Blog-Artikel von Andreas Tai

02.07.17 17:41

Bye, Bye Filmfest München 2017

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Das Münchner Filmfest ist vorbei. Es wurde nicht zu viel versprochen. Es war eine Woche voller wundervoller Geschichten.

Den krönenden Abschluss bildete für mich ZWEI IM FALSCHEN FILM. Laura Lackmann hat einen ehrlichen, schwarzhumorigen und tragikkomischen Liebesfilm gedreht. Der Dialogwitz in den kleinen Sticheleien zwischen Hans (Marc Rosemann) und "Heinz" (Laura Tonke) sucht seines gleichen. Lackmanns zweiter Film kommt Anfang 2018 in die Kinos.

Ein Filmstill aus dem Laura Lackmanns Film: Zwei im falschen Film.

Es war ein tolles Festival! Glückwunsch an alle, die dazu beigetragen haben!

01.07.17 18:10

FILMFEST MÜNCHEN: MAGICAL MYSTERY ODER: DIE RÜCKKEHR DES KARL SCHMIDT von Arne Feldhusen

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HERR LEHMANN sprach vielen 60er und 70er Jahrgängen aus der Seele. Der Debüt-Roman von Sven Regener ist eine schöne, leicht wehmütige Erinnerung an ein Berliner Vor-Wende-Gefühl. Die Verfilmung von Leander Haußmann brachte das 2003 ziemlich gut auf die Leinwand. Sven Regener schrieb das Drehbuch.

Auch bei der Verfilmung von MAGICAL MYSTERY ODER: DIE RÜCKKEHR DES KARL SCHMIDT war Regener wieder der Drehbuchautor. Zunächst wollte er nicht und man engagierte einen anderen. Dann las er den ersten Entwurf des Drehbuchs und übernahm es dann doch wieder selbst.

MAGICAL MYSTERY ist eine Fortsetzung von HERR LEHMANN. Hauptfigur ist aber nicht Herr Lehmann, sondern Karl. Im HERR LEHMANN Film wurde er von Detlev Buck gespielt. HERR LEHMANN endete mit der Einlieferung von Karl in die Psychiatrie. Fünf Jahre später wohnt Karl in einer Drogen-(Entzugs)-WG in Hamburg Altona. Zufällig trifft er dort in einer Eisdiele seinen alten Berliner Kumpel Raimund. Das Schicksal nimmt seinen Lauf. Wenig später ruft Ferdi aus Berlin an. Ferdi betreibt mit Raimund gemeinsam das Techno-Label Bum Bum Records. Karl soll bei der MAGICAL MYSTERY CLUB TOUR den Aufpasser spielen.

MAGICAL MYSTERY hatte auf dem Münchner Filmfest Premiere. Wieder gelingt das Kunststück. Wieder ist da dieses Lebensgefühl, zwischen leichter Wehmut und voller Lust am Leben. Statt Vorwendezeit ist es dieses Mal die Nachwendezeit mit ihren ausgelassenen Clubnächten und Techno-Raves. Die Orte des Geschehens sind Bremen, Köln, Hamburg und Dortmund, also nicht Berlin, aber Berlin ist eben auch dort, wo Berliner sind.

Es hat viel Gründe, warum MAGICAL MYSTERY so gelungen ist. Natürlich liegt es an der Buchvorlage und dem Drehbuch von Sven Regener. Einen sehr großen Anteil haben aber auch Regisseur Arne Feldhusen (bekannt durch STROMBERG, TATORTREINIGER und LADYKRACHER) sowie das exquisite Darstellerensemble.

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Detlev Buck ist wieder mit von der Partie. Für die Rolle des Karl ist er aber inzwischen zu alt. Dafür glänzt Buck in der Rolle des Label-Chefs Ferdi, der zwischen Koks- und Technoeuphorie verpeilte Chef-Ansagen macht, die dann überraschenderweise auch noch funktionieren. Nicht weniger grandios ist Charly Hübner, der in MAGICAL MYSTERY den Karl spielt. Dazu kommen u.a. noch Bjarne Mädel als Betreuer der Drogen-WG, Marc Hosemann als Raimund und Annika Meier als Rosa. Zurecht wurde Meier auf dem Filmfest für die Rolle der cool abgeklärten Rosa ausgezeichnet.

MAGICAL MYSTERY macht Spass und das bereits in der Nachmittagsvorstellung. Nicht auszudenken, wie es bei einer Abendvorstellung sein wird, wenn sich noch ein paar Bier dazugesellen.

Am 31.8., passend zu der Zeit im Jahr, wenn das Sonnenlicht des späten Nachmittags den Sommer verabschiedet, startet der Film offiziell in den Kinos.

29.06.17 20:46

FILMFEST MÜNCHEN: IMMER NOCH JUNG von David Schlichter und Fabian Halbig

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Killerpilze, Killerpilze...hmmmm...war das nicht diese Teenie-Bands? Jaaa, das stimmt schon...aber irgendwie auch nicht. Zum einen sind Jo, Fabi und Mäx längst keine Teenies und auch keine Teenie-Band mehr. Und sie waren nicht "irgendeine" Teenieband. Sie waren die jüngste Punk-Rockband Deutschlands. Schlagzeuger "Jo" war bei Bandgründung 9 (!). Schon auf den ersten Konzerten der Killerpilze liefert er ein Set, dass man den Hut zieht.

