CROSSING EUROPE 2022: AEIOU DAS SCHNELLE ALPHABET DER LIEBE von Nicolette Krebitz

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Anna (Sophie Rois) ist als Schauspielerin nicht mehr so gefragt. Das heißt noch lange nicht, dass sie sich bei einer Hörspielproduktion vom widerwärtigen Kollegen antatschen lässt. Da geht sie lieber. Aber Anna hat einen Scheißtag. Vor der Paris Bar klaut ihr auch noch ein Jugendlicher die Handtasche. Doch ein junges Paar stellt den Dieb nach einer Verfolgungsjagd, lässt ihn laufen und bringt Anna die Handtasche zurück. Nur ein paar Tage später entpuppt sich eben dieser Dieb als der gehemmte Adrian (Milan Herms), dem Anna für ein Schultheaterprojekt richtiges Sprechen beibringen soll. Einen Auftrag, den sie nur widerwillig annimmt, aber sie braucht das Geld.

Das Sprechtraining läuft besser als erwartet. Anna hat sogar Spaß daran und sie findet Adrian interessant. Außerdem hat ihr der Sprechunterricht den Antrieb gegeben, das Arbeitszimmer ihres verstorbenen Mannes auszuräumen und aufzumöbeln. Nach und nach entsteht zwischen Anna und Adrian eine Beziehung. Adrian macht ihr Geschenke (die er klaut), Anna kocht Suppe, die beiden gehen Händchen haltend im Park spazieren. Adrian schwankt zwischen Mackertum und Verunsicherung, aber die Richtung gibt Anna vor. Adrian ist genau der Energieschub, den sie jetzt gebraucht hat. Er bringt etwas Neues in ihr Leben. Und sie bringt ihn dazu, auf der Bühne und darüber hinaus nicht der verlachte, unsichere Junge zu sein, der er vorher war. Das Theaterstück wird ein Erfolg.
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Dann aber sind die Theaterpremiere und das Schuljahr Geschichte. Hat Adrian die Versetzung geschafft? Anna weiß es nicht. Als sie Adrian findet, besäuft er sich gerade mit seinen prolligen Kumpels: Nein, er hat es nicht geschafft und lässt seine Wut an ihr aus. Es folgt ein großartiger Monolog von Anna über den Kinderglauben junger Männer, dass sie doch alles erreichen könnten im Leben, weil sie eben junge Männer seien. Und wie diese Männer dann weinerlich und beleidigt reagieren, wenn sich dieser Kinderglaube als Irrtum herausstellt. Ein Monolog, in dem Nicolette Krebitz ebenso knapp wie treffend zwei Dinge auf den Punkt bringt: Männer meinen ein Recht auf Glück und Erfolg zu haben und Frauen durchschauen das. Wer könnte einen solchen Monolog besser halten als Sophie Rois? Adrians Reaktion ist drastisch und gewalttätig. Sie ruft ihm zu: „Aber Du warst ein Star!“

Am Abend liegt ein völlig besoffener Adrian vor Annas Haustür. Sie sammelt ihn ein. Und dann fliehen beide gemeinsam an die Côte d’Azur. Was nun folgt, ist eine Räuberpistole. Zu zweit klaut es sich eben besser. Adrian liegt Belmondo-mäßig nach dem Sex auf dem Bett des Billighotels. Jetzt müssen die beiden entscheiden, wie weit sie gehen wollen. Nicolette Krebitz dreht die Pygmalion-Geschichte auf links, macht sich über den Sexismus ihrer eigenen Branche lustig und gibt noch eine Prise À BOUT DE SOUFFLE hinzu. Es macht Spaß sich das anzugucken – vor allem wegen Sophie Rois aber auch wegen Milan Herms in seinem Filmdebüt. Und Udo Kier und das ranzige aber heimelige West-Berlin sind mit dabei. Immer noch toll, der Udo Kier und das olle West-Berlin irgendwie auch.

Filmstills: Reinhold Vorschneider, Komplizenfilm

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Titel

Orignaltitel

A E I O U - Das schnelle Alphabet der Liebe

Englischer Titel

A E I O U - A Quick Alphabet of Love

Credits

Regisseur

Nicolette Krebitz

Schauspieler

Nicolas Bridet

Milan Herms

Udo Kier

Sophie Rois

Jahr

2022

Dauer

104 min.