PARDÉ (Closed Curtain) von Jafar Panahi

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Kontext, Kontext, Kontext muss man denen zurufen, die diesen Film - eigentlich normal - unter rein narrativen oder ästhetischen Gesichtspunkten bewerten. Und vielleicht muss man sogar ganz billig autobiographisch interpretieren, um PARDÉ von Jafar Panahi gerecht zu werden. Ein Film über das Filmemachen als ein vom Staat als Geisel genommener und mit Berufsverbot belegter Regisseur ist das. Panahi war in Haft, durfte schon als Jurymitglied vor zwei Jahren nicht anreisen, zeigte in Cannes einen Film über sich zu Haus, wie er darüber nachdenkt, einen Film zu machen. PARDÉ ist anders, aber auch eine sehr selbstreflexive Studie über den Autor, Mensch und Regisseur Panahi, der metaphorisch und manchmal ganz real Einblicke gewährt in seinen Kopf und seine Sorgen und das Leben in einer Diktatur.

Ein Mann (Kamboziya Partovi) kommt mit Hund in eine Villa am Meer. Hunde sind nun verboten im Iran und offenbar ist er in Streit mit der Obrigkeit geraten und nun auf der Flucht, weil er seinen Hund retten will (gleich eine doppelte Metapher - das Tier, das seinen Instinkten folgt und nicht weiß, was mit ihm passiert, nur in der Gegenwart lebt). Er verhängt alle Fenster lichtdicht und bunkert sich ein, baut sogar einen Fluchtversteck. Dann taucht eine Frau (Maryam Moghadam) auf, die behauptet, verfolgt zu werden, weil sie mit Freunden am Strand feierte. Aber sie ist, nach einem Wortgefecht und einer Offenbarung nicht zu sein, wer sie vorgibt, einfach verschwunden.

Der Mann - offenbar ein Schriftsteller, versucht das Geschehen filmisch zu rekonstruieren. Sie taucht wieder auf, reißt alle Vorhänge vom Fenster und von den Wänden, wo riesige Plakate älterer Filme von Panahi hängen. Spätestens jetzt wird klar, um wen es hier geht. Panahi taucht selbst auf, wird zum vierten Charakter in diesem Hirngespinst um lebendig gewordene Charakterzüge und der Furcht vor dem Tod als Künstler.

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Und so geht es munter weiter mit dem Vexierspiel um Identität und Widerstand und das richtige Tun. Das ist irgendwann sehr vertrackt, wenn auch die Gespräch zunehmend metaphorisch und vieldeutig werden. Sicher hatten einige Zuschauer Mühe mit dem Film, den man aber vor allem als Lebenszeichen betrachten muss, als Hilferuf auch: Vergesst uns nicht, ich mache weiter. Vergessen wurde er offenbar selbst ganz Oben nicht: Zum ersten Mal hat die Bundesregierung direkt im Iran darauf gedrungen Panahi reisen zu lassen - ohne Erfolg.

„Du darfst nicht warten“, sagt eine Figur, und meint damit den Regisseur Panahi, den Künstler, der weitermachen muss - egal was passiert. Der Film mag für sich allein betrachtet Längen haben und schwer verständlich sein, aber genau darum geht es letztlich auch: Das Leben von Panahin ist voller Längen und Zweifel und jeder Entscheidung ist schrecklich komplex und für Außenstehende schwer verständlich.

Dieser Film sieht genau so aus, weil Panahi über andere nichts filmen darf. Also macht er einen Film über sich. Das ehrlich und offen mit der Welt zu teilen, ist der große Mut und Gewinn dieses Films, der am Ende für Hund und Autor und Regisseur gut ausgeht. Hoffentlich.

Kommentare ( 1 )

Ein zutiefst beeindruckender Film, der den Goldenen Bären verdient hat.

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Titel

Orignaltitel

Parde

Englischer Titel

Closed Curtain

Credits

Regisseur

Jafar Panahi

Schauspieler

Zeynab Khanum

Maryam Moghada

Agha Olia

Jafar Panahi

Kamboziya Partovi

Hadi Saeedi

Azadeh Toradi

Land

Flagge Islamische Republik IranIslamische Republik Iran

Jahr

2013

Dauer

106 min.

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