SHEYTAN VOJUD NADARAD (There is no evil) von Mohammad Rasoulof (Berlinale 2020)

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© Cosmopol Film

Paukenschlag: Mohammad Rasoulofs Film SHEYTAN VOJUD NADARAD gewinnt die Berlinale. Damit setzt sich die starke Präsenz des iranischen Kinos auf der Berlinale auch in der post-Kosslick Ära fort. Kosslick lag der Dialog mit Iran besonders am Herzen, Regisseure wie der unter Hausarrest stehende Jafar Panahi waren seit vielen Jahren mit der Berlinale verbundenen. Er war schon mit Offside 2011 vertreten und wurde 2015 für "TAXI" mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet.

In Empfang nehmen den Preis in Berlin die Produzenten Kaveh Farnam und Farzad Pak und Rasoulofs Tochter Baran. Der vielfach in Cannes ausgezeichnete Mohammad Rasoulof zählt zu den bekanntesten Regisseuren im Iran, darf sein Land aber seit 2017 nicht mehr verlassen.

SHEYTAN VOJUD NADARAD ist ein Episodenfilm, der weder an den großen Fragen des Lebens (und des Films) spart, noch an ausladender Bildsprache und bedeutungsschwangerer Symbolik – ganz in bester Tradition des iranischen Kinos. In vier Episoden wird die Frage nach Handlungsspielräumen gestellt, die Menschen bleiben, wenn von ihnen schlimme Untaten verlangt werden.

Vier Episoden, vier unterschiedliche Konstellationen, vier unterschiedliche Entscheidungen, vier unterschiedliche Konsequenzen zeigt der Film:

In der ersten kümmert sich ein fürsorglicher Familienvater liebevoll um seine alte Schwiegermutter und ist für den Geschmack seiner Frau in der Erziehung seiner Tochter oft zu nachgiebig. Abends geht er zur Arbeit und drückt während der Nachtschicht routiniert auf einen Knopf. Damit gibt er das Signal für Exekutionen in einem Gefängnis, Sekunden später sind die Menschen tot. Er tut das aus freien Stücken und muss mit der Schuld, die er auf sich lädt, leben.

In zwei anderen Episoden des Films entscheiden sich die Protagonisten, Exekutionsbefehle zu verweigern. In der letzten reist die junge Deutsch-Iranerin Darya nach Iran zu ihrem todkranken Onkel Bahram. Weil er sich einst weigerte einen Menschen zu töten, wurde er bestraft und seine Karriere zerstört. Seine damals schwangere Frau floh nach Europa und stirbt bei einem Unfall, seine Tochter wächst bei Verwandten in Deutschland auf – es ist Darya, die bei Bahrams Bruder Mansour aufwächst, den sie für ihren Vater hält, bis Bahram ihr die Wahrheit erzählt.

Was Nein sagen bedeuten kann, weiß Rasolouf nur zu gut. Allerdings zeigt seine Verweigerung, die staatliche Propaganda und Zensur zu akzeptieren auch, wie erfolgreich Handlungsspielräume genutzt werden können. Obwohl sie kleiner geworden sind im Iran. So war es Rasolouf und seinem Team klar, dass sie keine Drehgenehmigung für den Film bekommen würden und entschieden sich dennoch den Film in mühsamer Etappenarbeit fertigzustellen; immer unter dem Damoklesschwert der Verhaftung des Regisseurs. Die Möglichkeit trotz aller Repressionen Nein sagen zu können sieht Rasolouf als zentral an, um seine Würde aufrecht erhalten zu können. Er nennt es die „Schönheit des Nein sagens.“

In fantastischen, kontrastreichen Bildern beleuchtet der Film diese unterschiedlichen Situationen. Die Episoden spielen in Teheran, im trockenen Südosten und im immergrünen Nordwesten des Landes. Die Landschaften sind so divers wie die Konstellationen von Handlungsspielräumen, Schuld und Sühne.

Dieser Film ist kein Dokumentarfilm, und – das betonen die Produzenten – kein Film über „das Regime“ in Teheran. Dabei gibt es viele internationale Beobachter die iranische Filme nur danach beurteilen wollen: Wie stark ist die gezeigte, eindeutige Verurteilung des derzeitigen politischen Systems? Das ist eine dem iranischen Kino gegenüber sehr eindimensionale und ungerechte Sichtweise. Den Goldenen Bären hat die Jury nicht „nur“ aufgrund des grenzenlosen Mutes und der Aufrichtigkeit des Regisseurs verliehen. Sondern für ein bewegendes cineastisches Werk von universeller Bedeutung.

Eine Langversion dieses Texts erscheint auf qantara.de.


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Titel

Orignaltitel

Sheytan vojud nadarad

Englischer Titel

There Is No Evil

Credits

Regisseur

Mohammad Rasoulof

Schauspieler

Kaveh Ahangar

Salar Khamseh

Ehsan Mirhosseini

Shaghayegh Shourian

Alireza Zareparast

Land

Flagge DeutschlandDeutschland

Flagge Islamische Republik IranIslamische Republik Iran

Flagge Tschechische RepublikTschechische Republik

Jahr

2020

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