
"Zirkus is nich" von Astrid Schult (Perspektive Deutsches Kino)
Schade dass der Film selbst schon Zirkus is nich heißt: Sonst hätte ich das als Überschrift für diese Kritik gewählt. Der Titel ist so genial wie der Film: Eine bessere Kurzzusammenfassung gibt es auch nicht. Wer in Berlin wohnt, und von einem Dokumentarfilm hört, der „Zirkus is nich“ heißt und der in Hellersdorf spielt, vor dessen innerem Auge erscheint schon die Szenerie: Hartz IV, triste Plattenbauten, Armut, eine gute Portion Trostlosigkeit, RTL-Talkshow-Familien, vernachlässigte Kinder...
Und davon handelt der Film ja irgendwie auch. Konkret handelt er aber von einer Familie: der des achtjährigen Dominik und seinen beiden Geschwistern, die drei Jahre und ein halbes Jahr alt sind. Eigentlich waren es drei Geschwister – aber eines ist mit fünf Monaten verstorben, Kindstod, wie die Mutter erklärt. Dominiks Vater ist abgehauen, sein Stiefvater hat eine andere kennengelernt. Die kannten sich aber bloß vom Internet, sagt Dominik beiläufig, aus’m Chatroom. Auweia. Manchmal kommt der Stiefvater aber doch vorbei um seine eigenwilligen Erziehungsmethoden einzubringen, in-die-Ecke stellen und Dominik „ein paar mit den Schlappen“ verpassen gehört auch dazu. Insgesamt lebt die Familie in der tristen Stadtrand-Welt, die man irgendwie auch erwartet; sie besteht aber aus konkreten Menschen, die von der Kamera nicht mit Voyeurismus, sondern mit Neugier, aber auch Empathie betrachtet werden. Und deshalb dürfen wir sie in diesem wunderbaren Film ein bisschen aus der Nähe kennenlernen.
Was ist das eigentlich für ein Gesellschaft fragt man sich, in der die Kindheit von Dominik, 8, schon zu Ende ist bevor sie begonnen hat? Wie kommt es, dass Dominik wie der älteste Achtjährige der Welt wirkt, wenn er zu seiner dreijährigen (!) Schwester sagt: „Jetzt reichts Fräulein! Zieh dich an jetzt hier, zack zack, wir müssen zum Zahnarzt.“ Das sind Elternsätze, aber Dominik hat sie einstudiert, denn er muss schon viel zu früh viel zu viel Verantwortung übernehmen. Nie wirkt er im Film wie ein Achtjähriger. Wenn er erzählt, dass er den BVG-Kontrolleuren sagt, er sei fünf, weil man erst ab sechs bezahlen muss, wirkt das besonders grotesk. Aber sagt auch warum er das tut, denn Mama hat eben nicht soviel Geld und muss sich schon um genug kümmern.
Und dann ist Dominik eben doch ein Kind, das mit seiner Mutter Mensch-ärgere-dich nicht spielen möchte. Eins das in den Zirkus will, unbedingt. Er heult und schreit, aber Zirkus is nich! Seine Mutter kann nicht weg, sie muss auf die anderen beiden Kinder aufpassen. Zirkus is nich, und in Marzahn ist überhaupt nich viel. Und doch, sagt Dominik, ist er "meist zufrieden mit seiner Familie“.
Die Träume seiner Mutter halten sich in Grenzen: Noch einmal die Jugend erleben, die sie nie hatte. Mal Eis essen oder so. Mit Freunden. Aber dit geht ja nich. Und wie stellt sie sich die Zukunft vor? Mal sehen. Mal sehen was der Tag bringt. Und doch will sie unbedingt, dass es Dominik mal besser hat als sie selbst. Drauf achten, dass er Fortschritte in der Schule macht. Wenn der übermüdete Dominik dass große Einmaleins mit dem Taschenrechner löst, ist man sich nicht sicher wie das gehen soll. Zugleich ist er aber ein so aufgeweckter Junge, dass man ihm eigentlich eine Menge zutrauen möchte. Dominik ist der Star im Film, mit seinem Berliner Dialekt wirkt er manchmal wie Kurt Krömer im Taschenformat. Wir lachen mit ihm und über seine altklugen Sprüche, und da ist gar kein Mitleid im Spiel. Wir wünschen wir ihm eine Kindheit, das kostbarste Gut nicht nur in Marzahn, aber da besonders. Und wir sind traurig in den Momenten, in denen wir daran zweifeln. Doch Dominik selbst zweifelt nicht. Warum eigentlich? Wegen Gott, sagt er. Warum das denn, die erstaunte Gegenfrage. Weil Gott mein Freund ist. Wow!
Aber überhaupt, wo war eigentlich Dominik an diesem Abend in der Perspktive Deutsches Kino? Er musste früh ins Bett, sagt Regisseurin Astrid Schulte, aber er grüßt euch alle herzlich. Der Applaus im Kino ist lauter als sonst auf der Berlinale und hält auch länger an. Zirkus is nich ist ein bewegender Film, eine Perle: Der WDR hat ihn schon gekauft, und alle die den Film auf der Berlinale nicht sehen können, sollten ihn dort demnächst in der Reihe „Menschen hautnah“ bewundern.
