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14.02.05
23:58
Forum: Pakostnik (The Rascal) von Tania Detkina (1)
Regie: Tania Detkina * Darsteller: Maxim Roganov, Anton Privalov
Gut, es war die Weltpremiere dieses Films, der mit den lakonischen Worten eingeleitet wurde: "die Regisseurin hat leider kein Visum bekommen, deshalb fällt die anschließende Diskussion aus". Dann ging es ohne Umschweife, aber leider niemals wirklich zur Sache:
Schwarz-weiße Bilder aus einer verfallenden Villa in einem klaustrophobischen Wald; ein junger, pickeliger Hausmeister, der sich unbehaarte Katzen hält. Immer wieder Schweißer, die an einem Metallgerüst eine Brücke über einen Fluss am Bauen sind.
Bilder, meist ohne Musik, reihen sich aneinander, setzen sich aber niemals zu einem stimmigen Bild, einer Handlung oder Narration zusammen. Die Dialoge sind kryptisch ohne dabei interessant zu sein. Nach 10 Minuten beginnen die ersten, das Kino wieder zu verlassen.
Ein Stück Fleisch (oder Leber) wird mit einer Apparatur in einen Stoffteddy eingenäht. Der Hauptdarsteller mit seinem unglaublichen Silberblick schweigt meistens zu seinen Handlungen. Dann wird die eine (?) Erzählebene aufgebrochen, Personen erscheinen an verschiedenen Orten während sich in den jeweiligen Szenen kleine, stille Handlungssequenzen entspinnen.
Neben mir tuscheln zwei Männer etwas von "Dada", aber Dada hat mit Provokation und Schock zu tun. Mit erscheint dieser Film eher surrealistisch, mag aber nicht zu fesseln, scheinbar uninspiriert werden Szenen aneinander gereiht ohne Spannung und ohne Kraft. Formal mag das vielleicht spannend sein, mir reicht es allerdings nach einer Stunde und ich beende mein russisches Filmexperiment vorzeitig und gelangweilt.
Autor: dominik 14.02.05 23:58 | Kommentare (0)
23:12
Wettbewerb: "Sophie Scholl - Die letzten Tage" von Marc Rothemund

Gewissen besiegt das Recht
Deutschland 2004, 117 Minuten, *Regie: Marc Rothemund; *Buch: Fred Breinersdorfer, *Kamera: Martin Langer, *Musik: Johnny Klimek, Reinhold Heil; *Produzenten: Christoph Müller, Sven Burgmeister, Fred Breinersdorfer, Marc Rothemund; *Darsteller: Julia Jentsch, Fabian Hinrichs, Alexander Held, Andre Hennecke u.a.
Wettbewerb: Sophie Scholl Die letzten Tage von Marc Rothemund
Deutschland 2004, 117 Minuten, Regie: Marc Rothemund; Buch: Fred Breinersdorfer, Kamera: Martin Langer, Musik: Johnny Klimek, Reinhold Heil; Produzenten: Christoph Müller, Sven Burgmeister, Fred Breinersdorfer, Marc Rothemund; Darsteller: Julia Jentsch, Fabian Hinrichs, Alexander Held, Andre Hennecke u.a.
Der Film ist fast als Kammerspiel inszeniert. Nach der Verhaftung von Sophie und Hans Scholl spielt der Großteil des Films im Verhörraum und in der Gefängniszelle. Gegen Ende noch einmal kurz im Gerichtssaal und dann werden sie auch schon auf der Guillotine geköpft. Die Geschichte ist bekannt und braucht hier nicht nacherzählt werden. Was diesen neuen Film von der ersten Verfilmung in den 80er Jahren unterscheidet, ist die Fokussierung auf die Figur der Sophie und die bei ihrem Verhör angefertigten Protokolle sowie die Betonung des christlichen Hintergrunds des Geschwisterpaares, auf der offenbar nicht nur ihre moralische Selbstsicherheit beruhte, sondern auch ihre Bereitschaft, eine Art Märtyrertod zu sterben.
Julia Jentsch als Sophie Scholl und Alexander Held als Gestapo Kommissar Robert Mohr tragen den Film mit ihrer beeindruckenden Leistung. Die interessanteste Figur ist dabei der Gestapo Verhörchef Mohr, weil er als kleiner Dorfpolizist es unter den Nazis zu etwas gebracht hat, ein Freund von Ordnung ist und sich bei allen Fragen von Gewissen und Moral auf eine positivistische Rechtsauffassung zurückzieht: Alles, was von den Staatsorganen zu Recht erklärt wird, ist Recht & Gesetz. Moralische Kriterien darf es nicht geben. Mit der Zeit beeindruckt ihn aber Sophie Scholls Standhaftigkeit und Selbstsicherheit. Ihr Idealismus auf den Nationalsozialismus angewendet, wäre genau was Deutschland braucht, meint er. In einer Pontius Pilatus mäßigen Szene wäscht er sich ausgiebig die Hände, nach dem Sophie Scholl ihr Geständnis unterschrieben hat. Die einzige abgeschmackte Szene in dem Film.
