15.02.14 19:00

Bären 2014

Goldener Bär für den besten Film

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BAI RI YAN HUO (Black Coal, Thin Ice) von Diao Yinan (festivalblog-Kritik)


Großer Preis der Jury (Silberner Bär)


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THE GRAND BUDAPEST HOTEL von Wes Anderson (festivalblog-Kritik)

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MACONDO von Sudabeh Mortezai

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Ramasan (Ramasan Minkailov) ist elf Jahre alt. Vor sechs Jahren ist er mit seiner Mutter Aminat (Kheda Kazieva) und seinen beiden kleinen Schwestern aus Tschetschenien geflohen. Jetzt lebt er mit ihnen in einer Wohnanlage am Rand von Wien mit anderen Flüchtlingsfamilien. Ramasans Vater ist im Tschetschenienkrieg ums Leben gekommen. Fotos von ihm hängen wie in einer Art kleinem Schrein in der Wohnung der Familie, zusammen mit einem verzierten Krummsäbel. Dann taucht Isa (Aslan Elbiev) auf. Ein Freund des Vaters, der mit ihm im Krieg gekämpft hat. Bei sich hat er eine Uhr, die Ramasans Vater gehörte und ein Familienfoto.

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Die Bären-Prognose und die Problem-Bären-Vergabe

Alle Jahre wieder fragen wir uns, wem WIR, wären wir die Jury, die Bären in die Hand drücken wollen würden.

Hier meine Bären-Wunsch-Auswahl (inklusive der Vergabe einiger Problem-Bären):

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CHIISAI OUCHI (The Little House) von Yoji Yamada

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Yoji Yamada, japanischer Regisseur Jahrgang 1931, ist ein Meister der leisen Töne. In seinem Wettbewerbs-Beitrag CHIISAI OUCHI (The Little House) zeigt er einmal mehr, wie man eine Geschichte großer Gefühle mit kleinen Gesten erzählen kann. Leider verliert er sich diesmal allzu sehr in einer betont harmlosen und beschwichtigenden Erzählweise – und nimmt dem Film damit die in ihm steckende Brisanz. Was bleibt, ist eine Geschichte, die eigentlich höchst erwachsene Themen verhandelt, sich aber so gibt, als müsse sie für ein Kind erzählt werden.

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Panorama-Publikumspreise an DIFRET und DER KREIS

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Die Zuschauer haben entschieden: Der Panorama-Publikumspreis für den besten Spielfilm geht in diesem Jahr an DIFRET und der für die beste Dokumentation an DER KREIS. In DIFRET zeigt Regisseur Zeresenay Berhane Mehari die Geschichte der 14-jährigen Hirut. Sie wird, wie es Brauch ist, von der Familie ihres zukünftigen Bräutigams entführt. Sie wehrt sich und erschießt ihren zukünftigen Mann. Der Film hat vor einigen Wochen bereits den Publikumspreis beim Sundance Festival gewonnen. DER KREIS, die filmische Dokumentation von Stefan Haupt, blickt zurück auf die Geschichte der Schweizer Schwulenorganisation Der Kreis. Mitte der Fünfziger Jahre tritt der junge Lehrer Ernst Ostertag dem Interessenverband bei. Er lernt dort den Travestie-Star Röbi Rapp kennen und verliebt sich in ihn.

14.02.14 21:15

WU REN QU (No Man’s Land) von Ning Hao

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Staubige Straßen in der Wüste, wüste Gesellen mit dreckigen Visagen und klobige Knarren Marke Eigenbau: Ning Haos NO MAN’S LAND hat den Look und Feel eines Westerns mit chinesischem Flair. Ästhetisch bewegt er sich zwischen Sergio Leone und MadMax, er überzeugt durch seine Stilsicherheit und ein stringentes Erzähltempo, das einen bei der Stange hält. Nebenbei – wie es sich für einen Western gehört – werden hier Fragen von Gut und Böse, von Schuld und Sühne verhandelt. Über allem schwebt das Primat der Gier, der alle Figuren verpflichtet sind.

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AL DOILEA JOC (The Second Game) von Corneliu Poromboiu

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Der Ball ist rund und das Spiel dauert 90 Minuten. Außerdem schneit es während der kompletten Spielzeit. Nach einer Viertelstunde hat sich der Rasen in einen matschigen Dorfacker verwandelt. Und trotzdem schaut man anderthalb Stunden lang gebannt auf das grisselige Fernsehbild und lauscht mit großem Vergnügen dem Kommentar aus dem Off. Es handelt sich um ein Match aus längst vergangener Zeit: Am 3. Dezember 1988 traten die beiden Topmannschaften Rumäniens gegeneinander an: Steuau und Dinamo, die Equipe des Militärs gegen die von Polizei und Securitate. Der Vater des Filmemachers Corneliu Porumboiu war damals Schiedsrichter. Jetzt kommentiert er das Spiel gemeinsam mit seinem Sohn von der heimatlichen Couch aus. Alles, was man zu sehen bekommt, ist jedoch das Spiel selbst.

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BOYHOOD von Richard Linklater

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von Tiziana Zugaro und Steffen Wagner

BOYHOOD von Richard Linklater ist ein einzigartiger Versuch: Die Langzeitbeobachtung einer Familie. Nicht als Dokumentation, das hat es schon öfter gegeben, sondern als Spielfilm. Im Zentrum steht der sechsjährige Mason (Ellar Coltrane). Mit seiner Mutter Olivia (Patricia Arquette) und seiner Schwester Sam (Lorelei Linklater) lebt er in einer Kleinstadt in Texas. Wir lernen Mason als verträumten Jungen kennen, der von seiner älteren Schwester bevormundet wird, sich aber, wenn es sein muss, gut wehren kann. Die Mutter hat sich schon vor längerer Zeit vom Vater Mason sr. (Ethan Hawke) getrennt. Linklater hat den Film über einen Zeitraum von zwölf Jahren mit seinem festen Schauspielerensemble gedreht. Mason und Sam wachsen also auf der Leinwand auf. Die dabei notwendigen Zeitsprünge inszeniert Linklater so geschickt, dass sie nicht als Brüche wahrnehmbar sind. Es entsteht ein Handlungsstrom, der uns über 164 Minuten nicht mehr loslässt.