Zur gleichen Zeit, als sich die Killerpilze 2002 gegründet haben, hat der damalige Schulkumpel David Schlichter eine Videokamera geschenkt bekommen. Seit dem hat er die Geschichte der Band gefilmt. Es ist alles dabei: die ersten Proben im Kinderzimmer, der Start in Dillingen und Umgebung, das erste Mal Fernsehen (bei Kika!) und dann (quasi als Höhepunkt) 2013 der Auftritt bei Rock am Ring.

IMMER NOCH JUNG ist ein mitreißender Musikfilm, in dem man außerdem sehr viel über die Mechanismen des Musikbusiness erfährt. Besonders gefallen die frühen Konzertaufnahmen, in der die Band mit ihrem Punkrock die Kids in Jugendzentren zum Pogen bringt. Drei Jahre nach Gründung wurden die Killerpilze dann von Universal unter Vertrag genommen.Der rasante Aufstieg begann.

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Doch nicht alles verlief rosig. 2007 verließ Bassist Andreas "Schlagi" Schlagenhaft die Band. Für ihn passten Kommerz und Bravo-Cover nicht mehr zu seiner Idee von Punkrock. Dann beendete Universal nach nur zwei Platten überraschend die Zusammenarbeit. Doch die Killerpilze machten weiter und gründen ihr eigenes Label. Respekt. Am Ende werden sie wie die Rolling Stones noch mit 70 auf der Bühne stehen, dann vielleicht endlich, wie erträumt, im Münchner Olympiastadium.

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Das Publikum ist nach der Aufführung restlos begeistert. Es gibt Standing Ovations (natürlich sind auch viele Fans im Publikum). Fabian Halbig lädt gleich mal alle zur Premierenparty in den Cord Club ein. Sympathisch.

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Man kann nicht anders, als das Münchner Filmfest für solche Events zu lieben. Natürlich ist man auch bei der Berlinale nah dran. Es gibt Publikumsgespräche. Aber selten ist es so nett familiär wie in München. Im Kino vermischen sich Publikum und Filmcrew, man schaut gemeinsam den Film und hinterher steht man vor dem Arri auf der Straße und genießt die Münchner Sommernacht.

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Nachtrag: IMMER NOCH JUNG gewann auf dem Filmfest den Publikumspreis!

28.06.17 13:45

FILMFEST MÜNCHEN: AMERICAN VALHALLA von Andreas Neumann und Joshua Homme

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Josh Homme ist ein Rocker. Er macht das gleich mal klar, als er nach der Vorführung von AMERICAN VALHALLA, lässig, mit einer Bierflasche in der Hand die Bühne betritt. "Let's gonna fucking sit at the front of the stage". Und so sitzen er, Co-Regisseur Andreas Neumann und der Moderator am Rande der Bühne im Carl-Orff-Saal am Gasteig. Schon bald steckt sich Homme eine Zigarette an. Das Rauchen an Veranstaltungsorten ist zum symbolischen Akt geworden. Wer dies in Deutschland noch macht (und das sagt einiges über unsere Zeit), hat entweder Heiligenstatus erlangt (wie ehemals Helmut Schmidt) oder er "just gives a FucK" (wie Josh Homme).

Zugegeben, ich bin ignorant. Ich wusste bis zum Film nicht einmal, dass Homme Sänger der Queens of the Stone Age ist, geschweige denn, dass er die Kultband Kyuss und die Eagles of Death Metal (mit-)begründet hat. Daher sei ihm alles großzügig verziehen (auch, dass er sich im Film wirklich "sehr" cool gibt). Er ist halt eine feste Größe im Rock 'n' Roll.

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Für Fans von Josh Homme und Iggy Popp hat AMERICAN VALHALLA einiges zu bieten. Es kommt sehr gut rüber, wie das POST POP DEPRESSION Album mit Iggy Pop 2015 entstanden ist und wie sich die beiden Rock-Ikonen kennengelernt haben. Überraschenderweise hatte sich Iggy Pop an Josh Homme gewandt, nicht umgekehrt. Nach einigen Brief(!)wechseln, haben Iggy und Josh dann zusammen mit Queens of the Stone Age Gitarrist Dean Fertita und Artic Monkey Drummer Matt Helders im "Wüstenstudio" Rancho De La Luna das Album eingespielt. Der Film hört hier aber nicht auf. Er zeigt auch, wie sie später (verstärkt durch Queens of Stones Age Gitarrist Troy Van Leeuwen) auf Tour gehen. Die Konzertaufnahmen gehören ohne Zweifel zu den stärksten Szenen im Film. Wenn man Iggy Pop live auf der Bühne sieht, dann gibt es keine Zweifel, dass er einer der letzten richtigen Rockstars ist. Auch die Interviewszenen mit ihm sind sehenswert. Sie zeigen einen sensiblen, komischen wie ernsthaften Ausnahmekünstler.

Was bleibt zu sagen? Musikliebhaber dieser Welt: Schaut Euch AMERICAN VALHALLA an. Der Film ist eine gelungene Hommage an den Rock 'n' Roll und Iggy Pop.

27.06.17 14:22

FILMBEST MÜNCHEN: COLUMBUS von Kogonada

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Selten haben Architektur und menschliche Schicksale so beeindruckend zusammengefunden wie in COLUMBUS von Kogonada.

Jin (John Cho) kommt nach Columbus. Die Stadt hat nur 40.000 Einwohner, aber eine überproportional große Anzahl an bedeutenden Gebäuden von zeitgenössischen Architekten. Jin kommt nicht wegen der Architektur. Sein Vater, ein koreanischer Architekturprofessor, ist zusammengebrochen und hat seitdem sein Bewusstsein nicht wiedererlangt.

