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12.02.05
20:51
Forum: "Arlit - deuxième Paris" (Arlit, the Second Paris) von Idrissou Mora-Kpai
Benin, Frankreich 2005 Regie: Idrissou Mora-Kpai * Drehbuch: Idrissou Mora-Kpai * Kamera: Jacques Bessé * Schnitt: Vera Memmi

„Arlit. Das zweite Paris“ so lautet der zweite lange Dokumentarfilm und diesjährige Beitrag zur Berlinale von Idrissou Mora-Kpai, der 1967 in Benin geboren wurde. Arlit ist die Stadt in Nigeria die Mora-Kpai auf seinem Weg von Afrika nach Europa durchquert hat und in der er einen Mann aus seiner Heimat traf. Jahre später ist er nun mit diesem Mann nach Arlit zurückgekehrt um ein Porträt dieser ungewöhnlichen Stadt zu filmen. Das alles erzählt der Regisseur zu großen Freude der Zuschauer in fließendem Deutsch, denn eigentlich sei er ja ein Berliner, weil er fast 11 Jahre lang in Berlin gelebt und studiert hat.
„Arlit“ ist ein langsamer Film, ruhig, ohne Hektik und mit Liebe zu kleinen Details zeigt er Bilder aus einer staubigen, öden Stadt, einer fremden Welt in der nur die wenigsten Menschen Arbeit haben, seit die große Uranmine vor der Stadt nicht mehr gewinnbringend ist. Arlit ist eine verschwindende Stadt, eigentlich schon eine verschwundene Stadt. Das „schöne Arlit“, jenes, das zu den Hochzeiten des Uranbergbaues existiert hat, in dem jeder Arbeit hatte, viele Europäer wohnten und das von vielen Afrikanern als jenes „zweite Paris“ bezeichnet wurde, existiert nur noch in den Erinnerungen der Porträtierten. Schon die Bardamen, die nichts zu tun haben, weil niemand ihr Lokal besucht, weil sie auch gar nichts haben, was sie verkaufen könnten, kennen jenes Arlit nur noch aus Erzählungen. Trotzdem sind sie aus Togo hierher gereist und bleiben - aus welchen Gründen auch immer - dort.
Arlit ist ein Film über Migration, über Massenarbeitslosigkeit und die unglaubliche Skrupellosigkeit, mit der die radioaktive Vergiftung der Bevölkerung in Kauf genommen und verleugnet wird. Man kann dem Film zu Recht, wie dies ein Zuschauer formulierte, vorwerfen, sich nicht entscheiden zu können zwischen dem Porträt einer verschwindenden Stadt und der Anklage einer menschenverachtenden Bergbauindustrie. Aber, so Mora-Kpai, eine Anklage sei nicht seine Intention gewesen. Ohnehin sei es in Nigeria schwierig, den Uranabbau zu thematisieren, wie eine französisches Filmcrew zwei Wochen zuvor erfahren musste, als ihnen auf dem Flughafen die Einreise spontan verweigert wurde. Überhaupt davon berichten zu können, sei ein Erfolg, auch wenn eine scharfe Anklage auf diesem Weg nicht stattfinden könne, so Mora-Kpai. Und so fügen sich die beiden Teile zusammen zu einem ebenso fremdartigen wie verstörenden Porträt einer modernen, afrikanischen Stadt. Und wahrscheinlich bedarf es Filme wie „Arlit“, so merkte ein Vertreter des eed an, die den Film kofinanziert haben, um überhaupt zeitgenössische Eindrücke dieses verlorenen Kontinents bekommen zu können. Der alte Issa, jener Mann dem dieser Film gewidmet ist und mit dem Mora-Kpai nach Arlit zurückkehrte, ist zwei Wochen nach Beendigung der Dreharbeiten an Lungenkrebs gestorben.
Autor: dominik 12.02.05 20:51 | Kommentare (0)
11:53
Panorama: "Va, vis et deviens" (Geh, leb und werde!) von Radu Mihaileanu
Frankreich/Israel 2004 Regie: Radu Mihaileanu * Drehbuch: Radu Mihaileanu * Kamera: Remy Chévrin * Schnitt: Ludo Troch * Darsteller: Yael Abecassis, Roschdy Zem

