Jud Süß - Film ohne Gewissen von Oskar Roehler

Ich bin's nicht, Adolf Hitler ist's gewesen

Endlich mal kein wohlwollender oder gleichgültiger Applaus nach der Vorführung, sondern schon während und dann nach dem Film Buhrufe und empörtes Gekeife. Da ist endlich mal abseits von Gefallsucht, Mainstream und gewohnter Autorenfilm Sprödigkeit ein Werk auf Widerstand und Wut getroffen. Ich fand ihn gelungen.
Kurz gesagt nimmt der Film sich alle künstlerischen Freiheiten die Geschichte von Ferdinand Marian zu erzählen, Hauptdarsteller in Jud Süß, dem wohl gelungensten, weil subtilsten Propagandafilm des Dritten Reichs. Roehlers Film, mit Tobias Moretti und Moritz Bleibtreu in den Hauptrollen, erzählt über die Verführbarkeit jedes Einzelnen, wenn man ihn mit Ruhm, Ansehen und Geld lockt - unabhängig von Regime und Zeit. Auch ein Film über die Filmindustrie der Nazis, die es mit Amerika aufnehmen wollte und dabei trotzdem ideologietreue Filme fabrizierte.

Dieser Zweig der Propagandamaschine Drittes Reich, der Film, gesteuert vom Kapitän Goebbels, ist mit dem bei Roehler gewohnt allem innewohnenden Sextrieb schön in Szene gesetzt, so dass ich mir die Buhrufe nur als Empörung darüber erklären kann, dass es hier einer wagt, den Goebbels als charismatischen Rheinländer mit Kumpelattitüde zu zeigen (sein anderes Gesicht als Dreckschwein aber ebenfalls) und den Marian in all seinen Facetten als vielschichtiger Mensch: ein nicht sehr heller, von Ruhmsucht und seinem Schwanz getriebener Schauspieler, der die Chance seines Lebens wittert, aber auch die Folgen ahnt, die ihm diese Rolle bescheren würde. Und letztlich entschied er sich gegen sein Herz, seinen Verstand und für die Aussicht auf Ruhm und noch mehr Mädels.

Der Aufschrei kam besonders bei einer Szene: wenn nämlich Marian vor der Kulisse des gerade bombardiert werdenden Berlins im Dach die ihm von Goebbels angetragene Frau eines SS-Führers (dem ersten Kommandanten von Auschwitz) poppt und der ganzen Geschichte seine Metapher liefert. Surreal und grotesk, ja, aber unangemessen, ekelhaft, impertinent? - nein, warum? Impertinent und ekelhaft sind die Speichellecker und Mitläufer und High-Society Figuren in piekfeinen Anzügen, die alle wussten, wohin die Reise geht mit den Nazis und was Adolf und Joseph im Schilde führen.

Erstaunlicherweise ist Marian keiner von ihnen. Ihm begegnen wir als berufstypisch eitlem Mann, der zumindest ein Gewissen hat (trotzdem nichts tut) dafür am Ende wenigstens büßen wird, indem er sich das Machwerk jahrelang bei Vorführungen immer wieder ansehen muss, zum Säufer wird, die Familie und sein Ansehen verliert, während Leute wie Veit Harlan den Weg so vieler Würdenträger nach '45 gingen und behaupteten, zu allem nur gezwungen worden zu sein - und damit gut ankamen bei einem Volk, das von sich dasselbe glauben wollte.

Eigentlich ist ja über den Nationalsozialismus genug gefilmt und geschrieben, sollte man meinen. Aber, dass der Film trotzdem nochmals eine gelungene Perspektive beisteuert, beweist das Gegenteil. Einen „Der Untergang“ oder eine „Hitler und die Frauen Doku“ brauchen wir sicher nicht, „Jud Süß - Film ohne Gewissen“ aber beweist, dass man fern von Täterfaszination und History-BlaBla noch Filme über diese Zeit machen kann, die das berühmte „Wir sinds nicht, Adolf Hitler ist‘s gewesen“ Paradox offenlegen.

