
Mehr Schminke. Das ist der Ratschlag des Moderators einer afghanischen Frauenfernseh-Show auf die Frage einer von ihrem Ehemann geprügelten jungen Frau, was sie tun soll. Kamerafrau Naru ist da anderer Ansicht. Besser man hält sich ganz von Männern fern, so ihr Credo. Denn „gute Männer“ gebe es sowieso nicht.
Der Eröffnungsfilm der Berlinale, NO GOOD MEN von Shahrbanoo Sadat, wirft einen ungewöhnlichen Blick auf eine patriarchale Gesellschaft: Kabul 2021, kurz vor dem Sieg der Taliban. Die Perspektive ist die einer jungen, getrennt lebenden Frau. Naru versucht, sich und ihren kleinen Sohn durch ihren Job als Kamerafrau bei Kabul TV durchzubringen. Vom Ehemann lebt sie getrennt. Er ist einer der Männer, die eben nicht gut sind. In Gesprächen mit Freundinnen und Kollegen zeigt sich Naru als bodenständig, tough, aber auch witzig und sensibel. Es ist nicht leicht, sich als Frau im Jahr 2021 in Kabul als Kamerafrau durchzusetzen. Nur durch einen Zufall erhält sie die Chance, weg vom „Frauenfernsehen“ und hin zur begehrten Nachrichten-Crew zu wechseln.
Dort arbeitet Naru mit einem älteren Kollegen zusammen, der ihr Männerbild nach und nach ins Wanken bringt. Doch auch er ist verheiratet und hat Kinder. Die Gefühle von beiden müssen deshalb im Zaum gehalten werden. Was sich nun vor dem Hintergrund des bröckelnden demokratischen afghanischen Staates zusammenbraut, setzt die Regisseurin Sadat in leichtem Erzählton mit bitterer Grundierung um. Die Lebenswirklichkeit Narus ist voller kleiner und großer Hürden, auch großer Katastrophen. Ein verrutschtes Kopftuch kann ernsthaften Ärger bedeuten. Ein entfremdeter Ehemann hat alle Rechte gegenüber seiner Frau. Und eine gut gelaunte Hochzeitsfeier kann in ein Blutbad umschlagen. Doch zugleich bleibt Zeit, sich albern über einen Dildo lustg zu machen oder einen chauvinistischen Wachmann an den Rand eines Nervenzusammenbruchs zu quatschen. All das wird so lebendig und nuancenreich erzählt, dass es glaubhaft die alltägliche Realität einer jungen Frau in einer schwierigen Gesellschaft zeigt, ohne wie ein Lehrstück daher zu kommen.
Besonders beeindruckend: Die junge Regisseurin Shahrbanoo Sadat hat zugleich die Hauptrolle der Naru übernommen. Dass der Balanceakt zwischen Leichtigkeit und Ernst so gut gelingt, ist zu großen Teilen auch ihr Verdienst. Sie lebt und arbeitet seit 2021 in Deutschland.
Blüten von Blumen und Kakteen öffnen sich im Vorspann des Films im Zeitraffer zu einem farbenprächtigen Schauspiel – hier wird die Schönheit gefeiert, die sich nicht verstecken muss und das Licht frei genießen kann. Ob Naru das auch kann, und zu welchem Preis, ist die Frage des Films.
Worum es geht
Um die schwierige Situation einer jungen Frau in Kabul kurz vor dem Sieg der Taliban.