Blog-Artikel von Jens Köster

16.02.06 17:55

Wettbewerb: "Sehnsucht" von Valeska Grisebach (2)

Ein kleines deutsches Weltwunder, was Valeska Grisebach da geschaffen hat. Immerhin hat sie es geschafft, mich morgens gegen Viertel vor zehn zum Weinen zu bringen. Eine Szene, die - und nicht nur die - Szeneapplaus bekommen hat. Szenenapplaus in Deutschland, also bitte! ...

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14.02.06 14:53

Tschingerassabumm beim jungen deutschen Film

Einmal im Jahr trifft sich der junge deutsche Film (ab 19, bis ca. 50) zum Kindergeburtstag. Auf Einladung und Deckel des "ZDF Kleines Fernsehspiel" (dem – Taschengeldgeber des jungen deutschen Films)gings dieses Jahr in den Sage-Club – 2 Stunden hatte der junge deutsche Film Zeit, ...

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"Im Schwitzkasten" - junger deutscher Film von Eoin Moore

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12.02.06 10:07

Panorama: "Bye, bye Berlusconi" von Henrik Stahlberg

Man könnte ihm ewig zu schauen: Maurizio Antonini alias Silvio Berlusconi alias „Mickey Louse” (aus rechtlichen Gründen, dazu unten mehr). Wie er ihn parodiert oder einfach nur nachspielt. Wobei sich der selbstkritische Rezensent spätestens...

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16.02.05 12:39

Kinderfilmfest: Der Italiener von Andrei Kravchuk

Regie: Andrei Kravchuk Drehbuch: Andrei Kravchuk
Darsteller:Kolya Spiridonov, Maria Kuznetosova, Nikolai Reutov

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italienische Reise

Von Filmemachern wird gerne behauptet, sie hätten ihre Kindheit bewahrt. Filmemacher behaupten das auch gerne von sich. Wer dieser Mähr nicht länger aufsitzen soll, dem sei ein Besuch des Kinderfilmfestes empfohlen. Bei einer durchschnittlichen Kinderquote von um die 50 % wird man sich seines und der Filmemachers Alter schnell bewusst: man brabbelt nicht mehr durch ganze Filme hindurch, stellt (ziemlich kluge) Fragen, robbt durch die Reihen und schaut anstelle der Leinwand fasziniert in die Gesichter ernster Filmrezensenten. Nein, nein, das macht man nicht, mehr, aber vielleicht sollte man mal wieder.
Dabei ist „der Italiener“ durchaus schwere Kost. Ein Waisenhaus in Russland. Alle sind korrupt. Ein älterer Waise, ohne Hoffnung auf Adoption, schickt die Mädchen auf den Straßenstrich. Der Leiter verkauft die Kinder in den Westen. Und mitten drin ist der sechsjährige Wanya, „der Italiener". Er soll an eine Familie nach Italien vermittelt werden. Alle beneiden ihn. Aber dann erscheint die Mutter eines anderen Waisen und Wanya stellt sich vor, dass auch seine Mutter ihn eines Tages suchen könnte. Wanya will nicht nach Italien und widersetzt sich damit den wirtschaftlichen Interessen von vielen. Es beginnt eine spannende Geschichte, die in einem kleinen Roadmovie mündet, das die Schwelle zum Kitsch nie überschreitet. Ein bisschen erinnert die Geschichte an John Irvings „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ – allerdings sind die Kinder rund um Wanya wesentlich härteren Bedingungen ausgesetzt und müssen mit weniger Schutz auskommen.
Dem jungen Publikum war das nicht zu viel. Im Gegenteil wurde heiß diskutiert, was man in welcher Situation selbst gemacht hätte. Und als dann nach dem Film der Schauspieler-Hänfling Kolya Spiridonov Autogramme verteilte, konnte man in den Augen vieler Kinder lesen, was sie selbst einmal werden wollen: Ins Filmgeschäft und für immer Kind bleiben...

