"The Shock Doctrine" von Michael Winterbottom & Mat Whitecross

Doktrinen Schrott - berechtigte Empörung schlecht verfilmt

Der neue Film von Michael Winterbottom ist so wild wie die Theorie, die er zu bekämpfen versucht. Naomi Kleins gleichnamiges Buch steht Pate für den Film gegen die Theorie vom freien Markt. Aber er will zu viel auf ein mal sein: zugleich Doktrin und Doku, zugleich Anklage und Aufschrei und liefert ein zerfasertes, mit Bildern unterlegtes Manifest, das sich nicht entscheiden kann zwischen der Wiedergabe von Fakten und Gegenpropaganda zum feien Markt.

Als work in progress angekündigt, deswegen auch noch ohne Abspann, bleibt auch genau das in Erinnerung nach dem wilden Ritt Winterbottoms durch alles was Amerika so verbrochen hat in den letzten 40 Jahren, von dem Sturz Allendes in Chile, über den Putsch in Argentinien, über die Exzesse im in Russland nach 1989, und Maggie Thatcher die Minerstrikes, den Irakkrieg, Guantanamo und den Bankencrash. Die Hauptthese: Milton Friedmanns Free-Market- Idee ist an all dem irgendwie schuld und freie Marktwirtschaft ist das gleiche wie Folter und Schock-Therapie in Psychatrischen Kliniken. Dieses Chaos aus Ideen, Ideologien, Theorien, politischer Gemengelage und Wirtschaftsgeschichte, von Militärstrategien, imperialistischen Agenden und Wirtschaft ist einfach zu viel für einen Film. Zu viel aber auch für die schmalen Schultern eines Wissenschaftlers - zu viel zugleich zu wenig, um diese Dinge zu erklären.
Leider benutzt Winterbottom in seinem Film außerdem erschreckende Vereinfachung zur Verbreitung seiner Thesen - Vereinfachungen und Verkürzungen, die er den Politikern und Wissenschaftlern vorwirft, die er als Schuldige für fast jeden Krieg und jede ökonomische Krise und die Armut auf der Welt verantwortlich macht.

Milton Friedmans als eine Art Advocatus Diaboli, der mit der miltitärisch-ideologischen Unterstützung durch US-Regierungen seine Idee der ganzen Welt aufzwang: der Markt regelt alles am besten allein. Und mit Markt sind alle Lebensbereiche gemeint, von der Grundversorgung, sozialen Hilfen bis hin zu Nahrung und Wasser. Eine deregulierte, „freie“ Marktwirschaft bedeutet, dass der Staat sich lediglich um Verwaltung, Militär und Straßen (nicht alle!) kümmert und alles andere den Marktkräften überlässt.

Doch eher als Shock Doctrine passt Schrott Doctrine zu der Idee dieses Films. Der Film ist Schrott, weil er ebenso alles durcheinanderwirft und aufeinanderhäuft wie die Ludolf Brüder auf ihrem Schrottplatz in Köln aus der bekannten Kabel1-Serie. Unter all dm Wust von Informationen, Montagen, Zahlen und Orten, der Auflistung von Umstürzen, Kriegen und wirtschaftlichen Krisen, geht die wie ich finde durchaus richtige Idee verloren, dass die radikale Markttheorie ebenso doktrinär ist, wie ihr gegenüber der Kommunismus. Aber es ist gerade die Dialektik zwischen den beiden Ideologien, die sich gegenseitig befeuerten und dabei auch zu Kriegen, kalten und heißen, zu politischen Umstürzen und mit Gewalt aufgezwungenen wirtschaftlichen „Reformen“ führten.

Es ist sicher nicht leicht, ein Sachbuch zu verfilmen, noch dazu eines, dass sich mit solch komplexen, zeitlich und geographisch weit auseinander liegenden Geschehnissen sowie mit wirtschaftlichen Theorien und den politischen Verwerfungen der letzten Jahrzehnte beschäftigt. Aber dieser Film wird weder dem Stoff noch den filmischen Möglichkeiten eines Dokumentarfilms gerecht. Und es nerven die zahlreichen Ungenauigkeiten und mutwilligen Verfälschungen und hahnebüchenen Vergleiche: z.B. Wenn die Autobomben und Entführungen im heutigen Irak mit den staatlichen Menschenrechtsverletzungen und Killerkommandos in Chile vor 40 Jahren gleichgesetzt werden. Und das alles soll dann auch noch mit Kapitalismus zu tun haben, obwohl wir ja genau das Gegenteil im Irak erleben, wo allerlei religiöse, ethnische Sektierer die eigenen Landsleute meucheln, nachdem das Land zunächst von den Amerikanern auseinander genommen wurde.

Guantanamo, weil dort gefoltert wurde, wird ebenfalls mit Friedman und der Schock Therapie erklärt und soll ernsthafte Beleg für die These des Films sein, dass Marktliberalismus Unheil schafft. In Guantanamo wird gefoltert, die Menschen dort sind Opfer einer Kriegsstrategie und nicht einer wirtschaftlichen Theorie.

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Der Anti-Lenin: Milton Friedman

Winterbottom mixt alles zu einem Coctail eines „evil empires“ wie Reagan es über die Sowjetunion behauptete - für Winterbottom sind das die USA geworden.

