Berlinale 2016: Interview mit dem Regisseur Omer Fast

REMAINDER im Panorama, CONTINUITY im Forum Expanded

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Der israelische Regisseur Omer Fast.

Der Künstler und Filmemacher Omer Fast stellt bei der Berlinale 2016 zwei Filme vor (Screening-Zeiten). REMAINDER ist die Verfilmung des gleichnamigen Debütromans von Tom McCarthy. Der erste abendfüllende Spielfilm von Omer Fast läuft im Panorama. Außerdem stellt Fast im Forum Expanded eine neue, stark erweiterte Version von CONTINUITY vor. Dieser Film war Teil der documenta (13) im Jahr 2012. In Kassel wurde der Film in einer 41-minütigen Version gezeigt. Die Fassung, die jetzt auf der Berlinale gezeigt wird, ist über 80 Minuten lang. Der Regisseur hat dafür umfangreiches neues Material gedreht. Im Interview mit festivalblog sprach Omer Fast über seine beiden Filme und die Unterschiede zwischen der Kunstwelt und der Filmwelt.

Warum hast Du Dich für das Buch entschieden und wie ist es zu dem Filmprojekt gekommen?
Omer Fast: Ich habe für einen Artikel ein Interview mit dem Schriftsteller und Journalist Gideon Lewis-Kraus gemacht. Er hat mir das Buch empfohlen. Als ich das Buch gelesen hatte, habe ich Tom McCarthy kontaktiert. Wir hatten uns vor ein paar Jahren bei einer Ausstellung kennengelernt, waren aber nicht befreundet. Ich habe ihm erstmal zu dem Buch gratuliert und ihn gefragt, ob ich etwas aus dem Buch für ein Kunstprojekt verwenden könnte oder ob wir etwas zusammen machen können? Er hat mir gesagt, dass die Filmrechte an REMAINDER bereits verkauft seien. Aber das Filmprojekt sei nicht einfach und vielleicht wäre die Produktionsfirma an meiner Mitarbeit interessiert. Und genau so ist es gekommen, obwohl es ursprünglich nicht so geplant war.

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REMAINDER die Geschichte eines namenlosen Mannes

Bezeichnest Du REMAINDER auch als Deinen Debütfilm, wie es in den offiziellen Pressemitteilungen zu lesen ist? Dort wirst Du als Videokünstler bezeichnet, der seinen Debütfilm vorlegt. Aber REMAINDER steht doch in einer Kontinuität zu Deinen vorherigen Filmen wie 5.000 FEET IS THE BEST oder CONTINUITY.
Omer Fast: Meine Arbeit hat zwar ein Publikum, aber eher in der Kunst. Und natürlich ist für die Filmwelt ein First Time Feature Film reizvoll und es stimmt ja auch – es ist der erste lange Spielfilm.

Machst Du überhaupt diesen Unterschied zwischen Videokünstler und Filmemacher?
Omer Fast: Den muss ich machen, weil die beiden Systeme – das System Kunst und das System Independent Film – total unterschiedlich sind. Sie haben unterschiedliche wirtschaftliche Modelle und die Entwicklung des Stoffes und die Verfilmung funktionieren vollkommen anders. Insofern macht diese Differenzierung Sinn.
Meine künstlerischen Arbeiten sind frei. Sie sind auch für Räume konzipiert, in denen das Publikum relativ frei und chaotisch kommt und geht. Das Publikum sieht einen Film vielleicht nicht von Anfang bis Ende. Das beeinflusst auch die Struktur des Films. Kino ist mainstreamiger und REMAINDER ist ein Mainstream-Film. Dafür hat man auch andere filmische Strukturen im Kopf. Man kauft Popcorn und Bier, man setzt sich hin. Es wird dunkel, der Film fängt an und man kennt diese Erfahrung. Das ist in der Kunst ein bisschen anders. Es ist etwas freier, etwas chaotischer, aber die Budgets sind auch kleiner. Im Kino sind die Vorgaben anders als bei einem experimentellerem Film. Zum Beispiel macht es keinen Sinn, in einem Kino mit mehreren Leinwänden zu arbeiten.

