„Nacht vor Augen“ von Brigitte Maria Bertele

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Veteran ist nicht nur ein Wort

Zwei Filme an meinem ersten Berlinale Tag, die von Angst und mißglücktem Heldentum handeln. In „Leo“ von Josef Fares versucht der Held des Films seine Schuldgefühle und Angst durch einen Rachefeldzug zu bekämpfen, in „Die Nacht vor Augen“ versucht ein aus Afghanistan heimkehrender deutscher Soldat seine Schuld und Angst durch Normalität zu unterdrücken. In beiden Fällen mit schlimmen Folgen.

Der Bundeswehrsoldat David (Hanno Koffler) kehrt aus Afghanistan in Kampfmontur in ein beschauliches Schwarzwaldörtchen zurück, seine Freundin empfängt ihn freudig, genau wie Freunde und Familie. Doch schnell ist klar, der Mann ist nicht mehr der gleiche. Warum behandelt er seinen 7 jährigen Halbruder so rüde und will ihm Härte ein- und die Angst austreiben. Warum kann David sich nicht mehr anfassen lassen, ist impotent, nässt ins Bett? Warum schläft er nicht, wer ist die verschwommene Figur, die in seinen Träumen bei ihm auf der Bettkante sitzt?

Veteranen stellt man sich heute als grauhaarige alte Opas vor, die von der Ostfront erzählen. Wir haben heute neue Veteranen die sind 23, aber haben mit Sicherheit genausoviel Mist gesehen. Für Opa gabs damals keine Rückkehrseminare und psychologische Betreuung - und das erklärt vielleicht, was in den 50er Jahren los war. Denn selbst MIT dieser Betreuung, kommen genug junge Männer nach ihrem Einsatz ins Schleudern.

David lehnt eine Therapie ab, will auch der Familie und seiner Freundin und den Freunden nichts erzählen. Wie sich der junge Mann immer mehr einkapselt, in eine Ruine am Waldrand zieht und Kinderfilme schaut und mit seinem Halbbruder blutige Mutproben veranstaltet, das ist großartig dargestellt in der Normalität, mit der David wegdriftet, niemand es sehen will, er selbst auch nicht. Alles soll so sein wie vorher. Aber für ihn ist es das nicht. Wird es nie mehr sein, denn aus Angst und Nervosität hat er bei einem Einsatz einen kleinen Jungen erschossen. Er kann es niemandem sagen, niemand will das hören, niemand will hören wie der Krieg ist. „David hat gekämpft im Sinne von Frieden stiften“, erklärt der neue Mann von Davids Mutter seinem Sohn. Aber als bei einem Diaabend David nicht nur Wüstenfotos zeigt, sondern Bilder von Leichen und Krüppeln, vom Krieg, da ist die Party für „unseren Helden“ vorbei. Das sind aber die Bilder in ihm, nicht das medial geglättete „Kriegsgeschehen“ aus der Tagesschau.
Auch wenn die doppelte Spiegelung des toten afghanischen Jungen und von sich selbst in seinem kleinen Bruder manchmal ein wenig zuviel wird, wenn er ihn abhärten will und zugleich bestrafen und retten, so beeindrucken die beiden doch in ihrem faustischen Pakt.

Aber David ahnt die ganze Zeit instinktiv, warum er niemandem von seinen Erlebnissen erzählen kann, denn als er es tut, viel zu spät und an unpassendem Ort, da sehen sie ihn alle an wie einen Irren, da ist er plötzlich der Kinderkiller, vor dem man nun Angst hat, wenn er auf dem Fussballplatz brüllt.

Am Ende des Films kehrt David nach Flip und Therapie nochmals nach Haus zurück, diesmal in Zivil. Keine Willkommensparty, aber jetzt erst sehen ihn Freunde richtig an und auch sie verstehen, dass nach einem Krieg, nichts mehr normal ist. V

Auch wenn es die Politik krampfhaft zwischen Kampfeinsatz und Friedenseinsatz trennen will - die Männer, die zurückkehren, sind Kriegsveteranen. Und so muss man sie behandeln. Aber sie selbst müssen es auch verstehen. Davon handelt dieser ruhige, schöne Film.

Kommentare ( 1 )

Ich habe den Film auch gesehen und muss mich anstandslos dieser Beschreibung hier anschliessen. Ein wichtiger und guter Film - die Darstellung des Traumatas und Spiegelung derer haben micht nicht gestört, sondern eher weiter hineingezogen - der gut und gerne auch in anderen Sektionen aufgehoben sein könnte.
Und ein wichtiger Beitrag zu unserem aktuellem Zeitgeschehen. Also ansehen!

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Titel

Orignaltitel

Nacht vor Augen

Englischer Titel

Night Before Eyes

Credits

Regisseur

Brigitte Bertele

Schauspieler

Hanno Koffler

Jona Ruggaber

Petra Schmidt-Schaller

Land

Flagge DeutschlandDeutschland

Jahr

2008

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