
Im bequemen Kinosessel anderen Menschen bei der Arbeit zuzusehen, bedeutet meist, sich in den Wohlfühlmodus der passiven Zuschauerrolle zu begeben. Doch wenn Arbeitswelten mit derart unerbittlicher Präzision und ohne jede Beschönigung offengelegt werden wie in ICH VERSTEHE IHREN UNMUT, gerät diese Komfortzone ins Wanken. Die Distanz zum Dargestellten löst sich immer mehr auf, und am Ende fühlt man sich nicht länger als bloße Beobachterin, sondern eher so erschöpft wie nach einer eigenen Doppelschicht als Putzkraft in der Gebäudereinigung.
Heike, 58, die Protagonistin des Films, arbeitet seit ihrem 18. Lebensjahr in der Gebäudereinigungsbranche und hat sich bis zur Objektleiterin hochgearbeitet – ein Aufstieg, der vor allem eines mit sich bringt: mehr Verantwortung und noch stärkeren Druck. Der Film begleitet sie durch einen Alltag ohne Pausen: harte, körperliche Arbeit, eng getaktete Abläufe, ständige Unterbrechungen und ein System, das erst dann sichtbar wird, wenn es ins Stocken gerät. Zwischen den unerfüllbaren Anforderungen ihres Vorgesetzten, den Bedürfnissen der Mitarbeitenden, dem Ärger unzufriedener Kund:innen und ihren eigenen, konsequent verdrängten Grenzen wird Heike zur Schaltzentrale eines Betriebs, der sie zugleich braucht und verschleißt. Die Organisationsprinzipien dieser Arbeit folgen dabei klassischen Logiken des Kapitalismus: Konkurrenz statt Solidarität und „Zuckerbrot und Peitsche“ als Steuerungsinstrument.
Dass diese Genauigkeit in der Darstellung von Arbeitswelten so überzeugend gelingt, ist umso bemerkenswerter, als es sich bei ICH VERSTEHE IHREN UNMUT um die Abschlussarbeit und den ersten fiktionalen Film von Kilian Armando Friedriech handelt. Sehr klar zeigt sich eine eigene Handschrift, die spürbar aus seiner dokumentarischen Arbeit entwickelt wurde. Wie im anschließenden Q&A deutlich wurde, basiert der Film auf intensiven Recherchen aus der Praxis der Gebäudereinigung; zusätzlich haben vier reale Objektleiterinnen beratend mitgewirkt und ihre Erfahrungen eingebracht. Eine besondere Entdeckung ist Sabine Thalau, selbst in der Branche tätig und hier als Laiendarstellerin besetzt, die der Hauptfigur eine seltene Unmittelbarkeit und Glaubwürdigkeit verleiht und die Handlung mit ihrem beeindruckenden Spiel vorantreibt.
Der Film legt die Mechanismen des Niedriglohnsektors schonungslos und ohne beschönigende Ausweichbewegungen offen, lässt jedoch zugleich Momente erkennen, in denen sich alternative Arbeitsformen zumindest andeuten. Im Zentrum stehen Fragen von Schuld, Verantwortung und möglicher Solidarität innerhalb eines stark hierarchisch geprägten Systems, das vor allem über Druck funktioniert. Auch darin liegt ein Verdienst des Films: Er gibt Denkanstöße, indem er nicht nur die gegenwärtigen Verhältnisse zeigt, sondern zugleich Perspektiven darauf eröffnet, wie es möglicherweise auch anders sein könnte.