Berlinale 2026: WO MEN BU SHI MO SHENG REN (WE ARE ALL STRANGERS) von Anthony Chen

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© Giraffe Pictures

Erst kommen Eier in den Wok, dann Nudeln und Brühe, Sojasprossen, Frühlingszwiebeln, Tintenfischringe und schließlich Shrimps. Die Handgriffe sind geübt, Mr. Lim ernährt mit dem Verkauf von Hokkien Nudeln seit Jahrzehnten seine Familie. Sein kleiner Imbiss in Singapur ist so etwas wie ein Nachbarschafts-Restaurant, das Geborgenheit und ein Auskommen bietet. Doch Mr. Lim hat einen 21-jährigen Sohn, Junyang, der seinen Weg im Leben noch finden muss und keine Lust aufs Nudelbraten hat. Und Mr. Lim hat Schulden.

Anthony Chens Wettbewerbs-Beitrag WO MEN BU SHI MO SHENG REN (WE ARE ALL STRANGERS) blickt mit viel Sympathie auf die Irrungen und Wirrungen einer Familie, in der mehrere Generationen mit unterschiedlichen Lebenseinstellungen miteinander auskommen müssen. Tatsächlich ist der Film Teil einer Trilogie über das Großwerden in Singapur. Auf der Berlinale gewährt er einen guten Einblick in das ganz alltägliche Leben kleiner Leute in der asiatischen Finanz-Metropole.

Als Linyangs Freundin, die aus besseren Verhältnissen stammt, ungeplant schwanger wird, muss sie ihr Klavierstudium aufgeben, und er macht sich auf die Suche nach einem lukrativen Job – in der Immobilienbranche. Ein guter Anzug ist wichtig für das korrekte Auftreten vor den Kunden, und eine Schweizer Armbanduhr muss es schon sein – zum Glück gibt es billige Fälschungen auf dem Markt! Der Job scheint anfangs allzu gut zu klappen – bis Linyang sich in den Fallstricken der Möchtegern-Highsociety verheddert. Also zurück auf Los.

Indes fasst sich Mr. Lim ein Herz und macht einer seiner Angestellten, einer lebensklugen Malayin, die alles andere als auf den Mund gefallen ist, den Hof. Auch hier scheint einiges erst mal nicht zu passen, und die jeweiligen Familien sind nicht gerade begeistert von dem späten Eheglück. Aber die Verbindung erweist sich als stärker und tiefer als gedacht.

Nachdem Mr. Lim krank wird und schließlich stirbt, muss die kleine Familie in kurzer Zeit viel Geld heranschaffen – also werden Produkte über TikTok verkauft – und Mr. Lims Witwe entpuppt sich als wahres Online-Verkaufstalent, inklusive Live-Tränen. Doch auch hier hält der schöne Schein nicht, was er verspricht: mit fatalen Folgen für die Familie.

Am Ende bleibt dennoch Hoffnung – und einmal mehr wird der Wok angeworfen, um die berühmten Hokkien-Nudeln zu braten. Ein sehr schöner, stimmungsvoller Film, der einem zeigt, wie kompliziert und zugleich wundervoll einfach das Leben in einer zusammengewürfelten Familie sein kann. Denn letztlich sind wir alle Fremde.

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