Die spinnen die Amis....(aber einige nicht)

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"Strange Culture" von Lynn Hershman Leeson (Panorama)

Die Regisseurin nannte zwei Gründe für die Titelwahl: Einmal die Bakterienkulturen, die Dr. Kurzt angelegte und die die ganze, kafkaeske Geschichte ausgelöst haben und dann die seltsamen Zeiten, in denen man in der US amerikanischen Kultur nach 9/11 lebt. Mir fällt noch eine Dritte "strange culture" ein, in die der Film Einblick gewährt: Die seit langem eher stille und fast vergessene HÄLFTE der eher linksliberalen Amerikaner. Sie besteht in diesem Film aus einer kulturellen Minderheit aus Uni Profs, Künstlern und Museumskuratoren, die Kurzt in diesem zum Himmel stinkenden Fall von Justiz-Tollwut unterstützen....

Es ist dieses Milieu, das mit Steve Kurzt, dem Beschuldigten, gearbeitet hat, seinen Prozess finanziert und auch diesen Film gemacht hat. Die akademische Mittelschicht an kleineren Unis und unbekannteren Museen, deren Anspruch auf Gehör und politische Haltung (weder hier noch in den USA selbst) kaum wahrgenommen wird, deren Kunstprojekte oder Publikationen von der Regierung aber trotzdem mit subtilen und auch rabiaten Mitteln bekämpft wird, wie dieser Film zeigt.

Der Fall ist schnell beschrieben: Dr. Kurzt bereitete mit seiner Frau ein Projekt zu genmanipulierten Nahrungsmitteln vor, hat dafür ein kleines Labor in seinem Haus aufgebaut, wo er ungefährliche Bakterienkulturen für eine Installation ansetzt. Dann stirbt plötzlich seine Frau, er ruft die Feuerwehr, die sehen das Labor, rufen die Polizei, die kriegen Schiss, rufen das FBI, die finden eine Einladung zu einer Vernissage mit arabischen Schriftzeichen darauf und Kurzt wird verhaftet, der ganze Straßenblock abgesperrt, Schutzanzugtäger marschieren auf konfiszieren ALLES, was sich im Haus befindet, inklusive der toten Ehefrau (die an plötzlichem Herzversagen starb wie man heute weiß). Seit 2004 wird Kurtz nun von Bundesbehörden gegängelt, seine Freunde und Kollegen wurden alle befragt und überwacht, man versuchte ihm einen Komplott gegen den Präsidenten unterzujubeln, seine Anwaltskosten (und der Prozess hat noch gar nicht begonnen) beträgt schon eine halbe Millionen (ein vielfaches kosten die Nachforschungen diverser Behörden).
Und obwohl der Fall offensichtlich totaler Bullshit ist, weil auch niemand mehr behauptet, die Bakterien seien gefährlich, Kurzt habe seine Frau umgebracht oder das ganze sei Teil einer Verschwörung, versuchen die Behörden weiter Kurzt dranzukriegen. Diese bemühte erfinden eines Falls, erinnerte mich an eine Doku, die ich vor einigen Tagen über Jack Johnson, den ersten schwarzen Schwergewichtsboxchamp sah: der wurde ebenfalls aufgrund absurder Vorwüfe und Gesetzesdehnungen verfolgt, verurteilt und so dafür bestraft, dass er schwarz und erfolgreich war, so wie Kurtz links und langhaarig ist.

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Neurotisch, paranoid und auf eine schrecklich selbstverständliche Art außer Rand und Band geraten ist dieses Land, denkt man, und erinnert sich an die dutzenden von Menschen die monatelang im Knast saßen ohne Anklage (nein, nicht in Guantanamo in Staatsgefängnissen auf amerikanischen Boden), weil sie einen arabischen Namen hatten oder irgendwann man Flugstunden genommen hatten oder einfach irgendwie „verdächtig“ waren.

Eine Professorin fasste die ganze Situation in den USA so zusammen: Meinungsfreiheit, Kunstfreiheit und freie Rede (deren höchste Form das Recht beinhaltet, dagegen zu sein) funktioniert nur in Zeiten von Prosperität und Sicherheit. In Krisenzeiten werden diese Rechte als Bedrohung aufgefasst und entsprechend bekämpft, das ist kein neues Phänomen in den USA (Rassenfrage, McCarthy Zeit, Vietnam und jetzt eben die Terrorbedrohung) und sicher kein exklusiv amerikanisches (Kurnaz in D).
Der Film ist also auch ein Statement und nur ein Fall von vielen, der nun sehr öffentlich wird. Wissenschaftler und Künstler werden unter Druck gesetzt, man droht ihnen mit Budget Kürzungen, stellt Nachforschungen ohne Anfangsverdacht an und verwendet Methoden eines Polizeistaats, der, und das ist das Schreckliche, von sehr vielen Bürgern gut geheissen wird: Nach dem Motto, Wir müssen unsere Truppen unterstützen, Kritik schwächt das Land usw.

Für diese beängstigende Atmosphäre ist dieser Film der sowohl Kurtz wie seine Freunde und Kollegen zu Wort kommen lässt, aber auch Spielszenen enthalt, ein Beleg, aber zugleich auch Beweis dafür, dass die Demokratie in den USA noch funktioniert. Das in den letzten Jahren sehr zurückhaltende Milieu linksliberaler Aktivisten fasst wieder Mut fasst und wird lauter.

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Titel

Orignaltitel

Strange Culture

Credits

Regisseur

Lynn Hershman Leeson

Schauspieler

Peter Coyote

Josh Kornblut

Thomas Jay Ryan

Tilda Swinton

Land

Flagge Vereinigte StaatenVereinigte Staaten

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