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13.02.14 13:15

THE AIRSTRIP - AUFBRUCH DER MODERNE, TEIL III von Heinz Emigholz

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Italienische Botschaft von Pier Luigi Nervi (1979) in Brasilia

Nach über 20 Jahren hat Heinz Emigholz mit THE AIRSTRIP seine Filmreihe PHOTOGRAPHIE UND JENSEITS beendet. Im Unterschied zu seinen letzten Filmen widmet er sich dieses Mal nicht den Bauten eines einzelnen Architekten. Als Ausbeute einer Weltreise stellt er verschiedene Bauten in einen geschichtlichen Zusammenhang und versucht eine Kategorisierung in Vorkriegs-, Kriegs-, Nachkriegs- und Schuldarchitekturen.

Wieder ermöglicht Emigholz es dem Zuschauer Gebäude auf eine Art und Weise zu erfassen, wie es einem selbst vor Ort kaum möglich wäre. Sein Film bietet eine außergewöhnliche Annäherung und Teilhabe an Architektur.

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ZEIT DER KANNIBALEN von Johannes Naber

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Die Kannibalen sind wir. Aber wir sind auch Romantiker, wie Öllers, cholerischer Unternehmensberater, der die Welt durch den Kapitalismus zerstören will, damit sie besser wird. Kollege Niederländer ist eher Typ kontrollsüchtig. Er will, dass es überall so aussieht wie er es von zu Hause kennt, er glaubt, wenn erstmal alles im Leben und auf der ganzen Welt Routine ist, Zeit bleibt, über echte Verbesserungen nachzudenken.
Seit Jahren ziehen sie beratend (Synonym für „Plündern, Brandschatzen, Vergewaltigen“ im 21. Jahrhundert scheint es) durch die Welt, um den Profithunger ihrer Kunden zu stillen. Die Realität, die Welt, das Leben sind im Film staubige Silhouette vor den Fenstern klimatisierter Luxushotels, das sie nie verlassen. Bis am Ende das Leben zu ihnen ins Hotel kommt...

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12.02.14 23:00

BAI RI YAN HUO (Black Coal, Thin Ice) von Diao Yinan

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Eine klassische Cop-Story im verschneiten Nordchina: In Kohlehaufen versteckte Leichenteile lassen die Polizei fieberhaft nach einem grausamen Mörder fahnden. Als ein Verdächtiger gefunden ist und dingfest gemacht werden soll, geht die Verhaftung furchtbar schief. Zwei Polizisten sterben dabei, ein dritter wird schwer verletzt. Fünf Jahre später geschehen plötzlich wieder ähnliche Morde, und der inzwischen suspendierte Polizist ermittelt auf eigene Faust. Die Spur führt ihn in einen Waschsalon und zu einer schweigsamen Schönen, die bereits in den ersten Mordfall verwickelt war.

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ALOFT von Claudia Llosa

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In ALOFT beginnt die Regisseurin Claudia Llosa, eine originelle Geschichte zu erzählen: Im Zentrum stehen der Wunsch nach Heilung und die Verzweiflung von unheilbar Kranken, die auf eine letzte Chance hoffen. Diese Chance verspricht ein „Architekt“ genannter Mann, der aus natürlichen Baumaterialen Kunstwerke schafft, die vermeintlich heilsame Fähigkeiten haben. Wenn die Geschichte zu Ende ist, versucht der entgeisterte Zuschauer, die Reste des ekelhaften Esoterikbreis, den Llosa angerührt hat, vom Teller zu kratzen und möglichst umweltgerecht zu entsorgen. Dieser Film ist unangenehm klebrig und liegt schwer im Magen.

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Die Sache mit dem echten Tony

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Nachdem die Rezensentin vor einigen Jahren an dieser Stelle darüber geklagt hatte, dass sie während der Berlinale beinahe ein Interview mit dem falschen Tony Leung vereinbart hatte, soll hier nicht unerwähnt bleiben: In diesem Jahr ist der echte Tony da! Und da er sogar in der Jury sitzt, sieht sich die Rezensentin in der glücklichen Lage, jeden Tag mehrere Stunden in unmittelbarer Nähe des echten Tony verbringen zu dürfen.

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LA TERCERA ORILLA (The Third Side of the River) von Celina Murga

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Einem Teenager, der wie auf Valium wirkt, anderthalb Stunden lang dabei zuzuschauen, wie er durch die Gegend schlufft, ist eine echte Anfechtung. Leider verdonnert Celina Murgas Wettbewerbsfilm LA TERCERA ORILLA die Zuschauer genau dazu. Dabei ist die Geschichte eigentlich ganz spannend: Ein Arzt aus einer argentinischen Kleinstadt führt ein Doppelleben mit zwei Frauen und zwei Familien, wobei beide Familien voneinander wissen, die Kinder sogar viel gemeinsame Zeit miteinander verbringen. Als der Doppel-Patriarch seinen ältesten Sohn immer stärker dazu drängt, seine Rolle als „zweiter Mann in der Familie“ zu übernehmen, spielt dieser zunächst recht willenlos mit, rebelliert dann aber völlig unerwartet und radikal.