Wettbewerb : Le Promeneur des Champes du Mars/ Der späte Mitterand von Robert Guediguian

Regie: Robert Guediguian Drehbuch: G. Taurand
Darsteller:Michel Bouquet, Jalil Lespert, Philippe Fretun, Anne Cantineau, Sarah Grappin, Catherine Salviat

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L’état c’est moi !

Eine Brunette solle er sich suchen! Nicht unter 25 Jahren, die würden nur spielen, 35 Jahre, das wäre ein ideales Alter. Kein Modell, die dürfe man nur anschauen, keinesfalls kennen lernen, Am besten aus dem Norden... boff. Späte Tipps des „späten Mitterands“ (hervorragend gespielt von Michel Bouquet)an einen jungen Journalisten.
Dieser Journalist Antoine Moreau (Jalil Lespert) fragt sich während des ganzen Films, warum der Präsident ihn für seine Memoiren ausgesucht hat, gerade ihn. Er spürt, gesteuert zu werden, der verkörperten französischen Geschichte nicht gewachsen zu sein und hat zu allem Überfluss auch noch private Probleme.
Letztlich brauchen und missbrauchen sie aber einander. Und da es im stillschweigenden Wissen geschieht, finden sie fast so etwas wie Halt in einander. Freilich nur für wenige Tage, die sich über Mitterands letzte Lebensmonate erstrecken. Vom Krebs gezeichnet, will er seine Präsidentschaft würdig über die Runden bringen, ohne, dass in der letzten Ministerratssitzung sein „Kopf schief zur Seite hängt“. Der im Film gezeichnete Mitterand ist ein Schelm, ein Mann mit Witz und Selbstironie, der lieber Julia Roberts in New York besuchen würde, als mit den Polit-Rentnern Thatcher, Gorbatschow und Bush Sen. In Palm Springs Geschichte zu feiern. Dann würde er die Roberts fragen, ob es wirklich nicht ihre Beine waren, damals in „Pretty Woman“. Dabei ist der Präsident an Geschichte durchaus interessiert. Sehr sogar. Schließlich geht es um sein Geschichtsbild. Und er ist sich sicher, der letzte große französische Präsident zu sein. Was komme, sind Bürokraten – daran sei Europa und die Globalisierung schuld. Seine Selbstgewissheit sagt ihm jedoch auch, dass man ihn bald vergessen haben wird. „Leidenschaft für die Gleichgültigkeit“ lautet eines der kältesten Motti, die er dem jungen Journalisten mit gibt, während sie wichtige Orte der französischen Geschichte besichtigen.
Der Film beruht auf einer umstrittenen Mitterand-Biographie. Buch wie dem Film wird Fiktion vorgeworfen. Darüber hinaus die Auslassung großer Skandale. Aber genau das macht den Film so gut. Es ist eine hervorragende Charakterstudie – ob sie dabei Mitterand genau trifft oder nicht, scheint fast egal. Man kann ihn sich so vorstellen. Viel näher kann man sich einem Menschen ohnehin kaum nähern. Noch dazu wird so auch der Film zum Thema seiner selbst: wie entsteht Geschichte, wer hat die Definitionsmacht. Wer bestimmt, entlang welcher Wegmarken die historischen Autobahnen durch den Dschungel der viel zu vielen Fakten und Meinungen gebaut werden?
Unweigerlich fragt man sich beim Schauen des Films, welcher junge Journalist wohl gerade Helmut Kohl begleitet. Wer neben ihm stand, als er im Weihnachtsurlaub auf Sri Lanka dem Tsunami trotze, wer sich in die Flut seines Erzählstromes wirft und darin unweigerlich mitgerissen und untergehen wird.
Der Joournlist Moreau ertrinkt übrigens nicht. Er wächst an der und an dieser Geschichte. Und die Sache mit der Brunetten... wird nicht verraten.