Er trifft Casey (Haley Lu Richardson), eine junge Bibliotheksangestellte, die sich von den Gebäuden ihrer Stadt stark angezogen fühlt. In den Momenten ihres Zusammenseins finden sie durch die Gebäude in ihre eigene Geschichte.

Columbus ist ästhetisch herausragend. Aber nicht nur das: Kogonada widmet sich seinen Figuren mit großer Einfühlsamkeit. Behutsam, wie ein gute Freund, nähert sich die Kamera Jin und Casey, als ob sie von ihrer Verletzlichkeit wüsste.

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Zu einem außergewöhnlichen Erlebnis wird COLUMBUS insbesondere auch durch John Cho (bekannt durch seine Rolle als Lieutenant Sulu in STAR TREK BEYOND) und Haley Lu Richardson. Ihr Spiel erfüllt den Raum im kleinen Kino der Hochschule für Film und Fernsehen, dass man alles um sich herum vergisst.

Es gibt diesen Moment, wenn man das Kino verlässt, durch eine Zeitschleuse geht und wieder in der eigenen Wirklichkeit ankommt. Bei vielen Filmen ist es wie ein Fingerschnippen. Doch dieses Mal dauert es länger. Etwas bleibt da, in Columbus.

FILMFEST MÜNCHEN: Galavorstellung Sofia Coppola

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Wenn man sie da vorne sieht, könnte man fast denken, hier steht eine Prinzessin. München bereitet Sofia Coppola einen Empfang, als sei sie die königliche Abgesandte aus einem fernen Märchenland. Vielleicht ist es Coppola auch ein wenig unangenehm. Ihre Worte sagen: "Danke für die Blumen!" Ihre Körpersprache sagt: "Hey, ich bin doch nur eine Künstlerin, die ihr Ding macht."

Dabei ist es schon eine kleine Sensation, dass die Regisseurin nach München gekommen ist. Ihre Filme werden weltweit verehrt. Wie zum Beleg stellt Film-Professorin Michaela Krützen in ihrer Laudatio eine Umfrage unter Studenten in den Mittelpunkt. Welchem Regisseur, welcher Regisseurin sollte die nächste Ausgabe einer Filmzeitschrift gewidmet sein? Sofia Coppola gewann.

Die Laudatio war Teil einer rundum gelungenen Gala. Michael Stadler moderierte mit bekanntem Charm und Witz, Diana Iljine war sympathisch spontan und zu Beginn spielte ein Jazz-Quartett drei Songs aus Coppolas Filmen. Als Coppola später sagte: "I didn't know that Germans can be so funny" durfte man das ruhig als Kompliment verstehen.

Über Coppolas neuesten Film DIE VERFÜHRTEN wurde in der Presse bereits viel im Rahmen von Cannes berichtet. Der Film gewann den Regiepreis. Der sehr nüchterne Stil mag vielleicht nicht jedem gefallen. Für alle, die am Gesamtwerk von Coppola interessiert sind, ist die Neu-Verfilmung des Südstaaten-Dramas natürlich trotzdem ein Muss.

26.06.17 9:48

FILMFEST MÜNCHEN: FLESH AND BLOOD von Mark Webber

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Manche Filmemacher sind wie Wissenschaftler. Sie pirschen sich an die Wirklichkeit heran. Sie experimentieren mit Möglichkeiten von Wahrhaftigkeit. So auch Mark Webber, Regisseur und Hauptdarsteller von FLESH AND BLOOD. Seine Form zu filmen ist schonungslos. Webber liefert sich aus, rückt seine Person, die Menschen, die er liebt und ihn umgeben, in den Mittelpunkt des Filmgeschehens.

Der Film beginnt mit der Gefängnisentlassung von Mark, gespielt von Mark (Webber). Er wird von seiner Mutter Cheri abgeholt. Er zieht wieder zu ihr und seinem 13-jährigen Halb-Bruder Guillermo. Beide sind keine Fiktion. Sie sind Mutter und Bruder von Mark Webber. Marks langsames Tasten zurück ins raue Leben bietet Anlass für einen genauen Blick auf die Verarmung in Philadelphia. Was ist dabei Wahrheit, was Fiktion? Es lässt sich nur schwer erkennen. Mark Webber lässt beides fließend ineinander übergehen.

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Er zeigt, wie seine Mutter eine Rede für die Kandidatur zur Vize-Präsidentschaft probt. Tatsächlich ist Cheri Honkala 2012 für die Grünen als US-Vize-Präsidentin angetreten. Im Film wie im wahren Leben engagiert sie sich für die Rechte der Obdachlosen.

Als Mark seinem Bruder Guillermo eine Videokamera schenkt, nutzt dieser sie für einen Film im Film. Er lässt Mark, Cheri und seinen drogenabhängigen Vater von ihrem Schicksal erzählen. Aus den Geschichten verbinden sich einzelne Puzzelteile zur Vergangenheit.

Webbers Experiment geht auf ganzer Linie auf. Viele Bilder sind in ihrer Unmittelbarkeit ergreifend. FLESH AND BLODD zeigt das Amerika, in dem Webber aufgewachsen ist: ein Milieu der Vergessenen ohne Perspektive.


