THE PARTY von Sally Potter (Berlinale 2017)

Ein paar Wahrheiten zuviel für einen gepflegten Abend

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Wie viel Wahrheit über sich verträgt ein über Jahrzehnte eingespielter Freundeskreis? Janet, eine ehrgeizige Londoner Politikerin, ist als Ministerin ins Schattenkabinett des linken Premierminister-Kandidaten berufen worden. Diesen Erfolg will sie nun mit ihrem Mann Bill und den engsten gemeinsamen Freunden feiern. Allerdings verläuft die Party dann ganz anders als gedacht. Sally Potter, britische Regisseurin mit Lust am Experimentieren, schickt in ihrem cineastischen Kammerspiel THE PARTY ein Starensemble des britischen Kinos durch das Fegefeuer unbequemer Enthüllungen – in 71 fulminanten Minuten wird alles, was wir am Anfang über diese Leute zu wissen glaubten, auf den Kopf gestellt. Intelligente, wie aus der Pistole geschossene Dialoge, viel Humor und noch mehr Sarkasmus, schauspielerische Glanzleistungen an der Grenze zur Satire und prägnante Schwarzweiß-Bilder geben dieser bitterbösen Komödie einen ganz besonderen Drive, dem man sich kaum entziehen kann (und will).

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Das Tempo wird gleich in der ersten Szene vorgegeben, die eigentlich die letzte ist: Eine völlig aufgelöste Frau öffnet die Haustür und hält eine Pistole in der Hand, mit der sie auf die Person zielt, die gerade Einlass begehrt. Schnitt. In der echten Anfangsszene sehen wir dann dieselbe Frau in deutlich besserer Stimmung: Während schon die ersten Gäste klingeln, wirbelt Multitasking-Profi Janet noch in der Küche und empfängt zugleich leidenschaftliche Anrufe und Textnachrichten ihrer Liebschaft. Kristin Scott-Thomas als Janet ist souverän, auf Knopfdruck herzlich und hat alles im Griff. Sogar ihren Mann Bill, der seltsam abwesend mit dem Plattenspieler hantiert und sich ansonsten stumm an den Rotwein hält. Timothy Spall erweckt im ersten Teil des Films den Eindruck, als sei sein Bill uralt und nicht mehr ganz klar im Oberstübchen. Warum das so ist, wird bald deutlich. Allmählich füllt sich die Wohnung: Die beste Freundin April (Patricia Clarkson), scharfzüngig und zynisch, zelebriert ihre abgeklärt-linksliberale Haltung und liebt es, ihren allzu sonnigen und esoterischen deutschen Freund Gottfried (Bruno Ganz) vorzuführen. Dem wiederum scheint das nicht das Geringste auszumachen. Ferner komplettieren ein lesbisches Paar (Cherry Jones und Emily Mortimer), das Drillinge erwartet, und ein Banker am Rande des Nervenzusammenbruchs (Cillian Murphy) die Gästeliste. Die Frau des Bankers verspätet sich.

Was nun folgt, ist ein sich rasant beschleunigender Reigen von Enthüllungen und deren Folgen, die das innere Gefüge des Freundeskreises in den Grundfesten erschüttern – die Werte und Überzeugungen dieses etablierten, linksintellektuellen Grüppchens, das Bild, das sie sich voneinander und von sich selbst gemacht haben. Am Schluss steht kaum noch ein Stein auf dem anderen. Die Häppchen sind längst im Ofen verkohlt, es haben sich mehrere Leute ins Klo und in die Badewanne übergeben, und den Champagner mag auch keiner mehr trinken. Alle ringen darum, mit den schockierenden Wahrheiten in einer Art und Weise umzugehen, die dem eigenen Selbstbild gerecht wird. Und das ist harte Arbeit. Listig führt uns Potter auf diverse falsche Fährten, entschädigt uns dafür aber mehr als genug mit dem Vergnügen, dem rasanten Tempo dieses Films atemlos auf den Fersen zu bleiben.

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Titel

Orignaltitel

The Party

Credits

Regisseur

Sally Potter

Schauspieler

Patricia Clarkson

Bruno Ganz

Cherry Jones

Emily Mortimer

Cillian Murphy

Land

Flagge Vereinigtes KönigreichVereinigtes Königreich

Jahr

2017

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