei Daniel und habe ihm den Film gezeigt. Es ist nicht mehr so intensiv, ich hänge nicht mehr jeden Tag am Zoo. Und natürlich kann ich den Kontakt nicht mehr so intensiv halten, wie während der Drehzeit. Wir haben ein Jahr geschnitten. In diesem Arbeitsprozess werden die Bilder dann zu Material und sind nicht mehr Teil deiner Realität. Mit Aileen versuche ich seit einem Jahr Kontakt aufzunehmen. Sie ist die einzige, die den Film noch nicht gesehen hat. Angel hat ihn gesehen und als gut empfunden und vor allem, dass wir die Menschen richtig getroffen haben. Als er sagte, „so war es“, war das ein Riesenkompliment.

Das Interview führte Steffen Wagner.

11.02.08 16:23

"Warum läuft Herr R. Amok?" von Michael Fengler

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Alltag ist Irrsinn

München 1969: Auch in dem bayerischen Dorf, das sich schon immer gerne als Großstadt maskiert hat, sind die Swinging Sixties angekommen. Allerdings nicht bei Herrn R. (Kurt Raab). Nach dreißig Sekunden weiß der Zuschauer: Herr R. gehört nicht dazu. Er trägt Anzug und Krawatte, einen akkuraten Seitenscheitel und arbeitet als technischer Zeichner. Wenn sich seine Kollegen dumme Witze erzählen, schweigt Herr R. Auch mit seiner Frau (Lilith Ungerer), die sich als mondäne, künstlerisch beflissene moderne Frau und Mutter geriert, spricht Herr R. nur wenig. „Man kann ja wohl erwarten, dass ein Mann die Familie ernährt“, sagt Frau R. Herr R. ist sehr bedrückt. Seine Arbeit ist dem Chef nie gut genug, aber eine Frau erwartet eine Beförderung.

Der Regisseur Michael Fengler hat mit diesem Film etwas zur damaligen Zeit völlig Neues gemacht: Er hat einen Spielfilm im Stil einer Dokumentation gedreht. Übrigens ohne die Hilfe von Fassbinder. Der fand den Film so unmöglich, dass er seinen Namen wieder aus dem Vorspann streichen lassen wollte. Darauf musste er verzichten: Es war schlicht zu teuer, den Vorspann neu zu gestalten.

Das Ergebnis von Fenglers künstlerischer Vision ist auch fast vierzig Jahre später brillant. Der Film zeigt eine Reihe von Alltagsszenen aus Herrn Rs. Leben. Wie Michael Fengler nach dem Film erzählte, wurden die Dialoge bewusst nur skizziert, die Regieanweisungen waren minimal. Mit den alltäglichen, nicht gebauten Sets (Wohnzimmer, Büro, Kneipe), dem nicht nachbearbeitetem Ton und dem fast durchgängig natürlichen Licht, ergibt das einen Reportagestil, der Interesse weckt und zusammen mit dem unheilverkündenden Titel eine große Spannung erzeugt.

Die Dialoge sind das Herzstück: Der spießige Familiennachmittag mit den Schwiegereltern ist so, wie ihn jeder schon erlebt hat: Nach belanglosem Geplapper fliegen von einer Sekunde zur anderen auf einmal verbale Giftpfeile zwischen Rs. Mutter und seiner Frau, die sofort wieder von niederträchtiger Leutseligkeit abgelöst werden. Herr R. versucht unterdessen, sich unsichtbar zu machen. Die Firmenfeier (laut Fengler ein first take), auf der R. seine berufliche Zukunft verspielt, weil er einmal nicht den Mund hält, ist einerseits so komisch und andererseits so niederschmetternd entlarvend, dass es Loriot nicht besser hingekriegt hätte.

Herr R. bleibt danach so passiv wie zuvor, aber man spürt, wie es in ihm arbeitet. Sein Amoklauf ist kurz und heftig, der Anlass nichtig, das Ergebnis katastrophal. Der Zuschauer bleibt zurück und denkt: Eigentlich ist es ein Wunder, dass nicht jeden Tag unzählige Amokläufer Schneisen der Verheerung durch den irrsinnigen Alltag schlagen.

10.02.08 13:34

Diplomatie in Zeiten des Terrors

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Filme beschäftigen ich nicht nur mit Fiktion, sondern auch mit der harten Realität. Die zeigen die zahlreichen Dokumentationen auf dieser Berlinale. "Standard Operating Procedure", der erste Dokumentarfilm überhaupt im Berlinale-Wettbewerb, stellt die Frage, welche Mittel zur Bekämpfung des Terrorismus legitim sind. Sony Pictures Classics und Participant Media laden begleitend zum Film von Errol Morris am Mittwoch, 13. Februar, um 15 Uhr zu einer öffentlichen Diskussion ein. Die Veranstaltung findet im Ballsaal (1. Stock) des Ritz Carlton Hotels, Potsdamer Platz 3, statt.

Zum Thema "Diplomacy in the Age of Terror: The Impact of Diminished Rule of Law on International Relations" diskutieren:

Dr. Allen Keller (Director Bellevue/NYU for Survivors of Torture), Wolfgang Kaleck (Generalsekretär des European Center for Constitutional and Human Rights), Lord Peter Goldsmith (ehemaliger UK Oberstaatsanwalt), Lionel Barber (Financial Times) und Herta Däubler-Gmelin (MdB, Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Menschenrechte und humanitäre Hilfe).

Moderiert wird die Runde von Olivia Schoeller, US-Korrespondentin der Berliner Zeitung in Washington.

„Teenage Angst“ von Thomas Stuber

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Das sind Nihilisten, die wollen nur foltern

Jugendliche mit dem Y-Chromosom neigen als Teenager zu Männlichkeitswahn und zur Gewalt. Thomas Stuber schafft in „Teenage Angst“ eine Konstellation, in der vier Internatsschüler eine Art nihilistische Variante des „Clubs der toten Dichter“ durchspielen. Das Streben nach den hehren Idealen der Poesie ersetzen sie durch eine möglichst totale Absage an Werte und Moral.

Ein Eliteinternat irgendwo in einem romantischen Schloss in Deutschland: Dyrbusch (Niklas Kohrt) hat das, was man Neudeutsch „leadership potential“ nennt: Er ist ein arroganter Wichtigtuer, der verquastes, pseudointellektuelles Zeug von sich gibt, aber er hat unbegrenztes Selbstbewusstsein. Für Bogatsch (Michael Ginsburg) ist er damit unwiderstehlich. Bogatsch ist zwar nicht der Hellste, aber er strahlt eine Aggressivität aus, die von der ersten Sekunde an beunruhigt. Dyrbusch ist der Kopf, der den Plan ausheckt: Mit diesem ganzen Unsinn von Moral, Ethik und sozialer Verantwortung, den sich die Verwahranstalt für Kinder reicher Eltern auf die edle Fahne geschrieben hat, soll jetzt Schluss sein. Er will saufen, die Sau rauslassen und dabei einige Experimente in Sachen Nihilismus und Erniedrigung betreiben. Um Macht geht es, gibt er Bogatsch zu verstehen und sonst gar nichts. Den hochintelligenten Internatssonderling Leibnitz (Janusz Kocaj) haben Dyrbusch und sein Kettenhund schon rekrutiert, als Konstantin (Franz Dinda) von einer Beerdigung ins Internat zurückkommt. Nachdem Konstantin den Initiationsritus des Pimmelzeigens durchlaufen hat, kann Dyrbusch mit der Durchführung seines Plans beginnen.

Die Vier hauen nachts regelmäßig ab und besaufen sich in einer Laube, die Dyrbusch auf dem Campingplatz am See aufgetrieben hat. Eines Abends sind Dyrbusch und Bogatsch kurz davor eine junge Frau zu vergewaltigen, die ihnen beim Baden im See über den Weg läuft. Konstantin ist wie erstarrt, aber Leibnitz geht dazwischen. Damit ist die Konstellation klar: Leibnitz hat sich gegen die Gruppe gestellt, obwohl Drybusch in schon als Schwächsten identifiziert hat. Jetzt wird er das Ziel aller weiteren Spiele, die schnell in Folter ausarten. Konstantin ist der Einzige, der die katastrophale Entwicklung erkennt und aufhalten könnte. Aber er traut sich nicht. Als Konstantin endlich seinen Mut zusammennimmt und zum Mentor (Michael Schweighöfer) geht, hört dieser ihm nicht zu. Am Ende drückt Bogatsch Leibnitz’ Kopf solange in eine Wassertonne, bis der fast stirbt. Er überlebt, aber bricht psychisch zusammen. Als Leibnitz sich vom Mentor unter Druck gesetzt fühlt, verletzt er den Lehrer in einem Panikanfall schwer..

Der Film ist genauso nihilistisch wie seine Hauptfigur Drybusch. Der Film widert einen an - mit den Folterszenen, der holzschnittartigen Gruppendynamik, der Figur des Mentors, die nur ein lebloses Abziehbild ist und mit den unerträglich romantisierenden Bildern, die Stuber immer wieder vom Schloss und seiner Umgebung inszeniert. Holger Jäckle führt mit seinem Drehbuch eine Versuchsanordnung durch, nichts weiter. Und wo er es braucht, liefert er die nötige Küchenpsychologie gleich mit. „Er will dazugehören, weil seine Eltern die Reichsten hier sind“, erklärt Drybusch, als Konstantin den gequälten Leibnitz dazu bringen will, endlich etwas gegen seine Peiniger zu unternehmen.

Wenn dieser Film einen Beitrag zum Thema Jugendgewalt liefern will oder darüber wie die Erziehung von Eliten versagt, ist das gründlich misslungen. „Teenage Angst“ führt nur ein Experiment vor, das den Zuschauer abstößt, erzählt aber keine Geschichte, die den Zuschauer berührt und zum Nachdenken bringt.

08.02.08 16:41

"Shine a Light" von Martin Scorsese

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Was hat Falten und macht Krach? Keith Richards.

Garagenrocker unter Dampf: Ein Hörfilm

Woran erkennt man einen ernsthaften Filmkritiker, der aus der Vorführung von „Shine a Light“ kommt? - Am zerknautschten Gesicht. 122 Minuten Naserümpfen hinterlassen eben Spuren. Sie haben sich ja so gelangweilt, die schreibenden Trüffelschweine, die verzweifelt nach dem kulturell anspruchsvollen Filmabenteuer suchen. Ein „konventioneller Konzertfilm“ über das den internationalen Konzern „Rolling Stones“ zur Eröffnung der Berlinale? Geschmacklos! - Hätten sie doch bloß einmal hinGEHÖRT.

In diesem Film geht es vor allem um Sound. Von seinen angeblich 16 Kameras hätte sich Martin Scorsese 13 sparen können. Die Stones aber klingen wie eine alte Dampflok mit glühendem Kessel, die in jeder Kurve zu entgleisen droht. Es rumpelt, stampft und jault, dass es eine wahre Freude ist. Die Tonspur dieses Films klingt wie der teuerste Live-Bootleg aller Zeiten. Mick Jagger ist des öfteren ziemlich außer Atem, die Herren Richards und Wood vergreifen sich in voller Lautstärke an den Saiten und erwischen nicht immer die richtigen. Charlie Watts trommelt stoisch dazu. Ladies and gentlemen: The oldest garage band in the known universe! Man hört also alles das, was man auf den polierten offiziellen Live-Dvds und Cds mit all ihren Overdubs nie hört. Dabei bleibt, anders als beim herkömmlichen Soundboard-Bootleg, jedem Instrument sein eigentümlicher Klang - soll heißen: Gesang, Gitarre, Bass, Keyboards und Bläser sind im Mix so perfekt unterscheidbar, dass man die Summe der einzelnen Teile und alle schmutzigen, kleinen Fehler hört. Besser geht’s nicht.

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Hinzu kommt: Die Songauswahl ist grandios. Besonders dann wenn die alte Dampflok Kohlen nachlegen muss, es also etwas langsamer wird. „Some Girls“ und „Far Away Eyes“ sind zwei Höhepunkte aus der Countryecke und bei „You Got the Silver“ beweist Keith Richards zum xten-Mal: Er kann zwar nicht singen, das aber besser als jeder andere. Herausragend ist eine Coverversion. Den Muddy Waters-Song „Champagne und Reefer“ spielen die Stones gemeinsam mit Buddy Guy: Blues und sonst gar nichts. Jagger beweist Größe und lässt sich von dem 71jährigen Bluesman gelassen an die Wand singen. Diese Gelassenheit ist allen Filmästheten zu wünschen, dann klappt’s auch wieder mit den Gesichtszügen.
Mit freundlicher Empfehlung von Muddy Waters:

Yeah, bring me champagne when I'm thirsty.
Bring me reefer when I want to get high.
Well, you know there should be no law
on people that want to smoke a little dope.
Well you know it's good for your head
And it relax your body don't you know.

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Unser Autor mit einem dankbaren Fan

07.02.08 15:51

Mit dem dicken B ins Paradies: Schwerbehindertenkartenvorverkauf

Als ich durch die Arkaden am Potsdamer Platz eile, sehe ich sie: Die Mühseligen und Beladenen, die nach Berlinale-Karten lechzen und in endlosen Schlangen stehen. Diabolisch kichere ich in mich hinein. Ich habe sie, die Eintrittskarte ins Paradies. Einen grün-roter Lichtbildausweis, der mir aufgrund einer „außergewöhnlichen Gehbehinderung“ (Wie geil klingt das?! Bin ich etwa einer von den Gewöhnlichen? – Natürlich nicht.) eine 80-prozentige Schwerbehinderung bescheinigt. Was noch viel wichtiger ist: Ein dickes schwarzes B auf der Vorderseite verkündet amtlich trocken „Die Notwendigkeit ständiger Begleitung ist nachgewiesen.“

So ist das, liebe Filmnerds ... Aufgrund dieser amtlich beglaubigten Hilflosigkeit kann ich gleich im Service Center der Berlinale das Ding drehen, den Bruch machen, den Jackpot knacken – ganz legal. Mehrere Stunden habe ich in der vergangenen Woche mein Hirn arbeiten lassen, das noch außergewöhnlicher ist als mein verblüffender Gehapparat.

Ich habe das Berlinale-Programm gewälzt, Filme aufgelistet und an diesen Listen gefeilt, bis ich mein persönliches, überschneidungsfreies Berlinaleprogramm vom 22 Filmen zusammengestellt hatte. Diese kleine Wunschliste habe ich an den Vorverkauf gemailt, der mich nur einen stark später zurückrief, um grünes Licht zu geben: Alles habe geklappt, ich könne die Karten am 7. abholen.

Jetzt bin ich also auf dem Weg, um Beute zu machen. Und weil ich ein Profi bin, geht das in Minutenschnelle. Während die Journalistenmeute wie blökendes Vieh in Reihen vor den Pressekassen zusammengetrieben wird, mache ich es mir souverän auf dem Stuhl des Schwerbehindertenkartenvorverkaufs bequem. Konspirativ murmele ich meinen Namen. Der freundliche Servicemitarbeiter nimmt meine Mail aus einem Ordner, wirft einen kurzen Blick auf den Zauberausweis und druckt 44 Karten aus – pro Film jeweils eine für mich und eine für die Begleitperson. Unauffällig lasse ich das papierne Gold in meine Jackentasche gleiten. Aber ich war nicht vorsichtig genug.

Das Volk, der Mob, der hinter mir steht, hat etwas mitbekommen. Die Menge nimmt Witterung auf: Dieser Typ hat Karten, viele Karten, zu viele Karten! Warum!? Dieser Drecksack! Und er musste noch nicht einmal anstehen. Der humpelt doch nur, weil er nach der letzten Sauftour aus der Kneipe gefallen ist. So rumort es in ihren Köpfen, das spüre ich. Ich drehe mich um und blicke in viele glühend-neidische Augenpaare. Die, die noch verzweifelt auf Presse- und Mitarbeiterkarten warten, wünschen sich jetzt mindestens ein Holzbein. Mein höhnisches Grinsen lässt sie zurückweichen. Kurz vor dem Ausgang stellt sich mir einer in den Weg. Ich setze meinen Elektroschocker ein, der normalerweise in Schlachthöfen zu Betäubung von Schafen eingesetzt wird. Lautlos zuckend bricht der Schreiberling zusammen. Dann bin ich draußen. Die Karten machen eine schöne Beule in meine Jackentasche. Die Berlinale kann losgehen.