24.06.17 16:14

FILMFEST MÜNCHEN: UN BEAU SOLEIL INTÉRIEUR von Claire Denis

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Über die Liebe reden und reden und reden. Und reden und reden und reden. Und reden und reden und reden. Das kann letztlich niemand so gut und schön wie der französischer Autorenfilm. Was will ich in der Liebe? Welcher Partner ist der richtige? Wie ernst ist es meiner Affäre? Was ändert sich, wenn wir miteinander schlafen? Ist dann der Zauber weg? Fragen, die sich einer frustrierte Generation 40+ besonders vehement stellen. Sie hat ja jede Konstellation schon einmal durchlebt, ohne dabei glücklicher zu werden. Juliete Binoche spielt diese Verzweiflung mit Bravour. Das beständige Hinterfragen von Verlangen, Liebe und Sehnsucht treibt sie und ihre Liebhaber an den Rande des Wahnsinns.

Die Regisseurin Claire Denis hat erst mit 40, angefangen eigene Filme zu drehen. Vorher war sie u. a. bei Wim Wenders und Jim Jarmusch Regieassistentin (z.B. für HIMMEL ÜBER BERLIN und DOWN BY LAW). Mit ihrem Erstlingswerk CHOCLOAT (nicht zu verwechseln mit CHOCOLAT von Lasse Hallström) gelang ihr 1988 gleich der Durchbruch. UN BEAU SOLEIL INTÉRIEUR ist nun ihr 13. Spielfilm. Formal und ästhetisch ist der Film zwar ansprechend, aber auch nicht außergewöhnlich. Er ist eine sehr gut Momentaufnahme unserer Zeit und veranschaulicht die Unmöglichkeit, dem Labyrinth von Fragen, in das wir mit der Überantwortung unseres eigenen (Liebes-)Glücks gestoßen wurden, zu entkommen.

23.06.17 13:44

Filmfest München 2017

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Geprüft habe ich es nicht. Aber ich bin mir sicher. Jede Berichterstattung habe ich mit einem Vergleich zwischen dem Münchner Filmfest und der Berlinale begonnen. Dieses Mal soll ein Foto reichen. Es sagt mehr als Worte.

Neben dem Sommer hat #ffmuch aber (wieder einmal) ein sehr gutes Programm. Gestern wurde es mit UN BEAU SOLEIL INTÉRIEUR von Claire Denis eröffnet und auch der neueste Film von Sofia Coppola, DIE VERFÜHRTEN ist mit dabei. Das Filmfest widmet der (darf man das noch sagen?) Jung-Regisseurin eine Retrospektive. Der besondere Clou: Festivalleiterin Diana Iljine hat auch Sofia Coppola selbst nach München geholt. Am Montag wird für Copolla der rote Teppich ausgerollt. Vorher steht sie für FILMAKERS LIVE in der Black Box Rede und Antwort (leider ist der Event schon lange ausverkauft). Fast als Kontrapunkt ist die zweite Retrospektive dem deutschen (das darf man bestimmt auch nicht sagen) Alt-Regisseur Reinhard Hauff gewidmet. Er hat u.a. STAMMHEIM und LINIE 1 aber auch DER MANN AUF DER MAUER mit Marius Müller-Westernhagen gedreht.

Traditionell finden sich weitere Entdeckungen aus Cannes im Programm. Neben UN BEAU SOLEIL INTÉRIEUR und DIE VERFÜHRTEN auch Michael Hanekes HAPPY END, FORTUNATA mit Jasmine Trinca (ausgezeichnet als beste Schauspielerin in der Sektion UN CERTAIN REGARD), CLOSENESS (Preis Filmkritik UN CERTAIN REGARD) und der Cannes Eröffnungsfilm LES FANTÔMES D’ISMAËL mit Charlotte Gainsbourg und Marion Cotillard. Wenn das Wetter mitspielt, dann gibt es was auf die Ohren (ich meine nicht die Bud Spencer Doku SIE NANNTEN IHN SPENCER, die auch gezeigt wird). Unter dem Motto LOUD AND FAMOUS laufen u.a. die Konzertfilme NEIL YOUNG: HEART OF GOLD, ZIGGY STARDUST AND THE SPIDERS FROM MARS und FALCO: DONAUINSEL LIVE. Das Münchner Filmfest im Sommer ist damit herrlich erfrischend wie ein Sprung in den Swimming Pool. Also: "Hinein ins Vergnügen"!

05.03.17 21:44

Kinostart 02. März 2017: LOGAN von James Mangold

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Wolverine ist zurück und das düsterer als je zuvor. Steffen Wagner hat den Film bereits auf der Berlinale 2017 gesehen und besprochen.

18.02.17 18:53

Berlinale 2017: Die Bären

Goldener Bär für den Besten Film

TESTRÖL ES LELEKRÖL (On Body and Soul) von Ildikó Enyedi


Silberner Bär Großer Preis der Jury

FÉLICITÉ von Alain Gomis

Silberner Bär Alfred-Bauer-Preis für einen Spielfilm, der neue Perspektiven eröffnet


POKOT (Spoor) von Agnieszka Holland

Silberner Bär für die Beste Regie

Aki Kaurismäki für die Regie von THE OTHER SIDE OF HOPE


Silberner Bär für die Beste Darstellerin

Kim Minhee für ihre Rolle in BAMUI HAEBYUN-EOSEO HONJA (On the Beach at Night Alone)


Silberner Bär für den Besten Darsteller

Georg Friedrich für seine Rolle in Helle Nächte


Silberner Bär für das Beste Drehbuch

Sebastián Lelio und Gonzalo Maza für das Drehbuch von UNA MUJER FANTÁSTICA


Silberner Bär für eine Herausragende Künstlerische Leistung aus den Kategorien Kamera, Schnitt, Musik, Kostüm oder Set-Design

Dana Bunescu für den Schnitt in ANA,MON AMOUR

Glashütte Original Dokumentarfilmpreis

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ISTIYAD ASBAH (Ghost Hunting) von Raed Andoni

...und passend zum Golden Bear das letzte Berlinale Beer. Good Bye and see you at Berlinale 2018.

