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13.02.05
23:17
Forum: Amu von Shonali Bose
Indien 2004 * Regie und Drehbuch: Shonali Bose * Kamera: Lourdes Ambrose * Darsteller: Konkona Sensharma, Brinda Karat, Ankur Khanna, Chaiti Gosh, Aparna Roy

Jenseits von Bollywood
Bollywoodfilme haben in Deutschland längst ihren Markt erobert, auch auf der Berlinale läuft mit Veer-Zaara im Forum ein indisches 192-Minuten-Spektakel. Im Forum gibt es mit „Amu“ aber auch wieder einen sehr politischen indischen Film, der wie „Final Solution“ im letzten Jahr die ethnischen Spannungen des Landes thematisiert.
Der Film erzählt die Geschichte der 21-jährigen Kaju. Als Waise in Los Angeles aufgewachsen, reist Kaju nach Neu-Delhi, um die Familie ihrer Adoptivmutter zu besuchen - und um mehr über ihre eigene Herkunft zu erfahren. Dass bei einer Malariaepedemie 1984 das ganze Dorf ihrer Eltern umgekommen ist, gehört zu den wenigen Information, die sie hat. Während Kaju als Fremde nach Indien kommt, wird bald klar, dass dunkle Erinnerungen an die Heimat ihrer Kindheit wiederkehren. Der Student Kabir verliebt sich in Kaju, begegnet ihr aber zunächst unterkühlt. Er wirft ihr vor, mit der Videokamera folkoristische Bilder in den Slums von Neu-Delhi zu suchen. Aber als er begreift, dass Kaju dort auf der Suche nach ihrer eigenen Geschichte ist und er vom Tod ihrer Eltern erfährt, ändert sich das Verhältnis. Gemeinsam versuchen sie, dass Schicksal von Kajus Eltern zu ergründen und stoßen dabei auf die politischen Ereignisse des Jahres 1984: Die Unruhen nach der Ermordung Indhira Ghandis, bei denen mit Billigung der Hindu-Regierung tausende von Sikhs ermordet wurden. Es stellt sich heraus, dass auch Kajus Eltern nicht einer Epedemie, sondern dem Massaker an den Sikhs zum Opfer gefallen sind. Kaju - eigentlich Amrit („Amu“) - hat das Massaker als Kleinkind überlebt.
Die Geschichte von Kaju beruht - so der Abspann - auf einer realen Geschichte. Die 40jährige Rgisseurin Shonali Bose pendelt als politische Aktivistin zwischen Amerkia und Indien und hat ihr Studium an der UCLA absolviert; genauso wie ihre Protagonistin. Dem insgesamt sehenswerten Film tut soviel Realimus nicht gut. Zu gewollt steuert die Story auf Boses zenrales politisches Anliegen zu: Die Thematisierung des Massakers an den Sikhs. Der religiösen Gemeinschaft gehören 2% der indischen Gesellschaft an. Nach dem Mord an Indira Ghandi durch Sikhs, rächen sich die Hindus mit der pogromartigen Ermordung von über 5000 Angehörigen der Minderheit. Damit nimmt sich Bose einem dunklen Thema an, dass in Indien immer noch weitgehend verschwiegen wird. Eine Dokumentation mit Spielfilmanleihen hätte dies vielleicht besser leisten können als ein Spielflim, der sich am Ende dokumentarisch gibt. So wirkt die recht konvetionell gestrickte Story letztlich ein wenig wie ein Anhängsel der politischen Kritik.
Ihn deshalb als Film „für falsche Freunde von Amesty International“ (http://www.perlentaucher.de/artikel/2177.html) zu bezeichnen, ist falscher Zynismus. Amu, Boses Spielfilmdebut, ist ein aufrichtiges und persönliches Statement. Neben Bollywood steht Shonali Bose mit ihrem Film für eine gradlinige politische Kritik, die im Forum ihren festen Platz hat - und das ist auch gut so!
