
© Hugofilm features / Tobias Nölle
Der Traum von einem Leben auf einer einsamen Insel, fernab vom Lärm und dem Stress der modernen Welt, übt auf viele Menschen eine große Faszination aus. Auch der Arzt Lorant sehnt sich nach diesem radikalen Neuanfang. In seiner Heimatstadt Paris fühlt er sich entwurzelt. Nach vielen Jahren im Einsatz für Ärzte ohne Grenzen beschließt er, einen endgültigen Schlussstrich zu ziehen. Sein Ziel ist die entlegene Inselgruppe Tristan da Cunha, die in Reiseführern gerne als „abgelegenste Insel der Welt“ bezeichnet wird. Lorant kennt diesen Ort seit Jahrzehnten - immer wieder hat er ihn als Tourist besucht und dabei Freundschaft mit einem einheimischen Farmer geschlossen. Nun will er bleiben. Für immer. Seinen Arztberuf möchte er hinter sich lassen und statt Leben zu retten, will er Teil der kleinen Gemeinschaft werden, im Supermarkt arbeiten und den einfachen Rhythmus des Insellebens annehmen. Doch wie realistisch ist die Vorstellung, der eigenen Vergangenheit so konsequent entkommen zu können?
Dieser Frage widmet sich Tobias Nölle in einem Film, der zwischen Fiktion und Dokumentation pendelt - ein Ansatz, der reizvoll ist, aber nicht immer ganz aufgeht. Die Kamera begleitet Lorant während der mehrwöchigen Fährüberfahrt und bei seinen ersten Schritten in das Leben als Insulaner. Der Film setzt auf eine ruhige, beobachtende Bildsprache, die gelegentlich etwas statisch wirkt. Zwischen den dokumentarischen Passagen mischen sich immer wieder fiktionale, traumartige Momente: Lorant liegt regungslos auf dem Bett oder blickt ins Leere – Bilder, die seine innere Verunsicherung spiegeln, sich in ihrer Häufung jedoch abnutzen. Auch der Pinguin, der in seinem Ferienhaus auftaucht, bleibt ein unklar verortetes Symbol, das sein Potenzial nicht voll ausschöpft.
Die Handlung entwickelt sich eher über kleine Beobachtungen als über klare dramaturgische Bögen. Lorant versucht unbeholfen, bei der Schafschur zu helfen oder Zäune zu reparieren, überschätzt sich bei Ausflügen ins unwegsame Gelände, was schließlich eine Rettungsaktion nach sich zieht. Diese Episoden sind ruhig inszeniert und setzen mehr auf Atmosphäre als auf Spannung. Die weiten Landschaften, das karge Terrain, das wechselnde Licht und die Tierwelt mit Pinguinen und Seelöwen verleihen dem Film eine starke visuelle Präsenz. In diesen Momenten wirkt der dokumentarische Ansatz konsequent und stimmig. Besonders interessant ist auch das historische Bildmaterial, das die Evakuierung der Insulaner nach dem Vulkanausbruch von 1961 zeigt: Nach Erdstößen und einer sich öffnenden Erdspalte mussten die 264 Bewohner zunächst nach Kapstadt und später nach England, kehrten aber 1963 schrittweise zurück, da ein dauerhaftes Leben auf dem Festland für sie kaum vorstellbar war.
Am stärksten zeigt sich der Film in den Gesprächen zwischen dem Großstädter und den Insulanern. Hier wird das zentrale Thema greifbar: das Staunen darüber, dass jemand mit vielfältigen Möglichkeiten freiwillig ein Leben in Isolation wählt. Gleichzeitig spürt man subtil, dass die Bewohner insgeheim davon ausgehen, dass Lorant irgendwann wieder gehen wird. Am Ende bleibt die Insel selbst der eigentliche Protagonist – ein Ort, der sowohl Schutz als auch Grenzen bietet und auf dem Sehnsucht und Realität stets nebeneinander bestehen.