Groß! Ganz groß!
Panorama: Va, vis et deviens (Geh, leb und werde!) von Radu Mihaileanu
Groß, ganz Groß! Auftakt des Panoramas.
10 Minuten Standing Ovations nach der Vorstellung hunderte von vollgerotzten Taschentüchern und Jubelrufe. Ein großer Beginn des diesjährigen Panoramas!
Der wunderbare Film „Zug des Lebens“ hat den Regisseur Radu Mihaileanu vor einigen Jahren bekannt gemacht. Eine Holocaust-Komödie, wenn man es so nennen darf. Roberto Begninis bekam seinerzeit das Drehbuch von „Zug des Lebens“ zugeschickt, lehnte ab und machte zufälligerweise bald darauf seinen Film „Das Leben ist schön.“. Nun also wieder eine Geschichte über eine jüdische Odyssee:
Hintergrund des Films ist die Flucht der äthiopischen Juden aus ihrer Heimat Mitte der 80er Jahre in eine sudanesisches Flüchtlingscamp, wo sich wegen des Bürgerkriegs aber auch viele Christen und Muslime hingerettet haben. Die Israelis holen in einer Geheimaktion die Juden aus dem Lager und fliegen sie nach Israel. Eine Christin will ihrem Sohn eine Zukunft sichern und bringt ihn bei den abreisenden Juden unter. Nun heißt er Schlomo und kämpft fortan mit dem Geheimnis, seinem Heimweh und der Unwissenheit über das Schicksal seiner wirklichen Mutter.
Über eine Zeitspanne von etwa 15 Jahren begleitet der Film Schlomos Leben zwischen den Kulturen und Sprachen: In Äthiopien als Jude diskriminiert, in Israel wechselweise als „kein echter Jude“ (alle äthiopischen Juden werden von bestimmten jüdischen Rabbinern nicht als Juden anerkannt) oder als „Nigger“ beschimpft, die Adoptiveltern Schlomos sind linke französische Juden, die mit Gott nichts am Hut haben, obwohl der Glaube für Schlomo einziger Grund ist in Israel sein zu dürfen.
Im Hintergrund schimmert Israels Geschichte seit den 80ern - Irakkrieg, Oslo Frieden, dann wieder Intifada. Der Film ist fast zweieinhalb Stunden lang, aber keine Minute langweilig, aber auch nicht spannend im eigentlichen Sinn: Er ist tief bewegend ohne in Betroffenheitsschnulz abzurutschen, er ist bitter ohne moralinbitter zu sein, er ist humorvoll ohne dabei auch nur einen Augenblick die Melancholie und Traurigkeit, die Schlomos Leben bestimmt, abmildern zu können. Er hat nichts Mitleidsheischendes oder Gefühlsduseliges, sondern erzählt vom Erwachsenwerden eines Jungen, das durch Sprachenwirrwarr, Kulturclash, Religion, Politik und Geheimnisse erschwert wird.
Die Schauspieler bis in die Nebenrollen wunderbar besetzt, überzeugend und glaubwürdig. Die Musik dezent und unpathetisch. Dem Regisseur Radu Mihaileanu, dem schon beim kurzen Auftritt vor dem Film vor Ergriffenheit die Stimme versagte, war dieser Film eine Herzensangelegenheit. Das merkt man in jeder Einstellung.
Mein Favorit für den Panorama Publikumspreis bis jetzt. Alles, was noch kommt, wird es schwer haben.
Autor: christian 12.02.05 11:53 | Kommentare (0)
11:40
Wettbewerb: "Man to Man" von Regís Wargnier
Frankreich, Großbritannien, Südafrika 2005 Regie: Régis Wargnier * Drehbuch: Wiliam Boyd, Régis Wargnier * Kamera: Laurent Dailland * Schnitt: Yann Malcor * Darsteller: Kristin Scott Thomas, Joseph Fiennes, Hugh Bonneville, Ian Glen

Planet der Affen 4
Über den schlechten Eröffnungsfilm „Man to Man“ ist genug gesagt und geschrieben. Die ihn schlecht fanden, hatten Recht. Die ihn langweilig fanden hatten Recht. Die ihn opulent ausgestattet fanden auch. Aber dass er ein Remake war hat keiner gesagt. Von Planet der Affen. Der große Charlton Heston wird dargestellt von zwei kleinen Pygmäen. Ansonsten die gleiche Story: Wissenschaftler fangen die beiden Pygmäen im afrikanischen Dschungel, behandeln sie wie Versuchs-Tiere, dann entdeckt einer in ihnen „Anzeichen von Intelligenz“ und Gefühle. Plötzlich sieht der Hauptdarsteller Josef Fiennes (als Luther im letzten Jahr im Kino) nicht mehr das Trennende (Hautfarbe, Größe) sondern das Gemeinsame (sie summen auch Lieder und sind traurig). Sie sind ab dann nicht nur eine wissenschaftliche Theorie (das fehlende Glied zwischen Affe und Mensch), sondern ACHTUNG: Mitmenschen.
Dann wird die Idee von anderen Wissenschaftlern bekämpft, die weiter an eine Art Untermensch glauben wollen und ihren wissenschaftlichen Ruhm gefährdet sehen und die Beiden am liebsten gleich zerlegen würden, wenn sie könnten. Irgendwann findet sich der abtrünnig Wissenschaftler, der an die beiden als Menschen glaubt selbst im Käfig, in dem zuvor die beiden Pygmäen eingesperrt waren, muss dann Galileo Galilei mässig seinen Ideen abschwören, um die kleinen Menschen zu retten. Der eine wird aber dann doch wie ein Viech mit Harpunen an einen Mast genagelt. Ein paar schöne Schottlandbilder, ein paar schöne Afrikabilder, tolle Kostüme und Kulissen. Aber da kann man auch auf eine Diashow gehen. Schlechtes verstecktes Remake
Autor: christian 12.02.05 11:40 | Kommentare (1)
11:30
Nachbelichtet: "Tigerwoman grows wings"