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ZWISCHEN WELTEN (Inbetween Worlds) von Feo Aladag

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Dass die Wahrheit das erste Opfer des Krieges ist, ist ein Klischee. Ein Klischee muss ja nicht falsch sein. In Deutschland üben sich Politiker, Journalisten und die so angenehm anonyme Öffentlichkeit in Zeiten des Krieges gerne im Verschweigen und Beschönigen. Da hat es die Wahrheit auf jeden Fall nicht leicht. Das Wort Krieg zu Beispiel nehmen sie gar nicht gerne in den Mund, wenn sie darüber sprechen, was die Bundeswehr in Afghanistan tut oder, um einmal etwas genauer zu werden, was die 2.906 Männer und 202 Frauen tun, die momentan das deutsche Kontingent der International Security Assistance Force (ISAF) in Afghanistan und Usbekistan stellen. ZWISCHEN WELTEN zeigt den Alltag deutscher und afghanischer Soldaten – im Film treten nur Soldaten auf – die an einem Außenposten ein afghanisches Dorf vor den Taliban schützen sollen. Im Mittelpunkt stehen der deutsche Hauptmann Jesper (Ronald Zehrfeld) der afghanische Kommandant Haroon (Abdul Salam Yosofzai) und der junge afghanische Übersetzer Tarik (Mohsin Ahmady) und seine Schwester Nala (Saida Barmaki).

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ANDERSON von Annekatrin Hendel

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Eine Geschichte über die "Inoffiziellen Mitarbeiter" (IM) der Stasi ist immer auch eine allgemeine Abhandlung über die Lüge. Was macht die Lüge mit dem Lügner und was mit dem Belogenen? Wie wirkt sich die Entlarvung auf das Selbstbild der beiden aus?

Die Enttarnung von Sascha Anderson sorgte 1991 für einigen Wirbel. Anderson war eine zentrale Größe in der alternativen Kulturszene der DDR. Wolf Biermann machte das Doppelleben des Schriftstellers, Sängers und Tausendsassas bekannt. Er nannte ihn nur noch abfällig Sascha Arschloch.

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20,000 DAYS ON EARTH von Iain Forsyth und Jane Pollard

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20,000 DAYS ON EARTH ist zum Glück kein normaler Dokumentarfilm über Nick Cave als erfolgreichen Musiker und Schriftsteller geworden. Statt dessen ist hier ein eigenes, perfekt komponiertes Kunstwerk entstanden, das den Zuschauer in eine durch und durch artifizielle Welt entführt.

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TO MIKRO PSARI (Stratos) von Yannis Economides

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Melancholie, Dein Name ist Auftragskiller. Was haben wir im Kino nicht schon für traurige Berufsmörder bei ihrer Arbeit beobachten dürfen! Aber sicher war keiner so absolut fertig mit der Welt wie Stratos, der Grieche. Das Gesicht verhärmt, die Augen tiefschwarz und unendlich müde, der Gang trotz allem aufrecht. In jungen Jahren muss er ein echter Berserker gewesen sein. Nach einer langen Zeit im Gefängnis verrichtet er sein blutiges Handwerk inzwischen präzise, ohne Schnickschnack und Emotionen. Bumm, und aus. Nachts arbeitet Stratos zur Tarnung in einer Bäckerei, den Rest seiner Zeit verbringt er in einer trostlosen kleinen Neubauwohnung oder in einem nicht minder trostlosen Mini-Park in seiner Nachbarschaft. Je weiter der Regisseur Yannis Economides seine Geschichte entwickelt, desto klarer wird: Die einzige moralische Instanz in diesem Film ist ausgerechnet der Mörder.

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11.02.14 21:22

PRAIA DO FUTURO von Karim Ainouz

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Rettungsschwimmer rettet Mann. Zweiter Mann ertrinkt. Rettungsschwimmer verliebt sich in Überlebenden und folgt ihm von Brasilien ins kalte Berlin. Der Brasilianer Karim Ainouz lässt sich in PRAIA DO FUTURO sehr viel Zeit, um seine Geschichte zu erzählen. Er charakterisiert seine Figuren fast nebenbei, achtet auf Stimmungen und sinnliche Eindrücke, und er hat Mut zu Auslassungen. Das gibt dem Film einen ganz eigenen, ruhigen Drive, und eine besondere Atmosphäre. Trotzdem fragt man sich, ob dieser Wettbewerbsfilm nicht besser im Panorama aufgehoben gewesen wäre. Denn für einen potentiellen Bären-Kandidaten fehlt es ihm ganz klar an Relevanz.

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TUI NA (Blind Massage) von Lou Ye

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Das Geschirr klappert besonders laut, Türen schließen mit einem gut hörbaren Klacken und jeder Schritt über den Fußboden hat einen deutlich vernehmbaren Nachhall: In TUI NA (Blind Massage) von Lou Ye muss das Ohr ausgleichen, was das Auge nicht sieht. Denn der Film des chinesischen Regisseurs spielt in einem Massagesalon in Nanjing, in dem fast ausschließlich blinde Menschen arbeiten. Statt daraus eine dramatische Geschichte zu entspinnen, legt Lou den Fokus darauf, das Miteinander und den Alltag dieser Männer und Frauen zu vermitteln. Die verstärkte Tonspur ist ein Versuch, die Wahrnehmung der Protagonisten sinnlich erfahrbar zu machen. An anderen Stellen setzt er dafür stark verschwommene Bilder oder Spiele mit Licht und Schatten ein. Leider gelingt ihm der Brückenschlag nicht wirklich. Es wird beispielsweise kaum greifbar, wie es sich für einen Blinden anfühlen mag, eine Massage zu geben, oder einem anderen Menschen das Gesicht abzutasten, um sich ein Bild von ihm machen zu können.

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KRAFTIDIOTEN (In Order of Disappearance) von Hans Petter Moland

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Norwegen – die Landschaft ist weiß, der Humor schwarz und ab und zu kommt noch der eine oder andere Liter rotes Blut hinzu. Mit KRAFTIDIOTEN beweist Hans Petter Moland einmal mehr, dass die Nordländer Genrekino einfach besser können. Hier die Story in einem Satz: Ein Vater rächt den Tod seines Sohnes mit einem Ein-Mann-Feldzug gegen die norwegische Drogenmafia. Aus dieser schlanken Storyline sollte man keineswegs schließen, dass der Film eindimensional ist. Weitere wichtige Themen, mit denen sich der Film auseinandersetzt, sind: gesunde Ernährung, Probleme des norwegischen Sorgerechts, Rassismus und die Vorzüge des norwegischen Wohlfahrtsstaates.

