KREUZWEG von Dietrich Brüggemann

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Pater Weber bereitet Maria auf die Kommunion vor (Bild: Dietrich Brüggemann)

KREUZWEG ist ein Film der Strenge. Das wird schon deutlich bevor der eigentliche Film beginnt – beim Vorspann. In kleinen weißen kantigen Buchstaben taucht der Filmtitel auf dem ansonsten komplett schwarzen Hintergrund auf. Es gibt keine Musik, die Buchstaben bleiben unbewegt. Dann taucht genau so schlicht auf der Leinwand auf: „1. Station: Jesus wird zum Tode verurteilt“. Der Kreuzweg kann beginnen. Nach diesem Auftakt ist die Begeisterung, die Pater Weber (Florian Stetter) für seinen Kommunionsunterricht fast eine Erleichterung, seine
Worte allerdings weniger: Er klagt über „dämonische Rhythmen“ und andere Versuchungen. Er warnt vor Oberflächlichkeit, dem Wunsch anderen zu gefallen und Hochmut. Seine Botschaft an die Kinder: Mit der Kommunion werden sie zu Erwachsenen und sollen als „Soldaten Jesu“ dienen, um Gottes Wort zu verbreiten und – „mit einem Lächeln“ andere auf sündhaftes Verhalten hinzuweisen. Maria (Lea van Acken) nimmt an diesem Kommunionsunterricht mit großem Ernst teil. Nach dem Unterricht bleibt sie als Einzige sitzen und fragt den Priester, was sie tun könne, um ihr ganzes Leben Jesus zu opfern.

Maria ist ihre Religion wichtig, denn ihre Eltern sind Mitglieder in einer streng-konservativen katholischen Gemeinde, die von den fiktiven Paulus-Brüdern geleitet wird. Wer dabei jetzt an die an die Priesterbruderschaft Sankt Pius X. denkt, ist auf der richtigen Fährte. Pater Weber zum Beispiel geißelt die Neuerungen des Zweiten Vatikanischen Konzils. Er lehnt die Predigt auf Deutsch statt auf Latein und andere Modernisierungen der Kirche ab. Marias Mutter (Franziska Weisz) hat ähnliche Meinungen zum gemeinsamen Sportunterricht von Mädchen und Jungen, den es an Marias Schule gibt. Und natürlich auch zu jeder Art nichtkirchlicher Musik, allem was „modern“ ist und alles was ein Mädchen im Teenageralter interessant finden könnte.

Mit KREUZWEG führt Dietrich Brüggemann die Konsequenzen eines kompromisslosen Glaubenskonzeptes vor, in dem Menschlichkeit nicht vorgesehen ist. Ein Abweichen vom Glauben, wie ihn die Paulus-Brüder verfechten, ist nicht möglich. Möglich ist nur der Ausbruch, aber den wagt Maria nicht. Ihr Leben als Opfer zu bringen, ist ihre Alternative. Es ist unsinnig, zu behaupten, dass sie diese Alternative wählt. Sie kann sich dem Druck ihrer Mutter nicht entziehen und vor allem nicht dem unbedingten Wunsch, die Anerkennung ihrer Mutter zu finden. Am Ende bleibt Maria der religiöse Wahn als quasi persönliche Übererfüllung der Glaubensvorschriften.

Die Strenge dieses Glaubens bestimmt nicht nur Marias Leben, sondern auch den gesamten Film. Regisseur Dietrich Brüggemann gliedert den Film konsequent in die Stationen des Kreuzwegs. Jede Station von der schon wird durch eine Texttafel angekündigt. Für jede Station gibt es nur eine Kameraeinstellung, innerhalb der einzelnen Stationen gibt es keinen Schnitt. Jede Station ist also eine Szene. Sosehr der Film formal überzeugt, sosehr stören die Qualitätsunterschiede bei den einzelnen Stationen. Im Gedächtnis haften bleiben Szenen wie Marias Beichte bei Pater Weber oder ein quälendes Abendessen mit der Familie, in dem Maria ihrer Mutter eine Lüge gesteht. Völlig missraten ist dagegen eine Szene im Schulunterricht, in der in hölzernen Dialogen die Themen „Toleranz“ und „Religionsfreiheit“ auftauchen. Hier weichen die Drehbuchautoren Anna und Dietrich Brüggemann von ihrem guten Plan ab, etwas zu zeigen, worüber ich dann jeder Zuschauer seine eigenen Gedanken machen kann. Stattdessen fangen sie an, zu belehren. Auch die beiden Krankenhausszenen, die Station 11 und 12 des Kreuzweges entsprechen, halten nicht das Niveau anderer Szenen. Aber trotzdem ist es schwer möglich, sich dem Film zu entziehen. In der Pressevorführung konnte man das auch an dem hysterisch-verdrucksten Gelächter einiger Zuschauer spüren, die lachten, wo es nichts zu lachen gab und sich über diese Schockreaktion sofort nochmal erschreckten. KREUZWEG ist es also offensichtlich gelungen, sein Publikum mit dem Thema Glauben und seinen negativen Konsequenzen zu konfrontieren.

Die vierzehnte und letzte Station – „Jesus Leib wird ins Grab gelegt“ – enthält die einzige echte Kamerafahrt des gesamten Films: Während ein Bagger das Grab von Maria zuschüttet, zieht die Kamera auf, fährt nach oben und zeigt als letztes unbewegt den Himmel – er ist von grauen Wolken verhangen.

Kommentare ( 1 )

Das kann ich als Gläubiger der Piusbruderschaft nicht bestätigen. Würde mal gerne wissen wo da recherchiert worden ist? War selber jahrelang in der Jugendbewegung und meine Erfahrungen sind absolut konträr zu den im Film beschriebenen.

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Titel

Orignaltitel

Kreuzweg

Englischer Titel

Stations of the Cross

Credits

Regisseur

Dietrich Brüggemann

Schauspieler

Florian Stetter

Lea van Acken

Franziska Weisz

Land

Flagge DeutschlandDeutschland

Flagge FrankreichFrankreich

Jahr

2014

Dauer

107 min.

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