BOYHOOD von Richard Linklater

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von Tiziana Zugaro und Steffen Wagner

BOYHOOD von Richard Linklater ist ein einzigartiger Versuch: Die Langzeitbeobachtung einer Familie. Nicht als Dokumentation, das hat es schon öfter gegeben, sondern als Spielfilm. Im Zentrum steht der sechsjährige Mason (Ellar Coltrane). Mit seiner Mutter Olivia (Patricia Arquette) und seiner Schwester Sam (Lorelei Linklater) lebt er in einer Kleinstadt in Texas. Wir lernen Mason als verträumten Jungen kennen, der von seiner älteren Schwester bevormundet wird, sich aber, wenn es sein muss, gut wehren kann. Die Mutter hat sich schon vor längerer Zeit vom Vater Mason sr. (Ethan Hawke) getrennt. Linklater hat den Film über einen Zeitraum von zwölf Jahren mit seinem festen Schauspielerensemble gedreht. Mason und Sam wachsen also auf der Leinwand auf. Die dabei notwendigen Zeitsprünge inszeniert Linklater so geschickt, dass sie nicht als Brüche wahrnehmbar sind. Es entsteht ein Handlungsstrom, der uns über 164 Minuten nicht mehr loslässt.


Zu Beginn des Films kommt der Vater nach längerer Zeit aus Alaska nach Houston zurück – ein großes Ereignis für Mason und Sam. Als er plötzlich in seinem bestens gepflegten alten Sportwagen vor der Haustür steht, ist er für die Kinder der Held. Im Lauf der Jahre wird klar, dass der Vater mehr ist als der Wochenend-Daddy im coolen Sportwagen. Mason sr. baut zu Mason jr. Ein gutes Verhältnis auf und bleibt für beide Geschwister ein wichtiger Fixpunkt.
Das Leben geht weiter und für Mason und Sam ist es so wie für alle Kinder: Die wichtigen Entscheidungen im Leben treffen die Eltern. Die Mutter nimmt ihr Psychologie-Studium wieder auf und schließt es mit Erfolg ab. Außerdem heiratet sie einen Professor und alleinstehenden Vater von zwei Kindern. Einige Zeit geht die Beziehung gut. Die Kinder kommen nach kurzer Eingewöhnung gut miteinander klar. Das Familienleben funktioniert. Dann beginnt der neue Ehemann zu trinken und die Harmonie endet in der Eskalation. Auch der nächste Ehemann macht zunächst einen guten Eindruck, kommt dann aber mit seinem Leben als Kriegsheimkehrer nicht zurecht. Auch er beginnt zu trinken und ist irgendwann aus dem Leben von Olivia und den Kindern verschwunden.

Die Langzeitstudie über das Familienleben zeigt vor allem eines: Ungeplantes und Krisen sind im Leben der Normalfall. Mutter und Mason sr. machen viele Fehler, aber noch mehr richtig. Daraus folgt die zweite wichtige Erkenntnis: Kinder sind glücklicherweise anpassungsfähig und krisenfest. Denn obwohl Mason und Sam schwierige Situation erlebt haben, manövrieren sie ziemlich erfolgreich durch ihr eigenes Leben und ihre eigenen Krisen.

Besonders faszinierend ist, wie Linklater uns ganz nebenbei die Zeitsprünge vermittelt: Anhand der Computergames, die die Kinder spielen, an der Musik, die sie hören, den Frisuren und Klamotten. Irgendwann ist Wahlkampf, und Mason sr. und jr. Verteilen in Texas (!) Obama-Wahlkampfschilder in Vorgärten – und klauen dabei schon mal das eine oder andere McCain-Schild. Allmählich formen sich die Kindergesichter zu denen von Erwachsenen, manche Charaktere machen überraschende Wandlungen durch: Die anfangs wahnsinnig dominante und überdrehte Sam wird zu einem geradezu zurückhaltenden Teenager, während sich bei Mason das Verträumte als Konstante durch seine Kindheit und sein Teenagerleben ziehen wird. Linklater muss ein erstaunliches Gespür für seine jungen Protagonisten an den Tag gelegt haben – denn man hat das Gefühl, dass die Rollen auf eine subtile Weise mit den Schauspielern mitwachsen.

Auch wenn das Hauptaugenmerk auf den Kindern liegt: Auch die Erwachsenen entwickeln sich auf faszinierende Art und Weise weiter. Aus dem jungenhaften Cowboy-Typ Mason sr. wird ein bodenständiger und reflektierter (Zweit-) Familienvater, die am Rande des Existenzminimums herumwerkelnde Olivia wird zur seriösen College-Lehrerin.

Sehr schön fasst Mason sr. zum Schluss seinem Sohn gegenüber seine Sicht auf das Leben und seine Herausforderungen zusammen. Und in diesem Moment spricht aus ihm vermutlich auch Linklater selbst: „Wir wissen nicht genau, was das Leben eigentlich bedeutet, aber wir versuchen, es von Tag zu Tag so gut wie möglich zu meistern.“ Dieser kleinen Patchwork-Familie genau dabei zusehen zu dürfen, ist ein großes Glück.

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Titel

Orignaltitel

Boyhood

Credits

Regisseur

Richard Linklater

Schauspieler

Patricia Arquette

Ellar Coltrane

Ethan Hawke

Lorelei Linklater

Land

Flagge Vereinigte StaatenVereinigte Staaten

Jahr

2013

Dauer

164 min.

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