Genauso war es, ich schwöre. Aber vielleicht hat mich auch nur das Berlinalefieber gepackt.

22.01.08 21:47

Berlinale-Wettbewerbsbeitrag "There Will Be Blood" für acht Oscars nominiert

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Daniel Day-Lewis als Daniel Plainview. (Quelle: Berlinale)

Der Berlinale-Wettbewerbsbeitrag „There Will Be Blood“ von Paul Thomas Anderson wurde heute von der Academy of Motion Picture Arts and Sciences für acht Oscars nominiert, darunter auch die wichtigsten Nominierungen in den Kategorien „Bester Film“ und „Beste Regie“. Anderson wurde außerdem für das „Beste adaptierte Drehbuch“ nominiert. Daniel Day-Lewis tritt in der Konkurrenz „Bester Hauptdarsteller“ gegen George Clooney, Johnny Depp, Tommy Lee Jones und Viggo Mortensen an. Day-Lewis spielt die Hauptrolle des kleinen Minenbesitzers Daniel Plainview, der 1898 auf Öl stößt und in den nächsten drei Jahrzehnten zu einem der reichsten Öl-Tycoone Südkaliforniens aufsteigt. Andersons Film basiert auf Upton Sinclairs Roman „Oil“ aus dem Jahr 1927.

Weitere Nominierungen für ihre Arbeit an „There Will Be Blood“ erhielten: Robert Elswit (Cinematography), Jack Fisk und Jim Erickson (Art Direction), Dylan Tichenor (Film Editing) und Matthew Wood (Sound Editing).

03.11.07 16:07

Das Ende der Panzer-Republik

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“Eggesin möglicherweise“ von Olaf Winkler und Dirk Heth, Deutschland 2006

Früher, soll heißen im guten alten Kalten Krieg in DDR-Zeiten, war Eggesin ein „Mythos für die Verschwendung der Lebenszeit junger Männer“. Aber immerhin hatte der Ort in der Nähe von Ueckermünde ein paar Kilometer landeinwärts vom Stettiner Haff als Garnisonsstadt der Nationalen Volksarmee eine solide Existenzgrundlage: In den „besten Zeiten“ 27.000 Soldaten, eine Einwohnerzahl, die sich von 3.000 auf mehr als 9.000 verdreifachte und 2.000 Arbeitsplätze in der Industrie – die Eggesiner sprachen ironisch von der „ Autonomen Panzer-Republik“. 15 Jahre nach der Wiedervereinigung ist Eggesin kein Bundeswehrstandort mehr. Die unter der Kohlregierung noch modernisierte Artillerie-Kaserne und die Soldatenwohnungen stehen leer, 30 Prozent der Einwohner haben Eggesin bereits verlassen und der Wegzug von weiteren 3.000 Menschen wird erwartet. In dieser Situation haben Olaf Winkler und Dirk Heth eine „dokumentarische Filmerzählung“ gedreht: „Eggesin möglicherweise“.

Die beiden Filmemacher liefern einen Strom von Eindrücken, sie wollen „einfach nur den Fluss der Dinge beobachten, ohne gewaltsam einzugreifen“, wie es in einem Zitat des japanischen Kafka-Preisträgers Haruki Murakami heißt, dass sie ihrem filmischen Essay voranstellen. Dieser Strom von aus dem Off gesprochenen Briefauszügen des Drehbuchautors Winkler, Ausschnitten aus offiziellen und privaten Filmen aus der NVA-Zeit, Gesprächen mit Eggesiner Bürgern und Bildern von Abbrucharbeiten macht es dem Zuschauer nicht leicht, die Eindrücke einzuordnen.

Deutlich wird aber, wie die Eggesiner sich abmühen, um mit den radikalen Veränderungen ihrer Stadt fertig zu werden. Sie sitzen in Bürgerrunden mit Experten, die Düsteres verkünden und den Menschen eigentlich genau das sagen, was sie ohnehin schon wussten: „periphere Lage ... keine Industriecluster ... kein innovatives Element ... Mit dieser Wirtschaftsstruktur kann man es aus eigener Kraft nicht schaffen.“ Die Eggesiner tun etwas: Wenn der Arbeitsplatz verloren geht, engagieren sie sich ehrenamtlich oder sie greifen zur Eigeninitiative wie der ehemalige Offizier, der eine Kneipe übernimmt. Bürger und Kommunalpolitiker schaffen es immerhin ein Stadtentwicklungsprojekt auf die Beine zu stellen, das im Rahmen des Bundeswettbewerbs „Städtebau Ost“ die Silbermedaille gewinnt. Trotzdem sind die Verbesserungen marginal, die sie durch diese Anstrengungen erreichen, wenn man die desolate Gesamtlage betrachtet: Die Abwanderung lässt sich nicht stoppen. Beim Zuschauen hinterlassen die immer wieder auftauchenden Aussagen der Eggesiner – der Tanzlehrerin, der Dorfpoetin, des jungen Büchsenmachers oder des Kneipenwirts einen hilflosen und langsam resignierenden Eindruck. Die Filmerzählung fängt diese Stimmung ein.

Trotzdem bleibt ein zwiespältiger Eindruck. „Eggesin möglicherweise“ wirkt stilistisch überfrachtet. Es gibt ein Ungleichgewicht zwischen den Bildern und den Statements der Betroffenen einerseits und den ästhetischen Stilmitteln der zum Teil pathetischen Briefpassagen und der musikalischen Untermalung andererseits. Außerdem gibt es Verfremdungseffekte durch rückwärtslaufende Filmteile oder einen bewussten Gegensatz von Film- und Tonspur. Manchmal verliert man sich in diesem Bilder- und Tonstrom und würde gerne in längeren Passagen mehr von den Eggesinern selbst erfahren. So fehlt ein Spannungsbogen, um die Konzentration beim Zuschauer zu erhalten. Es ist eine interessante Idee, sich dem Problem des Strukturwandels mit essayistischen filmischen Mitteln zu nähern, aber „Eggesin möglicherweise“ hätte vom sparsameren Einsatz einer Ästhetisierung profitiert.

31.10.07 21:11

Von Brandstiftern und Kindern

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"Jesus Camp" von Heidi Ewing und Rachel Grady, USA 2006

Eines vorweg: „Jesus Camp“ ist eine Tortur. Kinder, die in Weinkrämpfen zusammenbrechen, sich in Zuckungen am Boden winden, in Zungen Reden und von Erwachsenen solange in hysterische Zustände getrieben werden, bis sie alles nachbeten, was ihnen vorgesagt wird, sind kein schöner Anblick. Dennoch sollte man diesen Dokumentarfilm, der nicht nur im Rahmen des ueber morgen-Festivals in Berlin gezeigt wird, sondern am 1. November in ganz Deutschland anläuft, auf jeden Fall sehen. In „Jesus Camp“ zeigt sich die radikale christliche Bewegung der USA der Evangelikalen, so wie sie ist: selbstbewusst als selbsternannte Krieger in einem politisch-ideologischen „culture war“, für den sie eine neue Generation von wahren Christen erziehen wollen. Die Filmemacherinnen Heidi Ewing und Rachel Grady entlarven die Evangelikalen nicht. Das ist nicht notwendig. Becky Fischer und die anderen Prediger, die das Feriencamp „Kids on Fire“ organisieren, sind stolz auf ihren Radikalismus. Als Mike Papantino, der Moderator einer eher gemäßigten christlichen Radio-Talkshow, sie der „Indoktrination“ bezichtigt, kann Fischer an diesem Begriff nichts Negatives finden.

„Jesus Camp“ ist vor dem Hintergrund einer politischen Auseinandersetzung in den USA entstanden. Die äußerste religiöse Rechte hatte in den Präsidentenwahlen vom November 2004 den überwiegenden Teil ihrer Anhänger in einer beispiellos effektiven Kampagne zur Wahl von George W. Bush mobilisiert. Im Jahr 2005 starben dann in kurzer Zeit zwei der auf Lebenszeit vom Präsidenten ernannten Richter des Supreme Court, der höchsten juristischen Instanz der USA. Das war für die religiöse Rechte das Signal, die politischen Zinsen für ihren Einsatz im Wahlkampf zu fordern: Bush sollte zwei möglichst konservative Richter benennen und der Senat sollte die Nominierungen bestätigen. Durch diese Personaldebatte rückten in der öffentlichen Diskussion verschiedene gesellschaftliche Fragen noch stärker in den Fokus, insbesondere das Recht auf Abtreibung und die Rechte von Homosexuellen. Diese Debatten wurden mit großer Schärfe ausgetragen und gerade von den radikalen Christen weiter zur Mobilisierung genutzt.

Im Zentrum der Dokumentation steht Becky Fischer. Fischer wirkt, wie wir uns eine Durchschnittsamerikanerin vorstellen: Freundlich, gemütlich, bieder und irgendwie solide. Sie ist Predigerin der „Christ Triumphant Church“ in Missouri und veranstaltet Ferienlager für Kinder zwischen fünf und zwölf Jahren. Ihr Ziel formuliert sie vor laufender Kamera: „Ich will, dass die jungen Leute genauso radikal ihr Leben hergeben für die Bibel, wie das junge Muslime in Pakistan, Palästina und in anderen Gegenden der Welt tun.“ Diese Aussage kann man nicht missinterpretieren. Zwei Sätze zuvor hat sie fast bewundernd über die „Feinde“ gesprochen, die ihre Kinder so ausbildeten, dass sie bereit seien, sich für die „Sache des Islam“ umzubringen.

Mit diesen Zitaten hat „Jesus Camp“, der 2007 eine Oscar-Nominierung als bester Dokumentarfilm erhielt, das Terrain abgesteckt und führt uns in die Welt des „Kids on Fire“-Camp. In dieser Welt sind alle Werte außer Kraft gesetzt, die eine aufgeklärte Gesellschaft kennt. Es zählt nur noch „der perfekte Wille Gottes“, wie ihn die Prediger interpretieren. Die Techniken, die sie nutzen, sind die der Manipulation. Der Kamera zeigt im Close-up gnadenlos wie die Kinder so stark emotional aufgewühlt werden, dass sie einerseits in ständiger Angst aufgrund der eigenen „Sündhaftigkeit“ leben und andererseits stolz darauf sind, zu den Ausgewählten der neuen Generation zu gehören. Man kann darüber streiten, ob die beiden Regisseurinnen nicht auch Grenzen überschreiten, weil sie die Gefühlswelt der Kinder mit der Kamera offenlegen. Dabei sollte man jedoch immer im Blick behalten, dass die Kamera ganz klar nicht der Auslöser für diese psychischen Ausnahmezustände ist – das sind eindeutig die Leiter des Camps: Brandstifter im religiösen Wahn.

Die Methode der emotionalen Überwältigung ist ebenso effektiv wie perfide. Den Teilnehmern des Camps wird jede Möglichkeit genommen, selbst über etwas nachzudenken oder sich ein eigenes Urteil zu bilden. Das wird besonders in dem Moment deutlich, wenn sich religiöse und politische Inhalte der sogenannten Predigten vermischen. Schließlich sollen die Kinder Kämpfer in dem von den wiedergeborenen Christen erklärten „culture war“ werden. Es wird für George W. Bush und seinen Kandidaten als Richter am Supreme Court und gegen die Abtreibung gebetet, Global Warming und Darwins Evolutionstheorie werden als gefährliche Irrlehren gebrandmarkt. Die Agenda der radikalen Christen ist politisch. Die Kinder sollen als Missionare wirken und dabei neben der Heiligen Schrift auch noch politische Botschaften verkünden. Das ist auch das, was sie in ihren Familien zu hören bekommen, wie der Film in einigen Szenen zeigt: So folgt er zum Beispiel der neunjährigen Rachael und dem zwölfjährigen Levi nach Hause. Die Kinder werden nicht in der Schule, sondern von den eigenen Eltern unterrichtet. Für sie gibt es nur ein Weltbild und keine Zweifel.

Ewing und Grady ist ein journalistisch herausragender und überwältigender Dokumentarfilm gelungen, weil sie die Dinge zeigen, wie sie sind - ohne zu kommentieren oder vordergründig zu inszenieren. Am Ende von „Jesus Camp“ ist man ebenso erschöpft wie ratlos. Wie kann so etwas in einem Land passieren, was nicht zuletzt gegründet wurde, um religiöse Freiheit zu garantieren und das schon 1791 in der ersten Verfassungsänderung die strikte Trennung zwischen Staat und Kirche festschrieb? Ein Star der religiösen Rechten, der Prediger Ted Haggard, der im zweiten Teil des Films zu Wort kommt, sagt: „Wir wachsen schnell genug, um den Ausgang jeder Wahl zu entscheiden, wenn die Evangelikalen zur Wahl gehen.“ – Gott steh’ uns bei.

30.10.07 18:43

Ueber morgen - Wie wollen wir Leben?

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Filmvestival der "Aktion Mensch" startet in Berlin


„Utopien, Träume, Weltenentwürfe" lautet der Untertitel des ueber morgen-Filmfestivals, das vom 1. bis zum 11. November mit insgesamt dreizehn Spiel- und Dokumentarfilmen in Berlin startet. Die „Aktion Mensch" und zahlreiche Kooperationspartner stellen mit diesem Festival die entscheidende Frage: Wie wollen wir leben? Nach dem Auftakt in der Hauptstadt, die Berliner Festivalkinos sind das „Filmtheater am Friedrichshain" und das „Broadway", geht das Festival bis zum Juni 2008 auf Tour durch 100 deutsche Städte. Hier die Berlin-Termine des ueber morgen-Festivals.

Die 13 Filme des ueber morgen-Festivals:

„A Scanner Darkly“ (Der dunkle Schirm) von Richard Linklater USA, 2006

Undercover-Ermittler Fred erhält den Auftrag, einen gewissen Bob Arctor zu observieren - der niemand anderes ist als er selbst. Richard Linklater verfilmt den legendären Roman von Kultautor Philip K. Dick mit Stars wie Winona Ryder, Keanu Reeves, Robert Downey Jr. und Woody Harrelson, doch mit der Technik eines Animationsfilms. In überwältigender visueller Ästhetik Linklater zeichnet das düstere Bild eines paranoiden Überwachungsstaates.


„Smell of Paradise“ (Der Duft des Paradieses) von Mariusz Pilis und Marcin Mamon, Polen/Niederlande 2005

Im Kampf für eine vom Islam dominierte Gesellschaft gehen Religion und Politik eine unheilvolle Allianz ein.. „Der Duft des Paradieses“ nimmt den Zuschauer mit auf eine Reise zu den politischen Brennpunkten rund um den Globus.


„Eggesin möglicherweise“ von Olaf Winkler und Dirk Heth, Deutschland 2006
Zu Zeiten der DDR waren in Eggesin 27.000 Soldaten stationiert. Dann kam die Wende und der Standort wurde aufgelöst. Die örtliche Wirtschaft brach zusammen, junge Leute wandern ab. Mehr als ein Drittel der Einwohner sind bereits fort, weitere dreißig Prozent sollen noch folgen. Doch die Bürger von Eggesin resignieren nicht. Sie versuchen, sich zu organisieren und mit Einfallsreichtum das Beste aus ihrer Situation zu machen.


