"Children of Men" von Alfonso Cuarón

Alfonso Cuarón entwirft in seiner Adaption des Romans von P.D. James ein Horrorscenario der nahen Zukunft:

London im Jahre 2027. Großbritannien hat sich in ein totalitäres System verwandelt, in dem die Staatsgewalt allgegenwärtig ist und jede Form von Widerstand brutal unterdrückt wird. Die Menschheit steht aufgrund einer mysteriösen globalen Unfruchtbarkeit vor ihrem Ende. Der jüngste Mensch der Welt ist mit 18 Jahren soeben gestorben. Flüchtlinge aus allen Teilen der Welt versuchen, illegal nach Großbritannien einzureisen. In allen Medien wird die britische Bevölkerung in einer Art Dauerberieselung dazu aufgefordert, jeden illegalen Einwanderer sofort den Behörden zu übergeben.

In diesem Klima der Angst lebt der frustrierte und abgestumpfte Ex-Aktivist Theo (Clive Owen). Er hält sich mit Alkohol über Wasser und arbeitet in einem anonymen Büro irgendwo in London. Seine Teilnahmslosigkeit ändert sich erst, als ihn eine dem politischen Widerstand angehörende Ex-Freundin dazu auffordert, für eine illegale Emigrantin gefälschte Ausweispapiere zu besorgen. Wie Theo bald erfährt, ist diese junge Frau die letzte Hoffnung für die Menschheit, denn sie ist trotz der weltweiten Unfruchbarkeit schwanger. Theo gerät gegen seinen Willen schnell immer tiefer in den Strudel der Ereignisse und er setzt bald alles daran, um die werdende Mutter und das Kind zu beschützen und beide außer Landes in Sicherheit zu bringen.

Mit "Children of Men" zieht Alfonso Cuarón alle Register des klassischen Endzeit-Action-Films: Ein Held, der die Welt retten muss, jede Menge böse Widersacher, Explosionen, Zweikämpfe und wilde Verfolgungsjagden. Der Film bietet von all dem reichlich und ist außerdem extrem spannend. Aber im Unterschied zu einem reinen Unterhaltungsfilm finden sich in Cuaróns düsterer Zukunftsvision immer wieder Anspielungen auf aktuelle politische Entwicklungen, die beim Zuschauer beklemmende Gefühle auslösen. Die Darstellung der staatlichen Flüchtlingslager,die entwürdigende Behandlung der Flüchtlinge, das machtlose Ausgeliefertsein an Polizei und Militär, all dies wird in drastischen Bildern in Scene gesetzt und erinnert unweigerlich an heutige Flüchtlingsdramen. Positiv hervorzuheben ist außerdem auch die angenehm unheroische Verkörperung des Theo durch den britischen Schauspieler Clive Owen. In der letzten halben Stunde des Films offenbart sich allerdings ein Schwachpunkt: Der Hang zum Pathos ist hier leider mit dem Regisseur durchgegangen. Mutter und Kind werden auf so penetrant verklärende Weise zu Hoffnungsträgern stilisiert, dass der Gedanke an katholische Marienverehrung nicht mehr all zu fern liegt.

Kommentare ( 1 )

Hab den Film auch letzte Woche gesehen…Bilder, die sich in unser Bewusstsein als Nachrichtengucker gebrannt haben, werden sehr häufig verwendet. Gaza, Checkpoints, Flüchtlingslager, martialische Soldaten im Häuserkampf, Abu Graib Bilder, Käfige für Immigranten, Bombenexplosionen in einer Stadt, Terroristen die cool und lässig daher kommen, die Blumen vor einem Tor, die an Lady Diana erinnern, im Film aber für einen ermordeten Jungen, den jüngsten Mensch der Erde abgelegt wurden, der auch an seiner Popularität zerbrach, Demonstrationen Alahu akkbar Rufe und Tote auf Brettern, die durch die Straßen getragen werden, Abflusskanäle aus denen grüngelbe Plörre in die Landschaft fließt, qualmende Schornsteine und Explosionen am Horizont,
Find den Film selbst eher seltsam, zu klassisch die Heldengeschichte (er vom trinkenden mich geht das alles nichts an zum Aktivisten und zurück zu seiner alten Klasse) und die dramaturgischen Kniffe (der Comic Relief mit dem Ei, bevor die hübsche Terroristin erschossen wird, die in zwei 3 Minuten Begegnungen wiederaufflammende Liebesaffäre der Hauptfigur mit der rotten Zora, der kauzig-nette Mentor Caine, dem man vertraut und der sich am Ende opfert).
Als habe der Regisseur zuviel erzählen wollen hetzen wir durch die Geschichte, laufen dem Film hinterher wie die Figuren dem Human Project. Dem zuviel Pathos kann ich nur zustimmen, wenn auch die Szene, dass eine Elitesoldat vor einer Emigrantin in die Knie geht, ein schönes Traumbild ist!

Fantastisch die Szene mit dem Künstler im Tate Modern, das zur Festung ausgebaut wurde. Sehr schönes Bild für die moderne Kunst, die sich nur noch an sich selbst ergötzt, nur noch für sich selbst um ihrer selbst Willen Kunst schafft, sich eingemauert hat in den Museen und sich einen Dreck darum schert, was draussen in der Welt passiert: wahres Künstlertum, aber vollkommen sinnentleert. Die Figur dazu ein leicht verfetteter Kashmirpullischöngeist, der vor einem gigantischen Picasso speist, seine Kunst macht, während die Welt untergeht. Aber gerade er kann Papiere besorgen, der Künstler als Machtmensch.
Ebenfalls eine gelungene Umkehrung: Am Ende flüchten Mutter Kind und Retter auf einem kleinen Boot von England ins offene Meer, um das Human Projekt zu finden, ein Bild, das wir ebenfalls aus dem Fernsehen kennen, nur nicht auf diese Weise, denn dort werden immer winzige Boote mit afrikanischen Flüchtlingen in Fuerteventura an Land gespült – nicht andersherum.

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Titel

Orignaltitel

Children of Men

Credits

Regisseur

Alfonso Cuarón

Schauspieler

Claire-Hope Ashley

Michael Caine

Julianne Moore

Clive Owen

Land

Flagge Vereinigtes KönigreichVereinigtes Königreich

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