Berlinale 2022: RIMINI von Ulrich Seidl

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Ulrich Seidl schaut hin, bis es weh tut. Und darüber hinaus. Das macht er gut, das tut er gern. In RIMINI, dem diesjährigen Wettbewerbs-Beitrag auf der Berlinale, schaut er Richie Bravo beim Schnulzensingen, Saufen, Rauchen, Vögeln und Verzweifeln zu. Die Schauplätze dieses Dramas vom dicken Gigolo, armen Gigolo: das winterliche Rimini mit seinen maroden, leer stehenden Betonklötzen von Hotels und Richies vermeintlich zurückgelassene Heimat in Österreich. Alte Nazis kommen auch vor (Hallo, Österreich!), aber sie sind auf dem Höhepunkt ihrer Demenz (jetzt aber wirklich!) und kurz vor dem Exitus.

Michael Thomas spielt den blonden, ziemlich aus den Fugen geratenen Schlagersänger in Fellmantel, Cowboystiefeln, kettenrauchend und dauersaufend. Während er sich einst immerhin eine bröckelnde "Villa Richie" in der Teutonen liebstem Badeort an der Adria leisten konnte, muss er sein Gehalt jetzt mit Liebesdiensten an weiblichen Fans aufbessern. Aber hey, wenn er "Emilia, mein Herz schlägt nur für Dich" (oder so) singt, dann ist er für die Dauer eines Auftritts getröstet, und seine Best-Ager-Gemeinde ebenso. Nachspiel im Hotel inklusive. Was an Leere und Einsamkeit danach kommt, säuft er weg. In RIMINI sind überhaupt sehr viele Menschen sehr einsam und suchen ein bisschen Nähe, Zärtlichkeit und Geborgenheit. Und dann sind da noch die "Anderen": Afrikanische Flüchtlinge am Strand, arabische obdachlose Menschen in einer illegalen Notunterkunft. Sie sind quasi die real existierende Variante der als Projektionsfläche ach so beliebten "dunkeläugigen" Südländer in deutschsprachigen Schlagertexten aus den 1960er bis 1970er Jahren. Um sie wird es später noch gehen.

Gerade hat Richie in Österreich Mutti unter die Erde bringen müssen, begleitet von einem tränenerstickten Udo-Jürgens-Klassiker "Merci, Chérie". Georg Friedrich hat in dieser Episode einen wunderbaren Kurzaufritt als Richies spackiger Bruder und Hans-Michael Rehberg, inzwischen leider tot, aber versierten Theatergängern ebenso bekannt wie geneigten Pfarrer-Braun-Fans als Bischof Hemmelrath, glänzt in seiner letzten Filmrolle als dementer Alt-Nazi und, nur zart angedeutet, vormals tyrannischer Familien-Patriarch und passionierter Jäger.

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Zurück in Rimini ist das Wetter auch nicht besser. Die mühsam aufrecht erhaltene Fassade vom Liebling der Herzen bekommt merkliche Risse. Das Geld wird knapp, die Fans werden weniger. Und dann steht da plötzlich die längst aus den Augen, aus dem Sinn verlorene Tochter vor ihm. Und will Geld. Für 18 Jahre vorenthaltene Alimente und überhaupt als Entschädigung für eine versaute Kindheit. Richie muss es richten, und er legt sich ins Zeug, zieht alle Register. Aber er wird lernen müssen, dass Töchter sich nicht so leicht kaufen lassen. Und ebensowenig leicht vergessen.

In RIMINI leiden irgendwie alle am Vergessen und Erinnern: die dementen Alten im österreichischen Heim intonieren zwar fröhlich "So ein Tag, so wunderschön wie heute", finden dann aber den Weg zurück in ihr Zimmer nicht. Richie sucht in seinen Herzschmerz-Schnulzen eine heile Welt, die es so nie gegeben hat und nie geben wird. Richies spezielle Kundinnen sind in die Jahre gekommenen Frauen, die mit bezahltem Sex die Erinnerung an ihr ehemals begehrenswertes Ich wieder zum Leben erwecken möchten. Und Richies alter Vater, der zwischen "…und heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt", Erinnerungsfetzen an "Jedem das Seine" und Schuberts "Winterreise" im geistigen Nebel stochert, kann zuletzt nur noch verzweifelt nach der Mama rufen.

In einer großartigen Szene findet gar ein Sangesduell, Nazi-Liedgut kontra "amore, amore, amore" zwischen den Generationen statt – und man ahnt leise, wer hier was und warum kompensiert.

Unterm Strich ist RIMINI vielleicht nicht Seidls bester Film, aber durchaus Berlinale-würdig. Nur: Eine gehörige Portion Schlager-Toleranz muss man für diese zwei Stunden schon mitbringen. Die "zwei kleinen Italiener" in der Reihe vor mir wanden sich ab Minute 65 jedenfalls sichtlich verzweifelt in ihren Sitzen. Ich konnte durchaus mitfühlen. Wie gesagt: Seidl tut weh. Aber auch gut.

Filmstills: Ulrich Seidl Filmproduktion


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Titel

Orignaltitel

Rimini

Credits

Regisseur

Ulrich Seidl

Schauspieler

Georg Friedrich

Tessa Göttlicher

Claudia Martini

Inge Maux

Hans-Michael Rehberg

Michael Thomas

Jahr

2022

Dauer

114 min.

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