
© 2026_Schubert, ROW Pictures, Walker+Worm Film, Gerald Kerkletz
Es gibt diese Filme, die sich nicht einschmeicheln. ROSE ist so einer. Schon die erste Einstellung setzt den Tonfall des nun Folgenden: dampfende Äcker in hartem Schwarz-Weiß, Nebel, aus dem sich die Silhouette einer einzelnen Gestalt löst. Ein unbekannter Fremder kommt in ein abgelegenes Dorf. Ein Motiv, das fast so alt ist wie das Erzählen selbst. Doch hier verschiebt sich alles. Die weibliche Off-Stimme erklärt ruhig und sachlich: Die Gestalt heißt Rose (Sandra Hüller) und sie hat viele Jahre im Militärdienst unter anderen Soldaten gelebt. Nun kommt sie in die Dorfgemeinschaft, um einen heruntergekommenen Bauernhof für sich zu beanspruchen. Sie hat die rechtmäßigen Papiere dafür. Was das Dorf aber nicht weiß – und der Film von Beginn an offenlegt – ist Roses existenzielle Tarnung. Rose ist eine Frau, die seit langer Zeit als Mann lebt. Nicht als Pose oder Provokation, sondern als pure Überlebensstrategie.
Der Begriff Mimikry drängt sich auf: jenes Phänomen aus der Biologie, bei dem eine harmlose Art das Erscheinungsbild einer gefährlichen Art imitiert, um unversehrt zu bleiben. Entscheidend ist nicht allein die äußere Ähnlichkeit, sondern die Perfektion im Detail – und genau hierin liegt die Radikalität der Figur von Rose. Sie übernimmt nicht nur die Kleidung oder das äußere Erscheinungsbild der Männer, sondern hat sich im Verlauf ihres Lebens den männlichen Habitus bis ins kleinste Detail angeeignet: der Gang, der Blick, der Rhythmus der Sprache – alles ist geschult, jeder Blick, jede Bewegung berechnet. Selbst intimste Alltagsgesten werden zu Übungen rigoroser Selbstdisziplin. Diese Mimikry ist kein bloßes Rollenspiel, sondern bedeutet dauerhafte Anspannung und permanente Selbstüberwachung. Ein Leben im Modus des „Nicht-Auffallens“. Jeder falsche Tonfall, jede unbedachte Bewegung kann dabei das fragile Konstrukt zum Einsturz bringen. Und all dies spielt sich in Scheinzers Film irgendwo in einer nicht näher verorteten historischen Vergangenheit ab, in einer Zeit, in der gesellschaftliche Normen und Geschlechterrollen unbarmherzig strikt sind und das Überleben als Frau davon abhängt, sich vollständig an die Erwartungen der Umgebung anzupassen.
Das Dorf, in das Rose kommt, ist kein pittoreskes Historien-Postkartenidyll. Es ist ein geschlossenes System, in dem jeder genau die ihm oder ihr zugewiesene Rolle erfüllt. Die Menschen leben ein Leben, für das „hart“ ein Euphemismus ist. Naturgewalten, Missernten, Abhängigkeiten – Überleben ist nur als Teil der Gemeinschaft denkbar. Und diese Gemeinschaft funktioniert über klare, unerbittliche Rollenzuweisungen, besonders für Frauen. In einer Schlüsselszene erklärt Rose ihrer späteren Frau Susanne die Logik dieser Ordnung: Frauen gehören nie sich selbst. Zuerst dem Vater, dann dem Ehemann. Verschwindet dieser, fallen sie zurück in die Verfügungsmacht der Herkunftsfamilie. Liebe ist kein Konzept, Besitz schon. Die Szene, in der Rose unter den Töchtern eines Bauern eine Ehefrau auswählen soll, wirkt folgerichtig wie eine Viehauktion. Es geht um Arbeitskraft und Fruchtbarkeit, nicht um Gefühle. Und doch wächst zwischen Rose und Susanne langsam etwas, das man Zuneigung nennen könnte. Keine großen Gesten sondern eher minimale Verschiebungen im Blick und ein Zögern in der formelhaften Sprache. Gerade weil der Film emotional so kontrolliert bleibt, treffen diese Momente umso stärker. Über ihnen liegt immer die Gewissheit: Das, was hier zwischen den beiden Hauptfiguren entsteht, kann in dieser Welt keinen sicheren Ort haben.
Einen entscheidenden Anteil an der Wucht des Films hat Sandra Hüller. Ihre Rose ist keine heroische Freiheitskämpferin, sondern eine verletzte Figur, die versucht, sich in einer Welt, in der es keinen Platz für sie gibt, ein kleines Stück Freiheit zu erschließen. Rose bleibt dabei stets kontrolliert, wachsam und diszipliniert. Jede ihrer Bewegungen scheint kalkuliert. Und doch bricht unter dieser Oberfläche immer wieder etwas durch – Müdigkeit, Sehnsucht, ein kaum sichtbares Beben. Hüller spielt diese Figur nicht laut, sondern mit einer stillen Präzision, die fast schmerzt. Auch formal ist ROSE ein Film von beeindruckender Strenge. Die Schwarz-Weiß-Bilder wirken wie aus der Zeit gefallen, viele Einstellungen erinnern an Gemälde. Es gibt hier nichts Leichtes, nichts Versöhnliches. Selbst in den kurzen Momenten des Glücks bleibt ein Schatten. Die Entscheidung für Schwarz-Weiß ist kein bloßes Stilmittel, sondern Haltung: Diese Welt kennt keine Farben und die Geschichte entwickelt sich mit einer Konsequenz, die ebenso zwangsläufig wie unerbittlich ist. Schleinzer zeigt in ROSE eine Gesellschaft, in der Identität überwacht und Weiblichkeit verwaltet wird. Und er zeigt, wie hoch der Preis sein kann, wenn jemand versucht, sich diesem System zu entziehen.
Für mich ein klarer Bärenanwärter mit einer überragenden Sandra Hüller und einer der beeindruckendsten Filme, die ich seit längerer Zeit gesehen habe.