"Deutschland 09 - 13 Kurze Filme zur Lage der Nation" von vielen Regisseuren

13 kurze Filme, die zusammen Deutschland 2009 beschreiben wollen. Episodenfilme von sehr unterschiedlichen deutschen Regisseuren. Zuletzt versuchte „Paris je t‘aime“ die Stadt Paris zu fassen zu bekommen, oder vor einigen Jahren der Film 9/11, der versuchte, die Welt nach dem 11. September filmisch zu durchwandern.
Nun also Deutschland ’09. ...2009 , das Superwahl-Jubiläums Jahr: 20 Jahre Wende, 20 Jahre Love Parade, 60 Jahre BRD (die DDR bleibt auf immer 40) und 250 Jahre Schiller - und 100 Jahre Heinz Erhard.
Und dann ist dieser Film auch noch ein Remake, nämlich von Kluges, Fassbinders, Schlöndorffs u.a. „Deutschland im Herbst“ - ebenfalls etwas mehr als 30 Jahre her. Und Herbst ist jetzt ja auch wieder - irgendwie. Aber etwa 10 der 13 Beiträge sind langweilig, viel zu naheliegend, uninspiriert und bieder.

Viele der Filme spielen in Berlin und fast alle in Städten, keiner auf dem Land - was nicht überrascht, glaubt man jenen Kulturtheorien, die Kultur allein in der Vielfältigkeit und Heterogenität von Städten entstehen sehen. In diesen leben und arbeiten alle Regisseuere.

Einige haben sich Nicht- oder Fantasie-Orte gesucht, wie z.B. Tom Tykwer der Benno Führmann in „Feierlich reist“ über Flughäfen und durch Hotels auf der ganzen Welt in einer Art modernen Variante von „Täglich grüßt das Murmeltier“ schickt. Ketten, Franchise, Shop-until-you-drop worldwide - überall wie bei uns, wir ein Teil des Ganzen, auf dem Weg den eigenen Charakter zu verlieren- könnte man meinen. Nicht ganz neue Erkenntnis und eine inzwischen recht abgeschmackt Botschaft.
Oder die Episode von Fatih Akin, ebenfalls ein Nichtort, die Vergangenheit. Er lässt ein Interview mit Murat Kurnaz in irgendeinem gesichtslosen Hotelzimmer nachspielen. Bei aller guten Absicht, etwas wenig, zumal man über den Fall Kurnaz wirklich genug gehört hat - auch wenn Akin der Presse vorwirft, sie habe den Fall nicht beachtet. Da fragt man sich, ob er zwischen seinen Filmen mal zum Zeitunglesen kommt...

Die veränderte Sicherheitsvorstellung bekümmert auch Hans Weingartner, der einen Film über einen Berliner Wissenschaftler gemacht hat, der abgehört und überwacht wurde und schließlich verhaftet, weil er in seinen Büchern über Gentrifizierung schrieb und angeblich radikalen Gruppen die intellektuelle Grundlage schuf. Beängstigend, aber auch viel zu plakativ verfilmt - da hilft auch kein Hinweis auf „Nach tatsächlichen Ereignissen“. Die Wirklichkeit ist manchmal zu schwarz/weiß, um sie in einen kurzen Film zu pressen und die Botschaft: Achtung Überwachungsstaat - nun ja, da gibt es wirklich aktuelleres, spannenderes, filmischeres und problematischeres in diesem Land.

Bei Dani Levys Beitrag „Joshua“ gab es viele Lacher. Er beschäftigt sich mit sich selbst und dann auch irgendwie mit seiner Rolle als Jude in Deutschland - bleibt sich also treu. Ist manchmal ganz lustig und am Ende ein surreales Stück über die Gefahr des Optimismus und der guten Laune - weil wir dann Nazis und Terroristen übersehen. Nun ja. Zumindest kann in Levys Universum ein kleines jüdisches Kind zum neuen Führer werden - irgendwo in Brandenburg.

Also doch lieber miesepetrig bleiben, auch wenn es dann aussieht wie in dem Film von Wolfgang Becker in der Episode „Krankes Haus“. Ein verfallendes Sanatorium, eine Mischung aus Lars von Triers „The Kingdom“ und der Serie „ER“, in dem alle Behandlungen irgendwie Bezug nehmen auf Reformstau, Wirtschaftskrise und das deutsche Wesen im allgemeinen. Ein bisser‘l zu viel auf ein mal, wenn auch mit tollen Bildern und einigen witzigen Ideen. Aber irgendwann sind es einfach zu viele Metaphern und Analogien und Paralellen.

Das Deutsche Wesen, ja, ja, für die guten, alten Werte steht da die Fraktur Type. Hans Steinbichlers Film ist ein wildes Märchen, von einem Spediteur am Obersalzberg (:-), dessen Welt zusammenbricht, als die FAZ die Frakturschrift über den Kommentaren abschafft. Das Ende ist drastisch und Bierbichler wie immer toll - aber auch hier wirkt das ganze bei allem Witz doch sehr gezwungen. Und mal pingelig gedacht: mit 2009 hat das nix zu tun. Deutschland sei eine Leerstelle, sagt der Regisseur, und deswegen müsse es um nichts gehen. Na, ich weiß nicht...

Ganz gut hat mir das Gipfeltreffen schlauer Frauen in einer leergeräumten Wohnung von Nicolette Krebitz gefallen. Susan Sonntag, Ulrike Meinhoff und die junge Autorin und Regisseurin Helene Hegemann reden auf einem konspirativen Treffen über Frauenrollen, Politik und all die Zwänge der Gegenwart. Dabei wird klar, dass die Formulierungen von damals für eine junge Frau von heute nur blutleere Kopfgeburten jener langelange vergangenen Zeit ist - so oft man auch die 68er wieder versucht aufzuwärmen. Formal mutiger als andere Beiträge.