Ansonsten vermeidet der Film billige Nazi-Clichees von martialischen Gestapooffizieren, fanatischen Parteigenossen in schwarzen Ledermänteln etc. Es gibt keine „folkloristische“ Naziszenen mit Fackelzügen und begeisterten Massen oder die sonst üblichen Szenen von Gewalt und Unterdrückung auf der Straße, die es dem heutigen Betrachter leicht machen zu sagen: Ach das waren schlimme Zeiten damals.
Ich fand die Bilder im Gegenteil sehr modern und gegenwärtig, die Kostüme wie z.B. die rote Strickjacke und Kleid von Sophie Scholl könnte man am Prenzlauer Berg ohne aufzufallen auch heute tragen (wohingegen man wohl nach einer vergleichbaren inneren Haltung am P-berg lange suchen müßte).
Beeindruckend fand ich die Darstellung wie der Nazi-Apparat die Scholls durch sein Mahlwerk dreht. Hausmeister ergreift sie, Gestapo verhaftet sie, Universitätsführung ist über die Studenten zackig empört, Kommissar verhört gründlich und sammelt wie im „Tatort“ Beweise, zwei Tage später Polizei transportiert sie zum Gericht, Urteil, wenige Stunden darauf Hinrichtung. Jedes Rädchen greift gut geölt ineinander und alle befolgen nur, was nach dem „Gesetz“ ihre Aufgabe ist. Eins der Flugblätter der Weißen Rose wird später von den Engländern über Deutschland abgeworfen. Als „Erklärung der Münchner Studenten“. Leider ein verfehlter Titel, wenn man die zwei Dutzend Menschen betrachtet, die den Mut hatten, sich gegen das Regime zu stellen.
Ein guter Film mit ebenso guten Darstellern (auch wenn ein Kritiker es als „politisch korrektes Studententheater“ verhöhnte) aber meiner Ansicht nach mit wenig Chancen auf den goldenen Bären, weil nicht wie im letzten Jahr wieder eine deutscher Film die Berlinale gewinnen kann. Doch Julia Jentsch als beste Darstellerin, das wäre durchaus möglich. Verdient hätte sie es!
Autor: christian 14.02.05 23:12 | Kommentare (1)
23:00
Forum: "Der irrationale Rest" von Thorsten Trimpop

Deutschland 2005, 95 Min. *Regie und Buch: Thorsten Trimpop *Kamera: Hanno Moritz Kunow *Musik: Michael Jakumeit *Produzenten: Susann Schimk, Jörg Trentmann
Forum: Der irrationale Rest von Thorsten Trimpop
Deutschland 2005, 95 Min.; Regie und Buch: Thorsten Trimpop, Kamera Hanno Moritz Kunow, Musik: Michael Jakumeit; Produzenten: Susann Schimk, Jörg Trentmann
Der Dokumentarfilm lässt drei ehemalige Freunde, ein Mann, zwei Frauen über die Jahre 86/87 sprechen. Alle sind damals Anfang 20. Mathias versucht mit der besten Freundin seiner Freundin Suse aus der DDR zu fliehen und wird zusammen mit ihr verhaftet. Was folgt ist Stasihaft und Verurteilung. Dann 87 Entlassung in die DDR, nicht wie beide gehofft hatten, in den Westen. Die Drei haben sich als der Film beginnt 16 Jahre nicht mehr gesehen und nie wirklich über die Zeit damals, ihre Beweggründe und die Folgen auf ihr Leben gesprochen. Nicht nur dass Suse schwanger von Mathias war, als der beschloss, abzuhauen, auch die beste Freundin hatte nur noch Augen für das Ziel: Weg hier! Suse bleibt bewusst in der DDR und gibt nach der Verhaftung ihrer beiden Freunde dem Druck der Stasi nach und verrät offenbar Dinge über Freunde und Bekannte.
Mathias haben die Ereignisse von damals nie losgelassen, seine Haft, die Drangsalierung im Gefängnis, die Einschränkung und Beobachtungen. Er führt heute in einer Art masochistischem Impuls Besuchergruppen durch das Stasigefängnis, in dem er vor 18 Jahren gesessen hat.
