Goldener Bär 2015: TAXI von Jafar Panahi

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Taxifahrer sind so etwas wie die lebensnahen Lieblinge der Regisseure – können sie doch durch ihren dauernden Kontakt mit den Fahrgästen sehr verlässlich die Stimmung einer Gesellschaft an einem bestimmten Ort, zu einer bestimmten Zeit einfangen. TAXI DRIVER, COLLATERAL und NIGHT ON EARTH sind nur einige der zahlreichen Beispiele dafür. Nun hat sich der iranische Regisseur Jafar Panahi für seinen Film TAXI selbst ans Steuer eines Taxis gesetzt, im Jahr 2014 in Teheran. Die Begegnungen, die er dabei hat, ergeben eine kluge und unterhaltsame (!) Bestandsaufnahme der gegenwärtigen Stimmung im Land.

Es ist kein Zufall, dass Panahi als Drehort für seinen neuesten Film den relativ geschützten Raum eines Autos gewählt hat – ist er doch in seinem Heimatland wegen regimekritischer Töne in seinen Filmen zu sechs Jahren Gefängnis und einem 20-jährigen Berufs- und Reiseverbot verurteilt worden. Ein echter Dreh im offenen Stadtraum wäre zu gefährlich und wahrscheinlich gar nicht umsetzbar gewesen. Erstaunlich ist jedoch, mit welcher Gelassenheit – ja, fast Heiterkeit – der Film seine Geschichte erzählt. Immer wieder kommt es zu komischen Momenten, und der stets ruhige und freundlich lächelnde Regisseur erscheint als Ruhepol im Trubel der Großstadthektik.

Es sind kleine Bildausschnitte, die uns der Film in den Alltag der Teheraner gewährt. Dabei wirken diese Szenen nie gewollt oder gar lehrerhaft; fast möchte man glauben, sie sind spontan entstanden – was natürlich nicht stimmt. Da diskutieren ein Mann und eine Frau über die Sinnhaftigkeit drakonischer Strafen für Kleinkriminelle, die zur Abschreckung dienen sollen. Da stöhnt ein schwer verletzter Mann sein Testament in eine Handykamera, damit seine Ehefrau nach seinem Tod nicht von seinen Brüdern enteignet wird, da sind zwei ältere Damen fest davon überzeugt, dass sie sterben werden, wenn sie nicht zwei Goldfische bis zu einem bestimmten Zeitpunkt in einem öffentlichen Gewässer ausgesetzt haben. Ein DVD-Schwarzhändler bietet Filme an, die im Land offiziell nicht zu haben sind, und ein Freund gesteht, warum es aus Mitleid darauf verzichtet hat, einen Dieb anzuzeigen. Zwischendurch erzählt dann Panahis Anwältin – ebenfalls ein Fahrgast – von den neuesten Fällen polizeilicher Willkür. Auch sie lächelt den Irrsinn tapfer weg und hat, wie stets, wenn sie zu ihren Klienten fährt, einen Strauß roter Rosen in den Händen.

Überhaupt fällt auf, wie wortgewaltig und selbstbewusst die Frauen Teherans in diesem Film sind: Keine, die sich von einem Mann den Mund verbieten lassen würde, alle sind sie durchaus streitbar und durchsetzungsfähig. Die Politik der Unterdrückung dringt anscheinend eben doch nicht in alle Lebensbereiche vor, zumal nicht in einem Land, das traditionell für seine extrem emanzipierten Frauen bekannt war. Die jüngste Vertreterin in diesem Reigen selbstbewusster Frauen ist Panahis kleine Nichte, die er von der Schule abholt. Sie berichtet ihm eifrig, welche Kriterien die Lehrerin für einen dem System genehmen Film festgelegt hat: keine Helden mit iranischen Namen (sie sollen muslimische Namen tragen), keine Helden mit Krawatten, keinen „schmutzigen Realismus“. Das kleine Mädchen stellt dann aber bei eigenen spontanen Regieversuchen im Straßenraum bald fest, dass dem schmutzigen Realismus leider nicht zu entkommen ist, will man die Wahrheit nicht verbiegen.

Panahis Coup, wie er den Film überraschend enden lässt, sei an dieser Stelle nicht verraten. Er ist aber von einer solch leichtfüßigen Symbolik, dass man den Filmemacher allein dafür heftigst beglückwünschen möchte. Für den Rest des Films allerdings auch. 2006 hat Panahi den Silbernen Bären für OFFSIDE gewonnen. Man würde ihm für TAXI, wenn auch in zwangsweiser Abwesenheit, ein ebenso großes Bärenglück wünschen.

Kommentare ( 1 )

Es ist gleichzeitig deprimierend und ermutigend: Die idiotischen iranischen Behörden schränken Panahis Möglichkeiten ein und dennoch können sie seine Kreativität nicht ersticken. Trotzdem ist es frustrierend, dass ein Künstler unter solchen Bedingungen arbeiten muss.

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Titel

Orignaltitel

Taxi

Credits

Regisseur

Jafar Panahi

Land

Flagge Islamische Republik IranIslamische Republik Iran

Jahr

2015

Dauer

82 min.

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