SCHLINGENSIEF - IN DAS SCHWEIGEN HINEINSCHREIEN von Bettina Böhler (Berlinale 2020)

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Bettina Böhler, Filmeditorin und auch Weggefährtin von Christoph Schlingensief, hat die ultimative, bewegende Schlingensief-Doku gedreht. Kann man dem Mann in zwei Stunden gerecht werden? Wohl kaum. Aber wenn überhaupt, dann so:

Mit frühen Aufnahmen seiner Kindheit, seiner Eltern, der fortsetzenden Auseinandersetzung mit seiner Herkunft bis zu seinem Tode, der Art und Weise wie von Anfang an all das, was sich um ihn herum abspielt, Teil seiner Betrachtung und Inszenierung wird. Schlingensief hat nie entschieden „Kunst zu machen“, es war sein modus vivendi. Spätestens seit sein Vater der Familie einen versehentlich doppelt belichteten Super-8-Film vorspielte und der kleine Christoph dachte: Wie geil ist das denn?

Vom Schüler zum abgelehnten Filmstudenten bis hin zum gefeierten, ausgebuhten, abgesetzten Regisseur des Tristan bei den Wagner-Festspielen (auch viele Jahre später immer noch: sic!), was er dann wohl auch selbst nicht fassen konnte. Schlingensief dreht die Welt wieder und wieder durch den Fleischwolf und setzt sie neu zusammen: Immer in der Analyse und Weitsicht brilliant und unkonventionell, und ganz ohne intelektuelle Selbstbespiegelung oder -beweihräucherung. Bei seinem künstlerischen Lebensweg, den man dann doch bis in die meisten Details kennt, schaut man von Anfang bis Ende nochmal fassungslos zu. Fassungslos auch angesichts der Tatsache, dass der Zuschauer seines Todes und seiner Abwesenheit gewiss ist, während er den vor Leben und Präsenz strahlenden Künstler durch diese Dokumentation seines Lebens begleitet. Und der schließlich dem Tod so unmittelbar begegnet wie dem Leben: mit Angst, mit Wut, mit Demut. In das Schweigen hineinschreiend.

Schlingensief ist voller Leben, und mit seiner Kunst will er es durchdringen. Nicht per se intellektuell, nicht künstlerisch, nicht theoretisch. Er geht dahin wo es weh tut und schmutzig ist, nicht um „bloß“ zu provozieren – kein Klischee hat er so oft gehört – sondern um in den Untiefen der Geschichte und den schäbigen Machtstrukturen unserer Welt zu buddeln und Fundstücke hervorzuholen, die zu seiner Kunst werden. Und der dabei immer wieder seine eigene Rolle in der Welt reflektiert. Fun Fact: Schlingensief ist weitläufig mit Goebbels verwandt. Bam!

Ein wahrhaft unabhängiger Geist, der (mal wieder) so aktuell ist dass es einen fast gruselt: Schon vor Solingen und Mölln hält er den deutschen Erinnerungsweltmeistern vor, dass wieder ein hässlicher und gewalttätiger Neonazismus hervorkriecht; seziert die deutsche Einheit als geradezu obszönen antidemokratischen Akt mit fatalen Langzeitfolgen; macht nach dem Kosovokrieg „Flüchtlingstheater“ und entlarvt mit seiner berühmten Realityshow in Wien die unmenschliche Flüchtlingspolitik in Europa. Dass er mit solchen Aktionen immer öfters auf der „richtigen“ Seite stehen soll und dafür gefeiert wird irritiert ihn zutiefst.

Zehn Jahre ist Schlingensief nun schon tot. Seine Themen, seine bösen Geister kommen gerade mit hässlichen Fratzen zurück, die noch manche seiner grotesken Darstellungen übertreffen. Und so denkt man unaufhörlich, während und nach diesem Film: Wo bist Du, Christoph? So viel Lachen und Weinen wird in zwei Wochen Berlinale nicht mehr sein.

Kommentare ( 1 )

😞✊ - so einer fehlt. Möchte den Film jetzt unbedingt sehen.

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Titel

Orignaltitel

Schlingensief In das Schweigen hineinschreien

Englischer Titel

Schlingensief A Voice that Shook the Silence

Credits

Regisseur

Bettina Böhler

Schauspieler

Margit Carstensen

Alfred Edel

Irm Hermann

Udo Kier

Sophie Rois

Christoph Schlingensief

Land

Flagge DeutschlandDeutschland

Jahr

2020

Dauer

124 min.

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