Berlinale 2026: CROCODILE von The Critics, Pietra Brettkelly

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© Crocodile Film Limited


Was passiert, wenn eine Gruppe Jugendlicher aus Kaduna im Norden Nigerias beschließt, Hollywood herauszufordern? Pietra Brettkelly zeigt es in ihrem Dokumentarfilm CROCODILE, der die jungen Filmemacher von The Critics von ihren bescheidenen Anfängen bis zu internationalen Erfolgen begleitet. Im Zentrum stehen die jungen Gründungsmitglieder der nigerianischen Künstlergruppe The Critics, die mit alten Handykameras, herumliegendem Müll, ausrangierten Computern und trotz regelmäßiger Stromausfälle ihre eigenen Versionen von Hollywood-Blockbustern drehen. Ob Szenen aus Star Wars oder Anleihen beim Joker – mit einfachsten Mitteln entstehen verblüffende Spezialeffekte, die ebenso glaubhaft wie erfinderisch sind. Plastikmüll wird zu einem Raumanzug, Pappreste zu futuristischen Kulissen, ein Hinterhof verwandelt sich in eine phantastische Szene aus den Transformers. Allein diese verspielte Do-it-yourself-Magie würde einen Kinobesuch schon lohnen.

Doch CROCODILE geht weit über die bloße Bewunderung für die überbordende Kreativität von The Critics hinaus. Regisseurin Pietra Brettkelly – die den Film als erste nigerianisch-neuseeländische Dokumentar-Koproduktion bezeichnet – interessiert sich nicht nur für die filmische Entwicklung der Künstlergruppe, sondern vor allem für die Menschen dahinter. Sie beobachtet genau, wie Ruhm langsam entsteht und wie mit zunehmendem Erfolg auch Ehrgeiz und Konkurrenz Einzug in die Gruppendynamik finden. Zwischen Improvisation und künstlerischem Anspruch entfaltet sich ein gut beobachtetes Porträt, das zeigt, wie zunehmender Erfolg eine Gemeinschaft sowohl zusammenschweißen als auch auf die Probe stellen kann. Dass der Film auch sehr persönliche Themen wie psychische Krisen und sexuellen Missbrauch nicht ausklammert, ist eine besondere Stärke.

Gleichzeitig scheut sich CROCODILE auch nicht davor, die gesellschaftliche Realität im heutigen Nigeria zu thematisieren. Korruption, Gewalt und Perspektivlosigkeit bilden den Hintergrund, vor dem die jungen Künstler von The Critics ihre phantasievollen Filmprojekte verwirklichen. Gerade deshalb wirkt ihre Kreativität nicht wie eine bloße Flucht vor der Realität, sondern wie eine ganz bewusste Gegenbewegung. Mitten in oft deprimierenden Umständen finden The Critics im Filmemachen einen Weg, der ihnen Selbstbewusstsein und Sichtbarkeit schenkt. Über Social Media wächst ihre Bekanntheit kontinuierlich, bis schließlich sogar eine Hollywood-Größe wie J. J. Abrams auf sie aufmerksam wird und ihnen ihre erste professionelle Filmausrüstung schickt. Ihr Ruhm steigt weiter, und auch der internationale Kunstbetrieb richtet seinen Blick auf die jungen Filmemacher. Eine Ausstellung im Frankfurter Zollhaus macht ihre Arbeiten schließlich auch einem deutschen Publikum zugänglich. Wie beim anschließenden Q&A nach dem Film deutlich wurde, arbeiten The Critics derzeit an ihrem ersten abendfüllenden Spielfilm. Inhaltlich haben sie sich mittlerweile vom Sci-Fi-Genre gelöst und konzentrieren sich verstärkt auf Themen, die politische und soziale Aspekte ihrer Herkunft reflektieren.

CROCODILE erzählt nicht nur eine beinahe märchenhafte Aufstiegsgeschichte, sondern liefert zugleich eine feinsinnige Beobachtung eines Entwicklungsprozesses. Brettkelly zeigt, wie aus spontaner Improvisation professionelle Kunst entsteht und aus lokaler Initiative internationale Aufmerksamkeit erwächst. Ganz auf seine jungen Darsteller vertrauend, unterstreicht der Film eindrucksvoll, dass Talent und Durchhaltevermögen selbst unter den widrigsten Umständen ihren Weg finden. Wer glaubt, dass man eine Filmhochschule besuchen, teures Equipment besitzen oder auf finanzkräftige Produzenten angewiesen sein muss, um großartige Filme zu schaffen, sollte CROCODILE unbedingt gesehen haben. Der Film ist nicht nur eine kurzweilige Dokumentation über das Leben und die Kunst von The Critics, sondern auch ein überzeugendes Plädoyer für die Kraft der Phantasie und die Freude am Gestalten. Das Publikum verlässt das Kino mit einem Lächeln im Gesicht – und sicher wird der eine oder die andere das Gerümpel im Keller nun mit anderen Augen betrachten, und überlegen, welche fantastischen Filmkulissen sich daraus bauen ließen.


Worum es geht


Ein paar Jugendliche aus Nigeria, die mit einfachsten Mitteln große Hollywood-Blockbuster nachstellen und dabei ihren ganz eigenen und unverwechselbaren Stil kreieren.

Für Fans von

Filme über Idealisten, die trotz widriger Umstände mit Kreativität und Energie ihren Träumen folgen.

Lieblingsmoment

Wenn die selbstbewusste kleine Schwester sich beim Star Wars Remake endlich durchsetzt und ein pinkes Lichtschwert bekommt.

Besonders gefallen hat mir...

Die Ehrlichkeit der Dokumentation, die nicht nur auf die Erfolge abhebt sondern auch sehr persönliche und tabubehaftete Themen nicht ausspart.

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