Die namenlose Hauptfigur ist ja sehr zentral für REMAINDER. Wie habt Ihr Tom Sturridge als Hauptdarsteller gefunden?
Omer Fast: Der Casting Director hat uns Tom Sturridge empfohlen. Dann haben wir ein paar Leute gesehen und er war auf jeden Fall mein Favorit. Das war für mich von vorneherein klar. Soviel Klarheit hat man selten.

Du hast REMAINDER als Mainstreamfilm bezeichnet, der für ein Mainstream-Publikum gemacht ist.
Omer Fast: In Anführungszeichen (lacht.) Natürlich ist das kein reiner Mainstreamfilm. Wir haben nie darüber nachgedacht, wieviel Leute werden diesen Film sehen?

Als ich den Film gesehen habe, habe ich gedacht: Der ist ganz straight erzählt wie ein Thriller. Ich bin gespannt, ob ein Zuschauer der das Buch nicht kennt, vielleicht einen ganz anderen Eindruck hat und denkt „Das ist ja total abgefahren. Was glaubst Du, wie der Film auf das Kinopublikum wirkt?
Omer Fast: Ich habe überhaupt kein Gefühl dafür. Als Künstler bin ich davon stärker abgekapselt. Man macht die Arbeit, man arbeitet kollaborativ, mit Kameraleuten, mit Schauspielern und man schneidet auch manchmal zusammen mit anderen. Und dann ist da meine arme Frau, die alles mehrmals sehen und sichten muss, ein paar Freunde und Produzenten. Aber ein Gespräch mit einem größeren Kreis hat man während der Arbeit kaum. Nach dem Screening gibt es dann eine Q&A. Und in der Kunst sind die, die dann auf einen zukommen und Fragen stellen auch diejenigen, die die Arbeit kennen. Die Leute kommen auch aus demselben Umfeld.

War für Dich die Erfahrung einen rein fiktiven Stoff zu nehmen und einen Langfilm zu machen sehr neu oder war das nicht anders als das, was Du bisher gemacht hast?
Omer Fast: Das war schon etwas fremd. Ich hatte das Buch, ein tolles Buch, als Vorlage. In meinen anderen Arbeiten mache ich dokumentarische Gespräche mit Menschen. Das ist dann auch eine Art Text. Im Gespräch hat man Möglichkeiten, etwas rauszukitzeln. Daraus ergeben sich Szenen und ein Drehbuch. Insofern weiß ich, wie es ist etwas zu adaptieren. Aber ein Roman und dann die Vorstellung etwas für die Kinowelt zu machen, war neu.

Der Roman ist ja auch etwas Besonderes, weil es sich mit dem Thema Re-Enactment selbst beschäftigt. Die Hauptfigur ist ja eine Art Regisseur, ein manischer Regisseur, der sich um jedes Detail kümmert. Es gibt die Hauptfigur, die sich eine eigene Realität schafft. Es gibt Deine Vorstellung wie Du REMAINDER als Film inszenieren willst und es gibt beim Dreh das Ergebnis, das Du auf dem Monitor siehst. Wie bist Du mit den drei Ebenen umgegangen?
Omer Fast: Wir haben der Hauptfigur zum Beispiel das Wort genommen. Im Buch redet er ohne Ende. Im Film ist er deswegen etwas unschuldiger und auch weniger transparent. Beim Lesen des Buches stellt man sich immer die Frage, inwieweit er die Dinge unter Kontrolle hat. Inwiefern ist er der Puppenmeister?
Im Film wird es klarer, dass er ein Opfer der Umstände ist und dass er kämpft, um die Umstände zu meistern. Als Leser des Buches denkt man auch: „Vielleicht spielt er mit uns ein bisschen."

Mir war die Hauptfigur im Film sympathischer als die im Buch.
Omer Fast: Das kann gut sein. Im Gegensatz zum Buch sieht man im Film einen Körper. Man kann im Buch ganz banale Dinge nicht sehen: Dass er zuckt zum Beispiel, dass er plötzlich einatmet, seine Schwäche. So etwas weckt Sympathie. Weil er im Film sehr wenig redet, werden Mimik und Körpersprache viel wichtiger. Weil er diese Verletzlichkeit hat, hat er mehr Kredit beim Zuschauer, als der eher kühle Erzähler des Buches.

