
Magnani Hüller wurde Opfer eines Mordanschlags durch einen Mitschüler. Der Junge hatte sie bereits zuvor durch permanentes Anstarren während des Schulunterrichts belästigt und sie auf Social Media massiv bedroht. Obwohl die Eltern bereits vor dem Anschlag Anzeige bei der Polizei erstattet hatten, hatte die Schule nichts unternommen. Als Hüller am helllichten Tag auf offener Straße durch mehrere Messerstiche verletzt wurde, half ihr niemand. Auch als sie Passanten direkt ansprach, erhielt sie keine Unterstützung. Nun hat Magnani Hüller einen Film über ihre Geschichte gemacht. Er hatte auf der Berlinale 2026 Premiere und wird nun auf der Crossing Europe 2026 gezeigt. In sehr gefassten und nüchternen Interviews befragt sie Personen von damals, die vorher oder nachher mit dem Anschlag verbunden waren, u. a. eine Lehrerin, eine Kriminalkommissarin und den Arzt, der sie operiert hat. WAS AN EMPFINDSAMKEIT BLEIBT ist ein sehr mutiger und wichtiger Film, der unfassbare Versäumnisse vor und nach der Tat offenlegt.
In der Q&A auf der Crossing Europe äußerte sich die Regisseurin zu ihrem Film:
Zur Enstehungsgeschichte
"Ich habe längere Zeit Abstand von der Geschichte gebraucht. 2022 habe ich mich noch einmal gestellt und da gemerkt, dass es in meiner eigenen Geschichte Punkte gibt, die über mich hinausweisen. Ich persönlich hätte es nicht zur Aufarbeitung gebraucht, aber ich dachte mir, sowas erlebt zu haben und nichts daraus zu machen, wäre auch irgendwie falsch, weil es eine Lebensrealität von Frauen und Mädchen abbildet. Meine Hoffnung war auch, dass man in Zukunft genauer hinsieht, bevor so eine Tat passiert."Zur Einordnung der Tat als Femizid
"Mir war damals schon klar, dass das auf jeden Fall eine Tat ist, die mit geschlechtsspezifischer Gewalt zu tun hat. Es wäre sicherlich nicht passiert, wenn ich ein Junge gewesen wäre. Das hat was mit Besitzdenken von männlichen Jugendlichen zu tun, dass ein Nein nicht gereicht hat und dass ich gestalkt wurde. Es ist gut, dass man jetzt klarer benennt, dass solche Übergriffe geschlechtsspezifisch sind."Entscheidung, den Täter weitergehend aus dem Film zu lassen
"Der Täter hat damals sehr versucht, sich mit allen Mitteln in mein Leben zu drängen. Ich wollte ihm nicht den Gefallen tun und ihm dann auch noch eine Bühne bieten. In ähnlichen Geschichten dreht sich auch heute noch sehr, sehr viel immer um die Täter. Man erfährt sehr wenig von den Betroffenen oder den Opfern. Es war mir wichtig, dass, wenn ich diese Geschichte erzähle, ich mich auch auf der Leinwand als ganzheitlichen Charakter zeige, mit einer Persönlichkeit, dass es mir um die Beziehungen zwischen mir und den Menschen geht und dass der Täter an sich austauschbar bleibt. Er ist nur ein Beispiel für männliches patriarchales Verhalten, das auch in vielen anderen Kontexten vorkommen kann. Es war mir wichtig, dass man versteht, dass man nicht nur eine Nummer ist, ein Opfer, das weit weg ist, sondern dass da ganz viel dranhängt: Familie und ein Blick auf die Welt."Zur Bereitschaft bei dem Film mitzumachen
"Ich habe großen Respekt vor der Lehrerin, die sich bereit erklärt hat, sich hinzusetzen und zu sagen: „Ich habe nicht alles richtig gemacht.“ Man braucht Personen, die dieses Kapitel noch mal aufschlagen. Es ist viel einfacher nach so einer Zeit aufgrund von Schuld- und Schamgefühlen sich wegzuducken und zu sagen: „Ich erinnere mich an nichts“. Aber es fehlt mir nichts in dem Film. Durch die Personen, die jetzt dabei sind, habe ich alles erzählen können, was ich wollte."Zur Entscheidung Familie und Freunde rauszulassen
"Mir war von Anfang an klar, dass ich weder Freunde von damals noch Verwandte zur Tat befragen werde. Mir ging es um das Umfeld: Was kriegt man mit und wo gibt es innerhalb eines Schulkontexts oder auch von Ärzten Entscheidungen?"