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Die ersten Preise der Berlinale 2017 sind vergeben

Schon am Samstag Mittag haben die Unabhängigen Jurys ihre Preise in einer Pressekonferenz bekannt gegeben. Eindeutig heraus stach TESTRÖL ES LELEKRÖL (On Body and Soul) von Ildikó Enyedi. Der Film wurde von der Ökumenischen Jury als bester Film des Wettbewerbs ausgezeichnet und bekam ebenfalls den Preis der Filmkritiker (FIPRESCI) und den Preis der Leserjury der Berliner Morgenpost.

Auch die renommierten Panorama Publikumspreise sind nun vergeben.

Als Spielfilm gewann INSYRIATED von Philippe van Leeuw, in der Sektion Dokumentarfilm der viel beachtete und Oscar nominierte Film I AM NOT YOUR NEGRO von Raoul Peck.

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Wir bloggen jetzt seit über 12 Jahren zur Berlinale. Um nicht zu erstarren, ist es wichtig immer wieder neue Dinge auszuprobieren. Wir haben dieses Jahr einen kleinen Testlauf mit einer Datenseite gemacht. Fragestellung: wie können wir die Daten zu Berlinale Filmen visualisieren. Angefangen haben wir mit einer Auswertung verschiedener Berlinale Kritiken. So kann man in einer Übersicht sehr schnell sehen, welche Wettbewerbsfilme gut und welche weniger gut bewertet wurden

Spätestens nächstes Jahr zur Berlinale 2018 werden wir die Seite mit neuen Ideen fortführen und offiziell starten.

FÜNF STERNE von Annekatrin Hendel (Berlinale 2017)

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Bei Ines wurde Krebs diagnostiziert und die Ärzte geben ihre nicht mehr viel Zeit. Ihre Freundin, die Dokumentarfilmerin Annekatrin Hendel beschliesst, zusammen mit Ines mehrere Wochen in einem Fünf Sterne Hotel an der Ostsee zu verbringen. Sie hat ein Stipendium vom Hotel. Sie nutzt es für einen Dokumentarfilm über Ines und filmt ihre Hotelzimmergespräche mit der Freundin.

Das Ergebnis ist der Film FÜNF STERNE. Auf der Berlinale 2017 hatte er in der Sektion Panorama Dokumente seine Premiere. Die Filmemacherin betont vor der Vorführung und in anschließenden Q&A, wie persönlich dieser Film sei. Sie nutzt den Film für sich, um sich mit ihrer Freundin auseinanderzusetzen. Es ging weniger darum, ein filmisches Kunstwerk abzuliefern.

So lässt der Film mich auch etwas ambivalent zurück. Auf der einen Seite ist der persönliche Zugang sehr berührend. Henkel lässt Ines erzählen, wie Facebook ihr Leben radikal verändert hat, ihre Ehe in die Brüche ging und sie der Faszination einer Online-Liebe erliegt. Die Filmaufnahmen bringen uns Ines ohne Zweifel näher. Wir sind dabei, wie sie nach einem U-Turn in ihrem Leben noch auf die Kurve zurückschaut. Auf der anderen Seite fragt man sich, ob ein Dokumentarfilm auf der Berlinale nicht mehr Distanz mitbringen müsste, damit er sich klar von einem Privatvideo absetzt.

Wie so oft kommt es darauf an, welche Maßstäbe man an einen Film anlegt. Mit Sicherheit wird FÜNF STERNE dem eigenen Anspruch voll und ganz gerecht.

TERMINATOR 2: JUDGMENT DAY 3D von James Cameron

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Nach Titanic hat James Cameron nun auch TERMINATOR 2 restauriert und als 3D aufbereitet. Auf der Berlinale hatte die 3D-Version Premiere. Dafür gab es wohl keinen besseren Ort als den Zoo- Palast. Wenn dieses unglaublich schöne Kino mit erwartungsfrohen Film- und Terminator Fans gefüllt ist, dann macht die Berlinale ihren Namen als Publikumsfestival alle Ehre.

Im Gespräch nach der Vorführung bringt es James Cameron dann auf den Punkt: vielleicht noch wichtiger als die neue räumliche Dimension ist es, T2 wieder auf der großen Leinwand zeigen zu können.

Wenn dann der Vorspann mit seiner martialischen Musik beginnt, dann erfühlt es einem noch immer mit leichten Schaudern. Und tatsächlich: Der Terminator kann sich auch nach 25 Jahren noch sehen lassen! Viele Effekte verblüffen weiterhin und nicht zuletzt die Selbstironie des Films macht ihn äußerst unterhaltsam.

Die neue Räumlichkeit fügt TERMINATOR 2 eine weitere Qualität hinzu. Die Wiederaufbereitung ist ohne Zweifel sehr gelungen. Sie funktioniert auch deshalb, weil Cameron schon damals mit räumlicher Tiefe gedreht hat.

