
Eine Berlinale ohne einen Film von James Benning ist möglich aber sinnlos. Sein neuester Film im Berlinale Forum 2026 heißt EIGHT BRIDGES. Wer Benning kennt, weiß „nimm’s bitte wörtlich“. Der Regisseur zeigt uns in den nächsten 80 Minuten acht jeweils 10-minütige Aufnahmen von Brücken. Die Kamera bleibt unbewegt, sie schwenkt nicht und sie zoomt nicht. Dazu hören wir den Umgebungssound: Autos, Schiffe, Vogelgezwitscher, den Wind – oder auch ein Hintergrundbrummen, das wir nicht zuordnen können. Alle zehn Minuten gibt es einen harten Schnitt und wir sehen für circa fünf Sekunden die schwarze Leinwand und es auf einmal sehr still. Willkommen im Medidations-Kino von James Benning: „Looking and listening“, wie der Meister in der anschließenden Q&A sagt.
Die erste Brücke ist gleich eine echte Berühmtheit: Die Golden Gate Bridge in San Francisco. Die Kamera filmt von einem Hang schräg von oben auf die Brücke. Die gesamte Brücke ist zu sehen. Sieht fast aus wie eine Postkarte, die Golden Gate Bridge hat eigentlich jeder schon mal gesehen. Der Autoverkehr rauscht ziemlich monoton. Ein großes Motorboot kommt von rechts, ein Segelboot kommt links. Ganz links unten im ist auf einmal ein Typ in kurzen Hosen zu sehen, er geht den Hang hinab. Wo kommt der her, wo will der hin? Auf einmal sind es drei Typen in kurzen Hosen - seltsam. Das Segelboot kreuzt unter der Brücke. Es ist jetzt schneller als das Motorboot. Kann das sein? In der rechten unteren Ecke Buschwerk oder sowas, hibbelt im Wind (Kann Buschwerk hibbeln?) Egal, das nervt. Obwohl ich es eigentlich lange gar nicht bemerkt habe. CUT. Schock! Großes schwarzes Rechteck, so leise hier. Leichtes Herzklopfen durch den Schreck.
Zweite Brücke: George Washington Bridge New York. Blick von New Jersey würde ich sagen. Was wird das hier James? Führst Du uns jetzt berühmte Brücken vor? Die Brücken werden im Film nicht durch ein Schriftinsert identifiziert, sie bleiben anonym. Aber die ersten beiden Brücken habe ich sofort erkannt. Ich werde misstrauisch. Das ist nicht integer, das ist nicht Indie, Mann! CUT. Schwärze, Stille. Ok, die dritte Brücke habe ich noch nie gesehen. Weniger Verkehr, anderer Sound, ab und zu ein LKW. Tolle Wolken, toller Höhenzug im Hintergrund. Und hoch ist sie, bzw. die Schlucht, die sie überspannt, scheint ziemlich tief zu sein. Ok. Ich groove mich ein, bekomme sogar ein Zeitgefühl, wie viel von den zehn Minuten ungefähr vergangen ist. Looking and listening, verstehste?
EIGHT BRIDGES ist ein ziemlicher Trip: Looking und listening funktioniert besser als meditieren. Meditieren ist für den Arsch oder jedenfalls nichts für meinen Kopf. Wenn ich zu meditieren versuche, rasen meine Gedanken nach wenigen Minuten so, dass ich mich zwingen muss, nicht einfach laut loszuschreien. Die acht Brücken aber, sehr angenehm. Plötzlich nehme ich Details wahr. Drifte weg, bin wieder aufmerksam. Huch, auf einmal Wasservögel, die schon fast rechts aus dem Bild verschwunden sind. Die müssen irgendwann links reingeschwommen sein. Where is my mind?
Einmal, ich glaube bei Brücke 6, ist es mit der Gelassenheit vorbei. Es ist ganz klar eine Eisenbahnbrücke. Der Himmel ist wunderschön, die Brücke interessant. Es ist still. Kein Zug weit und breit. Die Minuten vergehen. Da plötzlich ein Pfeifen in der Ferne. Die gespannte Erwartung im Kinosaal ist für alle spürbar und dann: CUT. Schwarze Leinwand, fünf Sekunden Stille. Ein kollektives Entsetzen lädt den Saal auf und fällt wieder in sich zusammen. WTF! Hinterher sagt Benning, er habe den Zug erst gehört, als er sich die Aufnahmen bei der weiteren Bearbeitung ansah. Im Delphi habe ich doch ein bisschen gebraucht, bis ich wieder die Ruhe in meinem Kinosessel gefunden habe. Looking and listening, Benning bietet sogar ein Uniseminar mit dem Titel am CalArts an.
Weitere Filme von James Benning auf Festivalblog: RR, 20 CIGARETTES und LITTLE BOY.