
Michel hieß früher mal Mihail. Doch das war in einem anderen Leben, mit dem der Kunsthändler abgeschlossen zu haben scheint. Nun lebt er in Montreal und reagiert unwirsch, wenn seine erwachsene Tochter sich wünscht, dass er mit ihrem kleinen Sohn bulgarisch sprechen soll. Als in einem kleinen Dorf in der bulgarischen Pampa ein achtjähriges Maler-Talent „entdeckt“ wird, soll Michel dorthin reisen, um zu überprüfen, ob es sich dabei um ein Fake oder ein echtes Wunder handelt.
Allein die Tatsache, dass Michel davon ausgeht, dass in diesem Fall wahrscheinlich betrogen wird, und auch seine Unlust, nach fast 30 Jahren wieder in sein Heimatland zu reisen, zeigen, wie weit sich der Mann von seinen Wurzeln entfernt hat. Als er die Reise dann doch antritt, wird er mit weit mehr konfrontiert, als mit einem ihm fremd gewordenen Land.
Das kleine malende Mädchen – Nina – ist tatsächlich ein Naturtalent, wie sich bald herausstellt. Und sie ist todunglücklich, weil sie ihr Heimatdorf nicht verlassen will. Die Mutter hingegen sieht in dem Deal mit der italienischen Kunsthändlerin eine große Chance für die Kleine. Viele Perspektiven gibt es im ländlichen Bulgarien nicht. Doch Ninas Kunst, bunte, abstrakte Malerei, ist fest in ihrem kulturellen Umfeld verwurzelt. Was wird mit ihrem Talent geschehen, wenn diese Wurzeln gekappt werden?
Unwillkürlich fühlt sich Michel an seine eigene Tochter – Roza – erinnert, die ungefähr in Ninas Alter war, als sie Bulgarien verlassen haben. Nun wirft sie ihrem Vater vor, dass er nie über die Vergangenheit spricht. Wir auch Nina wurde sie nicht gefragt, als sie jäh aus ihrem gewohnten Umfeld herausgerissen wurde. Nach anfänglichem Fremdeln lässt sich Michel auf Land und Leute ein – sein Herz öffnet sich. Doch es sind noch alte Verletzungen vorhanden, die in traumartigen Rückblenden angedeutet werden. Michaels Frau, Rozas Mutter, ist sehr jung gestorben. Danach scheint er den Kontakt zu seiner Familie und seinem Land abgebrochen zu haben. Das Unterbewusstsein zeigt ihm jedoch, dass dieses Kapitel für ihn noch lange nicht abgeschlossen ist.
NINA ROZA ist ein sehr leiser, einfühlsamer Film über die Wunden, die Migrationsgeschichten in Menschen hinterlassen. Über Verdrängtes, das irgendwann an die Oberfläche drängt. Und über das Glück, wenn alte Narben neu aufbrechen und dann zu heilen beginnen können.