SIDE BY SIDE von Chris Kenneally

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Eine „Untergrund Revolution“ ist im Gange, schon fast vorbei, die vorbei an den meisten Konsumenten auf allen Ebenen des Filmemachens, Erzählweise, Bildsprache, Tricks bis hin zu Schauspiel, Vertrieb und Projektion im Begriff ist 100 Jahre Film, wie wir ihn kennen, abzulösen. Die Frage, Warum digital? ist durch die Frage, Warum noch analog?, ersetzt worden.

Was in SIDE BY SIDE als erstes auffällt, ist die wechselnden Kopfbehaarung von Keanu Reeves als Interviewer: zauseliger Vollbart, akkurat gestutzter 3-Tage Bart, Zopf wie Samurai, kurze Haare. Er interviewt 72 (!) Filmemacher: Von berühmten Blockbuster und Indie Regisseure wie James Cameron, David Lynch, Lars von Trier oder George Lucas oder Scorsese bis zu den im Star-fixierten Filmbetrieb meist unbekannten, aber essentiell wichtigen Kameraleuten, Cuttern, Farbkorrekteuren und Produzenten. Das Thema: Was tut die Digitalisierung der Filmkunst, dieser 100 Jahre alten Tante an? Sehen wir das Ende des Films „as we know it“ oder den Anfang einer Ära - vergleichbar mit dem Beginn des Ton- und dann Farbfilms?

Um das Wichtigste gleich vorab zu klären: Digitalisierung ist nicht der Tod des Films, sondern seine unabänderliche Zukunft. Auf Film zu drehen, ist seit etwa fünf bis sieben Jahren nur noch eine künstlerische Entscheidung, aber nicht die Regel. Digital ist normal. Und wie bei allen Umbrüchen, gab es erbitterte Gegner und begeisterte Befürworter der neuen Technik. Die Entwicklung ging dabei dermaßen schnell vonstatten, dass so mancher sich noch keine eigene Meinung gebildet hatte, als bereits der übernächste technische Schritt vollzogen wurde.

Trotz künstlerischer, ästhetischer und atmosphärischer Kritik am digitalen Filmemachen (zu viele schlechte Filme, zu viele schlechte Aufnahmen, zu schnelle Arbeitsweise, Unmengen an Material) hat sie sich in kürzester Zeit durchgesetzt. Und seit es mit der „Arri Alexa (2010) und der Red Epic (2011) Digitalkameras gibt, die auch den allerhöchsten qualitativen Ansprüchen des Kinos genügen, finden nunmehr alle relevanten Prozesse von der Aufnahme, über Schnitt, Ton, Farbkorrektur und bald auch Vertrieb und Projektion digital statt. Das Verrückte daran: Wie beim iPhone, das es erst seit fünf (!) Jahren gibt, das aber bereits in der kurzen Spanne die Welt der Kommunikation für immer veränderte, begann der Umbruch hin zur digitalen Filmerei erst vor wenigen Jahren: Mit Georg Lucas STAR WARS EPISODE 2 (2002), dem ersten komplett digital produzierten Film.

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Wo bisher Kameramann und Beleuchter enormen Einfluss auf das entstehende Bild hatten, kann digital fast alles noch verändert werden: Helligkeit, Kontrast, Temperatur, Farben bis hin zu den gefilmten Inhalten. Das nimmt dem Kameramann Macht und gibt sie in die Hände von Technikern in der Postproduktion. Anders als mit dem teurem Film, kann ein Regisseur digital endlos Material sammeln. Zum Leidwesen der Cutter, die sich durch hunderte Stunden Film wühlen müssen. Das Mehr führt - wie jeder Urlaubs-Digiknipser weiß - nicht unbedingt zu einem Mehr an guten Bildern. So erinnern sich auch in SIDE BY SIDE Regisseure nostalgisch, dass das 24 Stunden Warten auf die „Dailys“ (Bilder des Vortages) zu künstlerisch anderen Entscheidungen führte, Spannung und Bedeutsamkeit eine andere war, wenn die Kamera lief. Und auch Schauspieler leiden, weil es früher mindestens alle 10 Minuten eine Pause gab, wenn die Rolle gewechselt wurde. Heute wird mit riesigen Datenspeichern einfach "durchgedreht". Robert Downey Jr. soll in die Ecke des Drehortes gepinkelt haben, halb Protest, halb Not, weil ein Regisseur ihm keine Pausen mehr gab.

Der Umbruch dazu kam nicht aus Big Hollywood, sondern aus Klein Dänemark: Dogma 95 um Thomas Vinterberg, Lars von Trier und den heutigen Kameramann von Danny Boyle (SLUMDOG MILLIONAIRE, TRAINSPOTTING) Anthony Dod Mantle, der mit einer SONY PC3 Digitalkamera arbeitete, stieß die Tür weit auf. Was folgte, war weniger eine Debatte über Digital oder Nicht-Digital, als über die Frage, wie Technik das Filmerzählen beeinflusst. Der Prozess bei Großproduktionen ähnelte nämlich einer Geräteschlacht wie im ersten Weltkrieg. Dogma 95 wollte Geschichten erzählen und nahm dazu, was da war: Natürliches Licht und Ton, digitale Handkameras für maximale Beweglichkeit. Mit qualitativ geradeso akzeptablen, in Filmkreisen belachten und nur auf Kunst-Filmfestivals vorzeigbaren Ergebnissen.

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Der nächste Schlag kam dann aber von einem Großmogul des Kinos: George Lucas entwickelte mit eigenem Geld und Sony die „F900“ Kamera, um STAR WARS EPISODE 2 (2002) komplett digital filmen zu können. Michael Mann benutzte ein Jahr später eine „Thompson Viper“ Kamera, um den grandiosen COLLATERAL (2003) zu drehen - und zeigte damit zu ersten Mal in der Filmgeschichte, dass man eine filmische Nacht aussehen lassen kann, wie eine echte Nacht. 2007 der nächste Knall: Die „Red One“ Kamera kostet nur noch $20,000, vergleichbare digitale Kameras zu dem Zeitpunkt noch immer mehrere hunderttausend Dollar. Danach ging es schnell: 2011 – verkünden Panavision, Arri and Aaton, dass sie die Produktion herkömmlicher Filmkameras einstellen und in diesem Jahr meldete Eastman Kodak Insolvenz an. Ende. Oder doch nicht? Es wird weiter auf Film gefilmt werden. Als künstlerische Entscheidung allerdings.

Im Moment existieren beide Technologien noch parallel, „Side by Side“. Die Möglichkeit, mit geringem Aufwand einen Film zu machen, führte nicht, wie Kritiker befürchteten, zu tonnenweise Schrottfilmen minderer Qualität und dem Tod des Kinos. David Lynch erklärt:„Jeder Junge, jedes Mädchen hat Stift und Papier zu Hause. Das war immer so, hat aber doch keinen Einfluss darauf gehabt, viele wirklich gute Autoren oder Maler es gab.“
Am Ende ist das Kino - ob digital oder auf Film - vor allem eins: Eine Traumfabrik, in der relevante Geschichten, innovative Bildgestaltung in notwendiger Dichte und Klarheit einen guten Film von einem schlechten scheiden.

Kommentare ( 1 )

Tolle Zusammenfassung eines komplexen Themas/Films - Merci!

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Titel

Orignaltitel

Side by Side

Credits

Regisseur

Chris Kenneally

Schauspieler

James Cameron

David Fincher

Richard Linklater

Martin Scorsese

Lars von Trier

Produzent

Keanu Reeves

Land

Flagge Vereinigte StaatenVereinigte Staaten

Jahr

2012

Dauer

99 min.

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