Berlinale 2026: GELBE BRIEFE von Ilker Çatak

Filmstill
© Ella Knorz_ifProductions_Alamode Film

Eine Frau rennt verzweifelt zwischen Menschen in Käfigen hin und her. Sie stürmt nach vorne, stößt anklagende Worte über die Grausamkeit des Gefangenseins hervor und umklammert mit beiden Händen ihren Hals. Als wollte sie sich selbst erwürgen. Stille. Applaus. Vorhang. Mit dieser dramatischen Schlussszene eines Theaterstücks beginnt Ilker Çataks Wettbewerbsbeitrag GELBE BRIEFE. Und es ist dieser Abend, mit dem sich alles im Leben der Schauspielerin und ihres Mannes, dem Autor des Stücks, ändern soll.

Derya und Aziz leben in Ankara, sie sind erfolgreich, politisch wach und kritisch – und leben scheinbar glücklich in einer künstlerischen Symbiose. Dabei wirkt Aziz bedächtiger, Derya stürmisch und impulsiv. Weil sie es unerträglich findet, dass ein hoher Politiker im Theaterpublikum sein Handy nicht auf lautlos gestellt hat, verweigert sie das gewünschte gemeinsame Foto nach der Vorstellung. Die gekränkte Eitelkeit des Politikers setzt kurz darauf eine katastrophale Spirale in Gang: Unter fadenscheinigen Vorwürfen verliert Aziz seinen Dozenten-Vertrag mit der Universität und hat eine Anklage wegen politischer Aufrührerei am Hals, das Stück wird abgesetzt und bald hält auch Derya ihre Kündigung – einen gelben Brief – in den Händen. Die Repressalien des türkischen Staates haben nun auch Derya und Aziz erreicht.

Filmstill
© Ella Knorz_ifProductions_Alamode Film

Der Regisseur hat bereits vor wenigen Jahren mit DAS LEHRERZIMMER gezeigt, wie er ohne drastische Mittel ein lähmendes Gefühl der Bedrohung zu inszenieren vermag. Diese Stimmung durchzieht nun auch GELBE BRIEFE. Immer enger scheint die Welt des Paares zu werden, immer mehr Spannungen schleichen sich in ihr Miteinander und in ihre Beziehung mit der 14-jährigen Tochter. Çatak schaut genau darauf, wie eine äußere Bedrohung dem vertrauten Miteinander eines Ehepaares Stück für Stück den Boden unter den Füßen wegzieht. Wie aus einem „wir gegen die“ allmählich ein gegenseitiges Belauern und Misstrauen wird. Die Teenie-Tochter spürt diesen Wechsel vielleicht als erste und zieht sich immer weiter in ihre eigene Welt zurück.

Als die finanzielle Situation eskaliert, zieht die Familie zu Aziz Mutter nach Istanbul – was die Stimmung nicht gerade entspannt. Auch der Kontakt zu Deryas konservativem Bruder ist schwierig – aber immerhin verschafft er Azis einen Job als Taxifahrer. Auf den nächtlichen Fahrten scheint Aziz wieder stärker zu sich und zu seinen Wurzeln zu finden – während Derya einen ganz anderen weg aus der Misere sucht.

Filmstill
© Ella Knorz_ifProductions_Alamode Film

Mit einem interessanten Kunstgriff – aus der Not geboren – lässt der Regisseur die Grenze zwischen der Lebenswirklichkeit in der Türkei und Deutschland verschwimmen. Berlin wird als Ankara gecastet, Hamburg als Istanbul. Dieses Oszillieren zwischen Bekanntem und Fremdem lässt einem das Geschehene näher erscheinen als vermutet. Szenen aus Berliner Demonstrationen verwandeln sich in Anti-Erdogan-Proteste in Ankara, die Elbe wird zum Bosporus. Und auch wenn die politischen Verhältnisse hier zum Glück – noch – andere sind, beschleicht einen durch diese räumliche Annäherung ein ungutes Gefühl: eine Ahnung dessen, was hier angesichts bestimmter Wahlergebnisse ganz schnell ebenfalls Realität sein könnte.

Doch Çatak hält seinen Blick konsequent auf der persönlichen Ebene: Für Derya und Aziz kommt irgendwann der Punkt, an dem sie entscheiden müssen, ob sie ihren Weg in Zukunft gemeinsam oder getrennt gehen wollen. Diese Entscheidung scheinen beide zu scheuen, während sich ihre emotionale Situation immer auswegloser verknotet. Als eines Abends – das Ehepaar ist auf dem Rückweg von dem Prozess gegen Aziz – ihre Tochter verschwindet, spitzt sich die Lage dramatisch zu und bringt – vielleicht endlich – den Knoten zum Platzen.

Worum es geht

Um ein Ehepaar, dass sich angesichts politischer Repressalien und der vernichtung ihrer Existenzgrundlage entscheiden muss, ob es seinen Weg weiter gemeinsam gehen will.

Für Fans von

...Filmen, die das Politische auf das Persönliche herunterbrechen. Und für Theaterfans.

Lieblingsmoment

Der unholfene Tanz des Kollegen auf der Hochzeitsfeier und wie Naru voller Zuneigung lauthals darüber lacht. Ein kurzer Moment des Glücks vor der Katastrophe.

Besonders gefallen hat mir...

Wie der Regisseur Berlin als Ankara und Hamburg als Istanbul inszeniert. Coole Idee.

Kommentiere den Film oder den Eintrag

Impressum