27.06.17 14:22

FILMBEST MÜNCHEN: COLUMBUS von Kogonada

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Selten haben Architektur und menschliche Schicksale so beeindruckend zusammen gefunden wie in COLUMBUS von Kogonada.

Jin (John Cho) kommt nach Columbus. Die Stadt hat nur 40.000 Einwohner, aber eine überproportional große Anzahl an bedeutenden Gebäuden von zeitgenössischen Architekten. Jin kommt nicht wegen der Architektur. Sein Vater, ein koreanischer Architekturprofessor, ist zusammengebrochen und hat seitdem sein Bewusstsein nicht wiedererlangt.

Er trifft Casey (Haley Lu Richardson), eine june Bibliotheksangestellte, die sich von den Gebäuden ihrer Stadt stark angezogen fühlt. In den Momenten ihres Zusammenseins finden sie durch die Gebäude in ihre eigene Geschichte.

Columbus ist ästhetisch herausragend. Aber nicht nur das: Kogonada widmet sich seinen Figuren mit großer Einfühlsamkeit. Behutsam, wie ein gute Freund, nähert sich die Kamera Jin und Casey, als ob sie von ihrer Verletzlichkeit wüsste.

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Zu einem außergewöhnlichen Erlebnis wird COLUMBUS insbesondere auch durch John Cho (bekannt durch seine Rolle als Lieutenant Sulu in STAR TREK BEYOND) und Haley Lu Richardson. Ihr Spiel erfüllt den Raum im kleinen Kino der Hochschule für Film und Fernsehen, dass man alles um sich herum vergisst.

Es gibt diesen Moment, wenn man das Kino verlässt, durch eine Zeitschleuse geht und wieder in der eigenen Wirklichkeit ankommt. Bei vielen Filmen ist es wie ein Fingerschnippen. Doch dieses Mal dauert es länger. Etwas bleibt da, in Columbus.

Filmfest München: Galavorstellung Sofia Coppola

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Wenn man sie da vorne sieht, könnte man fast denken, hier steht eine Prinzessin. München bereitet Sofia Coppola einen Empfang, als sei sie die königliche Abgesandte aus einem fernen Märchenland. Vielleicht ist es Coppola auch ein wenig unangenehm. Ihre Worte sagen: "Danke für die Blumen!" Ihre Körpersprache sagt: "Hey, ich bin doch nur eine Künstlerin, die ihr Ding macht."

Dabei ist es schon eine kleine Sensation, dass die Regisseurin nach München gekommen ist. Ihre Filme werden weltweit verehrt. Wie zum Beleg stellt Film-Professorin Michaela Krützen in ihrer Laudatio eine Umfrage unter Studenten in den Mittelpunkt. Welchem Regisseur, welcher Regisseurin sollte die nächste Ausgabe einer Filmzeitschrift gewidmet sein? Sofia Coppola gewann.

Die Laudatio war Teil einer rundum gelungenen Gala. Michael Stadler moderierte mit bekanntem Charm und Witz, Diana Iljine war sympathisch spontan und zu Beginn spielte ein Jazz-Quartett drei Songs aus Coppolas Filmen. Als Coppola später sagte: "I didn't know that Germans can be so funny" durfte man das ruhig als Kompliment verstehen.

Über Coppolas neuesten Film DIE VERFÜHRTEN wurde in der Presse bereits viel im Rahmen von Cannes berichtet. Der Film gewann den Regiepreis. Der sehr nüchterne Stil mag vielleicht nicht jedem gefallen. Für alle, die am Gesamtwerk von Coppola interessiert sind, ist die Neu-Verfilmung des Südstaaten-Dramas natürlich trotzdem ein Muss.

26.06.17 9:48

FILMFEST MÜNCHEN: FLESH AND BLOOD von Marc Webber

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Manche Filmemacher sind wie Wissenschaftler. Sie pirschen sich an die Wirklichkeit heran. Sie experimentieren mit Möglichkeiten von Wahrhaftigkeit. So auch Marc Webber, Regisseur und Hauptdarsteller von FLESH AND BLOOD. Seine Form zu filmen ist schonungslos. Webber liefert sich aus, rückt seine Person, die Menschen, die er liebt und ihn umgeben, in den Mittelpunkt des Filmgeschehens.

Der Film beginnt mit der Gefängnisentlassung von Marc, gespielt von Marc (Webber). Er wird von seiner Mutter Cheri abgeholt. Er zieht wieder zu ihr und seinem 13-jährigen Halb-Bruder Guillermo. Beide sind keine Fiktion. Sie sind Mutter und Bruder von Marc Webber. Marcs langsames Tasten zurück ins raue Leben bietet Anlass für einen genauen Blick auf die Verarmung in Philadelphia. Was ist dabei Wahrheit, was Fiktion? Es lässt sich nur schwer erkennen. Marc Webber lässt beides fließend ineinander übergehen.

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Er zeigt, wie seine Mutter eine Rede für die Kandidatur zur Vize-Präsidentschaft probt. Tatsächlich ist Cheri Honkala 2012 für die Grünen als US-Vize-Präsidentin angetreten. Im Film wie im wahren Leben engagiert sie sich für die Rechte der Obdachlosen.