Der Film soll einen wirtschaftsideologischen Kreuzzug belegen, der direkt von Chile, über England und Russland nach Guantanmao und den Irak führt. Von diesen, wie ich finde, zuhöchst fragwürdigen Vereinfachungen und Vermischungen gibt es einfach zu viele und man spürt wie sehr Winterbottom versucht, alle Übel der Welt (den Klimawandel lässt er raus, obwohl er passen würde) den Amerikanern und dem Marktliberalismus anzulasten.
Richtig ist aber, und da hätte der Film weitermachen sollen: Der IWF und damit die USA und die westlichen Staaten haben Krisen in Dritt-Welt und Schwellenländern genutzt (manchmal vielleicht geschürt), um die Regime dort abhängig zu machen mit Krediten und dann gezwungen bestimmte Marktmechanismen in ihre Wirtschaft zu integrieren. Zum eigenen Vorteil. Das ist in vielen Ländern schief gegangen hat zu noch mehr Armut und Inflation und krassen sozialen Verwerfungen geführt. Aber all das wird im Film nicht aufgefächert, sondern der IWF und die Weltbank (die noch nicht mal genannt wird) sind höchstens Nebenfiguren, um den einen großen Bösen zu überführen: Friedman als eine Art Anti-Lenin, dessen Theorie sich alle westlichen Regierungen, später auch die Osteuropäischen unterworfen haben.

Das ist natürlich Bullshit und Winterbottom weiß das, aber er will dieses Buch verfilmen, und nimmt die Vereinfachungen und Halbwahrheiten in Kauf, die entstehen, wenn man 580 Seiten Sachbuch in 90 Minuten Film presst.
Und obwohl viele der erwähnten Geschehnisse und Zusammenhänge zutreffen, die er anprangert, obwohl er die Tendenz, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden, richtig benennt, findet er aus meiner Sicht viel zu monokausale Erklärungen und nutzt den Film zur recht schlichten Gegenpropaganda. Aber warum auch nicht - man sollte ja generell nicht einfach glauben, was man liest, hört und sieht, nicht in einem Film und nicht in der Zeitung oder einem Buch. Und wenn man das bedenkt, findet man auch in diesem Film vielleicht einige Einsichten.

Kommentare ( 3 )

der film hat mich schwer enttäuscht und verärgert zurück gelassen. grobe vereinfachungen. keine überzeugende verbindung zwischen der idee und den greueltaten. viel zeug, bei dem ich gar nicht mehr wusste, was das mit dem argument des films zu tun haben soll. das zeug wiederum hätte für mindestens ein oder zwei andere dokumentarfilme gereicht, die auch spannend geworden wären und viel deutlicher auf die üblen zusammenhänge zwischen wirtschaftlichen privatinteressen und krieg/gewaltherrschaft hätten hinweisen können.

trotzdem die idee, mal ein sachbuch zu verfilmen fand ich gut, die wichtigsten argumente naomi klein immer wieder selber vortragen zu lassen auch. aber am ende war wahrscheinlich das argument des buches zu schlecht.

winterbottom meinte am ende noch, es sei ihm darum gegangen auch ein stück gegenöffentlichkeit zu schaffen und die abstraktion solcher begriffe wie marktliberalisierung und "war on terror" mit den tatsächlichen gewaltexzessen, die auch teilweise damit einhergehen, in bildern zu kontrastieren. na ja, wie auch immer. er hat sich und der sache keinen gefallen getan mit dem film, befürchte ich.

mir hat der film sehr gut gefallen.er hat seine schwerpunkte und hat sich eben nicht überfordert mit dem anspruch, das ganze buch von n.klein zu verfilmen.
winterbottom bemerkte auch (und das trifft sicher für einige briten seiner generation zu) dass er diesen "zeitgeist" den er dort darzustellen versucht, bereits seit jahrzehnten in england beobachtet, bzw. erlebt.
dass friedman immer wieder an der seite der erwähnten regierunsgleute auftaucht spricht, denke ich, für sich und zeigt, dass diese verbindung tatsächlich besteht. dass m.friedman nobelpreisträger ist sollte uns nachdenklich stimmen. es gibt (noch) zu wenig filme dieser art und die berlinale ist dieses jahr scheinbar bemüht, dies zu ändern. dufte!

@Suzy
er hat sich aus meiner sicht sogar mit dem winzigen teil des Buchs überfordert. den zeitgeist, den w. beschreibt, gibt es hier, gibt es überall. kein zweifel. ich zweifle nur an den fragwürdigen methoden, das zu zeigen. ein kompakter spielfilm wie "its a free world" von ken loach kann das 1000x besser als dieses fragmentierte manifest.
dass friedman auf den fotos auftaucht, ist kein beweis für gar nichts. nur hoch suggestiv. Bilder erklären keine Zusammenhänge, aber genau das versucht W. zu tun. find ich ein bisserl schäbig. in guantanamo sitzen leute, die mit den falschen leuten auf einem foto waren. was beweist das bei denen?

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Titel

Orignaltitel

The Shock Doctrine

Deutscher Titel

Die Schock-Strategie

Credits

Regisseur

Mat Whitecross

Michael Winterbottom

Land

Flagge Vereinigtes KönigreichVereinigtes Königreich

Jahr

2009

Dauer

90 min.

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