Autor: rene 13.02.05 23:17 | Kommentare (1)
17:21
Forum: On the Outs von Lori Silverbush und Michael Skolnik

Anny Mariano, Judy Marte, Paola Mendoza
USA 2004 Regie: Lori Silverbush, Michael Skolnik * Drehbuch: Lori Silverbush * Kamera: Mariana Sánchez de Anuñano * Schnitt: Martha Skolnik* Darsteller: Anny Mariano, Judy Marte, Paola Mendoza
Suzette, Marisol, Oz.
Suzette (Anny Mariano) ist vielleicht erst 13. Sie fängt etwas mit Tyrell an, einem Ghetto Typen, Drogendealer. Ihre Mutter, die Suzette vor solchen Typen schützen will hat keine Chance. Sie ist alleinstehend und arbeitet den ganzen Tag in einem Haushalt einer upper class Familie. Suzette wird von Tyrell schwanger. Statt abzutreiben flieht sie von zu Hause zu Tyrell. Dieser erschiesst in Notwehr einen Zehnjährigen, der ihn bei einem Drogendeal mit einer Waffe bedroht. Kurz darauf drückt er Suzette an einer Strassenecke den Rucksack mit der Waffe in die Hand und verschwindet. Die Polizei spricht Suzette an, findet die Waffe. Suzette kommt in den Jugendknast.
Marisol (Paola Mendoza) lebt mit ihrer kleinen Tochter bei Ihrer Tante. Sie lebt von der Invalidenrente der Tante. Das Geld reicht oft nicht für das nötigste: Essen für ihre Tochter und Crack für sich selbst. Als sie stoned von den Drogen von einem Auto angefahren wird, nimmt die Polizei nicht den Fahrer sondern Marisol fest. Sie kommt in den Jugendknast.
Oz Mutter ist drogenabhängig. Oz Bruder (beeindruckend gespielt von Dominic Colon) ist zurückgebliegen, weil Ihre Mutter während der Schwangerschaft Drogen genommen hat. Oz (Judy Marte) distanziert sich von ihrem Zuhause. Sie nimmt keine Drogen. Sie verkauft Drogen. Als Oz wiederwillig vor "Geschäftschluss" einem Kunden Stoff verkauft, ist dieser ein Cop. Sie kommt in den Jugendknast.
Im Gefängnis treffen sich für kurze Zeit die Lebensläufe der drei Mädchen. Es ist eine kurze Atempause. Das Absurde: im Gefängnis scheinen sie aufgehobener als draussen, werden erst von der Gesellschaft wahrgenommen.
Als sie das Gefängnis wieder verlassen, werden alle drei wieder dem Schicksal überlassen.
Suzette muss mit elektronischen Fussfesseln allein in der Wohnung warten, bis ihre Mutter von der Arbeit zurückkommt. Marisol kämpft verzweifelt um das Sorgerecht ihrer Tochter, die ihr vom Staat wegenommen wurde. Oz kann die Tragödie in ihrer Familie trotz ihrer starken Persönlichkeit nicht aufhalten.
Die Filmemacher Lori Silverbush, Michael Skolnik und Darstellerin Paola Mendoza, die auch am Drehbuch mitgeschrieben hat, haben verschiedene Jugendgefängnisse besucht und das Vertrauen der Häftlinge gewonnen. Aus den Geschichten der Häftlinge haben Skolnik, Silverbush und Mendoza ihre drei Charaktere entwickelt, die sehr überzeugend von Mariano, Marte und Mendoza dargestellt werden. On the Outs zollt mit sehr viel Einfühlvermögen dem Überlebenskampf der Kids auf der Strasse Respekt und führt eine amerikanische Gesellschaft vor, die den vergessenen Kinder in den Problem-Neigbourhoods keine Alternativen zu bieten hat.
