
„Ich habe deine Augen immer gehasst!“ Wer solche Sätze als Kind von seinem Vater hört, wächst mit einer großen Verletzung auf. Daichi, ein Junge aus einer White-Trash-Familie im Norden Japans, hört als Reaktion auf die Gewalt, die er täglich erlebt, als kleines Kind auf zu sprechen. Takuya Uchiyamas Panorama-Film SHIBIRE, oder „Stumm“, zeigt das Aufwachsen dieses Kindes in vier verschiedenen Lebensstadien – von etwa vier Jahren bis er 25 ist. Und zuletzt seine Stimme wiederfindet.
Prügelnder Vater, alkoholkranke Mutter, das ist die Ausgangssituation von Daichis Leben. Später verschwindet der Vater, prügelnde Männer bleiben, ebenso wie die Unfähigkeit der Mutter, sich um sich selbst und ihr Kind zu kümmern. Und so muss der kleine Daichi schon mit acht Jahren losziehen, um in den Vorratskammern der Nachbarn das Abendessen zusammen zu klauen oder Trinkwasser aus einem Fluss zu schöpfen und es anschließend zu filtern. Seine Socken haben Löcher, im strömenden Regen läuft er mit viel zu großen offenen Schlappen durch die Gegend. Und doch ist da ein starker Lebenswille – und eine große, wenn auch ambivalente Zuneigung zu seiner unberechenbaren Mutter, die durchaus liebevoll zu ihm sein kann.
Als Daichi noch klein ist, leben die beiden in einer Art Schuppen auf dem Dach eines heruntergekommenen Betonblocks. Als Daichi eines Nachts nach Hause kommt, steht dieses kärgliche Zuhause in Flammen – ein Moment von grauenhafter Schönheit und ein eindrückliches Sinnbild für die Gewalt, von der Daichis Sehnsucht nach Geborgenheit immer wieder zerstört wird. Doch er macht seinen Weg. Trotz furchtbarer Rückschläge. Als Teenager hat Daichi das Klauen perfektioniert, und als junger Mann scheint er dann den Sprung in ein einigermaßen wohlhabendes Leben geschafft zu haben. Doch die Vergangenheit lässt ihn nicht los, und er beschließt, seinen Vater aufzusuchen – mit einem großen Messer in der Jacke.
SHIBIRE ist ein Film, der einem viel zumutet – aber auch viel gibt. Durch die Stummheit der Hauptfigur rücken andere Dinge in den Vordergrund – Gesten, Blicke, wie mit Dingen umgegangen wird. Der Lebens- und Leidensweg, den der Junge zurücklegt, ist manchmal schwer zu ertragen. Aber er ist glaubhaft erzählt und von einer ganz besonderen Stimmung. Absolut sehenswert.