„Gelée Royale - der Staat bin ich“ von Antje Knapp, Deutschland 2004

Ob Stadtviertel, Insel, Wohnzimmer oder Tischplatte: nichts ist zu klein, um nicht ein eigener Staat werden zu können. Selbsternannte Monarchen präsentieren ihre Wohnzimmerutopien, deutsche Amtsträger philosophieren über Deutschland und Bewohner des »Freistaat Christiania« in Kopenhagen berichten aus ihrer basisdemokratischen und autonomen Gemeinschaft, die seit 35 Jahren existiert, aber mittlerweile gegen die konservative dänische Regierung ums Überleben kämpft.


„Hinter dem Zuckervorhang“ (El Télon de Azúcar) von Camila Guzmán Urzúa, Kuba/Spanien/Frankreich 2006

Fidel geht es schlecht und vielen Kubanern geht es auch nicht gerade gut. Von revolutionärer Begeisterung ist seit dem Wegfall der großzügigen Wirtschaftshilfe durch die Sowjetunion nicht mehr viel zu spüren. Camila Guzmán Urzúa wuchs in den Achtzigern in Kuba auf. Sie zeichnet ein wehmütiges Bild vergangener Ideale von sozialer Gleichheit, Erfüllung aller Grundbedürfnisse durch den Staat die einer tiefgreifenden Desillusionierung gewichen sind.


“I Broke my Future - Paradies Europa” von Carla Gunnesch, Deutschland 2006

Demokratie, soziale Versorgung, Wohlstand - was für uns Selbstverständlichkeiten sind, klingt für viele Menschen außerhalb der »Festung Europa« wie das leibhaftige Paradies. Hunderttausende versuchen jedes Jahr, als Asylbewerber oder Illegale die Grenzen zur EU zu überwinden. Die Dokumentation begleitet vier junge Afrikaner in Berlin, deren Träume längst zerbrochen sind. Ihr Alltag besteht aus Angst vor Kontrollen, Ausbeutung als illegale Arbeitskraft und der schwindenden Hoffnung auf eine Lebensperspektive.


„Jesus Camp“ von Heidi Ewing und Rachel Grady, USA 2006

Becky Fischer, die sich selbst stolz als radikale Christin bezeichnet, hat einen Traum: Sie will Kinder im Alter von fünf bis zwölf auf den großen Kampf mit Nicht- und Andersgläubigen vorbereiten. Schließlich, so Becky, wissen Christen wie sie die Wahrheit und alle anderen nicht. In knapp 90 Minuten zeigen Heidi Ewing und Rachel Grady, wie der Glaube zur Manipulation ausgenutzt werden kann.


„Lip oder die Macht der Phantasie“ (Les Lip) von Christian Rouaud, Frankreich 2007

1973 beginnt in der französischen Stadt Besançon ein soziales Experiment: Weil die Arbeiter der Uhrenfabrik Lip um ihre Arbeitsplätze fürchten, besetzen sie ihre Fabrik und übernehmen die Uhrenproduktion in Eigenregie. Zwei Jahre lang gelingt es ihnen, die Produktion weiterzuführen, Konzepte selbstbestimmter und gleichberechtigter Arbeit zu erproben und Entlassungen zu verhindern, bis die Fabrik 1975 zerschlagen wird.


„Menschen, Träume, Taten“ von Andreas Stiglmayr, Deutschland 2006

43 Frauen, 35 Männer und 33 Kinder haben sich den Traum vom selbstbestimmten Leben erfüllt: Seit zehn Jahren leben sie zusammen im Ökodorf »Sieben Linden«. Ihr Gesellschaftsentwurf basiert auf genossenschaftlichem Eigentum, Mitbestimmungsrecht, Gemeinschaftskultur und Selbstversorgung. Dass Selbstbestimmung nicht mit paradiesischen Zuständen gleichzusetzen ist, zeigt Andreas Stiglmayr, der auch Probleme des Zusammenlebens nicht ausspart.


„Mit 25 geht's bergab“ von Milka Pavlicévic und André Schäfer, Deutschland 2005

Mit 25 hat der menschliche Körper seinen Leistungshöhepunkt erreicht und beginnt danach zu altern. Diesen Prozess versucht die weltweite Schönheitsindustrie mit Cremes und Chirurgie zu stoppen - und verdient daran Milliarden. Für viele Menschen ist der eigene Körper ihr wichtigstes Projekt. Ist Altern eine Krankheit? Ist eine Gesellschaft denkbar, in der es nur noch schöne Menschen gibt?


„The Wild Blue Yonder“ von Werner Herzog, Deutschland 2005

Filmemacher Werner Herzog erzählt in »The Wild Blue Yonder« die Geschichte zweier hoffnungsloser Begegnungen mit der jeweils anderen Art. Zwischen verlorenen Aliens, im All treibenden Astronauten und Astrophysikern, die über interplanetarische Super-Highways spekulieren, entdeckt er die gefährdete Schönheit des Planeten Erde.


„Unser Planet“ (The Planet) von Michael Stenberg, Linus Torell und Johan Söderberg, Schweden/Norwegen/Dänemark 2006

Bis 2010 werden sieben Milliarden Menschen die Erde bevölkern, 2050 sollen es neun Milliarden sein. Sie alle auf dem Niveau der westlichen Industrieländer zu versorgen, würde die Ressourcen von fünf Planeten erfordern. Müssen wir radikale Abstriche an unserem Lebensstandard vornehmen, um das Überleben aller zu sichern? Ist die Menschheit zu einem Kurswechsel überhaupt fähig?


„Verschwörung der Herzen“ (Kabal i hjerter) von Oyvind Sanberg, Norwegen 2006

Kåre Morten und Per, zwei Freunde mit Down-Syndrom, führen im norwegischen Bergen ein ganz normales Leben, bis Kåre Morten sich in Maybritt verliebt. Zwischen Herzklopfen, Liebesbriefen und einer skeptischen Mutter lernt er, mit seinen Gefühlen umzugehen und vor Problemen nicht wegzulaufen.

22.10.07 21:18

Die „Fliegende Bank“ am Boden

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“Grounding – Die letzten Tage der Swissair“ von Michael Steiner, Schweiz 2006


Am Dienstag, dem 2. Oktober 2001, konnte man rund um den Globus Schweizer weinen sehen – auf Flughäfen. Männer und Frauen standen fassungslos in den Abfertigungshallen oder mussten die Flugzeuge wieder verlassen: Die Swissair, von den Eidgenossen selbstbewusst die „Fliegende Bank“ genannt, war zahlungsunfähig. Weil die Fluglinie weder das Benzin noch die Flughafengebühren zahlen konnte, blieben die Maschinen am Boden. Die Passagiere halfen zum Teil den Crews sogar, das Gepäck wieder auszuladen, weil das Flughafenpersonal ohne vorherige Bezahlung den Service verweigerte. Der Schweizer Regisseur Michael Steiner hat aus dem Wirtschaftsdrama einen dokumentarischen Spielfilm gemacht, der auch beleuchtet, wie ein Unternehmenszusammenbruch zum privaten Drama für die Mitarbeiter wird.

„Grounding“ funktioniert hervorragend als Wirtschaftskrimi, denn wer hätte das gedacht? Ausgerechnet die Schweiz, Sinnbild für solides, verlässliches und vor allem ungeheuer einträgliches Unternehmertum, ist der Nährboden für eine der katastrophalsten und vor allem spannendsten europäischen Unternehmenspleiten. Die Schweizer stürzte diese Pleite vor sechs Jahren sogar in eine Identitätskrise, so stark war die Identifikation mit der Fluglinie, die nicht umsonst das Schweizerkreuz auf der „Heckflosse“ ihrer Maschinen trug. Steiner inszeniert seine Geschichte um die letzten Tage der Airline gekonnt und ungeheuer dicht. Er montiert in seinen Spielfilm immer wieder Fernsehausschnitte, die Interviews mit den echten Handelnden zeigen. Als Zuschauer fliegen einem die Details im verkrüppelten Wirtschaftsenglisch der heutigen Managerkaste nur so um die Ohren: Da wechselt die „Phoenix-Strategie“ die „Hunter-Strategie“ ab und Berater säuseln beseelt von Synergien. Auch wer nicht jede Einzelheit versteht, begreift schnell: Die Zahlen der „refreshing airline“ sehen nicht gut aus.

Das Monetäre ist in dieser Geschichte jedoch nicht das wirklich Spannende. Interessant sind die Intrige, der Skandal und der Kampf von (meistens) Mann gegen Mann. Steiner personalisiert und polarisiert stark: Auf der einen Seite steht Mario Corti, den der neue Verwaltungsrat als Retter installiert, nachdem der alte Verwaltungsrat zurückgetreten ist, weil sich Swissair im Sturzflug befindet. Corti verlässt seinen sicheren Job als Finanzchef bei Nestlé und hängt sich von der ersten Sekunde an voll rein. Er will es ehrlich schaffen für die Mitarbeiter, für das Unternehmen und die ganze Schweiz. Allein die roten Zahlen sind noch dicker als gedacht, wie Corti feststellt, nachdem er eine realistische Bilanz aus seinen bockigen Managern herausgepresst hat. Corti spart, spart und spart, verkauft Gesellschaften und entlässt Mitarbeiter, kann aber im Jahr 2001 nicht das reinholen, was die Jagd nach Airlines seit 1995 gekostet hat. Als Gegenspieler fungieren die Chefs der Schweizer Vorzeigebanken UBS und Credit Suisse und diverse Bundespolitiker, die sich im September 2001 nicht darauf einigen können, wer mit welchem Anteil die Restrukturierung finanzieren und die Swissair flüssig halten soll.

Steiner konzentriert sich nach einer knappen Darstellung der Vorgeschichte auf die Amtszeit Cortis von März 2001 und besonders auf die Tage unmittelbar vor dem ominösen 2. Oktober 2001. So beschleunigt er den Film ungemein und kann trotzdem nach die Parallelhandlung der privaten Nöte dreier Swissair-Mitarbeiter einbauen, die aus den jahrelangem Missmanagement entstehen. Dieser Erzählstrang ist an einigen Stellen etwas zu pathetisch, aber zwei Dinge werden nur zu deutlich: Die Motivation der Mitarbeiter ist bis zuletzt ungebrochen und doch sind sie dem Desaster des Zusammenbruchs „ihrer“ Fluglinie hilflos ausgeliefert.

„Grounding“ reißt auch kurz an, was nach dem Oktober 2001 geschah. Zunächst wurde die Swissair über eine Nachfolgegesellschaft mit insgesamt 4,3 Milliarden Franken von den Banken und dem Schweizer Staat, der einen Kredit von sF 1,45 Milliarden beisteuerte und eine Beteiligung von 600 Millionen beisteuerte, wieder flüssig gemacht. „So wurde die klinisch tote Swissair zum Zombie Swiss“, wie die Weltwoche im März 2003 schrieb. Diesem Zombie geht es jetzt wieder bestens, nachdem er von der Lufthansa für die vergleichsweise geringe Summe von 310 Millionen Euro übernommen wurde, was die Schweizer erneut erzürnte. Der Film führt es vor Augen: Pleiten sind für Manager selten teuer, für Mitarbeiter und Steuerzahler aber meistens. Immerhin – das Schweizerkreuz auf dem hinteren Leitwerk ist auch der Swiss geblieben.

21.10.07 16:17

60-jährige sind schlecht für die Marke

"Darling" von Johan Kling, Schweden 2007

„Darling“ hat der schwedische Regisseur und Drehbuchautor seinen Johan Kling seinen Film genannt. Für Liebesgefühle ist aber in Zeiten der Arbeitslosigkeit wenig Platz, wie Eva und Bernhard feststellen, als sie sich ihr Weg aus der Arbeitslosigkeit schließlich bei McDonald’s kreuzt. Kling konzentriert sich ganz auf seine Hauptfiguren und zeigt dabei, wie unterschiedlich die Chancen zweier Menschen sind, die sich vermeintlich in derselben Situation befinden. Der Grund: Zwischen ihnen liegt ein Altersunterschied von mehr als 30 Jahren.

Eva ist Mitte 20, sieht gut aus, lässt sich jeden Abend von ihrem Freund Micke zu einer hippen Party fahren und arbeitet als Verkäuferin in einer Stockholmer Edelboutique. Eva ist eine blöde Zicke. Sie ist arrogant, oberflächlich, selbstsüchtig und unendlich gelangweilt. Sie betrügt Micke mit dem unerträglichen pseudophilosophischen Literaturschwätzer Nico und nutzt ihre Arbeitszeit zum Telefonieren mit ihren Freunden. Dass Eva deswegen ihren Job verliert, nimmt man als Zuschauer mit großer Freude und Zustimmung zur Kenntnis. Auf ihren Jobverlust reagiert sie wie ein kopfloses Huhn, zumal auch noch ihr Seitensprung aufliegt und Micke sie rauswirft. Eva kann ihren Lebensstil nicht ändern und beginnt Schulden zu machen. Fassungslos stellt sie fest, dass der schwedische Wohlfahrtsstaat ihr nicht unter die Arme greifen will, weil ihr zwei Wochen Arbeitszeit fehlen, um Anspruch auf Unterstützung zu haben.

Bernhard ist „60 - 61 um genauer zu sein“, wie er immer nervös über sich selbst sagt. Bernhard hat vor einiger Zeit seiner Job bei einem schwedischen Elektronikkonzern verloren, wo er 30 Jahre als Ingenieur gearbeitet hat. Seine Frau hat ihn für einen jüngeren Mann verlassen. Jetzt hockt er allein in einem großen Haus in Stockholm, das er sich eigentlich gar nicht mehr leisten kann. Bernhard nervt in seiner Schwatzhaftigkeit, die ihn aus Unsicherheit jedem seine Lebensgeschichte erzählen lässt. Gerade deswegen entwickelt man aber auch Sympathie für ihn. Bernhard ist überfordert und unterwürfig aber beharrlich auf Jobsuche. Schließlich wird er von einer Computerfirma auf Probe für 30 Tage als Vertreter für Modems eingestellt. Am Monatsende beraten die beiden jungen, dynamischen Geschäftsführer über ihn: „Was machen wir mit Bernhard? Er hat durchschnittlich verkauft, nicht schlechter als die Anderen.“ – „Ach, es fühlt sich nicht gut an, einen 60-jährigen im Team zu haben. Der beschädigt unsere Marke, außerdem ist er so ein Schleimer.“ Das war’s für Bernhard.

In der Mitte des Films geschieht das, was noch am Anfang undenkbar war. Evas und Bernhards Wege kreuzen sich – bei McDonald’s beim Burgerbraten. Für Eva ist dieser Job das Letzte, Bernhard dagegen ist dankbar. Hier bringt ihm sein mehr als 30 Jahre jüngerer Chef sogar so etwas wie Respekt entgegen. Schnell entwickelt sich zwischen Eva und Bernhard eine Freundschaft. Diese Freundschaft ist für beide so etwas wie ein Rettungsring: Eva hat festgestellt, dass unter man den Stockholmer Aufsteigern wenig Freunde hat, wenn das Geld fehlt. Bernhard ist seiner Ex-Frau nur gleichgültig und seiner Tochter lästig.

So richten sich die beiden eine kurze Zeit aneinander auf. Doch Filmemacher Johan Kling bleibt konsequent. Schnell ist klar, wer in dieser Geschichte den persönlichen Abstieg fortsetzt und wer noch eine Chance auf den Wiederaufstieg hat. Die Lebenswege von Eva und Bernhard überschneiden sich nur für kurze Zeit. Danach driften sie wieder auseinander. Für eine melancholische Freundschaft lassen die Arbeitswelt und die unterschiedlichen Wünsche und Ziele der Generationen keinen Raum. Der Verrat der Freundschaft geschieht fast ohne zu zögern. Das Ende ist bitter.