„Vielleicht bin ich nur am Leben, wenn ich wieder in dieser Vergangenheit bin, und spüre, was ich damals gespürt habe.“ sagt er. Susanne ist dann doch noch vor der Wende nach Westberlin gegangen und hat den Beruf gelernt, den sie in der DDR nicht lernen durfte. Suse blieb, wo sie war und lebt als einzige heute noch im Osten Berlins.
Der Film begleitet jeden Einzelnen der drei an die Orte ihrer gemeinsamen und dann trennenden Vergangenheit, in den Wald an der Grenze zu Tschechien, wo die beiden Flüchtenden gefasst wurden, in den Plattenbau, in dem sie damals wohnten, dann weiter in das Gefängnis, in das Susanne zum ersten Mal zurückkehrt, an die Schule, wo Suse zu DDR-Zeiten unterrichtete und die heute nur noch eine Ruine ist.
Alle drei holen in Monologen und vom Regisseur fast nie unterbrochen allmählich ihre Vergangenheit zurück, ihre Beziehung zu den anderen beiden, versuchen zu erklären und rechtfertigen. Sie stellen fest, wie sehr all das auch nach fast 20 Jahren noch schmerzt, weil aus Freundschaft und Liebe Misstrauen wurde. In der beeindruckenden Schlussszene, in der alle drei schließlich zum ersten Mal aufeinandertreffen, spürt man die Fremdheit zwischen ihnen, die Trauer über den Verlust der Liebe und Freundschaft, die ihnen von der abstrakten Politik der DDR genommen wurde, die ihr Leben aber bis heute prägt. Sie schweigen. Der noch am tiefsten im Gestern verstrickte Matthias spricht den passenden Schlusssatz des Films: „Was sagt man bloß in so einem Moment?“.
Autor: christian 14.02.05 23:00 | Kommentare (1)
22:30
Panorama: „Inside Deep Throat“ von Randy Barbato & Fenton Bailey

Die „Mutter“ aller Pornofilme
Der Übergang war gewagt: Bin vom ernsten, schweren deutschen Stoff in „Sophie Scholl - Die letzten Tage“ (Review oben) direkt in diese Dokumentation. Aber man kann recht schnell umschalten, bei so einer Thematik wie dem erfolreichsten Porno, der je gedreht wurde: Deep Throat
In Gesprächen vor dem Film hörte ich häufig die Frage: „Hast DU schon mal Deep Throat gesehen? Warst Du mal in einem Pornofilm?“ Auch die amerikanischen Regisseure baten das vorwiegend deutsche Publikum um Handzeichen, wer schon Mal Fellatio auf einer Kinoleinwand gesehen habe. Es waren erstaunlich viele auch solcher Besucher, die wirkten, als wenn sie sonst eher den chinesischen Ungerground-Film oder den nächsten Ken Loach besprechen. Und noch etwas wirkte anders als sonst auf der Berlinale. Ungewohnte Typen, sehr braungebrannte, breitschultrige Herren, seeeehr blonde Damen in stoffarmen Kleidchen hatten sich unter das übliche Berlinale Völkchen gemischt und wurden tüchtig von der zahlreich erschienen Presse abgelichtet.
Deep Throat war der erste Hardcore Porno, der Anfang der 70er ein breites Publikum erreichte, weil er als Komödie angelegt war und versuchte, so etwas wie eine Geschichte zu erzählen. Dass sich der Film ausserdem auc
h um die sexuelle Befreiung der Frauen verdient gemacht hätte, wie von den Filmemachern behauptet, weil es in ihm um die Suche einer Frau nach sexueller Erfüllung gehe, diese These kann ich nicht so richtig bestätigen. Die Story von Deep Throat ist dem Genre sehr angemessen: „Linda Lovelace“ sucht sexuelle Erfüllung und wird fündig, als sie vom Arzt erfährt, ihre Klitoris im Hals zu haben. Von da an vollbringt sie eine Art Schwertschluck-Kunststück bei der Fellatio und findet, was sie sucht. Diese (beeindruckende) Szene war dann auch die einzig echte Pornoszene in der Dokumentation. Ansonsten traten viele fett und vom Drogenmissbrauch gezeichnete Damen und Herren auf und erzählten über damals, als der Pornofilm für die breite Masse geboren wurd, die kurze Zeit bevor es eine jährlich 100erte von Millionen Dollar verdienende „Rein-Raus“ Großindustrie wurde. Die Macher von damals begriffen sich tatsächlich als Rebellen gegen Doppelmoral und Verklemmtheit und wurden von vielen auch so wahrgenommen. Deep Throat ist ein Symbol gewesen für die Freiheit sich die Filme im Kino anzusehen, die man möchte, eben auch einen Sexfilm. Er hat ausserdem Sexpraktiken vorgeführt, die in einigen US-Staaten noch heute unter Strafe stehen.