Kommentare ( 10 )

Ich muss dem Autor leider komplett widersprechen. Während des Films hatte ich die ganze Zeit das Gefühl, Roehler wollte Tarantino mit großem Gefühlskino kreuzen - dabei ist eine ziemlich ungute, an sehr vielen Stellen einfach nur peinliche Mischung entstanden.
Grotesken sind toll und auch bei diesem Thema, wie ich finde, völlig legitim, und es ist auch eine schöne Idee, Goebbels und Co., die arische Haushaltshilfe und ihren Galan und weitere Nazi-Figuren als lachhafte, überdrehte Hampelmänner darzustellen. Nicht wirklich klug ist es allerdings, gleichzeitig die Marian-Figur und diverse andere Figuren (meist die "Guten") ungebrochen als 1:1 Charaktere daneben zu stellen. Da wirken dann eben auch Szenen, die wohl todernst gemeint sind einfach nur lachhaft. Beispiele: zahlreiche Szenen, die im Haushalt Marian spielen (mit dem Kind, das wie aus einem Horror-Movie wirkt, mit einer sediert wirkenden Gedeck als Anna Marian, etc.)Der Ton changiert permanent, und am Ende ist einfach alles nur noch ein großer Matsch.
Ich glaube tatsächlich, dass viele Leute gebuht haben, weil sie fanden, dass der Film so nicht funktioniert. Und nicht, weil sie dachten, "das darf man nicht".
Weitere Szene, die ich richtig schlimm fand: Es ist zwar historisch belegt, dass es nach Aufführungen von "Jud Süß" zu Übergriffen auf Juden gekommen ist. Die Szene, in der die SS-Männer bei der Vorführung als Zombies gezeigt werden, die mit stierem Blick "Jude, Jude" skandieren, ist aber ziemlich blöde: als ob der Film wie eine Droge gewirkt hätte, gegen den man sich nicht hat wehren können.
Und es gäbe noch viele weitere schlimme Szenen...schade, weil ich viele von Roehlers Filmen wirklich liebe. Aber hier hat er, meiner Meinung nach, komplett daneben gehauen.

wow, so unterschiedlich kann man den gleichen film sehen. aber durchaus ein guter punkt tiz, dass der ton changiert zwischen grotesk überzeichneten figuren (fast nazi karrikaturen aus den indiana jones filmen u.ä.) und recht menschlich angelegten. gedeck fand ich aber gut, die tochter hatte was "shining" mäßiges, war vielleicht zu sehr nur figürchen (und taucht gar nicht mehr auf am ende). aber in meiner wahrnehmung war das ganze nazitamtam an der heimatfront oder bei der gehobenen gesellschaft irgendwo zwischen absurder, grotesker wirklichkeitsverweigerung und kaum vorstellbarer arschkriecherei während pöbelnd schreiende sa-arschgeigen die straßen und kneipen beherrschten und fein distingiert daherkommende organisatoren oder mitläufer des systems darüber die nase rümpften.
bei tarrantino ist ja die eigentliche hauptfigur, ss mann Hans Landa, glaubwürdig in seine schmierigkeit und weltgewandtheit und klugheit - der muskeljude mit baseballschläger und brad pitt aber karrikaturen von amis. und das geht ja auch. köppe platzen lassen und dabei die grausamkeit der ersten szene, wenn die familie unter den dielen liegt - alles in einem film. kein matsch. aber roehler wollte den ja nicht nachahmen, sicher nicht.
und buhen tut man glaub ich nicht, wenn was nicht funktioniert, sondern wenn einen was empört. und das schien die reaktion des verehrten publikums.

ja, ist lustig, wie unterschiedlich sowas manchmal ankommt, auch innerhalb des geschätzten kollegenkreises;-). ich glaube, bei tarantino war es vor allem deshalb kein matsch, weil die basterds einen durchgehenden leicht überreizten beziehungsweise überdrehten ton hatten. es waren bei ihm nicht alle charaktere karikaturen, das stimmt, aber sie waren alle in einer aus einem garn gestrickten (strickt man mit garn? bin nichtstrickerin...) groteske versammelt. z.B. in der ersten szene, auftritt landa): da ist der französische bauer ja auch keine karikatur, das ist eine parodie des westerns, die da abläuft. aber eben eine endeutige parodie, und alle rollen sind darin sorgfältig eingepflegt. deswegen funktioniert's; und auch deshalb, weil die dialoge so unendlich viel besser sind als in roehlers film, die grotesken so unendlich viel frecher. wie auch immer, ich glaube roehler wollte den kontrast zwischen einem "ehrlichen" schmierenkomödianten (marian) und einem durch und durch berechnenden propagandaminister, der wie ein schlechter schauspieler agiert, zu einer fruchtbaren, aussagekräftigen gegenüberstellung bringen. hat nur nich jeklappt, wa.