19.10.07 10:39

Die wollen nur spielen

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"Fairplay" von Lionel Bailliu, Frankreich 2007


Die Fairness ist ein hehres Ideal, für das der Erfolgreiche in der Wirtschaft nur ein spöttisches Lächeln übrig hat - so die einfache Botschaft von Regisseur und Drehbuchautor Lionel Bailliu in "Fairplay". Sein Film läuft im Wettbewerb des Filmfestivals Münster 2007. Vor dem Hintergrund sportlicher Wettkampfepisoden konstruiert er eine Unternehmensintrige, die in einem klassischen Show-Down auf Leben und Tod endet.

Der Mensch spielt gern und arbeitet eher ungern, ob er aber spielt oder arbeitet, er will gewinnen. Das Spiel und die Zusammenarbeit funktionieren für alle Beteiligten am besten, wenn sich alle fair verhalten und Regeln befolgen. Die Crux dabei: Wer skrupellos genug ist, die Regeln zu brechen, kann seinen Weg zu Gewinn oft erheblich vereinfachen.

Lionel Bailliu lässt in „Fairplay“ Menschen aufeinanderprallen, die bei ihrer Arbeit im demselben Unternehmen unter Druck stehen. Der Chef Charles führt den Laden mit eiserner Hand, was die Kollegen Jean-Claude und Alexandre, an der Oberfläche Freunde, in ein hartes Konkurrenzverhältnis zwingt. Der noch junge Alexandre bekommt sowohl vom Freund als auch vom Chef beim Sport vorgeführt, wie wenig Regeln bedeuten, wenn es ums Gewinnen geht. Doch bei der Arbeit, also im „richtigen Leben“, sind die Einsätze noch höher. Jean-Claude spinnt eine Intrige, um Charles als Chef abzulösen und gleichzeitig Alexandre als Konkurrent loszuwerden. Dabei schreckt er auch nicht davor zurück, die Kolleginnen Nicole und Béatrice für seine Zwecke zu manipulieren. Als Firmenchef Charles seine Mitarbeiter mit auf eine Canyoning-Tour nimmt und in einer Situation, in der Kooperation gefragt ist, alle Rivalitäten ans Tageslicht kommen, bahnt sich eine Katastrophe an.

Bailliu hat einen streng durchkomponierten Film gemacht, der vor dem Hintergrund von sportlichen Wettkämpfen die vermeintliche Erbarmungslosigkeit des Wirtschaftslebens zeigt und überzeichnet. Dabei gelingen ihm einige starke Szenen, zum Beispiel wenn Charles und Alexandre aus einem bloßen Squashspiel eine testosterongetriebene Auseinandersetzung um die berufliche Zukunft machen. Das Manko des Films ist, dass er seine Rolle als Lehrstück überbetont. Die Dialoge bleiben trotz guter Schauspieler oft hölzern und die Charaktere eindimensional. Deshalb funktioniert er nicht als Satire, sondern führt etwas vor, was der Zuschauer schon längst verstanden hat: Wenn einer um jeden Preis gewinnen will, verlieren alle anderen und der Gewinner seine Menschlichkeit.

18.10.07 11:46

Ran an die Arbeit

„Work! Don’t Work“ - 2. Filmfestival Münster

Ist das Unternehmen ein Haifischbecken, in dem bis aufs Blut um Positionen und Macht gekämpft wird? Wie tragisch ist das Los Tausender namenloser Menschen, die im Sog des Swissair-Niedergangs nicht nur Haus und Job verlieren, sondern auch den Glauben an ihr Musterland, die Schweiz? „Work! Don’t Work!“ heißt der Titel des europäischen Spielfilmwettbewerbs beim diesjährigen Filmfestival Münster (17.-21. Oktober). Acht Werke – vom Thriller über Musikfilm bis zum Sozialdrama – zeigen alle Aspekte von Arbeit – auch Liebe und Freundschaft, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit und zeichnen sich durch ihre künstlerische Originalität aus. Der Regiepreis ist mit 10.000 Euro dotiert. Das komplette Programm des 12. Filmfestivals Münster ist unter: http://www.filmfestival-muenster.de abrufbar.

Im deutschsprachigen Kurzfilmwettbewerb, dem Klassiker und Publikumsliebling des Festivals, zeigen junge Filmemacher und Filmemacherinnen ihre Arbeiten, die an Filmhochschulen oder unabhängig davon entstanden. 52 Kurzfilme – von der charmanten Fingerübung bis zur poetischen Dokumentation von Filmpreisträgern wie Rainer Komers – konkurrieren um den mit 5.000 Euro dotierten Großen Preis der Filmwerkstatt, gestiftet von der Grimm & Partner Unternehmens- und Wirtschaftsberatung, den Förderpreis des WDR Studio Münster in Höhe von 2.500 Euro und den Publikumspreis (1.000 Euro), gestiftet von den Münsterschen Filmtheater Betrieben. Inspiriert durch das Thema Arbeit wurde erstmalig eine Schülerjury aus den Abgangsklassen der Haupt- und Realschulen in Münster eingeladen, die aus den Schulvorführungen einen Preis für den besten Kurzfilm über Arbeitslust und -frust verleiht.

Einmalig in Deutschland ist die Sektion „Filmspiegel“ mit den aktuellsten und herausragenden Produktionen aller Genres aus den Niederlanden, die eine einzigartige Handschrift haben.

Im Rahmenprogramm zeigt ein kurzer Gang durch die Spielfilmgeschichte die wahren „Helden und Heldinnen der Arbeit“ – wie immer ist es ein Genuss, mit Filmwissenschaftler Dr. Hans Gerhold den Bogen von „Kuhle Wampe“ (D 1932) über „Karbid und Sauerampfer“ (DDR 1963) bis zu Kaurismäkis „Mann ohne Vergangenheit“ (SF 2002) zu schlagen.

Die Reihe „Münster Connection“ ist den Filmschaffenden der Region – vom begabten Amateur bis zum alten Profi – aus dem Umfeld der Filmwerkstatt, der Kunstakademie oder der FH Design gewidmet. In diesem Rahmen ist auch ein Preview des neuen Films von Peter Lilienthal zu sehen, der in Co-Produktion mit der Filmwerkstatt entstand: „Camilo – Der lange Weg zum Ungehorsam“ ist eine engagierte Dokumentation über den ersten offiziellen Deserteur des zweiten Irakkriegs.

17.02.07 21:28

This Is Not A Pop Song

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”Scott Walker: 30 Century Man” von Stephen Kijak (Panorama)

Scott Walker ist ein musicians’ musician. Von Musikerkollegen, besonders in England, wird er fast kultisch verehrt. Diese Verehrung brachte den Stein ins Rollen, der Stephen Kijak seinen Dokumentarfilm ermöglichte. David Bowie, der den Film mit produziert hat, Johnny Marr, Jarvis Cocker, Brian Eno, Radiohead, Alison Goldfrapp und unzählige andere sprachen vor dem Kamera über Walkers Musik. So ließ sich schließlich sogar Walker selbst überreden, sich für den Film interviewen zu lassen. Mehr noch: Kijak hatte die Möglichkeit, bei den Aufnahmen des 2006er Albums „The Drift“ zu filmen. Es entstand das Portrait eines Musikers, der abseits von allen musikalischen und erst recht kommerziellen Strömungen seine kreative Energien in Musik umsetzt, die nichts mehr mit Pop zu tun hat, sondern zeitgenössische Musik im Wortsinn ist.

Unter seinem richtigen Namen Scott Engel war der Musiker, der sich später Scott Walker nannte, Ende der 50er Jahre ein Teenstar in den USA. Von 1965 bis 1967 hatte er mit den „Walker Brothers“ eine Reihe von Hits in England und Europa (Make It Easy on Yourself, The Sun Ain’t Gonna Shine Any More). Dann folgten in schneller Folge Soloalben, mit denen Walker vor allem als Interpret von Cover-Versionen Erfolg hatte. Seine Stimme, er ist der einzige Sänger der Popgeschichte, der sich mit Roy Orbison messen kann, ist dabei sein größtes Kapital. Für sein Album „Scott 4“ (1969) schreibt er alle Songs und verfolgt seine eigene konzeptionelle künstlerische Vision. Das Album wird ein Flop. Auch aufgrund des Drucks der Plattenfirma, nimmt er bis 1974 noch vier Alben mit Cover-Versionen auf. Danach folgt die Reunion der Walker Brothers, die drei Alben aufnehmen. Nach dem letzten Walker Brothers Album von 1977 verstummt der Musiker Scott Walker für sieben Jahre. Das Album „Climate of Hunter“ (1984) gilt heute als Platte des Übergangs auf der Entwicklung hin zu avantgardistischer Musik.

Das nächste Album von Walker erscheint erst 1995: Das experimentelle „Tilt“. Im Interview sagt Walker, dass er das Album eigentlich gar nicht veröffentlichen wollte. „Tilt“ ist viel zu avantgardistisch, um kommerziell erfolgreich zu sein, für Kritiker und Musikerkollegen ist es eine Offenbarung. Walker singt mit seiner Baritonstimme nicht wirklich zu Songs im eigentlichen Sinne, Soundscapes ist ein besserer Begriff. Selbst Producer Peter Walsh beschreibt das Album als „verstörend“. Walker singt assoziative Texte, die abgrundtief dunkle Stimmungen ausdrücken. Der „All Music Guide“ beschreibt es als „utterly divorced from even the outer limits of rock reality“. Sound-Guru Brian Eno sagt im Film “es ist fast peinlich, er hat sich mit einem einzigen Geniestreich an die Spitze der kreativen Avantgarde gesetzt.“ Die Statements der anderen Musiker in Kijaks Film lassen sich mit dem Satz zusammenfassen: „es ist nicht zu verstehen, aber fantastisch.“

Danach gab es wieder eine 11-jährige Pause bis zu „The Drifter“. Die Dokumentation zeigt exemplarisch an den Aufnahmen zum 2006er-Album, wie Walker arbeitet. Dabei wird deutlich: Walker sucht nach dem richtigen Sound und scheut dabei den ungewöhnlichen Weg nicht. Ein fast mannshoher Holzwürfel wird gebaut und im Studio als Percussionsinstrument genutzt, ein Musiker bearbeitet eine Rinderhälfte mit bloßen Fäusten. Peter Walsh berichtet davon, wie er monatelang nach den richtigen Eselsrufen gesucht hat. Gleichzeitig nutzt Walker ein klassisches Orchester, denen er im Dienste des ungewöhnlichen Klangs alles abverlangt. Walkers Anweisungen sind klar, er achtet auf das Detail und hat sichtlich Spaß im Studio. Etwas, das man von dem als introvertiert und schwierig geltenden Musiker gar nicht erwartet hätte. Die Ergebnisse sind ungewöhnliche Klangwelten, die trotzdem nicht unzugänglich sind. Der NME schreibt: „His voice is fluttering like a dove over a blackened landscape.”

Der Film ist so spannend wie Walkers Musik. Stephen Hijak ist die Spannung gelungen, weil er eben diese Musik so ausführlich zu Gehör bringt. Hervorragend ist sein Kunstgriff, die Musik mit extra für den Film produzierten grafischen Animationen zu hinterlegen. Sehr geschickt nutzt er auch die Testimonials der zahlreichen Stars, gerade weil er dieses Mittel nicht bis zur Ermüdung einsetzt, wie es häufig in Dokumentationen vorkommt. Die Begeisterung von Bowie, Albarn & Co. überträgt sich und macht neugierig auf die gleichzeitig minimalistische und komplexen Alben Walkers. Darüber hinaus bekommt man eine Idee in den kreativen Prozess, auch wenn Scott Walker selbst etwas ratlos ist. Darüber spreche er nicht gerne, weil er abergläubisch sei: „You have to feel the phenomenon of words and music coming out of silence.“ Das Schönste an “30 Century Man” ist der Blick, den man auf den Künstler werfen kann: Scott Walker ist eben kein ausgebrannter Kultstar, der mit seiner Stellung jenseits des Mainstreams kokettiert und sich in der Bewunderung der Anderen sonnt. Er ist ein Künstler, dessen Interesse allein der Ausschöpfung der eigenen Fähigkeiten gilt – frei von allen Zwängen – und dabei ist er gerade auf einem Höhepunkt angekommen.

Panorama-Publikumspreis an "Blindsight" von Lucy Walker

Den Panorama-Publikumspreis des Jahres 2007 hat der britische Film "Blindsight" von Lucy Walker gewonnen. Die Kritik zum Film finden Sie hier: "Blindsight"

16.02.07 12:20

Überkitsch in Lederslips

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“300“ von Zack Snyder (Wettbewerb a.K.)

Es begab sich im Jahr 480 v. Chr. an den Thermopylen einem Engpass zwischen dem Meer und den Trachinischen Felsen in Mittelgriechenland: Im griechischen Bündnis war es zu schweren Zerwürfnissen gekommen, wie man sich gegen die vorrückenden Truppen des mächtigen Perserkönigs Xerxes I verteidigen solle ... blah, blah, blah ... Das ist alles völlig wurscht. Wer es genau wissen will, soll sein Geschichtsbuch aus der 7. oder 8. Klasse rauskramen. Also: Leonidas ist so’n richtiger Spartaner, ein echt harter Knochen und der Xerxes kommt da irgendwo aus Asien daher und will Stress machen. Das geht natürlich gar nicht, weil erstens ist er ein Barbar und überhaupt. Leonidas denkt sich also eine ganz listigen Plan aus, um Xerxes’ Übermacht an dem Engpass gepflegt wegzumetzeln. Über die Schlacht hat Frank Miller einen Comic gezeichnet und Zack Snyder hat aus dem Comic einen Film gemacht.

Wie gesagt, Leonidas ist ein richtiger Mann nicht so ein Weicheikönig mit Krone und Thron, sondern ein richtiger Kämpfer. Wie alle Spartanerkrieger trägt er einen roten Umhang so lässig über die Schulter gelegt, dass man seine tollen Bizeps und seine Super-Bauchmuskeln sehen kann. Erstaunlicherweise sind die Spartaner ansonsten nur mit sexy Lederslips und Sandalen bekleidet. Deshalb kichern die beiden jungen Damen hinter mir wohl auch ständig ganz wuschig. Das Kichern hört allerdings auf, als die ersten abgetrennten Körperteile durch die Gegend fliegen. Wozu ein bisschen Filmgewalt doch gut sein kann. Überhaupt ist viel lustiger, dass die Schauspieler sprechen, als seien sie ein Ensemble der Royal Shakespeare Company nach dem achten Pint.

Xerxes dagegen ist eine circa 2 Meter 10 große Tunte mit einem Faible für Piercings und einer ganz tiefen Stimme. Mächtig ist er schon, denn er hat eine riesige Flotte und ein Megaheer aus Persien mitgebracht. Herodot phantasiert von fünf Millionen, die im Film wie drei Fantastilliarden aussehen und in Wirklichkeit wohl etwa 170.000 Mann gewesen sind. Auch egal, Zack Snyder kann so jedenfalls sehr schöne Schlachtenbilder auf die Leinwand zaubern. Anders als in „Sin City“ sind die Figuren nicht verfremdet, sondern real gefilmt. Grandios ist das Panorama drum herum. Snyder muss sich sehr viele Hieronymus Bosch-Gemälde angesehen haben, seine Produktionsfirma heißt nicht umsonst „Cruel and Unusual Films“. Wenn die Spartaner zum Beispiel die Leichen der Feinde zu einer meterhohen Mauer aufschichten, ist das sehr eindrucksvoll.

Optisch reizvoll ist auch, dass die Perser ein Mutantenheer mitgebracht haben. 3-Meter-Riesen und andere Freaks, die fürchterlich entstellt sind und brüllend auf die Spartaner eindreschen. Zum Glück kann man sie relativ leicht mit der Lanze durchstechen oder mit dem Schwert in Stücke hauen. Hinzu kommen ein dinosaurerartiges Nashorn und Riesenelefanten, die für Unterhaltung auf dem Schlachtfeld sorgen, aber an dem Engpass relativ nutzlos sind und prompt wie so viele andere Feinde in die heißen Quellen hinabstürzen.

