
„Vielen Dank. Auf Wiedersehen. Wir hoffen, dass Sie uns bald wieder besuchen.“ Roboterhaft sprechen die Angestellten eines kleinen 24-Stunden-Minimarkts die immer gleichen Worte, verbeugen sich auf die immer gleiche Weise, während im Hintergrund penetrant das immer gleiche Dudelmusik-Lied aus den Lautsprechern plärrt. Ist die perfekte Oberfläche nicht eigentlich schon tot? Yusuke Iwasakis Forum-Beitrag ANYMART lotet die Untiefen der heutigen Dienstleister-Gesellschaft meisterhaft aus – samt unerwartet brutalem Finale.
Der junge Sakai, großartig gespielt von Shota Sometani, steht jeden Tag in seiner weiß-roten Uniform hinter der Kasse des „Anymart“ – eines x-beliebigen Konbinis in Japan. Wenn er einen kleinen Fehler macht, etwa eine Plastiktüte zuviel berechnet, reagieren die Kunden ungehalten, der junge Manager des Ladens nahezu verzweifelt. Sakai solle sich „mehr fokussieren“! Doch das scheint nahezu unmöglich bei diesem Job, der für Zombies perfekt geeignet wäre.
Zwischendurch trifft sich Sakai mit Freunden oder trifft Frauen, die er auf einer Online-Plattform kennen gelernt hat. Diese Dates wirken äußerst befremdlich – mal sind die Dialoge geradezu erschreckend berechenbar, mal driften sie unvermittelt ins Morbide ab, ohne dass je eine persönliche Verbindung entstehen würde. Nur zu einer neuen jungen Angestellten im Laden entwickelt Sakai allmählich eine echte Verbindung.

Aus einem scheinbar banalen Anlass, und nachdem ihm das starre Lächeln Stück für Stück aus dem Gesicht geflossen ist, nimmt sich der Manager des Ladens das Leben – und von nun an werden die Dinge im ANYMART immer seltsamer. Iwasaki schafft es, mit kleinen, nebenbei eingebauten Befremdlichkeiten die Realität zu verschieben – eindeutig in Richtung Horror. Da hat ein Kunde plötzlich das Gesicht einer Schaufensterpuppe, oder ein anderer Kunde ist als Schulmädchen verkleidet und beharrt hinter seiner Maske darauf, „er selbst“ sein zu dürfen. Die Leiterin einer Friseurschule nimmt wortlos die langen Reihen von Frisierköpfen von ihren Stangen und wirft sie zu Boden. Eine Frau – vermutlich Sakais Mutter – sitzt Tag und Nacht wie eine Untote vor einem Glücksspielautomaten. Nicht einmal das Klimpern der 100 Yen Münzen entlockt ihr noch eine Reaktion.
Der Pächter des Ladens – das stellt sich ganz nebenbei heraus – ist Sakais Vaters. Ohne sichtbare Emotion beharrt er auf den Regeln. Bestimmte Dinge müssen auf bestimmte Weise getan und gesagt werden. Wer das nicht befolgt, hat mit Konsequenzen zu rechnen. Wo es dabei anfangs um Kündigung geht, nehmen die Disziplinarmaßnahmen des alten Mannes nach und nach immer absurdere, splattermoviehafte Züge an.
Doch ANYMART geht es nicht primär um den Kosmos des Minimarkts – der scheint vielmehr eine Parabel auf die emotional abgestumpfte Gesellschaft zu sein. Wer ist hier wirklich lebendig? Sind wir in unserem Funktionieren im städtischen Miteinander nicht die eigentlichen Zombies? Gleichen wir nicht den Reihen von in Plastik eingeschweißten Hühnerfilets im ANYMART - totes Fleisch in verschiedenen Geschmacksrichtungen? Und warum schert sich eigentlich keiner um den anderen? In einer markanten Szene in einem Diner wird in einer benachbarten Nische ein Gast von einem frustrierten Kellner brutal mit einer Bratpfanne erschlagen, während Sakai und seine Kollegin fast daneben sitzen und von alldem nicht zu bemerken scheinen. Im Finale entsorgt im Hintergrund ein junger Angestellter den Müll im Anymart, ganz ungeachtet der sich stapelnden Leichen um ihn herum.
Gibt es ein Entrinnen aus dem Horror des perfekten, herzlosen Funktionierens? ANYMART ist sich da nicht so sicher. Die Zuschauer nach dem Film sicher auch nicht. Grandioses Debüt!