Deep Throat erregte 1972 soviel Aufsehen, dass er in großen Zeitungen wie der New York Times und Variety besprochen wurde. In Folge lockte er „ganz normale Leute“ ins Kino. Auf sein Verbot und die folgenden Prozesse folgten Solidaritätskundgebungen, auf denen Jack Nicholson und Warren Beatty auftraten. Selbst Jackie Kennedy wurde beim Verlassen des Kinos gefilmt.
Deep Throat hat bis heute geschätzte 600 Millionen Dollar eingespielt. Er ist damit zum erfolgreichsten Film (nicht nur Pornofilm) aller Zeiten geworden.
Die Kehrseite der Geschichte: Keiner der Beteiligten, nicht die Schauspieler, nicht Regisseur oder Produzenten, haben je von diesem Erfolg finanziell profitiert. Das gesamte Geld versickerte in Mafia-Kanälen. Kinos, die den Film zeigten, wurde 50% der Einnahmen als Schutzgeld erpresst, jede einzelne Kopie des Films wurden von sogenannten Checkern in die Kinos gefahren und die Einnahmen überwacht. Die Darsteller und Produzenten dagegen erging es nicht nur finanziell schlecht. Der damals beginnende Kulturkampf der Rechten gegen „Unmoral“ und Pornographie hat die Leben aller Beteiligten vor allem der beiden Hauptdarsteller durcheinandergewirbelt und beinah zerstört. Die Republikaner in den USA wollten an Deep Throat ein Exempel statuieren. Sie erreichten nicht nur, dass Gerichte die Vorführung des Films in fast allen Bundestaaten verboten, sondern sie überzogen alle Beteiligten und alle, die bei Verleih und Verkauf beteiligt waren mit Prozessen, die darin gipfelten, dass der Hauptdarsteller Harry Reems (der für seinen Auftritt 250 $ bekommen hatte) der Verschwörung angeklagt und tatsächlich zu Gefängnis verurteilt wurde.
Das Klima ist in den heutigen USA ist laut Aussage der Filmemacher wieder so wie Mitte der 70er: Restriktiv, verklemmt, voller Doppelmoral. „Obwohl diese Zeit erst 30 Jahre zurückliegt, hatten wir das Gefühl eine historische Dokumentation zu machen, wie man sie auf eine jahrhundertealte Kultur anwenden könnte. Wir mussten feststellen, dass viele Leute, die in den Film oder die Szene der sexuellen Revolution involviert waren, nicht mehr darüber sprechen wollten.“
Das Schlusswort hatte der damalige Ankläger, ein ehemaliger Prediger und noch heute Staatsanwalt. Er hielt das Klima in den USA heute sogar für noch besser als damals und meinte, wenn das Justizministerium nicht soviel mit Terroristen zu tun hätte, sähe es schon heute in Amerika anders aus. Schmutz und Schund ginge es aber sicher bald an den Kragen.
Danke Ossama!, wird man im San Fernando Valley, Sitz der US Pornoindustrie, da wohl jeden abend rufen.
Autor: christian 14.02.05 22:30 | Kommentare (0)
18:47
Panorama: Silentium von Wolfgang Murnberger
Österreich 2004 * Regie: Wolfgang Murnberger Drehbuch: Wolfgang Murnberger, Josef Hader, Wolf Haas Darsteller: Josef Hader, Simon Schwarz, Joachim Król, Maria Köstlinger, Udo Samel, Jürgen Tarrach, Rosie Alvarez Special Guest: Christoph Schlingensief

Und scho wieder is wos passiert. In Salzburg stürzt der Schwiegersohn des Festspielpräsidenten vom berühmten Selbstmörderberg Mönchsberg. Hat er aber vielleicht einen kleinen Schubser gekriegt? Daran glaubt die Frau des Toten. Was für ein Glück, dass sie den glücklosen Brenner begegnet! Mit einem interessanten Trostspruch hat er sie für sich gewonnen, und sie wiederum überzeugt ihn davon, sich in die altehrwürdigen Gemäuer eines Knabenkonvikts zu begeben, hinter denen die Witwe die Mörder ihres Mannes vermutet. Ein Jahr zuvor war nämlich der Tote mit seinen skandalträchtigen Erinnerungen an die Öffentlichkeit getreten: der Leiter der Schule und zum Erzbischof aufgestiegene Schorn hat ihm als jungen Schüler etwas zu realistischen Hygieneunterricht erteilt. Mit seinem Freund Berti kommt Brenner nicht um die Kulissen der Festspiele herum (da beweist Christoph Schlingensief sein Können vor den Bayreuther Festspielen ) und kratzt an der glänzenden Oberfläche der morbiden Mozartstadt.
