Berlinale 2022: L’ÉTAT ET MOI von Max Linz

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Wenn Sophie Rois nicht nur die Gerichtspräsidentin von Berlin-Mitte mit dem wunderbaren Namen Josephine Praetorius-Camusot spielt, sondern auch die in einer Ausstellung zum Geburtstag der deutsch-französischen Freundschaft zum Leben erwachte Wachsfigur eines Kommunarden der Pariser Commune namens Hans List (seines Zeichens Komponist oder Kommunist – darüber herrscht einige Verwirrung), dann ist der Ton nicht Pathos wie in Brechts Gedicht Resolution der Kommunarden, sondern eher Screwball. L’ÉTAT ET MOI ist ein ganz seltenes Exemplar im Forum der Berlinale: eine echte Komödie. Zum weiteren Personal gehören Wachtmeister Detlev D. Detlevsen (Bernhard Schütz), der überaus ungeschickte und verliebte Rechtsreferendar Yushi Lewis (Jeremy Mockridge) und der scharf-konservative aber nicht besonders helle Staatsanwalt Donnerstrunkhausen (Hauke Heumann).

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Max Linz macht das, was ein guter Autor und Regisseur macht, wenn er seiner Hauptdarstellerin eine Doppelrolle gibt – eine Verwechslungskomödie. Und weil es eine Screwballkomödie ist, gibt es Slapstick, Wortwitze, skurrile Figuren (Kerstin Grassmann als bellend-berlinernde Museumsaufseherin mit Hang zur Rauchpause) und andere Albernheiten – so soll es sein. Der Irrsinn findet statt vor dem Hintergrund der Neuinszenierung von Victor Hugos Roman Die Elenden (Les Misérables) an der Staatsoper zu Berlin. Ein Buch, das bekanntlich zu unzähligen Filmen, mehreren Theaterstücken, einem Musical und zur Verfilmung selbigen Musicals verwurstet wurde. L’ÉTAT ET MOI rührt weiter im Wurstbrät, und wir als Zuschauer freuen uns.

Als wäre dies alles nicht genug, ist der Film nicht nur Verwechslungs- sondern auch Gerichtskomödie. Auf sehr spezielle Art geht es um die Kontinuität des deutschen Strafgesetzbuches, das im Mai 1871 als Reichsstrafgesetzbuch erlassen wurde und als Strafgesetzbuch der Bundesrepublik Deutschland bis heute fortdauert. Aber wer wissen will, was es damit auf sich hat, muss den Film schauen. Nur so viel sei verraten: Ein Fiaker und der Finger eines Pianisten spielen eine Rolle.

Filmstills: Markus Koob, SchrammFilm, Salzgeber

Kommentare ( 1 )

Eine Komödie über die Auswirkungen des Strafgesetzbuchs von 1871, dazu die Elenden als Screwball Doppelgängergeschichte - oder wie auch immer. Dir den unter 100 möglichen Filmen rauszusuchen, spricht irgendwie für dich, hehe.

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Titel

Orignaltitel

L' etat et moi

Credits

Regisseur

Max Linz

Schauspieler

Hauke Heumann

Martha Mechow

Jeremy Mockridge

Bernd Moss

Sarah Ralfs

Sophie Rois

Bernhard Schütz

Jahr

2022

Dauer

85 min.