Abstrakt gesagt geht es in dem Buch um die Fragen: Wie funktioniert Erinnerung und wie funktioniert Narration. Das sind auch Themen Deiner künstlerischen Arbeiten.
Omer Fast: Die Hauptfigur hat das Wort am Anfang und am Ende des Films. Das funktioniert für mich wie eine Klammer. Dazwischen durchlebt er mit uns gemeinsam die Erfahrungen.

Du hast vorhin die wirtschaftlichen Unterschiede zwischen der Kunstwelt und der Filmwelt erwähnt, das bedeutet auch Kompromisse rein aus Budgetgründen. Gibt es Dinge, die Du gerne anders gemacht hättest?
Omer Fast: Natürlich. In einer idealen Welt, wäre REMAINDER 12 Stunden lang und einerseits viel detaillierter und andererseits viel abstrakter. Aber ich denke eigentlich bei allen Projekten ständig darüber nach, was ich hätte anders machen können. Nicht umsonst interessiert mich das Thema Re-Enactment. Als Regisseur hat man die Möglichkeit, eine kleine Welt zu inszenieren und sie auch zu einem Neustart zu bringen – to do and to re-do. Das sind wichtige Dinge für mich.

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CONTINUITY - die Geschichte eines Elternpaars, in die Omer Fast nochmal eintaucht

Du hast auch noch einen zweiten Film auf der Berlinale: CONTINUITY, der 2012 eine Arbeit für die documenta (13) in Kassel war, wird als Premiere im Forum Expanded in einer neuen, verlängerten Fassung gezeigt, die etwas mit über 80 Minuten ungefähr doppelt so lang ist.
Omer Fast: Ich habe den Film erweitert. Ein Film ist nie zu Ende. Das Ende ist willkürlich, weil das Geld aufgebraucht ist oder aus anderen Gründen. Die Geschichten laufen bei mir im Kopf immer weiter, ob das REMAINDER, CONTINUITY oder 5.000 FEET IS THE BEST ist. Manchmal kriege ich Anregungen und Ideen und will wieder in eine Arbeit eintauchen.
Bei CONTINUITY wollte ich mit den Eltern weiter auseinandersetzen. Und ich bin sehr glücklich, dass mir das gelungen ist. Ich wollte ihre Welt nochmal besuchen und das ist mir gelungen. Die Geschichte von CONTINUITY ist nochmal komplexer und vielleicht auch ein bisschen verrückter geworden. Wir haben vollkommen neues Material gedreht. Ich habe das Drehbuch von damals genommen, es quasi in Stücke geschnitten und eine zusätzliche Geschichte hinein gewoben, zum Teil mit denselben Charakteren.
Wir haben zusammen gelacht und schon gesagt: Mal gucken, was wir in 20 Jahren mit der Geschichte machen. Vielleicht drehen wir gemeinsam CONTINUITY im Seniorenheim.
CONTINUITY ist mir sehr wichtig. Das war meine erste Regiearbeit, die ich auf deutsch gemacht habe. Und es gibt Themenüberschneidungen mit REMAINDER. Es ist sehr interessant, sie im Kontext zu sehen. Es gibt in beiden Filmen eine Art Trauma. In REMAINDER sieht man, was passiert ist; in CONTINUITY wird es ausgegrenzt. Man sieht nur die Symptome und die Opfer des Traumas und ihre Auseinandersetzung damit. Es sind unterschiedliche Facetten des Themas. Für mich ist CONTINUITY gerade sogar der aktuellere Film, weil ich gerade noch in der Endbearbeitung bin. Mich interessieren Zwischenwelten wie in CONTINUITY. Die möchte ich schaffen. Das ist in der Welt des Kinos eher ein Problem als in der Kunst. Und mit der ersten Version von CONTINUITY war ich noch nicht ganz zufrieden damit, wie die Geschichte der Protagonisten erzählt wird. Die Eltern sind in CONTINUITY genau so in einer Zwischenwelt gefangen wie der Protagonist von REMAINDER. Mir ist es gelungen, aus der Geschichte von CONTINUITY noch mehr herauszuholen und damit bin ich sehr zufrieden.

Das Interview führte Steffen Wagner.


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Berlin, 11.02. - 21.02.2016