Nach der Romanvorlage von Wolf Haas ist dem Regisseur Wolfgang Murnberger ein spannender Film gelungen, in dem man fiebert, lacht, zittert, den Kopf schüttelt und noch mehr lacht. Das staubige Österreich mit der staubigen katholischen Kirche und dem staubigen Bürgertum, die alle gern heuchlerisch die Augen verschließen, wird schonungslos bloßgestellt. Brenner, dargestellt vom genialen Josef Hader (bekannt als Kabarettist und v.a. wegen dem Film „Indien“), ist der Anti-Held schlechthin. Stolpert von einem Missgeschick ins nächste und kommt doch als Stehaufmännchen immer mit einem blauen Auge davon. Skurrile Szenen erinnern an „Kottan ermittelt“, eine der sicherlich absurdesten Fernsehserien, die in den 80ern über Österreichs Bildschirme flimmerte (oder was sagt man zu einem Polizeipräsidenten, der seinen privaten Krieg mit einem Getränkeautomaten führt?). Brenner ist eine liebenswert tragikomische Figur, dessen einzige Romanze sich durch die kleine Nachtklappe einer Apotheke abspielt. Überhaupt sind die Charaktere dieses Filmes eigensinnig und wunderbar ausgearbeitet. Der bissige Wortwitz bringt uns zum Lachen, aber die Geschichte selbst stimmt einen nachdenklich. Sie ist erst auf den zweiten Blick tiefsinnig.
Nicht umsonst war dieser Film der größte Kassenschlager in Österreich 2004. Die Frage ist nur, kann er in Deutschland bestehen – ohne Untertitel? Keine Sorge, es kämpften sich auch einige „Piefke“-Darsteller tapfer mit österreichischen Ausdrücken und Akzenten im Film durch. Ich freue mich jedenfalls darüber, dass Wolf Haas noch vier ganze Romanvorlagen aus dem SchreibÄrmel gezaubert hatte.
Autor: haiwen 14.02.05 18:47 | Kommentare (1)
16:28
Forum: Crash Test Dummies von Jörg Kalt
Östereich 2005 Regie: Jörg Kalt * Drehbuch: Jörg Kalt * Kamera: Eva Testor * Schnitt: Emily Artmann* Darsteller: Maria Popistasu, Bogdan Dumitrache, Simon Schwarz, Kathrin Resetarits, Viviane Bartsch, Barbara Albert

"Your Freundin has an accident. I call the spital. Waitens a moment". Wenn die Hotelangestellte mit dem Rumänen Nicolae spricht, dann geht es ihr wie Östereich: sie ist im neuen Europa angekommen.
Ankommen, wegfahren, hinfahren, zusammenkommen.
Nicolae und seine Freundin Ana fahren von Bukarest nach Wien, um ein Auto zu überführen. Als sie die ungarische Kontaktperson Arlep völlig stoned vor einer Wurstbude im Wiener Bahnhof treffen, wird klar: der Deal läuft anders als geplant. Das Auto ist noch nicht geklaut, vielleicht klappt es in einer Woche. Nicolae und Ana beschliessen die Woche zu warten. In dieser Woche Wien ohne Geld kreuzen sich ihre Wege mit den Wienern Jan und Martha.
Jan arbeitet für einige Wochen als Vertretung. Supermarktdetektiv im Interspar. Wiener Bahnof Untergeschoss. Über sechs Monitore beobachtet er das Supermarktbiotop: z.B. wie Ana die Münzen im Telefon vorm Interspar ausgehen oder wie seine Mitbewohnerin Martha sich in eine Dosenburg fallen lässt. Martha wandelt, schleicht apathisch durch ihr Leben, klaut aus einer Medikamentstudie Tabletten und nimmt sie wie Gummibärchen. Beruflich arbeitet sie als Crash Test Dummi. An ihr wird erprobt, wie sich der Aufprall eines Autos gegen die Wand auf den Fahrer auswirkt. Mit hoher Beschleunigung und niedriger Geschwindigkeit wird Matha auf dem Versuchssitz nach vorne katapultiert.
