Berlinale 2022: LES PASSAGERS DE LA NUIT von Mikhaël Hers

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Es lohnt sich immer, Charlotte Gainsbourg dabei zuzusehen, wie sie Verletzlichkeit und Stärke raffiniert kombiniert. In Mikhaël Hers Wettbewerbsbeitrag LES PASSAGERS DE LA NUIT füllt sie, wieder einmal, eine solche Paraderolle mit Bravour aus. Paris, 1980er Jahre: Elisabeth wird von ihrem Ehemann verlassen, nun muss sie ihr Leben neu sortieren – zum Beispiel eine Arbeit finden, das lähmende Gefühl, absolut nutzlos zu sein, überwinden und ihren heranwachsenden Kindern Orientierung in Zeiten des Umbruchs geben. Die Arbeit in einer Late Night Radio Talk Show erweist sich dabei als unerwarteter Rettungsanker.

Der Film schwelgt in schönen Bildern aus einer vergangenen Epoche – von den stonewashed Karottenjeans der Tochter bis zum umwerfenden Panoramablick aus Elisabeths Hochhaus-Wohnung im 15. Arrondissement auf das ikonische Hotel Nikko mit den roten Rahmen um die Fenster stimmt einen jedes Detail darauf ein, in dieser malerisch gefilmten Geschichte zu versinken. Und genau das ist das Problem. Die Figuren entsprechen in ihrer Umsetzung genau dem Erwartbaren: Die Tochter ist widerborstig-politisch, aber natürlich verletzlicher als sie zugibt, der Schule schwänzende Sohn mit den pubertären Macker-Sprüchen ist eigentlich ein empfindsamer angehender Dichter, Elisabeths gestrenge Chefin beim Radio, eine schöne Rolle für Emmanuelle Béart, verliert die Fassung, als sich zum wiederholten Mal ein Stalker in ihre Show einwählt. Und die kleine Streunerin, die Elisabeth eines Abends einfach mit nach Hause nimmt, ist, obschon heroinabhängig, so zart, rein und wunderschön, wie obdachlose junge Junkies auch wirklich nur im Film sein können.

Alles ist schön, nirgends ist Dreck. Die Großstadt-Nacht flimmert dunkelblau, punktuell akzentuiert durch bunte Lichter, und die unter Schlaflosigkeit leidende Elisabeth findet im Sich-Treiben-Lassen durch den Zauber der Nacht zu sich. Zu guter Letzte erweist sich sogar ein recht entspannt wirkender Zweitjob in einer Bibliothek als weiteres Sprungbrett ins glücklichere Selbst.

Uff. Kann man sich ansehen, ist – wie gesagt – schön gemacht, aber ob diese glattgebürstete Unterhaltung, getarnt als Emanzipationsgeschichte, in den Wettbewerb gehört, kann man durchaus fragen. Vermutlich hat sich da jemand, durchaus zu Recht und aus Sicht der leidgeprüften Berlinale-Leitung auch nachvollziehbar, darauf gefreut, Charlotte Gainsbourg mal wieder beim Charlotte-Gainsbourg-Sein zuschauen zu dürfen. Auf der Leinwand und auf dem Roten Teppich.

Filmstill: 2021 Nord-Ouest Films, Arte France Cinema

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Titel

Orignaltitel

Les passagers de la nuit

Englischer Titel

The Passengers of the Night

Credits

Regisseur

Mikhaël Hers

Schauspieler

Noée Abita

Emmanuelle Béart

Calixte Broisin-Doutaz

Charlotte Gainsbourg

Lilith Grasmug

Megan Northam

Laurent Poitrenaux

Quito Rayon-Richter

Didier Sandre

Thibault Vinçon

Jahr

2022

Dauer

111 min.

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