Kommentare (9)
Glaub noch nicht Mal, das Dominik ins Bett musste, sondern eher, dass die Regisseurin in schützen wollte. Denn im Kino wurde natürlich auch gelacht über seine Sprüche und auch der Kopf geschüttelt und geprustet. Das ist auch gar nicht verwerflich. Ich könnte mir aber denken, dass Astrid Schult den "ältesten 8-Jährigen" Berlins vor dem Lachen schützen wollte. Denn wie soll man das erklären? Filmfestpeople lachen die über die Sprüche von dem Jungen in der Platte - der sich noch nicht Mal das Ticket zum Potsdamer Platz hätte leisten können. Das sind wirklich zwei Welten und vieleicht berührte der Film deswegen die meisten, denn das Lachen ist einem Ende im Hals stecken geblieben.
Posted by christian | 15.02.07 09:08
Posted on 15.02.07 09:08
Die Frage ist: Was zigt einem ein Film über denselben Jungen in 5 Jahren?
Posted by Töffe | 15.02.07 13:02
Posted on 15.02.07 13:02
wie ich gehört habe, war dominik bei einer aufführung am donnerstag nachmittag dabei und durfte dann auch auf die bühne, was er wohl gut fand. ich war nicht dabei, keine ahnung wie das rüberkam und ob die situation etwas ausbeuterisches/zwiespältiges hatte. ich fand jedenfalls nicht, dass der film den jungen vorgeführt hat. die regisseurin trifft sich jedenfalls immer noch regelmäßig mit dominik.
außerdem ist das so ein ding, dass man meint, dass man mit einer doku auch gleich die gezeigten probleme beseitigen muss (und kann!). verantwortung hat man natürlich in jedem fall. aber die hat ihre grenzen.
Posted by tiz | 17.02.07 00:54
Posted on 17.02.07 00:54
Ich hoffe sehr, dass mit dem Geld was Dominiks Familie für den Film als Aufwandsentschädigung bekommen hat, wenigestens die kleinen großen Wünsche von den Kindern und Ihrer Mutter erfüllt werden konnten. Denn wenn sie Hartz IV Empfänger sind dürfen sie ja das Geld leider gar nicht behalten sondern müssen es einsetzten um die "Lebenshaltungskosten" selbst zu finanzieren.
Ich wünsche Dominik und seiner Familie alles Gute, bin selbst alleinerziehend und auch arm und lebe auch in Marzahn-Hellersdorf. Ich finde es sehr gut, dass es diesen Film gibt, und das er anders ist als die üblichen Reportagen über meinen Bezirk. Endlich mal ein Film der nicht anklagt, nicht sensationsgeil ist und die Armut nicht einfach nur zur Schau stellt um sie für Medienzwecke auszubeuten, sondern den Zuschauer auch nachfühlen lässt. Ein Film der mal wirklich mal zeigt was los ist in Deutschland. Ich würde mir wünschen dass Familienpolitik in diesem Land endlich anfängt Entscheidungen zu treffen, die Kindern wie Dominik zugute kommen können und nicht nur fiktiven Traumfamilien mit berufstätigen Eltern, einem verhandenen Babysitter, Auto,Haus, Garten und Hund. Dominik ist kein Einzelfall.
Einfach nur "Danke dass es diesen Film gibt und Danke dass er so ist wie er ist"
Posted by Mandy aus Marzahn | 01.08.07 18:50
Posted on 01.08.07 18:50
Ein sensationeller Film!
Posted by D.Cyrol | 20.11.07 15:15
Posted on 20.11.07 15:15
Mich hat der Film unendlich traurig gemacht und ich habe um den Jungen geweint. Ich frage aber, wo steht er in 7 Jahren wenn ihm nicht nachhaltig geholfen wird. Er ist ein Kind von 8 Jahren, selber schutz- und liebebedürftig, stromert aber mit seiner kleinen Schwester duch Berlin-Hellersdorf. Sein Unrechtsbewußtsein und auch das seiner Schwester kann sich doch gar nicht richtig entwickeln, wenn er laufend schwarz fährt.
Auch er ist ein Kind Gottes und ich klage an, dass sich unsere Gesellschaft an diesen noch unschuldigen Wesen versündigt.
Posted by Gilli aus Ostfriesland | 01.01.08 20:02
Posted on 01.01.08 20:02
Tolle Zusammenfassung! Genauso habe ich den Film auch gesehen. Lob, Lob, Lob!
Posted by Chris | 28.02.08 16:41
Posted on 28.02.08 16:41
ich habe den film heute gesehen in meiner weiterbildung zur kinderschutzfachkraft.
ich muss sagen der film ist wirklich sehr gut und es ist erschreckend das dominik kein einzelfall ist und ich kann euch sagen das dominik und xenia lena bei einer betreuerfamilie ist also professionelle hilfe rund um die uhr und die mutter zum zeitpunkt des drehs schwanger war und die chance bekam es zu versuchen den zwei würmern eine bessere mutter zu sein.
Posted by norbert | 23.05.08 17:28
Posted on 23.05.08 17:28
ein klasse Film!
Posted by kiki | 22.07.08 21:13
Posted on 22.07.08 21:13