Als Marc seinem Bruder Guillermo eine Videokamera schenkt, nutzt dieser sie für einen Film im Film. Er lässt Marc, Cheri und seinen drogenabhängigen Vater von ihrem Schicksal erzählen. Aus den Geschichten verbinden sich einzelne Puzzelteile zur Vergangenheit.

Webbers Experiment geht auf ganzer Linie auf. Viele Bilder sind in ihrer Unmittelbarkeit ergreifend. FLESH AND BLODD zeigt das Amerika, in dem Webber aufgewachsen ist: ein Milieu der Vergessenen ohne Perspektive.


24.06.17 16:14

FILMFEST MÜNCHEN: UN BEAU SOLEIL INTÉRIEUR von Claire Denis

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Über die Liebe reden und reden und reden. Und reden und reden und reden. Und reden und reden und reden. Das kann letztlich niemand so gut und schön wie der französischer Autorenfilm. Was will ich in der Liebe? Welcher Partner ist der richtige? Wie ernst ist es meiner Affäre? Was änderst sich, wenn wir miteinander schlafen? Ist dann der Zauber weg? Fragen, die sich einer frustrierte Generation 40+ besonders vehement stellen. Sie hat ja jede Konstellation schon einmal durchlebt, ohne dabei glücklicher zu werden. Juliete Binoche spielt diese Verzweiflung mit Bravour. Das beständige Hinterfragen von Verlangen, Liebe und Sehnsucht treibt sie und ihre Liebhaber an den Rande des Wahnsinns.

Die Regisseurin Claire Denis hat erst mit 40, angefangen eigene Filme zu drehen. Vorher war sie u.a. bei Wim Wenders und Jim Jarmusch Regieassistentin (z.B. für HIMMEL ÜBER BERLIN und DOWN BY LAW). Mit ihrem Erstlingswerk CHOCLOAT (nicht zu verwechseln mit CHOCOLAT von Lasse Hallström) gelang ihr 1988 gleich der Durchbruch. UN BEAU SOLEIL INTÉRIEUR ist nun ihr 13. Spielfilm. Formal und ästhetisch ist der Film zwar ansprechend, aber auch nicht außergewöhnlich. Er ist eine sehr gut Momentaufnahme unserer Zeit und veranschaulicht die Unmöglichkeit, dem Labyrinth von Fragen, in das wir mit der Überantwortung unseres eigenen (Liebes-)Glücks gestoßen wurden, zu entkommen.

23.06.17 13:44

Filmfest München 2017

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Geprüft habe ich es nicht. Aber ich bin mir sicher. Jede Berichterstattung habe ich mit einem Vergleich zwischen dem Münchner Filmfest und der Berlinale begonnen. Dieses Mal soll ein Foto reichen. Es sagt mehr als Worte.

Neben dem Sommer hat #ffmuch aber (wieder einmal) ein sehr gutes Programm. Gestern wurde es mit UN BEAU SOLEIL INTÉRIEUR von Claire Denis eröffnet und auch der neueste Film von Sofia Coppola, DIE VERFÜHRTEN ist mit dabei. Das Filmfest widmet der (darf man das noch sagen?) Jung-Regisseurin eine Retrospektive. Der besondere Clou: Festivalleiterin Diana Iljine hat auch Sofia Coppola selbst nach München geholt. Am Montag wird für Copolla der rote Teppich ausgerollt. Vorher steht sie für FILMAKERS LIVE in der Black Box Rede und Antwort (leider ist der Event schon lange ausverkauft). Fast als Kontrapunkt ist die zweite Retrospektive dem deutschen (das darf man bestimmt auch nicht sagen) Alt-Regisseur Reinhard Hauff gewidmet. Er hat u.a. STAMMHEIM und LINIE 1 aber auch DER MANN AUF DER MAUER mit Marius Müller-Westernhagen gedreht.

Traditionell finden sich weitere Entdeckungen aus Cannes im Programm. Neben UN BEAU SOLEIL INTÉRIEUR und DIE VERFÜHRTEN auch Michael Hanekes HAPPY END, FORTUNATA mit Jasmine Trinca (ausgezeichnet als beste Schauspielerin in der Sektion UN CERTAIN REGARD), CLOSENESS (Preis Filmkritik UN CERTAIN REGARD) und der Cannes Eröffnungsfilm LES FANTÔMES D’ISMAËL mit Charlotte Gainsbourg und Marion Cotillard. Wenn das Wetter mitspielt, dann gibt es was auf die Ohren (ich meine nicht die Bud Spencer Doku SIE NANNTEN IHN SPENCER, die auch gezeigt wird). Unter dem Motto LOUD AND FAMOUS laufen u.a. die Konzertfilme NEIL YOUNG: HEART OF GOLD, ZIGGY STARDUST AND THE SPIDERS FROM MARS und FALCO: DONAUINSEL LIVE. Das Münchner Filmfest im Sommer ist damit herrlich erfrischend wie ein Sprung in den Swimming Pool. Also: "Hinein ins Vergnügen"!

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