
Der Trailer der Dokumentation SIRI HUSTVEDT - DANCING AROUND MYSELF hat mich zunächst abgeschreckt. Schon darin war zu sehen, dass auch mit nachgestellten Szenen aus dem Leben der Autorin gearbeitet wurde. Dieses Reenactment kennt man aus Geschichtsdokumentationen im Fernsehen. Wenn ich das sehe, zappe ich immer schnell weiter. Was für ein Glück, dass ich dennoch in die Urania zur Berlinale-Vorstellung gegangen bin.
Für Porträtfilme wie DANCING AROUND MYSELF ist das Vertrauen zwischen Dokumentarfilmer:in und Hauptfigur ein Schlüssel. Es braucht Zeit, damit so ein Vertrauen entstehen kann. Da sich die Regisseurin Sabine Lidl und die US-amerikanische Autorin durch einen früheren Dreh kannten, war das Vertrauen zwischen ihnen bereits gewachsen - ein Glücksfall für das Publikum, denn so können wir uns der Position von Siri Hustvedt in ihrer eigenen Geschichte annähern.
Sabine Lidl montiert die Eingebundenheit in die Hustvedt Familie mit den drei Schwestern, das schriftstellerische Werk und insbesondere die tiefe Bindung zu Hustvedts Lebensmenschen, dem Schriftsteller Paul Auster, zu einem stimmigen Ganzen.
Dabei genügen wenige ausgesuchte und intensive Szenen. Wenn die Schwester Liv Hustvedt, die Tochter Sophie Auster und ihr Mann, der Fotograf Spencer Ostrander zu Wort kommen, dann behalten sie ihre Eigenständigkeit und werden gleichzeitig in das Gesamtgefüge Siri Hustvedt verortet.

Die Szenen mit Paul Auster nehmen eine besondere Stellung ein. Mitten im Filmprojekt wurde bei Paul Auster Lungenkrebs diagnostiziert. Sowohl für Hustvedt als auch für Auster sei aber klar gewesen, so Lidl nach der Vorstellung, dass das Filmprojekt fortgeführt wird. Beide sind sehr offen mit Austers Krankheit umgegangen. Die Gesprächsausschnitte mit Auster sind nur wenige Wochen vor dessen Tod entstanden. Obwohl der Film dadurch einen tragischen Gravitationspunkt bekommt, überlagert dies aber auch nicht den ganzen Film.

Zusammengehalten wird DANCING AROUND MYSELF durch Gespräche mit Siri Huvstedt selbst sowie durch die von ihr eingesprochenen Passagen aus ihrem Werk. Huvstedt dabei zuzuschauen, wie sich aus suchenden Gedanken Sätze bilden, ist sehr eindrücklich.
Am Ende muss ich zugeben, dass selbst die Reenactment-Szenen, die sich ausschließlich auf Hustvedts erste Jahre in New York beziehen, ihre Berechtigung haben und zum Verständnis von Hustvedt beitragen.
Einen Beleg dafür, wie gut der Film gelungen ist, lieferte eine junge Zuschauerin in der Q&A nach dem Film: Sie habe Siri Hustvedt vorher nicht gekannt, aber nach dem Film möchte sie am liebsten sofort in eine Buchhandlung rennen, alle Werke der Autorin kaufen, um sich dann in ihr Zimmer einzuschließen und alles durchzulesen.