
EINAR SCHLEEF – EIN DEUTSCHLAND HABE ICH NICHT GEFUNDEN – der Filmtitel ist ein Satz von Einar Schleef selbst. Schleef hat in drei deutschen Staaten gearbeitet, sie alle abgelehnt und sich an ihnen abgearbeitet. Er sagt „der Existenzkampf in der DDR ist natürlich Krieg“, und spricht darüber, dass der Konformitätsdruck in der Bundesrepublik noch größer sei, nachdem er 1976 von einem Engagement am Wiener Burgtheater nicht nach Ost-Berlin zurückkehrte. Das Deutschland nach der Vereinigung findet er „zum Fürchten“. Noch mehr Schmerzen als die drei Deutschländer haben Schleef wohl nur Intendanten und die Institutionen in und um das Theater zugefügt. Er schuf ohne Unterbrechung: Er schrieb Tagebuch seit dem 9. Lebensjahr. Er fotografierte, er filmte, er malte, und er brachte die Gesellschaft, an der er so litt, auf die Bühne. Sandra Prechtel nutzt Schleefs Material und lässt daraus gemeinsam mit Olaf Voigtländer und Katja Dingenberg, die für die Montage verantwortlich sind, ein kraftvolles Bild des Künstlers Schleef entstehen.
Bei der Annäherung an Schleef verzichtet Sandra Prechtel vollkommen auf Talking Heads oder Interviews mit Zeitzeugen, eine kluge Entscheidung. Stattdessen hören wir Schleef, wie er Tagebuchaufzeichnungen und biographisches Material liest, das er für den Roman Gertrud verwendet hat. Der erste Teil des Films nutzt Fotomaterial aus dem Familienbesitz und schöpft aus dem Fundus von Tausenden von Fotos, die Schleef als junger Mann gemacht hat. Dass der Film fast 45 Minuten ohne Bewegtbilder auskommt, fällt nicht beim Zuschauen auf, sondern man begreift es erst, weil die Regisseurin es im anschließenden Filmgespräch erwähnt.
Im zweiten Teil des Films bilden die Probenarbeit und Filmaufnahmen der verschiedenen Inszenierungen de Schwerpunkt. Schleef bringt den antiken Chor und das gemeinsame rhythmische Sprechen auf die Bühne. Die Kraft der Worte, die Ästhetik des Kollektivs und das Hinwegfegen der Grenze zwischen Bühne und Publikum verstören Zuschauer und Kritiker gleichermaßen – einige klatschen viele buhen. Wobei die kriminelle Blödheit von Kritikern, die Schleefs Inszenierungen faschistoid finden oder ihm „Wehrsport“ vorwerfen, nicht zu fassen ist. Es gibt Ausschnitte zum Beispiel von MÜTTER (Schauspiel Frankfurt am Main 1986), WESSIS IN WEIMAR (Berliner Ensemble 1993) und EIN SPORTSTÜCK (Burgtheater Wien 1998). Am eindrücklichsten im Gedächtnis bleiben die Ausschnitte der FAUST Inszenierung aus dem Oktober 1993, die nicht im Schillertheater, sondern vor dem Schillertheater gespielt wird. Genau dieses Schillertheater hatte der Berliner Senat im Sommer 1993 geschlossen, was Schleef und alle Mitwirkenden nicht am Theatermachen hinderte. Die Leinwand ist immer nur ein Abbild der Theaterbühne und trotzdem transportiert der Film die Wucht von Schleefs Inszenierungen. So lässt EINAR SCHLEEF – EIN DEUTSCHLAND HABE ICH NICHT GEFUNDEN wenigstens nachfühlen, was sich heute nicht mehr auf die Theaterbühne bringen lässt.