"The International" von Tom Tykwer

Um es vorweg zu sagen: Der Eröffnungsfilm von Tom Tykwer „The International“ hat mit der gegenwärtigen Finanzkrise entgegen entsprechender Vorankündigungen in der Presse wenig bis gar nichts zu tun. Zwar steht im Mittelpunkt des Films eine mächtige Großbank, die ihr Geld mit kriminellen Machenschaften überall auf der Welt verdient. Das internationale Wirtschaftsverbrechen bildet in „The International“ aber lediglich die Rahmenhandlung, um die dann diverse Verfolgungsjagden und effektvolle Schusswechsel an schönen Schauplätzen in Mailand, Berlin, Istanbul und New York gruppiert werden.

Das wäre grundsätzlich durchaus in Ordnung, hätte Film nicht noch ein gravierendes Problem: Clive Owen und Naomi Watts 118 Minuten dabei zuzusehen, wie sie als unerschrockener Interpol Agent und als integere New Yorker Staatsanwältin wirklich alles versuchen, um eine korrupte Großbank zu Fall zu bringen, wirkt auf die Dauer ermüdend und ist für einen Actionfilm einfach nicht spannend genug inszeniert worden. Die Story erliegt immer wieder der Versuchung, dem Zuschauer die ohnehin nicht besonders vielschichtigen Handlungsstränge noch näher erklären zu wollen. Die dabei gelieferten Hintergrundinformationen z.B. über den enttäuschten Ex-Stasi-Funktionär (Armin Mueller-Stahl), der nun als Handlanger des globalen Kapitals genau für die Seite arbeitet, die er früher bekämpft hat, bleiben plakativ an der Oberfläche. Auch einige der Dialoge wirken wie ein tiefer Griff in die Klischeekiste, z.B. wenn Agent Salinger in einer Schlüsselszene in bedeutungsschwangeren Worten von Brücken redet, die man entweder überqueren oder verbrennen muss bzw. Armin Mueller-Stahl irgendetwas von einem Schicksal deklamiert, von dem man nie weiß, wann es einen findet.

Bestimmt war es für den ja auch mal als nächsten James Bond gehandelten Clive Owen ein Trost, dass er hier nach Herzenslust den Aktionhelden spielen durfte, mit spektakulären Schusswechseln im einem eigens dafür nachgebauten Trakt des Guggenheimmuseums und den für das Genre obligatorischen Verfolgungsjagden. Als enervierend erweist es sich aber auf Dauer, dass Owen als Agent Salinger scheinbar nur über zwei Gesichtsausdrücke verfügt, die irgendwo zwischen tiefer Fassungslosigkeit über die Schlechtigkeit der Welt und allgemeiner Betroffenheit angesiedelt sind. Manche Szenen entbehren auch nicht einer unfreiwilligen Komik: So zertrampelt Agent Salinger erst mit voller Wucht einen Telefonapparat, um danach quasi in Sekundenschnelle aus dem Elektroschrotthaufen eine winzige Miniaturwanze zu ziehen.

Herausragend ist die Kameraführung von Frank Griebe, dem es immer wieder gelingt, durch die überraschende Kombination ungewöhnlicher Einstellungen gewohnte Sehmuster zu untergraben. Dies hätte man sich auch von der Story gewünscht, die leider unentschlossen zwischen einem zu langatmigen Actionfilm und unausgegorener Kapitalismuskritik auf „Tante Erna“- Niveau hin und her pendelt. Die „Guten“ sind fast eine Art Übermenschen in ihrem unerschütterlichen Bestreben, die Machenschaften der bösen Banker aufzudecken. Besser gelungen ist die Darstellung der „Bösen“ aus der Geschäftwelt, deren vollkommen moralfreie und sterile Geldgier vermutlich nicht all zu weit von der Realität entfernt liegen dürfte. Im Laufe der Handlung drängt sich trotzdem immer mehr der Verdacht auf, dass die Story letztlich nur als Berechtigung dazu diente, an ganz tollen Locations drehen zu können. Mutig war es aber in jeden Fall, das Gebäude der VW-Zentrale in Wolfsburg als Hauptquartier und Schaltzentrale des Bösen auszuwählen.

Kommentare ( 1 )

Ich kann Elvi nur zustimmen. Tykwer hat einen Genrefilm gemacht, der nicht wirklich funktioniert - denn ein Thriller, der nicht spannend ist, ist kein guter Film. Ein paar schöne Szenen - die Schiesserei im Guggenheim, der stille Zuammenbruch des Agenten zu Beginn, der entschlossene Schuss des Mafiosi am Ende (Merke: Töte nie einen Italiener, ohne auch seine Söhne zu töten. siehe: The Godfather II)

Am dringendsten hätte der Film einen Scriptdoktor gebraucht (Dr. Köster übernehmen sie). Denn was brucht mn zuerst? Eine gute Geschichte und die muss mann dann auch noch gut erzählen. In den Dialogen wurde es nicht nur schwülstig, es wurde auch noch ständig alles erklärt: Wer, warum, wem, was verkauft - warum John Salinger so böse, böse, böse auf die Bank ist - warum ein Ex-Stasi für Kapitalisten arbeitet usw. usw. Zusammen mit einem nicht wirklich überzeugenden Hauptdarsteller (Clive Owen ist müde, müde, müde und guckt böse, böse, böse) wird es kein gelungener Kinoabend.

Das überbordende Presselob von FAZ, taz, SZ und Berliner Zeitung (danke film-zeit und Ines für die harte Arbeit)ist rätselhaft. Ich freue mich ja auch, dass "wir" so eine Riesenproduktion in Babelsberg stemmen können, aber mann kann den Filmpatriotismus übertreiben.

Ein Pluspunkt noch: Ulrich Thomsen als gemeiner aber rationaler Banker. Ulrich Thomsen ist immer gut und noch besser, wenn es um verschrobene Psychopathen geht - ich empfehle seine grandiosen Auftritte in Anders Thomas Jensens schwarzen Komödien "Flickering Lights" und "Adams Äpfel".

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Titel

Orignaltitel

The International

Credits

Regisseur

Tom Tykwer

Schauspieler

Jack McGee

Armin Mueller-Stahl

Brian F. O'Byrne

Clive Owen

Ulrich Thomsen

Naomi Watts

Jahr

2008

Dauer

118 min.

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