15.02.05 12:02

Feten und gefetet werden

Kleines Fernsehspiel/ großes Gedränge

Der Mann schleicht durch den Schnee wie ein Schwarzmärktler in „der dritte Mann“. Seine Ware: Eintrittskarten für den Empfang des „ZDF kleines Fernsehspiel“. Ich frage, ob er auch Karten für das WM-Endspiel hat. „Das ist das WM-Endspiel, Mann!!“ raunt er mir zu.

Wer sich nicht für Einladungen zu den etlichen Partys und Empfängen interessiert, der interessiert sich auch nicht für Geld. Denn diese Einladungen, Platzierungen auf Gästelisten und „Ich kenne jemanden der jemanden kennt, der schon drin ist“-Informationen sind neben Filmen im Berlinale Programm an denen man beteiligt ist und gottgegebenen gutem Aussehen, die einzige handelbare Währung des Festivals und damit des deutschen Kinos. Oder einfacher: Wer sich nicht dafür interessiert, hat keine Einladung. Wer sich nicht dafür interessiert, muss Filme gucken.
Natürlich sind diese Veranstaltungen in ihrer Großartigkeit durchaus zu übertreffen. Aber es gibt üppig zu essen, ebenso zu trinken, es gibt Gedränge, Lärm und man trifft immer jemanden, den man kennt, der jemanden kennt, der einem dann vorgestellt wird. Dann hört man, was andere gerade für ein Projekt ins Leben rufen (an dem man nie nie nie teilhaben wird) oder warum der und der dies und das nicht kann, ein Arsch ist, unsympathisch, unliebenswert etc (durchaus zu übertreffen). Denn das Filmgeschäft unterscheidet sich von anderen, durch eine manchmal schlicht ordinäre Offenheit.
Noch beliebter in diesem riesigen „Wir über uns“ ist allerdings das schlichte Vergleichen der einzelnen Veranstaltungen. „Warst du auch bei hmhmhm??“ – wer so fragt, fragt rhetorisch und erzählt dann, was man verpasst hat.
Ich hoffe nicht falsch verstanden zu werden. Diese feucht-fröhliche Nullkommunikation hat letztlich eine feste betriebswirtschaftliche Funktion im Business. Denn erst, wenn der Motor durch Sponsorenbier und –wein einigermaßen auf Touren ist, werden neue Projekte ins Leben gerufen. So etwas passiert sonst nur bei Künstlers im Schreibstübchen (werden nie realisiert), an Filmhochschulen (will keiner sehen) und eben auf Partys (klassische Ursprungsmythos-Anekdote, die man dann bei Kerner oder Beckmann zu hören bekommt).
Das kleine Fernsehspiel des ZDF ist ein solcher Ort für Ursprungsmythen. Darum verzeiht man den Veranstaltern, dass sie nicht ein paar öffentlich-rechtliche Groschen mehr in den Veranstaltungsort investiert haben, dass es Bier nur in schwer zugänglichen Ecken gibt, als handele es sich um Bückware und das Buffet in einem Durchgang aufgebaut ist. Denn das alles gehört dann später zum Mythos. Sollte ich zum Beispiel eine Karte für das WM-Endspiel Anfang Juni 2006 in Berlin bekommen, werde ich in meinen Ursprungsmythos die Fete des kleinen Fernsehspiels einflechten und versuchen im Jahr darauf, ein entsprechendes Filmprojekt ins Leben zu rufen.
So, ich muss dann auch los.

14.02.05 13:11

Wettbewerb: Hotel Rwanda von Terry George

Regie: Terry George Drehbuch: K. Pearson, T. George & Don Cheadle
Darsteller: Don Cheadle, Sophie Okonedo, Nick Nolte