Das größte Problem der Spartaner ist, dass sie nur 300 sind und die arkadischen Hilfstruppen in ihren sado-maso-mäßigen Lederoutfits nicht besonders gut kämpfen können. Trotzdem mähen sie die immer wieder anstürmenden Persertruppen sehr einfallsreich nieder. Denn genau darum geht es in dem Film: Was kann man mit einer Lanze oder einem Schwert anfangen, um den Gegner möglichst ohne Umweg in die ewigen Jagdgründe zu befördern? Das Blut fließt und spritzt dabei aufgrund der dunkel-erdigen Farbästhetik in für das Auge angenehm zurückgenommenem rostrot. Dazu dröhnt ein wahlweise wagnerianischer, metallicaesker oder vangelisianischer Soundtrack, über den Leonidas ab und zu irgendetwas von Ehre und Vaterland brüllt. Mehr Kitsch geht nicht.

Alles was es noch an Handlung gibt, ist zu vernachlässigen. Die Intrigen der Politiker in Sparta, die keine Verstärkung schicken wollen, weil irgendwelche dusseligen Götter dagegen sind, gibt immerhin Leonidas’ Frau Gorgo die Gelegenheit zu zeigen, dass auch spartanische Frauen nicht ohne sind: Mit flammenden Worten ruft sie den Rat an, zusätzliche Truppen zu schicken und verschafft dann dem Verräter Theron eine sehr gesundheitsschädliche Begegnung mit ihrem Schwert. Am Ende fallen Leonidas und seine 300 aufgrund des Verrats des Ephialtes, der den Geheimfad im Rücken der Spartaner dem Feind preisgibt. Aber sie fallen natürlich in Erde und Würde und belohnt mit dem ewigen Ruhm der Geschichte.

Und jetzt? Wer ruft als erster das böse F-Wort? Ist das nicht total faschistisch, gewaltverherrlichend, fremdenfeindlich, jugendverrohend ... blah-blah-blah ... Wer den Film ernst nimmt, ist selbst Schuld. Im „International“ ham wir uns amüsiert wie Bolle.

Díc hospés Spartae nos té hic vidísse iacéntes, dúm sanctís patriae légibus óbsequimúr.

14.02.07 18:40

Wer Nikki A sagt, muss auch Nikki B sagen

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"a.k.a. Nikki S. Lee" von Nikki S. Lee (Forum)

Die südkoreanische Fotokünstlerin Nikki S. Lee ist eine Meisterin im Spiel mit Identitäten. In ihren inszenierten Bildern übernimmt sie immer andere Rollen. Für ihren Film „a.k.a. Nikki S. Lee“ nimmt sie zwei grundsätzliche Identitäten an: Die der introvertierten „Nikki A“, die am liebsten allein in ihrer Wohnung liest oder sich um Ausstellungsdetails kümmert oder ernsthafte kunsttheoretische Diskussionen führt und die der jetsettenden „Nikki B“, die die Kunstwelt bereist, um Sammler zu treffen, neue Aktionen zu planen und den Kunstbetrieb am Laufen zu halten. Bei dieser Konstellation von einer Dokumentation zu sprechen wäre sicher naiv, dennoch gibt der Film Einblicke in das anstrengende Künstlerleben zwischen Kunst und Business.

Nikki S. Lee wäre nicht Nikki S. Lee, wenn sie das Unterfangen des Dokumentieren nicht gleich zu Beginn ad absurdum führen würde. „Jetzt bin ich allein in meinem Hotelzimmer, weil ich auf Reisen gerne allein in meinem Hotelzimmer bin. Aber natürlich bin ich nicht allein, weil der Kameramann immer dabei ist“, erklärt sie. Der Zuschauer verbringt mit der Künstlerin eine interessante Zeit, vom Gewöhnlichen – Nikki A kauft in Frankfurt einen Fön – bis zum Extravaganten – Nikki B auf einer völlig dekadenten Party bei der Biennale in Venedig.

Ein Paradox fällt schnell auf: Egal ob Nikki A oder Nikki B - die Künstlerin wirkt immer ganz natürlich, obwohl oder gerade weil sie sich inszeniert, ist nicht zu entscheiden. Das könnte aber auch daran liegen, dass sie häufig unter Galeristen, Kuratoren und privaten Sammlern ist. Gerade letztere sind so offensichtlich überspannt und prätentiös, dass man meinen könnte, Kunst habe negative Auswirkungen auf die Hirndurchblutung.

Kurios sind die Einblicke in Nikki S. Lees künstlerische Arbeit. Ein Höhepunkt ist ein Fotoprojekt, für das Nikki in die Rolle einer jüdischen Braut schlüpft. Hier kann man sehen wie komplex und detailreich die Inszenierungen sind, die sie für ihre Kunst nutzt. Am Ende des Films hat man über die „echte“ Nikki S. Lee sicher nichts erfahren, denn die gibt es für das Publikum nicht. Aber man hat gesehen, wie hart das Kunstgeschäft ist, in dem es eine hervorragende Idee ist, seine eigene Künstlerpersönlichkeit durch das Schlüpfen in eine Rolle zu schützen. Ansonsten verliert man zwischen den Hysterikern der Kunstwelt wahrscheinlich den Verstand.

Das gewalttätige Folkhemmet

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“När Mörkret Faller“ von Anders Nilsson (Panorama)

Es gibt viele Formen von Gewalt: Die Ohrfeige, den Faustschlag ins Gesicht, eine Frau mit dem Kopf gegen die Wand zu schlagen, den Schuss, die eigene Tochter auf der dunklen Landstraße vor einen fahrenden LKW hetzen zu lassen. Der schwedische Regisseur Anders Nilsson zeigt in seinem Film „Bei Einbruch der Dunkelheit“ („När Mörkret Faller“) alle diese Formen der Gewalt und noch einige mehr. Der Film erzählt drei parallele Geschichten, in denen Menschen der Gewalt ausgeliefert sind, gegen die Recht und Gesetz nur wenig Schutz bieten. „Bei Einbruch der Dunkelheit“ ist ein düsterer Sozialkommentar, den Nilsson als Krimi inszeniert.

Im Mittelpunkt einer der drei Geschichten stehen die beiden Mädchen Leyla und Nina. Sie wachsen in einer Einwandererfamilie auf, die in einer anonymen schwedischen Vorstadt wohnt. Nina ist 19, Leyla wenig jünger. Die Familie verdächtigt Nina, sich mit Jungs zu treffen. Die Situation eskaliert, als Nina bei einer Familienfeier eine SMS und etwas später die Nachricht eines Jungen auf der Mailbox erhält. Für die Familie ist es eindeutig: Nina ist eine „Hure“. Schläge sind nur die erste Reaktion. Wenig später versuchen der Vater und andere männliche Verwandte sie zum Selbstmord zu zwingen. Nina und Leyla können sich in ihrem Zimmer verbarrikadieren, von wo Nina aus dem Fenster flieht. Nina wendet sich an die schwedischen Sozialbehörden und wird in einer sicheren Wohnung untergebracht.

Doch nicht nur für Einwanderer ist familiäre Gewalt ein Problem, sie grassiert auch in der Oberschicht des sonst so sozialbewussten schwedischen Folkhemmet. Carina, eine der erfolgreichsten Journalisten des Landes, wird seit Jahren von ihrem krankhaft eifersüchtigen Mann geschlagen. Als sie einen Journalistenpreis erhält, gerät er völlig außer Kontrolle, weil er seinen eigenen Beitrag zum Erfolg nicht ausreichend gewürdigt sieht. Er demütigt und schlägt sie jetzt sogar vor den Kindern. Carina ruft die Polizei und klagt ihren eigenen Mann an.

Nina hält unterdessen die Einsamkeit in der staatlichen Wohnung nicht mehr aus. Sie nimmt zu Leyla und dann auch zu ihrer Mutter Kontakt auf. Plötzlich ist eine Lösung da: Nina soll heiraten, einen Mann aus der Heimat, den sie noch nie gesehen hat. Sie willigt ein. Die Familie fährt nach Deutschland. Dort führt die Sippe bei einem Zwischenstop einen mörderischen Plan aus: Auf der vielbefahrenen Landstraße unweit des Motels hetzen Onkel und Cousins die junge Frau solange in der Dunkelheit hin und her, bis sie von einem LKW überfahren wird. So ist die „Familienehre“ gerettet. Für die Polizei ist es ein Unfall, die Leiche wird in die Heimat gebracht. Einige Zeit später liest der Vater der Familie am Frühstückstisch ein angebliches ärztliches Attest vor. Das Ergebnis: Nina sei keine Jungfrau mehr gewesen, deshalb hätten alle richtig gehandelt.

Nur Leyla wehrt sich gegen die Lüge. Sie hat den Mord beobachtet und geht zur Polizei, die die Ermittlungen aufnimmt. Auch Leyla wird von den Behörden in einem sicheren Appartement untergebracht. Aber auch sie nimmt wieder Kontakt zu ihrer Mutter auf. Als sie sich heimlich mit ihr in einem Kaffee trifft, wird ihr auf einmal schwindlig. Kurz bevor sie ohnmächtig wird, wird ihr klar, dass ihre Mutter ihr Schlafmittel gegeben hat und genauso in den Mordplan eingeweiht war. Auch Leyla wird nach Deutschland verfrachtet, aber in letztem Moment von ihren Brüdern gerettet. Die hatten unter den Familientraditionen auch zu leiden: Wenn sich die Schwestern nicht „anständig“ verhalten, werden sie dafür verantwortlich gemacht. Schließlich werden die am Mord beteiligten verhaftet. Leyla muss jetzt auf eigenen Füßen stehen, ihrer Geschwister kommen in Pflegefamilien.

Die Journalistin Carina ist in einer wesentlich besseren Situation, um sich zu wehren. Sie entschließt sich nicht nur sich von ihrem Mann zu trennen, sondern auch Gewalt gegen Frauen zu einem öffentlichen Thema zu machen. Dabei erhält sie außer von ihrer Schwester und ihrer Schwiegermutter nur wenig Unterstützung, Ihre Redaktionskollegen fragen sich, ob sie an ihrer Situation nicht doch selbst Schuld ist. Carina lässt sich nicht abschrecken. Sie hat das Angebot bekommen, für das europäische Parlament zu kandidieren und macht ihre Gewalterfahrung mit Erfolg zum Wahlkampfthema.

In einem dritten Handlungsstrang, der überflüssig wirkt, geht es um den Fall eines Restaurantbesitzers und des Türstehers, die rein zufällig in das Visier von Kriminellen geraten. Diese Story funktioniert schlicht nicht. Formal dient sie dazu, einen Krimiplot als Rahmen zur Verfügung zu stellen, der oberflächliche Spannung und noch einige Actionsequenzen liefert. Das ist schade, weil in den beiden anderen Geschichten genug Spannung liegt. Offensichtlich hat Anders Nilsson, der in den vergangenen Jahren eine in Schweden sehr erfolgreich Thriller-Trilogie gemacht hat, in die beiden familiären Geschichten nicht genug Vertrauen gehabt.

Das Fazit von „Bei Einbruch der Dunkelheit“ fällt zwiespältig aus. Zwei der drei Geschichten sind dramaturgisch hervorragend und emotional sehr eindringlich. Problematisch sind allerdings die vielen Gewaltszenen. Gewalt ist abstoßend und sollte auch so dargestellt werden. Deshalb ist eine realistische Darstellung von Gewalt notwendig, wenn Gewalt ein Teil der gesellschaftlichen Realität ist. Trotzdem bleibt fraglich, ob die Fülle der Gewaltszenen der Intention des Filmes nützt. Nach mehr als zwei Stunden geht man mit einer Menge Wut im Bauch aus dem Kino. Wut behindert bekanntlich das Denken und das vernünftige Handeln – und das ist zur Verhinderung von Gewalt eben unverzichtbar.

13.02.07 18:49

Ein glückliches Leben ist möglich aber unwahrscheinlich

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„AlleAlle“ von Pepe Planitzer (Perspektive Deutsches Kino)

Für Hajo Domühl (Milan Peschel) läuft es nicht. Er ist ein Säufer, macht gerade mit seiner Gerüstbaufirma pleite und jetzt sitzt er volltrunken in seinem Wagen auf der Landstraße irgendwo im gottverlassenen Brandenburg und die Karre verreckt. Auf einmal ein Wunder: Die alte Mühle fährt wieder, allerdings nur durch Muskelkraft bewegt. Hagen (Eberhard Kirchberg) schiebt. Hagen ist ein Baum von einem Kerl. Hagen schiebt Domühl wie ein Berseker über fünf Kilometer, was auch damit zu tun hat, dass Hagen geistigbehindert ist. Am Nachmittag hat in das Heim losgeschickt, er soll jetzt bei seinem Onkel wohnen. Doch den findet Hagen nicht, stattdessen landet er mit seiner Käfigmaus in Domühls versiffter Wohnung mitten im Nichts in südlich von Berlin.

Domühl ist nicht gerade sympathisch. Ein echter Spinner, der im Suff dummes Zeug erzählt und vor allem über Ina (Marie Gruber) nachdenkt, die gerade aus dem Knast kommt und jetzt in der Wohnung über ihm wohnt. Die Ina will er klarmachen, wie er Hagen erzählt. Und man hat den Eindruck, dass er Hagen vor allem deshalb bei sich hausen lässt, weil er ihn ohne Unterbrechung volltexten kann, ohne dass der widerspricht.

Ina dagegen fühlt sich einsam und vom Aufschneider Domühl abgestoßen. Das seltsame Trio (oder Quartett, wenn man die Maus mitzählt) lebt ziemlich hoffnungslos in dem fast abbruchreifen Haus. Doch langsam ändern sich die Dinge. Domühl übernimmt auf seine nölige Art Verantwortung für Hagen, auch wenn er ihn eigentlich loszuwerden versucht. Ina findet einen Job im örtlichen Schnapsladen und verliebt sich in Domühl, nachdem der ihr mit Blumen für 170 Euro und einen selbstgebastelten Holzschiffchen auf etwas verquere Weise den Hof macht. Denn Domühl ist ein verkrachter Romantiker, der die gesamte ehemalige russische Kaserne „Altes Lager“ geerbt hat. Die hatte sein Vater in einem Anfall von Größenwahn für 1 Mark erstanden, bevor er besoffen auf dem Gerüst erfror. Nun sitzt Domühl auf der völlig wertlosen Liegenschaft und baut dort riesige Holzmodelle von Autos, Schiffen oder dem Fernsehturm für Spielplätze.

Trotzdem sieht auf einmal alles etwas besser aus. Die, die fast am Ende sind, stützen einander und retten durch ihre gegenseitige Hilfe ihren letzten Rest von Würde und Hoffnung. Dann droht das endgültige Aus: Die Bank dreht Domühl den Geldhahn zu, Ina muss wegen der Auseinandersetzung in einer Kneipe wieder in den Knast und Hagen, dessen Onkel sich inzwischen mit dem ersten Pflegegeld ins Ausland abgesetzt hat, spült in einem Anfall verzweifelter Solidarität, weil Domühl ja auch alles verloren hat, seine Maus im Klo herunter.

Regisseur Pepe Planitzers Drehbuch basiert auf dem Theaterstück „Burnout“ von Oliver Bukowski. Ihm ist eine Adaption gelungen, die ohne jede Effekte den Schauspielern Raum für eine manchmal bedrückend realistische Darstellung gibt. Die emotionale Beziehung der Figuren trägt den Film. Eberhard Kirchberg hat den Part des Hagen bereits auf der Bühne übernommen. Der Kontrast seines wortlosen Spiels zu dem am Rande der Verzweiflung brabbelnden Peschel und der tieftraurigen aber kämpferischen Marie Gruber als Ina macht „AlleAlle“ zu einem großen kleinen Film. Das bestätigte auch der minutenlange Beifall nach der Aufführung am Dienstag.
„AlleAlle“ hat eine emotionale Tiefe, die den meisten Filme auch mit riesigem Aufwand nicht gelingt. Die verzweifelte Situation der Charaktere wirkt realistisch, obwohl sie fast absurd ist. Am Ende macht die Dramaturgie wieder eine Kurve zum Guten. Doch der Zuschauer spürt, dass diese Hoffnung trügerisch ist. Wenn nur noch die einander stützen, die schon am Boden liegen, ist das eine sehr wackelige Angelegenheit. Ein glückliches Leben ist möglich aber unwahrscheinlich.