Das Bild des Crash Test Dummi beschreibt auch das Leben der Hauptfiguren. Mehrmals fahren sie mit hoher Beschleungigung gegen die Wand des Wiener Alltags: gegen Wiener Autos, gegen gewalttätige Security oder gegen eine männerkonsumierende, verführerische Wienerin. Hinterher stehen sie wieder auf, schütteln kurz den Dreck ab und leben weiter.
Lakonisch und mit grosser Symphatie für seine Figuren, die sich auch von Kühen auf der Fahrbahn nicht unterkriegen lassen, beobachtet Jörg Kalt europäische Grenzbewegungen. Sein Spielfilmdebüt ist ein amüsanter östereichischer Reigen, der auf der Premiere entusiastisch vom Publikum aufgenommen wurde.
Autor: andreas 14.02.05 16:28 | Kommentare (0)
13:11
Wettbewerb: Hotel Rwanda von Terry George
Regie: Terry George Drehbuch: K. Pearson, T. George & Don Cheadle
Darsteller: Don Cheadle, Sophie Okonedo, Nick Nolte

echt, real
Don Cheadle spielt Paul Rusesabagina und Paul Ruseabagina spielt Don Cheadle. Die beiden geben auf dem Festivalgelände Autogramme. Näher können sich Spielfilm und Realität kaum kommen. Der für diese Rolle Oskar nominierte Don Cheadle spielt den Hotelmanager Paul Ruseabagina, der während des Genozids in Ruanda 1200 Menschen das Leben gerettet hat. „Hotel Ruanda“ erzählt diese Geschichte auf atemberaubende Weise und steuert den Tatsachen nur „zehn Prozent Pfeffer und Salz“ (Ruseabagina) bei, um den Geschmack des Publikums besser zu treffen. Der Film wird neben „Sophie Scholl“ wohl zu den meist beweinten Festivalbeiträgen gehören. Verbinden tut die beiden Filme, dass sie von Menschen handeln, die sich dem Massenschlachten ihrer Zeit entgegen stellten. Mit dem Unterschied, dass Ruseabagina seinem Film beiwohnen kann.
Dass das so ist, erscheint angesichts der Ereignisse ein Wunder. Täglich musste er mit den Hutu-Schlächtern um das Leben der Tutsi im Hotel feilschen. Auch um das eigene. Mit immer neuen Finten und Ideen, zögerte er das schier unvermeidliche hinaus, bis es doch noch Rettung gab. Die kam, wie man weiß, nicht von der westlichen Staatengemeinschaft. Die Tutsi schlugen blutig zurück und handelten einen Austausch aus.
Mit beeindruckenden Bildern und einer ins Mark gehenden Dramaturgie bringt einem der Film diese Ereignisse, so nah, wie sie damals kaum jemandem waren. Nick Nolte als versoffener UNO-Offizier und Sophie Okonedo als Paul Ruseabaginas Frau tragen zur Stärke des Films bei. Niemand in diesem Film ist bloßer Platzhalter, es werden Menschen erzählt, auf beiden Seiten.
Ob ihm der Film Hoffnung mache, wurde Ruseabagina auf der Pressekonferenz gefragt. Nein, sagte er, im Sudan passiere ein neues Ruanda. 70.000 Menschen seien bereits getötet worden.
Autor: jens 14.02.05 13:11 | Kommentare (1)
13:07
Panorama: The Devil and Daniel Johnston von Jeff Feuerzeig
Regie: Jeff Feuerzeig

"Funeral Home"
Vater und Sohn Johnston in einem Sportflugzeug über Texas: Sohn Daniel stoppt den Motor, zieht den Schlüssel ab und schmeißt ihn aus dem Fenster. Sie stürzen in einen Wald und überleben. Auf der Fahrt ins Krankenhaus passieren sie eine Kirche an der folgendes Predigt-Thema in großen Lettern angekündigt wird: „Lord says: you may have a hard trip, but a save landing“.
Eine Szene aus dem Dokumentarfilm „The Devil an Daniel Johnston“. Die Geschichte des längst zum Kultstar aufgestiegenen Musikers. 13 Jahre hat Regisseur Jeff Feuersteig an dem Film gearbeitet. Herausgekommen ist eine farben- und musikträchtige Collage und ein Dokument, dessen Längen den wahren Fan kaum schocken werden.