Ich finde es immer komisch, wenn amerikanische Filme mit deutschen Filmen verglichen werden. Man kann ja auch keine Weißwurst mit einer Bauernwurst vergleichen. Ich kenne den Film noch nicht, habe aber den Lebenslauf von Marian gelesen, mir eine alte Filmzeitschrift 'Jud Süß' ersteigert und lasse mich überraschen.
PS: Einen amerikanischen Film habe ich leider noch nie durchgestanden, aber so sind die Geschmäcker halt verschieden.

Hier mal was Unsachliches, ohne jede Kenntnisse über den Film: Ich kann's nicht mehr sehen. Bald müsste doch eigentlich jeder deutsche Schauspieler Goebbels gespielt haben. Daher ist hoffentlich bald Ruhe.

Bravo Herr Christian Westheide, endlich mal einer der den Film anscheinend wirklich objektiv angeschaut hat und sachlich darüber berichten kann. Bei Moritz Bleibtreu könnte es sich genauso um eine Persiflage und keine Parodie handeln. Ich weiß nicht, wie jung oder alt die Kritiker sind. Ich möchte heute die Reaktion der Mehrheit von Menschen und nicht nur die der heutigen Jugend erleben, wenn man ihnen Geld, Macht und Ruhm verspricht. Die Verführbarkeit ist prozentual gesehen sehr hoch und der Slogan "viel Geld für wenig Arbeit" auch. Keiner wusste damals wohin das Regime führt. Money ist a good servant but a bad master.

Hey, hey. Ein Filmblog-Leser, der noch nie einen amerikanischen Film gesehen hat, was es unter Gottes Sonne alles gibt. Einfach mal auf ca. 80 Prozent der besten Filme der Filmgeschichte verzichten? Kann man auch machen. Hoffentlich dürfen es wenigstens Franzosen, Engländer, Italiener usw. sein.

Geschmäcker wie gesagt sind halt mal verschieden. Die amerikanischen Filme werden von den Jungen favorisiert (auch von meinem Sohn). Nur ich habe den Vorteil, dass ich mich noch mit der alten Kriegsgeneration unterhalten konnte, was sehr spannend war. Dann sieht man den Film "Jud Süß" einfach anders und nicht wie die Journalisten, die denken ein Spielfilm muss einer Dokumentation gleichen. Einfach mal was Geld, Ruhm und Macht anbelangt, über Verführbarkeit nachdenken (trifft den Nerv der heutigen Zeit). Und das mit Gottes Sonne? Na ja, ob da der Glaube die Worte gibt????

Dass, was Bleibtreu da abliefert, ist das Schlechteste, was ich jemals an Schauspielerei gesehen habe. Das ist furchtbarstes Schmierentheater!
Bleibtreu, lassen Sie das Schauspielen bitte bitte sein!

So war der echte Goebbels aber! Sie haben ja keine Ahnung, Ilan!

Die Besetzung mit Bleibtreu (ähnliche Sextrieb-Figur auch in Roehlers "Agnes und seine Brüder" und "Elementarteilchen") als Goebbels ist genial, weil Bleibtreu beim jugendlichen deutschen Publikum als eher beliebt und sympathisch gilt (nicht so wie bei Sylvester Groth, vor dem man sich gleich dreimal soviel fürchtet! Obwohl der auch eine geniale, wenn auch völlisch andere Performance abgeliefert hat), also wird die Verführbarkeit des Zuschauers noch gesteigert! Deshalb vielleicht auch die Buhrufe bei der Festival-Premiere: innerlich haben sie gemerkt, dass sie verführt werden und wollten es nicht wahrhaben. (Der Roehler, das is aber auch ´n gemeiner Hund, doo.)

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Titel

Orignaltitel

Jud Süß - Film ohne Gewissen

Englischer Titel

Jew Suss - Rise and Fall

Credits

Regisseur

Oskar Roehler

Schauspieler

Moritz Bleibtreu

Justus von Dohnanyi

Martina Gedeck

Tobias Moretti

Armin Rohde

Land

Flagge DeutschlandDeutschland

Flagge ÖsterreichÖsterreich

Jahr

2010

Dauer

114 min.

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