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echt, real

Don Cheadle spielt Paul Rusesabagina und Paul Ruseabagina spielt Don Cheadle. Die beiden geben auf dem Festivalgelände Autogramme. Näher können sich Spielfilm und Realität kaum kommen. Der für diese Rolle Oskar nominierte Don Cheadle spielt den Hotelmanager Paul Ruseabagina, der während des Genozids in Ruanda 1200 Menschen das Leben gerettet hat. „Hotel Ruanda“ erzählt diese Geschichte auf atemberaubende Weise und steuert den Tatsachen nur „zehn Prozent Pfeffer und Salz“ (Ruseabagina) bei, um den Geschmack des Publikums besser zu treffen. Der Film wird neben „Sophie Scholl“ wohl zu den meist beweinten Festivalbeiträgen gehören. Verbinden tut die beiden Filme, dass sie von Menschen handeln, die sich dem Massenschlachten ihrer Zeit entgegen stellten. Mit dem Unterschied, dass Ruseabagina seinem Film beiwohnen kann.
Dass das so ist, erscheint angesichts der Ereignisse ein Wunder. Täglich musste er mit den Hutu-Schlächtern um das Leben der Tutsi im Hotel feilschen. Auch um das eigene. Mit immer neuen Finten und Ideen, zögerte er das schier unvermeidliche hinaus, bis es doch noch Rettung gab. Die kam, wie man weiß, nicht von der westlichen Staatengemeinschaft. Die Tutsi schlugen blutig zurück und handelten einen Austausch aus.
Mit beeindruckenden Bildern und einer ins Mark gehenden Dramaturgie bringt einem der Film diese Ereignisse, so nah, wie sie damals kaum jemandem waren. Nick Nolte als versoffener UNO-Offizier und Sophie Okonedo als Paul Ruseabaginas Frau tragen zur Stärke des Films bei. Niemand in diesem Film ist bloßer Platzhalter, es werden Menschen erzählt, auf beiden Seiten.
Ob ihm der Film Hoffnung mache, wurde Ruseabagina auf der Pressekonferenz gefragt. Nein, sagte er, im Sudan passiere ein neues Ruanda. 70.000 Menschen seien bereits getötet worden.

Panorama: The Devil and Daniel Johnston von Jeff Feuerzeig

Regie: Jeff Feuerzeig

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"Funeral Home"

Vater und Sohn Johnston in einem Sportflugzeug über Texas: Sohn Daniel stoppt den Motor, zieht den Schlüssel ab und schmeißt ihn aus dem Fenster. Sie stürzen in einen Wald und überleben. Auf der Fahrt ins Krankenhaus passieren sie eine Kirche an der folgendes Predigt-Thema in großen Lettern angekündigt wird: „Lord says: you may have a hard trip, but a save landing“.
Eine Szene aus dem Dokumentarfilm „The Devil an Daniel Johnston“. Die Geschichte des längst zum Kultstar aufgestiegenen Musikers. 13 Jahre hat Regisseur Jeff Feuersteig an dem Film gearbeitet. Herausgekommen ist eine farben- und musikträchtige Collage und ein Dokument, dessen Längen den wahren Fan kaum schocken werden.
Es ist die chronologisch erzählte Geschichte des Daniel Johnston, vom kleinen hyperaktiven und künsterlisch vielversprechenden Jungen, über den vom Teufel besessenen Underground-Musiker, der eine alte Frau zum Sprung aus dem Fenster zwang, bis zum gutmütigen fetten Liedermacher der Jetztzeit, dessen Konzerte weltweit die Hallen füllen. Angereichert wird das ganze durch herrlich skurrile Super-8-Kurzfilme aus Johnstons Jugend, Zeichnungen und etliche Tonband-Aufnahmen, mit denen Johnston sein Leben dokumentiert. Angetrieben von einer unglücklichen Liebe komponierte er Hunderte, teils herzzerreißende Songs ("Funeral Home"), die inzwischen von Stars wie Beck oder Sonic Youth gecovert werden. Curt Cobain trug kurz vor seinem Tod monatelang ein Daniel Johnston T-Shirt und löste ein kleine Manie aus. Erzählt wird aber auch, wie plötzlicher Ruhm, Fernsehauftritte und Drogen ihn zum Psychopaten werden ließen. Er ist wohl der einzige Musiker, den die Manager eines Major-Labels in der Psychiatrie aufgesucht haben, um ihn unter Vertrag zu nehmen. Und der einzige der Eine Platte via Telefon aus eben jener Anstalt einsang.
PS: Vater und Sohn wohnen im selben Haus

