Berlinale 2026: THE ONLY LIVING PICKPOCKET IN NEW YORK von Noah Segan

Filmstill
© MRC II Distribution Company L.P.

Harry ist sehr geschickt mit seinen Fingern. Ein Handy, das aus einer Jackentasche ragt? Eine Brieftasche im vorderen Fach eines Rucksacks? Ein kleiner Rempler oder ein vorsichtiges Anschleichen in der U-Bahn, und schon wechselt das wertvolle Gut seinen Besitzer. Harry macht das schon eine ganze Weile. New York ist sein Revier, er geht seinem Beruf ruhig, gewissenhaft und unauffällig nach. John Turturro spielt THE ONLY LIVING PICKPOCKET IN NEW YORK leise und melancholisch, lässig-elegant in einem zeitlosen Pepita-Mantel, mit feinem Humor – und ja, überaus sympathisch. Als Harry eines Tages ein simpler USB-Stick in die Hände fällt, ahnt er nicht, welch katastrophalen Ereignisse er damit in Gang setzt.

Noah Segals Film ist wohltuend old fashioned. Der gerissende Gauner, der schlaue alte Cop mit Herz, der etwas tüttelige Hehler: Sie sind Figuren, die ebensogut in den 1970er Jahren in New York angesiedelt sein könnten. Doch die Welt hat sich weitergedreht. Cybercrime ist im Vormarsch, Manhattan ist für die alten New Yorker zu teuer geworden, und die neue Generation der alten Crime Families, wunderbar garstig gespielt von Will Price, hat einfach kein Niveau mehr.

Lustigerweise steht dieser Schnösel aber gerade auf die Insignien der Vergangenheit: Ein schick hergerichteter Oldtimer, eine alte Armbanduhr Schweizer Fabrikat, die beim Ausgehen gegen die Apple Watch ausgetauscht wird. Allerdings sind das bloße Fashion Statements, während Harry an seiner alten Armbanduhr hängt, die mit einer eigenen Geschichte und Erinnerungen verbunden ist.

Zeit spielt bald eine entscheidende Rolle, denn Harry muss den USB-Stick wiederfinden und an den jungen Schnösel zurückgeben. Ansonsten droht seiner bettlägerigen Frau, um die er sich rührend kümmert, der Tod. Um ihn selbst ist es bereits geschehen: Er hat sich, wenngleich unwissend, mit der falschen Familie angelegt, und dafür gibt es kein Pardon. Im Grunde ist er in der zweiten Hälfte des Films bereits ein „Dead Man Walking“, oder besser „Riding“.

Und so fährt Harry – ohne Smartphone, denn er besitzt keines – mit der Subway quer durch New York, von Queens bis nach Brooklyn und in die Bronx, Passanten nach dem Weg fragend, in einem Wettlauf gegen die Zeit und auf der Suche nach dem vermaledeiten Stick. Dabei erhält er Hilfe von einem alten Cop, sehr lässig von Giancarlo Esposito gespielt. Währenddessen versucht sein alter Hehler, Steve Buscemi in einer tollen, leicht verwahrlosten aber wie immer sehr bissigen Performance, wieder gut zu machen, was er vorher verbockt hat, als er dem Schlägertrupp des Schnösels Harrys Namen und Adresse verraten hat.

Dass der alternde Gangster sich bei seiner letzten Mission auch gleich noch den Geistern der Vergangenheit stellt, gehört zum Genre: John Turturro beschert es hier eine sehr schöne, sehr harte und sehr ehrliche Szene vor einer Haustür in Queens, wo er seine von ihm entfremdete Tochter – großartige fünf Minuten für Tatiana Maslany – nach sehr langer Zeit ein letztes Mal aufsucht.

Ja, man hätte dem Film und Harry aus ganzem Herzen ein komplettes Happy End gewünscht. Aber das wäre nicht konsequent gewesen. So gar nicht 19070er Crime Noir Style. Und so gar nicht New York. Dennoch wartet THE LAST PICKPOCKET IN NEW YORK ganz zum Schluss noch mit einem netten kleinen Cameo-Auftritt und vor allem mit einem unerwarteten letzten genialen Trick auf.

Kommentare ( 1 )

Ja, finde ich auch! "A Classic" mit leichter Hand inszeniert. Den "jungen Schnösel" meine ich heute an der Neuen Nationalgalerie getroffen zu haben. Habe mal Abstand gehalten...die Jugend ist ja (wie wir gesehen haben) unberechenbar... ; )

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