Es ist die chronologisch erzählte Geschichte des Daniel Johnston, vom kleinen hyperaktiven und künsterlisch vielversprechenden Jungen, über den vom Teufel besessenen Underground-Musiker, der eine alte Frau zum Sprung aus dem Fenster zwang, bis zum gutmütigen fetten Liedermacher der Jetztzeit, dessen Konzerte weltweit die Hallen füllen. Angereichert wird das ganze durch herrlich skurrile Super-8-Kurzfilme aus Johnstons Jugend, Zeichnungen und etliche Tonband-Aufnahmen, mit denen Johnston sein Leben dokumentiert. Angetrieben von einer unglücklichen Liebe komponierte er Hunderte, teils herzzerreißende Songs ("Funeral Home"), die inzwischen von Stars wie Beck oder Sonic Youth gecovert werden. Curt Cobain trug kurz vor seinem Tod monatelang ein Daniel Johnston T-Shirt und löste ein kleine Manie aus. Erzählt wird aber auch, wie plötzlicher Ruhm, Fernsehauftritte und Drogen ihn zum Psychopaten werden ließen. Er ist wohl der einzige Musiker, den die Manager eines Major-Labels in der Psychiatrie aufgesucht haben, um ihn unter Vertrag zu nehmen. Und der einzige der Eine Platte via Telefon aus eben jener Anstalt einsang.
PS: Vater und Sohn wohnen im selben Haus
Autor: jens 14.02.05 13:07 | Kommentare (0)
13:02
The Last Vorfilm
Mal abgesehen von unserem Freund, dem Marlboro-Man, ist er ja leider ausgestorben, der auflockernde Vorfilm. Die Berlinale hat ihn in ein neues Gewand (Smoking) gesteckt und vor einem Wettbewerbsfilm gemogelt. Sein Name Gerd Scobel, 3Sat- bzw. Morgenmagazin-Moderator und auch, was keiner wusste: Stand-up.Comedian. Seine Aufgabe, die Verleihung European-Shooting-Star-Awards an 21 (wegen der Übersichtlichkeit ...) junge europäische Schauspieler. Mit souverän durchgehaltener Nervosität übersetzte Scobel seine bis ins Koma vorgefeilten Moderationen wahlweise vom Englischen ins Deutsche oder umgekehrt. Er quälte sich, Festivalchef Kosslick und weitere Gäste durch Interviews („Was bedeutet der Preis für das Festival?“) und verhedderte sich, wohl weil ohne Telepromter, immer wieder höchst belustigend in Text und Ablauf. Erst verlieh der Preis, den jungen Schauspielern „endlich ein schönes Gesicht“, dann bat Scobel die europäische Kulturkommissarin, mit der Preisvergabe zu beginnen, ohne die Gewinner auf die Bühne gebeten zu haben.
Vorfilm Scobel lockerte auf. Der Hauptfilm war „Sophie Scholl – die letzten Tage“.
Autor: jens 14.02.05 13:02 | Kommentare (0)
12:58
Wettbewerb: One day in Europe von Hannes Stöhr
Regie: Hannes Stöhr Drehbuch: Hannes Stöhr
Darsteller: Megan Gay, Luidmila Tsvetkova, Erdal Yildiz, Florian Lukas, Péter Scherer, Miguel de Lira, Rachida Brakni, Boris Arquier.

Film und Fußball
Über ihn wird ja immer wieder gerne gesprochen: der europäische Film. Meist kommt er in diesen Diskussionen allerdings auf so theoretischen Füßen daher, dass man vor lauter Angst, er könnte stolpern, den Faden beim Zuhören verliert.
Nicht so „One day in Europe“ von Hannes Stöhr („Berlin is in Germany“). In der Tradition von Jarmuschs „Night on Earth“ erzählt er den Tag eines fiktiven Champions-League Finales (Istanbul gegen La Coruna) in vier europäischen Städten. In Moskau, wo das Spiel ausgetragen wird, Istanbul, Santiago de Compostella und Berlin (Klein-Istanbul). Erzählt werden jeweils kleine Geschichten von Menschen, die beraubt wurden, vorgeben, dass sie beraubt wurden oder vorgeben wollen, dass sie beraubt worden sind. Der Charme liegt dabei in den aufeinandertreffenden Charaktären respektive ihren Sprachen. Eine Engländerin in Russland, ein Deutscher (Florian Lukas) der in Istanbul auf einen schwäbelnden Taxifahrer (Erdal Yildiz) trifft - „Jetzet gehe ma Fußboll gugge!“. Ein naiver ungarischer Pilger der dem Dieb seine Kamera unter Verwendung von Höflichkeitsform aushändigt und zwei Franzosen, die in Hellersdorf nach Skins suchen. Zusammengehalten wird der Film von Fußballfans, die immer wieder im Bild auftauchen, dem Film Tempo, Farbe, Rhythmus geben. Alleine für die realistische Darstellung von Fußballfans im Film sei Stöhr herzlich gedankt. Wahrscheinlich ist er selbst einer, weshalb man seinem Film zuhört und keine Angst hat, er könnte stolpern. Was für eine Zeit, in der einem weder um den deutschen Film noch um den deutschen Fußball Bange sein muss.