Autor: andreas 13.02.05 17:21 | Kommentare (0)
16:48
Wettbewerb: Les Temps Qui Changent (Changing Times) von Andé Téchiné
Regie: André Téchiné * Drehbuch: André Téchiné, Laurent Guyot, Pascal Bonitzer * Kamera: Julien Hirsch * Schnitt: Martine Giordano * Darsteller: Catherine Deneuve, Gérard Depardieu, Gilbert Melki, Malik Zidi, Lubna Azabal

© JMB
Tanger. Antoine (Gerard Depardieu) schaut am Ende des Tages noch einmal von seinem Hotelzimmer aufs Meer.Dann zieht er die Vorhänge zu, macht sich bereit zum Schlafengehen, sitzt auf dem Bett, macht das Radio an. "Dieses Lied geht an meinen Habibi und all meine Freunde". Es ist eine Sendung mit Musikwünschen. Er legt sich aufs Bett. Lauscht. Der französischen Moderatorin. Cecile (Catherine Deneuve) war seine erste grosse Liebe. Vor 30 Jahren. War? 30 Jahre hat er nicht aufgehört, an sie zu denken. Die Jahre haben ihn nicht von Ihr entfernt, im Gegenteil. Er fühlt sich ihr immer näher. Er hat Cecile gesucht. Es hat gedauert. Er hat sich nach Tanger zur Aufsicht einer Baustelle versetzen lassen. Auch das hat gedauert. Doch jetzt ist er da. Sie weiss noch nichts. Aber er wird sie treffen. Sie überzeugen. Haben sie sich nicht vor 30 Jahren für das ganze Leben versprochen.

© JMB
Cecile ist inzwischen verheiratet. Die Rosen, die ihr ein "Unbekannter" seit einigen Wochen schickt, wirft sie gleich in den Müll. Als ihr Sohn Sami (Salik Zidi) bei seinem Besuch in Tanger unangemeldet Nadia (Lubna Azabal) und ihren Sohn mitbringt, die beide mit Ihm zusammen in Paris wohnen, reagiert Cecile ablehnend. Es war nicht ausgemacht. Dann bemüht sie sich doch um Nadia. Sie will ihrem Klischee entkommen, sie sei kalt. Sagt Sami. Cecile ist nicht kalt. Doch die Oberfläche über ihren starken Gefühlen ist vereist. Sie ist vernünftig. Verrückt nennt sie Antoine als sich dieser erklärt. Sie ist verheiratet, hat sich eingerichtet. Wie kann Antoine auf die Idee kommen, dass sie alles wegen einer "Teenagerliebe" aufgibt? Und doch...sie kann die nie wieder so erlebte Leideschaft der vergangenen Liebe nicht vergessen.
Ceciles Sohn Sami ist ein in-between. Halb-Franzose/Halb-Marokaner braucht er die Sicherheit der Beziehung zu Nadia, verbringt die Nächte in Tanger aber bei seinem Liebhaber Bilal (Nadem Rachati).
Liebeszustände. Vorläufig-Endgültig. Technice verweigert sich dem Mythos von der endgültigen Liebesentscheidung. Geschichten haben kein Ende. So sehr wir uns auch absichern, unsere Sehnsucht ist in Bewegung. Auf der Pressekonferenz zitiert André Techine: "Wenn ein Film mit einem Happy End, mit einer Ehe abschliest, dann beginnt eigentlich erst die Tragödie".
Ein unaufgeregter Film. "Les temps qui changent" konzentriert sich auf sein Thema, ernsthaft und glaubwürdig. Catherine Deneuve und Gerard Depardieu bieten abermals einen Beleg für Schauspiel als Kunst. Kleine Bewegungen, Blicke reichen aus um den Kinosaal mit Hoffnung, unentschiedener Liebe und verdeckten Gefühlen auszufüllen.
Autor: andreas 13.02.05 16:48 | Kommentare (0)
16:05
Panorama: „The Dying Gaul“, von Craig Lucas
USA 2004 Regie: Craig Lucas * Drehbuch: Craig Lucas * Kamera: Bobby Bukowski * Schnitt: Andy Keir * Darsteller: Peter Sarsgaard, Campbell Scott, Patricia Clarkson

Furioser Start, knackige Dialoge, Charaktere, die schon mit wenigen Gesten überzeugen. Drehbuchautor, dessen Lebensgefährte, die Liebe seines Lebens, gerade verstoren ist, verkauft Drehbuch über genau diese Geschichte. Der Produzent (verheiratet und Kinder) will den Film heraushaben aus dem Schwulenmileu und fordert ein paar Änderungen, verliebt sich dann in den Drehbuchschreiber. Die Frau spielt mit der Trauer und Schuld des Drehbuchautors und zum Schluss zerschellen alle Lügen, alle Schuldgefühle und Träume von Glück der Drei in Chaos und Tod. Schwerer Stoff, der aber von den glänzenden Schauspielern getragen wird. Allerdings fasert der Film am Ende etwas aus, aus den knackigen Dialogen des Anfangs weden Überflüssige und Verworrene, die Charaktere entwickeln sich nur wenig weiter und der Drive, der all sie ins Unglück treibt, Schuld, bzw. Lüge, wird nicht so richtig deutlich. Ein guter Film dennoch mit schönem Setting, kreativen, erinnerungswürdigen Bildern und kleinen feinen Ideen, der leider nicht ganz bis zum Ende durchhält.
