Forum - Berlinale 2026

Berlinale 2026: MEMBERS OF A PROBLEMATIC FAMILY von R Gowtham

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© Labyrinth Narratives

Chennai, Südindien. Ein junger Mann ist tot. Eines morgens lag er, in ein Fischernetz verheddert, am Strand. Die tamilische Großfamilie bereitet die Trauerriten vor. Es liegt eine starke Anspannung in der Luft, die scheinbar nichts mit Trauer an sich zu tun hat. R Gowthams Spielfilmdebüt MEMBERS OF A PROBLEMATIC FAMILY zeigt in eindrücklichen Bildern von Riten und Menschen, in Rückblenden, in von Traumsequenzen durchzogener Realität und im ständigen Wechsel zwischen den Protagonisten das Netzwerk problematischer familiärer Beziehungen. Ein Film, der einen stark hineinzieht in seine seltsame, bedrückende Welt.

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Berlinale 2026: EIGHT BRIDGES von James Benning

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© James Benning
Eine Berlinale ohne einen Film von James Benning ist möglich aber sinnlos. Sein neuester Film im Berlinale Forum 2026 heißt EIGHT BRIDGES. Wer Benning kennt, weiß „nimm’s bitte wörtlich“. Der Regisseur zeigt uns in den nächsten 80 Minuten acht jeweils 10-minütige Aufnahmen von Brücken. Die Kamera bleibt unbewegt, sie schwenkt nicht und sie zoomt nicht. Dazu hören wir den Umgebungssound: Autos, Schiffe, Vogelgezwitscher, den Wind – oder auch ein Hintergrundbrummen, das wir nicht zuordnen können. Alle zehn Minuten gibt es einen harten Schnitt und wir sehen für circa fünf Sekunden die schwarze Leinwand und es auf einmal sehr still. Willkommen im Medidations-Kino von James Benning: „Looking and listening“, wie der Meister in der anschließenden Q&A sagt.

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Berlinale 2026: LIEBHABERINNEN von KOXI

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LIEBHABERINNEN ist ein Film, bei dem am Anfang das Publikum noch lauthals über die Absurdität lacht, bald hört man nur vereinzeltes Kichern und am Ende schafft es der Lachimpuls nicht mehr nach oben und bleibt irgendwo zwischen Magen und Lunge hängen. Es war klar, dass bei einer Jelinek-Adaption kein Entertainment zu erwarten war. Weniger vorhersehbar war, wie überzeugend Schauspieler:innen, Themen und Dramaturgie zusammenfinden. Es gelingt sogar, was man heute nur noch selten sieht: ein stimmiges (und im Fall von LIEBHABERINNEN bitterböses) Ende.

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Berlinale 2026: MASAYUME von Nao Yoshigai

Foto aus dem Cubix auf den Alexanderplatz

"Jede Schneeflocke hat ihren Platz und fällt genau an die richtige Stelle." Diese Aussage eines buddhistischen Mönchs könnte auch insgesamt für den Debütfilm von Nao Yoshigai stehen und ist zugleich sehr passend zur Kinovorstellung an einem Wintermorgen im schneeumwehten Cubix. Weiterhin, erzählt uns der Mönch aus dem Off, ist das Leben nur ein Traum – ein guter oder ein schlechter Traum, je nachdem, was einem passiere. Die Regisseurin selbst sieht ihren Film, wie sie in der Q&A nach dem Film erläutert, als einen Traum über diesen Traum. Wir als Zuschauer erleben dann MASYUME – „etwas im Traum Gesehenes geschieht im wirklichen Leben“.

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Berlinale 2026: EINAR SCHLEEF - EIN DEUTSCHLAND HABE ICH NICHT GEFUNDEN von Sandra Prechtel

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© Filmgalerie 451

EINAR SCHLEEF – EIN DEUTSCHLAND HABE ICH NICHT GEFUNDEN – der Filmtitel ist ein Satz von Einar Schleef selbst. Schleef hat in drei deutschen Staaten gearbeitet, sie alle abgelehnt und sich an ihnen abgearbeitet. Er sagt „der Existenzkampf in der DDR ist natürlich Krieg“, und spricht darüber, dass der Konformitätsdruck in der Bundesrepublik noch größer sei, nachdem er 1976 von einem Engagement am Wiener Burgtheater nicht nach Ost-Berlin zurückkehrte. Das Deutschland nach der Vereinigung findet er „zum Fürchten“. Noch mehr Schmerzen als die drei Deutschländer haben Schleef wohl nur Intendanten und die Institutionen in und um das Theater zugefügt. Er schuf ohne Unterbrechung: Er schrieb Tagebuch seit dem 9. Lebensjahr. Er fotografierte, er filmte, er malte, und er brachte die Gesellschaft, an der er so litt, auf die Bühne. Sandra Prechtel nutzt Schleefs Material und lässt daraus gemeinsam mit Olaf Voigtländer und Katja Dingenberg, die für die Montage verantwortlich sind, ein kraftvolles Bild des Künstlers Schleef entstehen.

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Berlinale 2026 - BLACK LIONS - ROMAN WOLVES von Haile Gerima

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© Negod Gwad Productions

Auf der Berlinale gab es schon immer diese Mammutvorstellungen, die einen ganzen Tag dauerten. Oft sind diese in der Sektion FORUM im Kino Delphi zu sehen, so auch BLACK LIONS – ROMAN WOLVES von Haile Gerima.