Im Laufe der 138 (!) Minuten gewöhnt sich das Auge schnell an den 3D-Effekt und die Begeisterung ist natürlich am Anfang am größten. Dieses ist aber es leicht zu verschmerzen und die Freude, diesen Kult-Klassiker wieder im Kino sehen zu können, überwiegt.

17.02.17 16:56

BAMUI HAEBYUN-EOSEO HONJA (On the Beach at Night Alone) von Hong Sangsoo

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Langsame Filme haben es bei Berlinale-Kritikern nicht leicht. Die Besprechungen von HELLE NÄCHTE, dem schönen Wettbewerbsbeitrag von Thomas Arslan, waren dementsprechend zwiespältig. Morgens um 9:00h muss für übermüdete Journalisten einfach mehr passieren. Allerdings ist dies auch bei BAMUI HAEBYUN-EOSEO HONJA nicht der Fall (Pressevorführung ebenfalls um 9:00). Wie Arslan nimmt sich Regisseur Hong Sangsoo viel Zeit zum Erzählen.

Gefühlte 90% des Filmes besteht I MBB BVB. aus Gesprächen. Fast immer beteiligt ist die Hauptfigur Younghee. Sie sinniert mit ihrer Freundin über ihr Leben, trifft zufällig ehemalige Kollegen oder diskutiert angetrunken mit flüchtigen Bekannten beim Abendessen. .

Nur in kleinen Etappen und wohldosiert gibt Hong Sangsoo etwas über das Leben von Younghee preis. Dadurch entsteht eine dramaturgische Spannung, die, wenn man sich darauf einlässt, mitreisst. Die Handlung als ein sich stetiges Ändern einer Erzählsituation ist von untergeordneter Bedeutung. Im Gegenteil: Was geht in Younghee vor? Welche Geschichte hat sie bis hierhin gebracht? Meisterhaft malt Hong Sangsoo mit filmischen Mitteln ein Lebensgefühl als Gemälde. Die übrig gebliebenen Stellen werden durch die Projektion unserer eigenen Geschichte vollendet.

16.02.17 19:51

WERNER NEKES – DAS LEBEN ZWISCHEN DEN BILDERN von Ulrike Pfeiffer (Berlinale 2017)

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Werner Nekes ist am 22.01.2017, zwei Wochen vor Eröffnung der Berlinale, verstorben. Die Vorführung von WERNER NEKES – DAS LEBEN ZWISCHEN DEN BILDERN ist daher mehr als eine Premiere. Sie ist eine Veranstaltung im Andenken an den Experimentalfilmer. Berlinale Festivalleiter Dieter Kosslick kommt vorbei und spricht ein paar einführende Worte. Der Filmkritiker Daniel Kothenschulte hält eine Laudatio.

In ihrem Dokumentarfilm nähert sich die Regisseurin Ulrike Pfeiffer behutsam dem Werk von Werner Nekes. Sie zeigt Ausschnitte aus seinen Experimentalfilmen und Teile aus Nekes umfangreicher Sammlung zu den Frühformen des bewegten Bildes. Teile aus dieser Sammlung werden von Nekes kommentiert. Er macht dies eloquent und treffsicher, jedes Wort sitzt. Seine Neugier auf die Prinzipien des filmischen Sehens ist ansteckend.

Zusammengehalten wird der Film von Gesprächen mit seinem ehemaligen Kameramann Bernd Upnmoor und mit Alexander Kluge, der sich wie gewohnt als Meister der assoziativen kulturgeschichtlichen Konversation erweist.

Für diejenigen, die sich bisher wenig mit Nekes Werken auseinandergesetzt haben, bringt der Film auch Überraschendes. So ging Christoph Schlingensief bei dem Filmkünstler praktisch in die Lehre und Helge Schneider war nicht nur mit Nekes befreundet, sondern spielte auch in Nekes Spielfilm JOHNNY FLASH die Hauptrolle. Ein Foto zeigt Nekes zusammen mit Joseph Beuys. Im Publikumsgespräch stellt sich heraus, dass Nekes einen 11-minütigen Kurzfilm mit und über Beuys gedreht hat. Der Titel ist der gleiche wie der diesjährige Wettbewerbsbeitrag auf der Berlinale: BEUYS.

Regisseurin Ulrike Pfeiffer und ihr Kameramann Bernd Meiners finden einen guten Rhythmus. Sie lassen Nekes ausreichend Raum, seinen Bewegtbild-Ansatz zu erklären oder direkt zu demonstrieren. So wird WERNER NEKES – DAS LEBEN ZWISCHEN DEN BILDERN zu einer eindrucksvollen wie auch anschaulichen Hommage.

15.02.17 18:07

REVOLUTION OF SOUND. TANGERINE DREAM von Margarete Kreuzer (Berlinale 2017)

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Wer in den 70er oder 80er Jahren aufgewachsen ist, der ist an Tangerine Dream (abgekürzt oft mit T.D.) nicht vorbei gekommen. Sie waren damals eine der wenigen deutschen Bands von internationalem Rang. Einerseits waren sie ihrer Zeit voraus, andererseits aber auch schon zu Lebzeiten berühmt. Man übertreibt nicht, wenn man T.D. als Pioniere der elektronischen Musik beschreibt.

REVOLUTION OF SOUND. TANGERINE DREAM ist da wie ein Geschenk und das nicht nur für Fans.