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ICH WILL MICH NICHT KÜNSTLICH AUFREGEN von Max Linz

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Ach die Kunst. Die Kreativwirtschaft wie sie brummt und redet – meist von sich selbst. Fast alles Wissen ist Second Hand. Und was da so geredet und geraunt, behauptet und geistig mäandert wird in „ICH WILL MICH NICHT KÜNSTLICH AUFREGEN“ von Max Linz, das ist herrlich. Und auf perfide, witzige, kluge Art entlarvend. Wer schon mal Katalogtexte zu Ausstellungen von Videokunst oder sich sprachlich bis zur Unsichtbarkeit verschleiernde Fantasieerklärungen in Ausstellungsessays gelesen hat, kennt das Problem: Da mühen sich gebildete Menschen so zu schreiben, dass es klug klingt, aber nichts aussagt, zugleich politisch und mit allen theoretischen Wassern von Luhmann bis Agamben gewaschen. Und wer dann noch Künstler kennt, die nicht mehr zur Kunst kommen, weil ihnen die Kunst der Antragsstellung so viel Zeit raubt, kennt auch die Problemstellung dieses Films:

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Nächtlicher Spuk am Potsdamer Platz

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Nachts. Man kommt mit der S-Bahn auf dem Potsdamer Platz an, fährt mit der Rolltreppe nach oben. Stutzt. Ist der Platz nicht sehr seltsam beleuchtet? Irgendwie gespenstisch gelb, irreal. Kurz zu vor hat es geregnet. Die Szenerie wirkt dadurch noch unwirklicher als sonst. Das wird es wohl sein. Bis man realisiert, dass einem sehr eigenartige Geräusche ans Ohr dringen – eine Art Mischung aus Sirenengesang, Sphärenklängen und Rückkopplung. Wo kommt das nur her?

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XI YOU( Journey to the West) von Tsai Ming-liang

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Es trifft mich unerwartet und nicht dort, wo ich es erwartet habe. Zur Mittagszeit sehe ich in der Sektion Panorama mein bisheriges Highlight der Berlinale.

Die Kamera verharrt auf dem Gesicht eines alten Mannes. Er scheint mit offenen Augen zu schlafen. Das Bild ist hochauflösend. Man beginnt in dem Gesicht des Mannes zu lesen wie in einer Naturlandschaft. Man sieht jede Falte, jedes Barthaar. Nach einigen Minuten bemerkt man einen kleinen Tropfen in der Augenpartie, dann bricht ein kleines Rinnsal sich seinem Weg.

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10.02.14 18:08

Von der Müdigkeit

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Cinestar, kurz vor der Spätvorstellung. Man will sich den hoch gelobten „chinesischen Fassbinder“ anschauen. Deshalb hat man sich zu dieser nachtschlafenden Zeit tapfer aufgerafft, obgleich einen der Schiller und sein Piller knappe 14 Stunden zuvor bereits zum ersten Mal an diesem Tag in den Kinosaal getrieben haben.

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YE (The Night) von Zhou Hao

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Irgendwo in einem Altstadtviertel in irgendeiner chinesischen Stadt: Ein junger Mann steht jeden Abend vor dem Spiegel, bewegt sich zu den Klängen schmalziger Popmusik und wirft sich verführerische Blicke zu. Er zieht ein neues, buntes Hemd an, bindet sich eine Krawatte um und macht sich auf in die Nacht. In einer engen Gasse, beleuchtet vom gelben Licht einer Laterne, preist es sich als Stricher seinen Kunden an. Eines Abends steht an seinem Stammplatz eine junge Frau, die ebenfalls ihren Körper verkauft. Zwischen den beiden entwickelt sich eine zögerliche Freundschaft, changierend zwischen Distanz und Nähe, bald kommt noch ein weiterer junger Mann ins Spiel, der sich unglücklich in den Stricher verliebt. Der liebt nämlich einzig und allein nur sich selbst. In unruhigen, grobkörnigen Bildern wird diese Geschichte von Begehren und Selbstliebe in leisen Tönen und doch voll emotionaler Wucht in Szene gesetzt.

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NYMPHOMANIAC VOLUME I von Lars von Trier

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Skandal, Sandal! So raunte es in Erwartung von Lars von Triers neuem Film NYMPHOMANIAC VOLUME I, weil darin jede Menge expliziter Sexszenen zu sehen sein sollten, die aus der Perspektive einer Nymphomanin geschildert werden. Vom Skandal ist nicht viel übrig geblieben. Es gibt zwar viel Sex in dem Film, dessen Director’s Cut im Wettbewerb läuft, aber besonders sinnlich oder gar verstörend ist das alles nicht. Stattdessen führt uns von Trier auf durchaus komische und unterhaltsame, aber gleichzeitig bitterböse zynische Weise vor, was passiert, wenn Sex, von Emotionen abgekoppelt, zur Sucht wird. Und vor allem: Wie hervorragend dieses Modell von Lustbefriedigung in die heutige Gesellschaft passt.

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L´ENLEVEMENT DE MICHEL HOUELLEBECQ von Guillaume Nicloux

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Auch hochintellektuelle Starschriftsteller unterhalten sich zuweilen über so banale Dinge wie die Renovierung ihrer Küche. Sobald der Zuschauer diesen ersten Schock verdaut hat, gilt es auch schon vom nächsten Mythos Abschied zu nehmen: Michel Houellebecq ist nicht nur bitter, menschenfeindlich und durch und durch nihilistisch, nein, er hat tatsächlich auch eine humoristische Seite!