Dass solche Filme entstehen ist unter anderem den tapferen Produzentinnen von moneypenny (Anne Leppin und Sigrid Hoerner) zu verdanken. Dass man sich um solch schwer zu finanzierende Filme nicht sorgen muss, dafür versucht der Coproduktionsmarkt der Berlinale zu sorgen, den es seit zwei Jahren gibt.
Autor: jens 14.02.05 12:58 | Kommentare (0)
12:51
Wettbewerb: Man to Man von Regis Wargnier
Regie: Regis Wargnier Drehbuch: Regis Wargnier und William Boyd
Darsteller: Kristin Scott Thomas, Joseph Fiennes

Mann oh Mann!
Schon nach zehn Minuten begannen Teile des Publikums zu rascheln, ohne dabei von den Antiraschelbeauftragten des Weltkinoverbandes lautstark zur Rechenschaft gezogen zu werden. Nach zwanzig Minuten kam Ärger auf, weil man nicht selbst die Chance hatte, mit Kirstin Scott Thomas und Joseph Fiennes, üppigster Ausstattung und beruhigendem Budget einen Historien-Film zu machen. Oder war es am Ende doch das Budget, das Regisseur Regis Wargnier die Zutaten seines Films in den Mixer schmeißen ließ, anstatt sie Gang für Gang zu servieren? Nach dreißig Minuten schließlich, modellierte sich der Rezensent längst seinen eigenen Film... aber der Reihe nach.
Die Geschichte: Englische Wissenschaftler fangen im afrikanischen Dschungel ein Pygmäenpärchen. Sie bringen es zu wissenschaftlichen Zwecken in die Heimat. Es gilt zu beweisen, dass die Pygmäen das Missing Link zwischen Affe und Mensch sind. Oder eben das Gegenteil. Ein Kampf entbrennt. auf der einen Seite zwei Herren, denen die Pygmäen recht gelegen kommen. Auf der anderen Seite Jamie Dodd (Joseph Fiennes). Auch er sucht nach dem Missing Link und wissenschaftlichem Ruhm, sieht sich aber bald mit der Menschlichkeit und Intelligenz der Pygmäen konfrontiert. Immer munter zwischen drin: Elena von den Ende (Kristin Scott Thomas).
Stoff für eine wahnsinnige Geschichte. Doch wie gesagt: alles in den Mixer, heraus kam lauwarme historien-Sosse, die sich über die üppig-liebevolle Ausstattung und die hervorragende Besetzung ergoss.
Vielleicht hätten Regisseur Regis Wargnier und sein Mit-Autor William Boyd mehr um die Menschen hinter den Wissenschaftlern kümmern sollen. Denn die beiden Hauptfiguren scheinen am Drehbuchreißbrett auf ähnliche Weise vermessen und behandelt worden zu sein, wie die Pygmäen im Film. Im wissenschaftlichen England des 19. Jahrhunderts, so muss man jetzt glauben, hatte man kein Privatleben. Nicht einmal, wenn Kristin Scott Thomas einem tief in die Augen schaut und britisch-kühl anfragt, ob man es nicht gerne mit ihr teilen will. So hatte jede Figur ihre klare Zuordnung und kein bisschen mehr: ... (bös kommerziell), ... (bös idealistisch) ... (bös naiv) und .... (bös böse)
„Shut up“ – das sind die ersten englischen Vokabeln, die die beiden Pygmäen als erstes lernen. Und man war geneigt, sie den dialogführenden Schauspielern entgegen zu brüllen, ohne Angst vor den Zwischenrufbeauftragten haben zu müssen. Die waren längst eingeschlafen. Ich nicht, denn ich habe ja ab Minute dreißig meinen eigenen Film gesehen: Ausgangslage war die an Filmhochschulen heiß gehandelte bargsche Rochade (benannt nach dem Leiter einer Drehbuchschule): Man würfele einfach alle Details eines Film durcheinander – Geschlechter, Orte, Epochen, Stimmungen - verdrehe sie ins Gegenteil und ordne sie neu an, bis was gutes rauskommt. So geschah es, dass mir die Pygmäen bald als US-Käfiggeiseln im kubanischen Guantanamo erschienen. Eine spannende Geschichte, sie werden sehen!
Autor: jens 14.02.05 12:51 | Kommentare (0)