Ein unglaublich schlechter, sehenswerter Film

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“Andy Warhol: A Documentary Film” von Ric Burns

Ric Burns hat einen Dokumentarfilm gedreht. Dabei hat er das Kleine Ein-Mal-Eins des Dokumentarfilmdrehens bis zum letzten Komma befolgt. Sein vierstündiger Film erzählt das Leben Andy Warhols streng chronologisch. Verwandte, Zeitzeugen, Kunstkritiker und Kuratoren kommen zu Wort. In einem ausführlichen Voiceover wird das Leben Warhols erzählend vorangetrieben, dazu tönt ohne Pause einschmeichelnde Musik. Es ist ein Desaster. Das Allerschlimmste: Obwohl die Dokumentation ein Desaster ist, guckt man sie zwanghaft bis zum Ende, weil das Thema Warhol so faszinierend ist.

Warum Ric Burns zu den oben beschriebenen völlig verstaubten dramaturgischen und ästhetischen Mitteln gegriffen hat, um einen Mann zu beschreiben, der das künstlerische Arbeiten und die Wahrnehmung von Kunst – und das gilt auch für den Film – im 20. Jahrhundert revolutioniert hat, ist völlig rätselhaft. Die Erzählstimme aus dem Off stammt von der Künstlerin Laurie Anderson. Sie spricht schwülstige Texte mit soviel Pathos, dass es selbst Guido Knopp peinlich wäre. Ähnlich ist es mit wörtlichen Warhol-Zitaten, die von Jeff Koons gesprochen werden. Dieses Pathos wird durch die nie endende Hintergrundmusik ins Schmerzhafte gesteigert. Besonders schlimm wird es ,wenn Ausschnitte aus Warhols Filmen, die ursprünglich nicht vertont waren, mit Musik hinterlegt werden. Neben diesen handwerklichen Unzulänglichkeiten, stößt die lineare Erzählweise besonders auf. Warhol hat als Künstler immer wieder mit Gesetzen des Kunstbetriebes und den Grenzen der Wahrnehmung gespielt, was einen innovativeren Umgang mit filmischen Mitteln doch geradezu herausfordert, vor allem wenn man das Interesse des Publikums vier Stunden lang wach halten will.

Zu Ric Burns Entlastung kann man vermutlich anführen, dass der Film für eine mehrteilige Fernsehdokumentation gedreht worden ist. Dieser Eindruck drängt sich jedenfalls auf. Positiv ist außerdem zu verbuchen, dass der Film ein großes Gewicht auf die Kunst Warhols und nicht nur auf die Person Warhol legt. Darüber hinaus hat Burns interessante Gesprächspartner, insbesondere den Warhol-Kurator der ersten Stunde Irving Blum, den Kunstkritiker Dave Hickey und das Factory-Faktotum Billy Names. Die Statements geben viele interessante Anknüpfungspunkte zum Nachdenken über den Künstler Warhol, wiederholen sich aber auch manchmal und sind in der Fülle erdrückend.

Letztlich ist es nur der Person Andy Warhols zu verdanken, wenn der Zuschauer bei dieser Dokumentation nicht schon nach kurzer Zeit aufgibt. Belohnt wird dies mit einer Fülle von interessantem Archivmaterial. Burns ist es nicht gelungen, dem Thema Andy Warhol ästhetisch gerecht zu werden. Aus einem unerhörten Rechercheaufwand und einem erheblichen Zeitbudget holt der Regisseur so nur wenig Ertrag. Der Zuschauer kann hinterher darüber sinnieren, was alles möglich gewesen wäre.

12.02.07 18:25

Vaterland oder Familie

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"The Good Sheperd" von Robert De Niro (Wettbewerb)

„The Good Sheperd“, die zweite Regiearbeit von Robert De Niro ist kein Agententhriller. Nach „A Bronx Tale“ hat De Niro erneut ein Familienepos gedreht. Er erzählt die Geschichte von Edward Wilson (Matt Damon), der in den Sechziger Jahren für die Abteilung der Gegenspionage der CIA arbeitet und bei der gescheiterten Schweinebucht-Invasion im April 1961 ein Fiasko erlebt. Das Leben von Wilson, seine Entwicklung vom idealistischen Studenten der Literaturwissenschaft an der Elite-Universität Yale zum Aufsteiger in der US-Geheimdienstbürokratie im und nach dem Zweiten Weltkrieg ist das eigentliche Drama. Dabei geht es um große Themen wie Patriotismus vs. persönliches Glück, Loyalität vs. Verrat und ob Geheimdienste eigentlich moralisch handeln können.

De Niro beginnt seinen Film kurz vor der Schweinebucht-Episode. Da ist Edward Wilson bereits eine wichtige Figur in der CIA. Das bemerkt der Außenstehende nicht. In seiner Rolle schleicht Matt Damon durch Washington, als würde er die gesamten Weltprobleme auf seinen Schultern tragen. Er könnte ein Buchhalter in einer beliebigen Firma sein, aber er arbeitet mit Information und Desinformation, führt Agenten und ist eine wichtige Schaltstelle in der Welt der Spionage, die die Nichteingeweihten immer für so glamourös halten.

In vielen Rückblenden zeigt uns De Niro einen ganz anderen Wilson, der sensibel ist, sich für Lyrik interessiert und ein brillanter Student ist. Aber schon als Kind hat seine Biographie einen dunklen Schatten bekommen. Sein Vater, der eigentlich Staatssekretär im Verteidigungsministerium werden sollte, bringt sich um. Der kleine Junge Edward findet die Leiche und wird schon da zum Geheimnisträger. Er nimmt den Abschiedsbrief des Vaters an sich und lässt ihn für Jahrzehnte ungeöffnet.

Das Leben des jungen Studenten wendet sich, als er 1939 in die geheime, elitäre Studentenverbindung Skull & Bones eintritt. Was ihn daran fasziniert, sind die hehren Grundsätze von Bruderschaft und absoluter Loyalität. So knüpft er sich eng an die konservative politische Elite des Landes. In diesem Geheimbund, der angeblich 1832 in Yale gegründet wurde und um den sich hunderte Verschwörungstheorien ranken – die Männer der Familie Bush sollen dort in der dritten Generation Mitglieder sein – wird der Nachwuchs für wichtige politische Posten rekrutiert. Edward Wilson gerät so in den Umkreis der CIA-Vorgängerorganisation Office of Strategic Services (OSS). Die Mitgliedschaft in Skull & Bones wird auch sein Privatleben für immer verändern. Edwards, der in die Studentin Laura verliebt ist, wird auf einer Verbindungsfeier von Margaret Russell (Angelina Jolie) der Schwester seines besten Freundes verführt. Der Sex bleibt nicht ohne Folgen: Margaret ist schwanger und kurz danach ist Wilson Schwiegersohn in einer einflussreichen Senatorenfamilie. Am Tag der Hochzeit entscheidet sich der Bräutigam für die Geheimdienstkarriere, wird in das Londoner Büro versetzt und geht nach dem Krieg nach Berlin.

Wilson hat klare Prioritäten gesetzt: Vaterland vor Familie. So verpasst nicht nur die Geburt, sondern auch die ersten Lebensjahre seines Sohnes Edward Jr., ein Versäumnis, das ihn einholen wird. Auch als er nach Amerika zurückkehrt, schließt er seine aus seinem Leben aus. Er macht nicht nur aus seinem Beruf ein Geheimnis, sondern bleibt für Frau und Kind ein Rätsel. Er beruhigt sich damit, dass er nur so für die Sicherheit seines Landes, seiner Agenten und seiner Familie sorgen kann - ein gefährlicher Selbstbetrug. De Niro macht durch die mehrfachen Rückblenden die fast krankhafte Veränderung Wilsons besonders deutlich. Matt Damon spielt den Studenten Edward Wilson als prinzipientreuen Romantiker. Der erwachsene Wilson dagegen ist unter dem Druck seiner Geheimnisse zu einem emotionslosen Bürokraten geworden, der gleichzeitig bedrohlich wirkt – er ist für Mord und Folter verantwortlich – und verloren – er hat seine Träume für immer begraben.

De Niro entwickelt seine Geschichte langsam mit vielen Details. Der Film ist in seiner Dramaturgie fast rührend altmodisch, so wie auch die Agenten auf beiden Seiten auf uns wirken. In seiner Weise ist der Film so übersichtlich, wie es der Kalte Krieg vermeintlich war: Hier die Guten, dort die Bösen. Den Mangel an Tempo und – seltsam bei einer bei einer Agentengeschichte – auch an Spannung machen die Schauspieler wett. Matt Damon agiert minimalistisch, Angelina Jolie als Gegenpol furios, emotional und vor allem verdammt gut aussehend. Die eigentlichen Trümpfe sind die unglaublich guten Nebendarsteller: In größeren Rollen William Hurt, John Turturro, Michael Gambon, die Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Herausragend spielt Eddie Redmayne als der bereits erwachsene Sohn Eward Wilson Jr. Jede Wette, der erst 25-jährige Brite ist in ein paar Jahren ein Star.

De Niros genaue Art des Erzählens muss man mögen, sonst wird man sich langweilen. Sicher, die Geschichte steuert mit etwas viel Pathos auf den tragischen Moment zu, als sogar Wilsons mittlerweile erwachsener Sohn Edward Jr. in die Geheimdienstintrigen hineingezogen wird. Auch steht De Niro, wie schon in „A Bronx Tale“, sehr im Banne von Coppola und Scorsese, wenn man Art der Inszenierung und die Symbolik betrachtet – eine wichtige Verhandlung Wilsons mit einem KGB-Offizier findet bei einem klassischen Chorkonzert von Edward Jr. statt. „The Good Sheperd“ liefert das Sittenbild einer Familie, verknüpft mit der Beschreibung der Pathologie eines Männerbundes - klassisches Kino eben, was zumindest beim amerikanischen Publikum nicht ankam. Das mag auch daran liegen, dass der Film deutlich macht: Das mit den Guten und den Bösen war auch im Kalten Krieg nicht so einfach.

Geheimagent am Wannsee: Robert De Niro spricht mit Volker Schlöndorff

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Wer genau zugehört hat, weiß es jetzt: Robert De Niro ist im Grunde seines Wesens ein Geheimagent. „Geheimagenten“, sagt De Niro in seinem 50-minütigen Gespräch mit Volker Schlöndorff am gestrigen Sonntag in der American Academy, „Geheimagenten erzählen Dir nichts, wovon sie nicht wollen, dass Du es erfährst.“ So hält es auch De Niro selbst, wenn es um seinen Beruf oder sein Leben geht. Das war der Grund dafür, warum des Gespräch Schlöndorff-De Niro eher ein Schlöndorff-Monolog mit kurzen De Niro Einwürfen war. Eine Tatsache, über die sich Matt Damon königlich amüsierte, der während des Gesprächs quasi auf der Ersatzbank Platz nahm und für einige Kurzeinsätze eingewechselt wurde.

Schlöndorff wollte mit De Niro nicht nur über dessen Wettbewerbsfilm „The Good Sheperd“ sprechen, sondern auch über das große Ganze – das Filmemachen, das Wesen der Schauspielkunst und biographische Hintergründe. Das gelang natürlich nicht. De Niro antwortete meist knapp und gab irgendwelchen Mythen über die Schauspielerei und das Regieführen wenig Nahrung. Was die Aufgabe eines Schauspielers sei? „He has to serve a director’s vision.“ Ein Schauspieler könne eigene Vorschläge mache, wenn er im Prozess sei, sich die Rolle anzueignen. „I like to listen to everybody, but during filming don’t beat it to death by discussing. In the end you have to do it.” Genauso einfach beschrieb De Niro die Hauptaufgabe des Regisseurs. „On the set you have to move things along“ und – Jungregisseure aufgepasst – “keep the camera rolling, you never know what you get.” Matt Damon bestätigte ebenfalls die einfachen Rezepte: „I just followed his [De Niros] orders“.
Natürlich hat De Niro einiges an Recherchearbeit für den Film geleistet, so wie auch die Schauspieler. Darunter waren auch Gespräche mit ehemaligen CIA-Mitarbeitern. Aber das, was man dort erfährt – siehe das Eingangszitat – ist eben schwer einzuschätzen. Ohnehin, so De Niro, habe ihn die Dimension des Familiendramas im Drehbuch, das Melodram, am meisten interessiert. Das Politische oder die Bewertung der Arbeit der CIA rückt dagegen in den Hintergrund. „I don’t like to take a position, I want to tell a story“, erklärte De Niro. Den Kalte Krieg als Thema finde er „terrifying and fascinating“. Wenn es nach ihm geht, will er noch zwei weitere Filme über diese Zeit machen und die Geschichte bis zum Fall der Mauer und darüber hinaus erzählen.

Dann versuchte Schlöndorff einen Ausflug ins Private. Ob De Niro in seiner denn eher ein „street kid“ gewesen sei oder eher das Leben eines Bohemians geführt habe? Die Antwort, die nicht nur bei Matt Damon ein Lacherfolg war : „Beides.“ Ein kleine Berlin-Anekdote ließ sich De Niro immerhin entlocken: 1964 habe er sich kurz mit Erwin Piscator getroffen, habe sich dann aber mit dem Segen des ehemaligen Leiters des Schauspielkurses an der „New School“ keine Vorstellung angesehen, weil er zu einem Rendezvous musste.

Nach Gesprächsende konnten dann noch alle einen Blick aus größerer Nähe auf De Niro und Damon werfen. Auch die zuvor in den Nebenraum verbannten Zuhörer waren inzwischen freigelassen worden. Die Fotografen knipsten wie wild Bruno Ganz an der Seite von De Niro, Matt Damon mit Martina Gedeck usw, während Rezzo Schlauch etwas zu schmollen schien, weil ihn überhaupt niemand knipste, nicht mal die vielen Amateurfotografen mit ihren Handys.

Warten auf Bob: Ein Stummfilm

Ist das Hollywood? Die Aufregung in der American Academy ist jedenfalls immens. Robert De Niro hat sich zum Plausch mit dem Academy-Gründungsmitglied Volker Schlöndorff angesagt. Also strömen die Aufgeregten, denen es noch gelungen eine Einladung zu ergattern. An der Anmeldung habe ich eine gelbes Kärtchen mit Schachbrettmuster erhalten, das mich leider in den Nebenraum mit Leinwand verbannt. Gut, De Niro auf der Leinwand ist ja nichts Schlechtes. Mit im Nebenraum eine ganze Rotte der schreibenden Zunft und etliche Zeitgenossen, die, wie ich messerscharf aus ihren Outfits folgere – schwarzer Anzug mit schwarzem Hemd oder schwarzem Rolli – Filmschaffende oder sonst wie Kreative sein müssen. Und richtig, Sie reden über Filmverleih, „haste die Gedeck gesehen“ und über ihre „neuen Projekte“. Sie sehen super aus, haben sich aber nicht wirklich was zu sagen.

