Offside von Jafar Panahi (III)

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Zwei Kritiken zu Offside gibt es schon, warum noch eine? Weil es der beste Film war, den ich bei dieser Berlinale gesehen habe. Es gab komplexere, ambitioniertere, aufwendigere und schwierigere Filme bei diesem Festival. Aber es gab keinen Film, der mir soviel Spaß gemacht hat, bei dem ich so viel und so laut gelacht habe.

Offside hebt sich auch wohltuend ab von den anderen iranischen Beiträgen: Alle waren sie sehenswert, aber auch düster und melancholisch, drehten sich um Trauer, Trennung, Tod – und alles wurde als „Parabel“ auf eine erstarrte Gesellschaft gelesen. Offside macht dagegen das, was auch viele Menschen in Iran tun, um ihren Alltag zu ertragen: Die Absurdität des Regimes lächerlich machen. Witze über die Mullahs, über den neuen Präsidenten Ahmedi Nejad gehören sozusagen zur iranischen Leitkultur.

Der Film macht sich über den alltäglichen Wahnsinn in dieser schizophrenen iranischen Gesellschaft lustig. Über die beliebige und enervierende Diskriminierung von Frauen, die zugleich dennoch weit von dem Bild entfernt ist, welches im Westen vorherrscht. Frauen stellen im Iran 60% der Studenten; sie sind selbstbewusst, in der Öffentlichkeit präsent, leben sich aus, sie zeigen ihre Gefühle und rauchen z.B. in der Öffentlichkeit - alles Dinge, die in den meisten Ländern der restlichen islamischen, der arabischen Welt unvorstellbar sind. Und Frauen sind zugleich irrsinnigen Regeln unterworfen: Noch immer müssen sie einen Schleier tragen (auch wenn der tief auf den Hinterkopf gerutscht ist), durften bis vor kurzem nicht Fahrrad fahren. Und dazu zählt auch, dass sie nicht in ein Fußballstadion dürfen.

Offside erzählt die Geschichte von einigen Mädchen, die dennoch versuchen, beim WM-Qualifikationsspiel Iran-Bahrain als Männer verkleidet ins Stadion zu kommen. Sie werden erkannt und während des Spiels von Soldaten bewacht. Die Mädels kennen sich nicht nur viel besser im Fußball aus als ihre Bewacher, sondern entblößen auch die Lächerlichkeit ihrer Situation: Warum, fragt eine, dürfen wir denn nicht ins Stadion? Wir dürfen doch auch ins Kino, da sind auch Männern, und es ist sogar dunkel? Weil die Männer im Stadion fluchen, antwortet der einfältige Soldat. Dann halte ich mir eben die Ohren zu, gibt sie zur Antwort. Am Ende können die aufmüpfigen und selbstbewussten Mädchen den Sieg ihrer Mannschaft feiern, den sie nicht sehen dürfen.

Offside ist ein witziger und zugleich mutiger Film: Weil er die Doppelmoral und Absurdität der iranischen „Sittenvorschriften“ vorführt, dürfte er bei der Zensur für wenig Begeisterung sorgen. Nach dem Film kommt der Moderator auf die Bühne und verliest die zeitgleich vergeben Preise der diesjährigen Berlinale: Großer Preis der Jury für... Offside! Langanhaltender Applaus und Jubel: Kein Zweifel, der Film hat es verdient: Vielleicht wird es für den Regisseur nun ein bisschen einfacher, seinen Film noch öfters zu zeigen. Ob das auch in iranischen Kinos möglich sein wird, bleibt fraglich. Wenn nicht, werden die Iraner(innen) wieder andere Wege finden: Zumindest als DVD wird er bald in Teheran kursieren.

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Titel

Orignaltitel

Offside

Credits

Regisseur

Jafar Panahi

Schauspieler

Shayesteh Irani

M. Kheyrabadi

Ida Sadeghi

Safar Samandar

Sima Mobarak Shahi

Land

Flagge Islamische Republik IranIslamische Republik Iran

Jahr

2005

Dauer

88 min.

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