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AL MIDAN (The Square) von Jehane Noujaim

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Wie geht Revolution? Jedenfalls nicht linear voran und planbar, stattdessen, wirr und unübersichtlich, mal euphorisch dann deprimiert, blutig und heilend und mit Tränen des Glücks wie der Trauer. Vor allem braucht es lang, bis sich wirklich, dauerhaft und für die meisten spürbar etwas ändert, wenn das Unterste aus Staat, Kultur und Gewohntem nach oben gekehrt wird. Das erzählt dieser Film. Er ist kein analytisches „erst passiert das und dann das…“ der ägyptischen Revolution. Und das macht ihn einzigartig, bewegend, großartig und wahrhaftig.

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SHEMTKHVEVITI PAEMNEBI (BLIND DATES) von Levan Koguashvili

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Partnerbörsen im Internet sind mittlerweile ein weltweit verbreitetes Phänomen, da macht natürlich auch Georgien keine Ausnahme. Levan Koguashvilli erzählt in Blind Dates von den etwas mühsamen Kontaktversuchen eines Lehrers, der als 40 jähriger Dauersingle mit Vollversorgung immer noch bei seinen alten Eltern wohnt.

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HISTORIA DEL MIEDO (History of Fear) von Benjamin Naishtat

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Die Angst geht um in einer parkähnlichen eingezäunten Wohnanlage am Rande einer namenlosen Stadt irgendwo in Argentinien. Aber auch die Menschen, die in der Stadt wohnen, müssen mit einem ständigen Bedrohungsgefühl fertig werden. Der Sommer ist brütend heiß. Menschen verhalten sich seltsam. Vor allem – nichts funktioniert mehr so richtig: Der Lautsprecher des Hubschraubers, der zu Beginn der Films über die Stadt fliegt und die Menschen auffordert, die teils illegalen Siedlungen bis zu einem bestimmten Zeitpunkt zu verlassen, setzt immer wieder aus. Alarmanlagen im bewachten Wohnpark fangen grundlos an zu heulen und Aufzüge bleiben immer wieder stecken. Es ist eindeutig: Hier rottet eine Gesellschaft langsam vor sich hin, alle misstrauen einander und niemand fühlt sich sicher.

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09.02.14 23:23

KREUZWEG von Dietrich Brüggemann

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Pater Weber bereitet Maria auf die Kommunion vor (Bild: Dietrich Brüggemann)

KREUZWEG ist ein Film der Strenge. Das wird schon deutlich bevor der eigentliche Film beginnt – beim Vorspann. In kleinen weißen kantigen Buchstaben taucht der Filmtitel auf dem ansonsten komplett schwarzen Hintergrund auf. Es gibt keine Musik, die Buchstaben bleiben unbewegt. Dann taucht genau so schlicht auf der Leinwand auf: „1. Station: Jesus wird zum Tode verurteilt“. Der Kreuzweg kann beginnen. Nach diesem Auftakt ist die Begeisterung, die Pater Weber (Florian Stetter) für seinen Kommunionsunterricht fast eine Erleichterung, seine
Worte allerdings weniger: Er klagt über „dämonische Rhythmen“ und andere Versuchungen. Er warnt vor Oberflächlichkeit, dem Wunsch anderen zu gefallen und Hochmut. Seine Botschaft an die Kinder: Mit der Kommunion werden sie zu Erwachsenen und sollen als „Soldaten Jesu“ dienen, um Gottes Wort zu verbreiten und – „mit einem Lächeln“ andere auf sündhaftes Verhalten hinzuweisen. Maria (Lea van Acken) nimmt an diesem Kommunionsunterricht mit großem Ernst teil. Nach dem Unterricht bleibt sie als Einzige sitzen und fragt den Priester, was sie tun könne, um ihr ganzes Leben Jesus zu opfern.

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IS THE MAN WHO IS TALL HAPPY? von Michel Gondry

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Michel Gondry (THE SCIENCE OF SLEEP, BE KIND REWIND ) hat einen Film über Noam Chomsky gemacht weil:


  • er Lust dazu hatte,

  • er nicht nicht mehr zu lange warten wollte (Chomsky ist bereits 85)

  • und zur....Entspannung!

Über einen Zeitraum von drei Jahren, parallel zur Arbeit an Filmen wie THE GREEN HORNET, hat Gondry aus nur 3 Stunden Interviewmaterial einen 90 Minuten Film gezeichnet. Vielleicht war IS THE MAN WHO IS TALL HAPPY? für ihn auch ein Ventil. In jedem Fall hebt der Regisseur im Anschluss an die Premierenvorstellung im International hervor, dass er sich beim Zeichnen der Animationen gut entspannen konnte.

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FINDING VIVIAN MAIER von John Maloof, Charlie Siskel

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Es mag der Traum vieler unentdeckter Künstler sein, die sich von der Welt verkannt fühlen… Vivian Maier kannte bis vor drei Jahren niemand, außer die Familien, bei denen sie als Kindermädchen arbeitete. Jetzt muss man sie in einer Reihe mit Robert Frank, Diane Arbus, William Klein oder Mary Ellen Mark und den berühmtesten, talentiertesten Straßen-Fotografen des vergangenen Jahrhunderts zählen.
Aber im Gegensatz zu den auf zumindest posthumen Weltruhm hoffenden Künstlern: Vivian Maier wollte offenbar gar nicht bekannt sein, sondern einfach nur fotografieren. Und das hat sie 60 Jahre lang getan, grandios und manisch. Bis zu ihrer Entdeckung auf einer Ramschauktion.

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Welcome back: Zoo Palast

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Sehnsüchtig haben wir auf seine Rückkehr gewartet. Er war von 1956-1999 das Epizentrum der Berlinale, Schauplatz von Eitelkeiten, Blitzlichtgewittern und Hauptarena der früheren Berlinale Chefs Alfred Bauer und Moritz de Hadeln: der Zoo Palast!

