Shahada von Burhan Qurbani

Schuld und Sühne

Berlin Kreuzberg ist der Ort, aber der Film hätte bis auf die Großstadtfluchtmöglichkeiten auch in einem bayerischen Dorf spielen können, wo jeder jeden kennt und die Kirche und der Katholizismus noch eine wichtigere Rolle spielen. Schuldgefühle, die Religion den Menschen auflegt, wenn sie Regeln brechen und tun, was sie fühlen oder einen Fehler gemacht haben, quält diese Figuren. Aber eigentlich quälen sie sich selbst. Es geht um drei junge Menschen, die in Konflikt mit vermeintlichen Zwängen ihrer Religion, dem Islam, geraten und - aus sich selbst heraus, nicht durch Druck der Gemeinschaft - meinen mit Gott in Konflikt geraten zu sein.
Die junge Maryam, Tochter eines liberalen Imans, hat eine Abtreibung hinter sich und in einer Mischung aus Schuld und Nebenwirkung der Medikamente beginnt sie Zeichen der drohenden, persönlichen Apokalypse zu sehen. Der Polizist Ismail hat aus Versehen einen Jungen erschossen und fühlt sich zwischen Schuld gegenüber der bosnischen Mutter und seiner eigenen Familie hin und hergerissen. Samir, der bis dato selbstverständlich und gelassen seinen Glauben lebte, entdeckt, dass er offenbar homosexuell ist. Das ängstigt ihn und er glaubt wie alle anderen drei Protagonisten: Wenn es Gott gibt, kann er das nicht gewollt haben.

Was zunächst irritiert ist die „Tatort“ Optik des Films, die nur dadurch aufbricht, dass der Film in Kapitel mit Überschrift aufgeteilt ist, die die Geschichte als eine Art Lehrstück über das Ringen mit Gott und dem persönlichen Glauben zwischen Anspruch und Wirklichkeit erscheinen lassen. Das genau ist aber für mich das Problem gewesen: denn diese Drei finden sich in einer Situation, die jeden Menschen in Selbstzweifel und Ängste stürzen würde, sei er religiös oder nicht, Muslim oder Christ: die Abtreibung eine Kinds, die versehentliche Tötung eines Menschen und die Gewissheit homosexuell zu sein. Wer das erlebt, macht danach sicher nicht einfach weiter, sondern stellt sich Fragen. Was werden meine Eltern sagen, was denkt die Gesellschaft über mich, werde ich durch diese Tat oder meine Sexualität allein definiert, bin ich ein schlechter Mensch?

Alle Figuren sind in Berlin lebende Muslime, die man als „sehr gut integriert“ (das Schlagwort der Debatte seit einigen Jahren) bezeichnen kann. Der kulturelle, in diesem Fall muslimische Migrationshintergrund spielt eigentlich keine große Rolle, denn diese jungen Menschen sprechen Deutsch, haben Arbeit und deutsche Freunde, sie leben ihr Leben zwischen Schule, Arbeit, Familie und Party - und dazu auch mehr oder weniger ihre Religion. Jemand der von der schwäbischen Alb nach Berlin kommt, jemand der aus Nebraska USA oder Sizilien nach Berlin kommt, dürfte die gleiche Zerrissenheit oder Unsicherheit spüren, wenn er versuchen sollte, die als Kind erfahrenen Werte und Familienideale, die religiöse Prägung aufrecht zu erhalten. Er wird sie wohl modifizieren, eventuell ablegen, auf jeden Fall in Frage stellen - oder sich sein Plätzchen in der Isolation suchen.

Und das gilt noch mehr, wenn man vor solch tiefgreifenden Entscheidungen steht, wie die drei Protagonisten. Der ständige Verweis auf die Religion der Figuren führt meiner Ansicht nach nirgends hin, weil diese nur ein - und bei mindestens zwei der Figuren nur ein geringer - Teil ihrer Identität ausmacht. Und doch werden alle Drei in Zweifel an Gott oder an sich gestürzt und reagieren mit Abwehr, Wut, Flucht - und am Ende doch Umarmung ihrer Imperfektion und ihrer Lebensentscheidungen.

Man ahnt, dass ihnen die Religion wenig helfen wird, mit sich selbst ins Reine zu kommen, die Religion war aber auch nicht der Grund, warum sie überhaupt Schuld empfunden haben, sondern weil sie Menschen mit Herz sind - egal welcher religiösen Erziehung. Nur, dass der Film ohne den islamischen Hintergrund vermutlich nicht im Wettbewerb der Berlinale laufen würde.

Kommentare ( 1 )

schöne kritik, klingt interessant. du hast sicher recht mit deinem zynismus, ein film über "den islam" ist immer noch schick und vermeintlich bedeutsamer und erklärungsnotwendiger als einer über das christentum - diese mindestens ebenso abstruse und schuldgefühle weckende religion. vielleicht wäre der film in einem bayrischen dorf denn besser aufgehoben gewesen...

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Titel

Orignaltitel

Shahada

Englischer Titel

Faith

Credits

Regisseur

Burhan Qurbani

Schauspieler

Jeremias Acheampong

Carlo Ljubek

Sergej Moya

Marija Skaricic

Maryam Zaree

Land

Flagge DeutschlandDeutschland

Jahr

2009

Dauer

89 min.

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