The Last Vorfilm

Mal abgesehen von unserem Freund, dem Marlboro-Man, ist er ja leider ausgestorben, der auflockernde Vorfilm. Die Berlinale hat ihn in ein neues Gewand (Smoking) gesteckt und vor einem Wettbewerbsfilm gemogelt. Sein Name Gerd Scobel, 3Sat- bzw. Morgenmagazin-Moderator und auch, was keiner wusste: Stand-up.Comedian. Seine Aufgabe, die Verleihung European-Shooting-Star-Awards an 21 (wegen der Übersichtlichkeit ...) junge europäische Schauspieler. Mit souverän durchgehaltener Nervosität übersetzte Scobel seine bis ins Koma vorgefeilten Moderationen wahlweise vom Englischen ins Deutsche oder umgekehrt. Er quälte sich, Festivalchef Kosslick und weitere Gäste durch Interviews („Was bedeutet der Preis für das Festival?“) und verhedderte sich, wohl weil ohne Telepromter, immer wieder höchst belustigend in Text und Ablauf. Erst verlieh der Preis, den jungen Schauspielern „endlich ein schönes Gesicht“, dann bat Scobel die europäische Kulturkommissarin, mit der Preisvergabe zu beginnen, ohne die Gewinner auf die Bühne gebeten zu haben.
Vorfilm Scobel lockerte auf. Der Hauptfilm war „Sophie Scholl – die letzten Tage“.

Wettbewerb: One day in Europe von Hannes Stöhr

Regie: Hannes Stöhr Drehbuch: Hannes Stöhr

Darsteller: Megan Gay, Luidmila Tsvetkova, Erdal Yildiz, Florian Lukas, Péter Scherer, Miguel de Lira, Rachida Brakni, Boris Arquier.

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Film und Fußball

Über ihn wird ja immer wieder gerne gesprochen: der europäische Film. Meist kommt er in diesen Diskussionen allerdings auf so theoretischen Füßen daher, dass man vor lauter Angst, er könnte stolpern, den Faden beim Zuhören verliert.
Nicht so „One day in Europe“ von Hannes Stöhr („Berlin is in Germany“). In der Tradition von Jarmuschs „Night on Earth“ erzählt er den Tag eines fiktiven Champions-League Finales (Istanbul gegen La Coruna) in vier europäischen Städten. In Moskau, wo das Spiel ausgetragen wird, Istanbul, Santiago de Compostella und Berlin (Klein-Istanbul). Erzählt werden jeweils kleine Geschichten von Menschen, die beraubt wurden, vorgeben, dass sie beraubt wurden oder vorgeben wollen, dass sie beraubt worden sind. Der Charme liegt dabei in den aufeinandertreffenden Charaktären respektive ihren Sprachen. Eine Engländerin in Russland, ein Deutscher (Florian Lukas) der in Istanbul auf einen schwäbelnden Taxifahrer (Erdal Yildiz) trifft - „Jetzet gehe ma Fußboll gugge!“. Ein naiver ungarischer Pilger der dem Dieb seine Kamera unter Verwendung von Höflichkeitsform aushändigt und zwei Franzosen, die in Hellersdorf nach Skins suchen. Zusammengehalten wird der Film von Fußballfans, die immer wieder im Bild auftauchen, dem Film Tempo, Farbe, Rhythmus geben. Alleine für die realistische Darstellung von Fußballfans im Film sei Stöhr herzlich gedankt. Wahrscheinlich ist er selbst einer, weshalb man seinem Film zuhört und keine Angst hat, er könnte stolpern. Was für eine Zeit, in der einem weder um den deutschen Film noch um den deutschen Fußball Bange sein muss.