Der Werdegang von Künstlern, deren Schaffen sich über mehrere Jahrzehnte erstreckt, sagt beiläufig auch immer etwas über den gesellschaftlichen Wandel. Tangerine Dream begann Ende der Sechziger mit psychedelischen Rock (damals spielte Mastermind Edgar Froese noch an der E-Gitarre) und spielt heute in einer Formation angekommen, die Froese noch vor seinem Tod 2015 konzipierte und die Wechselwirkung von Musik und Quantenphysik erforschen soll.

Für ihre Betrachtung der fast 60-jährigen Bandgeschichte konnte die Regisseurin Margarete Kreuzer aus dem vollen Schöpfen. Neben 300 Stunden Material aus Froeses Privatarchiv standen ihr auch die Archive der Fernsehsender rbb, WDR und Radio Bremen zur Verfügung. Zudem konnte Kreuzer eine illustre Schar an Weggenossen für Interviews gewinnen. Von ehemaligen Bandmitgliedern wie Peter Baumann über die Musiker Jean-Michel Jarre  und Brian May bis zu den Film-Regisseuren Volker Schlöndorf und Michael Mann. Kreutzer hat alles sehr geschickt zu einem Gesamtporträt verbunden. Sie spannt mit leichter Hand einen Spannungsbogen von den Siebziger Jahren, als der Vatikan Tangerine Dream untersagte, in katholischen Kirchen zu spielen bis zur Komposition des Soundtracks zum populären Computerspiel GTA 5 (erschienen 2013).

Eine vertiefte Auseinandersetzung mit der musikalischen Entwicklung von T.D. sollte man zwar nicht erwarten. Auf Meilensteine und Bruchstellen wird aber im Film soweit eingegangen, wie es für das Verständnis des Kunstprojekts T.D. notwendig ist.

Nicht zuletzt wegen der vielen tollen Aufnahmen macht REVOLUTION OF SOUND. TANGERINE DREAM großen Spaß. So sehen wir die drei Bandmitglieder zu Beginn ihrer Karriere vor Regler-Türmen und alles erinnert mehr an das Cockpit eines Raumschiffs als an den Bühnenaufbau einer Musikband. Toll ist auch eine absurde Szene aus der SCI-FI Komödie „Warum die UFOs unseren Salat klauen“ wo Edgar Fröse an der Seite von Curd Jürgens spielt.

Getragen wird der Film von Auszügen aus Froeses biographischen Notizen, die aus dem Off von keinem geringeren als Alexander Hacke (Einstürzende Neubauten) vorgetragen werden. Zum Schluss des Films sagt Froese:

"Wenn sich am Ende deines Lebens der Kreis schließt, dann solltest du wieder beim Nullpunkt angekommen sein, aber auf einer höheren Oktave."

Über 90 Minuten lässt uns Magarete Kreutzer daran teilhaben, wie Fröse über 6 Jahrzehnte diesem Ideal entgegenlebt.

GABI von Michael Fetter Nathansky (Berlinale 2017)

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"Hey! Bleib doch mal stehen! Ich sprech mit Dir!" Die Kamera folgt einem breitem Rücken, auf dem ein großer Sack Zement liegt. Die Stimme scheint von jemandem zu kommen, der hinter dem Rücken läuft. Es muss eine Frau sein, klar, denn die Tonlage der Stimme ist recht hoch, und die Frau will ihren Mann oder Freund zur Rede stellen. Dann aber dreht sich "der Rücken um" und es ist nicht ganz so, wie man es sich gedacht hat.

Gisa Flake spielt Gabi. Flake hat ein außergewöhnliches Charaktergesicht und eine außergewöhnliche Statur. Beides passt hervorragend zu Gabi. Gabi arbeitet auf dem Bau als Fliesenlegerin. Hinter ihr lief keine Frau, sondern ihr Geselle Marco (Florian Kroop). Marco ist eher schmächtig und hat starke Ähnlichkeit mit Jan Böhmermann. Gabi dient ihm als "Anspielpartnerin". Er will üben, wie er mit seiner Freundin Schluss machen könnte. Gabi macht stoisch mit.

Regisseur Michael Fetter Nathansky hat ein gutes Gespür für Beziehungskonstellationen. Er zeigt, wie Gabi von ihrer Schwester ausgenutzt wird, wie sie ihren Vater pflegt und ihren Freund erträgt. Was auch kommt, Gabi lässt es über sich ergehen. Doch im Laufe des Films legt Gabi ihre passive Art ab und dreht den Spieß um. Sie fängt an, auf sehr amüsante Art und Weise mit den manipulativen Mechanismen unserer Alltagskommunikation zu spielen.

Fetter Nathansky nutzt GABI für ein Experiment, in 30 Minuten eine Filmidee umzusetzen. Als solches ist GABI, insbesondere Dank einer hervorragenden Gisa Flake, sehr gelungen.

14.02.17 13:47

2+2=22 [THE ALPHABET] von Heinz Emigholz (Berlinale 2017)

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14-mal war Heinz Emigholz mit seinen Filmen bereits auf der Berlinale. Das erste Mal 1982 mit NORMALSATZ, 2014 das bisher letzte Mal mit THE AIRSTRIP. Nach THE AIRSTRIP kündigte Emigholz an, dass er zukünftig neue Wege gehen werde. Ein Wechsel ins fiktionale Fach sei nicht ausgeschlossen. Nun ist er zurück und das gleich mit vier Langfilmen in der Berlinale Sektion Forum.