Chen Yin-jung aka DJ und Monika Treut bei der Q&A Session nach der Vorführung
Autor: andreas 12.02.05 11:30 | Kommentare (0)
11:19
Panorama: "Tigerwomen grow wings" von Monika Treut
Deutschland/Taiwan, China 2004 Regie: Monika Treut * Drehbuch: Monika Treut * Kamera: Elfi Mikesch * Schnitt: Angela Christlieb

Egal in welchen Zusammenhang über den Inselstaat berichtet wird: Taiwan ist ein Politikum. Dies trifft auch auf Monika Treuts neuen Film zu, der gestern seine Weltpremiere hatte. Eigentlich stehen drei Generationen taiwanesischer Frauen im Vordergrund: die Peking Oper - Darstellerin in Ruhestand Hsie Yueh Hsia, die erfolgreiche Schriftstellerin Li Ang und die junge Filmemacherin Chen Yin-jung aka DJ. Monika Treut begleitet die drei Frauen durch Taipeh, lässt sie über Ihre Geschichte und ihre Rolle als Frau in der taiwanesischen Gesellschaft reden. Unabhänging von der Genderperspektive nehmen aber ebenso die politische Situation Taiwans, die jahrzehntelange Vormachtstellung der Kuomintang, die Präsidentschaftswahl 2004 und nicht zuletzt der Besitzanspruch der VR China auf den Inselstaat einen breiten Raum ein.
Nicht immer gehen gender und politische Perspektive zusammen. Manchmal bekommt man das Gefühl, man schaue zwei unterschiedliche Dokumentationen an. Vielleicht liegt dies aber auch an der Herangehensweise von Monika Treuts Feature. Es wird erst gar nicht versucht, die Distanz der deutschen Beobachterin zu verstecken. Es ist eine erste Anäherung an Taiwan und seine Gesellschaft. So kann ich am Ende des Films nicht sagen, ob die Lebensläufe der drei unabhängigen Frauen repräsentativ für die taiwanesische Gesellschaft sind oder eher eine Ausnahme bilden. Aber ich habe eine paar Puzzleteile an die Hand bekommen. Deren Einordnung in einen grösseren Zusammenhang muss ausserhalb des Kinos erfolgen.
Autor: andreas 12.02.05 11:19 | Kommentare (0)
0:25
Wettbewerb: "Thumbsucker" von Mike Mills
USA 2004 Regie: Mike Mills * Drehbuch: Mike Mills nach dem Roman von Walter Kirn * Kamera: Joaqín Baca-Asay * Schnitt: Haines Hall, Angus Wall * Darsteller: Lou Taylor Pucci, Vincent D'Onofrio, Keanu Reeves, Tilda Swinton
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Stars machen Film
Thumbsucker. Angekündigt von der Gastgeberin im Berlinale Palast als „Odyssee in den Drogenabhängikeit“ Soso. Kurz gesagt eine coming of Age story von einem 17 jährigen Daumenlutscher aus einer Mittelklasse Familie, der erst hypnotisiert wird (von seinem esoterikangehauchten Zahnarzt, gespielt von K. Reeves) dann Medikamente bekommt, es chemisch fokussiert zum Chef des Debatten Teams und Schul Nurd bringt, Papa bekommt Angst vor seinem Erfolg, Mutti ist stolz. Der Zahnarzt Keanu Reeves verkommt allmählich, während der Bub langsam aufsteigt. Nach einer kurzen Kifferphase empanzipiert er sich von seinem Vater und der klammernden Mutter und geht auf sein Traum-College nach N.Y.. Das wars dann auch. Eine echte Erfahrung war dagegen der Treppensitz 2. Rang mit 45 Grad Winkel auf die Leinwand, oben unterm Dach. Das Beste war die Musik von Elliot Smith und das zufällige Spotting von Keanu Reeeves in der Menge vor dem Film. Der spielte dann zu meiner Überraschung auch mit und das Publikum lachte wohl vor allem bei seinen cameomässigen Kurzauftritten, weil er da unten irgendwo sass. Er und der andere Star: Tilda Swinton haben dann auch den Film erst zu einem werden lassen, weil ihre Namen das Geld locker machten. Ist aber auch leider ein Starfilm ohne Kraft, mit einem dabei gut spielendem Hauptdarsteller Lou Taylor Pucci.
Autor: christian 12.02.05 00:25 | Kommentare (0)