Am anregendsten nach Deutschlands Wesen und Wollen suchend, ist die Episode von Dominik Graf und Martin Gressmann „Der Weg, den wir nicht zusammen gehen“. Anhand von Abrisshäusern versuchen die Regisseure etwas von der Geistesgeschichte, vom funktionalen Stil der 50er, über die potthäßlichen Utopien der 60er und 70er Jahre und der heute herrschenden Bauästhetik herauszufinden.
Die alten Häuser sind nicht schön. aber, so wird argumentiert, Ausdruck der Geschichte unseres Landes - mehr als Stadtschlösschen und Bankenbauten in Frankfurt. Wobei ich diese Trennung nicht ganz begreifen kann, denn Architekturgeschichte ist ja die Summe der Häuser der vergangenen Jahrzehnte - also auch die Protz- und Neubauten der letzten 10 Jahre.
Um keines der Häuser, die abgerissen werden sollen, ist es eigentlich schade, man kann sich kaum vorstellen, dass darin gern Menschen leben. Die Autoren kritisieren also weniger den Abriss, als das, was an die Stelle der alten, vergammelten, grauverputzten Häuser kommt: neue, hässliche, gesichtslose Funktionalbauten. Aber würde Becker mal durch Saarbrücken, Hagen, Gelsenkirchen, Oberhausen, Dortmund usw. laufen, sähe er, dass es wahrlich keinen Mangel an diesen ätzenden, hässlichen, runtergekommenen, seelenlosen Bauten gibt.

Formal fand ich Grafs Beitrag den gelungensten, weil er wirklich einlädt, nachzudenken über die Art und Weise, wie wir leben und was unser Leben heute bestimmt. Da könnte man auch gleich noch einen machen über Reihenhäuser und das neue "Urban Living". Denn wie im Film zitiert: Diktaturen verändern zuerst die Sprache und dann die Architektur.

Und gerade als ich dachte: gibt es in Deutschland keinen Sex? Warum in fast allen Filmen nur vergeistigte Thesen, Wirtschaft und Globalisierung, deutsch und ernst - da zeigt uns Romuald Karmakar das Portrait von Mahmoud Rahimzadiary, dem „perversen Perser“, wie ein Kollege meinte. Und was man da so über Sex in Deutschland von Herrn Rahimzadiary erfährt, der seit Jahrzehnten eine Mischung aus Puff und Lokal in Berlin betreibt, das ist eindeutig mehr, als man über Sex wissen möchte. Aber auch bei Karmakar eine Art Wirtschaftsgeschichte, vor und nach der Wende, den Bedingungen von Einwanderern - aber eben alles aus der Sicht eines Sexclub Betreibers. Die beste Episode von allen.

Deutschland ist angesichts dieser Filme vielseitig und nachdenklich und wohlhabend, dabei trotzdem verwirrt und etwas ängstlich. Der Blick der Autoren ist meist recht verkopft, manchmal erschreckend politisch naiv, mittelstandszentriert und vor allem: so vordergründig. Das wollen Künstler sein, die Zeit haben, den Dingen auf den Grund zu gehen? Und dann kommen nur olle Leitartikelthemen und Thesenpapiere?
Der bange Blick auf die Wirtschaftsbedingungen, der in vielen Filmen durchscheint, ist vielleicht die deutlichste Gemeinsamkeit und offenbar DAS Gegenwartsproblem, dem sich auch die Filmemacher nicht entziehen wollen. Da kann man aber auch den Wirtschaftsteil der Zeitung lesen.

Kommentare ( 1 )

Am Ende aller Kurzfilme war ich niedergeschlagen - da war so viel Pessimismus und Humorlosigkeit, so viel Bemühtheit und ewig gleiche Themen, und kaum mal ein Lichtblick. Ist dies Deutschland 09, und sind dies seine besten RegiseurInnen? Oh je.

Mir hat der kleine Demokratie-Lehrkurs am meisten gefallen. Ganz ganz unten steht für mich "Krankes Haus", voller plumper Anspielungen und billiger Metaphern. Der vom Autor ausführlich beschriebene Architekturbeitrag ist einerseits voll schöner Bilder und mit spannendem Ansatz, Deutschland 09 auch anhand seiner Architektur nachzuvollziehen. Dann aber rutscht er leider zu sehr ab ins Jammern und in eine zumindest architektonisch für mich unverständliche Nostalgie. War denn früher wirklich alles irgendwie ehrlicher und besser, und heute so kalt und lügnerisch? ich finde, dass die Tonlage dieses Filmes die Stimmung der Gesamtschau am besten beschreibt. Damit bleibt sie für mich eine Enttäuschung

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Titel

Orignaltitel

Deutschland'09, 13 kurze Filme zur Lage der Nation

Deutscher Titel

Germany 09, 13 Short Films About The State Of The Nation

Credits

Regisseur

Fatih Akin

Wolfgang Becker

Sylke Enders

Dominik Graf

Martin Gressmann

Christoph Hochhäusler

Romuald Karmakar

Nicolette Krebitz

Dani Levi

Angela Schanelec

Hans Steinbichler

Isabelle Stever

Tom Tykwer

Hans Weingartner

Land

Flagge DeutschlandDeutschland

Jahr

2009

Dauer

151 min.

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