2+2=22 [THE ALPHABET] ist der erste Film in der Reihe. Fiktional ist der Film noch nicht, er ist aber ohne Zweifel anders als Emigholz Architekturfilme. Er setzt jetzt nicht nur auf das bewusste Hinschauen, sondern auch auf das bewusste Zuhören. In langen Einstellungen filmt er die Proben der Elektronikband Kreidler. Unter- und gebrochen werden diese Aufnahmen durch Straßenbeobachtungen in Tiflis und abgefilmten handschriftlichen Eintragungen aus Emigholz' Notizbüchern. Die Notizen sind nach Buchstaben geordnet. Ihre alphabetische Sequenz ist die Struktur von 2+2=22 .

Um die Filme von Emigholz erfassen zu können, braucht man eine Art konzentrierte Gelassenheit. Gerade bei 2+2=22 [THE ALPHABET] dauert es, bis man sich die Klammer zwischen den drei gestalterischen Aspekten "ersehen" und "erhört" hat. Das macht den Film zu einem spannenden und lohnenswerten Auftakt der Emigholz-Reihe. Die Komposition wird einem hier nicht gänzlich abgenommen.

Besonders faszinierend ist es, Kreidler beim Proben zuzuschauen. Ihre ernste und konzentrierte Arbeit an Klangstrukturen löst Pop-Musik vom Klischee des Jammens und rückt sie näher an das intellektuelle Schaffen eines Gebäudearchitekten.

11.02.17 15:01

TIGER GIRL von Jakob Lass (Berlinale 2017)

Fight Club im Tengelmann

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Maggie und Tiger im Supermarkt: Tiger stopft sich alles vorne in ihre Jacke, Maggie schaut entgeistert zu. Mal ist Tiger ganz nah bei Maggie, dann ist sie wieder wie vom Erdboden verschluckt. Es ist eine der ersten Begegnungen zwischen den beiden jungen Frauen. Tiger (Ella Rumpf) - cool, selbstbewusst, schlagkräftig - und Maggie (Maria Dragus) - brav, unsicher und schüchtern. Die Wandlung von Maggie beginnt. Die Nähe von „Tiger“ zu „Tyler“ kann kein Zufall sein. Am Ende ist Maggie vieles, aber eines bestimmt nicht mehr: brav.

Selten hat ein deutscher Film so viel Spaß gemacht. Er hat Drive und Rhythmus, etwas, was vielen deutschen "Schema F - Filmen" komplett abgeht. Schnitte, Kamera, Darsteller - es passt einfach alles zusammen. Gefilmt wurde an "Realschauplätzen" mit Menschen von den "Realschauplätzen". Der Lehrer in der Security-Ausbildung ist auch Ausbilder, die Lehrgangsteilnehmer sind auch seine Schüler. Basis für für den Film war kein konventionelles Drehbuch, sondern ein "Skeleton" von 32 Szenen mit jeweils 2 Sätzen nur knapp beschrieben. Der Rest wurde am Set improvisiert. Dadurch wirken die Dialoge ungekünstelt und "nah an der Straße".

Ist der Film brutal? Nun ja, es gibt schon einige handfeste Schlägereien, aber mehr im Martial Arts Stil. Es fließt kaum Blut. Aus Tiger Girl könnte man auch einen Comic machen mit „Bang“, „Zong“ und "Aaarrgh" Sprechblasen.

Nach LOVE STEAKS hat Jakob Lass wieder einen Volltreffer gelandet. Berlin und die Berlinale lieben TIGER GIRL bereits jetzt.

09.02.17 21:00

Geschafft: die Berlinale ist eröffnet! (Berlinale 2017)

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Die Hauptfrage auf dem roten Teppich und in der Eröffnungsgala: Wie politisch kann oder muss die Berlinale sein? Ist die Berlinale "Unterhaltung mit Haltung" wie ein ZDF Moderator den Festivaldirektor Dieter Kosslick fragte? Kosslick bezog Stellung und kritisierte die Haltung vieler Staaten zu Aleppo und der Flüchtlingsfrage. Ohne Zweifel ist die Berlinale auch durch ihn zu einem dezidiert politischen A-Filmfestival geworden.

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Letzte Vorbereitungen bevor es zur Berlinale Gala geht

Als Gala-Host witzelte Anke Engelke dann wie gewohnt durch den Abend. Allerdings fehlte die Leichtigkeit vergangener Jahre. Es ist schwierig, Comedy und deprimierende politischen Entwicklungen miteinander zu verbinden, besonders in einem offiziellen Rahmen wie der Berlinale.

Aber wir können sicher sein, dass die Berlinale uns nicht nur mit den Problemen der Welt konfrontieren wird. Sie ist auch immer eine Gelegenheit, für zehn Tage in die Dunkelheit des Kinosaals abzutauchen und alles um sich herum zu vergessen.

07.02.17 21:22

Yessss....Wir sind wieder dabei...Berlinale 2017!!!

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2017 ist ein anderes Jahr, als wir 2005 das erste Mal zur Berlinale gebloggt haben. Sagt man überhaupt noch "bloggen"? "Schreibt" man überhaupt noch über Filme? Machen Film-Festivals noch Sinn? Wird es die Berlinale in 10 Jahren noch geben?

Vieles ist ungewiss und gerade das macht die Berlinale 2017 vielleicht so spannend wie selten zuvor! Wir freuen uns auf die Filme, die Stimmung, Berlin und Euch!

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