Autor: christian 13.02.05 16:05 | Kommentare (0)
16:03
Wettbewerb: „Hotel Rwanda“ von Terry George
Großbritannien, USA, Italien 2005 Regie: Terry George * Drehbuch: Keir Pearson * Kamera: Robert Fraisse * Schnitt: Naomi Geraghty * Darsteller: Don Cheadle, Sophie Okonedo, Nick Nolte, Joaquin Phoenix

Mein Favorit bis jetzt. Der Film erzählt die Geschichte von Paul (Don Cheadle) , der als Hotelmanager eines Nobelhotels in Ruanda durch Geschick, Mut und Unverfrorenheit, Geld und viel Glück hunderten Menschen das Leben rettete. Als 1994 Hutu Rebellen gegen die Arme und die Bevölkerungsminderheit der Tutsi vorgingen, flohen immer mehr Menschen in das belgische Hotel, weil die Europäer als menschlicher Schutzschild sicher erschienen. Bald aber werden alle Europäer in einer Kommandoaktion der Belgier (deren Kolonie es einmal war und die den Konflikt durch ihre Herrschaft hinterlassen haben) ausgeflogen. Die Mörderbanden schonen das Hotel zunächst weiter, aus Angst vor Konsequenzen der Europäer und Amerikaner. Aber je mehr sie morden desto deutlicher wird auch, dass die Europäer und Amerikaner nicht eingreifen werden. Der Hotelmanager Paul kämpft darum, dass seine Familie und alle Gäste im Hotel überleben und ihnen eine Möglichkeit verschafft wird, sicher außer Landes zu kommen.
„Hotel Ruanda“ hat alles, was großartiges Kino braucht. Eine Botschaft, einen Inhalt verpackt in einer spannenden Dramaturgie, die den Zuschauer bis zur letzen Minute fesselt, Bilder, in denen jedes Wort zuviel wäre, die so stark sind, dass sie auch ohne Worte auskommen.
Gar nicht so sehr die Tatsache, dass all das Geschilderte wirklich geschehen ist, macht den Film so eindrucksvoll, zumal solche Grausamkeiten und Genozide so oder so ähnlich schon oft passiert sind und wohl wieder geschehen werden. Es geht gar nicht um die Gewalt, sondern im Gegenteil beweist der Film in einer echten und nicht-amerikanischen Heldengeschichte, dass ein einziger Mensch, der mutig und geschickt genug ist, einen großen Unterschied machen kann. Betonung auf kann. Aber versuchen muss er es. Und das genau tut Paul auf alle nur erdenklichen Weise ständig riskierend selbst umzukommen.
Der Film beweist ein weiteres Mal, wie sehr der Blick aus dem Westen auf die afrikanische Tragödie von Rassismus bestimmt ist („Die da unten schlachten sich eh alle gegenseitig ab“) und von dem Unwillen der Weltgemeinschaft und der ehemaligen Kolonialstaaten Verantwortung für das Chaos zu übernehmen, dass sie z.B. durch willkürliche geographische Aufteilung , Unterstützung von Diktatoren zum Wohle der „Stabilität der Wirtschaftsbeziehungen“ oder Waffenlieferungen angerichtet haben. Wenn diese Hinterlassenschaft dann Krieg und Vertreibung bewirkt, hat man damit nichts mehr zu tun, schaut weg, fliegt die Weißen aus und wartet ab. Ein harter, sehr sehr guter Film
Autor: christian 13.02.05 16:03 | Kommentare (0)