Berlinale 2026: LIEBHABERINNEN von KOXI

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LIEBHABERINNEN ist ein Film, bei dem am Anfang das Publikum noch lauthals über die Absurdität lacht, bald hört man nur vereinzeltes Kichern und am Ende schafft es der Lachimpuls nicht mehr nach oben und bleibt irgendwo zwischen Magen und Lunge hängen. Es war klar, dass bei einer Jelinek-Adaption kein Entertainment zu erwarten war. Weniger vorhersehbar war, wie überzeugend Schauspieler:innen, Themen und Dramaturgie zusammenfinden. Es gelingt sogar, was man heute nur noch selten sieht: ein stimmiges (und im Fall von LIEBHABERINNEN bitterböses) Ende.

Was Elfriede Jelinek zur Verfilmung ihres Stücks sagen würde? Regisseurin Koxi weiß es nicht. Sie hatte noch keinen direkten Kontakt zu ihr, aber Jelinek habe eine DVD. Der Produzent Herbert Schwering weiß immerhin zu berichten, dass Jelineks Verlegerin auf der Premiere den Film als gelungene Interpretation des Romans bezeichnet hat.

Mit DIE LIEBHABERINNEN gelang Elfriede Jelinek 1975 der literarische Durchbruch. Damit ist der Roman bereits 50 Jahre alt. Das sei bei der Finanzierung des Projekts ein Hindernis gewesen, so Schwering. Viele Redaktionen seien der Meinung gewesen, dass diese Art des Feminismus überholt sei und man mit der Emanzipation doch schon viel weitergekommen sei. Das sei aber überhaupt nicht ihre Erfahrung, erklärt Koxi im Q&A-Teil nach der Vorstellung im Cinema Paris. Wenn sie den Film heute drehen würde, in einer Zeit, in der wir sowohl vom Fall Gisèle Pelicot als auch von der Akte Jeffrey Epstein wüssten, würde sie alles noch viel krasser drehen.

Ich muss ihr recht geben: Vieles von dem, was wir in LIEBHABERINNEN sehen – insbesondere diesen abstoßenden Machismo und die Notgeilheit der männlichen Schöpfung – gibt es auch noch heute. Interessant ist, wie sich die beiden Hauptfiguren dazu stellen: die wohnungslose Brigitte, die sich als Messehostess erniedrigen muss, und die selbstbewusste 17-jährige Paula, die als Camgirl die abseitigen Wünsche ihrer männlichen Zuschauer kapitalisiert. Obwohl beide versuchen, die Deutungshoheit zu bewahren, rebellieren sie auch nicht. Sie bedienen weiter das System. Am Ende gibt es nur zwei Möglichkeiten: entweder das System schonungslos für sich auszunutzen oder sich zu assimilieren. Hoffnung gibt es keine, nur einen kurzen Moment der Solidarität zwischen zwei Frauen. Dabei ist Solidarität, wie Co-Autor Antonio de Luca nach der Vorstellung von LIEBHABERINNEN sagt, das, was wir heute am dringendsten brauchen.

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