Berlinale 2016: REMAINDER von Omer Fast

Die Welt als Wille und Vorstellung

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Über den Unfall selbst kann er sehr wenig sagen, aber eines ist klar: Der Unfall hat sein Leben verändert. Etwas fiel vom Himmel, hat ihn getroffen und ihn zum Krüppel gemacht. Es hat ihn auch zu einem reichen Mann gemacht. Mit REMAINDER hat Omer Fast (Interview mit Omer Fast) den brillanten gleichnamigen Roman von Tom McCarthy verfilmt. Die Hauptfigur ist ein Mann ohne Namen (Tom Sturridge), der für seine Verletzungen 8,5 Millionen Pfund Entschädigung erhält und versucht, die Kontrolle über sein Leben wiederzugewinnen.

Sein Körper ist schwer geschunden, aber was ihm noch mehr fehlt, sind seine Erinnerungen. Sie sind unzuverlässig, Bruchstücke wie Scherben, die am Boden liegen. Scherben in denen sich etwas spiegelt, dass er nicht genau erkennen kann. Ehemals vertraute Menschen sind ihm fremd. Wir sehen ihn auf einer Party: Er fühlt sich unwohl, kann kaum mit jemand Kontakt aufnehmen. Wir sehen ihn und wir wissen nicht, was in seinem Kopf vorgeht. Das ist normal, niemand weiß, was in dem Kopf eines anderen vorgeht. Aber sein Fremdsein geht weiter. Wir sehen, dass er leidet, aber ist das schon Mitgefühl? Und die Bilder, die Omer Fast uns bietet, sind auf eine seltsame Art zweideutig. Sehen wir Realität, etwas Erinnertes oder ein Konstrukt aus beidem?

Der Mann ohne Namen fasst einen erstaunlichen Entschluss: Er will ein Haus kaufen, das so genau wie möglich einer Erinnerung entspricht. Einer Erinnerung, zu der er keinen Kontext aber viele Details kennt. Die Makler, die er anruft, begreifen nicht worum es geht, vor allem nicht, warum die vielen Details so wichtig sind. Erst Naz (Arsher Ali) von der Beratungsfirma Time Control, versteht das oder zumindest fragt er nicht warum. Endlich ist ein Haus gefunden. Die Fassade muss verändert werden – kein Problem. In einer Wohnung soll eine Frau Leber braten, während in einer anderen Wohnung ein Mann ein Stück von Rachmaninov am Klavier spielt – selbstverständlich.

REMAINDER ist wörtlich übersetzt, „das, was übrig bleibt“. Der Protagonist schafft aus Erinnerungen durch Re-enactment eine neue solipsistische Realität. Dieses Spiel treibt er in Extreme, die weder Naz noch der Zuschauer erahnen können.

Omer Fast hat aus Tom McCarthys Buch, das kühl, aufregend und auch sehr verkopft ist, einen spannenden Film gemacht, der wie ein Thriller funktioniert. Das Interessanteste an dem Film aber ist die Verblüffung des Zuschauers und das Nachdenken darüber, wie die Konstruktion unserer eigenen Wirklichkeit funktioniert. Und damit ist Fast in seiner Verfilmung der herausragenden Romanvorlage treu geblieben.

Kommentare ( 1 )

und dann ist da noch die Bedeutungsebene der Kunst, die die Wirklichkeit imitiert und ihr gerade durch ihre "Künstlichkeit" näher kommt, als vermeintlich echte Erlebnisse, Beschreibungen, Erzählungen. Und die Sache mit der Perfektion, die nicht bedeutet, 100% korrekt, sondern eben lebendig. Und genau dem scheint der Mann nachzurennen, einem Gefühl mehr, als einem Bild. Die Bilder macht er sich. Er lebt ja irgendwann in diesem Kunstwerk, in dieser Installation, die sein Haus ist, und wo er (und da wieder die Ebene schöpferische Arbeit) über alle und alles 100% Kontroller erreichen will. Ein bizarrer Film, klug und vielschichtig, mit einem ganz anderem Ende als im Buch (hab ich mir sagen lassen). Für mich der Abschlussfilm und je mehr ich drüber nachdenke, mit der beste 2016.

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Titel

Orignaltitel

Remainder

Credits

Regisseur

Omer Fast

Schauspieler

Arsher Ali

Cush Jumbo

Tom Sturridge

Drehbuch

Kamera

Lukas Strebel

Land

Flagge DeutschlandDeutschland

Flagge Vereinigtes KönigreichVereinigtes Königreich

Jahr

2015

Dauer

103 min.

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