Als die Leiterin des Forums Barbara Wurm den Film einführte, war sie sehr stolz, die Weltpremiere des Films auf der Berlinale zeigen zu können. Eine eher nüchterne Sicht hatte der Regisseur, der zu Beginn der Vorstellung auch kurz auf die Bühne trat. Natürlich freue er sich, wenn die Leute den Film mögen. Wenn sie ihn aber nicht mögen, sei es ihm auch egal. Es ist offensichtlich, dass Haile Gerima seine 10-Stunden-Dokumentation nicht für das große Publikum gemacht hat. Er möchte die Geschichte der italienischen Aggression aus äthiopischer Sicht erzählen.

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Berlinale 2026: BARBARA FOREVER von Brydie O'Connor

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© the Estate of Barbara Hammer

SCHAU!!! – MICH!!! – AN!!! Das lese ich in den Augen der sehr gut gelaunten Frau jenseits der 50, die Body-Builder-Posen vor ihrer eigenen Kamera macht. Sie ist nackt. So beginnt BARBARA FOREVER, Brydie O’Connors Dokumentarfilm über Barbara Hammer. Barbara Hammer „Queer Icon“, „Lesbian Pioneer“ ohne diese Begriffe kommt kein Artikel über sie aus – besser aber trifft es SUPERDYKE, um einfach einen Titel der rund 100 Filme zu nehmen, die die Regisseurin gemacht hat. Dabei nahm sie erst mit 27 eine Kamera in die Hand, weil ihr damaliger Ehemann und seine Künstlerfreunde sie nervten und für „die Frau“ nur die Tätigkeit des Kaffeekochens vorgesehen hatten. Der wurde zum Ex-Mann als Barbara Hammer mit 30 die Lesbe in sich entdeckte – das war 1969. Danach dokumentierte sie bis zu ihrem Tod im Jahr 2019 ihr Leben und widmete sich drei Dingen, die für sie zusammengehörten: dem Feminismus, lesbischer Liebe und der Filmkunst.

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Berlinale 2026: ANYMART von Yusuke Iwasaki

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© NOTHING NEW, TOHOKUSHINSHA FILM CORPORATION

„Vielen Dank. Auf Wiedersehen. Wir hoffen, dass Sie uns bald wieder besuchen.“ Roboterhaft sprechen die Angestellten eines kleinen 24-Stunden-Minimarkts die immer gleichen Worte, verbeugen sich auf die immer gleiche Weise, während im Hintergrund penetrant das immer gleiche Dudelmusik-Lied aus den Lautsprechern plärrt. Ist die perfekte Oberfläche nicht eigentlich schon tot? Yusuke Iwasakis Forum-Beitrag ANYMART lotet die Untiefen der heutigen Dienstleister-Gesellschaft meisterhaft aus – samt unerwartet brutalem Finale.

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Berlinale 2026: CROCODILE von The Critics, Pietra Brettkelly

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© Crocodile Film Limited


Was passiert, wenn eine Gruppe Jugendlicher aus Kaduna im Norden Nigerias beschließt, Hollywood herauszufordern? Pietra Brettkelly zeigt es in ihrem Dokumentarfilm CROCODILE, der die jungen Filmemacher von The Critics von ihren bescheidenen Anfängen bis zu internationalen Erfolgen begleitet. Im Zentrum stehen die jungen Gründungsmitglieder der nigerianischen Künstlergruppe The Critics, die mit alten Handykameras, herumliegendem Müll, ausrangierten Computern und trotz regelmäßiger Stromausfälle ihre eigenen Versionen von Hollywood-Blockbustern drehen. Ob Szenen aus Star Wars oder Anleihen beim Joker – mit einfachsten Mitteln entstehen verblüffende Spezialeffekte, die ebenso glaubhaft wie erfinderisch sind. Plastikmüll wird zu einem Raumanzug, Pappreste zu futuristischen Kulissen, ein Hinterhof verwandelt sich in eine phantastische Szene aus den Transformers. Allein diese verspielte Do-it-yourself-Magie würde einen Kinobesuch schon lohnen.

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Berlinale 2026: VERFÜHRUNG - DIE GRAUSAME FRAU von Elfi Mikesch und Monika Treut

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© Salzgeber & Co Medien

Domination ist he name of the game,
in bed or in life, it’s always the same.

Die Berlinale feiert den 40. Geburtstag des Teddy Awards mit der Sonderreihe TEDDY 40, in der sechs Kurzfilme und acht Langfilme gezeigt werden. Der Eröffnungsfilm des Geburtstagsprogramms ist dabei älter als der Teddy Award selbst. Mit VERFÜHRUNG – DIE GRAUSAME FRAU versetzten Elfi Mikesch und Monika Treut im Jahr 1985 große Teile des Forum-Publikums eher in Empörung als in Erregung. (Neugierig? Hier ist der Trailer.) Denn wie Wanda (Mechthild Grossmann) mit ihren Sklav*innen umsprang, das hatten Mann und Frau auf bundesrepublikanischen Leinwänden noch nicht gesehen, es sei denn, sie kannten sich in speziellen Nischen der Kinoszene gut aus.

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