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08.02.14 23:50

YVES SAINT LAURENT von Jalil Lespert

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Man hat es ja immer schon geahnt: Das Leben an der Seite eines großen Genies ist für den jeweiligen Partner kein Zuckerschlecken. Dieses Motto galt wohl auch im Fall des Modeschöpfers Yves Saint Laurent und seines Lebensgefährten Pierre Bergé - zumindest wenn man der Filmbiographie von Jalil Lespert Glauben schenkt.

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DIE GELIEBTEN SCHWESTERN von Dominik Graf

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Kann man eine Liebe zu dritt leben? Wo doch schon die Liebe zu zweit ganz schön kompliziert sein kann. Um es gleich vorweg zu nehmen: Das Trio aus Dominik Grafs DIE GELIEBTEN SCHWESTERN kriegt es nicht hin. Stattdessen kriegen sich die beiden Frauen irgendwann in Haare. Soweit, so vorhersehbar. Allerdings geht es dabei nicht um irgendeine Ménage à trois – diese hier spielt sich im Zentrum des deutschen Dichter-, Denker- und Aufklärertums ab. Zwei Schwestern, Charlotte von Lengefeld und Caroline von Beulwitz, née von Lengefeld, lieben beide den rebellischen Dichterfürsten Friedrich Schiller, und auch einander – zumindest anfangs – sehr. Sie schließen einen Pakt: Die Sanfte (Charlotte) wird Schillers Frau, die mit dem Sex Appeal (Caroline) seine zeitweilige Geliebte. Und dann geht das Drama los. Theoretisch. Denn leider ist das alles nicht wirklich dramatisch, sondern vielmehr sehr, sehr putzig. So putzig, dass es schon wieder deprimierend ist.

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THE MIDNIGHT AFTER von Fruit Chan

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Quirliges, buntes Hongkong bei Nacht: Eine Stadt, die niemand schläft, überall blinken die Leuchtreklamen, Menschen bevölkern die Straßen, der Verkehr schleppt sich hupend durch die Metropole. Mitten drin: Ein bunt bemalter Kleinbus, der eine ebenso bunt zusammen gewürfelte Schar von Passagieren in den Stadtteil Tai Po bringen soll. Doch nach der Fahrt durch einen Tunnel sind plötzlich alle Menschen außerhalb des Busses wie vom Erdboden verschluckt. Und hier beginnt der Grusel erst.

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LOVE IS STRANGE von Ira Sachs

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Die Berlinale hat einfach Herz. Mit viel Applaus und aufrichtiger Bewunderung wird Ira Sachs vom Publikum im Zoo Palast empfangen. Auch seinen Film FORTY SHADES OF BLUE hat er 2005 hier vorgestellt.

In LOVE IS STRANGE (Internationale Premiere) begleitet er das in die Jahre gekommene schwule Paar Ben und George (großartig gespielt von Alfred Molina und John Lithgow) in dem Abschlussabschnitt ihrer langjährigen Liebesbeziehung.

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07.02.14 22:30

JACK von Edward Berger

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Jack und Manuel auf der Suche nach ihrer Mutter (Foto: Jens Harant)

Jack (Ivo Pietzcker) ist zehn Jahre alt. Jack ist nicht nur intelligent, sondern auch gut organisiert und vor allem beharrlich. Jack hat gar keine andere Wahl. Denn er muss etwas tun, was Kinder normalerweise nicht tun müssen: Für Struktur und Normalität im Leben sorgen. Das macht Jack übrigens nicht nur für sich selbst, sondern auch für seinen kleinen Bruder Manuel (Georg Arms), der vielleicht halb so alt ist wie er selbst. Sanna (Luise Heyer), die Mutter von Jack und Manuel ist eine circa Endzwanzigerin, die irgendwann den Faden in ihrem Leben verloren hat, wenn sie ihn denn je in der Hand hatte. Sie ist unfähig Verantwortung für sich oder gar ihre Söhne zu übernehmen und sie hat keinerlei Vorstellung davon, was ihr Verhalten für Konsequenzen hat. Seinen Vater hat Jack nie kennengelernt. Unter diesen Bedingungen versucht Jack, so etwas wie ein Familienleben für seinen Bruder und sich zu schaffen, aber die Hindernisse werden immer größer.

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Wettbewerb: LA VOIE DE L’ENNEMI (Two Men in Town) von Rachid Bouchareb

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Der Film beginnt mit einem rohen Akt der Gewalt vor einer atemberaubenden Landschaft: Ein Mann schlägt einem anderen, am Boden liegenden, mit einem großen Stein den Schädel ein. Dahinter geht die Sonne auf und taucht die Wüstenlandschaft in ein überirdisch schönes, blutrotes Licht. Langsam zieht sich die Kamera von der Brutalität zurück, zoomt weg und lässt den Blick auf der unendlichen Weite ruhen. Ein Mord, der durch seine Darstellung geradezu biblische Dimensionen anzunehmen scheint: Der Mensch, die Kreatur Gottes, die sich inmitten seiner wunderschönen Schöpfung als Tier offenbart. Tatsächlich aber erzählt Rachid Bouchareb in LA VOIE DE L’ENNEMI vom Schicksal, das von Menschen gemacht wird, und dem der Mensch nicht entrinnen kann.

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06.02.14 22:50

THE GRAND BUDAPEST HOTEL von Wes Anderson

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Wes Anderson ist ein Ausstattungsfetischist. Er baut seine eigenen kleinen Welten: Alle Details sind gut überlegt und schaffen die Atmosphäre in der Wes Andersons Helden und Anti-Helden ihre absurden Abenteuer erleben. Die Welt, das ist in seinem neuen Film vor allem das Grand Budapest Hotel im schönen osteuropäischen Land Zubrowka, idyllisch in den Bergen gelegen aber leider ziemlich heruntergekommen,. Wir schreiben das Jahr 1985. Dann machen wir einen Zeitsprung nach hinten ins Jahr 1932 und gehen mit dem Concierge Monsieur Gustave H. (Ralph Fiennes) und dem frisch eingestellten Hotelpagen Zero Moustafa (Tony Revolori) auf eine Reise durch das 20. Jahrhundert. Dabei trotzen sie dem Krieg und versuchen einen ganz besonderen Schatz vor einer Reihe der erstaunlichsten Bösewichter zu retten, die die Filmgeschichte gesehen hat.