Dass solche Filme entstehen ist unter anderem den tapferen Produzentinnen von moneypenny (Anne Leppin und Sigrid Hoerner) zu verdanken. Dass man sich um solch schwer zu finanzierende Filme nicht sorgen muss, dafür versucht der Coproduktionsmarkt der Berlinale zu sorgen, den es seit zwei Jahren gibt.

Wettbewerb: Man to Man von Regis Wargnier

Regie: Regis Wargnier Drehbuch: Regis Wargnier und William Boyd
Darsteller: Kristin Scott Thomas, Joseph Fiennes

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Mann oh Mann!

Schon nach zehn Minuten begannen Teile des Publikums zu rascheln, ohne dabei von den Antiraschelbeauftragten des Weltkinoverbandes lautstark zur Rechenschaft gezogen zu werden. Nach zwanzig Minuten kam Ärger auf, weil man nicht selbst die Chance hatte, mit Kirstin Scott Thomas und Joseph Fiennes, üppigster Ausstattung und beruhigendem Budget einen Historien-Film zu machen. Oder war es am Ende doch das Budget, das Regisseur Regis Wargnier die Zutaten seines Films in den Mixer schmeißen ließ, anstatt sie Gang für Gang zu servieren? Nach dreißig Minuten schließlich, modellierte sich der Rezensent längst seinen eigenen Film... aber der Reihe nach.

Die Geschichte: Englische Wissenschaftler fangen im afrikanischen Dschungel ein Pygmäenpärchen. Sie bringen es zu wissenschaftlichen Zwecken in die Heimat. Es gilt zu beweisen, dass die Pygmäen das Missing Link zwischen Affe und Mensch sind. Oder eben das Gegenteil. Ein Kampf entbrennt. auf der einen Seite zwei Herren, denen die Pygmäen recht gelegen kommen. Auf der anderen Seite Jamie Dodd (Joseph Fiennes). Auch er sucht nach dem Missing Link und wissenschaftlichem Ruhm, sieht sich aber bald mit der Menschlichkeit und Intelligenz der Pygmäen konfrontiert. Immer munter zwischen drin: Elena von den Ende (Kristin Scott Thomas).

Stoff für eine wahnsinnige Geschichte. Doch wie gesagt: alles in den Mixer, heraus kam lauwarme historien-Sosse, die sich über die üppig-liebevolle Ausstattung und die hervorragende Besetzung ergoss.
Vielleicht hätten Regisseur Regis Wargnier und sein Mit-Autor William Boyd mehr um die Menschen hinter den Wissenschaftlern kümmern sollen. Denn die beiden Hauptfiguren scheinen am Drehbuchreißbrett auf ähnliche Weise vermessen und behandelt worden zu sein, wie die Pygmäen im Film. Im wissenschaftlichen England des 19. Jahrhunderts, so muss man jetzt glauben, hatte man kein Privatleben. Nicht einmal, wenn Kristin Scott Thomas einem tief in die Augen schaut und britisch-kühl anfragt, ob man es nicht gerne mit ihr teilen will. So hatte jede Figur ihre klare Zuordnung und kein bisschen mehr: ... (bös kommerziell), ... (bös idealistisch) ... (bös naiv) und .... (bös böse)
„Shut up“ – das sind die ersten englischen Vokabeln, die die beiden Pygmäen als erstes lernen. Und man war geneigt, sie den dialogführenden Schauspielern entgegen zu brüllen, ohne Angst vor den Zwischenrufbeauftragten haben zu müssen. Die waren längst eingeschlafen. Ich nicht, denn ich habe ja ab Minute dreißig meinen eigenen Film gesehen: Ausgangslage war die an Filmhochschulen heiß gehandelte bargsche Rochade (benannt nach dem Leiter einer Drehbuchschule): Man würfele einfach alle Details eines Film durcheinander – Geschlechter, Orte, Epochen, Stimmungen - verdrehe sie ins Gegenteil und ordne sie neu an, bis was gutes rauskommt. So geschah es, dass mir die Pygmäen bald als US-Käfiggeiseln im kubanischen Guantanamo erschienen. Eine spannende Geschichte, sie werden sehen!

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