Es ist kurz nach halb zehn. Wir warten. Dann werden die Kameras im Nebenraum eingeschaltet und auf der Leinwand beginnt ein Stummfilm. Die Hauptdarsteller: Ein Podium, zwei Ledersessel, diverse Fotografen und Statisten. Als Hintergrund der Wannsee in Schneelandschaft. Na dann gucken wir mal Film, ist ja schließlich Berlinale. Die Fotografen fotografieren die leeren Sessel und drängeln immer wieder hektisch aneinander vorbei. Einer pult sich mit dem linken Zeigefinger im linken Ohr und steckt den Finger dann nachdenklich in den Mund. Das ist zwar kein großes Kino, aber irgendwie auch spannend. Plötzlich läuft Otto Schily durch’s Bild. Er lacht. Das hat man bei Otto Schily noch nie gesehen. Dann gibt es sogar Ton. Der Direktor der American Academy, Gary Smith, erklärt um zehn vor zehn, dass „Bob“ wegen des Wetters 20 Minuten später kommt.

Der Stummfilm geht weiter. Die Fotografen lümmeln sich jetzt in den Ledersesseln herum. Otto Schily läuft durch’s Bild und lacht immer noch. Auch im Nebenraum gibt es jetzt Getränke und Häppchen. Die Stimmung steigt. Auf einmal kommt Volker Schlöndorff in seiner patentierten Volker-Schlöndorff-Lederjacke herein. Er macht einen verwirrten Eindruck. Da ich in meinem Anzug, mit einem weißen Hemd und Krawatte NICHT aussehe, wie ein Filmschaffender oder Kreativer, fragt er mich „ob ich weiß, wie das hier läuft.“ Das weiß ich natürlich auch nicht so genau. Ich äußere die Vermutung, dass er im großen Hauptraum erwartet wird und zeige auf die Leinwand mit den leeren Sesseln. Das leuchtet ihm ein. Er bedankt sich und verschwindet.
Nach einigen Minuten wird es auf der Leinwand hektisch: Ein Mann mit so einem Knopf im Ohr scheucht die Fotografen von den Sesseln und blickt einige Minuten sorgenvoll und regungslos direkt in die Kamera. Dann auf einmal anschwellendes Gemurmel, erster Beifall und Blitzlichtgewitter. Wir sehen Robert de Niro von hinten. Matt Damon ist auch da. Volker Schlöndorff und De Niro setzen sich. Der Stummfilm ist zu Ende.

09.02.07 22:51

Wenn es nur um's Überleben geht

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"Killer of Sheep" von Charles Burnett (Forum)

Bevor der Film auf der Leinwand läuft, läuft schon ein Film im Kopf ab. Dieser Film im Kopf kommt mit wenigen Infos aus und bewegt sich in erschreckend stereotypen Bahnen. Wenn also das Berlinale Heftchen schreibt, dass Charles Burnetts „Killer of Sheep“ aus dem Jahr 1977 „aus dem schwarzen Milieu von Los Angeles erzählt“, wird im Kopf ein Blaxploitation-Video mit coolen Brothers und fiesen Cops eingeworfen oder als Alternative das Sozialdrama komplett mit Unterdrückung, Ausbeutung und dem heroischen Kampf gegen die soziale Marginalisierung. Burnett hat vor 30 Jahren etwas völlig anderes gemacht: Er hat einen stillen, einfühlsamen Film gedreht, der in einem quasi-dokumentatorischen Stil das Leben eines Schlachthofarbeiters, seiner Familie und seiner Freunde in Alltagsszenen erzählt. Als Special Screening eröffnete der Film, der vor 26 Jahren schon einmal auf der Berlinale lief, in diesem Jahr das Forum.

Der Film beginnt mit einer Moralpredigt eines Vaters für seinen vielleicht 10-jährigen Sohn: „Du sollst Deinen Bruder nicht, schlagen, denn Dein Bruder ist in der Not, der einzige der Dich verteidigt.“ Die Ohrfeige gibt es danach von der Mutter noch gratis dazu. Zusammenhalt und Solidarität sind die Werte, an die der Vater appelliert. Doch das Leben der Familien, die in einer der ärmsten Gegenden Los Angeles’ leben, wird von anderen Faktoren bestimmt – vom ständigen Geldmangel und der puren Erschöpfung durch das Bemühen unter schwierigen Bedingungen irgendwie über die Runden zu kommen.

Charles Burnett, der damals die UCLA Film School besuchte, drehte seinen Abschlussfilm fast ausschließlich mit Laiendarstellern aus seinem privaten Umfeld in Watts. Einziger professioneller Schauspieler war Henry G. Sanders (später viele Fernsehrollen in den USA), der die Hauptfigur spielt, den Schlachthofarbeiter Stan. Vor allem wegen dieser Rahmenbedingungen drehte Burnett vor allem am Wochenende und natürlich mit geringen Produktionsmitteln auf 16mm. (Der Film wurde im Jahr 2000 restauriert und auf 35mm kopiert.) Trotzdem wirkt der Film nicht amateurhaft. Ganz im Gegenteil – von Burnett selbst in schwarz-weiß gefilmt, verfügt der „Killer of Sheep“ über eine Authentizität, die sich nicht im quasi-dokumentarischen Stil erschöpft, sondern vor allem auf der Persönlichkeit und Präsenz der Darsteller beruht. Hier sind es die kleinen Gesten, die das vermitteln, was das Leben der Menschen im Armenviertel ausmacht. Wenn Stans Frau leise feststellt, dass er seit Monaten nicht mehr gelächelt hat oder wenn die Kinder vor allem mit Steinen und Schutt spielen.
Charles Burnett verzichtet auf einen herkömmlichen Plot, arbeitete aber mit einem Drehbuch und nur wenig mit Improvisation . Es sind kleine Episoden aus Stans Leben, die für das Leben der gesamten Community stehen. Stan der für 15 Dollar einen alten Automotor kauft, der dann leider vom fast Schrott reifen Pick Up fällt. Stan, dessen Familienausflug auf die Rennbahn schief geht, weil der Wagen seines Freundes einen Platten hat und Stan, der ein dubioses Angebot von zwei Kleingaunern ablehnt. Dazwischen immer wieder kurze Szenen aus dem Schlachthof.

Burnett machte nach dem Film deutlich, dass er vor allem die Werte der dort gezeigten community filmisch darstellen wollte – deshalb auch die wichtige Funktion der beschrieben Eingangsszene. Diese Leute seien trotz ihrer schwierigen sozialen Situation eben nicht radikal gewesen. „That’s why I couldn’t be a spokesperson, the people should speak for themselves.“ Das gelingt dem Film außerordentlich eindrucksvoll. Die Stimmung kann man am besten als trotzig-resignativ beschreiben. Das Ziel ist nicht aus diesen Verhältnissen hinauszukommen – denn diese Chance ist verschwindend gering – sondern mit Würde und Anstand zu überleben. Und genau das ist für die Protagonisten der Kern eines gelingenden Lebens, ganz ohne Heroismus und Kitsch. Ein Geniestreich ist Charles Burnett mit der Musik im Film gelungen. Die Musik bricht das Stilmittel des quasi-dokumentatorischen, ohne das Maß an Authentizität zu verringern. Sie wirkt nicht nur als Verstärker der Bildwirkung, sondern schafft eine emotionale Ebene, die die Botschaft der Films unterstreicht. Die Szene, die den Tanz von Stan und seiner Frau zu Dinah Washingtons „The Bitter Earth“ zeigt, gehört zum Traurigsten, was ich je auf einer Leinwand gesehen habe.

„Killer of Sheep“ wurde nach seiner Fertigstellung 1977 fast nie öffentlich gezeigt. Erst 1981 lief er auf der Berlinale, wo er den Kritikerpreis des Forums gewann und dann auch auf anderen Festivals. Das, so Burnett heute, verschaffte dem Black Independent Film eine Plattform. 1990 wurde der Film als einer der ersten 50 Filme in die National Film Registry aufgenommen und 2002 von der National Society of Film Critics zu einem der „100 Essential Films“ gewählt. Die restaurierte Fassung ist auch in den USA wieder in Einzelaufführungen zu sehen. Auch 30 Jahre nach „Killer of Sheep“ bleibt Burnett angesichts der Wirkung des Independent Black Cinema skeptisch: In Hollywood bleibe man nach wie vor lieber bei den Stereotypen von „Cops and Robbers“ und „Crime, Drugs, and Violence“, wenn es um das Leben in Vierteln wie Watts gehe.

Planet Hyatt: Schreien und blechen

Der leicht hysterische Berlinale-Irrsinn - wir sind cool, kreativ, tragen seltsame Brillen und reden alle in einer Art hyperrealer babylonischer Sprachverwirrung durcheinander - kommt auch 2007 in der Lobby des Hyatt wieder zur vollen Entfaltung. Die Langhaarige im Sessel gegenüber textet mit etwa 103 Dezibel in einer vermutlich osteuropäischen Sprache auf ihren Begleiter ein, während die drei asiatischen Herren am Nebentisch nicht minder laut dafür aber in einem deutlich höheren Frequenzbereich miteinander kommunizieren. Akustisch erinnert die Lobby an eine Viehauktion. Dann bricht die Langhaarige jäh ab. Hat Sie die Stimme verloren? Nein. Sie hat festgestellt, dass ihr Latte Macchiato 6 Euro kostet.

26.01.07 15:12

"Politisch relevante Filme sind nach wie vor ein Schwerpunkt"

Interview mit dem Leiter des Forums, Christoph Terhechte

Das „Internationales Forum des Jungen Films“, kurz Forum genannt, hat sich von einem aus Protest gegründeten Gegenfestival zu der Plattform der Berlinale gewandelt, auf denen Filmemacher Werke vorstellen können, die thematisch und in der Form über das konventionelle Kino hinausgehen. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um erzählende oder dokumentarische Formate handelt. Dass das Ungewöhnliche auch erfolgreich sein kann, hat das Forum als Startrampe für ambitionierte Regisseure immer wieder bewiesen. Dafür stehen Namen wie Aki Kaurismäki, Wong Kar-Wai oder auch Michael Moore. Jüngstes Beispiel ist der Dokumentarfilm „My Country, My Country“ von Laura Poitras, der 2006 im Forum lief und jetzt für den Oscar nominiert wurde.

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Christoph Terhechte sitzt seit zehn Jahren im Auswahlkomitee des Forums und ist seit 2001 Leiter der Berlinalesektion. ::festivalblog sprach mit ihm über die Entwicklung des Forums, den Auswahlprozess und das Programm des Forums 2007.

Was bedeutet das Etikett „junger Film“ heutzutage für das Forum?

Vor zwei Jahren hat die „Berliner Zeitung“ geschrieben: Jugend war im Forum noch nie eine Frage des Alters. Wir sind nicht das Forum der jungen Filmemacher, es geht um Formen und Ausdrücke, die man als jung bezeichnen kann. Aber das ist sicherlich ein etwas antiquierter Begriff, der mehr Sinn ergeben hat zur Zeit der Gründung des Forums, als das Festival ziemlich altehrwürdigen Charakter hatte. Dagegen musste etwas Junges gesetzt werden. Heutzutage verwenden wir das „jung“ gar nicht mehr – Internationales Forum des jungen Films, bevor man das ausgesprochen hat, hat man ja schon den ersten Film gesehen. Aber der Geist, der dahinter steckt, ist natürlich immer noch der gleiche. Es geht darum, den so genannten Mainstream zu konfrontieren mit Themen und Formen, die nicht so starr und festgefahren, also alt, sind.

Wie findet eigentlich der Auswahlprozess zwischen den einzelnen Sektionen der Berlinale statt? Schlagen Sie sich manchmal um Filme?

Nein, das ist heute nicht mehr so. Früher, zur Zeit von Moritz de Hadeln und Ulrich Gregor, gab es tatsächlich zwei Auswahlprozesse, wo der eine vom anderen nicht wusste, was er ausgewählt hatte. Ich erinnere mich beispielsweise, dass de Hadeln sich mal beschwerte, das Forum habe ja in Japan schon all die guten Filme eingeladen, und es wären für ihn keine mehr übrig. Wenn man dann früher da war, war es eben so. Aber es ist heute ganz anders, wir sprechen uns ab, und es gibt ja auch Vorstellungen davon, was wo am besten aufgehoben ist. Selbstverständlich gibt es Filme, die in den verschiedenen Sektionen überall ihren Platz finden könnten. Es gibt Filme, die erst ins Panorama oder Forum eingeladen werden, und dann in den Wettbewerb „upgegradet“ werden. Die letzten beiden Goldenen Bären waren Forums-Entdeckungen und wurden ursprünglich ins Forum eingeladen – Grbavica und der südafrikanische Carmen-Film. Das freut uns aber auch, wenn unsere Arbeit auf diese Weise Früchte trägt.

Bewerben sich Filmemacher auf eine bestimmte Sektion?

Einige ja, einige machen aber auch ihr Kreuzchen überall und versuchen es bei allen Sektionen. Wir sind eigentlich immer ganz erfreut, wenn die Leute wissen, wo sie hinwollen und sich Gedanken darüber gemacht haben, in welche Sektion ihr Film am besten passt.

Wie viele Filmemacher bewerben sich denn fürs Forum?

In diesem Jahr waren es weit über 1.000 Filme, so dass man einen ausgeklügelten Auswahlprozess in Gang setzen muss, weil man natürlich nicht alle 1.000 Filme mit dem Auswahlkomitee sehen kann. Jeder Film wird erst einmal von ein oder zwei Personen gesichtet, dann weiterempfohlen, noch einmal von zwei Personen angeschaut, und erst am Ende ist dann die Runde, bei der das Auswahlkomiteesich den Film gemeinsam ansieht.

Wie viele Filme laufen in diesem Jahr im Forum?

Wir haben 39 Filme ausgewählt, davon hat einer Überlänge, sodass es 40 Vorführplätze sind, die wir belegen. Dann gibt es Sondervorführungen, wie etwa den Guy Maddin Film und „Killer of Sheep“ von Charles Burnett, der schon 1981 im Forum lief und jetzt in einer neuen Kopie zu sehen ist. Für den Bollywoodfilm „Don“ haben wir auch schon unglaublich viele Anfragen von Leuten, die wissen möchten, wann der Film läuft, weil sie extra dafür von weit her anreisen möchten. Oder der Frederick Wiseman Film, den wir erst sehr spät aufgenommen haben, weil er doch eine große Herausforderung für unsere Übersetzerin der Untertitel darstellt: Das ist ein Film, in dem von vorne bis hinten geredet wird, der Film ist vier Stunden lang, das ergibt etwa 4.000 Untertitel.

Weshalb wurde das Forum-Programm von ehemals über 90 Filmen auf etwa 40 Filme reduziert?

Ich habe irgendwann gesagt, es ist zuviel, nachdem ich gemerkt habe, dass ich es noch nicht einmal schaffe, mit jedem der eingeladenen Regisseure ein anständiges Gespräch zu führen. Da habe ich gesagt, das kann nicht sein. Man lädt die Leute hier ein, man macht sich unheimlich viel Mühe, man möchte jedem Film und Filmemacher gerecht werden. Dann muss man eben die Zahl der Filme reduzieren, um sich für jeden einzelnen richtig einsetzen zu können. Unsere Gäste haben ein Recht darauf, mit dem Auswahlkomiteee zu sprechen, und hier als Gäste zu stehen und nicht nur in den großen Topf geschmissen zu werden und durchs Festival zu irren. Ich glaube, das gefällt den Gästen auch an der Berlinale, dass sie doch viel persönlicher ist als die anderen großen Festivals.

50 Prozent der Forum-Filme 2006 sind ins deutsche Kino gekommen.

Ja, das ist ein schöner Erfolg. Dazu tragen natürlich auch die Freunde der deutschen Kinemathek bei, die einen Teil der Filme ins Kino bringen. Aber es gibt auch eine steigende Anzahl von meist kleineren Verleihern, die Forum-Filme in ihre Kinos aufnehmen. Und das ist toll. Das Forum ist für mich eben nicht nur eine Veranstaltung, die zehn Tage lang Filme feiert und dann vorbei ist, sondern ein Bestandteil der Filmkultur in diesem Land. Da ist die Zusammenarbeit mit den Freunden der deutschen Kinemathek entscheidend, aber auch mit den kleinen Verleihern und kommunalen Kinos, die an mehr als nur ans Geldverdienen denken.