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Hauptsache gut bemützt: Die Pressekonferenz zum Eröffnungsfilm THE GRAND BUDAPEST HOTEL

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Mützchen haben ja eine große Tradition auf der Berlinale – siehe unsere wegweisende Berichterstattung zum Thema auf der Berlinale 2007. Heute aber hat auf diesem Gebiet der große, brummige, wundervolle Bill Murray den Vogel abgeschossen: Auf der Pressekonferenz zum Eröffnungsfilm THE GRAND BUDAPEST HOTEL trug er eine keck aus der Stirn geschobene Strickversion in Schwarz, die nur ganz dezent an seinen Jacques-Cousteau-Deckel aus THE LIFE AQUATIC WITH STEVE ZISSOU (siehe Foto oben) erinnert, was insofern passend war, da auch hier Wes Anderson Regie führte.

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Forum: KUMIKO, THE TREASURE HUNTER von David Zellner

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Eine junge Frau läuft zielstrebig an einem einsamen, von schroffen Felsen gesäumten Sandstrand entlang. Ihre rote Fleece-Jacke bildet den einzigen Farbtupfer inmitten von tristem Grau, Blau und Braun, ihre Füße hinterlassen flüchtige Spuren im nassen Sand. In einer felsigen Höhle angekommen, beginnt sie zu graben – und unter einer Schicht von Kieseln und allerlei Krebsgetier kommt eine triefende VHS-Kassette zum Vorschein. Diese seltsame, traumartige Eröffnungssequenz gibt bereits den Ton vor für das, was noch kommt. Die Hauptfigur in David Zellners KUMIKO, THE TREASURE HUNTER hat eine Mission: Zielstrebig und unbeirrbar begibt sie sich auf eine Schatzsuche, die sie von Tokio nach Fargo in North Dakota führt, und mit der sie konsequent die Grenze zwischen Realität und Fiktion negiert. Damit zielt der Film mitten ins Herz des Kinos.

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05.02.14 11:52

Berlinale 2014: Ein erster Blick ins GRAND BUDAPEST HOTEL

Einmal werden wir noch wach, dann eröffnet Wes Andersons neuer Film THE GRAND BUDAPEST HOTEL die Berlinale 2014. Hier der Trailer zum Film:

31.01.14 18:00

Experimente sind willkommen!

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Interview mit Perspektive-Leiterin Linda Söffker

Theater und Film haben im Werdegang von Linda Söffker gleichermaßen eine prägende Rolle gespielt. Die studierte Kultur- und Theaterwissenschaftlerin, Jahrgang 1969, hat als kuratorische Mitarbeiterin und Programm-Organisatorin mit Rainer Rother im Zeughauskino zusammengearbeitet und mit Alfred Holighaus für die Sektion „Perspektive Deutsches Kino“ bei der Berlinale. Seit dem Wechsel von Holighaus an die Deutsche Filmakademie im Jahr 2010 leitet Söffker die Sektion, deren explizites Ziel die Nachwuchsförderung ist. Claudia Palma und Tiziana Zugaro sprachen mit Linda Söffker über das gewisse Etwas, das ein Perspektive-Film mitbringen muss, über Talentsuche und Absagen, über brandenburgische Samurais und darüber, wie man sich während der Berlinale am besten fit hält.

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21.01.14 7:42

Panorama ist komplett - viele Länder & neue Namen

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Foto: © Internationale Filmfestspiele Berlin

Das Panorama-Hauptprogramm eröffnet am Donnerstag, 6. Februar, mit einer Science-Fiction-Überraschung aus Vietnam: NUOC (2030) von Nghiêm-Minh Nguyễn-Võ. Der Spiegel der Weltmeere ist inzwischen gestiegen, das Land vieler Bauern steht unter Wasser. Gemüse wird in schwimmenden Farmen gezüchtet und Weltkonzerne suchen sich selbst diese Situation profitabel zu machen.

Zu den bekannten Namen in diesem Jahr gehören Michel Gondry, Robert Lepage und Benjamin Heisenberg. Und sehr, sehr viele sicher spannende, wenn auch über Festivals hinaus wenig bekannte Regisseure und Regieseurinnen.
36 Filme aus 29 Ländern geben mit 24 Weltpremieren eine Übersicht über die aktuelle Spielfilmproduktion. Wenig überraschend, schon fast Tradition die vielen asiatischen Filme in der Sektion:

In IEJI (HOMELAND) von Nao Kubota (Japan) erkundet ein in die Stadt geflüchteter Bauernsohn in der Rückkehr seine unzugängliche Heimat im Bereich Fukushima.

Im südkoreanischen NIGHT FLIGHT von LeeSong Hee-il erleben wir Schüler in einer am Leistungszwang kollabierenden Gesellschaft. LeeSong zeigte zuvor NO REGRET und WHITE NIGHT im Panorama.

Aus der Volksrepublik China kommt eines der überraschendsten Debüts vom 21-jährigen Zhou Hao: YE (THE NIGHT) soll laut Panorama Machern an die ganz großen erinnern: Fassbinder, Genet oder Wong Kar Wai.

Meister des Hong-Kong-Cinema sind Dante Lam mit MO JING (THAT DEMON WITHIN), dem es in einem Action-Genre Streifen gelingt, große moralische Fragen aufzuwerfen.
Außerdem Fruit Chan, der mit THE MIDNIGHT AFTER einen Online-Fortsetzungsroman in Weltuntergangs-stimmung verfilmte - Chans düster-bizarrer Panorama-Beitrag von 2005, DUMPLING, ist noch in bester Erinnerung.

