"Das Vaterspiel" von Michael Glawogger

Viele haben 'nen Nazi im Keller

Der Trend geht mal wieder zur Romanverfilmung. Dies ist Glawoggers mehr oder minder gelungene Versuch, Josef Haslingers gleichnamigen, fast 600 Seiten starken Roman zu verfilmen. Wir sollen laut Regisseurs den Film, wenn schon, dann auf anregende und kreative Weise nicht mögen. Nun gut, ich will mich bemühen.

Der Anfang ist grandios - ohne viel Erklärung werden vier verschiedene Erzählebenen und Spielorte eingeführt und dann übergangslos in einander verschachtelt - so was mag ich:
Ebne 1: die 90er in Wien, ein Student, der seinen Vater hasst (warum ist nicht ganz klar, weil das die übliche Abneigung bzw. Konfliktlage zwischen Vater und Sohn ist), Ratz (Helmut Köpping) programmiert deshalb nächtelang ein Computerspiel, in dem der Vater tausendmal ermordet wird.
Ebene 2, Ratz kurz vor dem Jahr 2000, er bekommt einen Anruf von einer Ex-Liebe, besucht seine Mutter, fährt durch einen Schneesturm und reist nach Amerika.
Ebene 3: Jonas Shtrom (Ulrich Tukur) ist jüdischer Überlebender des Holocaust. 1959 und Anfang der 60er Jahre macht er in Wien und den USA Aussagen über ein Pogrom und die späterer Ermordung der Juden und seines Vaters in Litauen. Ein Litauer besonders wird beschuldigt.
Und eine 4 Ebene könnte man das Computerspiel nennen, das immer auch in das Leben von Ratz hineinkommt in Ebene 2.

Ein Regisseur muss laut Aussage des Autors eine Schneise in den Roman schlagen, um ihn zu verfilmen - diese Schneise ist zu breit. Er will alle Ebenen des Romans hineinnehmen und verfranst sich dabei. Der Film nimmt zu Beginn in allen Ebenen Fahrt auf, bringt die Geschichten sehr gelungen immer näher zusammen, erklärt was die Personen miteinander verbindet, auch wenn sie es noch nicht ahnen.
Worum geht‘s? Ratz, ist der Sohn eines österreichischen Ministers und ein Computer Nerd, der ein abstruses Vater-Vernichtungsspiel entwickelt. Zu seiner Schwester empfindet er offenbar eine Art inzestuöse Liebe. Im November 1999 erhält er einen Anruf von Mimi (Sabine Timoteo), seiner Jugendliebe. Er soll ihr bei einer Renovierung helfen. Es gibt Rückblenden zu ihrer seltsamen Beziehung einige Jahre zuvor. Ratz besucht seine trinkende Mutter, die inzwischen geschieden ist vom Vater und auf der Fahrt zum Flughafen, mitten im Schneesturm trifft er seine Schwester und fliegt nach New York zu Mimi, ohne zu wissen, was ihn erwartet. Er will dort auch sein Vater-Mord-Computerspiel vermarkten. Bald ist klar: Er soll Mimi helfen, das Versteck ihres Großvater auszubauen, einem alten Nazi, der an der Hinrichtung litauischer Juden beteiligt war (großartig: Itzhak Finzi). Seit 32 Jahren verbirgt er sich im Keller seines Hauses. Dem begegnet Ratz und nimmt ihn quasi als Stellvertreter für die nie statt gefundene Auseinandersetzung mit seinem eigenen Vater - was ich als Parallele schon hart finde (Vater=Autorität/Schweigen=Nazi). Er vermarktet das Spiel erfolgreich, baut dem Nazi den Keller aus, vögelt nicht mit Mimi und legt Weihnachten dem Opi eine Platte auf. Dann Abreise.

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Ulrich Tukurs Figur erzählt von all dem losgelöst in Monologszenen bei einer Anzeige gegen Mimis Großvater 1959 und Anfang der 60er was im Roman als wirkliches Geschehen etwa ⅓ einnimmt: von den Pogromen und seinen Begegnungen mit Lucas, wie sich der Nazi-Opa jetzt nennt.
Es ist wahrscheinlich den horrenden Kosten von historischen Verfilmungen geschuldet, dass man diesen Kniff wählte. Aber es tut dem Film sehr gut, weil wir die Schrecken und Folgen der Geschehnisse im Ghetto allein durch die Figur von Shtrom erzählt bekommen und später, in der erschütternd kalten Erzählung des Täters Lucas. Zwei Leben, zwei zerstörte Leben und Familien aufgrund eines Ereignisses.

Mimi und Ratz sind die nächste Generation: Ratz der Enkel eines KZ-Häftlings, Mimi die Enkelin eines Massenmörders. Beide zusammen müssen im Film auch ganz explizit die Scheiße vom Opa wegräumen, der im Keller wohnt. Sie kommen aber trotzdem nicht zusammen. Das ist ein starkes Bild, eine sehr gelungene Metapher - genau wie das Schweigen des Täters. Nicht aus Schuld, sondern aus Verbohrtheit.

Schade, dass der Film sich am Ende so ein lasches Finale auswählt, in dem der Tod, den Ratz seinem Vater wünschte, tatsächlich kommt und dann natürlich alles anders für ihn ist, dass seine Beziehung zu Mimi am Ende völlig im Unklaren bleibt, dass man nicht erfährt, wie die Geschichte von Shtrom endet und auch nicht, was diese seltsame Beziehung zur Schwester sollte.
Es scheint, als habe der Film sich zu viel vorgenommen mit vier Ebenen und hätte sich besser auf eine oder zwei beschränkt. Kein schlechter Film, sicher nicht, tolle Schauspieler und gerade zu Beginn eine großartige Verschränkung der Erzählstränge, dann aber fällt alles irgendwie auseinander und fadet einfach aus…...

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Titel

Orignaltitel

Das Vaterspiel

Englischer Titel

Kill Daddy Good Night

Credits

Regisseur

Michael Glawogger

Schauspieler

Helmut Köpping

Sabine Timoteo

Christian Tramitz

Ulrich Tukur

Land

Flagge DeutschlandDeutschland

Flagge FrankreichFrankreich

Flagge ÖsterreichÖsterreich

Jahr

2008

Dauer

117 min.

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