Berlinale 2022: SO-SEOL-GA-UI YEONG-HWA (THE NOVELIST’S FILM) von Hong Sangsoo

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Beim Filmeschauen kann man manchmal ganz ungewöhnliche Dinge lernen. "Es ist ein heller Tag. Bald wird es dunkel. Lass uns spazieren gehen." Wer Hong Sangsoos SO-SEOL-GA-UI YEONG-HWA (THE NOVELIST’S FILM) gesehen hat, kann diese drei Sätze danach in koreanischer Gebärdensprache sagen. Um am Ende des Films festzustellen: Der Regisseur hat uns gerade auf eben diesen Spaziergang mitgenommen. In seinem vierten Berlinale-Wettbewerbsbeitrag seit 2017 schickt Hong Sangsoo seine Protagonistin, die titelgebende Schriftstellerin (Lee Hyeyoung), in einem Vorort von Seoul durch einen Reigen von Begegnungen, an deren Ende sie wieder am Ausgangspunkt, einem kleinen Buchladen, ankommt. Aber: mit der Idee für ein kleines Filmprojekt in der Tasche. Schauspielerin und Kameramann hat sie an diesem Tag sozusagen am Wegesrand gefunden. Sie wird den Film umsetzen, und wir bekommen zuletzt einige Minuten daraus zu sehen. Er zeigt einen Spaziergang in der Sonne.

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Hong Sangsoo erzählt diese kleine Geschichte in langsamen schwarz-weiß Bildern, entfaltet den Charakter seiner Figuren ganz beiläufig zwischen den Zeilen. Mehrere der Figuren, vor allem die Frauen, machen gerade Veränderungen in ihrem Leben durch – die sie bewusst selbst gewählt haben, weil das Alte nicht mehr funktionierte. Andere, vor allem ein älterer Dichter und ein Regisseur, tun genau das Gegenteil. Sie gehen ihren Weg unbeirrt weiter. Der eine trinkt und schreibt. Der andere macht Filme vor allem des Geldes wegen. In den Unterhaltungen miteinander wird ausgelotet, was das bedeutet: vertrautes Terrain hinter sich lassen, neugierig sein, andere Wege einschlagen. Oder aber: weiterlaufen wie bisher.

Das Besondere und Schöne an dem Film ist seine Erzählweise. Sie ist locker, humorvoll, nimmt sich Zeit, ist aber nie langatmig. Es wird an keiner Stelle über den Sinn der Kunst oder des Lebens schwadroniert. Vielmehr treten die Einstellungen der Protagonisten zu diesen großen Themen in klaren, einfachen Sätzen über Alltägliches und Konkretes zutage. Manchmal wird auch gar nicht geredet, und die Bilder übernehmen das Fortführen der Erzählung. Dennoch ist die Sprache, die Art der Kommunikation, das zentrale Instrument, um die Geschichte vorwärts zu bringen.

Die Schriftstellerin, sehr bekannt, nicht mehr ganz jung und momentan von einer Schreibblockade irritiert, nimmt kein Blatt vor den Mund. Ihre Bemerkungen und Fragen an das Gegenüber durchkreuzen regelmäßig den erwartbaren höflichen Smalltalk. Die Begegnungen dieser Frau an diesem Tag sind inszeniert wie eine Staffelstab-Übergabe: Von einer Person zur anderen wird sie gleichsam "weitergereicht", wobei sie ihren Weg durchaus aktiv mitbestimmt.

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Von der Betreiberin des kleinen Buchladens – einer alten Bekannten, die sich aus dem Freundeskreis und dem Zentrum der Stadt verabschiedet hat – geht es weiter zu einem Aussichtsturm am Rand eines Parks. Hier folgen die Begegnungen mit dem Regisseur und seiner Frau. Der versteckt sich zunächst auf dem Klo, offenbar hat er keine große Lust auf eine Begegnung. Vor einiger Zeit kam die Verfilmung eines ihrer Romane nicht zustande, weil ihm das Projekt nicht lukrativ erschien. Die Schriftstellerin macht jetzt klar, was sie davon hält. Dann treffen die drei in dem Park eine junge Schauspielerin, die lange nicht mehr gedreht hat. Es sei ja so schade, dass sie nicht mehr in großen Filmen zu sehen sei, sagt der Regisseur. Unverschämt, fährt die Schriftstellerin den Regisseur an. Er solle gefälligst die Entscheidung der Frau respektieren. Der Regisseur und seine Frau verabschieden sich.

Die Schriftstellerin läuft mit der Schauspielerin weiter und gewinnt sie für ihr Filmprojekt, unterwegs treffen sie auch noch den Kameramann in spe, einen jungen Bekannten der Schauspielerin. Die beiden Frauen gehen eine Kleinigkeit essen. In dem Imbiss erhält die Schauspielerin einen Anruf von einer Bekannten: Sie hat einen bekannten Dichter zum Essen – und wohl vor allem zum Schnapstrinken – eingeladen. Zwei Gäste haben abgesagt, die Situation sei sehr peinlich. Ob sie nicht spontan vorbeikommen und vielleicht noch jemand mitbringen könne? Schauspielerin und Schriftstellerin gehen zu dem Essen. Die Gastgeberin entpuppt sich als die Buchhändlerin, der Dichter als ein früherer Kumpel der Schriftstellerin.

Am Ende des Begegnungsreigens wissen wir sehr viel mehr über die Figuren als zu Beginn. Wie diese Puzzleteile der Charaktere Stück für Stück entfaltet werden, das ist die große Kunst und der große Zauber des Films.

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Aber Hong Sangsoo macht, wie immer, mehr. Er baut Querbezüge, Reflektionen und Verweise auf seine eigene Rolle als Regisseur dieses Films ein. Sie zu lesen, kann als augenzwinkerndes Angebot verstanden werden, nicht als selbstverliebtes Muss. Wer die Bezüge erkennt, freut sich. Wenn man sie nicht sieht, schmälert es den Filmgenuss jedoch keineswegs.

Reflektion eins: Der Mann der Schauspielerin ist auch als Protagonist des kleinen Films vorgesehen. Die Schauspielerin sagt, dass sie ihren Mann natürlich erst fragen müsse, ob er mitmachen möchte. Am Ende spielt er mit, man sieht ihn aber nicht. Am Ende des Films im Film sagt sie zu ihm: "Ich liebe Dich." Die Rolle der Schauspielerin wird gespielt von Kim Minhee, der Partnerin von Hong Sangsoo, die in allen seinen Filmen seit 2015 mitspielt.

Reflektion zwei: Die Schriftstellerin will für ihr Filmprojekt Menschen zusammenbringen, die sich vertraut sind. Eine ganz besondere Atmosphäre zwischen den Protagonisten sei notwendig, so sagt sie, damit ihre Idee funktioniert. Sie will eine kleine Geschichte erfinden, ein Drehbuch dazu schreiben und ihre Figuren die Geschichte spielen lassen. Um zu sehen, was dann vor der Kamera passiert.

Hong Sangoos SO-SEOL-GA-UI YEONG-HWA fühlt sich ein wenig so an, als sei der Film nach eben diesem Prinzip gedreht worden.

Filmstills: Jeonwonsa Film Co. Production

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Titel

Orignaltitel

So-seol-ga-ui yeong-hwa

Englischer Titel

The Novelist’s Film

Credits

Regisseur

Hong Sangsoo

Schauspieler

Lee Eunmi

Kwon Haehyo

Lee Hyeyoung

Ki Joobong

Kim Minhee

Park Miso

Ha Seongguk

Kim Siha

Seo Younghwa

Cho Yunhee

Jahr

2021

Dauer

92 min.

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