Der taiwanesisch-malaysischen Regisseur Tsai Ming-liang besucht die Berlinale mit einem weiteren Teil seiner experimentellen „Walker“-Serie, XI YOU (JOURNEY TO THE WEST), einer französischen Produktion mit Lee Kang Sheng und Denis Lavant.

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20.01.14 8:33

Sektion FORUM hat seine Filme - wilder Ritt durch die Zeiten und Orte

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Foto: © Internationale Filmfestspiele Berlin
Das Forum ist in diesem Jahr sehr früh dran. Während in vergangenen Jahren das Programm manchmal erst zum Start der Festspiele gedruckt war, ist in diesem Jahr drei Wochen vorher alles klar.

Werke meist junger Filmemacher aus Osteuropa bilden einen geografischen Schwerpunkt des diesjährigen Programms. Der Este Veiko Õunpuu porträtiert in dem komisch-melancholischen Spielfilm FREE RANGE – BALLAAD MAAILMA HEAKSKIITMISEST einen jungen Mann, der zwischen dem Traum, für die Kunst zu leben, und den Anforderungen des Alltags nach einem Zustand der Schwerelosigkeit strebt.
Eine ungewöhnliche Form hat der bekannte rumänische Regisseur Corneliu Porumboiu für seinen Film AL DOILEA JOC (THE SECOND GAME) gefunden: Gemeinsam mit seinem Vater, der zur Zeit des Ceaușescu-Regimes Fußball-Schiedsrichter war, kommentiert er die verrauschte VHS-Kassette einer Partie zwischen den Top-Mannschaften Dinamo und Steaua.

Im Mittelpunkt des polnischen Dokumentarspielfilms HUBA (PARASITE) von Anka und Wilhelm Sasnal steht ein alter Mann, gezeichnet von der lebenslangen Arbeit in der Fabrik. Seine Tochter, allein mit ihrem Säugling, zieht bei ihm ein. Der Film erzählt von Enge, Fremdheit, Nähe und von Körpern.

Ein Spielfilmdebüt ist CHILLA (40 DAYS OF SILENCE) von Saodat Ismailova. Die junge usbekische Regisseurin erzählt von Bibicha, die sich ins Haus ihrer Großmutter zurückzieht, um dem traditionellen Schweigegelübde zu folgen. Zwischen der kargen Landschaft und farbenfrohen Innenräumen schildert der Film ihren Weg in die Selbstbestimmung.

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15.01.14 13:21

Linklaters BOYHOOD im Wettbewerb der Berlinale 2014

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Ellar Coltrane in BOYHOOD: 12 Jahre Leben in 164 Minuten

Richard Linklaters Langzeit-Filmprojekt BOYHOOD hat im Wettbewerb der Berlinale 2014 seine internationale Premiere und nimmt an der Konkurrenz um den Goldenen Bären teil. BOYHOOD folgt dem Leben eines Jungen im Alter von sechs bis 18 Jahren. Seit dem Beginn des Projekts im Jahr 2002 drehte Linklater in jedem Jahr, um die Geschichte von Mason, dargestellt von Ellar Coltrane, und seiner Familie zu erzählen. Masons Eltern werden gespielt von Patricia Arquette und Ethan Hawke. Die Tochter von Richard Linklater Lorelei übernimmt die Rolle der älteren Schwester Samantha.

27.12.13 11:06

Berlinale 2014: Welcher Bär bin ich und wenn ja wie viele

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© Internationale Filmfestspiele Berlin, Grafik: Boros, Agentur für Kommunikation


Jedes Jahr ab Ende Februar holt der Berlinale Bär seinen Winterschlaf nach, aus den ihn im Herbst des Vorjahres einige kälte-resistente Filmfreaks herausreißen. Nach der Auszeit beglückt er die Filmfestspiele mit originellen Ideen und präsentiert sich im "neuen" Gewand.

Für die Berlinale 2013 hat er einfach die Farbe gewechselt. 2014 hat er sich Verstärkung geholt. Gratulieren darf man daher nicht nur dem Bär zum Nachwuchs sondern auch der Berlinale, die mit der Agentur Boros anscheinend einen sehr nachhaltigen Deal abgeschlossen hat.

20.12.13 12:22

Berlinale 2014: NYMPHOMANIAC VOL. 1 in der Langversion

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Stacy Martin und Shia LaBeouf in NYMPHOMANIAC VOL. 1 (Foto: Christian Geisnaes)

Die Langversion von Lars von Triers neuem Film NYMPHOMANIAC VOL. 1 wird auf der Berlinale 2014 als Weltpremiere gezeigt. Sie ist 330 Minuten lang. Nach Angaben von von Triers Produktionsfirma Zentropa wird das das einzige Screening der Langversion sein, bis später im Jahr 2014 die Langversion von NYMPHOMANIAC VOL. 2 Premiere hat. NYMPHOMANIAC VOL. 1 erzählt in acht Kapiteln die sexuelle Biographie einer Fünfzigjährigen, gespielt von Charlotte Gainsbourg. In weiteren Rollen sind Stellan Skarsgård, Stacy Martin, Shia LaBeouf, Christian Slater, Jamie Bell, Uma Thurman und Willem Dafoe zu sehen. Udo Kier spielt einen Kellner.

Eine kürzere Version von NYMPHOMANIAC VOL. 1 hat am 25. Dezember in Dänemark Premiere. Der Kinostart der Kurzversion in weiteren Ländern folgt in den kommenden Monaten. Die verschiedenen Kurztrailer und Filmposter haben schon vor dem Start für eine Diskussion darüber gesorgt, ob es sich bei dem Film um Pornographie handelt.

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