Kann man eine Entwicklung aufzeigen, was die Breitenwirkung des Forums angeht?

Ja, es gibt eine positive Entwicklung, und die hat viel damit zu tun, dass wir uns auf weniger Filme konzentrieren und uns stark für diese einsetzen, und dass wir auch an die Zusammenarbeit mit dem Markt denken, dass wir die Kontakte zu Einkäufern und Verkäufern intensivieren. Das Forum ist eben nicht der Elfenbeinturm, den viele Leute auch immer wieder darin gesehen haben. Das beweist auch: Es gibt ein Publikum für diese Filme über das Festival hinaus.

Dieses Publikum ist über die Jahre hinweg sicher auch mit gewachsen.

Das Publikum wächst ständig mit. Die Filme, die wir zeigen, hielt man lange Zeit für nicht verleihbar. Jede Vorführung, die im Arsenal oder im Delphi ausverkauft ist und Standing Ovations erhält, beweist, dass es auch für die sogenannten schwierigen Filme ein Publikum gibt.

Von dem ehemaligen Protestcharakter des Forums ist allerdings nicht mehr viel geblieben.

Natürlich protestieren wir gemeinsam mit den Filmemachern gegen die Zustände in der Welt, die diese Filme beschreiben. Wir sind nach wie vor solidarisch mit politischen Bewegungen, mit denen die Filme verknüpft sind. Aber das Forum selber will nicht gegen die Berlinale protestieren, wie es vielleicht mal gewesen ist. Wir wollen auch nicht Bannerträger sein für eine bestimmte Art der Filmkultur. Es ist die praktische Arbeit, die wir machen, die etwas bewegt und nicht die große Geste.

Es gibt mehrere Regisseure, die immer wieder ins Forum eingeladen wurden – etwa Aki Kaurismäki oder früher Wong Kar-wai – das ist sehr schön, aber schafft das nicht auch gewisse Voransprüche?

Schauen Sie sich das aktuelle Programm an. Für jeden Filmemacher, der wieder bei uns im Programm ist, müssen wir mindestens zehn dieser alten Freunde vor den Kopf stoßen, weil wir ihnen absagen mussten. Wenn wir Erbhöfe pflegen würden, müssten wir 400 Filme zeigen und nicht 40. Unsere Arbeit besteht ständig auch daraus, Leute zu enttäuschen und ihnen zu sagen, diesmal nicht.

Viele Länder, aus denen Forum-Filme kommen, haben mit Zensur und politischer Unterdrückung zu kämpfen. Wie gehen Sie damit um?

Das ist ein wichtiger Aspekt. Wo wir aber immer vorsichtig sind, sind diese engagierten Filme, die sich oft sehr gut und intelligent mit einem Thema beschäftigen, aber überhaupt keine filmische Form dafür finden. Da sind wir eigentlich ziemlich erbarmungslos und sagen, wichtig für uns ist, dass dabei ein interessanter Film rauskommt und nicht die schiere Beschäftigung mit einem Thema. Andererseits haben wir Filme wie den belgischen Beitrag „Le Cercle des noyés“, in dem die Leidengeschichte der schwarzen Opposition in Mauretanien erzählt wird – das ist filmisch in eine derart konsequente Form gebracht und so genau ohne jede Ablenkung erzählt, dass er mit diesem historischen Thema mehr Wirkung erzielt, als jeder engagierte Film zum Thema Darfur, den wir beispielsweise in diesem Jahr gesehen haben. Aber politisch relevante Filme sind natürlich nach wie vor ein Schwerpunkt für uns.

Wie kam die Entscheidung zustande, eine Okamoto Kihachi-Retrospektive zu machen?

Die Idee kommt aus Tokyo, von der Leiterin des Tokyo FilmEx Festival, mit der wir schon lange eng verbunden sind. Kihachi ist einer der ganz großen und bedeutenden Regisseure in Japan. Seine Filme sind aber in Europa zum großen Teil noch gar nicht gezeigt worden. Kihachis Witwe und Produzentin wird mit 25 Leuten seines Stabes anreisen und das Programm begleiten. Filmhistorisch ist das eine große Entdeckung hier für uns.

Das Interview führten Tiziana Zugaro-Merimi und Steffen Wagner.


19.02.06 23:20

Pat Garrett & Billy the Kid von Sam Peckinpah

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Pat Garrett hat drei Wünsche: Er will alt und grau und reich werden. Dafür ist er zur falschen Zeit am falschen Ort. Das New Mexico Territory um 1880 bietet sich nicht für eine beschauliche Verrentung an. Außerdem hat Pat Garrett ein Problem: Er hat die Seiten gewechselt und ist vom Outlaw zum Sheriff geworden. Dafür verachtet ihn nicht nur sein alter Freund Billy the Kid, sondern sogar seine eigene Frau. Im Auftrag des Gouverneurs macht sich und der Großgrundbesitzer macht sich Garrett (James Coburn zeigt, dass auch der Vollstrecker des Systems cool aussehen kann) auf die Suche nach Billy the Kid (Kris Kristofferson mit Babyspeck). Am Ende hat sich der Outlaw quasi-selbstmörderisch in die Kugeln des Gesetzeshüters gestürzt. Garrett verzweifelt trotzdem an dem erfolgreich ausgeführten Auftrag und reitet allein in den Sonnenaufgang.

Sam Peckinpah inszeniert ein elegisches Drama in einer Zeit, in der der „Wilde Westen“ schon fast untergegangen ist. Die neue Ordnung des Gesetzes will sich zum Vorteil von Wenigen etablieren und ist dabei im Einsatz ihrer Mittel nicht wählerisch. Die alten Haudegen des Westens taumeln währenddessen leicht irritiert hin und her von der einen Seite des Gesetzes auf die andere. Sie haben alle bessere Zeiten gesehen. Als verlotterte Gestalten driften sie durch Elendskäffer. Die alten Regeln funktionieren auch nicht mehr. Im Duell hält sich Alamosa Bill (inzwischen zum Deputy Sheriff aufgestiegen) nicht an die ehernen Regeln und versucht den verfrühten Schuss. Pech gehabt, dass Billy damit gerechnet hat und ihm zuvor kommt.

Billy the Kid will seine Freiheit als Outlaw behalten und bläst freundlich lächelnd, als eine Art Hippie mit einem stark gestörten Verhältnis zur Gewaltlosigkeit, Hähnen und alten Freunden den Kopf weg, wenn er nicht gerade Frauen beglückt. Pat Garrett glaubt auch nicht so recht an das Gesetz und will dem ehemaligen Freund die Möglichkeit zur Flucht nach Mexiko geben. Kid aber will lieber nach seinen eigenen Regeln frei sein. Die Jagd ist eintönig, anstrengend und kostet viele Opfer. Wie die Jagd ist auch der Film: Meist langsam mit langen Einstellungen und schönen Bildern (untermalt von Bob Dylans Soundtrack), wird er immer wieder von Blutbädern unterbrochen.

Schließlich sind fast alle tot. Garrett hat The Kid besiegt. Verloren hat er aber gegen seine eigene Desillusionierung. 30 Jahre später ist dann alles vorbei. 1912 werden mit New Mexico und Arizona die letzten Western Territories zu Bundesstaaten. Recht und Ordnung haben gesiegt.

13.02.06 23:13

Panorama: Leonhard Cohen - I'm your Man von Lian Lunson

In seiner Begrüßung vor dem Film bezeichnete Wim Wenders das Projekt, eine Doku über Leonard Cohen zu drehen, als „toughest assignment in Rock n Roll“. Seiner Kollegin Lian Lunson, die sich an das Wagnis machte, hat eine Mischung aus Konzertfilm – Ausschnitte eines Cohen-Tribute Concert aus Sydney 2005 – und Interviews mit Kanadas Songwriter No 1 und anderen Musikern gedreht. Die Gespräche mit Cohen sind originell und machen neugierig auf mehr, was man von einigen Coverversionen und insbesondere Bono-Monologen nicht behaupten kann. Trotzdem sehenswert, weil das Charisma vom Leonard Cohen die Schwächen wettmacht. Hört Euch seine Musik an (and listen to the words).

„He is famous, his heart is a legend.“
Es ist seine Stimme, genauer gesagt seine Sprechstimme. Keine Ahnung wo Leonard Cohen die herholt. Der Mann könnte wahrscheinlich auch die Beförderungsbestimmungen der BVG vorlesen und man würde ihm begeistert zuhören. Er ist entspannt, souverän und witzig-ironisch, wenn es darum geht den eigenen Legendenstatus zu kommentieren. „There is nothing you can really invest in the realm of how important or significant you are.” In einer der schönsten Szenen liest er ein Vorwort vor, das er selbst für die chinesische Übersetzung seines zweiten Romans „Beautiful Losers“ geschrieben hat, die jetzt 40 Jahre nach der Veröffentlichung des Originals erscheint. Er schreibt: „This book is very difficult, if you take it seriously.“ Dabei ist Cohen einer der wenigen Songwriter, den man als Poet bezeichnen kann, ohne sich lächerlich zu machen – immerhin hatte er schon vier Gedichtbände und zwei Romane geschrieben, bevor er seine erste Platte machte.

Diesem Charisma und dieser Gelassenheit kommt die Technik der Filmerin sehr entgegen. Lian Lunson sagte nach dem Film, dass sie Cohen oft besucht hat: „He is a great cook.“ Die Kamera hatte Sie Kamera zunächst nie mitgebracht. Später entschied sie sich für das Videoformat, damit Sie ohne Crew arbeiten konnte. So kann sie dem Protagonisten im Film auf der persönlichen Ebene begegnen. Diese Gespräche sind die besten Passagen des Films, die durch Super-8-Sequenzen aus Cohens Familienarchiv noch ergänzt werden. Er erzählt über Musik, Frauen, Gott, Zen und das was den Künstler in jungen und alten Jahren so umtreibt. Dazu montiert Lunson immer wieder Aufnahmen von Cohens eigenen Zeichnungen und Illustrationen.

Eher zwiespältig sind die Aufnahmen aus dem Tribute-Concert in Sydney, die immer wieder eingestreut sind. Erstaunlicherweise scheitert Nick Cave an „I’m your man“ und noch dramatischer an „Susanne“, obwohl es schwer zu sagen ist, woran das liegt. Grandios dagegen drei Cover von Rufus Wainwright „Everybody knows“, „Hallelujah“ und „Chelsea Hotel#2“. Gerade „Hallelujah“ mit der wahnwitzigen Mischung aus Ehrfurcht und Lästerei muss man erstmal singen, ohne sich völlig zum Idioten zu machen:

Now I've heard there was a secret chord
That David played, and it pleased the Lord
But you don't really care for music, do you?

Übertroffen wird er nur von Antony mit „If it be your will“. Wie dieser Mann/diese Frau/wasauchimmer singt ist unglaublich. Schön, wahrhaftig, zu Herzen gehend, Rotzundwasser, Taschentuchalarm.

Insgesamt sind die Konzertausschnitte keineswegs schlecht. Sie unterbrechen nur den Erzählfluss des Films. Denn eigentlich würde der Zuschauer gerne mehr Zeit in Gesellschaft von Leonard Cohen verbringen.

Peinlich sind leider die Gespräche mit The Edge und Bono, die wollen Herrn Cohen unbedingt auf das Podest heben, auf dem der sich selbst nicht sieht. Wen interessiert eigentlich, was diese beiden zum Thema Cohen zu sagen haben. Egal. Zum Schluss spielt die U2-Kapelle als Background-Band für den Mann mit der tiefen Stimme „Tower of Song“. Da können sie wenig falsch machen, er singt sie in Grund und Boden:

I said to Hank Williams: how lonely does it get?
Hank Williams hasn't answered yet
But I hear him coughing all night long
A hundred floors above me
In the Tower of Song

So ist es: Und in diesem Turm der Lieder sitzt Bono im Kohlenkeller.

Many, many thanks to Jarkko Arjatsalo and his fantastic Website www.leonardcohenfiles.com

12.02.06 23:14

Gossip: Wim Wenders Schwiegervater heißt Helmut Schmidt

Endlich mal Insider-Infos: Wim Wenders Schwiegervater, der Erzeuger von Donata, heißt Helmut Schmidt. Bis 1980 war er Medizinaldirektor bei der Gesundheitsbehörde (Besoldung A15!). Dann schmiss er hin und lebt nunmehr als Bildhauer in Frankreich. Finanziert hat er den Ausstieg, indem er die Villa seines Opas in Dahlem verkloppte. Seine Alabasterköpfe werden momentan im Küchendesigncenter "Art linea", Uhlandstr. 101A, ausgestellt. All dies blies er vor Aufführung von "Leonhard Cohen - I'm your Man" in meine vor ihm plazierten Ohren und die seines nicht weniger verblüfften Nachbarn. Ich könnte Euch jetzt auch noch seine Telefonnummer nennen. ("Rufen Sie mich an an, wenn Sie wirklich interessiert sind.") Dies aber verbietet das journalistische Ethos.

Gossip: Bargeld auf den billigen Plätzen

Bei der Vorführung von „Leonhard Cohen – I’m your Man“ im Babylon quetschte sich Blixa Bargeld auf die miesen Nackenkrampf-Plätze in Reihe 2. Eine ganze Promireihe war dagegen für Wim Wenders und Anhang genau eine Reihe hinter dem eifrigen Blog-Schreiber Töffe reserviert.

Forum: "Wide Awake" von Alan Berliner

Bilder, Bilder, Bilder! Alan Berliner, Regisseur, Autor, Editor, Produzent und Hauptdarsteller des Dokumentarfilms „Wide Awake“, ist ein Bilderjunkie. Kein Problem, wenn man im Filmbusiness ist, oder? „Oh doch“, versichert Berliner, der „Hellwach“ persönlich vorstellt und nach dem Screening ausführlich kommentiert, denn die Bilder halten ihn rund um die Uhr wach, weil sein nachtaktives Hirn ihn auch im Bett völlig unkontrolliert weiter mit Bildern befeuert. In „Wide Awake“ dokumentiert er seinen Kampf gegen die Schlaflosigkeit, den 24stündigen Wahnsinn von Kreativität und wie man trotzdem oder gerade deswegen einen interessanten und vor allem witzigen Film macht.
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„I make films that use my life”, sagt Alan Berliner. Das kann man wörtlich nehmen. Wer mit ihm verheiratet ist, muss damit leben, hochschwanger um 4:31 morgens gefilmt und versehentlich geweckt zu werden, was Ehefrau Shari bemerkenswert gelassen hinnimmt. Mutter und Schwester werden darüber ausgequetscht, wie denn der kleine Alan als Baby und Kind geschlafen hat, mit diversen Ärzten diskutiert Berliner unter anderem die verschiedenen Techniken das Schäfchenzählens. Wenn das alles wäre, wäre diese Doku nichts Besonderes. Was den Film wirklich spannend macht, ist die Kombination mit Bild- und Szenenmontagen, die das Thema der Schlaflosigkeit in Bilder umsetzen und darüber hinaus davon erzählen, wie der Künstler Alan Berliner funktioniert und was seine Art des Filmemachens auszeichnet. Das ist sehr unterhaltsam, weil es trotz des teilweise experimentellen Umgangs mit Bild und Ton immer authentisch wirkt und jeder mit dem dauermüden Filmemacher mitfühlt, dessen Schlaflosigkeit zugleich Fluch und kreatives Kapital ist

11.02.06 19:43

Auf's Maul... Berlinale-Dialog I

Sonnabend gegen 12:15 Uhr.
Zwei Frauen - etwa Mitte 40 und Mitte 60 -
kommen durch den Seiteneingang in die "Arkaden" am Potsdamer Platz.

Jüngere Frau (glotzt auf Berlinale-Pavillon):
Berlinale? Was'n det?

Ältere Frau: Weeß nich'. Das mit die Skifahrer?

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